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Inhaltsverzeichnis
1.EINLEITUNG 2
2.BRECHTS POSITION ZUR GESELLSCHAFT SEINER EPOCHE 3
3.GESELLSCHAFTSKRITIK 4
3.1.ZUM PERSONAL 4
3.1.1.Herr Peachum 5
3.1.2.Polly Peachum 6
3.1.3.Herr Maceath 7
3.1.4.Herr Coax 9
3.1.5.George Fewkoombey und andere Gruppierungen 9
3.2.KRITIK AM GESCHÄFT UND AN DER MORAL 11
4.LITERARISCHE VERFAHREN 14
4.1.SATIRE 14
4.1.1.Mittel der satirischen Verfremdung/Verkehrung 15
4.1.2.Persiflage 16
4.1.3.Paradoxa 18
4.2.TYPOGRAPHISCHE BESONDERHEIT 19
5.SCHLUSS 20
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1.Einleitung
Der Dreigroschenroman ist Brechts erstes Prosawerk, welches im Exil entstand. 1 Der Autor erschuf es in dem Bewusstsein, dass er durch das Exil seine für die Arbeiterschaft geschriebenen Stücke nicht mehr auf der Bühne realisieren konnte und nun andere Mittel finden musste, um sein Publikum zu erreichen. Der Roman erschien 1934 im Allert de Lange Verlag in Amsterdam, wobei man die Zusammenarbeit mit den Verlegern nicht als optimal bezeichnen konnte. Schließlich gab es mehrere Differenzen, weshalb der Dreigroschenroman auch das einzige Projekt blieb, welches in den Niederlanden realisiert wurde. 2 Mit dem Dreigroschenroman versuchte Brecht die in der Dreigroschenoper vom Publikum missverstandenen und verharmlosten Missstände in der Gesellschaft noch einmal deutlich und unmissverständlich dem Leser vor Augen zu führen. Umso schärfer setzte er nun deshalb die Pointen auf die Gesellschaftskritik und gab dem Werk authentische Züge. Schließlich gelang ihm mit dem Dreigroschenroman die schon mit der entsprechenden Oper gewollte Absicht, dem Leser einen vollständigen Abriss der bürgerlichen Gesellschaft mit all den korrupten Verhältnissen zu geben. Die Arbeit des Autors wurde entsprechend honoriert: Der Roman, der zunächst in den Exilzeitschriften rezensiert wurde, erhielt von den Zeitgenossen nur gute Kritik und wurde von Alexander Moritz Frey sogar als „Brechts Hauptwerk“ 3 bezeichnet. „Die Art wie er Lüge, Heuchelei, Mordlust im Konkurrenzkampf, Korruption, Ausbeutungen und Erniedrigungen an seinen Menschen schreiend deutlich werden lässt, hat etwas Groteskes, manchmal etwas verzweifelt Lustiges - dennoch immer etwas im tiefsten Ernstes.“ 4 Das Faszinierende daran ist allerdings, dass Brecht ein Werk geschaffen hat, dass auch heute noch unheimlich aktuell und ansprechend ist: „[Er] findet Parallelen, die wir grimmig belächeln, weil sie allesamt unter uns sind.“ 5
In dieser Arbeit werde ich näher auf Brechts Position zur Gesellschaft seiner Epoche eingehen, um dann mit dieser Erkenntnis die gesellschaftskritischen und satirischen Elemente im Dreigroschenroman herauszuarbeiten.
1 Vgl. Knopf, Jan: Bertolt Brecht, Stuttgart 2000, S. 275.
2 Vgl. Onderlinden, Sjaak: Bertolt Brechts Dreigroschenroman - Entstehungsgeschichte und Frührezeption. In: Deutsche Literatur im Exil in den Niederlanden 1933-1940, hg. von Karl Kröhnke, Hans Würzner, Amsterdam/Atlanta 1994, S. 138.
3 Jeske, Wolfgang: Brechts Romane, Frankfurt am Main 1984, S. 164.
4 Ebd., S. 157.
5 Ebd., S. 160.
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2.Brechts Position zur Gesellschaft seiner Epoche
Bertolt Brechts Leben und Werk waren maßgeblich durch die sozialistische Revolution und die nationalen Befreiungskämpfe seiner Epoche geprägt. Sein Studium des Marxismus überzeugte Brecht vollends vom Sozialismus und veranlasste ihn, dem Gesellschaftsmodell des Kapitalismus gänzlich abzusagen:
Brechts Fortwirkung ist grundlegend dadurch bestimmt, dass er mit der bürgerlichen Klasse, aus der er stammte, brach und auf die Seite der Arbeiterklasse überging. [...] Mit diesem Übergang zu den Unterdrückten und Ausgebeuteten; [...] mit dieser lebenslänglichen Hingabe seiner ganzen intellektuellen wie moralischen Kraft an die Sache des Sozialismus, die zu einem allzu frühen Kräfteverbrauch führte; mit diesem unaufhörlichen Kampf um eine Welt ohne Krieg schuf sich Brecht die unzerstörbare Basis seines künstlerischen Werks. 6 Brecht hielt einen friedlichen Wettkampf beziehungsweise eine friedliche Konkurrenz unter den Menschen für unmöglich und betonte, dass ein Kampf von Menschen gegen Menschen nach dem Prinzip des imperialistischen Mottos „Der kranke Mann stirbt und der starke Mann ficht“ zerstörerisch und unmenschlich wäre. 7
In seiner Darstellung der menschlichen und gesellschaftlichen Probleme seiner Epoche ist der Autor radikal. In seinen Werken betrachtet er die Gesellschaft sehr kritisch, womit er versuchte, Reaktionen innerhalb der Gesellschaft auf seine Stellungnahme herauszufordern. Die Ausgebeuteten der Gesellschaft sollten sich gegen die vermeintlich über den Klassen Stehenden wehren. Brechts Bestreben lag darin, die Menschen zu aktivieren und zu provozieren, im praktischen Leben die Erkenntnisse der Theorie anzuwenden. „Er dachte voraus, wie er mit seiner Kunst die Menschen zu einem realistischen Verhalten hinführen, aufklären und begeistern konnte.“ 8 Er bezeichnete den Widerspruch der bürgerlichen Idealität, welche die Durchsetzung des Individuums, der Gerechtigkeit und Freiheit gegenüber der Wirklichkeit beabsichtigt, und der Wirklichkeit selber, die sich in allen Tendenzen gegen die Idealität durchsetzt, als „ideologische Schizofrenie des Kleinbürgers“. 9 Brecht kritisierte
damit die Spaltung zwischen Sein und Bewusstsein des Bürgers sowie das Auseinanderfallen von Wert und Wirklichkeit beziehungsweise von Denken und Handeln. Allerdings betrachtete er die unterschiedlichen Klassen der Gesellschaft seiner Zeit mit verschiedenen Absichten: Während die intellektuellen und belehrbaren Menschen des Bürgertums sich über ihren eigenen Stand und ihre Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse bewusst werden sollten, sprach er sich für eine Isolation der unbelehrbaren Leute, die nur auf materielle Interessen fixiert waren
6 Schuhmacher, Ernst: Brecht. Theater und Gesellschaft im 20. Jahrhundert, Berlin 1973, S. 31f..
7 Vgl. Hanke, Peter: Gesellschaft und Moral im Werk Bertolt Brechts, phil. Diss. München 1972, S. 97.
8 Schuhmacher: Brecht, S. 35.
9 Vgl. Hanke: Gesellschaft und Moral, S. 108f..
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und demnach für eine Veränderung ihrer Klassenhaltung nicht zu gewinnen waren, aus. 10 Brecht war also geprägt von einem Klassendenken, seine Werke schuf er nicht für alle Welt, sondern „für den progressiven Teil des Volkes, für die organisierte Arbeiterschaft und die organisierte Bauernschaft, wie für die politisch bewußte und entschiedene Intelligenz“ 11 .
Seine Entscheidung für den fortschrittlichsten Teil der Gesellschaft ist noch heute einleuchtend, da allen voran dieser die Zukunft bestimmen wird.
3.Gesellschaftskritik
3.1.Zum Personal
Während der gesamten Handlung gelten Maceath, Peachum und Coax als die drei Hauptakteure, wobei sie nicht charakteristisch als Helden gezeichnet werden, sondern die Konzentration liegt viel mehr in der Darstellung der komplexen Wechselbeziehungen untereinander bzw. der „Widersprüche[n] der Figuren, die auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und das Verhalten anderer reagieren bzw. produktiv mit ihnen umgehen“ 12 . Denn um dem Armenhaus zu entgehen, passen sich die Hauptfiguren vorbehaltlos jedem neuen Verhältnis und jeder Erfordernis an und behandeln sogar die eigene Person als einsetzbares und veränderbares Instrument zum Gelderwerb. 13 Damit sich schließlich das gesellschaftliche Allgemeine erschließen lässt, „bedarf es eines verfremdeten Figurenentwurfs, der Charaktereigenschaften gegenüber Interessenlage und
Situationsangemessenheit als Determinanten des Handelns zurücktreten läßt.“ 14 Ganz richtig erkennt Maceath, dass feste Charakterzüge wie „Mut und Unternehmensgeist“ (S. 144) 15 früher mit Sicherheit zum wirtschaftlichen Erfolg führten, nun jedoch ein Mensch, der feste Ansichten hat, nur zeigt, dass er „nicht mehr zum Spiel zugelassen wird.“ (S. 144) Die Handlungen der einzelnen Figuren im Dreigroschenroman orientieren somit ausschließlich an den Regeln der Ausbeutung und sind nicht gemäß dem jeweiligen Charakter zugeschnitten. Ihre Taten versuchen die Figuren jedoch stets zu motivieren und ihre Untaten als Folge ihrer
10 Vgl. Schuhmacher: Brecht, S. 272.
11 Ebd., S. 273.
12 Knopf: Bertolt Brecht, S. 72.
13 Vgl. Hanke: Gesellschaft und Moral, S. 111.
14 Auerochs, Bernd: Erzählte Gesellschaft. Theorie und Praxis des Gesellschaftsromans bei Balzac, Brecht und Uwe Johnson, München 1994, S. 138.
15 Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Bertolt Brecht: Dreigroschenroman. In: ders.: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 16: Prosa 1. Dreigroschenroman, hg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlef Müller, Frankfurt am Main 1990.
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persönlichen Verhältnisse zu rechtfertigen. 16 Der Leser begreift die Geschäftsmänner rein von außen anhand ihres Geschäftes, dem alles andere untergeordnet wird, beziehungsweise anhand der Hintergrundorganisation wie beispielsweise Peachums Bettlergesindel oder Maceath‘ Diebesbande. 17 Wolfgang Jeske stellt weitergehend fest: „Die Geschäfte verbieten einen >festen< »Charakter«, gefordert ist dagegen eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit, um »allen neu auftauchenden Ansprüchen seiner Umwelt gewachsen zu sein«“ 18 . Der Autor
bringt hier einen wichtigen Aspekt der Literatur Anfang des 20.Jahrhunderts zur Sprache: die Erfassung des Menschen als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse und somit als nicht autonomes Individuum.
3.1.1.Herr Peachum
Peachum steht genau wie sein Gegenspieler Maceath auf der Kapitalseite in der symbolischen Ordnung des Romans. Ihm gelingt es, selbst aus dem Betteln eine Lohnarbeit zu machen, indem er aus Bettlern Angestellte macht und das Elend als Ware verkauft. Dabei macht er das schlechte Gewissen und die Beeinträchtigung der moralischen Selbstachtung seiner Mitmenschen nutzbar für sein Geschäft. Dieses Gewerbe perfektioniert er mithilfe seiner Menschenkenntnis zum marktbeherrschenden Großbetrieb, indem er daraus eine nahezu auf wissenschaftlicher Basis arbeitende, machtvolle Organisation von „Handwerkern“ macht: So begründet[...] Peachum, klug spekulierend mit dem schlechten Gewissen der Mitmenschen, ein Unternehmen, über das er frei und unumschränkt verfügen [...] [kann] wie ein Dispot. Seine Findigkeit in der Ausbeutung des Personals, daneben auch geschickte Anpassung an die Erfodernisse des sich ständig verändernden Marktes, [...] schaffen ihm disponible Kapitalreserven [...]. 19 Weil schließlich keine Wachstumsmöglichkeiten mehr für seinen Betrieb bestehen, da alles rationalisiert ist und er bereits das Monopol besitzt, steigt er in das Schiffegeschäft ein. In der T.S.V. entpuppt er sich als das stärkste Mitglied, indem er sich trotz dem androhenden Bankrott nicht entmutigen lässt, weiterkämpft und schließlich auch vor dem „letzte[n] Mittel“ nicht zurückschreckt. Sein Gewissen ist von keiner bürgerlichen Moral beeinflusst, sondern er handelt nüchtern und rational. Peachum betrachtet und bewertet die Geschehnisse in seiner Umwelt und seine Mitmenschen ohne jegliches Mitgefühl und ausschließlich hinsichtlich des jeweiligen Profits, der sich dabei für ihn ergeben könnte. Beispielsweise kommt er bei der
16 Vgl. Hanke: Gesellschaft und Moral, S. 95.
17 Vgl. Jeske, Wolfgang: Bertolt Brechts Poetik des Romans. Arbeitsweisen und Realitätsdarstellung, Frankfurt am Main 1984, S. 177.
18 Ebd., S. 178.
19 Hanke: Gesellschaft und Moral, S. 100.
Arbeit zitieren:
Alexandra Kremsler, 2007, Gesellschaftskritik in Bertolt Brechts Dreigroschenroman, München, GRIN Verlag GmbH
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