1. Einleitung
Der folgende Aufsatz analysisert das Raumkonzept in Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ und setzt dieses mit dem Topos des Wahnsinns in Verbindung. Dabei wird auch die Bedeutung des Raumkonzepts für eine gehaltvolle literaturwissenschaftliche Analyse im Allgemeinen heraus gestellt.
2. Raumkategorien in der Litarturwissenschaft
Raum ist als eine Notwendigkeit zur Ermöglichung der Herstellung eines erzählten Geschehens im Erzähltext zu verstehen. Durch Raum wird nämlich die Herstellung einer fiktionalen Wirklichkeit erst ermöglicht.
Zwei Punkte sollten dabei unterschieden und aufgegliedert werden:
- Raum als darstellungstechnisches Mittel
- Raum als allgemeine Kategorie Raum als darstellungstechnisches Mittel Raum als darstellungstechnisches Mittel ist im gewissen Sinne sehr konkret gefaßt und bezieht sich meist auf explizit beschriebene Landschaften, Gärten, Zimmer usw. Raum als allgemeine Kategorie hingegen ist abstrakt und von wesentlich relevanterer Bedeutung für die literaturwissenschaftliche Analyse. Ihre Gestaltung ist grundlegend intentional und deshalb auch immer ein bedeutungstragendes Gerüst der Geschichte. Aus diesen Gründen soll im folgenden auf die Bedeutung von Raum als allgemeiner Kategorie eingegangen werden. Raum als allgemeine Kategorie
a) (Textinternes Level): Der erzählte Raum ist als der Welt - und - Wirklichkeitszusammenhang der Geschichte zu sehen. Dieser konstatiert den Gesamtbewegungsspielraum für die erzählten Figuren. Auf der einen Seite kann dies durch Figuren - , auf der anderen Seite durch - Erzählerrede geschehen. Unter diesem Gesichtspunkt sind allerdings keine Begriffe, die zwar im eigentlichen Sinne Räumlichkeit darstellen, dies im Kontext dann aber doch nicht tun, zu verstehen.
Der erzählte Raum ist im „Blonden Eckbert“ von zentraler Bedeutung, da er auf verschiedenen Interpretationsebenen Wichtigkeit erlangt.
b) Unter dem Terminus Erzählraum ist im Unterschied zu den erzählten Räumen die (meist beschränktere) räumliche Dimension des fiktiven Erzählers gemeint. Dies ist also die reine Räumlichkeit der dargestellten, fiktiven Erzählsituation. Oft ist dieser Erzählraum recht
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spärlich im Text dargestellt, da er nur den Rahmen für das eigentliche Geschehen im Geschehen bietet. Häufig liegt es an dem Leser selber den Erzählraum, mangels genügender Ausgestaltung im Text selber, durch historisch angezeigte Bedingungen aufzufüllen. Raumkonzept Die Erzählkonzeption und Grundstrukturierung der Geschichte stellt das Raumkonzept als Exponierung, Entscheidung und intendierte Voraussetzung des abstrakten Autors dar. Dabei sind die Aspekte der Raumwahrnehmung in einem (real milieubedingten) Bewußtsein und einem literarisch verstandenen Bezugsfeld (welche Räume wurden literarisch damals gerne genommen etc.) des Autors zu differenzieren.
Allerdings können diese beiden Punkte bewußt durch den Autor miteinander verwebt und zu einem Ganzen gestrickt sein.
Für den Rezipienten der Geschichte gelten die beiden gleichen Ausgangspunkte wie für den Autor.
Zur Klarstellung und Verdeutlichung sei nocheinmal gesagt:
Sowohl die Konzeption der erzählten Räume, als auch die eventuelle Darstellung des Erzählraumes geht auf einen textexternen Entscheidungszusammenhang des Autors zurück. Beide zusammengenommen werden das Raumkonzept genannt.
3. Die Raumstruktur in Der Blonde Eckbert
In diesem Aufsatz über die Raumstruktur im Blonden Eckbert möchte ich insbesondere auf die erzählten Räume eingehen, da diese die Geschichte ganz wesentlich konstituieren und für den Fortgang des Geschehens der Geschichte von sehr zentraler Bedeutung sind. Auf S. 3, Z. 1 1 erfahren wir durch Erzählerrede, daß der örtlich-räumliche Beginn der Geschichte (das Schloß) im Harz situiert ist. Der Weitläufigkeit und Weite der assoziativen Möglichkeiten des Begriffes "der Gegend des Harzes" steht fast antithetisch das kleine Schloß mit den Ringmauern (als räumliche Begrenzung), gegenüber (S. 3, Z. 9). Dabei ist die "Gegend des Harzes" wohl eher als Landschaft, das Schloß als eine Ansammlung von Innenräumen zu sehen.
Dieser Überleitung zur weiteren Geschichte folgt zum ersten Mal eine indirekte Figurenrede, die Räumlichkeit darstellt und diese gleich als solche negativ behaftet: "... klagen, ..., weit."(S.
4, Z. 14). Diese Konstituierung von Räumlichkeit durch die indirekte Figurenrede von
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Walther scheint bedeutsam zu sein, da ohne sie das statisch anmutende Moment des Schloßes nicht aufgebrochen worden wäre. Hierbei könnte die Pointe darin liegen, daß Statik durch momentane Statik (des Erzählens Berthas nämlich, welches real-räumlich statisch bleibt) aufgehoben werden wird. Zunächst hebt sich die Statik dadurch auf, daß Bertha zu erzählen beginnt (geistige Versetzung in eine andere Raümlichkeit), später wird die Statik auch durch konkretes Handeln der einzelnen Personen aufgehoben.
Auf S. 4, Z. 34(29) fängt die "Figurenrede" Berthas an, welche im eigentlichen Sinne zwar Figurenrede ist, aber eventuell auch als eine "verschobene" Erzählerrede bezeichnet werden könnte. Sie beginnt mit der Räumlichkeit ihres Dorfes. Dieser relevante Ausgangspunkt der Raumstruktur der Figurenrede wird durchgehend mit äußerst negativen Termini und Beschreibungen wie "Not"(S. 5,Z. 10), "viel ungeschickter"(S. 5,Z. 21), "behandelte grausam, ..., Drohungen zusetzten, ... züchtigte grausamste Art,... Strafe wiederkehren"(S. 5, Z. 31 ff.) belegt. Diese kreierte Dichtheit der Atmosphäre und das Gefühl der Enge wird durch die fast antithetisch anmutende Beschreibung eines Gefühls der außerordentlichen Verlassenheit (S. 6, Z. 1) konterkariert. Wer dauernd verbal und physisch gepeinigt wird, kann zumindest im wörtlichen Sinne nicht verlassen sein. Doch es könnte andererseits auch als Vorwegnahme der Flucht Berthas in den Wald (S. 6,Z. 10), dann dem Übersteigen der Hügel (S. 6, Z. 21), dem Durchschreiten zwischen Felsen (S. 6,Z. 21) und der Mutmaßung über dem Befinden im benachbarten Gebirge (S. 6,Z. 22) dienen. Von der Räumlichkeitsstrukturierung her bleibt festzuhalten, daß sie linear in die Höhe verläuft. Außerordentliche Verlassenheit ist nun im sprichwörtlichen Sinne existent.
Trotz der Räumlichkeitsveränderung und der erlangten Einsamkeit ist das Phänomen der Angst bei Bertha erhalten geblieben, welche sie sogar als motivierender Faktor weiter vorwärtstreibt (S. 6,Z. 28-29). Als sie wieder auf Menschen trifft, sinkt sie vor Angst fast in Ohnmacht (S. 6, Z. 34). Festzuhalten bleibt, daß trotz der umfassenden und gravierenden Räumlichkeitsveränderung (von unten nach oben: Steigerung der Angst, Einsamkeit?) das Phänomen der Angst Berthas erhalten bleibt und somit eventuell als ein innerpsychologischer Vorgang zu werten sein könnte, da er unabhängig von den äußeren Bezugspunkten zu sein scheint und welcher auch auf die Sichtweise der Akteurin auf äußere Umstände abfärben könnte. Nach der Durchquerung mehrer Dörfer (S. 6, Z. 35), erreicht sie einen kleinen Fußsteig (S. 7, Z. 2), der sie wieder zwischen Felsen hindurchführt (S. 7,Z. 3). Die Felsen fangen sogar an, Gestalt anzunehmen, und der Weg hört unter ihren Füßen auf. Weiterhin 1 Diesem Aufsatz liegt die folgende Ausgabe des „Blonden Eckberts“ zu Grunde: Ludiwig Tieck, Der blonde
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Arbeit zitieren:
Dr. Stefan Schweizer, 2001, Taxonomien des Wahnsinns, München, GRIN Verlag GmbH
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