Vergleichende Analyse eines klassischen und eines modernen Gedichts
Ich werde mich in dieser Arbeit mit den folgenden Gedichten zunächst einzeln beschäftigen und diese daraufhin vergleichen: "Das Göttliche" von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahre 1783, und "Nur zwei Dinge" von Gottfried Benn von 1953.
Johann Wolfgang von Goethe: Das Göttliche
Das Gedicht "Das Göttliche" schrieb Goethe in der Übergangszeit von Sturm und
Drang und Klassik. Er befasst sich darin mit den Idealen, die ein edler Mensch
anzustreben hat. Als Vorbild des Menschen diene eben "das Göttliche"; man solle
sich ein Beispiel an den "höheren Wesen" nehmen, um einen idealen, humanen
Verstand zu erlangen. Das Gedicht ist in neun Strophen eingeteilt; es ist kein
festes Reimschema zu erkennen. Allgemein scheint sich Goethe in diesem Text eher
auf die inhaltlichen Aspekte als auf die Form zu konzentriert zu haben.
In der ersten Strophe nennt Goethe die ersten Tugenden eines
jeden Menschen: "Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut!"(z.1,2). Diese allein
unterschieden ihn von "allen (anderen) Wesen"(z.5). Die Fähigkeit, gut und
hilfreich zu sein, unterscheide uns also zum Beispiel von Tieren, die
ausschließlich triebgesteuert handeln. Goethe richtet seine ersten Worte hier
indirekt an den Leser, indem er den Konjunktiv verwendet. Es ist darüber hinaus
ein Postulat an die Gesellschaft, diesen Idealen zu folgen. Diese
Idealvorstellung präzisiert er in den folgenden Strophen.
In der zweiten Strophe spricht er per Metapher die Götter als "unbekannte,
höhere Wesen"(z.7.8) an, die als beispielhafte Vorbilder zur Bildung
menschlicher Ideale anzusehen seien:
"Ihnen gleiche der Mensch.."(z.10).
Die folgenden beiden Strophen stellen die Rolle der Natur in diesem Zusammenhang
dar. Sie wird hier als Gegensatz zum Menschen dargestellt, da sie
"unfühlend"(z.13) - gemeint ist hier eher unparteiisch - sei. Sie unterscheide
nicht zwischen "böse und gut", und behandle Verbrecher wie jeden anderen auch:
"Und dem Verbrecher / Glänzen wie dem Besten / Der Mond und die
Sterne."(z.17-20). Weiterhin thematisiert Goethe die unberechenbare Naturgewalt.
Er spricht hier von Kräften wie Wind, Flüssen und Gewittern, die ebenfalls jeden
unerwartet mitreißen und ergreifen könnten:" Und ergreifen / Vorübereilend /
Einen um den andern."(z.23-25).
In der fünften Strophe behauptet Goethe, das Glück sei ebenso zufällig und
neutral. Mal treffe es "des Knaben / lockige Unschuld"(z.28,29), mal "den kahlen
/ Schuldigen Scheitel"(z.30,31). Das Glück unterscheide also ebensowenig
zwischen Schuldigen und Unschuldigen. Goethe verwendet hier die Jugend als
Symbol der Unschuld, das Alter als Symbol des Sünders.
Indem er die Natur und das Glück personifiziert, versucht er,
sein Beispiel klarer darzustellen: "unfühlend ist die Natur"(z.13,14) bzw.
"...das Glück / Tappt unter die Menge"(z.26,27).
Die sechste Strophe weist auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens hin.
Das hier erwähnte "ewige, ehrne, / Große Gesetz"′(z.32-33) kann als das
natürliche Gesetz der Sterblichkeit gedeutet werden. Diesem Gesetz müsse der
Mensch sich unterordnen, und könne ihm nicht entfliehen: "...Müssen wir alle /
Unseres Daseins / Kreise vollenden."(z.34-36).
Nachdem die Natur und das Glück neutral seien, könne nur der Mensch "das
Unmögliche"(z.38) vollziehen. Er könne eben diese Unterscheidung zwischen Gut
und Böse durchführen und so "wählen und richten"(z.12), "Den Guten lohnen, / Den
Bösen strafen"(z.44,45). Goethe lässt hier die vorher so hoch angepriesenen
Götter außen vor und stellt den Menschen als Vertreter der göttlichen
Gerechtigkeit dar. Hiernach eröffnet Goethe weitere Ideale eines edlen Lebens:
man solle "heilen und retten"(z.46), also Mitgefühl zeigen und danach Handeln,
und seine Vernunft anwenden, um "Alles Irrende, Schweifende / Nützlich (zu)
verbinden."(z.47,48) Gemeint ist die Fähigkeit des Menschen, hilfreiche
Zusammenhänge in vorher verworrenen Dingen zu erkennen und zu nutzen. Außerdem
wird die Fähigkeit des Menschen erläutert, "...dem Augenblick / Dauer zu
verleihen."(z.41,42). Goethe könnte hier das Erinnerungsvermögen meinen, das es
den Menschen ermöglicht, in den Erinnerungen anderer dem in Strophe sechs
beschriebenen Kreislauf der Vergänglichkeit zu entfliehen. So könnte eine zu
Lebzeiten beliebte Person in den Erinnerungen ihrer Bekannten eine Art
Unsterblichkeit erreichen.
In der darauf folgenden neunten Strophe wird die Bedeutung der
"Unsterblichen"(z.50) dargelegt. Dies könnte man erneut als Metapher für das
Göttliche interpretieren, die der Mensch zum Erlangen des Idealzustands
nachahmen soll: "Täten im Großen, / Was der Beste im Kleinen / Tut oder
möchte".(z.52-54). Weiterhin bemerkt Goethe, man verehre diese Wesen "als wären
sie Menschen"(z.51). Dieses menschengeschaffene Götterbild als unsterbliche,
ideale, menschenähnliche Wesen bringt den Mensch und das Göttliche auf ähnliche
Ebenen, was es den Menschen erleichtert, an sie zu glauben und sie als Vorbild
zu betrachten.
[...]
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Felix Schäfer, 2007, Analyse und Vergleich: J.W. v. Goethe "Das Göttliche" und G. Benn "Nur zwei Dinge", Munich, GRIN Publishing GmbH
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