Einleitung 4
1. Die Entwicklung des Pronomens vos 5
1.1. Das Pronomen vos im Lateinischen 5
1.2. Das Pronomen vos in der präromanischen Zeit 9
2.2.1 Die regionalen präromanischen Pronominalsysteme 9
1.3 Das vos im Spanischen 10
1.3.1. Entwicklung des Spanischen der Península vor der Eroberung Amerikas 10
1.3.2. Das aktuelle Spanisch 16
2. Die Geographie des Voseo und seine Bedeutung für die regionale
Differenzierung des Spanischen in Amerika 18
2.1. Vorkommen des Voseo im heutigen Hispanoamerika 18
2.1.1. Der Voseo in Südamerika 20
2.1.2. Der Voseo in Mittel- und Nordamerika 23
2.2. Dialekteinteilung in Hispanoamerika 24
2.2.1. Versuche von Dialekteinteilungen 24
2.2.1.1. Zoneneinteilung nach Henríquez Ureña 1921 25
2.2.1.2. Rona 1964: El problema de la división del español americano en zonas
dialectales 26
2.2.1.3. Resnick 1975: computergestützte Untersuchung 28
2.2.1.4. Cahuzac 1980: Einteilung auf lexikalischer Grundlage 28
La división del español de América en zonas dialectales 28
2.2.1.5. Zamora Munné und Guitart 1982: Dialectología hispanoamericana 29
2.2.2. Die Funktion des Voseo für die Dialekteinteilung in Lateinamerika 30
3. Morphosntax des Voseo paradigmas mixtos 32
3.1. Einleitung zur Morphosyntax des Voseo 32
3.2. Das Verbalparadigma (voseo verbal) 33
3.2.1. Der voseo verbal diptongado 33
3.3. Das Pronominalparadigma (voseo pronominal) 38
3.4. Erscheinungsformen von voseo verbal und voseo pronominal 40
3.4.1. Der voseo pronominal y verbal 40
3.4.2. Die formas graves 41
2
3.4.3. Paralleles Vorkommen des tuteo pronominal mit Verbformen des Voseo
(voseo verbal) 43
Schluss 44
Literatur 46
3
Einleitung
Schon José Pedro Rona hat 1964 den Voseo sowie die Verbalformen des
Pronomens vos als zwei seiner vier synchronen Phänomene benutzt, um zu zeigen, dass das Spanische Lateinamerikas kein homogenes Spanisch ist. Neben diesem
syntaktischen und dem morphologischen Phänomen machte er außerdem noch ein phonetisches Phänomen fest (den žeísmo), sowie ein phonologisches (den yeísmo). So ist also für Rona die dialektale Varietät die „diferenciación regional que podía establecerse en base a realidades linguisticas sincrónicas” 1 , womit er sich von anderen Linguisten, wie z.B. Henríquez Ureña abhebt, der seine dialektalen Varietäten an dem Vorhandensein eines indigenen Substrats festmacht. 2
Man muss bei der Untersuchung des Voseo auch beachten, dass er nicht ein rein linguistisches Phänomen, sondern auch ein Pronomen der 2. Person darstellt, und daher
hinsichtlich der sozialen Beziehungen ein wichtiges Phänomen ist, welches es zu
untersuchen gilt. Páez Urdaneta schreibt dazu: „La sociedad hispanoamericana se refleja diacrónica y sincrónicamente en el voseo.“ 3 Wichtig zu erwähnen sei auch noch, dass vor allem der historisch-soziale Prozess des spanischen Volkes zum Beibehalt des vos im Spanischen beigetragen hat.
Im ersten Teil unserer Arbeit widmen wir uns einer diachronen Betrachtung des Voseo,
indem wir herausstellen, woraus sich der Voseo entwickelt hat, bzw. wie er nach Lateinamerika kam.
Im zweiten Teil dieser Arbeit wird die aktuelle geographische Verteilung des Voseo vorgestellt. Dabei werden die einzelnen Länder und das Vorkommen des Voseo in seiner jeweiligen Ausprägung näher beleuchtet. Im Anschluss werden einige
Versuche von dialektaler Einteilung Hispanoamerikas vorgestellt um zu untersuchen, welche Rolle der Voseo bei den jeweiligen Einteilungen in Dialektzonen spielte.
Im dritten Teil widmen wir uns der Morphologie des Voseo und werden so
untersuchen, wie die verschiedenen Verbalformen des Voseo aussehen.
1 Páez Urdaneta (1981), S. 10.
2 vgl. op.cit. (1981), S. 10.
3 op.cit. (1981), S. 11.
4
1. Die Entwicklung des Pronomens vos
1.1. Das Pronomen vos im Lateinischen
Das lateinische Pronominalsystem zeichnet sich dadurch aus, dass es
ursprünglich aus einer ersten Person sowie einer zweiten bestand. Diese stellten die
essentiellen Akteure im Kommunikationsprozess dar. Die dritte Person besaß damals
keine speziellen Formen, sie war in den semantischen Inhalt der Substantivformen sowie der Demonstrativpronomen (z.B. is, hic, ille) impliziert.
So gab es damals im Singular die Formen ego und tu, im Plural nos und vos, wobei die Pluralformen streng genommen nicht den eigentlichen Plural der beiden Singularformen darstellen: von ego gibt es keinen Plural, es gab nur mit „Ich“ kombinierte Pluralformen (z.B. „Ich“ + „Du“, „Ich“ + „Er“, „Ich“ + „Sie“, „Ich“ + „Ihr“ [„Du 1 “+ „Du 2 “]). Zudem kann man auch vos nicht als die exakte Pluralform von tu (also: „Du 1 “ + „Du 2 “) bezeichnen, da dies die Pluralvariante „Du“ + „Er“/ „Sie“ ausschließen würde.
So sieht das lateinische Pronominalsystem folgendermaßen aus 4 :
1. ego = (a) ‚yo’
2. tu = (a) ‚tú’
3. nos = (a) ‚yo’ + ‚tú’
(b) ‚yo’ + ‚vosotros’ (= ‚tú’ + ‚tú’)
(c) ‚yo’ + ‚él’, ‚ellos’
4. vos = (a) ‚tú 1 ’ + ‚tú 2 ’
(b) ‚tú’ + ‚él’, ‚ellos’
Im Laufe der Zeit wird sich aus dem Vulgärlatein heraus eine dritte Person herausarbeiten und so dieses eben dargestellte Schema ergänzen. 5 Was jedoch an dieser Stelle noch wichtig zu erwähnen sei, ist, dass es zur Einführung zweier neuer Pluralformen kam: dem „pluralis modestiae“ (nosotros anstatt ego), sowie
dem „pluralis reverentiae“ (vos anstatt tu). So setzt sich auch langsam das Pronomen
vos als offizielle Anredeform für den Kaiser durch. Wie es dazu kam, kann man heute
4 vgl. op.cit., S. 14.
5 vgl. op.cit., S. 14.
5
nicht mehr eindeutig sagen. Páez Urdaneta führt an dieser Stelle zwei Hypothesen Browns und Gilmans an, die zeigen sollen, wie dieser Plural entstanden sein könnte 6 :
• Hypothese 1: Im 4.Jahrhundert nach Christus gab es zwei Kaiser. Da man diese immer
gemeinsam ansprach, entwickelte sich vos als Anredeform der Kaiser heraus. Dies blieb auch noch weiter bestehen, nachdem es nur noch einen Kaiser gab.
• Hypothese 2: Da die Idee des Kaisers einen pluralistischen Sinn hat, also der Kaiser
als der Vertreter seiner Untertanen, der für diese spricht, sprach dieser von sich selbst als NOS. So stellte sich als Antwort darauf das vos heraus.
Páez Urdaneta hält beide Thesen für vertretbar, fügt hinsichtlich der zweiten jedoch
noch hinzu, dass diese seiner Meinung nach schon viel früher als im 4. Jahrhundert nach Christus festzusetzen sei, nämlich mindestens auf den Beginn der Imperialzeit 7 .
Zu Beginn des 4. bis zum Ende des 5. Jahrhunderts begann man, vos nicht mehr nur noch als Anredeform für den Kaiser zu benutzen, sondern auch für religiöse und
politische Autoritäten. Páez Urdaneta stellt die Veränderungen, die sich in Folge dessen im Pronominalsystem des Lateinischen ergaben, folgendermaßen dar 8 :
Bis zum 4. Jahrhundert sah das pronominale Schema, das die Sprecher (selbst für
politische und religiöse Autoritäten, jedoch nicht den Kaiser) verwendeten, so aus:
ein Sprecher (Sg.) Æ tu
2. Person
mehrere Sprecher (Pl.) Æ vos
Dieses System war also so aufgebaut, dass man einzelne Personen mit tu ansprach,
mehrere Personen jedoch mit vos, es basierte also auf einer Singular-Plural- Unterscheidung.
6 vgl. op.cit., S. 14f.
7 vgl. op.cit., S. 16.
8 vgl. op.cit., S. 17.
6
Páez Urdaneta beschreibt das sich nun etablierende System als ein „sistema pronominal‚
socializado’“ 9 welches sich durch diesen neu hineinspielenden Wert „socialización“ 10 seiner Meinung nach etwas verkompliziert habe:
(Autoritätsperson) 11 Æ vos
2.Person
mehrere Sprecher (Pl.) Æ vos
Páez Urdaneta führt an dieser Stelle zudem noch an, dass es anzunehmen sei, dass die
unteren Schichten, im Gegensatz zu den höheren, wahrscheinlich noch nicht sofort
dieses neue System übernommen haben. 13
Das System, dass E. Châtelain im Jahre 1880 herausgearbeitet hat, unterscheidet,
im Gegensatz zu Páez Urdanetas System, drei verschiedene Formen des vos 14 :
1. Als Anrede für den Kaiser,
2. als Plural, der Respekt ausdrückt, sowie
3. als eine Anredeform, die lediglich einen pluralistischen Wert hat, das heißt, die eine
Person bezeichnet, die repräsentativ für mehrere steht.
Als Beispiel für diese dritte Verwendungsform des vos führt er unter anderem Vergil an: „Vos, o Calliope, precor, adspirate canenti“ (Eneida, IX, 525)
In diesem Vers wird die Muse Calliope mit vos angeredet, da sich der Sprecher damit nicht an Calliope allein adressiert, sondern an die Gesamtheit der neun Musen. Calliope
hat also einen pluralistischen Wert inne. 15
9 op.cit., S. 17.
10 op.cit., S. 18.
11 im weiteren Verlauf der Arbeit wird dieses Kennzeichen mit [+ Autorität] angegeben werden. 12 im weiteren Verlauf der Arbeit wird dieses Kennzeichen mit [- Autorität] angegeben werden. 13 vgl. op.cit., S. 18.
14 vgl. op.cit., S. 16.
15 vgl. op.cit., S. 16.
7
Im 6.-7. Jahrhundert wird das Pronominalsystem jedoch noch komplexer. Vos wird zwar immer noch gebraucht, um Personen zu bezeichnen, die Autorität innehaben,
aber es ist nun auch möglich Personen, die das Kennzeichen [- Autorität] besitzen,
sowohl mit tu, als auch mit vos anzureden. Dies wurde vor allem von Personen, mit dem Kennzeichen [+ Autorität] im Gespräch mit Personen des Kennzeichens [- Autorität] so
gehandhabt. Als Beispiel führt Páez Urdaneta den Papst Gregorius I. an, der in einem
Brief an den Fürsten von Campania diesen drei Mal mit tu anredet, aber auch zwei Mal
mit vos. 16
Páez Urdaneta fasst die Werte, die tu und vos im 6. und 7. Jahrhundert innehatten, wie
folgt zusammen 17 :
Tú wurde benutzt als Umgangsform für
a) einen Gesprächspartner, der das Kennzeichen [- Autorität] aufweist,
b) einen Gesprächspartner, dem man Respekt zollt, sowie
c) als Umgangsform für einen Gesprächspartner, dem man Zuneigung und Familiarität
ausdrücken will.
Vos wurde benutzt als Umgangsform für
a) mehr als einen Gesprächspartner,
b) für einen Gesprächspartner, der das Kennzeichen [+ Autorität] aufweist,
c) für einen Gesprächspartner, von dem man sich einen Gefallen erhofft und
d) als unpersönliche formelle Umgangsform für einen einzigen Gesprächspartner.
Als ausschlaggebendes Element erweist sich jedoch die Frage, ob man mit seiner
Anrede Distanz oder Nähe ausdrücken möchte. Dann spielt auch das Kennzeichen [+ / -
Autorität] keine Rolle mehr, und selbst die Frage nach der Absicht (erhofft man sich
einen Gefallen von dem anderen oder will man diesem Respekt zollen) erweist sich als
nebensächlich. 18
Diese verschiedenen dargestellten Pronominalsysteme sind wahrscheinlich dem latín
literario und dem latín literario hablado zuzuordnen, das vom Papst, den Eroberern,
16 vgl. op.cit., S. 20.
17 vgl. op.cit., S. 21.
18 vgl. op.cit., S. 20.
8
den Königen, den hohen Funktionären als auch den kirchlichen Oberhäuptern benutzt
wurde. 19
1.2. Das Pronomen vos in der präromanischen Zeit
2.2.1 Die regionalen präromanischen Pronominalsysteme
Nach und nach wurde dieses Pronominalsystem des 6. und 7. Jahrhunderts von
dem Vulgärlatein assimiliert. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Werte dieses
Systems übernommen wurden, da manche von ihnen im Vulgärlatein keinen Sinn
ergaben. Die anderen Werte wurden im Laufe der Zeit, in der das letztgenannte
Anwendungssystem von vos und tu bekannt wurde, assimiliert. Jedoch passten nicht alle Regionen dieselben Werte an, daher begannen sich langsam die verschiedenen
regionalen Varietäten des Vulgärlateins zu bilden. Die Gründe dafür sind
geographischen und historischen Ursprungs (darunter versteht Paez Urdaneta den
Zeitpunkt der Eingliederung ins Römische Reich, sowie die Art und Weise der
Kolonisation des Gebietes). So kam es aus kulturellen Gründen auch schon früher dazu,
dass nicht alle Innovationen, die im latín literario Einzug hielten, in allen Regionen des Römischen Imperiums übernommen wurden.
Dementsprechend wurden z.B. in vielen Regionen nicht die Innovationen des
Pronominalsystems des 6. und 7. Jahrhunderts übernommen, sondern es wurde häufig
weiterhin das traditionelle Pronominalsystem verwendet 20 . Das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein des vos „de cortesía“, also des respektausdrückenden vos, hierbei
vor allem die Verbreitung des vos b) und c) des oben dargestellten Schemas, wird
ebenfalls durch kulturelle, geographische und historische Faktoren erklärt. 21
19 vgl. op.cit., S. 21.
20 vgl. op.cit., S. 22.
21 vgl. op.cit., S. 22.
9
Arbeit zitieren:
Johannes Herz, Marie Seitz, Olivia Gaßmann, 2006, Der Voseo in Hispanoamerika, München, GRIN Verlag GmbH
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