I. EINLEITUNG
Das Gedicht „Le Crépuscule du Soir” von Charles Baudelaire (1821-1867) erschien im Zyklus „Tableaux Parisiens” seines berühmten Gedichtbandes „Les Fleurs du Mal” im Jahre 1857. Die bereits im Zyklus „Spleen et Idéal” vorherrschende Grundstimmung des Hin- und Hergerissenseins zwischen „spleen” (Lebensüberdruss, Schwermut, Verdrossenheit), und dem angestrebten „idéal” ist auch für die „Tableaux parisiens“ von großer Bedeutung. In diesem Zyklus wird die Großstadt Paris als Ort der Kriminalität, Prostitution, Zerstörung, aber auch der Zerrissenheit des Einzelnen dargestellt. Diese negativen Phänomene werden aber von Baudelaire zumeist positiv dargestellt („Ästhetik des Hässlichen“), um zumindest durch eine ästhetische Ausdrucksweise das „idéal“ zu erreichen.
In dieser Arbeit werde ich das Gedicht sowohl nach formalen Kriterien analysieren als auch diese mit ihrer Bedeutung für den Inhalt in Zusammenhang bringen. Zunächst werde ich den Aufbau des Gedichtes beschreiben, dann das Thema kurz darstellen und anschließend die Art und Weise analysieren, wie Baudelaire die beiden Aspekte des Abends beschreibt. Abschließend erfolgt eine Zusammenschau der Absichten des Autors.
II. FORMALER AUFBAU
Das Gedicht besteht aus sieben Strophen, die jeweils eine unterschiedliche Anzahl an Versen haben. Während die erste Strophe aus vier Versen (Vierzeiler, le quatrain) besteht, bestehen die zweite bis fünfte Strophe aus jeweils sechs Zeilen (Sechszeiler, le sixain), die sechste aus acht (Achtzeiler, le huitain) und die letze Strophe aus nur 2 Versen (Zweizeiler, le distique). Somit ergeben sich insgesamt 38 Verse, wobei jeweils zwei aufeinander folgende Verse einen Paarreim (rimes plates) bilden. Beim Grad der Reimfülle handelt es sich vorwiegend um ‘rimes suffisantes’, da der Tonvokal und der auf ihn folgende Konsonant gleich klingen. Das von Baudelaire verwendete Versmaß ist der Alexandriner (Zwölfsilber, vers alexandrin), der eine Zäsur (la coupe, la césure) in der Mitte und somit einen festgesetzten Akzent sowohl auf der sechsten als auch auf der zwölften Silbe aufweist.
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III. DIE BESCHREIBUNG DES ABENDS
a) Der Abend als Schwelle zwischen Gegensätzen
Der Titel „Le Crépuscule du Soir” heißt übersetzt „Abenddämmerung” und fasst den Inhalt bzw. das Thema des Gedichtes auf kürzeste Art und Weise zusammen. In den einzelnen Strophen teilt das lyrische Ich (le je lyrique) dem Leser einerseits seine Gedanken und Empfindungen, die er beim Reflektieren über den Abend und über seine Beziehung zu diesem hat, mit und andererseits erzählt es dem Leser von den Ereignissen, die zur Zeit der Abenddämmerung stattfinden.
Die Abenddämmerung stellt den Übergang vom Licht (Tag) zur Dunkelheit (Nacht) dar, ist also die Schwelle zwischen etwas - für die meisten Menschen - Positivem und etwas Negativem. Auf diese Art und Weise scheint die Abenddämmerung diese beiden Gegensätze in sich zu vereinen, da sie für das lyrische Ich sowohl positive als auch negative Aspekte in sich birgt. Die Grundstimmung des Gedichtes basiert auf dieser Spannung und dem aus ihr resultierenden Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Seiten der Abenddämmerung. Darüber hinaus scheint das lyrische Ich auch im Tag eine helle und eine dunkle Seite zu erkennen. Der Mensch steht also ständig, am Tag und in der Nacht, im Spannungsfeld zwischen den dunklen, negativen („spleen”) und den hellen, positiven Seiten des Lebens („idéal”).
Bereits in der 1. Strophe (1-4), die die Funktion einer Einleitung hat, gibt das lyrische Ich dem Leser zu verstehen, dass der Abend sowohl etwas Positives als auch etwas Negatives darstellt, wobei diese beiden Seiten ineinander zu verschwimmen scheinen.
Durch die präsentative Konstruktion „Voici le soir …“ (1) wendet sich das lyrische Ich direkt an den Leser und möchte ihn in die Zeit des Abends, der „im Anmarsch“ ist, versetzen. Gleich zu Beginn wird die ambivalente Haltung des lyrischen Ichs gegenüber dem Abend deutlich: Der Abend wird einerseits direkt als „charmant“ (1) und andererseits in Form einer Metapher und Personifikation als „ami du criminel“ (1) beschrieben. Dabei handelt es sich um eine Art Oxymoron - die Verbindung der beiden Begriffe „charmant“ und „ami du criminel“ ist zwar widersprüchlich, aber dennoch vorstellbar.
Die negative Beschreibung und Personifikation des Abends setzt sich in Form eines Vergleichs fort: „Il vient comme un complice“ (2). An dieser Stelle wird auch der Hörsinn angesprochen „à pas de loup“ (2). Durch die Verwendung der Begriffe „criminel“, „complice“ und „loup“ - Wörter, die mit Hinterlistigkeit und Gaunerei assoziiert werden -
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wird der Eindruck vermittelt, dass die Schattenseite des Abends überwiegt. Durch die Alliterationen „criminel“ und „comme un complice“ wird die Verbindung zwischen diesen
Wörtern und somit ihre negative Konnotation betont.
Die Tatsache, dass der Abend eine Schwelle bildet, wird auf der formalen Ebene durch die Enjambements in den Versen 2-4 zum Ausdruck gebracht. Darin spiegelt sich einerseits der Übergang vom Tag zur Nacht wider [„le ciel / Se ferme lentement comme une grande alcôve“ (2-3)], andererseits auch die Transformation von etwas Gutem zu etwas Schlechtem [„Et l'homme impatient se change en bête fauve“ (4)].
Außerdem wird wiederum ein Vergleich („comme une grande alcôve“) verwendet: So wie sich am Abend der Himmel schließt, es also dunkel wird, so schließt sich am Abend die „Bettnische“, da sich die Leute niederlegen und schlafen gehen. Es ist die Zeit, zu der alles zur Ruhe kommt, alle Prozesse sich zunächst zu verlangsamen scheinen („lentement“). Jedoch wird diese scheinbar friedliche Stimmung durch die Metapher „bête fauve“ untergraben. Dieser Ausdruck soll die „tierische“ Seite im Menschen, also seine natürlichen Triebe und Instinkte, symbolisieren. Die Menschen warten schon ungeduldig auf den Abend („l’homme impatient“), da sie nur zu dieser Zeit, die „bête fauve“, die in ihnen steckt, ausleben können.
Während die 1. Strophe den Abend als Bindeglied zwischen Gegensätzen darstellt, wird in den Strophen 2-7 eine Trennung zwischen den positiven bzw. angenehmen und den negativen bzw. unangenehmen Aspekten des Abends vorgenommen. Dabei ist anzumerken, dass das lyrische Ich in der 2. Strophe mit dem Positiven beginnt, dann von Strophe 3-6 den Abend bzw. die Nacht als etwas „Hässliches” bzw. „Deprimierendes” („spleen”) beschreibt, um dann gegen Ende der 6. Strophe sowie in der 7. Strophe wieder zum „Schönen” und „Erfreulichen“ („idéal“) zurückzukehren.
Dadurch erfolgt zwar zunächst eine Steigerung vom „Friedlichen“ zum „Bedrohlichen“ (Strophe 2-6), das aber dann durch die plötzliche Wende in der 6. Strophe wieder „abzuwenden“ versucht wird. Durch diese Anordnung der einzelnen Strophen scheinen werden die beiden geschaffenen „Bilder“ (positiv und negativ) des Abends wiederum sehr nahe aneinander gerückt.
b) Positive Aspekte des Abends
Die positive Darstellung des Abends erfolgt zunächst in der 2. Strophe (5-10): Der Abend wird wieder personifiziert und auch direkt angesprochen [„O soir, aimable soir” (5)], wodurch
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Arbeit zitieren:
Olivia Frey, 2006, Gedichtanalyse: "Le Crépuscule du Soir" von Charles Baudelaire, München, GRIN Verlag GmbH
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