0. Vorbemerkung
Das folgende Skript beschäftigt sich mit einem der wichtigsten Novellenzyklen des Realismus. Gottfried Kellers „Die Leute von Seldwyla“ ist bis heute weithin bekannt und gehört seit Jahrzehnten zum festen Kanon in der Schule und an der Universität. Anhand der „Leute von Seldwyla“ kann man exemplarisch die Bedeutung der Gattung Novelle für die Epoche Realismus verdeutlichen. Das folgende Skript analysiert die „Leute von Seldwyla“ einmal genuin literaturwissenschaftlich. Zum anderen findet eine soziohistorische Kontextualisierung statt, welche die Aspekte des Menschlichen und der Ökonomisierung der Lebensverhältnisse in das Analysezentrum stellt.
1. Die Vorworte
1. Vorwort: Seldwyla ist sonniger Ort, der irgendwo (Utopia) in der Schweiz liegt. Arme Bürger und reiche Gemeinde spielt auf die fehlende Sozialgesetzgebung an. Wichtig sind Menschen zwischen 20-36 Jahren. Lustig und gemütlich. Schuldenverkehr entspricht keiner realen Arbeit. Sobald Altersgrenze überschritten wird, werden sie verstoßen. Weltwanderung der Seldwyler. Falls finanzielle Krise vorhanden, so entsteht politischer Aktionismus, der reinster Opportunismus ist. Lustige und seltsame Stadt, wo es an Lebensläufen nicht fehlt, die aller Laster Anfang sind. Keller will ausnahmsweise Abfällsel schildern. Dies ist außergewöhnlich und deshalb Goethes Novellendefinition. Insgesamt fällt das Vorwort, das der sonstigen Rahmenhandlung entspricht eher dürftig aus. Sozialer Charakter fehlt, ist nicht da, was der Form widerspricht. Bei Keller liest jeder für sich alleine. Dies entspricht wiederum der inhaltlichen Dimension der neuen ökonomischen Verhältnisse. 2. Vorwort: Fiktionale, Ideale Stadt und utopischer Charakter derselben. Das reale Seldwyla hat sich in weniger als 10 Jahren fast ins Gegenteil verwandelt. Kein agrarischer, sondern spekulativer Charakter. Darstellung zum Wandel des reinen Kapitalismus und Industrialismus. Sind trockener und einsilbiger geworden, es gibt keine Schwänke und Lustbarkeiten mehr. Vermögen und bürgerliche Werte zählen. Keine Betreibung der Politik und des Krieges mehr, da sie besitzend geworden sind. Es ereignet sich nichts mehr und deshalb müssen fünf Erzählungen aus der Vergangenheit herhalten. Seldwyla ist also tot, des Erzählens nicht mehr wert. Das „unerhörte Ereignis“ ist der gattungsgesetzliche dialektische Höhe - und Umschlagspunkt: das Eingehen der prosaischen Gesellschaft in die Poesie der menschlichen Sinnennatur, die dann ihrerseits schnell denaturiert und prosaisch gemacht
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wird. Die Differenz der 20 Jahre zwischen den Vorworten erklärt, warum die Forderung nach den alten Bürgertugenden an der Realität des Kapitalismus und des Industrialismus zerschellen muß, aber als Utopie gegenwärtig bleibt: die ästhetische Konkretion: Dialektik der Kulturbewegung als Index des Werts und Authentizität der Kunst. Bei Hoffmann, Tieck, Boccaccio etc. werden Novellen in Erzählhandlungen gebettet, was dem Inhalt entspricht. Übergang bei Keller von Roman zu Novelle ist ein Übergang vom Schreiben des Schreibens zum Schreiben des Redens=Novelle. Die novellistische Erzählgesellschaft wird zur rein erzählten Gesellschaft als Handlungshintergrund. Bei der tradierten Novellenform ist das Festhalten Werten wichtig (Tieck, Hoffmann) Seldwyler sind Außenseiter und Geschichten deren Außenseiter werden erzählt. Im Roman ist Subjekt-Objekt Bewegung formbegründend, bei Novelle mehr an Objektivität gegeben. Unterschied umschreiben im Roman und umschreiben bei der Novelle (ermöglicht Objektivität). Wahre Gesellschaft ist zwar da, aber nicht greifbar. Im 2. Vorwort hat sich der Hintergrund und Vordegrund verdüstert. Einsicht, daß Poesie und Kapitalismus verwandt sind (Fiktion-Illusion). Die Ausmünzung des Lebens zur Poesie, der Poesie zur Ware vollzieht sich angesichts der Poesie zur Warenwirtschaft.
In Anfangs- und Schlußnovelle (Pankraz und Spiegel) wird die Betonung auf Erzählen gelegt. Es gibt aber nicht die gesellige Dynamik einer Erzählgesellschaft, sondern sozialgeschichtlicher, gesellschaftlicher Hintergrund. Nicht das Ergehen einzelner in der Gesellschaft steht im Mittelpunkt, sondern am Schicksal mehrer Einzelner soll das Ergehen der Gesellschaft dargestellt werden. Der Zyklen Charakter entsteht durch die Anordnung der Novellen zueinander und die beiden Vorworte.
Zwischen beiden Vorworten liegen 20 Jahre sozialgeschichtlicher Implikate. Im Wandel des Sozialcharakters der Mittelpunktsfiguren wird der Wandel der Gesellschaft deutlich. Der objektive sozialgeschichtliche Wandel in seinen Rückwirkungen auf die Subjektivität und Innerlichkeit der Personen dargestellt.
Im 2. Vorwort wird deutlich, daß Seldwyla in den modernen Geschäftsverkehr eingeschlossen wird, was zur Spekulation führt. Der immer noch poetisch anmutende Ort findet sich als Teil moderner Geschäftsprosa wieder. Dies führt zu einer größeren Beständigkeit (statt Bankrotts um die 35 herum) . Aber Lustbarkeiten fallen auch flach. Aus lebenslustigen Leuten sind ernsthafte Geschäftsleute geworden, die sich wegen ihrem neuen Besitzes a-politisch verhalten. Es ist eine Gewinn-Verlust-Rechnung. Aus dem alten wird das neue Seldwyla: Gewinn bürgerlicher Tugenden und materieller Erwerb gegenüber dem Verlust eines ursprünglichen Lachens und Lebensglücks. Poesie und Lebensglanz haben der
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nüchternen Prosa geschäftlicher Verhältnisse gewichen. Dies veranschaulicht die Dialektik der Kulturbewegung oder Reichsunmittelbarkeit der Poesie. Die Novellen sind poetische Verdichtungen einer zunehmend poesiefeindlichen Welt.
2. Pankraz der Schmoller
„Erzählen“: Entwicklungsgeschichte in extremer und paradoxer Art. Novellenmoment ist, daß ein wildes Tier beim Helden eine Humanisierung bewirkt, was von den Menschen nicht erbracht worden konnte. Thematik des Kriegsdienstes, welche im Vorwort erwähnt wird. Bezähmung der Lebenslust, die die anderen in den Bankrott treibt. Pankraz ist träumerischer Egozentriker geht nach dem ersten Zusammenstoß mit der Realität (S. 18 hat Schläge gekriegt und Schwester hat ihm sein Essen weggenommen) in die Welt hinaus. Nach 15 Jahren kehrt er als Oberst zurück. Er erzählt wie er britischer Kolonialsoldat war, erwerbs- und arbeitsfähig wurde. Die Heimkehr wurde (Novellenmotiv: unerhörte Begebenheit) durch das Erlegen des Löwen im Zweikampf ausgelöst. Durch seine Reifung bleibt er ein nützlicher Mann. Was sind aber die Verluste? Aufsuchen des gesellschaftlich-historischen Prozeßes im Inneren der Individuen (Dialektik der Kulturbewegung). Der Knabe Pankraz hat keine Art der normativsozialen Selbstkontrolle. Bei Konfrontationen mit der Realität zieht er sich auf sich selber zurück (Narziß als Dichter und schmollen=unwillig schweigen und lächeln). Dieses Poetentum und Träumerei nur aufgrund asozialen Vereinzelung und Agression. Er macht sich materiell durch Poetentum und Nicht-Arbeiten schuldig, wobei seine Veranlagung durch materielle Armut allerdings mitgeprägt wird. Er fühlt, daß er das Essen nicht mehr wert ist und rennt weg. Beim Millitär verliert er die Arbeitsunfähigkeit und seinen Eßzwang, da er realisiert, daß den Menschen vom Tiere die geplante Arbeit unterscheidet. Zunächst arbeitet er um ein Mittagessen, dann für Geld. Später stellt er sozialerweise Büchsen her. Schließlich beim Millitär erlernt er Ordnung und Disziplin. Selbsttätigkeit des Menschen (Feuerbach). Milltär als Selbstzähmung und Indien als nicht domestizierte Natürlichkeit. Pankraz bringt dies als Einsicht mit: wer stabil leben will, muß lernen, mit seinen Trieben umzugehen, was eine Unterdrückung der inneren Natur des Gattungswesen Mensch impliziert. Indischer Garten der Novelle (Wahrzeichen bürgerlich unterworfener äußerlicher Natur), steht Lydia als Verkörperung der eigenen inneren Natur gegenüber. Zunächst erscheint sie ein citoyen- Ideal zu sein, dann aber erscheint sie wie alle europäischen Weiber. Sie benutzt Pankraz nur, um ihres eigenen Wertgefühls sicher zu sein. Sie rechnet mit seinem Gefühl (Antithetik). Er interpretiert Shakespeare Lektüre falsch: er kann reale Fiktion und fiktionale Realität nicht
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unterscheiden (Lebendichten und Erdichtung von Leben - Lebenszeugnisse oder Druck -Erzeugnisse). Der Poetiker Pankraz erlernt, daß die ganze, heile Welt untergegangen ist (bei den Romantikern: Riß durch die Welt) und daß das Kalkül über das Gemüt gewonnen hat und daß die Welt prosaisch geworden ist. Trotzdem bestrickt ihn die Realität. Davon befreit er sich durch die Jagd des zum Mythos gewordenen Löwen in Afrika. Mensch und Raubkatze stehen sich in der Wüste in bitterster Schmollerei gegenüber: der Wille und die Ratio kämpfen mit dem reißenden Trieb. Wieder errettet das Millitär Pankraz. Da nun, durch die Abtötung des Libido seine Arbeitsfähigkeit und seine bürgerliche Vernunft gesichert sind, kann er nach Hause zurückkehren. Der Traum vom ganzen Menschen verfällt bürgerlich-calvinistischer Verdrängung (deshalb erscheint Lydias Schönheit nur als Zerrbild). Die poetische Organisation der Novelle folgt dem Gesetz der bürgerlichen Verdrängung: die Tötung des Löwen ist die novellistische unerhörte Begebenheit, da sie dem bürgerlich Unerhörten (Pankraz Leidenschaft zu Lydia) ein Ende bereitet: das Paradoxon hier in sich mannigfacher Art wiederspiegelnd, woran die Novelle, das Erzählen fast Irre wird. Seine Mutter und Schwester hören nur die Soldatenlaufbahn mit, wobei Pankraz sich hinterher selber wünscht, daß sie die Lydia-Geschichte nicht mitgehört haben. Der bürgerlichen Gattung Mensch kann die Ganzheit als Charakteristikum nicht einmal in der erzählerischen Vergangenheit nahegebracht werden. Die Unerreichbarkeit des sinnlich Schönen zu akzeptieren ist die Grundlage einer nüchtern-tüchtigen Bürgerexistenz. Aber Pankraz hat Arbeit und Stetigkeit und Freundlichkeit erlernt. Es stellt sich eine Gewinn- und Verlustrechnung dar (Stellvertretercharakter für den gesamten Zyklus). Man kann die Novelle fast als umgestülpten Bildungsroman lesen. Es wird in das zentrale Thema des Zyklus eingeführt: der Held in seinem individuellen Ergehen wechselt von Seldwyla I nach Seldwyla II (auf die beiden Vorworte und die darin skizzierten Entwicklungsprozeße bezogen). Der Beginn von Pankraz bürgerlichem Leben fällt mit dem Ende des alten Seldwyla zusammen. Anders als bei Goethes Novelle wird hier die Natur nicht durch sanftes Flötenspiel domestiziert. Keller ist
halt kritischer Realist und kein Klassiker mit einem humanistischem Menschenbild. Der Erzähler Pankraz ist ohne Publikum und er stellt den geselligen Charakter der Novelle überhaupt in Frage, was sich auch an der Parallelität zu den beiden dürftigen Vorworten (statt einer Rahmenhandlung) ersehen läßt. Im Dekameron des humanistischen Menschen wirkte erotisches Erzählen noch als Gesellschaftsbildend. Das Konstituens der Pankraz Novelle hingegen ist das Schweigen oder Nicht-Erhört-Werden über das eigene Triebschicksal. Pankraz muß die sich ereignete unerhörte Begebenheit in ihrem Kern vergessen und verdrängen. Dem Grünen Heinrich hingegen ist ein solches noch vergönnt. Heinrich stirbt,
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aber Pankraz überlebt. Die objektive, gesellschaftsgeschichtliche Diagnose der Novelle des Seldwyla Zyklus besagt, daß für Poesie subjektiver Erinnerungstrunkenheit kein Platz vorhanden ist. Der prosaische Weltzustand setzt sich auch im Inneren des Protagonisten durch. Der Erwerb der Geschäftstüchtigkeit der Seldwyler und des Pankraz wird durch den Verlust des Lachens (Schmollens) bezahlt. Dies stellt die Dialektik der Kulturbewegung dar.
3. Romeo und Julia auf dem Dorfe
Tod aus Liebe und Erzählen): Novellistische unerhörte Begebenheit bildet der tödliche Sieg der Liebe über den Haß. Weltliterarischer Zusammenhang im Titel ersichtlich. Der Zusatz auf dem Dorfe verweist auf Liebesgeschichte von Bauernkindern. Keller zeigt im Gegensatz zu den literarischen Vätern, was aus harmonischen, konkreten Beziehungen zweier Ackerbürger wird, wenn die bürgerliche Moderne mit den prosaischen Prinzipien ihres abstrakten Geschäftsverkehrs in deren Lebensbereich eingreift. Die Liebe als poetisches Prinzip hingegen wird tödlich vernichtet (Paradoxon: irre-werden des Erzählen: die Protagonisten zerfallen, die Gattung der Novelle aber nicht, wegen der Lesbarkeit: hermeneutischer Sinn). Bei Shakepeares Romeo und Julia ist der Konflikt zwischen historisch -gesellschaftlichen auf der Tagesordnung stehenden bürgerlichen, weil individuellen beseelten und natürlichen Liebesbeziehung auf der einen Seite und dem auf seine absurde Spitze getriebene traditionsgeleitete, formale Haßverhalten einer historisch überlebten Aristokratie andererseits. Keller stellt die Liebe zweier verfeindeter Bauernfamillienkinder dar. Diese wird durch einen Doppelselbstmord markiert. An die Stelle feudaler Blutrache tritt das bürgerliche Recht. Anfangs ist eine citoyen Utopie archaischen/homerschen/biblischen Charakters: die beiden Bauern pflügen friedlich nebeneinander her. Es ist alltägliche, nicht-konkurrierende Naturbemeisterung in der jener Form von Arbeit, die den Interessen der gesamten Menschheit dienen und nicht den partikularen Interessen eines Eigentümers (Vgl.: Ackerbürger Ruoff in Hadlaub Novelle). Die ackerbäuerliche Idylle und Natur-Schönheit und ästhetische Stimmigkeit der Landschaft legitimiert die ackerbäuerliche Ständegesellschaft. Die beiden Bauern erscheinen als Gleiche. Bei dem bürgerlichen Realisten ist der Widerstand gegen die Moderne gebrochen. Die Figuren erliegen der ökonomischen Erschütterung. Die im Anfangsbild implizierten Werte der französischen Revolution gehen mit den beiden Vaterfiguren bei Keller unter. Das Resultat der fortwirkenden Ursache ist der Streit um das Eigentum. Die beiden Bauern laden Schuld
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auf sich, indem sie von der herrenlosen Ackerscholle jeweils ein Stück für sich abschneiden und dabei vergessen, daß dieses Stück wahrscheihnlich dem schwarzen Geiger gehört. Damit schließen sie den aus, der keinen Besitz hat. Das bäuerliche Paradies ist vom Sündenfall zerstört worden. Die Kinder verdoppeln dieses Ereignis durch das Zerstören der Puppe und Töten der Fliege. Die Schuld bei den Bauern wird dadurch ausgelöst, daß die Stadt Seldwyla den herrenlosen Acker versteigern will: erst jetzt beginnen die Bauern mit der illegalen Landnahme, da das Land eine ganz neue Dimension und Qualität gewonnen hat. Auf dem Acker war die Zuneigung von Sali und Vrenchen entstanden: der Acker symbolisierte zweierlei: den natürlichen Begenungsraum zweier sich liebevoll neckenden Kinder, wie auch bereits virtuell die Mauer, die schließlich ihre Familien in tödlicher Feindschaft trennen wird. Der sich im Naturzustand befindende Acker wird in dem Moment zur trennenden Mauer, als der in ihm steckende Wertaspekt betont wird. Dies geschieht, als die in Seldwyla weiter entwickelten Geldwirtschaftsbeziehungen auf das sie umgebende, noch naturalwirtschaftlich dominierte Land übergreifen. Durch den Verwaltungsakt der Versteigerung gewinnt der Acker einen Tauschwert. Damit in den Kreislauf abstrakter Wertbeziehungen (neue histor.-gesellsch. Stufe) gestellt, entwickelt er seine Mucken und Grillen (Marx über das Tauschwert-Ding). Der Tauschwert nimmt die beiden Bauern nämlich in ihren Besitz und verhext ihre Beziehung. Beide erheben Anspruch auf das Stück Land, und sie nehmen es beide unrechtmäßig bis auf eine kleine Furche in Besitz. Die Steine werden im Niemandsland angehäuft, bis eine Mauer entsteht, welche die von Manz und Marti neu entwickelte tödliche Besitzgier versinnbildlicht. Eine neue Zeitära ist über die Bauern und Seldwyla hereingebrochen. Die umstürzlerische Moderne ist in den Raum der bisher intakten Agrargesellschaft eingefallen. Dies geschieht auf der ökonomischen Ebene und hat einen ganz prägenden Wert für den Menschen an sich. Aus dem gebrochenen Eigentumsrecht des Ackers geht ein vernichtendes Schicksal hervor, weshalb die Liebe von Sali und Vrenchen nicht gelingen kann. Salis Eltern ziehen entwurzelt aufgrund der verzweifelten ökonomischen Situation in die Stadt. Dämonisches Gewitter: bei den Vätern der Haß, bei den Kindern die Liebe. Als die Alten sich streiten, finden die Kinder Der Realist Keller kann der umstürzlerischen bürgerlichen Moderne kein ungebrochenes, der bürgerlichen Ehe oder des Ackerbaus entsprechendes Idyll entgegenhalten. ihre Liebe zueinander. Sie kehren zu dem Acker, dem Paradies ihrer Kindheit zurück, von dem sie aber der rechtmäßige Besitzer, der schwarze Geiger (Bohemien, Proletarier) vertreibt. Er repräsentiert das
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Dionysische Prinzip, das sich ins Diabolische verzerrt: Schreck - und Wunschbild eines triebgesteuerten Lebens, wie es sich der puritanische Bürger vorstellt. Sie können weder die wilde Ehe (wegen Moral), noch die bürgerliche Ehe (wg. Ökonomie und weil Sali Vrenchens Vater blöd geschlagen hat) erreichen. Sie können nur sich gehören im Tod. Dieser Erkenntnis folgt der tödliche Erfüllungsrausch. Romeo und Julias Schicksal erfüllt sich im neuen sozialgeschichtlichen/historischen Kontext. Keller ging es um eine zeitgemäße Adaption des tradierten. Die pathetische, antik-heroische Leidenschaft wird unter Bedingungen, die der gesellschaftlichen Moderne angemessen sind, dargestellt. So trägt er der Dialektik der Kulturbewegung Rechnung. Deshalb verweist er, um den zeitgemäßen Bezug des Ganzen real zu machen, auf die Zeitungsnotiz. Durch diese Authentizität legitimiert sich das Aufgreifen des tradierten Stoffes und dessen Neugestaltung im adäquaten sozialgeschichtlichen Kontext. Die liebenden Kinder treiben in der fiktionalen Realität der Erzählung auf einem Heuschiff in eine räumlich-historische Veränderung: der Übergriff Seldwylas auf das Land. Sie feiern Hochzeit auf dem Schiff, um zu erhalten, was ihnen eine reale Hochzeit versagte: Eigentum. Das Schiff ist mit bäuerlichen unentfremdeten Naturalprodukten beladen und treibt auf die Stadt als den Ort des Marktes, der Sozialisierungsmöglichkeit zu. Die Ladung kann dort in ihren abstrakten Gegenwert (Geld) getauscht werden. Das Schiff treibt aus der Ackerbürgergesellschaft in die aufkommende Epoche der entwickelten kapitalistischen Geldwirtschaft. Diese machte die beiden Familien zu Feinden. Unmittelbar vor der Stadt lassen sich die beiden Verliebten ins Wasser gleiten. Im Verfließen der Zeit, im Strömen des Flußes hat sich die Poesie der Citoyen-Utopie in bourgeoise Prosa verwandelt. In der Bewegung des Schiffes spiegelt sich der gesellschaftsgeschichtliche Prozeß Seldwylas. Kellers kritisch-realistische Adaption des tradierten Stoffes zeigt, daß der Einbruch der prosaischen bürgerlichen Moderne in das Ackeridyll, gerade weil es ökonomisch ist und sich auf das Innere des Menschen auswirkt, unaufhaltsam ist. Konsequenzen für die Protagonisten durch Verknüpfung der Begriffe Ehe und Eigentum. Kellers Novelle stellt dar, was aus dem frühbürgerlichen Ideal der freien, individuellen, natürlichen Liebeswahl geworden ist. Weil die absolut beseelte Liebe von Sali und Vrenchen existent ist, macht sie sie zu Bürgern, ohne daß sie dies im materiellen Sinne wären. Die Liebe der beiden kann also nicht von dieser Welt sein, sondern das wiederhergestellte Paradies des himmlischen Jerusalems. Das Jenseits nur als Protest gegen die diesseitigen gesellschaftsgeschichtlichen Bedingungen. Die Idylle wird zerstört: aus Bauern werden Bürger und die Geldwirtschaft der Stadt Seldwyla
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ergreift das bäuerlich dominierte Umland. Am individuellen Beispiel soll die Auflösung der Ständegesellschaft dargestellt werden. Die Novelle zeigt die geschichtliche Verknüpfung zwischen Innerlichkeit der Menschen einerseits und den sich immer im Wandel begriffenen Gesellschaftsformen und deren ungleichzeitige Entwicklung zueinander. Das Entstehen des literarisch Neuen, wie es nach Kellers Überzeugung als Authentisches nur aus der Dialektik der Kulturbewegung entstehen kann, wird in der Novelle selber thematisiert. Dies ist aber eben nicht nur literaturhistorisch zu verstehen, sondern auch geschichts- und sozialphilosophisch: als Hinweis auf die oft genug poetischen Opfer, die der Fortschritt der Kultur, der deshalb ein dialektischer ist, kostet. Es wird das Schicksal der großen, pathetischen, unbedingten Leidenschaft nach ihrem Eintritt in die Prosa der gesellschaftlichen und geschäftlichen Moderne gezeigt.
4. Frau Regel Amrain und ihr Jüngster
Erzählen/Erziehung durch mütterliche Frauen: Der Novellencharakter zeigt sich hier darin, daß eine Erziehungsgeschichte auf einen extremen, paradoxen Moment hin zugespitzt ist: der Muttersohn tritt an die Stelle des Vaters und degradiert diesen zum Kind. Ferner übernimmt die Mutter die männlichen Erziehungsaufgaben vollständig. Da, wo für Pankraz der Löwe steht, gibt es für Fritz Amrain die Mutter Regula. Er kann deshalb zu Hause bleiben: seine Mutter ist die Naturmanifestation bürgerlicher Lebensnormen. Der fünfjährige Junge verteidigt seiner dreißigjährigen Mutter die Einsamkeit: er schlägt den Gesellen mit der Gardinenstange in die Flucht (157). Danach akzeptiert sie ihn als Stellvertreter und Abbild des weggegangenen Mannes. Durch diese Aktion schlug er gleich drei Mitkonkurrenten aus dem Rennen; er schließt mit seiner Mutter einen Stummen Pakt, nicht darüber zu reden. Regula bewirtschaftet den Steinbruch (bürgerlich-praktisches Moment) und gründet ihre Unternehmung auf Produktion statt Scheinverkehr (153). Idealisiert wird hier die Sonnenseite des Kapitalismus gezeigt: die Sanierung und der Ausbau des väterlichen Geschäfts und die Überleitung des Kindes aus der Familie in die Gesellschaft. Die Mutter als Produzentin des Jungen und der Wirtschaftsgüter, produziert in ihrem Jüngsten das produktive Individuum, das Orginalität auf normale und Normalität auf originelle Weise verwirklicht. Der Wegfall des Vaters hat hier sogar seine positiven Auswirkungen. Ihre Erziehung basiert auf Liebe, und er nimmt sie an, wie sie ist (163). Er ahmt seine Mutter nach, wird aber ein Mann: darin liegt seine eigenständige Leistung des
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Arbeit zitieren:
Christian Schön, 2004, Novellen des Realismus, München, GRIN Verlag GmbH
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