Einleitung ………………………………………………………………………… 3
Einführung. Die einleitenden Zeilen und die Struktur des ‚Briefes’ …... 7
I. Erinnerung. Lord Chandos Versuch einer literarischen Vereinigung Von Ich und Welt ……………………………………………………………… 10
1.1 Das Frühwerk und die Pläne des Lord Chandos ………………………………… 10
1.2 Die Enzyklopädie als literarische Vereinigung von Ich und Welt
mit dem Ziel der Selbsterkenntnis ………………………………………………. 14
1.3 Das Scheitern des Lords an den universalistisch-literarischen Ansprüchen …….. 18
Exkurs. „Instauratio Magna“. Francis Bacon (1561-1626) und die Erneuerung der Wissenschaft ………………………………………………….. 20
II. Gegenwart. Die ‚Verstummung’ des Lord Chandos …………………… 29
2.1 Vertrauensverlust in das Baconsche Erkenntnismodell …………………………. 29
2.2 Die Untauglichkeit sprachlicher Abstrakta, „ins Innere der Dinge“ zu dringen …. 31
2.3 Zerfall der Dreiecksrelation Ich-Sprache-Welt als Folge der Erkenntnis von
der Wahrheits-Abstraktion urteilender Begriffe …………………………………. 35
III. Aussicht. Die Hoffnung des Lord Chandos ……………………………... 40
3.1 Die Einheit von Ich und Welt in der Präexistenz der „guten Augenblicke“ …….. 40
3.2 Der Limes zwischen vorsprachlicher Präexistenz und sprachlichem Bewusstsein 44
3.3 Die Mythologie als Idealvorstellung einer Dichtersprache ……………………... 47
Resümee …………………………………………………………………………… 52
Quellenverzeichnis ……………………………………………………… …….. 58
2
Einleitung
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lag in Europa der Hauch des „fin de siècle“ schwelend in der Luft. Eine bedrückende Stimmung von Dekadenz und Verfall beherrschte das allgemeine Denken, an der sich in der kulturellen Szene die Ideen von Elend, Weltschmerz, Endzeit und Tod entzündeten. Die Künstler waren von Visionen des Untergangs erfüllt und schufen ein dunkles Zukunftsbild, dessen unheilvoll prophetischer Charakter wenige Jahre später im Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine Verwirklichung finden sollte. Vor dieser Katastrophe aber gab es nur den alles durchdringenden Pessimismus, der wie eine beinah greifbare Aura über den europäischen Völkern schwebte und sich unvermeidlich auch im literarischen Schaffen niederschlug.
Hugo von Hofmannsthal, seines Zeichens Schriftsteller, Dramatiker, Librettist (und zu früheren Zeiten auch Lyriker), gehörte zu den Vorreitern des Dekadentismus und verfasste im Sommer des Jahres 1902 ein vergleichsweise kurzes Prosastück mit dem einfachen Titel „Ein Brief“, das lange Zeit als Reaktion auf die empfundene Dekadenz und vor allem als Ausdruck einer persönlichen Sprachkrise gedeutet wurde. Jäger-Trees bezeichnet den ‚Brief’ im Titel ihrer Untersuchung gar als „Abrechnung mit der Dekadenz“ und schreibt dort:
„Der ‚Brief’ gehört wohl zu den meistzitierten literarischen
Dokumenten, wenn es darum geht, Charakter und Problematik der sog. ‚Moderne’ zu demonstrieren. Global gesprochen illustriert er den Zerfall des Einheitsdenkens und -empfindens, wie es sich an der 1 Schwelle zur Moderne präsentiert.“
Als Hofmannsthal den ‚Brief’ am 18. und 19. Oktober des Jahres 1902 im Feuilleton der Berliner Zeitung „Tag“ veröffentlichte, war nicht abzusehen, welch immense Beachtung dieser kurze Beitrag im Verlaufe der kommenden Hundert Jahre durch die Forschung finden würde. Umso erstaunlicher ist die Einseitigkeit der Sekundärliteratur, welche den ‚Brief’ traditionell biografisch deutet und ihn als Dokument einer persönlichen Krise auffasst. So steht auch Hermann Broch in „Hofmannsthal und seine Zeit“ in dieser Tradition und sieht Hofmannsthals Selbstbetroffenheit der im Chandosbrief geschilderten Sprachkrise vor allem im gänzlichen Lyrikverzicht des Dichters als erwiesen an. In einem gesonderten Kapitel mit
1 Corinna Jäger-Trees: „Aspekte der Dekadenz in Hofmannsthals Dramen und Erzählungen des Frühwerks“,
Verlag Paul Haupt Bern, Stuttgart, 1988, S. 187
3
der prägnanten Überschrift „Die Abkehr von der Lyrik und ‚Der Brief des Lord Chandos’“ heißt es:
„Hofmannsthal musste, als er dies schrieb und beschrieb, damit voll identifiziert gewesen sein, musste sich selber in letzter Lebenspanik befunden haben, wie also konnte er überhaupt schreiben?“ 2
Broch selbst spricht das Problem seiner Interpretation an: Wenn nicht nur der fiktive Lord Chandos, sondern auch der reale Hugo von Hofmannsthal an jener tiefgreifenden, im ‚Brief’ geschilderten Sprachkrise gelitten hat, wie konnte er den rhetorisch meisterhaft ausgestalteten Chandosbrief zu Papier bringen? Dieses Paradoxon, das sich aus rein biografischen Deutungen ergibt, ist Gegenstand beinah jeder einschlägigen Sekundärliteratur 3 . Hofmannsthals Verzicht auf das Verfassen lyrischer Texte bildet in der Tat einen unübersehbaren Einschnitt im Fortgang seines Schaffens. Doch hätte der Dichter, wäre der ‚Brief’ tatsächlich Zeugnis einer persönlichen Sprachkrise, nicht, so wie Lord Chandos, gänzlich auf literarische Produktivität verzichtet?
Trotz dieses offenkundigen Problems einer rein biografischen Deutung stellt auch Werner Kraft unbeirrt fest: „Dieser Brief ist in einem fiktiven Stil eines Künstlers geschrieben, aber als direkte Mitteilung eines Menschen gemeint.“ 4
Erwin Kobel hat dem nichts entgegenzusetzen und erklärt: „Es liegt nahe, dieses Prosastück, das 1902 publiziert wurde, in biografischen Zusammenhängen zu sehen und zu deuten.“ 5 Lange Zeit wurde dem historischen Kontext, in den der ‚Brief’ inhaltlich eingebettet ist, kaum oder gar keine Bedeutung beigemessen. In der frühen Forschungsliteratur wird der Chandosbrief wie selbstverständlich als Prosawerk Hofmannsthals betrachtet, das am Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde und daher vor dem zeitgenössischen Hintergrund des „fin de siècle“ zu deuten sei.
Erst in der neueren Forschung nahm man von diesem durchweg biografischen Ansatz vermehrt Abstand und setzte den Fokus verstärkt auf das historische Umfeld des fiktiven Absenders Lord Chandos. Der ‚Brief’ ist auf den 22. August des Jahres 1603 datiert; es handelt sich demnach um das frühe 17. Jahrhundert, der Zeit des Barock und der frühen
2 Hermann Broch: „Hofmannsthal und seine Zeit. Eine Studie“, Rhein-Verlag AG, Zürich, 1964, S. 158
3 Vgl. auch: Andreas Härter: „Chandos müsste demnach eine Rede darüber zustande bringen, dass er nicht reden
kann. Er müsste die Differenz vom Nichtreden zum Reden überwinden, um sagen zu können, dass er sie nicht
überwinden könne.“, in: „Der Anstand des Schweigens. Bedingungen des Redens in Hofmannsthals ‚Brief’“,
Bouvier Verlag, Bonn, 1989, S. 18. Sowie: „Warum gelingt ihm (Chandos) ein derart intakt scheinendes
Reden?“, S. 36. Fortan zitiert als „Härter“.
4 Werner Kraft: „Der Chandos-Brief“, Agora, S. 15. Fortan zitiert als „Kraft“.
5 Erwin Kobel: „Hugo von Hofmannsthal“, Walter de Gruyter & Co, Berlin, 1970, S. 142. Fortan zitiert als
„Kobel“.
4
Aufklärung, die vor allem durch die Philosophie des englischen Philosophen Francis Bacon geprägt wurde, an welchen der Brief des Lord Chandos (beileibe nicht zufällig) adressiert ist. Jost Bomers weist ausdrücklich daraufhin, dass „jede schlechthinnige Verkürzung des Sprachproblems im Chandosbrief auf biografische Bezüge zu Hofmannsthal der Sache, um die es geht, kaum gerecht“ 6 wird.
„Alle Vermutungen, im Chandosbrief eine temporale Schaffenskrise
Hofmannsthals zu sehen, [erweisen sich] als der Sache nach zu kurz gegriffen. Überhaupt: Die Datierung des Briefes in das Jahr 1603 und die Wahl Bacons als Empfänger des Briefes mit all den weit reichenden historischen, philosophiegeschichtlichen und dichtungstheoretischen Implikationen lassen eine Interpretation, die den Chandosbrief als autobiografisches Zeugnis deutet, eher fragwürdig erscheinen.“ 7
Auch Rolf Tarot wendet sich gegen eine biografische Deutung und betont die Alteingesessenheit derselben in der Sekundärliteratur:
„Die Forschung ist nicht nur von der autobiografischen Relevanz und
vom persönlichen Bekenntnischarakter des ‚Briefes’ überzeugt, sie sieht ihn sogar als Dokument auf dem Höhepunkt einer Krise, die eine Sprachkrise sei und mit dem Versiegen von Hofmannsthals lyrischer und lyrisch-dramatischer Dichtung zusammenfalle. […] Die seitdem erschienenen Briefe des Dichters haben jedoch manches Detail an den Tag gebracht, das dieser These den Boden entzieht. Die Forschung hat sich gewiss mit Modifikationen begnügt, vom autobiografischen Sinn des ‚Briefes’ lässt sie nicht.“ 8
Auch die vorliegende Arbeit will - vornehmlich in Anlehnung an die beiden bereits zitierten Werke Bomers und Tarots - über den Tellerrand der biografischen Deutung von „Ein Brief“ hinausblicken und neben dem historischen Kontext Hofmannsthals verstärkt den Zeithintergrund des fiktiven Absenders Lord Chandos in die Interpretation einbeziehen. So wie ein gemalter Sonnenuntergang auf der Theaterbühne als ‚echt’ wahrgenommen werden muss, um die Handlung des aufgeführten Stück zu verstehen, erscheint es notwendig, den fiktiven ‚Brief’ als ‚echten’ im Sinne eines historischen Dokumentes aufzufassen. Folglich
6 Jost Bomers: „Der Chandosbrief - Die nova poetica Hofmannsthals“, M&P, Verlag für Wissenschaft und
Forschung, Stuttgart, 1991, S. 80. Fortan zitiert als „Bomers“.
7 ebda., S. 89
8 Rolf Tarot: „Hugo von Hofmannsthal - Daseinsformen und dichterische Struktur“, Tübingen, 1970, S. 363.
Fortan zitiert als „Tarot“.
5
werden wir im Zuge unserer Betrachtung den fiktiven Charakter des Lord Chandos vorübergehend außer Acht lassen und ihn, ganz wie Francis Bacon, als historische Persönlichkeit behandeln.
Auf diese Weise soll die traditionell-biografische Lesart mit dem modernen Ansatz verbunden werden, um einen deutungstheoretischen Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart zu spannen. Nur so wird es möglich sein, sämtliche Facetten des Textes zu beleuchten und eine hinlängliche Deutung desselben zu entwickeln.
Was den strukturellen Aufbau dieser Arbeit betrifft, so ist sie in ihrer Herangehensweise dreigeteilt, da Lord Chandos, so die These, im Verlaufe des ‚Briefes’ drei unterschiedliche Bewusstseinsstadien durchläuft. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit den Erinnerungen des Lords an seine literarisch produktive Zeit, zu der sein bedeutendes Frühwerk und der große Plan eines enzyklopädischen Buches mit dem Titel „Nosce te ipsum“ entstanden. Mit Hilfe dieser universalistischen Wissenssammlung wollte Chandos die Natur auf literarische Weise aufschlüsseln und eine Einheit zwischen Ich und Welt herstellen, um auf diese Weise zur Selbsterkenntnis zu gelangen.
Da der Lord seine Enzyklopädie, wie wir sehen werden, nach der wissenschaftsmethodischen Vorgabe Francis Bacons zu konzipieren gedachte, erscheint es notwendig, in einem Exkurs auf dieses Erkenntnismodell einzugehen, wie es aus Bacons Hauptwerk „Instauratio Magna“ hervorgeht. Eine diesbezügliche Kenntnis wird sich als notwendig herausstellen, um die (Sprach-)Krise zu verstehen, in die der Lord stürzte.
Der zweite Abschnitt behandelt die erwähnte Krise, in welcher sich der Lord gegenwärtig, d.h. zu der Zeit, als er den Brief an Bacon schrieb, befindet. Dort sollen die Ursachen dieser Krise hinterfragt und letztlich nachgewiesen werden, dass Chandos sich von dem rationalen Erkenntnismuster des Empiristen Bacon abwandte, um sich einem mythischen, außersprachlichen Weltbild zuzuwenden.
Eine ausgiebige Darstellung dieser neuen Weltanschauung, von der Chandos sich einen künftigen Ausweg aus seiner Krise zu erhoffen scheint, bietet der dritte und abschließende Abschnitt der Arbeit, innerhalb dessen sich der Bogen von der Vergangenheit des fiktiven Absenders zur Gegenwart des realen Autors schließt und Hofmannsthals Idealvorstellung einer Dichtersprache zum Vorschein tritt.
So wird sich der Chandosbrief am Ende der Untersuchungen keineswegs als Ausdruck einer persönlichen Krise Hofmannsthals im Rahmen des zeitgenössischen „fin de siècle“ erweisen, sondern vielmehr als Metadichtung, die dahin strebt, allgemeine Erkenntnisprobleme aufgrund sprachlicher Grenzen aufzuzeigen.
6
Einführung
„Dies ist der Brief, den Philipp Lord Chandos, jüngerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon, später Lord Verulam und Viscount St. Albans, schrieb“
Die einleitenden Zeilen und die Struktur des ‚Briefes’
Die ersten Zeilen des Prosawerkes „Ein Brief“ gehören nicht zum fiktiven Brief des Lord Chandos, sondern bilden eine Einleitung zu demselben auf einer Metaebene. Da wir uns in der Einleitung darauf festgelegt haben, den fiktiven Brief bis auf Weiteres als ‚echten’ anzusehen, um ums in die Illusion einzufinden und zu ihrem Kern vorzudringen, wollen wir die Frage, wem diese einleitenden Metazeilen zuzuschreiben sind, zunächst unbeantwortet lassen. Zu groß erscheint die Versuchung, auf den Dichter Hugo von Hofmannsthal zu verweisen und somit in die Fußstapfen der traditionellen Forschung zu treten, von der wir uns erklärtermaßen abwenden wollen.
Stattdessen sei auf den Inhalt und die Funktion dieser Zeilen hingewiesen. Sie bezeichnen den angefügten Brief als denjenigen, „den Philipp Lord Chandos, jüngerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon […] schrieb, um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen.“ 9
Diese kurze Erläuterung bildet den Rahmen der nachfolgenden Brief-Illusion, nennt den Verfasser Philipp Lord Chandos beim Namen und verrät zugleich, an wen das Schreiben gerichtet ist: an Francis Bacon. Darüber hinaus wird der Gegenstand des Briefes charakterisiert als die Entschuldigung des Lord Chandos für dessen gänzlichen Verzicht auf literarische Betätigung. Der berühmte englische Philosoph als Empfänger des Briefes und die erklärte Freundschaft zwischen ihm und Chandos spielen, wie wir noch sehen werden, eine wichtige Rolle für unseren Interpretationsansatz, der die Illusion als ‚fiktive Realität’ ansehen möchte.
Doch richten wir den Blick zuvorderst auf den Inhalt des ‚Briefes’, um eine erste Strukturierung vorzunehmen.
9 Hugo von Hofmannsthal: „Ein Brief” (1902), in: „Hugo von Hofmannsthal, Sämtliche Werke, XXXI, Kritische
Ausgabe, Erfundene Gespräche und Briefe“, Hrsg. Ellen Ritter, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1991, S. 45,
Z. 1-5. Fortan zitiert als „Brief“.
7
„Einig ist man sich in der Forschung, dass sich der Text in inhaltliche Abschnitte oder Segmente gliedern lässt, doch über die Anzahl dieser Segmente ist man sich durchaus uneinig. […] Im Folgenden soll deshalb der Nachweis erbracht werden, dass sich der ‚Brief’ inhaltlich in zwei Abschnitte gliedern lässt […].“ 10
Bomers unterteilt den ‚Brief’ in einen Erinnerungsteil und einen Gegenwartsteil und zieht somit eine Grenze zwischen der Zeit vor und der Zeit nach Chandos Sprachverlust. Dass aber eine dritte Segmentierung notwendig ist, da der Lord zum Ende des ‚Briefes’ von dem neuen und hoffnungsvollen Bewusstseinszustand der ‚präexistentiellen Augenblicke’ berichtet, wird im Laufe dieser Arbeit deutlich werden.
Chandos beginnt seinen Brief mit Worten, die auf eine große Erhabenheit und Hochachtung gegenüber dem adressierten Bacon hindeuten.
„Es ist gütig von Ihnen, mein hoch verehrter Freund, mein zweijähriges
Stillschweigen zu übersehen und so an mich zu schreiben. Es ist mehr als gütig, Ihrer Besorgnis um mich, Ihrer Befremdung über die geistige Starrnis, in der ich Ihnen zu versinken scheine, den Ausdruck der Leichtigkeit und des Scherzes zu geben, den nur große Menschen […] in ihrer Gewalt haben.“ 11
Aus diesen ersten Zeilen erfahren wir, dass es sich bei dem Brief des Lords um ein Antwortschreiben auf einen Brief Bacons handelt. Bacons Brief bildet im Rahmen der ‚fiktiven Realität’ des Hofmannsthalschen Prosawerks eine Leerstelle; wir als Rezipienten kennen ihn nicht, können aufgrund von Chandos Formulierung jedoch einige Merkmale konstatieren. Der Lord drückt eine unmissverständliche Dankbarkeit aus für Bacons Güte, sein „zweijähriges Stillschweigen“ zu übersehen und „so“ an ihn zu schreiben. Das unscheinbare Wort „so“ betont in besonderem Maße die Art und Weise, in der Bacon an den Lord geschrieben hat. Offenbar handelt es sich um eine rücksichtsvolle, von Chandos als angenehm empfundene Art, in der Bacon sich nach dem Ausbleiben jeglicher literarischer Betätigung bei seinem Freund erkundigte. Bacon hätte seine Anfrage auch anders aufsetzen können, tat es aber „so“, dass es dem Lord gütig erscheint und er sich Bacon gegenüber zu Dank verpflichtet fühlt.
10 Bomers, S. 17f.
11 Brief, S. 45, Z. 6-12
8
Dieser Aspekt des so-oder-so-Redens, die Möglichkeit also, auf verschiedene Weise mit der Sprache umzugehen und denselben Sachverhalt auf unterschiedliche Art zum Ausdruck zu bringen, ist ein grundlegendes Thema, auf das hiermit bereits vorausdeutend hingewiesen ist. 12
Chandos ist seinerseits um einen höflichen und achtungsvollen Ton bemüht, um sich so auszudrücken, wie Bacon es um ihn verdient und möchte sich seinem Freund ganz und gar aufschließen, um ihm den Grund seines zweijährigen (literarischen) Schweigens begreiflich zu machen. Doch weiß er nicht, wie er sich dazu nehmen soll. 13
Im Gegensatz zu Bacon besitzt Chandos nicht die Macht des so-oder-so-Sprechens; er vermag sich nur auf eine Art mitzuteilen, welche ihm unzulänglich erscheint. Dass der Lord in früheren Tagen jedoch das höchste literarische Ausdrucksvermögen besaß, dessen gemahnt ihn Bacon in seinem Brief, worauf Chandos sich widerwillig, wohl nur aus Höflichkeit, auf seine schriftstellerisch produktive Zeit besinnt.
12 Vgl. Härter: „Diese Redemacht stellt Chandos bei Bacon fest […] die Möglichkeit, von etwas ‚so’ oder,
wahlweise, anders zu reden.“, S. 21
13 Vgl. Brief, S. 45, Z. 18f.
9
I. Erinnerung. Lord Chandos Versuch einer literarischen Vereinigung
von Ich und Welt
„Mir erschien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit“
1.1 Das Frühwerk und die Pläne des Lords
„Dass mich ein ebensolcher brückenloser Abgrund von den scheinbar vor mir liegenden Arbeiten trennt, als von denen, die hinter mir sind“
Nostalgisch entsinnt sich der Lord seiner literarisch produktiven Tage und schafft es kaum, sich mit seinem früheren Ich zu identifizieren.
„Kaum weiß ich, ob ich noch derselbe bin, an den Ihr kostbarer Brief
sich wendet; bin denn ich’s, der nun Sechsundzwanzigjährige, der mit neunzehn jenen ‚neuen Paris’, jenen ‚Traum der Daphne’, jenes ‚Epithalamium’ hinschrieb, diese unter dem Prunk ihrer Worte hintaumelnden Schäferspiele […]? Und bin ich’s wiederum, der mit dreiundzwanzig unter den steinernen Lauben des großen Platzes von Venedig in sich jenes Gefüge lateinischer Perioden fand, dessen geistiger Grundriss und Aufbau ihn im Inneren mehr entzückte als die aus dem Meer auftauchenden Bauten des Palladio und Sansovin?“ 14
Die Verweise auf antike Vorbilder wie „Paris“, „Daphne“ und „Epithalamium“ lassen auf eine hohe literarische Qualität des Chandosschen Jugendwerks schließen.
„Bukolische Dichtungen antiker Tradition, ‚Schäferspiele’ wie
Chandos selber sagt, sind es, die Lord Chandos in jungen Jahren zuwege brachte. Der Titel ‚Neuer Paris’ bereits verweist auf die antiken Vorbilder. In diesem Falle auf Homer: Paris, der als Hirte im Ida-Gebirge jenes Urteil zwischen den um den Preis der Schönheit, den
14 Brief, S. 45, Z. 19-30
10
goldenen Apfel, konkurrierenden Göttinnen traf, scheint das stoffliche und motivische Vorbild für Chandos’ eigenes Schäferspiel zu sein.“ 15
Chandos gelingt keine Vereinbarung seines vergangenen Ichs mit seinem gegenwärtigen und begreift nicht, wie er je über einen solch kunstvollen Umgang mit der Sprache befähigt sein konnte. Der Chandos der Vergangenheit scheint ein anderer zu sein als jener der Gegenwart. „Bin denn ich’s“ 16 , fragt er skeptisch und muss es trotz seiner Zweifel doch einsehen: „Allein ich bin es ja doch“ 17 .
Für diese augenfällige Diskrepanz zwischen dem früheren und gegenwärtigen Chandos verlangt Bacon eine Erklärung, fordert - wenn auch auf gütige und scherzhafte Weise - eine Darlegung der inneren Befindlichkeit des Lords und ahnt wohl nicht, welche Qualen er seinem Freund durch diese Forderung zufügt. Denn gerade die Unfähigkeit, sein Inneres durch das Medium der Sprache nach außen zu kehren, bildet das Leidwesen des Lord Chandos.
Man mag meinen, es sei, als wolle man einen Menschen zum Sprechen bringen, dem die Zunge abgeschnitten wurde. Ganz trifft dieser Vergleich aber nicht zu, um Chandos Lage zu beschreiben. Dass der Lord nicht gänzlich verstummt ist, beweist die Existenz seines (rhetorisch hochwertigen) Antwortschreibens. Wohl lässt sich aber sagen, dass ihm jedes geschriebene Wort Überwindung kostet und ein Gefühl tiefsten Ekels bereitet. Seine Abneigung gegen die Sprache kommt in seinem Brief deutlich zum Ausdruck und dennoch ist er entschlossen, sie zu verwenden, um seine Situation darzustellen. Dies über sich zu bringen, mag in der Hochachtung begründet liegen, die der Lord dem Philosophen entgegen bringt.
„Mein Inneres aber muss ich Ihnen darlegen, eine Sonderbarkeit, eine
Unart, wenn Sie wollen eine Krankheit meines Geistes, wenn Sie begreifen sollen, dass mich ein ebensolcher brückenloser Abgrund von den scheinbar vor mir liegenden literarischen Arbeiten trennt, als von denen, die hinter mir sind und die ich, so fremd sprechen sie mich an, mein Eigentum zu nennen zögere.“ 18
Der „brückenlose“ Abgrund verbildlicht die bereits angesprochene Kluft zwischen Chandos früherem und seinem gegenwärtigen Ich. Zu den vollendeten Arbeiten seiner Jugendzeit findet er keinen Zugang mehr und vermag sie kaum noch als sein Eigentum anzusehen, da ihn
15 Bomers, S. 20
16 Brief, S. 45, Z. 20
17 ebda., S. 46, Z. 4f.
18 ebda., S. 46, Z. 8-14
11
eine „Krankheit“ des Geistes befallen hat, die ihn von seiner produktiven Zeit trennt. Diese Krankheit, von der sich zunächst nur sagen lässt, dass Chandos sie für eine psychologische hält, bildet den ersten Erklärungsansatz des Lords für seine literarische Verstummung. Damit ist der Erinnerungsteil des ‚Briefes’ noch nicht abgeschlossen. In beachtenswertem Umfang folgt, auch dies kündigt sich in den zitierten Zeilen bereits an, die Erinnerung an die literarischen Pläne des Lords. So wie zu vermuten ist, dass Chandos nicht von seiner literarischen Verstummung sprechen würde, wäre er von Bacon nicht dazu aufgefordert worden, hätte er wohl auch die Erinnerung an seine literarischen Vorhaben lieber in Vergessenheit belassen. Doch in Bacons Brief, dies dürfen wir aus den folgenden Zeilen schließen, wurde der Lord an seine Pläne erinnert, die er aufgrund der „Unart“ seines Geistes nie verwirklichen konnte.
„Ich weiß nicht, ob ich mehr die Eindringlichkeit Ihres Wohlwollens
oder die unglaubliche Schärfe Ihres Gedächtnisses bewundern soll, wenn Sie mir die verschiedenen kleinen Pläne wieder hervorrufen, mit denen ich mich in den gemeinsamen Tagen schöner Begeisterung trug.“ 19
Chandos Formulierung verharrt im Ton der Bewunderung und Hochachtung, doch handelt es sich nur um vordergründige und pflichtgemäße Höflichkeitsfloskeln. In Wahrheit leidet der Lord; die Erinnerung an seine einstigen Pläne ist ihm schmerzlich und die Zeilen sind von der Qual durchdrungen, welche ihm die Gedanken an seine hoch ambitionierten Literaturvorhaben bereiten, die er aufgrund seiner geistigen Krankheit nicht mehr in die Tat umzusetzen vermag.
In einer schmerzvollen, fiebrigen Rückbesinnung reflektiert Chandos über seine früheren Absichten, von denen er nun durch einen brückenlosen Abgrund getrennt ist, und weiß sie in seinem Brief an Bacon der Reihe nach aufzuzählen.
„Wirklich, ich wollte die ersten Regierungsjahre unseres verstorbenen
glorreichen Souveräns, des achten Heinrich, darstellen! […] Ich wollte die Fabeln und mythischen Erzählungen, welche die Alten uns hinterlassen haben […] aufschließen als die Hieroglyphen einer geheimen, unerschöpflichen Weisheit […] Ich entsinne mich dieses Planes. Es lag ihm, ich weiß nicht welche, sinnliche und geistige Lust zugrunde […] Ich wollte. Ich wollte noch vielerlei. Ich gedachte eine
19 ebda., S. 46, Z. 15-19
12
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Simon Geraedts, 2008, Lesarten von Hofmannsthals "Ein Brief" im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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