Einleitung
Nach dem viertägigen Blockseminar „Kafka- Ein Landarzt“ entschloss ich mich, inspiriert durch die Sekundärliteratur von Isolde Schiffermüller zu Schakale und Araber, meine Hausarbeit über die Rolle des Ekels in der Literatur Kafkas, illustriert an den Erzählungen Schakale und Araber und Ein altes Blatt aus der Sammlung Ein Landarzt zu schreiben. Schakale und Araber gehört zu einem der wenigen Texte aus Ein Landarzt, die wir nicht gemeinsam in dem Seminar besprochen haben.
Ich werde bei der Interpretation von Schiffermüller nur auf die Aspekte eingehen, die mir für das Thema Ekel wichtig zu sein scheinen. Wie in vielen anderen Texten zu diesem Prosastück geht auch Schiffermüller auf religiöse Deutungsansätze ein, die ich, wenn überhaupt, nur kurz anschneiden werde, da sie mir für mein Thema nur von begrenzter Relevanz erscheinen. Über die Auseinandersetzung mit den für die Thematik bedeutenden Autoren hinaus werde ich auch eigene Überlegungen mit in die Arbeit einfließen lassen. Die Ekelthematik erscheint mir interessant, da Ekel ein Gefühl ist, von dem sich wohl niemand freisprechen kann; ein Gefühl, das jeder kennt, wenn auch verschiedene Menschen unterschiedlich anfällig dafür sind und auf unterschiedliche Dinge reagieren. In meinen Augen ist Eckelerregendes abstoßend, aber gleichzeitig geht von ihm ein gewisser Reiz aus. Dieser Reiz ist auch Kafka alles andere als fremd. Allerdings hat der „Engel des Ekels“ (Menninghaus 2002: 333) seine ganz eigene Art mit diesem Thema umzugehen. Ich hoffe in dieser Arbeit Kafkas Umgang mit Ekel, der mich gleichzeitig fasziniert wie abgestoßen hat, zu verdeutlichen. In Schakale und Araber und Ein altes Blatt wird dem Leser allerdings nur ein kleiner Teil des komplexen Ekel-Gefüges bei Kafka präsentiert. Den anderen Teil, der in Ein Landarzt weniger von Relevanz zu sein scheint, möchte ich jedoch trotzdem in meiner Ausführung über Ekel bei Kafka etwas erläutern, da dieser meiner Meinung nach hilft ein wenig mehr Nähe in die doch sehr befremdliche Welt von Kafkas Ekel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.
Der in das Thema Ekel einführende allgemeine Teil soll einige Erkenntnisse und Überlegungen zum Thema Ekel zusammenfassen und das Interesse an der näheren Beschäftigung mit dem Ekelhaften wecken. Die Literatur, mit der ich mich beschäftigt habe, sowie meine Gedanken und Schlüsse beziehen sich auf das Ekelverständnis der westlichen Kulturen. Gerade im Bereich Esskultur oder Körperästhetik würde ein erweiterter Blickwinkel auf ferne Kulturen sicherlich einerseits auch Parallelen, andererseits aber auch völlig andere Erkenntnisse bringen, die diese Arbeit zwar bereichert, den Rahmen aber völlig gesprengt hätten und ich aus diesem Grunde darauf verzichten musste.
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Ekel
Zunächst stellt sich die Frage, was eigentlich Ekel ist. Kants Antwort darauf lautet: Ekel sei „ein Anreiz, sich des Genossenen durch den kürzesten Weg des Speisecanals zu entledigen“, „eine starke Vitalempfindung“ und „das Bestreben […] eine Vorstellung, die zum Genuß dargeboten wird, von sich zu stoßen“ (1907 ff.: 473). Menninghaus ergänzt diese Definition des Ekels als „eine der heftigsten Affektionen des menschlichen Wahrnehmungssystems“ (2002: 7), sowie einen „Alarm- und Ausnahmezustand, eine akute Krise der Selbstbehauptung gegen eine unassimilierbare Andersheit“ (ebd.: 7).
Jeder Sinn des menschlichen Körpers kann Ekeliges erfassen: Man kann es ertasten, riechen, schmecken, sehen, fühlen und sogar die Vorstellung kann heftige Ekelreaktionen hervorrufen. Das Ekelgefühl ist unsteuerbar, es sei denn, man setzt sich ihm bewusst aus, doch selbst dann überfällt es einen und ergreift Besitz über das Befinden. Weiter beschreibt Menninghaus Ekel als ein „Sollen, ein kategorischer Handlungs- Imperativ- »das« soll nicht in meinem Körper bzw. in meiner Nähe sein oder bleiben- und der Vollzug dieses Imperativs in Erbrechen oder Abwendung“ (2002: 14). Die Reaktion des Ekels als „kräftiges Nein-Sagen“ kann auch in extremer Form „einen Zwang zum Nein-Sagen implizieren, also die Unfähigkeit, nicht Nein zu sagen. Dann bewegen wir uns im Bereich der psychischen Störungen, der Phobien etc.“ (Wahlert 2004: 2).
Paul Bloom (2005) verweist auf Darwin, der sich als erster Wissenschaftler mit dem Thema Ekel befasst hat. Dieser bezeichnet Ekel als einen, dem Menschen angeborenen Instinkt, der ihn vom Essen von verdorbenen Speisen abhalten soll. Ekel kann nicht nur durch Objekte und Gerüche hervorgerufen werden, sondern auch durch Personen und Verhaltensweisen. Auch kann sich niemand völlig von Ekel freisprechen. Treffend zitiert Menninghaus (2002: 9) hier Walter Benjamin: „Es gibt keinen Menschen, der frei von Ekel wäre; nur das ist denkbar, daß einer nie im Leben dem Anblick, dem Geruch oder sonstigen Sinneseindrücken begegnet, der Ekel seinen hervorruft.“
Interessant ist die Feststellung Wahlerts (2004: 2), dass Ekel offensichtlich weltweit von ähnlichen Faktoren ausgelöst wird und auch identische Körperreaktionen (wie z.B. Brechreiz, den plötzlichen Abfall des Blutdrucks) hervorruft: „Exkremente, Erbrochenes, Schweiß, alle Körpersäfte, Blut, Eiter, Wunden, verwesendes Fleisch, Maden, Schleim“, um einige der von Wahlert aufgezählten Ekelfaktoren zu nennen. Allerdings sind diese Ekelerreger zwar weltweit ähnlich, variieren aber doch national oder regional teilweise in einem hohen Maße. Betrachtet man beispielsweise die Esskulturen, entdeckt man die verschiedensten Gewohnheiten diesbezüglich. Europäer empfinden z.B. einige der asiatischen
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Essgewohnheiten als äußerst abstoßend (z.B. das Verspeisen von Tintenfischen bei lebendigem Leibe, oder die Zubereitung von Katzen und Hunden) und auch die deutsche Küche mit Speisen wie Blutwurst und Saumargen mag, je nach Betrachter gemischte Gefühle auslösen.
Ekel wird von der Kultur geprägt. Menninghaus verdeutlicht den Zusammenhang von Kultur und Ekel indem er sich auf Freuds Unbehagen in der Kultur beruft und behauptet: „Kultur ist die permanente Erzeugung abjekter Gegen-, Neben und Unterwelten, ein »ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen«; Ekel ist der Name der Affektverwandlung“ (ebd. 2002: 282). Die Gesellschaft formt die Vorstellungen der Allgemeinheit über Ästhetik. Die Kulturgesellschaft definiert was ekelig ist. Generell weist die kultivierte Gesellschaft ein Streben nach Reinlichkeit und Hygiene auf (vgl. ebd.: 283). Kinder sind noch frei von dem „kulturellen Ekel-Code“ (Menninghaus 2002: 281) und müssen erst durch Erziehung an die kulturellen Ekelschranken herangeführt werden. Menninghaus (ebd.: 283) zitiert Freud, welcher feststellt, dass ein Kind keine Abscheu vor Exkrementen empfindet, sondern diese „als losgelösten Teil seines Körpers“ für „wertvoll“ ansieht. Erst die Erziehung lässt das Kind glauben, dass es sich dabei um wertlose, abstoßende Materie handelt. Durch die Erziehung wird die kulturästhetische Wahrnehmung des Kindes geschult. Dieses Vermitteln von Werten ist wichtig, da der Umgang mit Ekel und Ästhetik Normen im Verhalten innerhalb einer Gesellschaft formt. Verstoßen Menschen noch nach dem Herauswachsen aus der Kindheit gegen diese ungeschriebenen »Schranken der Ästhetik«, so werden sie schnell als »unnormal« oder »pervers« verurteilt. Forscher auf der Suche nach der Geschichte des Ekels stießen und stoßen auf das Problem, dass in der Vergangenheit kaum Dokumente und Daten das Thema betreffend aufbewahrt, beziehungsweise überhaupt erst angelegt wurden, da man diese nicht für Wert befand, oder sie sogar als „unwürdig [und] undezent“ (Menninhaus 2002: 9) ablehnte. Menninghaus weiß zu berichten, dass selbst die zeitgenössischen Ekel-Forscher meinen sich für den Gegenstand ihrer Forschung entschuldigen zu müssen (vgl. ebd.: 9). Auf seiner Suche nach Informationen wurde Menninghaus in der Literatur fündig. Dort ist das Motiv des Ekelhaften immer wieder aufzufinden. Trotz der Verwerflichkeit ekelhafter Anblicke, Gerüche, Geschmäcker, usw. scheint das Ekelhafte gerade in der Literatur kontinuierlich Einzug zu haben und eine breite Leserschaft anzuziehen.
Doch auch außerhalb der literarischen Welten gewinnt die permanente Präsenz von Ekel immer mehr Aufmerksamkeit. Der Autor von Ekel- Theorie und Geschichte einer starken Empfindung zeigt eine „Vermehrung des Ekelhaften in der Gegenwartskultur“ (22) bis hin zur
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Entwicklung einer neuen universalen „Schund- und Ekelqualität“ (23) auf: Er beschreibt den Einzug des Ekeligen in die Esskultur, sowie die wachsende Beliebtheit von schleimigen Monstern, Kitschobjekten, ekelhaften Erscheinungen in den Medien und in der Kunst. Besonders in den künstlerischen Medien findet man heute sowohl Leichenteile, als auch reichlich Exkremente, Blut, Schleim und sonstige Scheußlichkeiten. Ekelhaftes scheint ein breites Publikum anzuziehen. Als Beispiel nennt Menninghaus hier den großen Erfolg der Ausstellung Körperwelten: Einblicke in den menschlichen Körper, in der vom 30. Oktober 1997 bis zum 1. März 1998 aufgearbeitete Leichen ausgestellt wurden, oder das vermehrte Erscheinen von »Splatter Filmen«, die „Ekel-Horror-Porno-Exzesse“ und „Kannibalismus als Inbegriff reizvollen visuellen Zeitvertreibs etablieren wollen“ (2002: 23). Eine weitere interessante Entwicklung im Zuge der zivilisierten Gesellschaft ist das Auftreten von Sättigungs- oder Überdrussekel, ein Phänomen, mit dem sich unter anderem auch Nietzsche und Kant befasst haben und auf das ich im weiteren Textverlauf noch eingehen werde.
Offensichtlich herrscht eine ambivalente Beziehung zwischen Ekel und Obsession. Aber warum hat das Ekelhafte eine solche Anziehungskraft auf Menschen?
Fauna
Kolnai hat in seinem Versuch das Phänomen des Ekels zu ergründen auch auf das seltsame Verhältnis der Menschheit zu Insekten hingewiesen. Die Ekelschranken in Bezug auf die Tierwelt sind zwar individuell, jedoch scheinen Insekten in unserer Kultur einen besonders großen Ekelfaktor zu haben. In vielen Menschen erregt der bloße Gedanke an Würmer, Fliegen, Käfer, und Falter und eine Abwehrreaktion (vgl. Kolnai 1929: 540/541) aus, die manchmal sogar in hysterische Anfälle ausartet, oder Übelkeit, Gänsehaut und andere Reaktionen hervorrufen kann. Auslöser für diese Empfindungen sind unter anderem die Verbindung dieser Lebewesen zu Müll, Verwesung, Fäkalien, Schmutz, das für uns überdimensionales Fortpflanzungsverhalten, ihre Art sich fortzubewegen (z.B. Kriechen, Krabbeln, Flattern) sowie ihr, weit von dem der Säugetiere entfernter Körperbau. Auch andere Tiere, wie z.B. Quallen oder Reptilien gelten (vermutlich aufgrund der Andersartigkeit ihrer Hautoberfläche) weitestgehend als abstoßend. Trotzdem gewinnen sie mit der oben erwähnten „Vermehrung des Ekelhaften in der Gegenwartskultur“ zunehmend an Beliebtheit.
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Der menschliche Körper
Die von der westlichen Kulturell geprägten Schönheitsideale befürworten eine „schlankelastische Kontur ohne Fettansätze, tadellose jugendliche Festigkeit und ununterbrochene, Falten- und öffnungslose Linienführung der Haut, Entfernung von Körperbehaarung (vgl. Menninghaus 2002: 16), ein sportliches Äußeres, gepflegte Nägel und Haare, sowie eine insgesamt hygienische Erscheinung. Während sich die Schönheitsideale im Laufe der Zeit wandeln bleiben die Übereinkünfte über ein abstoßendes Erscheinungsbild recht konstant: Fettige Haare auf schuppiger Kopfhaut, schwabbelige Fettpolster, Pickel, Pusteln, Hautausschläge jeglicher Art, Warzen, Körperbehaarung verschiedener Bereiche des Körpers, vergilbte und ungepflegte Finger- und Zehennägel und gelbe bis faulende schiefe Zähne. Hinzu kommen Gerüche wie Schweiß und andere Körperausdünstungen, Mundgeruch, so genannte Käsefüße, etc.
Eine ganz besonders widerliche Bedrohung für das ästhetische Wohlbefinden scheint das Körperinnere zu sein. Die „inneren Organe sowie alle Prozesse der Resorption und Ausscheidung“ (Menninghaus 2002: 82) werden strengstens vermieden. Schon früh wird kleinen Kindern beigebracht, dass es zwar ein toller Erfolg sei selbstständig »ins Töpfchen zu machen«, es sich bei den Exkrementen aber um Abfall, um Ekeliges handele. In der Antike ging man sogar so weit, dass man den steinernen Götterplastiken eine Gestalt gab, als besäßen sie kein Körperinneres (vgl. ebd.: 85). Allein das Vorhandensein der Körperöffnungen deutete im damaligen ästhetisch-kritischen Blick auf die »widerliche« Existenz des Körperinneren hin, weswegen diese gar nicht erst dargestellt wurden. Blut, Eiter, Speichel, Körpersekrete, Menstruationsblut, all diese Substanzen haben ihren Ursprung im weichen Körperinneren und sind allgemein wirkende Ekelauslöser.
Auch werden körperliche Behinderungen wie Verstümmelungen und Missbildungen häufig als ekelig empfunden. Auch wenn man aus menschlich-sozialen Gründen versucht ist sich seine Empfindungen nicht anmerken zu lassen. Hier mischt sich Ekel mit Mitleid. Der Inbegriff aller als ekelig abgestempelter Tabus in der Literatur ist die Figur der vetula: eine alte ekelhafte Frau mit rundum abstoßendem Erscheinungsbild, ekelhaften Ausscheidungen und einer Neigung zu fragwürdigen sexuellen Praktiken. Menninghaus nennt diese Figur zusammenfassend: „ein obszöner, verwesender Leichnam schon zu Lebzeiten“ (ebd.: 16). Schon in der Antike tauchte die Figur der vetula als Inbegriff des Ekelhaften auf. Als ein Beispiel für das Auftreten der vetula in der Literatur nennt Menninghaus (2002: 166) Immanuel Kant, bei dem die hässliche Alte „sich zum sexuellen Genuss aufdrängt“ und somit auf die „provokative Geilheit der antiken vetulae“ zurückgreift.
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Sexualität
Eine wichtige Rolle in der Theorie zur Entwicklung des heutigen Gefühls für Ekel spielt die von Menninghaus (2002: 19) zitierte These von Freud der „Emergenz des aufrechten Ganges und der zivilisierten Verekelung der analen Lust und des Riechens an den Genitalien“. Die Ekelempfindung der Gesellschaft in Bezug auf Nase, Mund und Anus als »Sexualzonen« beruht nach Freud auf dieser „Libido-, Verdrängungs- und Kulturtheorie“. In Freuds Überlegungen lassen sich Tiere sexuell vor allem durch Körpergeruch leiten. Seitdem der Mensch sich zum aufrechtem Gang hin entwickelt habe und somit eine Distanz des Riechorgans Nase zu den Geschlechtsorganen, sowie der analen Körperöffnung gewonnen habe, hätten Gerüche aus dem Intimbereich an Bedeutung verloren, wodurch die anale und orale Libido der Einordnung in das Ekelhafte verfallen sei. Freud erkläre damit, wie sich Objekte der Verehrung in solche des Ekels umwandeln. Er begründe also die Verdrängung und Verekelung von oraler und analer Libido mit der Evolution des Menschen. Er weist aber auch darauf hin, dass der Kulturprozess immer Überwindungen und Zurückdrängen von Entwicklungsstufen mit sich bringt und das „eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser in erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in solche des Abscheus sich umwandeln“ (Menninghaus zitiert Freud: 282). Eine solche These würde bedeuten, dass Ekelerreger meist zunächst begehrenswerte Faktoren gewesen sind, welche im Laufe der Zeit durch Weiter- und Höherentwicklung verdrängt wurden und sich ihre Wirkung ins Gegenteilige wendete. Diese Verdrängung ist stets »unvollkommen«, denn in den Abwehrbildungen lebt das Abgewehrte weiter (vgl. ebd. 2002: 281), so dass eine vollständige Überwindung unmöglich bleibt. Daraus resultiert, dass Ekel zu einer »strukturellen Unbefriedigung« des Sexualtriebs führen kann, da Gelüste aus kulturästhetischen anerzogenen Gründen ständig verdrängt werden. Wieder zitiert Menninghaus (285) Freud, der in seinen Gedanken Über die allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens meint erkannt zu haben, dass „eine Ausgleichung der Ansprüche des Sexualtriebes mit den Anforderungen der Kultur überhaupt nicht möglich“ sei. Besonders dem männlichen Geschlecht werden häufig nicht kulturkonforme sexuelle Vorlieben zugeschrieben. Menninghaus fasst eine These aus Freuds Über die allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens zusammen:
„der »gebildete« Mann [unterdrückt] seine perversen Neigungen gegenüber der eigenen Frau und entwickelt ihr gegenüber deshalb nur eine stark reduzierte sexuelle Lust. Komplementär kann er »seine volle Potenz« nur gegenüber »niedrigen« Frauen entwickeln, denen er »ästhetische Bedenken nicht zuzutrauen braucht« (Freud in Menninghaus 2002: 298).
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Mit diesen »niedrigen« Frauen meint Freud die Prostituierten und die Dienstmädchen, deren »Dienste« unabdingbar und wünschenswert für die gesunde Entwicklung der „Ekel- und Perversionsfreiheit des »gebildeten Mannes«“ (ebd.: 299) seien. Werden diese Triebregungen unterdrückt, wird also nicht der „Weg der offenen Perversion“ (ebd.: 285) gegangen, so kann es zur Bildung krankhafter Neurosen kommen. Mit dieser Überlegung lässt sich auch die beständige (überwiegend männlich geprägte) Nachfrage an Bordellen und pornografischen Filmen erklären.
Der Erfolg oder Misserfolg in Bezug auf das Anerziehen von Ekelschranken sowie kindliche Sexualerfahrungen prägt nach Freud das individuelle Verhältnis zu Ekel und Vorlieben in der eigenen Sexualität. Das Ausleben verschiedener von der Kultur verdrängter libidinöser Praktiken führt in gesellschaftlichen Augen zur Etikettierung als »pervers«, als Abweichung vom »Normalen«. Menninghaus (288) zeigt hier die verschiedenen Auslegungen der Perversität nach Freud:
„Was wir im Leben der Erwachsenen »pervers« nennen, weicht vom Normalen in folgenden Stücken ab: erstens durch das Hinwegsetzten über die Artschranke (die Kluft zwischen Mensch und Tier), zweitens durch die Überschreitung der Ekelschranke, drittens der Inzestschranke (des Verbots, Sexualbefriedigung an nahen Blutsverwandten zu suchen), viertens der Gleichgeschlechtlichkeit, und fünftens durch die Übertragung der Genitalrolle an andere Organe und Körperstellen.“ Menninghaus fasst zusammen, dass »pervers« Ekellosigkeit im Feld normativer Ekelerwartungen und Verdrängungsleistungen sei. Infantile Libido bestünde weiter fort und die kulturelle Entwertung von Gerüchen, Exkrementen, Mund und Anus sei gescheitert (vgl. ebd. 2002: 289). Das kindliche Nichtwahrnehmen von Ekel wurde nicht (völlig) durch Faktoren wie Erziehung und Vermittlung kultureller Ekelschranken verdrängt.
Übersättigung und Schönheitsekel
Mendelssohn beschreibt in seinem 82. Literaturbrief eine Art Schönheitsekel, bei dem sich Lust schnell in Unlust verwandelt, da es zu Übersättigung kommen kann, die schnell Ekel mit sich bringt (vgl. Menninghaus 2002: 41). Ein solcher Schönheitsekel kann beispielsweise nach zuviel Verzehr von übermäßig süßen Leckereien aufkommen, aber auch in zwischenmenschlichen Beziehungen auftreten: „Du belieferst mich ständig mit Tagestipps, du versüßt mir die Öde, doch es wird langsam klebrig. Zwischen Himbeerbonbons und Kartoffelchips, ich weiß, das ist blöde jetzt, aber weiter so geht nicht!“, so ein Ausschnitt aus dem Song „Streuner“ von Anajo, um die Aktualität des Themas an einem Beispiel aus der heutigen Musikkultur zu belegen. Auch in sexueller Hinsicht kann es zu einer solchen Übersättigung kommen.
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„Das problematische, Ekel- gefährdete Moment der Sättigung ist nicht das Genug der lustvollen Befriedigung, sondern das Zuviel, das sich in eben diesem Befriedigungsmoment eröffnet, sofern nämlich das Objekt der bereits an ihr Ziel gelangten Begierde sich zu weiterer Konsumtion anbietet“ (Menninghaus 2002: 43).
So wird aus Begierde schnell Langeweile, Überdruss und daraus wiederum Ekel. Die Übersättigung kann verhindert werden, wenn das Unangenehme mit dem Angenehmen vermischt wird. Menninghaus (2002: 42) bringt es auf den Punkt: „um schön sein und bleiben zu können, bedarf das Schöne von sich aus der Ergänzung durch etwas anderes, Nicht- (nur)-Schönes“. Schon im 18. Jahrhundert stellte man fest, dass man sich durch unendliche Abwechselung, auch sexuell gesehen, vor Übersättigung und ekelerregender Langeweile schützen kann (vgl. Menninghaus 2002: 44). Eine weitere Barriere vor Übersättigung soll eine gewisse Diätetik sein: Nur wer seine Lust in Maßen genießt wird dieser nicht überdrüssig.
Kant hat das Ekelgefühl der Übersättigung noch weiter untersucht und die Anekelung der eigenen Existenz aus „Langeweile und Lebensüberdruß“ (Menninghaus 2002: 225) diagnostiziert. Diese Form des Ekels scheint daher besonders gefährlich zu sein, da sie sich aus einer Überreizung von Eindrücken des Begehrens heraus entwickeln kann: „da sich starke Reize tendenziell auch am stärksten verbrauchen, droht der positiven Besetzung ekelhafter Begierden und Objekten überall das Schicksal der Anästhetisierung“ (ebd.). Nietzsche erwähnt hier den Zusammenhang zwischen dem Überdruss am Leben, der Ermüdung“ und dem Wunsch nach dem »Ende« (Nietzsche 1887: 366) und weist damit auf die Gefahr des Selbstmordes hin. Die Symptome für den »Willen zum Untergang« sind unter anderem Ermüdungserscheinungen und Missmutigkeit, ein Nein-Sagen zum Leben (vgl. Menninghaus 2002: 227).
Nietzsche selbst ekelt sich vor allen Formen des Lebensekels, die er in Genealogie der Moral benennt und scharf verurteilt. Er missbilligt die „von vornherein Verunglückten“ (Nietzsche 1887: 368), jene, die sich voller Selbstverachtung wünschen jemand anderes zu sein. Er bezeichnet diese „Leidenden“ sogar als „bösartig“, die sich gemeinsam gegen die Erfolgreichen verschwören und deren Erfolg hassen, in ihrer „Verlogenheit“ diesen Hass aber nicht zugeben würden (vgl. ebd.). Nietzsche steigert sich weiter in seine Gefühle des Ekels und der Missachtung gegenüber diesen „Untersten“ und „Kranken“ und geht sogar soweit sie als „Missgeburten“ zu beschimpfen (vgl. Nietzsche 1887: 368-370).
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Lust am Schrecklichen
Warum empfinden Menschen „ästhetisches Vergnügen an unangenehmen Gegenständen“? Wie kommt es zu „jener paradoxen Lust an der Darstellung von Schrecken aller Art, die auch Lizenzen zum Hässlichen, Schauerlichen und Abscheulichen einschließt“ (Menninghaus 2002: 51)? Um einer Antwort auf diese Fragen näher zu kommen werfe ich zunächst einen Blick auf die bildende Kunst, in der Ekel eine große Rolle spielt. Das Ekelhafte begleitet die Werke der bildenden Kunst schon seit Jahrtausenden, wie z.B. in einem Werk von Peter Paul Rubens, der 1636-38 einen lebensgroßen Saturn auf einer Leimwand entstehen ließ, der seinen kleinen Sohn bei lebendigem Leibe verspeist. Diese sehr detaillierte Darstellung beruht auf einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen, und geht somit thematisch bis in die Mythologie der Antike zurück (vgl. Büttner 2007: 95). Die Kunst besitzt die Kraft unangenehme Empfindungen und „deprimierende Gegenstände in solche des Gefallens zu überführen“ (Menninghaus 2002: 16). Menninghaus erklärt diese „Lust am Schrecken“ erfüllt durch z.B. tückische Hinterlisten, grausame Morde und wilde Inzestgeschichten im Drama durch
„Auslösung einer starken Selbstwahrnehmung des Zuschauers. Konfrontiert mit abscheulichen Taten, durchbricht die »Seele« des Betrachters ihren ästhetisierten Zustand in banalem Alltag oder trüber Langeweile und fühlt sich selbst »lebendig«, weil mit starken Empfindungen hoher Reizamplitude agitiert“ (ebd.: 17).
Durch den hohen Grad der Intensität und Leidenschaftlichkeit der unangenehmen Empfindungen wird ein positiver Beigeschmack erzeugt.
Menninghaus verweist auch auf die „intellektuelle Distanzlust“ (ebd. 2002: 51). Wir genießen die Darstellung des Schreckens aus sicherer Entfernung, wohl wissend uns jeder Zeit in die „wirkliche Unversehrtheit“ zurückziehen zu können. Eine direkte Konfrontation mit Ekelhaftem wird dabei vermieden und wir wägen uns in Sicherheit. Die Anziehungskraft des Ekelhaften macht wohl vor allem die Befriedigung des „Reizhungers“ (ebd.:52) aus. Ekelhaftes kann als Sensation funktionieren, die den Menschen vor Langeweile bewahrt und die eigenen Grenzen testet.
Ein Landarzt
Inhalt: Schakale und Araber
Der Erzähler, ein europäischer Reisender, übernachtet mit einer Karawane von Arabern in der Wüste. Durch das Heulen der Schakale in unmittelbarer Nähe des Lagers wird er am Einschlafen gehindert. Die Tiere umzingeln ihn und die Anführerin der Schakale möchte dem
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verwunderten Europäer Glauben machen, dass diese schon seit Generationen auf ihn und die durch ihn kommende Erlösung gewartet hätten. Sie bittet den Reisenden den Schakalen bei der Beseitigung der Araber, die durch ihr Erscheinungsbild und ihr Verhalten eine unerträgliche Plage für die Tiere darstellen, zu helfen und ihnen somit Frieden und Reinheit zu bringen. Der älteste Schakal beklagt, dass die Araber Tiere abschlachteten um sie zu essen und mit dem geflossenen Blut und dem Aas die Welt befleckten, während die Schakale das Land von dem Aas reinigten. Da es den Aasfressern von Natur aus nicht möglich ist zu töten, bitten sie den Europäer um Hilfe. Mit einer kleinen rostigen Nähschere soll der Reisende die Araber umbringen und die Erlösung bringen. Einer der potentiellen Opfer, der das Gespräch belauscht hat, unterbricht die Runde lachend und mit schwingender Peitsche und versetzt die Tiere in die Flucht. Von ihm erfährt der Reisende, dass jeder die Karawane begleitende Europäer von den Schakalen gebeten würde seine arabischen Gefährten mit der kleinen Schere umzubringen. Um das Verhältnis zwischen Arabern und Schakalen für den Reisenden zu demonstrieren wirft er den Tieren den Kadaver eines toten Kamels vor, um die sich auf das Aas stürzenden Schakale dann anschließend wieder mit der Peitsche zu verjagen.
Inhalt: Ein altes Blatt
Schauplatz der Geschichte ist der Platz vor dem kaiserlichen Palast eines von Nomaden besetzten Landes. Der Schuster berichtet von den befremdlichen Ereignissen, die sich auf dem Platz vor seiner Schusterwerkstatt zutragen. Wilde bewaffnete Nomaden belagern den Platz und leben dort, viel Unrat produzierend, gemeinsam mit ihren Pferden unter freiem Himmel. Die Besetzer kommunizieren untereinander in Dohlenschrei ähnlichen Lauten. Die Sprache des Landes sprechen sie nicht und verweigern sich auch jeglichen Versuchen der Kontaktaufnahme von Seiten der Einwohner des Landes. Allerdings bedienen sie sich großzügig an deren Vorräten, wobei sie auch vor lebendigen Tieren als Nahrungsmittel keinen Halt machen und diese gemeinsam mit ihren (gegen der Natur der Tiere) fleischfressenden Pferden bei lebendigem Leibe verzehren.
Der Kaiser und seine Soldaten scheinen hilflos und kampflos aufgegeben zu haben. Der Schuster und seine Mitstreiter, die Handwerker und Geschäftsleute, sehen die Verteidigung des Vaterlandes als ihre Aufgabe, wohl wissend, dass sie dieser Herausforderung nicht gewachsen sind und daran zugrunde gehen werden.
Interpretation von Schakale und Araber nach Isolde Schiffermüller:
Schiffermüller (2004:103) unterteilt den Text in zwei Teile: Der erste Teil beschäftigt sich mit Themen und Tabus aus dem alten Testament, während es in dem zweiten Teil eher um
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„aktuelle, neuzeitliche Konstellationen“ geht. Ihrer Meinung nach beschreibt Kafka in Schakale und Araber den Kontrast zwischen den Arabern und dem Europäer, sowie den kulturell sehr unterschiedlich geprägten Umgang mit der Fauna. Der Aspekt des Ekels nimmt bei ihr nur einen relativ kurzen Teil der Ausführungen in Anspruch, den ich im Folgenden versuchen werde aufzuzeichnen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht nach Ansicht von Schiffermüller die Erlösungshoffnung. Träger dieser Hoffnung sind die aasfressenden Schakale, die mit menschlichen Stimmen ihre „Klage um Erlösung von Schmutz und Gewalt der menschlichen Physis“ (Schiffermüller 2004: 95) aussprechen. Kafka, der in den Briefen an Milena selbst seine Texte als „Geschrei mit der Reinheit“ bezeichnet, spricht damit in Schiffermüllers Augen einen wichtigen Aspekt seiner Prosa an. Vor allem in Tagebucheinträgen und Briefen findet man Kafkas „meisterhafte Rhetorik der Selbstbeschmutzung“ (ebd.) vor, in der er sich selbst als schmutzig bezeichnet. So schreibt er z.B. an Milena: „Schmutzig bin ich Milena, endlos schmutzig, darum mache ich ein solches Geschrei mit der Reinheit“. Das Wesen der Araber und ihr äußeres Erscheinungsbild empfinden die Schakalen als unerträglich widerlich: „ein Grauen ist ihr Bart; speien muß man beim Anblick ihrer Augenwinkel; und hebt einer den Arm, tut sich in der Achselhöhle die Hölle auf“ (24). Das Ekelgefühl ist so groß, dass es die Schakale unfähig macht ihre Feinde zu töten: „Soviel Wasser hätte der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft, in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist“ (23). Durch die Geste des Kopfsenkens und das ablenkende Putzen der Pfoten zeigt Kafka „ganz buchstäblich die Dynamik des Ekels“ (Schiffermüller 2004: 99). Den Ekel am Menschen wollen die Schakale nicht nur überwinden, sondern ihm durch die Hilfe des Reisenden entfliehen. Das klagende Geheule der Tiere „nach Frieden von der weltlichen Gewalt [] steigert sich bis zu jenem »Geschrei mit der Reinheit« (Menninghaus 2002: 422), das Kafka als seine Literatur bezeichnet hat“ (ebd.: 100). Sie sehnen sich nach einem „gewaltfreien Traum europäischer Vernunft“ (ebd.: 100) in dem sie ungestört ohne das Leiden durch die Araber leben können. In diesem Traum „soll alles Getier [ruhig] krepieren“ (24) um dann ungestört von den Schakalen „leergetrunken und bis auf die Knochen gereinigt [zu werden]. Reinheit, nichts als Reinheit wollen wir“ (24). Das, was die Schakale verzehren wollen, verstößt gegen die Reinheitsgesetzte des Levitikus, der den Menschen den Verspeis von Blut und Aas verbietet (vgl. Altes Testament: Lev 13), Schiffermüller (ebd.: 98) führt dieses auf die frühzeitliche Trennung zwischen Reinem und Unreinem zurück und erinnert damit an die altbiblischen Reinheitsgesetze des
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Levitikus. Die Reinheitsgebote aus dem alten Testament unterteilen die Welt in Rein und Unrein. Rein ist alles Schöne, Saubere und Hygienische. Unrein dagegen ist die Sphäre des Schmutzigen. Laut Hütter (2003: Abschnitt 1) ist das Unreine in vier Bereiche unterteilt: „körperliche Ausflüsse (Schleim, Eiter, Samenfluss, Menstruationsblut,…), Leichen, Hautkrankheiten und gewisse Fleischsorten, deren Verzehr als widerwärtig empfunden wurde“ (ebd.). Hütter betont, dass diese Unterscheidung sich nicht mit der Unterscheidung zwischen sündig und nicht sündig deckt. Unreinheit (z.B. durch eine Hautkrankheit) sei keine Sünde, werde aber durchaus als Zeichen für Sünde angesehen.
Kafka wählt die Wüste als einen „Ort der Klage, einer animalischen Klage“ (Schiffermüller 2004: 96). Ein trockener, kahler, extremer Ort in der Ferne und für viele ein Ort in der Phantasie. Auch durch das Vorkommen der Schakale, der aasfressenden Tiere der Wüste, entsteht eine gewisse Distanz, die aber durch das lebhaft beschriebene Gewimmel der Leiber um den Reisenden herum wieder aufgehoben wird. Die Distanz zwischen Tier und Mensch schwindet weiterhin durch das Gespräch zwischen dem Erzähler und der Anführerin der Schakale in menschlicher Sprache. Doch abrupt wird diese Verbindung durch das Hinzukommen des Peitschen schwingenden Arabers gekappt, der die Tiere zurück in ihr animalisches Wesen treibt. Die von Schiffermüller genannte Distanz zwischen Mensch und Tier scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein, auf den ich im Verlauf der Arbeit zurückkommen werde. Schiffermüller (2004: 97) verweist an dieser Stelle auch auf die „Schwelle, an der sich Tierstimme und menschliche Sprache, phone und logon scheiden“, die in Schakale und Araber als ein „sehr alter Streit“ bezeichnet wird. Fast rührselig erscheint das Schluchzen und Weinen, sowie die Anrede „du edles Herz und süßes Eingeweide“. Die Schakale bitten den Europäer ihre Erlösung zu vollstrecken: „Darum, o Herr, darum o teurer Herr, mit Hilfe deiner alles vermögenden Hände, mit Hilfe deiner alles vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Schere die Hälse durch!“ (24). Wieder spricht Kafka eine Differenz zwischen Tier- und Menschenwelt an. Während der Europäer über „ alles vermögenden Hände“ verfügt bleibt den Schakalen nur ihr Gebiss, mit dem sie es nicht vermögen zu töten. Aufgrund dieses Defizits sind die Schakale auf die Hilfe des Erzählers angewiesen.
Etwas grotesk scheint hier der „rätselhafte Bildwitz der kleinen rostigen Nähschere“ (Schiffermüller 2004: 101) als Instrument der Erlösung. Schiffermüller bezeichnet dieses Werkzeug als „das traurigste und zugleich doch tiefsinnig komischste Werkzeug“ (2004: 101).
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Ekel in Schakale und Araber und Ein altes Blatt
Schakale werden in Europa im Allgemeinen als recht primitive Aasfresser angesehen. In ihrem Aussehen ähneln sie einem Wolf, sind aber deutlich kleiner als ein solcher (vgl. Matschie 1920: 258).
Auch in Kafkas Schakale und Araber können sich die Tiere nicht völlig von diesem Image des primitiven Aasfressers trennen. Als ihnen der Kadaver eines Kamels vorgeworfen wird vergessen sie alle Feindschaft, die sie Sekunden zuvor fast gebetsähnlich dem Europäer aufgezeigt haben und stürzen sich auf das Objekt ihrer Begierde. Die Futtergier siegt über alles:
„Sie hatten die Araber vergessen, den Haß vergessen, die alles auslöschende Gegenwart des stark ausdunstenden Leichnams bezauberte sie. Schon hing einer am Hals und fand mit dem ersten Biss die Schlagader. Wie eine kleine rasende Pumpe, die ebenso unbedingt wie aussichtslos einen übermächtigen Brand löschen will, zerrte und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz. Und schon lagen in gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg“ (25).
Sie bleiben Tiere, gelenkt durch Instinkt, getrieben von der Lust nach verwestem Kamel. Ihr Atem verströmt einen Geruch, der für den Europäer „zeitweilig nur mit zusammengeklemmten Zähnen“ (23) zu ertragen ist. Aufgrund ihrer Natur als Aasfresser assoziiert man mit Schakalen das Gefühl von Abscheu. Sie sind nicht in der Lage sich selbst Beute zu erlegen, was sie primitiv erscheinen lässt. Unterstützt wird diese Einfachheit durch das Suhlen in ihrer toten, schon leicht zersetzten Nahrung. Zu den typisch ekeligen Tieren in Kafkas Literatur scheinen Schakale allerdings nicht zu zählen, zumindest wenn man den Untersuchungen Menninghaus´ Glauben schenkt, der vor allem Ratten, Mäuse, Würmer, Mistkäfer und Schweine als die „Chiffren in Kafkas Bestiarium »ekelhafter« Tiere“ (ebd.: 365) festmacht.
Trotz ihres animalischen Verhaltens sehnen sich die Tiere nach Frieden und Reinheit. Dieses „Geschrei mit der Reinheit“, welches die Tiere erklingen lassen, hat Kafka offensichtlich selber des Öfteren in Briefen geäußert (vgl. Menninghaus 2002: 422). Dadurch, dass er den Tieren sein eigenes Anliegen in den Mund legt, identifiziert er sich in gewisser Weise selbst ein wenig mit den Schakalen. Indem er sich mit den aasfressenden Tieren auf eine Stufe stellt deutet er auf seine animalische Seite hin. Betrachtet man das Wesen der Schakale genauer so entwickeln sich gemischte Gefühle ihnen gegenüber: Einerseits empfindet man Mitleid mit den armen Kreaturen, andererseits bewirkt ihre unterwürfige Art und ihr befremdliches und abstoßendes Essverhalten das Aufkommen von Ekelgefühlen. Menninghaus bezeichnet Kafka als einen Künstler der „systematischen Selbsterniedrigung“ (ebd.2002: 368), wobei ihm die Welt des Ekelhaften wahre Dienste leistet. Besonders in
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seinen Briefen an die Briefpartnerinnen Milena und Felice neigt Kafka dazu, sich als das Ekelhafte Selbst zu bezeichnen. Menninghaus versucht dieses Verhalten mit dem sowohl literarischen, als auch religiösen „Modell von Selbsterniedrigung in Erhöhung und Rettung im (christlichen) sermo humilis“ zu erklären (ebd.: 367). Für Kafka bedeutet Selbsterkenntnis ein Eingeständnis über die eigenen »Gemeinheiten«. Wenn dem Menschen nach dieser negativen Erkenntnis über sich selbst die Kraft fehle, um an einer positiven Selbstveränderung zu arbeiten, so bleibe ihm nur noch der Ausweg der Selbstzerstörung als kläglicher Versuch die gewonnene Selbsterkenntnis rückgängig zu machen (vgl. ebd.: 368). Menninghaus stellt dabei allerdings in Frage, ob Kafka mit dieser systematischen Erniedrigung nicht auch ein wenig das Erzeugen von Mitleid bezweckt, denn die Beschreibung seiner »abscheulichen Sonderbarkeiten« in den Briefen an Felice und Milena scheint die Darstellung einer Wahrheit zu sein, „die sich mangels Glaubbarkeit selbst in Frage stellt“ (Menninghaus 2002: 369). Mit dieser negativen Selbstdarstellung erzielt Kafka bei den beiden Rezipientinnen seiner Briefe eher Unglauben vermischt mit Mitleid als Ablehnung, ein ähnlicher Effekt wie der der Figuren der Schakale. Ob dieser Effekt von dem Verfasser gewollt war bleibt Spekulation. Was die Schakale von dem Reisenden verlangen, ist der Genozid an den Arabern, aus deren Hochmut „kein Funken Verstand zu schlagen“ ist. Diese brutale Tat erscheint den Schakalen als einzige Möglichkeit die ersehnte Reinheit zu erreichen. Sie ekeln sich vor den menschlichen Bewohnern der Wüste, an denen alles dreckig und abstoßend zu sein scheint: „Schmutz ist ihr Weiß; Schmutz ist ihr Schwarz;“ (24). Ihr Ekel geht sogar soweit, dass sie bei dem Gedanken an den Kontakt mit den Arabern ihren Kopf senken müssen und durch kleine Reinigungsarbeiten ihrer Extremitäten den Widerwillen zu verbergen versuchen. Von dem Tod ihrer Peiniger versprechen sie sich Frieden in der Wüste und „atembare Luft“ (24). Die Araber, die durch ihr Erscheinungsbild und ihr Verhalten die Luft der Wüste verpesten und den Schakalen das Leben drastisch erschweren scheinen Ursache allen Übels zu sein. Wiederholt wird betont, dass der Hass nicht auf Angst vor den Feinden beruht („noch niemals in der Weltgeschichte“ (22) habe sich ein Schakal vor einem Araber gefürchtet), sondern auf tiefem Ekel vor denselben.
Wie auch Schiffermüller geht Menninghaus auf die Ortsauswahl der Wüste als Schauplatz des Geschehens ein. Doch bei ihm steht die Darstellung von Essekel und dem rauschhaften Fleischkonsum im Fordergrund seiner Untersuchungen zu dem Text. Er sieht die Wüste als Mittel um Distanz und Kontrolle über die „bedrohliche orale Lust“ (Menninghaus 2002: 422) zu schaffen. Menninghaus deutet auf die „Einheit von Fleischessen, Bluttrinken und Reinigung“ hin, die durch die aasfressenden Schakale verdeutlicht wird. Durch das Verzehren
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des Aases wird die Erde von diesem stinkenden, vor sich hin vegetierenden Abfall befreit. Somit tragen die Schakale, die ja eigentlich, da sie sich von Aas ernähren und sich in den übel riechenden Resten ihrer Nahrung suhlen abschätzig als niedrige Tiere gelten, zur Reinheit und Sauberkeit bei. Obwohl der Leichnam des Kamels schon ein gewisses Stadium der Verwesung erreicht hat, gelingt es Kafka durch eine „Darstellung der unwiderstehlichen Bezauberung“ die Ekelschranken vollständig zu neutralisieren (vgl. ebd.: 422) und die Schakale als „wunderbare Tiere“ (26) die Geschichte beenden zu lassen. Das blutige Schauspiel wird zur Belustigung für den Araber, der die Schakale mit den Haustieren der Europäer vergleicht und sie sogar liebevoll als schöner befindet (vgl. Kafka: 23). Die Aasfresser kümmern sich wenig um christliche Reinheitsgebote. Ihrer Natur nach sind sie wenig anspruchsvoll und geben sich mit dem zufrieden, was sie bekommen können, da ihr Gebiss nicht zum Töten ausgerichtet ist. Dadurch, dass sie das »unreine« Fleisch essen sorgen sie für Reinheit: Sie säubern die Wüste von dem Aas. Auf diese Weise stellt Kafka die Schakale in ein neues Licht. Indem er die Geschöpfe selber Ekel empfinden und sie nach Reinheit streben lässt, spielt er mit dem klassischen Ekelempfinden gegenüber der aasfressenden Spezies. Komplementär lässt er die Araber durch das böse Spiel mit dem Locken und Quälen der Schakale nach meinem Empfinden abartig und widerwärtig erscheinen.
Dass der Tod der Araber weniger Aas und damit weniger Nahrung für sie bedeuten würde scheinen die Schakale gerne in Kauf zu nehmen, denn durch den Genozid ihrer Feinde gebe es „Frieden“ und „atembare Luft“ (24). Sie wünschen sich eine von Menschen unberührte Natur, in der „alles Getier“ „ruhig [] krepieren“ (24) soll. Ohne das Eingreifen der Araber in die Natur könnte Reinheit herrschen, die Schakale hätten die Freiheit das Aas in Ruhe auszutrinken und es „bis auf die Knochen“ zu reinigen (vgl. Kafka: 24). Trotz des starken Ekels, den die Schakale den Arabern gegenüber empfinden scheinen die Tiere in einer unbewussten Weise abhängig von den Menschen zu sein. Zwar hassen sie die Araber, doch lassen diese sie durch eine einfache und routinierte Methode (das Füttern mit Aas) zu fast willenlosen Marionetten werden, die in ihrer Fresslust ihren Hass vergessen und sich „wie von Stricken“ (25) gezogen auf das Futter stürzen. Die Wahl der kleinen rostigen Nähschere als potentielle Mordwaffe wirkt grotesk und der Versuch der Schakale, sich von den Arabern zu lösen somit fast lächerlich und tief hoffnungslos.
Kafkas lustvolle Phantasien über verschiedenste Varianten des Fleischkonsums bis hin zur wilden Orgie sind hier deutlich zu erkennen. Er lässt die Tiere jene Orgie ausleben, die für ihn selbst ein Tabu bleibt, was eine weitere Identifikation mit den Wüstentieren darstellen könnte.
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Der Fleischkonsum spielt eine wichtige Rolle in dem Leben des vegetarischen Schriftstellers. Gibt man die beiden Begriffe „Kafka“ und „Vegetarier“ in eine in Deutschland übliche Suchmaschine des Internets ein, so erscheinen diverse Links zu Vegetarier-Bünden, die sich auf Kafka berufen. Allerdings begründet sich die Verbundenheit Kafkas zum vegetarischen Essverhalten nach Menninghaus´ Untersuchungen keineswegs aus einer Einstellung aus Respekt dem vor dem Leben und der Seele der Tiere, sondern beruht vielmehr auf einer „selbstpathologischen Sichtweise“ (Menninghaus 2002: 405). Kafka behauptet er könne kein Fleisch zu sich nehmen, da sein Magen zu schwach dafür sei. Er verbindet den Konsum von Fleisch mit einem unüberwindbaren Ekelempfinden, wobei er den Fleischbegriff nicht nur auf das tote Tier bezieht, sondern auch sexuelle Kontakte als Fleischkonsum versteht und diese als „»unbekömmlich« und feindlich“ (Menninghaus 2002: 407) ablehnt, bzw. auf einen anonymen Personenkreis beschränkt (siehe unten: Ekel bei Kafka). Kafka weist ein ambivalentes Verhältnis zum Fleischessen auf: Auf der einen Seite widert ihn die Vorstellung des Verspeisens von Fleisch an. Er vergleicht die Fleischreste zwischen den Zähnen mit toten Ratten, die zwischen Steinen eingeklemmt sein und „Fäulnis und Gärungskeime“ verbreiten (Kafka BF: 578). Wird er zum Verzehr von Fleisch gezwungen erscheint es ihm wie eine Art Vergewaltigung. Auf der anderen Seite ist der Fleischkonsum auch „Gegenstand voyeuristischer Lust bzw. als regelmäßig phantasierte Wunsch-/Zwangsvorstellung - eine Obsession für exzessiven Fleischkonsum und ein libidinöses Auskosten der eigenen Ekelgefühle bis hin zur Imagination des Kannibalismus“ (Menninghaus 2002:406). Somit verspürt Kafka ein nahezu voyeuristisches Vergnügen daran anderen beim Fleischkonsum zuzuschauen (vgl. ebd.: 409). Diese Lust spiegelt sich auch in der Erzählung Schakale und Araber wieder. Der eigentliche Prozess des Verschlingens des Fleisches, welches Kafka in seinem wirklichen Leben selbst als abstoßend empfindet, wird in diesem Prosastück jedoch dezent als „Arbeit“ (25) oder „Beruf“ (26) entschuldigt und sogar als Unterhaltung und Belustigung anerkannt. Der Araber erfreut sich an dem Anblick der Fressorgie und Kafka, der selbst dem Fleischkonsum entsagt hat, nimmt in der Figur der Schakale ein wenig an dem (erzwungenen) Genuss teil.
Ein altes Blatt ist eine weitere Erzählung in Ein Landarzt, die die Orgie des Fleischfressens aufgreift. Hier geht Kafka allerdings noch einen Schritt weiter, indem er hier seine Figuren ein Tier bei lebendigem Leibe verspeisen lässt. Dies ist eine deutliche Radikalisierung, die nur noch durch Kannibalismus zu steigern wäre. Nicht genug damit, dass Kafka die Nomaden dem Fleischer gierig alles Fleisch entreißen lässt. Er steigert die Darstellung ihrer Gier indem sie den Ochsen lebendig verspeisen. Das Abstoßende dieses Schauspiels äußert sich für den
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Erzähler eher in Geräuschen, denn er wendet seinen Blick ab, doch kann er sich vor dem erschütterndem Geschrei des Ochsen trotz „Kleider, Decken und Polster“ (18) kaum schützen. Seine Augen kann der Erzähler vor dem Anblick, der wohl zu schrecklich und ekelerregend gewesen wäre, schützen, doch seinen Ohren entgeht das Horrorszenario nicht. Doch obwohl die Geschehnisse äußerst bedrohlich und abstoßend auf den Erzähler wirken müssen, bemüht sich dieser sehr dezenten Darstellungsweise. Sehr bescheiden wirkt seine Kritik am Verhalten der Fremden und nahezu verständnisvoll („Wir verstehen das aber“ (19)) und zeitweise fast entschuldigend („Mann kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden“ (18), „Ich kann aber darüber nicht klagen (18)) fällt seine Wortwahl aus. Auf diese Weise gelingt es Kafka erneut trotz der Drastik der Situation durch einen beschreibenden, fast naiven Ton dem Ekelhaften und Bedrohlichen seine Intensität in einem hohen Maße zu nehmen und es nahezu unsichtbar werden zu lassen. Auch die Krönung des Ekelhaften, nämlich die Orgie des Fressens des lebendigen Ochsens, bleibt dadurch, dass der Erzähler sie nur akustisch wahrnimmt, relativ dezent und im Hintergrund.
Im Gegensatz zu den Tieren in Schakale und Araber, die trotz animalischen Essverhaltens durch das Vermögen über die menschliche Sprache und ihrem Bedürfnis nach Reinheit menschliche Züge angenommen haben, scheint Kafka für die Nomaden in Ein altes Blatt diesen Entwicklungsschritt umgekehrt zu haben und schreibt ihnen animalische Verhaltensweisen zu. Ihre Sprache ist kaum als eine solche zu erkennen (vgl. Kafka: 18). Ihre Kommunikation untereinander ähnelt eher dem scharfen Geschrei der Dohlen und scheint damit kein angenehmer Laut zu sein. Durch das Nichtbeherrschen der menschlichen Sprache, ihren Hang zu Dreck und Unrat und das animalische Verhalten haben die Nomaden nahezu alle Menschlichkeit von sich gelassen.
Nicht nur die Nomaden haben eine drastische Entwicklung vom menschlich zivilisierten Dasein hin zum wilden Animalischen hinter sich gebracht, auch ihre Pferde, die von Natur aus Pflanzenfresser sind, werden bei Kafka zu wilden Fleischfressern. Nägele (2004: 61)verweist hier auf die Bezüge zu Der neue Advokat, wo der Advokat, ein altes Streitross, eine Verwandlung zum Menschlichen hin durchlebt hat. In Ein altes Blatt scheint eher das genaue Gegenteil oder eine Rückwendung vonstatten gegangen zu sein, denn die Erzählung kehrt „die Menschwerdung des Tieres um in ein Tierischwerden des Menschlichen“ (Nägele 2004: 61). Das Zusammenleben von Nomaden und Pferden auf dem, von den eigentlichen Bewohnern der Stadt „ängstlich rein gehaltenen Platz“ (18) hat den zentralen Platz vor dem kaiserlichen Palast zu einem „wahren Stall gemacht“. Durch ihr animalisches Wesen haben die Nomaden jegliche Ekelschranken und die damit verbundene Grenzen zwischen Tier und
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Mensch aufgehoben. Sie leben nicht nur gemeinsam an einem Ort, der einem Stall gleicht und voll von ärgstem „Unrat“ ist, sie teilen sich auch mit ihren Pferden das selbe Fleischstück, von dem sie gleichzeitig, „jeder an einem Ende“ (19) abbeißend, zehren. Nägele (2004: 61) vermutet, dass es sich bei der Tierwerdung der Nomaden um einen „Einbruch barbarischer, wilder, tierischer, unmenschlicher Elemente in die Zivilisation und Kultur“ handele um diese „zu zerstören“. Kafkas Obsession für den orgienähnlichen Fleischverzehr scheint also auch eine Form des unmenschlichen Einbruchs in die Zivilisation zu sein. Nägele (2004: 64) spricht von Naturgesetzen, die bei Kafka gebrochen werden. So ist die Geste des Sich-Aufrichtens verschiedener Tiere in Kafkas Prosa seiner Meinung nach ein Zeichen für den Übergang von der Natur zur Kultur (und der Zivilisation). Auch Nägele erwähnt die von Walter Benjamin bemerkte Gegenrichtung zum Sich-Aufrichten: Das Senken des Kopfes. Diese Geste findet man sowohl bei den Tieren in Schakale und Araber vor, als auch in Ein altes Blatt, wo der Kaiser, die „höchste Instanz der Kulturwelt“ (Nägele 2004: 65) auf diese resignierte Weise auf das wilde Treiben der Nomaden reagiert und sich seinem Einfluss auf die Kultur entzieht. Wie bereits erwähnt hat der Mensch durch die Entwicklung zum aufrechten Gang nach Freuds Erkenntnissen sein Verhältnis zum Körpergeruch in Bezug auf Sexualität verändert, wodurch der oralen und analen Libido die Ekelschranken gewiesen wurden. Wenn Kafka nun die Tiere erst den aufrechten Gang annehmen lässt, dann aber in einer anderen Erzählung den Menschen eine genau gegenteilige Entwicklung vom Menschlichen zum Tierischen hin zuschreibt und sie mit den Tieren zusammen auf dem Boden platziert, so könnte diese Geste auch auf ein tierisches und barbarisches Verhalten in Bezug auf sexuelle Gelüste hinweisen, was aber eine Vermutung bleibt, denn dazu ist in der Erzählung selber nichts konkretes zu finden. Das Ekelhafte wird anders als in Schakale und Araber von dem Erzähler selbst deutlich als solches wahrgenommen. Der Dreck auf dem sonst so gepflegten Dorfplatz wird unverkennbar als störend empfunden.
Bezieht man auch die Orgie in Ein altes Blatt auf Kafkas eigene Lust am imaginierten exzessiven Fleischkonsum, so haftet ihr in dieser Erzählung ein negativer, geradezu bedrohlicher Geschmack bei. Zwar fühlt der Erzähler sich nicht direkt persönlich bedroht, doch sieht er dem gemeinsamen Untergang (der Stadt oder des Landes) entgegen: „und wir gehen daran zugrunde“ (19). Kafka hat vermutlich sein obstinates Verlangen selbst als etwas Anormales oder Perverses erkannt. Dieser Zwiespalt zwischen voyeuristischer Lust am Fleischkonsum anderer und dem Ekel und der Ablehnung gegenüber dem eigenen Verzehr von Fleischware als »Schweinerei« weisen deutlich auf ein schwieriges Verhältnis zu dem
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Thema der Fressorgie hin. Vielleicht kann Ein altes Blatt als Zeugnis für Kafkas Ängste in Bezug auf sein gestörtes Verhältnis zum Fleischkonsum gesehen werden, welches ihn, wie den Kaiser in der Erzählung selbst, ratlos den Kopf senken lässt.
Ekel bei Kafka
Menninghaus (2002: 333) bezeichnet Franz Kafka als den „Engel des Ekels“. In seiner Literatur bedient sich Kafka des Ekels jedoch nicht einfach als immer wiederkehrendes Thema oder als provozierende Reizquelle: Das Besondere an Kafkas Texten äußert sich vielmehr darin, „die Präsenz und die starken Reizwerte eines Ekelhaften, das sie gleichwohl offen darbietet, fast völlig unsichtbar, unfühlbar zu machen“ (ebd.). Und auch unriechbar: Kafkas Äußerung in einem seiner Tagebücher: „Schriftsteller reden Gestank“ (ebd.: 22) scheint dessen Literatur wie ein roter Faden zu durchziehen. Mit Hilfe der Sprache lässt sich Ekelhaftes sichtbar, riechbar und manchmal sogar schmeckbar machen. Kafka bearbeitet „konsequenter als vielleicht irgendein anderer Autor beinahe alle überlieferten Positionen und Figurationen des Ekelhaften“ (ebd.: 333), trotzdem klingt in seinen Worten eine Art „kindliche Unschuld“ mit, der es gelingt die Präsenz des Ekelhaften nahezu unsichtbar zu machen und damit auch dem „Gestank“ seinen Geruch zwar nicht zu nehmen, ihn aber unriechbar zu machen. Damit vollführt er einen Schachzug, der zwei nach der klassischen Ästhetik inkompatible Gegensätze zusammenbringt: Er inkorporiert das Ekelhafte „mit dem Festhalten an einer Poetik ästhetischen »Betrugs«“ (ebd.: 334), was lange Zeit als unmöglich galt, da es hieß, dass das Ekelhafte die Bedingungen der ästhetischen Illusion vernichte. Sowohl in der Realität, als auch in ihrer Darstellung drängen sich widerliche Objekte und Sachverhalte penetrant auf. Kafka allerdings scheint es zu gelingen diesen so präsenten Phänomenen ihre Präsenz zu nehmen und sie nahezu unsichtbar zu machen, trotz ihres unübersehbaren kontinuierlichen Auftretens in seiner Literatur. Indem Kafka sich eines sachlichen und diagnostizierenden Vokabulars bedient wird jedes Aufkommen von ekelhaften Gefühlen strikt unterdrückt. Ob in seinen Prosastücken, in Briefen an Freunde und Bekannte oder in eigentlich doch sehr persönlichen Tagebucheinträgen, mit Hilfe eines „nüchtern ärztlichen Blicks und der modernen medizinischen Schultechnik“ (ebd.: 336) vermeidet er konsequent das Gefühl des Ekelhaften (vgl. Menninghaus 2002: 334-338). Die Faszination, die das Hässliche und Abstoßende auf Kafka ausübt, scheint dabei unübersehbar zu sein. So schildert er in der Beschreibung seines ersten Zusammentreffens mit seiner zweimaligen Verlobten Felice Bauer in einem nüchtern, sachlichen Ton von deren nicht wenigen optischen Mängeln. Für eventuelle Schönheitsmerkmale scheint er kein Auge zu haben. Selbst ihre schwerwiegenden gesundheitlichen Probleme mit den Zähnen benennt
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Kafka zwar als „eines der widerlichsten Gebrechen“ (Menninghaus 2002: 337), sieht darin aber keinen Grund sich von dieser Frau abzuwenden. Ihre Krankheit scheint sich für den Verlobten sogar in eine „Quelle von Lust umzuwandeln“ (ebd.: 337): Nach einem Brief an Grete Bloch zu urteilen verfolgt Kafka eine Strategie der „reinigenden Überwindung des Ekels durch lustvolle Verstärkung seines Anlasses“ (ebd.: 338). Gleichzeitig entwickelt er dabei eine Leidenschaft für das Quälen seiner Selbst, indem er Schmerzliches noch zu verstärken versucht. Eine Lust, die er in seinem Brief an Grete Bloch als ganz selbstverständlich äußert: „Die Lust Schmerzliches möglichst zu verstärken, haben Sie nicht?“ (ebd.: 338). Kafka schildert, dass er anfänglich seinen Blick von Felices eiterigen Zähnen abwenden musste, er sich aber schnell daran gewöhnt habe und sich diesen Anblick auch nie weggewünscht habe (vgl. ebd.: 339). Kafka scheint Ekelhaftes zwar als solches wahrzunehmen, sich ihm aber bewusst auszusetzen und sogar eine gewisse Lust daran zu empfinden.
Mittelpunkte des Ekelhaften in Kafkas Texten sind der alternde weibliche Körper und der Verzehr von Fleisch, wobei er diese beiden Punkte mit dem Begriff »Fleischkonsum« vereint. Wie viele andere Autoren und Philosophen knüpft auch Kafka an das Bild der vetula, einer alten, ekelhaften, und dicke Frau an, die einen unersättlichen sexuellen Appetit auf junge Männer verspürt und für viele Dichter der Inbegriff des ekelhaften ist (siehe oben). Allerdings scheint diese bei Kafka „weit weniger Mittel als vielmehr Ziel einer libidinösen Fluchtbahn“ (Menninhaus 2002: 345) zu sein. Für Kafka ist gerade das Hässliche an der Erscheinung einer Frau die Ursache des Interesses oder des Gefallens (vgl. ebd.: 341). Nicht nur in seinen literarischen Texten benutzt er das Bild der vetula als Objekt des Begehrens, auch im realen Leben scheint die Vorstellung dieser dicken, ekelhaften, alten Frau, oft als Dienstmädchen oder Prostituierte, bei Kafka sexuelle Gelüste auszulösen. Untersucht man seine festgehaltenen Äußerungen zu den weiblichen Wesen seiner Umgebung, so fällt auf, dass die Frauen, die Kafka für erwähnenswert hält, immer über mindestens ein Merkmal der vetula verfügen: seine zweimalige Verlobte Felice Bauer kommt ihm, wie Tagebucheinträge verraten, zunächst „wie ein Dienstmädchen vor“ (431), zudem ist sie zwar weder dick (sondern eher knochig), noch mit ihren 26 Lebensjahren alt, dennoch nennt Kafka sie bereits »altes Mädchen«. Hinzu kommen diverse wenig schmeichelhafte Unattraktivitäten ihres Erscheinungsbildes („Knochiges, leeres Gesicht“, „Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas steifes reizloses Haar, starkes Kinn“(Tagebücher 431-432)), bis hin zu ihrer »widerlichen« Zahnerkrankung. Menninghaus (2002: 349) zitiert weiterhin einen Kommentar Kafkas über eine „Sommerfrischlerin“, „eine ungemein schöne, ungemein dicke blonde Frau“, sowie seine
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Bemerkung zu einer dicken, ältlichen, eigentlich unscheinbaren Prostituierten und gibt somit seine eher außergewöhnlichen Vorlieben preis.
Nach den Recherchen von Menninghaus existieren auch in Kafkas Prosa keine jungen und hübschen Frauen, sondern nur „mehr oder weniger offene Figurationen der alten/ alternden vetula“ (ebd.: 345). Und sollte doch einmal eine eher klassische Schönheit ihren Weg in einen seiner Texte gefunden haben wird deren Schönheit unmittelbar durch unattraktive Attribute zerstört (vgl. ebd.: 341). Reine Schönheit scheint für Kafka wenig reizvoll zu sein. Dicke, ekelhafte Frauen hingegen stellen zwar auf der einen Seite ein Tabu dar, sind aber auf der anderen Seite von hoher (sexueller) Anziehungskraft: Äußerungen „weil sie dick ist, ist sie hässlich bis ekelhaft“ und „weil sie dick ist, ist sie schön“ gelten für Kafka gleichermaßen (ebd.: 349).
In einem Zitat aus einem Brief gesteht Kafka, dass „der Körper jedes zweiten Mädchens mich lockte, der Körper jenes Mädchens, in das ich […] meine Hoffnung setzte, gar nicht“ (Kafka in Menninghaus 2002: 358). Sexuelle Gelüste existieren bei Kafka nur außerhalb des familiären Raumes. Dieses resultiert aus einer Form des sozialen Ekels, die auch Kafkas Heiratspläne in Mitleidenschaft ziehe:
„Zum Syndrom des Ekels an familialer Abhängigkeit, Nähe und Sexualität gehört bei Kafka die unerbittliche Konsequenz, daß sein eigener Eheschließungsmythos sexuelle Indifferenz, Kinderlosigkeit und ökonomische Unabhängigkeit der Partner einschließt“ (Menninghaus 2002:357). Dieser Ekel vor familiärer Sexualität geht soweit, dass Kafka sich vor seinen Verwandten ekelt und allein das Betrachten des Ehebettes seiner Eltern ihn fast erbrechen lässt (vgl. ebd.: 354-355). Ausleben kann Kafka seine Sexualität nur außerhalb von Familie und Ehe, wozu er bevorzugt Prostituierte aufsucht (vgl. ebd.: 358). Kafkas Verhältnis zur Sexualität scheint nicht nur durch den Ekel vor familiärer Nähe gestört zu sein, sondern auch eine perverse Note beizubehalten: so imaginiert er detailreich sexuelle Erlebnisse mit „dicken, älteren und teilweise ekelhaft entstellten Frauen“ (Menninghaus 2002: 358). In extremer Form zeigt sich bei Kafka die von Freud beobachtete (oben bereits genannte) Unfähigkeit des „kultivierten Mannes“, mit seiner eigenen Frau die „volle Potenz“ auszuleben. Allerdings geht diese Unfähigkeit oder diese Potenz bei Kafka so weit, dass er jegliche sexuelle Handlungen aus dem Ehe-/Beziehungsleben verbannt und sich in seinen erotischen Phantasien den Prostituierten und Dienstmädchen widmet. Hierdurch erklärt sich auch die durchaus nicht nur negative Besetzung der Figur der vetula bei Kafka.
Da Sex und Fleisch als Nahrung für Kafka sehr eng zusammenhängen, existiert für ihn auch eine untrennbare Verbindung zwischen Fleischekel und Sexualekel, was sich in seinen Beziehungen zum anderen Geschlecht als sehr problematisch erweist: Sowohl der Verzehr
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von Fleisch als auch sexuelle Kontakte werden als dreckig und feindlich empfunden. Menninghaus nennt sein daraus resultierendes Verhalten ein „sexualpolitisches Nicht-Fleischessen“. Die enge Verbindung zwischen Sex und Fleischverzehr zeigt sich auch in Kafkas voyeuristischer Lust am Betrachten und an der Beschreibung anderer Esser, bei der sexuelle Assoziationen deutlich mitschwingen. Menninghaus nennt hier ein Beispiel aus Kafkas Tagebüchern, in denen dieser voller sexueller Anspielungen das Verspeisen einer Wurst durch Professor Grünwald schildert (vgl. ebd.: 409). Gerade geräucherte ältliche Wurstwaren scheinen bei Kafka ein nahezu obstinates Verlangen auszulösen. Diese These belegt Menninghaus (410) an einem Zitat aus Kafkas Tagebüchern:
„Besonders vor Selchereien befriedige ich dieses Verlangen. Sehe ich eine Wurst, die ein Zettel als eine harte Hauswurst anzeigt, beiße ich in meiner Einbildung mit ganzem Gebiß hinein und schlucke rasch, regelmäßig und rücksichtslos wie eine Maschine. Die Verzweifelung, welche diese Tat selbst in der Vorstellung zur sofortigen Folge hat, steigert meine Eile. Die langen Schwarten von Rippenfleisch stoße ich ungebissen in den Mund und ziehe die dann von hinten den Magen und die Därme durchreißend wieder heraus.“
Das Lesen dieser Zeilen erinnert unweigerlich an das Verhalten Bulimiekranker, die in „Fressattacken“ Unmengen von Nahrung in sich hinein zwängen, um sich dieser direkt im Anschluss wieder gewaltsam durch künstlich erzwungenes Erbrechen zu entledigen. Allerdings radikalisiert Kafka dieses mechanische Eingreifen, in dem er für das Entleeren nicht die Möglichkeit des Erbrechens imaginiert, sondern den Weg „von hinten den Magen und die Därme durchreißend“ wählt. Er empfindet diese Phantasie auf der einen Seite als Zwangsvorstellung, die ihn in „Verzweifelung“ treibt, auf der anderen Seite schwingt aber auch seine Lust an dieser Orgie mit. Seine geheimen sexuellen Assoziationen, die er bei dem Gedankenspiel an Wurstware hat, treiben den Schriftsteller in Verzweifelung, da er dem Fleischkonsum als Tabu entsagt hat (vgl. Menninghaus 2002: 410). Der in den beiden ausgewählten Erzählungen beschriebene Fleischrausch, der die Formen eines perversen Exzesses annimmt, steht im Kontrast zu Kafkas eigener besessener Fleischabstinenz, die „Extremphänomene einer Praxis des (Nicht-)Essens (Menninghaus 2002: 427) darstellen. Das »vegetarisch- bulimische Hungern« stellt einen weiteren Gegensatz dar: Wie bereits erwähnt verspürt Kafka auf der einen Seite eine große Lust am Fleischkonsum anderer und malt sich in seiner Phantasie lustvolle Szenen von wilden Orgien des Fleischfressens aus, auf der anderen Seite entsagt er dem Fleischverzehr, da sein Magen „zu schwach dafür sei“. Hinzu kommt ein großes Interesse bis hin zur Begeisterung für künstliche Entleerungsmaßnahmen. Generell scheint Kafka von den verschiedenen Möglichkeiten der erzwungenen Entleerung des Körpers fasziniert zu sein: So weiß
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Menninghaus (411) zu berichten, dass Kafka nach einem Gespräch mit Kubin über das Abführmittel »Regulin« sehr bewegt gewesen und von der „Idee einer gleichzeitig lustvollen und ekelhaften Entleerung mittels mechanischer Nachhilfe wie selbstverständlich besessen“ (ebd.: 412) gewesen sei. Auch zeigen einige Figuren in seinen Texten ähnliche Motive, wenn sie sich z.B. als Hungerkünstler jeglicher Nahrung verwehren (Kafka: Ein Hungerkünstler), oder von Kannibalismusphantasien bewegt werden (der Menschenfresser in Kafkas: Ein Hungerkünstler). Diese Vorstellungen und Neigungen sind sowohl Bestrafungs-, als auch Wunschszenarien (vgl. Menninghaus 2002: 427) und heben somit eine Differenzierung dieser beiden Begriffe auf. Diese absurd wirkende Vereinigung verdeutlicht noch einmal Kafkas bereits beschriebene Neigung zum Selbstquälen. Menninghaus meint darin zu erkennen, dass Kafka durch diesen oberflächlichen Verzicht seine Lust auf die von ihm ernannten Tabus, sowohl im Bereich des Fleischessens, als auch in seiner „Sexualpolitik“ (ebd.: 427) nur noch steigert. Er zitiert an dieser Stelle den Autor selbst: „Manche Asketen“ sein „die Unersättlichsten“.
Fazit
Die Präsenz des Ekelhaften durchzieht Kafkas Texte wie ein roter Faden. Menninghaus fasst zusammen, dass der „Reiz seiner Figurationen von Ekel und Sexualität“ trotz Kafkas befremdlich erscheinenden Umgangs mit Ekel nicht in der „provozierenden Ausstellung des Perversen, sondern in der affektiven Neutralisierung einer Hölle, die offen daliegt und doch unsichtbar, unlesbar gemacht wird“ (2002: 363) liegt. Gerade diese permanente Präsenz des Ekelhaften, die gleichzeitig durch das nüchterne und beschreibende Vokabular und eine fast naive kindliche Unschuld unsichtbar gemacht wird gibt Kafkas Texten eine ganz besondere Note.
Ekelhaftes tritt in Kafkas Texten in den verschiedensten Formen auf, doch wie bereits festgestellt ist der zweideutige Fleischekel das zentrale Motiv von Kafkas Ekelthematik. Die Besonderheiten in Bezug auf den Fleischkonsum als Nahrung einerseits und den Fleischkonsum in sexueller Hinsicht andererseits scheinen Leben und Werk des Schriftstellers deutlich geprägt zu haben.
In den beiden Erzählungen aus Ein Landarzt scheint die sexuelle Komponente weniger von Bedeutung zu sein. In Bezug auf das Ekelhafte steht hier die »Fleisch-Fress-Orgie« im Mittelpunkt, die, wie in den vorangegangenen Überlegungen schon angeführt, Kafkas Phantasie lebhaft bewegt hat und somit ganz im Gegensatz zu seiner Fleischabstinenz im realen Leben steht.
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In wie weit die Figuren in den beiden Erzählungen wirklich Merkmale des Autors tragen und mit diesem identifiziert werden können bleibt Spekulation. Es liegt mir fern weit hergeholte Schlüsse zu ziehen, doch ist mir während der Auseinandersetzung mit dem Thema und somit auch mit dem Leben des Schriftstellers bewusst geworden, dass das Verhalten und die Denkweise von Franz Kafka höchst interessante Züge aufweisen, die sich gerade dazu anbieten auf dessen skurrile Prosa angewendet zu werden. Das Verhältnis zum Fleischverzehr scheint recht eindeutig gestört zu sein. Kafka, der auf der einen Seite dem Verzehr von Fleisch, das er als übel riechende „Schweinerei“ (Menninghaus 2002: 408) bezeichnet, entsagt hat und auf der anderen Seite das Verspeisen eines solchen durch andere mit einer großen voyeuristischen Lust betrachtet und sogar in Träumen und Tagträumen regelrechte (oft sexuell angehauchte) Fressorgien imaginiert, legt nahe die beiden „Fleischfressorgien“ in Schakale und Araber und Ein altes Blatt als die Verarbeitung seines eigenen Verhältnisses zu Fleisch (als Speise) zu sehen. Allerdings ist dieser Aspekt vermutlich nur einer von vielen, die der Erzählungen zu Grunde liegen.
In Schakale und Araber ist der Aspekt der Reinheit ein weiterer wichtiger Punkt in Bezug auf das Thema dieser Arbeit »Die Rolle des Ekels in der Literatur Kafkas, illustriert an den Erzählungen Schakale und Araber und Ein altes Blatt aus der Sammelung Ein Landarzt«. Mit den Schakalen wird der Reinheitsbegriff mit Tieren in Verbindung gebracht. In Das Leben Der Tiere lässt Coetzee (2000: 40/41) seine Figuren im Kontext einer Diskussion über das Recht oder Unrecht der Menschen Fleisch zu essen ebenfalls über den Zusammenhang von Reinheit und tierischem Leben nachdenken. Ein so genannter Wunderlich stellt wie folgt fest:
„Reine und unreine Tiere, reine und unreine Gewohnheiten. Das Konzept der Unreinheit lässt sich leicht verwenden, um zu entscheiden, wer dazu und gehört und wer nicht, wer drinnen ist und wer draußen.“ „Unreinheit und Scham“, […]„Tiere schämen sich nicht“ […] „Tiere verbergen ihre Ausscheidungen nicht, sie haben Geschlechtsverkehr in aller Öffentlichkeit. Sie haben kein Schamgefühl, sagen wir- das unterscheidet uns von ihnen. Aber die grundlegende Idee bleibt die Unreinheit. Tiere haben unreine Gewohnheiten, deshalb bleiben sie ausgeschlossen. Die Scham macht aus uns Menschen, Scham vor der Unreinheit. Adam und Eva- der zugrunde liegende Mythos. Davor waren wir alle einfach Lebewesen (animals).“
Die Unterscheidung von Mensch und Tier durch das Vermögen, Scham zu empfinden vor Unreinheit ist auf Schakale und Araber nur schwerlich anzuwenden, denn hier sind es die Tiere, die nach Reinheit streben. Allerdings ist ihr Streben nicht Ursache von Scham, sondern von Ekel gegenüber der Erscheinung und dem Verhalten der Araber. Die „grundlegende Idee“ der „Unreinheit“ als Unterscheidungsmerkmal trifft auch in Ein altes Blatt nicht zu, denn in dieser Erzählung begeben sich die Menschen zurück auf die Ebene der Tiere und weisen
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durch ihr dreckiges und von menschlicher Kultur fernes Verhalten überwiegend animalische Züge auf. Vielleicht impliziert das große „Missverständnis“ (Kafka: 19) zwischen Natur und Kultur auch das Verständnis des Ekels. Ekelempfinden wird geprägt durch die Gesellschaft und ist ein Merkmal der Kultur. Kafka lässt den Ekel in seinen Erzählungen unsichtbar werden und hebt die klaren Grenzen zwischen Tier und Mensch auf.
Schluss
Die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Lektüre unter anderem des Buches von Menninghaus verhalfen mir zu äußerst interessanten Erkenntnissen über den Schriftsteller Kafka, aber auch über Ekel im Allgemeinen und den verschiedenen (philosophischen) Ansätze zu der Thematik, die ich nicht missen möchte. Die ausschlaggebende und lenkende Literatur für diese Arbeit ist neben Kafkas Werk das Buch Ekel- Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, welches mich sehr fasziniert und gefesselt hat. Insgesamt erwies sich die Suche nach gedruckten, wissenschaftlichen, nicht medizinischen Texten zum Thema Ekel zunächst als etwas schwierig, wobei das Werk von Menninghaus hilfreiche Hinweise bot. Das Internet hingegen präsentierte sich mir als eine wahre Fundgrube aller Facetten des Ekelhaften, meistens jedoch von sehr fragwürdiger Art und Herkunft, so dass kaum ein Link als Quell- oder Sekundärtext für diese Arbeit in Frage kam.
Als problematisch empfand ich, dass meine Arbeit und ihre Unterthemen sich im Verlauf des Schreibens immer mehr ausweiteten und ich zeitweise den Überblick verlor. Allein das Buch von Menninghaus gab mir so viele Anreize, dass es mir schwer viel mich zu beschränken und konsequent nur an den ausgewählten Punkten zu arbeiten. Kafkas Ekelthematik erwies sich als viel ergiebiger als der Bereich, der mir für beiden Erzählungen Schakale und Araber und Ein Landarzt relevant erschien. Der Aspekt des Sexualekels beispielsweise ließ sich leider nicht direkt auf die Texte anwenden, erschien mir aber durch die den engen Zusammenhang von Fleischekel und Sexualekel bei Kafka von großer Wichtigkeit. Ich hoffe trotz Abschweifungen letztendlich eine aufschlussreiche Arbeit angefertigt zu haben und die Erkenntnisse, die mich selbst teilweise sehr verwundert und mein Bild von Kafka neu geprägt haben, sinnvoll und nachvollziehbar weiterzugeben zu haben. .
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Literaturverzeichnis
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Streuner.
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- BLOOM, Paul:
Seelenlose Körper
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In:
Gesammelte Werke,
18 Bde., Frankfurt am Main, 1966-1969, Bd. 5. - HÜTTER, P. Hans:
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16.02.2003.
- KAFKA, Franz: Schakale und Araber & Ein altes Blatt. In: Ein Landarzt und andere Prosa. MÜLLER, Michael (Hrsg.), Stuttgart, 1995. - KAFKA, Franz: Tagebücher. KOCH, Hans-Gerd & MÜLLER, Michael (Hrsg.). Frankfurt am Main, 1990.
- KANT, Immanuel: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. In: Kant´s gesammelte Schriften. REIMER, Georg, Königliche Akademie der Wissenschaften (Hrsg). Berlin, 1907 ff., Bd. 7.
- KOLNAI, Aurel: Der Ekel. in HUSSERL, Edmund (Hrsg.):Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, Band 10. Halle, 1929.
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- NÄGELE, Rainer: Es ist als wäre. Zur Seinsweise in ein altes Blatt. In: LOCHER, Elmar & SCHIFFERMÜLLER, Isolde (Hrsg.): Franz Kafka: Ein Landarzt. Interpretationen. Innsbruck, 2004, S. 61-72.
- SCHIFFERMÜLLER, Isolde: „Die Orgie beim Lesen“: Schakale und Araber. In: LOCHER, Elmar & SCHIFFERMÜLLER, Isolde (Hrsg.): Franz Kafka: Ein Landarzt. Interpretationen. Innsbruck, 2004, S. 93-104.
- WAHLERT, Christiane: Medien zwischen Ekel und Ethik. Vortrag gehalten auf der Jahrestagung der LJF am 04.11.2004. < http://www.jugendschutz-niedersachsen.de/Importe/pdf/Wahlert-Vortrag.pdf> (11.08.2007 15:36).
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Arbeit zitieren:
Lena Maria Loose, 2007, Die Rolle des Ekels in der Literatur Kafkas, illustriert an den Erzählungen "Schakale und Araber" und "Ein altes Blatt" aus der Sammelung "Ein Landarzt", München, GRIN Verlag GmbH
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