Inhalt
0. Einleitung 3
1. Kurzbiografien Gruppenkonsti 4
tution und Ausgangslage
2. Überblick über das Schaffen der 8
Wiener Gruppe
3. Der theoretische Diskurs 12
4. Zusammenfassung 16
5. Anhang
5.1 Werksverzeichnisse 18
5.2 Bibliografie 31
1. Kurzbiografien 1 , Gruppenkonstitution und Ausgangslage
Friedrich Achleitner
Geboren am 23.5.1930 in Schalchen (Oberösterreich). 1949 Matura an der Bundesgewerbe- schule in Salzburg. Studium der Architektur an der Akademie der bildenden Künste, Wien. 1953-1958 freischaffender Architekt in Wien. 1958 bis 1962 versucht Achleitner als freier Schriftsteller zu leben, nachdem er schon 1955 zur Wiener Gruppe gestoßen war. 1961 Ar- chitekturkritiker der „Abendzeitung“. 1962-1972 Architekturkritiker für „Die Presse“. Ab 1963 Lehrauftrag für „Geschichte der Baukonstruktion“ an der Akademie der bilden- den Künste, Wien. Ab 1973 Lehrauftrag für „Baukunst“ an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien. Ab 1983 Professor und Vorstand der Lehrkanzel für „Geschichte und Theorie der Architektur“ an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien. Seit 1998 Emeritus. Lebt in Wien.
Achleitner ist Gründungsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur und Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München.
Hans Carl Artmann
Geboren am 12.6.1921 in Wien. 1940 zur deutschen Wehrmacht eingezogen, mehrfach verwundet. 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Erste Lyrik-Veröffentlichungen 1947 im Radio Wien. Literarische Aktivitäten um die Zeitschrift „Neue Wege“ und im „Art Club“ nach 1949. Ab 1953 enge Kontakte zu Konrad Bayer und Gerhard Rühm. 1954-55 Reisen durch Westeuropa. 1958 erste Buchveröffentlichung („med ana schwoazzn dintn“). 1961 Übersiedung nach Stockholm, 1962 Übersiedlung nach Berlin, 1963 Übersiedlung nach Lund, später Malmö, 1965 Berlin, 1966 Graz, 1968 Berlin, danach ohne festen Wohn- sitz, ab 1972 in Salzburg bzw. Wien ansässig, zuletzt lebte er in Salzburg. Artmann war Mitglied des Österreichischen Kunstsenats, Wien und der Akademie der Künste, Berlin. Ehrendoktor der Universität Salzburg.
Artmann starb am 4.12.2000 in Wien.
Konrad Bayer
Geboren am 17.12.1932 in Wien. Gymnasium, kaufmännische Kurse, 1952-1957 Bankange- stellter. Mit H. C. Artmann, Gerhard Rühm und Oswald Wiener Mitglied im 1951 gegrün- deten „Art-Club“. Psychologiestudium, nach kurzer Zeit abgebrochen. 1962 Redaktion der avantgardistischen Zeitschrift „edition 62“, von der nur zwei Ausgaben erschienen. 1963 einige Monate Aufenthalt in Frankreich. 1963 und 1964 Lesungen auf den Tagungen der Gruppe 47.
Am 10.10.1964 verübte Bayer Selbstmord in Wien.
Quellen für die Kurzbiografien:
1
Kritisches Lexikon der deutschen Gegenwartsliteratur – KLG.
Die Wiener Gruppe. Kunsthalle Wien. 13.11.1998 – 21.2.1999. Hrsg.: Kunsthalle Wien. Wien (Kunst- halle) 1998.
die wiener gruppe. Hrsg.: Walter-Buchebner-Gesellschaft. Wien, (Böhlau) 1987.
4
Gerhard Rühm
Geboren am 12.2.1930 in Wien. Besuch des Realgymnasiums. Studium an der Staatsakade- mie für Musik und darstellende Kunst in Wien (Klavier und Komposition). Seit 1954 freier Schriftsteller in Wien. 1964 bis 1977 Aufenthalt in West-Berlin. 1972-1995 Professur an der staatlichen Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Mitglied der freien Akademie der Künste in Hamburg.
Rühm lebt in Köln und Wien.
Oswald Wiener
Geboren am 5.10.1935 in Wien. Universitätsstudium: Rechtswissenschaft (1954), Musik- wissenschaften (1955/56), Afrikanische Sprachen (1956/57), Mathematik (1958) - ohne Abschluß. 1952-1959 Jazzmusiker (Trompete und Kornett). Von 1958-1966 Angestellter der Olivetti-Niederlassung in Wien, zuletzt Leiter der Datenverarbeitungsabteilung. 1969 Übersiedlung nach West-Berlin. Eröffnung der Lokale „exil“, „axbax“ und „matalla“. Ma- thematik- und Informatikstudium an der TU Berlin bis zur Erlangung des Doktortitels. Reisen, u.a. nach Kanada, Island, Italien. 1986 Übersiedlung nach Kanada. Von 1992-2004 Professur für „Poetik und künstlerische Ästhetik“ an der Kunstakademie Düsseldorf. Lebt in Dawson City, Yukon/Kanada und Österreich.
Die Wiener Gruppe
Man spricht ganz selbstverständlich von der Wiener Gruppe, wenn auch bezüglich der Be- teiligten und der genauen Datierung unterschiedliche Darstellungen existieren, die auch auf differierende Perspektiven der beteiligten Autoren selbst zurückgehen. Rühm zufolge geht der Name der Gruppe auf eine Zeitungsrezension im Jahr 1958 zu- rück. 2 Die Wiener Gruppe ist unterschiedlich periodisiert worden. Es gibt die Unterscheidung zwi- schen einer frühen Formation der Wiener Gruppe mit Artmann, Bayer, Rühm und Wiener, „die ihre gemeinsamen Aktivitäten noch nicht unter einem Namen zusammenfassten“, „während die spätere Formation (Achleitner, Bayer, Rühm, Wiener) die Bezeichnung bewusst übernahm und beibehielt.“ 3 Wiener hingegen verwendet die Bezeichnung für „die freunde Achleitner, Bayer, Rühm und Wiener in der zeit der engsten zusammenarbeit 1957 bis 1959“. 4 Gerhard Rühm hat mit dem von ihm selbst herausgegebenen Sammelband „Die Wiener Gruppe“ (1967, Neuauflage 1985) das Bild von der Wiener Gruppe in einer relativ breiten
Vgl. Rühm, S. 26
2
Ulrich Janetzki: Alphabet und Welt. Über Konrad Bayer. Königstein/Ts. 1982. S. 162, zitiert aus
3
Kunsthalle Wien, S. 12 Oswald Wiener: Wittgensteins Einfluss auf die Wiener Gruppe. In: Walter-Buchebner-Gesellschaft,
4
S. 59
5
Öffentlichkeit wohl am stärksten geprägt. Im Vorwort zu genanntem Sammelband liefert er viel anekdotisches und atmosphärisches Material und hebt vor allem die Gemeinsamkeiten der Mitglieder hervor.
Achleitner weist allerdings daraufhin, dass die Gruppe keineswegs so homogen war, son- dern durchaus verschiedenen Strömungen anhing. So unterteilt er die Mitglieder in den surrealen Block (Artmann und Bayer) und den positivistisch-rationalistisch-konstruktivis- tischen Teil (er selbst und Wiener) mit Rühm in der Mitte zwischen den Stühlen. Dies sieht Bayer ähnlich:
„oswald wiener, gerhard rühm und friedrich achleitner zielten auf ein konstrukti- ves, am material orientiertes schreiben (sie griffen dabei auf den expressionismus sowie auf das bauhaus zurück und nahmen anregungen aus wittgensteins schriften auf (...), währenddessen artmann und ich mehr dem surrealismus, dem manieris- mus, der schwarzen romantik verpflichtet waren (...).“ 5 Auch Wiener widerspricht Rühms idealisierter Darstellung. Er sieht Artmann als Missver- standenen:
„ich fürchte, dass wir manche züge in sein werk hineingelegt haben, denn uns inte- ressierte fast ausschliesslich der theoretische aspekt eines gedichtes, und so hatten wir uns als arbeitsgemeinschaft gefühlt, obwohl so manche gemeinsamkeit nähe- rer betrachtung nicht standgehalten hätte.“ 6 Diese Darstellung passt durchaus zu Artmanns zunehmender Distanzierung gegen Ende der fünfziger Jahre.
Bayer dazu: „als artmann mit seiner „schwoazzn dintn“ ankommt und des erfolges unge- wohnt, dieser und jener versuchung erliegt, leitet wiener seinen sturz ein (was artmann damals höchst gleichgültig war) und übernimmt die führung (...).“ 7 Artmann hat später seine Mitgliedschaft in mehreren Interviews widerrufen und erklär- te, die Bezeichnung „Wiener Gruppe“ sei nur eine journalistische Erfindung und es habe nie eine eigentliche Gruppe gegeben. Diese Abgrenzung mag an Artmanns ausgeprägtem Individualismus liegen, der zum teilweise konformistischen Gruppenklima 8 im Gegensatz stand. Auch wenn Artmanns Gruppenzugehörigkeit also mit einer gewissen Zurückhaltung zu betrachten ist, sein Einfluss als Freund, literarischer Inspirator und Förderer war vor allem in den Anfangsjahren bedeutend, wie besonders Bayer betont: „er war mir anschau- ung, beweis, dass die existenz des dichters möglich ist.“ 9
Zur Rolle Ernst Jandls
Auch Ernst Jandl wird manchmal zur Wiener Gruppe dazugezählt. Diese Darstellung wi- derlegt er allerdings selbst. Er interessierte sich zwar für die Arbeiten von Artmann und Rühm, was auf Gegenseitigkeit beruhte, lehnte allerdings Achleitners und Bayers Arbeiten ab.
Konrad Bayer: die wiener gruppe. In: Weibel, S. 30
5
In: das literarische cabaret der wiener gruppe. In: Rühm, S. 401 f.
6
In: hans carl artmann und die wiener dichtergruppe. In: Weibel, S. 39
7
Bayer wurde zeitweilig aus der Gruppe ausgeschlossen, weil er sich von einem Maler hatte portrai-
8
tieren lassen, der den anderen Gruppenmitgliedern nicht als passender Umgang galt. In: Sämtliche Werke, Bd. 1, S. 347, zitiert aus: Steinlechner, S. 71
9
6
„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir vier, Mayröcker, Artmann, Rühm und ich den Kern jeder progressiven Literaturgruppierung in Wien bilden müssen.“ 10 Der intensive Kontakt, den Jandl ab Anfang 1956 zu Artmann und Rühm pflegte, ließ im Laufe des Jahres 1957 nach. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sich Rühm und Artmann mehr auf die gemeinsame Zusammenarbeit mit Achleitner, Bayer und Wiener konzentrierten.
Der endgültige Bruch kam dann ein Jahr später: „Spätestens das erste literarische Kaba- rett der „Wiener Gruppe“, am 6. Dezember 1958, machte es mir klar, dass ich draußen war, nie drin gewesen, keine Figur in einem gemeinsamen Spiel.“ 11
Österreich
Auch wenn strittig ist, wer wann Mitglied war, dass es die Wiener Gruppe gab, steht fest. Aber wie kam sie zu stande und warum schlossen sich die Mitglieder zusammen? Konrad Bayer sieht „diese selbstauslöschung des autors zugunsten der zusammenarbeit (...) (als) ein hauptmerkmal unserer gruppe, und ich halte es immer noch für eine der wenigen vorstellbaren begründungen literarischer zusammenarbeit.“ 12 Während Rühm mehr auf pragmatische Gründe eingeht: „man musste sich zusammen- schliessen, ungeachtet mancher meinungsverschiedenheiten, wenn man nur in der rich- tung ‚nach vorn‘ übereinstimmte.“ 13 Denn:
„schnell wurde deutlich, dass die mehrheit wohl vieles gegen die nazistische kriegspolitik, aber im grunde nichts gegen die ‚gesunde‘ kulturpolitik einzuwenden gehabt hatte. jetzt, da man der ‚entarteten kunst‘ wieder offen begegnen konnte, erregte sie die gemüter oft bis zu handgreiflichkeiten. schon wer für sie interesse zeigt, wurde für verrückt, abwegig erklärt – erst recht die, die sie vertraten.“ 14 Dieser Kommentar ist mit Blick auf die Situation im Österreich der 50er Jahre zu ver- stehen. Der restaurative Geist, der dort zu dieser Zeit herrschte, äußerte sich der Gruppe gegenüber in empörten Rezensionen und Publikationsskandalen. 15 „der alte nazislogan von der ‚Entarteten Kunst‘ blieb in österreich gut aufgehoben, und wenn ihn der nächste unterrichtsminister drimmel als warnung vor dem unwesen der ‚modernen‘ schon nicht gerade in der hauptstadt aus dem sack liess, so umso ungenierter im gesünderen hinterland.“ 16
Ernst Jandl: österreichische beiträge zu einer modernen weltdichtung. In: Ernst Jandl: für alle.
10
Darmstadt, Neuwied 1974, S.221, zitiert aus: Kristina Pfoser-Schewig: „... keine Figur in einem ge- meinsamen Spiel“. Walter-Buchebner-Gesellschaft, S. 69 Ernst Jandl: Von Konrad Bayer. In: Protokolle, H. 1/1983, S. 31, zitiert aus: Kristina Pfoser-
11
Schewig: „... keine Figur in einem gemeinsamen Spiel“. In: Walter-Buchebner-Gesellschaft, S. 70 Vgl. Konrad Bayer: the vienna group. In: Weibel, S. 30
12
In: zur wiener gruppe in den fünfziger jahren – mit bemerkungen zu einigen frühen gemeinschaft-
13
sarbeiten. In: Drews, S. 63 Rühm, S. 7
14
Nach der Veröffentlichung von Gedichten von Mitgliedern der Wiener Gruppe in der Zeitschrift
15
„Neue Wege“ wurde der verantwortliche Redakteur entlassen. Auch die Dialektgedichte Artmanns wurden nur veröffentlicht, weil der Verlag sie als Heimatlyrik ansah. Der darauf folgende Band „hosn rosn baa“ wurde von den Wienern Buchhändlern boykottiert.
Rühm in: zur wiener gruppe in den fünfziger jahren – mit bemerkungen zu einigen frühen ge-
16
meinschaftsarbeiten. In: Drews, S. 63
7
Diese Stimmung liegt teilweise darin begründet, dass man nach der Befreiung von den Besatzungsmächten um eine neue staatliche Identität bemüht war. In diesem Kontext galt es, Grundwerte für ein möglichst tragfähiges politisches, soziales, wirtschaftliches und kul- turelles Klima zu schaffen. Es wurde darauf verzichtet, in der Nazizeit Verpöntes nach- zuholen, und auf ältere Verbindlichkeiten zurückgegriffen. Dies aber wurde mithilfe des deutschen romantischen Nationsbegriffes getan, der ebendiese als Kulturgemeinschaft definiert. Also wurde zwanghaft nach Beweisen für eine spezifisch österreichische Kultur gesucht, was sich dann u.a. darin niederschlug, dass eine „österreichische Unterrichtsspra- che“ vorgeschrieben wurde. Modernismen aber wurden aus der Hochkultur eliminiert, öf- fentlich abgewertet und boykottiert.
2. Überblick über das Schaffen der Wiener Gruppe
In diesem feindseligen Klima also treffen sich die späteren Mitglieder der Wiener Gruppe. Nach ersten freundschaftlichen Kontakten ab 1952 (Artmann, Rühm, Bayer), 1953 (Wie- ner) und 1955 (Achleitner), vor allem im Umfeld des Art-Clubs um Gütersloh, intensiviert sich der Kontakt zunehmend. Artmann, Bayer, Rühm und Wiener beginnen im privaten Kreis zu experimentieren, sich gegenseitig vorzulesen, theoretische Positionen zu disku- tieren.
Rühm schildert die folgende Phase als aufregende Pionierzeit. Die jungen Autoren eignen sich alles als Literatur an und verarbeiten es weiter, darunter Lexika, Konversationsbücher, Lehrbücher, technische Gebrauchsanweisungen, Groschenromane.
Oswald Wiener liefert mit dem ästhetischen Relativismus des verschollenen coolen Mani- fests die theoretische Grundlage für diese Arbeit. Darin erklärt er Willkür und persönliche Laune zur einzigen verbindlichen literarischen Wertinstanz. Folglich kann alles Literatur werden. Das coole manifest ist als provokative Geste dem Kulturbetrieb gegenüber zu wer- ten, der ganz genau unterscheidet, was als Literatur gelten darf und was nicht.
die acht-punkte-proklamation des poetischen actes
Das erste Manifest der Gruppe aber kommt vom sonst eher Theorie-uninteressierten Art- mann. Dieser formuliert 1953 die acht-punkte-proklamation des poetischen actes und legt damit den Grundstein für den poetischen Aktionismus, der z.B. die literarischen cabarets prägen wird.
Artmann fordert in seiner proklamation eine Dichterexistenz, die sich durch nichts anderes als einen Handlungswunsch auszuweisen braucht. Denn:
„es gibt einen satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein wort geschrieben oder gesprochen zu haben. vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte wunsch, poetisch handeln zu wollen.“ 17 Der poetische act, also die „pose in ihrer edelsten form, frei von jeder eitelkeit und voll hei-
In: Rühm, S. 9f., siehe auch Anhang
17
8
Arbeit zitieren:
Caroline Poser-Zamith de Franco Carrilho, 2006, Die Wiener Gruppe, München, GRIN Verlag GmbH
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