Die Trainingsraum-
Methode
Ein Programm zur Reduzierung von Un-
terrichtsstörungen
2
Inhalt
1. Was sind Unterrichtsstörungen? ... 3
2. Warum stören Kinder? ... 4
3. Die Trainingsraum-Methode ... 6
3.1 Ein anderes Verständnis von Störungen ... 8
3.2 Eigenverantwortlich denken und handeln ... 8
3.3 Regeln ... 10
3.4 Die fünf Fragen im Unterricht ... 11
3.5 Der Trainingsraum ... 12
3.5.1 Der Ablauf ... 12
3.5.2 Das Gespräch ... 13
3.5.3 Der Plan ... 14
3.5.4 Verweigerung ... 15
3.5.5 Das Interventionsteam ... 15
4. Die Trainingsraum-Methode in der Grundschule ... 16
5. Evaluationsergebnisse der Trainingsraum-Methode ... 18
6. Zusammenfassung und kritische Auseinandersetzung ... 19
Literaturverzeichnis ... 22
3
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der Trainingsraum-Methode von
Heidrun Bründel und Erika Simon beschäftigen, einem Programm zur Reduzie-
rung von Unterrichtsstörungen. Dazu wird zunächst gefragt, was ,,Unterrichtsstö-
rungen" überhaupt sind und warum Kinder manchmal den Unterricht ,,stören".
In einem weiteren Abschnitt wird die Trainingsraum-Methode mit ihren wichtigs-
ten Bausteinen vorgestellt. Auch die Frage nach der Umsetzbarkeit des Prog-
ramms in der Grundschule wird Bestandteil der Arbeit sein. Es folgt eine kritische
Auseinandersetzung mit der Trainingsraum-Methode.
1. Was sind Unterrichtsstörungen?
Bevor die Beschäftigung mit einem Trainingsprogramm zur Reduzierung von Un-
terrichtsstörungen möglich ist, muss zunächst gefragt werden, was unter Unter-
richtsstörungen überhaupt verstanden werden kann.
Am Unterricht sind viele verschiedene Persönlichkeiten beteiligt. Zunächst gibt
es Personen mit einer unterschiedlichen Rolle in der Gruppe, die unterschiedli-
che Absichten haben und differierende Ziele verfolgen der Lehrende und die
Lernenden. Auch die Lernenden und Lehrenden unterscheiden sich untereinan-
der.
Es liegt nahe, dass Situationen und damit auch Störungen von verschiedenen
Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Störungsempfindlichkeit
hängt nach Bründel und Simon zudem von der Stimmung, Tagesform, Müdigkeit
und Gelassenheit der einzelnen Lehrer (und Schüler) ab. Störungswahrnehmun-
gen sind auch von der jeweiligen Arbeitsmethode und vom Unterrichtsfach ab-
hängig. Gewöhnlich wird während der Gruppenarbeit oder der Freiarbeit ein
höherer Lärmpegel toleriert als während des Frontalunterrichts.
1
Aus dieser Sicht
muss geschlussfolgert werden, dass Unterrichtsstörungen nicht klar definiert
1
Vgl. Bründel/Simon, Die Trainingsraum-Methode, 2003, S. 28.
4
werden können. Nach Winkel bezeichnen Unterrichtsstörungen eher eine Fülle
von verschiedenen Geschehnissen
2
. ,,Was bei dem einen Lehrer rügenswert ist,
kann bei einem anderen völlig »normal« sein."
3
Zur Klärung des Begriffs ,,Unter-
richtsstörung" sind nach Winkel sowohl Disziplin- als auch Verhaltensstörungen
ungeeignet, da Disziplinschwierigkeiten vom jeweiligen Lehrer und Verhaltens-
störungen vom Psychologen definiert werden. Diese Definitionen wären personal
ausgerichtet und willkürlich.
4
Winkel schlägt vielmehr vor, Unterrichtsstörungen
weder vom Lehrer noch vom Schüler sondern vom Unterricht her zu kennzeich-
nen: ,,Eine Unterrichtsstörung liegt dann vor, wenn der Unterricht gestört ist,
d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, perveriert, unerträglich oder
inhuman macht"
5
. Allerdings kann auch auf diese Weise nicht vollständig geklärt
werden, wann eine Unterrichtsstörung vorliegt. So hängt es von der Person
selbst ab, ob beispielsweise der Lehrervortrag durch das Kaugummikauen eines
Schülers ins Stocken gerät oder ob das Ablegen der Beine auf dem Tisch während
der Präsentation eines Schülerreferates toleriert werden kann (den Unterricht
nicht ,,stört") oder doch als störend empfunden wird. Unterrichtsstörungen sind
aus diesem Grund letztlich relative Bezeichnungen.
2. Warum stören Kinder?
,,Störer sind oftmals gar keine Störer, da ihnen die Absicht fehlt. Diese wird ihnen
allzuleicht zugeschrieben. Darüber hinaus sind ,,Störungen" in den allermeisten
Fällen Mitteilungen gleich, und dies auch dann, wenn wir die Nachricht nicht
oder noch nicht verstehen können"
6
(Hallberg)
Nach Bründel und Simon hat das Verhalten für Menschen stets einen persönli-
chen Nutzen. Kliebisch unterscheidet hierbei zwischen primärem und sekundä-
2
Vgl. Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 25.
3
Vgl. ebenda, S. 27.
4
Vgl. ebenda, S. 30
5
Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 31.
6
Zitat von Hallberg auf dem Klappentext von: Ulich, Wenn Schüler stören, 1980.
5
rem Nutzen
7
. Der primäre Nutzen liegt oft in der Kommunikation mit anderen, in
der Reduktion von Langeweile oder in der Ablenkung. Der sekundäre Nutzen
kann in der (durch eine Störung gewünschten) Zuwendung oder in einem Image-
gewinn innerhalb der Klassen liegen
8
. Auch Winkel schreibt, dass die meisten
Unterrichtsstörungen Signale des Schülers sind, die etwas mitteilen wollen, zum
Beispiel, dass
o
dass der Unterricht langweilig oder uninteressant ist,
o
dass man ganz andere Probleme hat,
o
dass die Normen des Lehrers fragwürdig sind,
o
dass man zwar lernen möchte, aber eben anderes auf andere Wei-
se,
o
dass einem der Sinn des schulischen Unterrichts fehlt usw.
9
Jedes auffällige und störende Verhalten kann nach Winkel folgende Ursachen
haben: konstitutionelle oder erworbene Faktoren im somatischen Bereich, unge-
löste innerpsychische und soziale Konflikte, gestörte Entwicklungsprozesse und
aktuelle Bedrohungen
10
. Die Ursachen des ,,unerwünschten" Verhaltens gehen
hier über das unterrichtliche Geschehen hinaus. Dreikurs et al. nennen zentrale
Ziele für störendes Verhalten, die eher als gemeingültig als schulspezifisch ange-
sehen werden können:
o
Aufmerksamkeit erreichen wollen,
o
Macht, Überlegenheit erlangen,
o
Rache, Vergeltung üben und
o
Unfähigkeit zur Schau stellen.
11
Der Nutzen, den das Störverhalten mit sich zieht, hält die Kinder davon ab, das
störende Verhalten trotz vieler Ermahnungen oder Zurechtweisungen aufzuge-
ben. Bründel und Simon sind der Meinung, dass Kinder ihr Störverhalten nur
7
Vgl. Bründel/Simon, Die Trainingsraum-Methode, 2003, S. 26.
8
Vgl. ebenda.
9
Vgl. Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 33.
10
Vgl. Winkel, Der gestörte Unterricht, 1996, S. 34.
11
Vgl. Dreikurs et al., Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme, 1995, S. 21.
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