Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Theoretische Grundlagen zum Essayfilm 2
2.1 Der Essayfilm als Form 2
2.2 Die Differenzierung des Essayfilms zu anderen Gattungen 6
2.2.1 Der Dokumentarfilm 6
2.2.2 Der Autorenfilm 7
2.2.3 Der Kompilationsfilm 8
3 Filmanalyse von „Sans Soleil“ 9
3.1 Einführende Worte zum Leben Chris. Markers 9
3.2 Einleitende Filmbeschreibung zu „Sans Soleil“ 10
3.2.1 Die Sprachebene 11
3.2.1 Die Bildebene 12
3.2.3 Die Tonebene 13
3.2.4 Integrierende Betrachtung der vorher erläuterten Ebenen 14
4 Authentische Erzählstränge im Essayfilm „Sans Soleil“ 14
4.1 Authentizität 14
4.2 Die „Zone“ 17
4.3 Vertigo 18
4.4 Die Korrektur der Authentizität durch weitere Erzählstränge aus „Sans Soleil“ 18
5 Schlusswort 20
Literaturverzeichnis 21
Anhang: Filmprotokoll Sans Soleil
2
1 Einleitung
Um das Thema Essayfilm zu bearbeiten wurden in den ersten Sitzungen des Seminars „Geschichte, Theorie und Praxis des Essayfilms“ theoretische Grundlage zur literarischen Form des Essays gelegt. Dabei stützte sich dieser Teil auf die Texte von Georg Lucács "Ein Brief an Leo Popper" 1 und Theodor W. Adorno "Der Essay als Form". 2 Nach dieser literarischen Einführung umrissen wir das Wesen des Essayfilms über verschiedene Texte sowie anhand konkreter Filmbeispiele mit anschließendem Diskussionsteil.
Da es sich bei der Form des Essayfilms um eine sehr komplexe Art der Filmgestaltung handelt, findet in der folgenden Ausarbeitung vorerst eine grundlegende Betrachtung der wesentlichen Bestandteile des Essayfilms statt. Dabei geht es um zwei Aspekte. Erstens um die speziellen Merkmale des Essayfilms, seiner Entstehung sowie seiner Umsetzung und zweitens um die Abgrenzung des Essayfilms zum Dokumentar-, Autoren- und Kompilationsfilm. Diese Grundlagen sollen dazu dienen ein konkretes Beispiel, den Film "Sans Soleil" von Chris. Marker, genauer zu betrachten. Am Anfang der Analyse steht die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Film „Sans Soleil“. Darauf folgt eine kurze filmanalytische Einführung aus verschiedenen Perspektiven. Für diese Auseinandersetzung ist vorher ein Filmprotokoll zu „Sans Soleil“ erstellt worden, dass als Anhang dieser Arbeit hinzugefügt wurde. Beim Essayfilm handelt es sich um eine dem Dokumentarfilm sehr nahe Filmform. Dem Dokumentarfilm eigen ist die Authentizität. Nach einer kurzen Einführung zur Authentizität geht es darum zu prüfen, inwieweit diese auch im Essayfilm vorkommt. Einzelne Erzählstränge werden auf Basis der Authentizitättheorie untersucht. Inwiefern spielt die Authentizität im Essayfilm eine Rolle oder ist sie irrelevant? Diese Frage bildet den Abschluss der Filmbetrachtung. Die Ergebnisse werden in einem Schlusswort zusammengefasst.
1 Lucács, Georg (1911): Über Wesen und Form des Essays: Ein Brief an Leo Popper. In: Die Seele und die Formen, Berlin, S. 3 - 39.
2 Adorno, Theodor W. (1984): Der Essay als Form. In: Ders.: Noten zur Literatur. Tiedemann, Rolf (Hrsg.), Frank- furt a. M., 2. Auflage, S. 9 - 33.
2 Theoretische Grundlagen zum Essayfilm
2.1 Der Essayfilm als Form
Die Entwicklung des Essayfilms 3 ist abhängig von der technischen Entwicklung des Films und geht mit deren Geschichte einher. Erst in den 1960er Jahren wurde es möglich den Ton synchron zum Bild aufzunehmen. 4 Der Dokumentarfilm grenzte sich durch diese technische Innovation vom fiktiven Film ab. Vorher war es üblich den Film mit einem gesprochenen Kommentar zu versehen. Mit dem Essayfilm fand eine der „traditionsreichsten Grenzüberschreitungen“ 5 vom Dokumentarfilm statt. Der Essayfilm bezweifelte die Objektivität und Authentizität in der Darstellungsform des Dokumentarfilms. 6 Es entwickelte sich eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Dokumentarischen, die sich damit beschäftigte, ob es dokumentarische Abbildung im Film geben kann. Es wurde dafür mit dem vorhandenen dokumentarischen Material experimentiert. Die sprachliche Umsetzung basiert auf dem Essay und lehnt sich an die literarische Form des Essays an. Die Bildebene orientiert sich an der Montage. Der Film „Sans Soleil“, der später genauer betrachtet wird, steht exemplarisch für die Gattung des Essayfilms, da er inhaltlich die für den Essayfilm typischen Elemente enthält.
Der Essayfilm klassifiziert sich häufig als Unterkategorie des Dokumentarfilms und wird in Fachliteratur gemeinsam mit dem Dokumentarfilm erwähnt. So z. B. in: „Der Dokumentarfilm seit 1960“ von Wilhelm Roth. 7 Allerdings bezeichnet die Betitelung des Kapitels „Der dokumentarische Essay", die Nähe zum Dokumentarfilm. Das der Essayfilm dieser Gattung zugeordnet wird, geschieht aufgrund der Tatsache, dass dokumentarisches Material in essayistischen Filmen verarbeitet wird. Der Dokumentarfilm entwickelte sich zu unterschiedlichen Formen, wobei der Essayfilm am Ehesten dem Performativen Dokumentarfilm der 80er und 90er zugeordnet werden kann. 8 Der Performative Dokumentarfilm zeichnet sich im
3 Essayfilm, Filmessay und essayistischer Film als Begriffe werden hier willkürlich, ohne eine spezifische Bedeutungszuweisung verwendet, wie es in der Literatur über Essayfilme stattfindet. Dort wird je nach Dominanz der Sprachebene (Essayfilm) oder der Filmebene (Filmessay) der entsprechende Begriff eingesetzt und inhaltlich unterschieden. Da es jedoch beim Essayfilm um ein Zusammenspiel aller Ebenen geht ist ein differenzierter Einsatz der Begriffe nicht nötig.
4 Vgl. Roth, Wilhelm (1982): Der Dokumentarfilm seit 1960, München, S. 9.
5 Ebd., S. 185.
6 Vgl. Scherer, Christina (2001): Ivens, Marker, Godard, Jarman. Erinnerung im Essayfilm. München, S. 25.
7 Roth, Wilhelm (1982).
8 Vgl. Nichols, Bill (1995), S. 152.
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Gegensatz zu der herkömmlichen Nüchternheit in der Darstellung durch eine autonomere, nicht lineare und nicht rein deskriptive Darstellungsform aus. Hierunter lässt sich der Essayfilm am ehesten einordnen. Mittlerweile emanzipiert sich der Essayfilm vom Dokumentarfilm und wird als eigenständige Gattung angesehen, da eine definitive Zuordnung in das Schema einer Dokumentarfilmkategorie nicht möglich ist.
Thematisch behandeln essayistische Filme häufig die Themen Geschichte, Vergangenheit, Erinnerung oder Gedächtnis. Jedoch sind diese Themen nicht zwingend für einen essayistischen Film. Aufgrund einer hohen Komplexität und vieler verschiedenen Ebenen in der Bearbeitung ist es schwierig die Form des Essayfilms zu erfassen. Um sich dieser Vielschichtigkeit zu nähern sollen vorab die wesentlichen Merkmale und Aspekte des Essayfilms genannt und erläutert werden.
Wie der Name des Genres schon aussagt wird ein geschriebener Essay verarbeitet. Dies kann in einem durchgehenden vorgelesenen Stil eines Essays geschehen oder durch eingeschobene gelesene Passagen, die nicht durchgehend verlaufen. Der Kommentar ist die so genannte Stimme aus dem „Off", eine außerfilmische Realität und kann vom Filmemacher selbst gelesen sein. Dieser von der „Off" - Stimme gelesene Text führt den Rezipienten durch den Film und baut den roten Faden auf, da er entweder durchgehend oder wiederkehrend ist. Dabei kann es wichtig sein, ob es eine weibliche oder männliche Stimme ist, welche Betonung eingesetzt wird und welcher Ausdruck der Stimme verliehen wird. Es entsteht im Film, durch die Ebene des Essays eine stark subjektiv geprägte Atmosphäre, denn der Essay ist eine sehr freie Form des Ausdrucks. 9 Der Kommentar hat keine unerhebliche Rolle, denn darin wird die Äußerung des Filmautors gesehen. Über den Essay baut der Filmemacher eigene Erfahrungen, Träume, Geschichten, Anekdoten und kritische Aspekte mit in den Film ein. Der Kommentar kann in dreifacher Sichtweise zu den Bildern stehen. Erstens kann er die Bilder kommentieren, um ihnen entgegenzusteuern und das Filmmaterial zu kommentieren. Zweitens kann er unterstützend zu den Bildern des Films stehen. Drittens kann der Kommentar völlig unabhängig und losgelöst vom Filmmaterial agieren. Neben dieser Subjektivität zeichnet sich der Essayfilm durch eine hohe Selbstreflexivität aus. „Im Film ist Reflexivität dadurch bestimmt, dass dem Zuschauer der Film als Produkt ästhetischer
9 Vgl. Adorno, S. 10.
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und inhaltlicher Entscheidungen und medialer Konstituenten ansichtig wird." 10 Der Produzent entwickelt einen Film auf ästhetischer Grundlage, die bewusst gewählt ist. Dabei reflektieren die gewählten ästhetischen Mittel, die Entscheidungen des Autors in der Darstellung. Die Reflexiven Formen können ganz unterschiedlich sein. Dazu gehören die verbale oder visuelle Ansprache, „... reflexive Zwischentitel, das Bild im Bild, den Film im Film, subjektive Bildsymbolik..." 11 Der Autor reflektiert dadurch sein eigenes Vorgehen im Film. Dies ermöglicht dem Rezipienten eine kritische Betrachtung der Bedingungen, die zur Entstehung geführt haben und bieten eine Möglichkeit das filmische Material zu hinterfragen. Dabei sind allerdings verschiedene intertextuelle Lesarten 12 möglich, die im eigenen Kontext des Rezipienten entstehen. Die Sinnzusammenhänge können entgegen einer Absicht, wenn eine vorhanden war, gelesen werden oder affirmativ zur Absicht.
Der Einsatz des filmischen Materials ist von Film zu Film individuell. Es gibt keine Form, die einen Einsatz des zu verwendenden Materials festlegt. Somit ist das einzusetzende Material sozusagen unbegrenzt und die Möglichkeiten der Kreativität im Einsatz der Mittel so unendlich, wie es Ideen gibt. Das kann, von eigens für den Film produzierten fiktiven Erzählsträngen über Fotos und Zeichentrickszenen bis hin zum Abfilmen des Fernsehprogramms und vieles mehr, alles sein. Vorzugsweise kommt es jedoch zu einem Einsatz von dokumentarischem Material, das bereits vor der Filmproduktion existiert. Dieses Filmmaterial wird seinem ursprünglichen Sinn entzogen und erhält im Essayfilm eine neue Bedeutungszuweisung. Lucács hat diese Vorgehensweise auch für den literarischen Essay in seine Betrachtung über den Essay mit einbezogen. So schreibt er:
„Der Essay spricht immer von etwas bereits Geformtem, oder bestenfalls von etwas schon einmal Dagewesenem, es gehört also zu seinem Wesen, dass er nicht neue Dinge aus einem leeren Nichts heraushebt, sondern bloß solche, die schon irgendwann lebendig waren, aufs neue ordnet.“ 13
Adorno setzt dem entgegen, dass die Philosophie nur dasjenige akzeptiert, dass auch dort seinen Ursprung hat. 14 Diese beiden Positionen stimmen beide auf ihre Art und Weise, denn eine neue
10 Scherer, S. 33.
11 Ebd.
12 Mit intertextuellen Lesarten sind die unterschiedlichen Kontexte gemeint in denen ein Text gelesen werden kann.
13 Lucács: S. 29.
14 Adorno: S. 9, 10.
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Ordnung verleiht dem schon da gewesenen auch einen neuen Ursprung. Die Meinung von Lucács ist nicht grundsätzlich negativ zu sehen.
Die Neuordnung des Dagewesenen im Essayfilm geschieht einerseits durch die Montage des dokumentarischen Filmmaterials in Verbindung mit anderen Möglichkeiten der Darstellung im Essayfilm, wie z. B. Fotos und andererseits durch den Kommentar, der in einer bestimmten Funktion zum Bildverhältnis steht. Dabei geht es darum das Material das Existiert auf bestimmte Art und Weise miteinander zu verknüpfen, so dass eine neue Bedeutung entsteht oder sogar mehrere neue Bedeutungen. Der Autor des Films setzt das Material in einer kollagenartigen Verarbeitung zusammen, die nicht linear geprägt ist 15 , sondern auseinander gerissen bewusst entgegen einer Linearität eines Filmes eingesetzt wird.
Der Filmautor verarbeitet über die verschiedenen Aspekte seinen Zweifel am bestehenden Bildmaterial und erzeugt eine multiperspektivische Sichtweise im Film. Dabei ist nicht wichtig, dass alle Merkmale zu gleichen Teilen vorkommen und es müssen nicht alle Merkmale vertreten sein, damit es ein Essayfilm ist. Wichtig ist vor allem: „Subjektivität, Selbstreflexivität und Selbstreferentialität, Blickkonfiguration und Positionierung des Zuschauers, Fiktion und Dokumentation, Intertextualität und Intermedialität.“ 16 , wie es Scherer zusammenfassend festhält. Außerdem ist das Zusammenspiel von Bild-, Sprach- und Tonmaterial zu berücksichtigen, da sie horizontal sondern miteinander verknüpft sind. 17 Die verschiedenen Ebenen bedingen sich und stehen in enger Beziehung zueinander. Unter dem Aspekt des Einflusses des Filmautors ist eine Betrachtung des Produktionsprozesses durchaus interessant. Wie setzt sich die Arbeit zusammen? Gab es erst die Idee zum Essay oder die Sichtung des filmischen Materials? Inwieweit inspirierte das vorherige Material den Autor? Diese speziellen Betrachtungsweisen werden hier nicht weiter gehend bearbeitet.
2.2 Die Differenzierung des Essayfilms zu anderen Gattungen
Da der Essayfilm sich in vielen Elementen und wesentlichen Aspekten mit anderen Gattungen, wie dem Dokumentarfilm, dem Kompilationsfilm und dem Autorenfilm gleicht bietet sich eine
15 Vgl. Blümlinger, Christa (1992): Zwischen den Bildern/Lesen. In: Blümlinger, Christa; Wulff, Constantin (Hrsg.): Schreiben, Bilder, Sprechen. Texte zum essayistischen Film. Wien, S. 11 - 32, S. 18.
16 Scherer, S. 28.
17 Vgl. ebd., S. 13.
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genauere Differenzierung zu den jeweiligen Gattungen an um das komplexe Feld des Essayfilms genauer einzugrenzen und zu verdeutlichen. Dabei geht es um die jeweiligen Gattungen, eine kurze Erläuterung sowie einen Vergleich der Gattungen.
2.2.1 Der Dokumentarfilm
Wie schon in Kapitel 2.1 erwähnt basiert der Essayfilm häufig auf dokumentarischem Filmmaterial. Aufgrund dieser Übereinstimmung wäre es prinzipiell möglich diese beiden Gattungen zusammenzufassen. In der Tat ist es so, dass sich der Dokumentarfilm in viele Genres unterteilen lässt. 18 Dies impliziert eine Problematik in der Klassifizierung von Filmgenres im Allgemeinen. Eine Klassifizierung ist nicht immer ratsam, doch in diesem Fall erscheint es sinnvoll, da es um eine möglichst genaue Abtrennung des Essayfilms geht. Was macht den Dokumentarfilm also aus? „Der Dokumentarfilm ist ein „… auf der Realität beruhender Filmtyp ohne Berufsschauspieler und ohne Spielhandlung, von S. Krakauer als Tatsachenfilm bezeichnet, bezweckt in erster Linie, (…) zu informieren und zu belehren.“ 19 (genau). Nach dieser Definition von Hattendorf sind der Essayfilm und der Dokumentarfilm nicht weit voneinander entfernt. Denn der Essayfilm beruht durch das dokumentarische Material häufig auf Tatsachen. Im Essayfilm sind jedoch fiktive Szenen und Passagen möglich, so dass er sich insofern vom Dokumentarfilm abhebt. Der Essayfilm, wie der literarische Essay ist eine Form die belehren 20 und informieren möchte. Auch hier scheint eine Gleichheit zwischen diesen beiden Formen zu herrschen. Jedoch gibt es Unterscheidungen in der Verarbeitung des Themas. Der Essayfilm beschäftigt sich mit Themen wie Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen und reflektiert diesbezüglich seine persönliche Ansicht. Im Dokumentarfilm geht es um eine objektive Berichterstattung von Themen die auch ohne Kamera stattfinden.
Außerdem zeichnet sich der Dokumentarfilm dadurch aus, dass er Ereignisse abbildet, die auch ohne die Anwesenheit einer Kamera stattgefunden haben. 21 Dies kann auch auf den Essayfilm zutreffen. Dies ist die Schwierigkeit in der Unterscheidung, da das Bildmaterial dem Dokumen- 18 Vgl.Hattendorf, Manfred (1994): Dokumentarfilm und Authentizität. Ästhetik und Pragmatik einer Gattung, Schriften aus dem Haus des Dokumentarfilms, Bd. 4, Konstanz, S. 41.
19 Silbermann, Alphons, zitiert nach, ebd., S. 43.
20 Vgl. Lucács, S. 8, 9.
21 Vgl. Scherer, S. 41.
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tarfilm entnommen ist. 22
Die Unterscheidung liegt auf der Ebene der Sprach- und Tonebene. Hier ist im Essayfilm eine starke Subjektbezogene Prägung. Es geht um den Autor und seinen eigene Erfahrungen sowie auch sozialhistorische Ereignisse, die vermittelt werden. Der Essayfilm ist stark durch den Autor geprägt, der die Möglichkeit hat „Ich“ zu sagen. Diese Subjektivität als Eigenheit des Essayfilms ist wohl die grundlegendste Unterscheidung dieser beiden Kategorien, da dies für den Dokumentarfilm ausgeschlossen wird.
2.2.2 Der Autorenfilm
Gerade diese „Ich“ - Perspektive des Autors macht den Essayfilm so verwandt mit dem Autorenfilm. Für den Autorenfilm ist es typisch, dass der Autor die Gestaltung für Inhalte, und Formgebung übernimmt. 23 In dieser Hinsicht sind diese beiden Gattungen eng miteinander verknüpft. Denn die dem Essayfilm innewohnende Sprachebene bezieht sich auf den Autor und Macher des Films.
Allerdings bezieht sich der Autorenfilm auf die Machart und nicht auf die eingesetzte Materialvielfalt wie beim Essayfilm. Der Autorenfilm kann komplett fiktiv arrangiert sein, der Essayfilm beinhaltet seine ganz eigene Montagetechnik. Diese Unterscheidung betont stark die Eigenheit des essayistischen Films. Im essayistischen Film werden Fotos, Gemälde, Briefe, Zitate, Anekdoten, Geschichten und vieles mehr verarbeitet und durch Montage zusammengesetzt, was diese Filmart zu etwas ganz eigenem macht. Auch der Rezipient wird anders angesprochen, denn diese Form der filmischen Verarbeitung regt den Rezipienten zu einem aktiven sehen an. Auf der Suche nach Zitaten und bekanntem Material erhöht sich die Aufmerksamkeit beim Zuschauen und es ist kein passives rezipieren. 24
2.2.3 Der Kompilationsfilm
Genau dieser Unterschied der Montage des Essayfilms zum Autorenfilm trifft beim
22 Kritisch daran ist eine generelle Diskussion inwieweit überhaupt objektives Filmen ohne einwirken möglich ist. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob nicht die bloße Anwesenheit einer Kamera die Ereignisse verändert.
23 Vgl. Scherer, S. 29.
24 Wobei es Meinungen gibt, wie von John Fiske z. B., die davon ausgehen, dass Rezipienten insgesamt nicht passiv sondern aktive Rezipienten sind.
9
Kompilationsfilm nicht zu. Denn der Kompilationsfilm beinhaltet eine Zusammensetzung aus schon existierendem dokumentarischem Material. Das bestehende Material wird neu zusammengesetzt und somit in einen neuen Sinnkontext gebracht. Dies jedoch zu einem Film mit narrativer Handlung 25 , was beim Essayfilm nicht immer der Fall ist.
Die Unterscheidung liegt in diesem Fall in der inhaltlichen Auseinandersetzung. Wo der Essayfilm das dokumentarische Material künstlerisch ästhetisch kritisiert geht es dem Kompilationsfilm nicht um einen künstlerischen Zugang sondern um eine informierende wissenschaftliche Komponente. Die Intention des Kompilationsfilms ist Aufklärung durch eine Neuzusammensetzung des schon vorhandenen Materials.
Die dem Essayfilm Subjektive und Selbstreflexive Komponente ist im Kompilationsfilm nicht zu finden. Was erneut die Eigenheit dieser Aspekte für den Essayfilm unterstreicht. Selbstreflexive Momente, zum Teil auch durch filmische Schleifen 26 indem schon verarbeitetes Material erneut mit anderem Text in den Film mit eingebaut wird, sind für den Essayfilm typisch. Es muss keine filmische Schleife vorkommen, damit es ein Essayfilm ist, jedoch die selbstreflexive Komponente ist für den Essayfilm typisch, unabhängig von der Form in der sie verarbeitet wird. Es fehlt dem Essayfilm eine „...stringent argumentative Abfolge...“ 27 , die demzufolge typisch für den Kompilationsfilm ist.
Nach dieser umfangreichen Betrachtung der Merkmale und Aspekte des Essayfilms sollen diese Eigenschaften noch an einem expliziten Beispiel, dem Film von Chris. Marker „Sans Soleil“ untermauert werden. Nach einer inhaltlichen Einführung und einer Analyse auf Grundlage des Filmprotokolls geht es um die Betrachtung der Bedeutung der Authentizität und Inszenierung im Essayfilm.
25 Vgl. http://www.dada.at/wohngemeinschaft/stories/storyReader$305
26 Vgl. Blümlinger, S. 18.
27 Scherer, S. 23.
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3 Filmanalyse von „Sans Soleil“
3.1 Einführende Worte zum Leben Chris. Markers
Das Leben von Chris. Marker ist uneindeutig und lässt sich schwer erschließen. Fast wirkt sein Leben wie ein Essayfilm selbst - die Details zu ergründen wird zu einer schier unlösbaren Aufgabe und ist sehr komplex. Sein Geburtsjahr 1921 ist in den meisten Fällen, in denen über Marker geschrieben wird, übereinstimmend. Das Geburtsdatum variiert zwischen dem 21. und
29. Juli. Der Geburtsort ist wie der Geburtstag unklar. Als mögliche Orte werden Garenne-Colombes (Peking), Ile-aux-Moines (Bretange) oder Ulan-Bator (Mongolei) genannt. Sein Name lautet ursprünglich Christian François Bouche-Villeneuve, den er in den Namen Chris. Marker änderte, wobe der Punkt hinter Chris wohl eine Anspielung auf die Magic Marker Stifte. Es hält sich das Gerücht, dass er nicht von diesem Planeten stammt, weil seine Daten so unklar sind. 28 Er studierte vor dem Krieg Philosophie bei Jean-Paul Sartre in Paris. Weitere biographische Daten sind schleierhaft. Erste filmische Arbeiten sind aus den 50er Jahren bekannt, die auf seine Reisen in sozialistische Länder beruhen. Dabei handelt es sich um Dokumentarfilme. Bekanntheit erlangt Chris. Marker durch den Film „Sans Soleil“ aus dem Jahre 1982. Häufig wird über diesen Film gesagt, dass er Wegbereiter des Genres Essayfilm war oder ist, aber so eine Behauptung lässt sich nicht untermauern, denn eine Geburtsstunde ist für dieses Genre kaum auszumachen. Der Film „Sans Soleil“ steht für den Essayfilm, weil er, wie oben erwähnt, ganz typische Elemente für den Essayfilm enthält.
Über das Denken und Handeln von Marker ist wohl am Meisten in seinen Filmen selbst zu erkennen und nicht durch seine verschleierten Lebensdaten, daher folgt nun eine Betrachtung seines Lebens über den Film „Sans Soleil“.
3.2 Einleitende Filmbeschreibung zu „Sans Soleil“
Der Film „Sans Soleil“ von Chris. Marker wirkt nach erstmaligem Sehen verwirrend. Es fehlt der rote Faden an dem sich der Rezipient orientieren kann. Der entsteht einzig durch den durchgängig gesprochenen Text, dem es schwer fällt zu folgen. Denn neben der Sprachebene strömen viele Eindrücke durch Bild- und Szenenwechsel auf den Zuschauer ein. Dies macht es fast unmöglich
28 Vgl. http://www.uni-tuebingen.de/TZW/wa/bild/film/marker.html
11
den Film inhaltlich zusammen zu fassen, denn der Film ist in seiner szenischen Zusammensetzung sehr vielschichtig.
Inhaltlich handelt der Film von Japan - Tokio. Zumindest steht dieser Ort im Mittelpunkt der Handlung. Gegenstand des Films sind auch andere Länder, wie Japan, Afrika, Island und San Francisco. Das Thema um das der Film sich dreht ist die Erinnerung. Wie Menschen sich erinnern, wenn sie nicht filmen oder fotografieren. 29 Was macht das Gedächtnis aus und insofern auch die Erinnerung.
Um dieses Thema zu umreißen werden Geschichten von Menschen erzählt, die z. B. ihr Gedächtnis verloren haben, oder es steht die Frage im Raum: „Was ist, wenn man das Gedächtnis, die Erinnerung nicht verliert.“ 30 Die Frauen werden erwähnt als die Bewahrerinnen des Gedächtnisses. Diese Gegenüberstellungen von Gedächtnis und Nicht-Gedächtnis wird durch die Pole Japan und Afrika hervorgehoben, um die sich der Film dreht. Selbst der Text selbst geht darauf ein „Ich schreibe dies alles aus einer anderen Welt - die des äußeren Scheins. Der Autor des Films will der Erinnerung, dem Gedächtnis auf die Spur kommen. Und erzählt vom Kollektivgedächtnis, sowie dem totalen Gedächtnis. Dabei wird selbst die Geschichte umgeschrieben, indem die Bilder von einem bei einer Ehrung vor Rührung weinenden Mann mit den folgenden Ereignissen konfrontiert werden 31 . Immer wieder spielen Zeremonien und Traditionen eine Rolle, die unmittelbar die Geschichte und Kultur zeigen. Dabei wird bekümmert das es zu einem Verlust kommt. 32
Der Film agiert auf drei Ebenen, wie es typisch ist für Essayfilme. Erstens der Sprachebene, zweitens der Bildebene und drittens der Tonebene. Für eine inhaltliche Annäherung werden diese Ebenen erst getrennt voneinander erläutert, um dem Kern des Films näher zu kommen. Allerdings ist dafür im Vorfeld anzumerken, dass keine Ebene im Vordergrund steht, sondern der Film, wie in Kapitel 2.1 erläutert, durch das Zusammenwirken dieser drei Ebenen lebt und seinen Sinn entfaltet.
29 Vgl. Anhang, S. 31.
30 Ebd., S. 27.
31 Vgl. ebd., S. 22.
32 Ebd., S. 28.
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Sabine Dupont, 2006, Analyse des Films "Sans Soleil" von Chris Marker unter besonderer Berücksichtigung der Authentizität im Essayfilm, Munich, GRIN Publishing GmbH
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