Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1. Problemstellung 1
1.2. Forschungsstand. 2
1.3. Aufbau. 2
2. Wirtschaftsgeschichtlicher Hintergrund zu Zeiten Smiths 3
3. Smiths Nationalökonomie 4
3.1. Konsum als Zielfunktion der Volkswirtschaft 4
3.2. Die Freiheit als Grundlage der Ökonomie 5
3.4. Die Rolle des Staates 6
3.5. Die Bedeutung von Smiths klassischer Nationalökonomie. 7
4. Kohärenz zum politischen Liberalismus 7
5. Zum Problem der Verteilungsgerechtigkeit 8
5.1. Die Moral als natürliche Barriere des Egoismus 9
5.2. Kritik. 10
5.2.1. Die historische Epoche des „laissez-faire“-Kapitalismus. 11
5.2.2. Ist Gerechtigkeit definierbar? 12
6. Nachwirkungen auf den Liberalismus. 14
7. Schlussbetrachtung. 15
8. Bibliografie 17
1. Einleitung
Adam Smith, geboren 1723 in der schottischen Stadt Kirkcaldy, gilt heute als Vater der modernen Nationalökonomie. Von 1737 bis 1746 studierte er an den renommierten Universitäten von Glasgow und Oxford. 1 1751 erhielt Smith an der Universität von Glasgow die Professur für Logik und 1752 wurde er zum Professor für Moralphilosophie ernannt. 2 1764 verabschiedet er sich von der Universität und machte eine 18-monatige Reise durch Frankreich. Dort lernte er unter anderem die führenden Vertreter der Aufklärung, wie zum Beispiel Voltaire, kennen. 3 Ab 1778 arbeitete Smith als Zollrevisor in Edinburgh. Dort starb er schließlich 1790 im Alter von 67 Jahren. 4
1.1. Problemstellung
Insgesamt sind zwei Werke Adam Smiths für die Nachwelt von Bedeutung. „The Theory of Moral Sentiments“ erschien 1759 und ist eine Abhandlung über die die Natur des Menschen und dessen Verhältnis zur Gesellschaft. 1776 wurde „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ veröffentlicht, Smiths bekanntestes Werk. Es gilt als Grundstein der klassischen Ökonomie. Dieses Werk ist es auch, mit dem sich diese Arbeit im Wesentlichen befasst. Dessen Bedeutung für die Geisteswelt beschränkt sich nicht nur auf die ökonomische Ebene. Vielmehr beeinflusste Smiths Forderung nach der „natürlichen Freiheit“ der Individuen auch viele politische Denker, die sich später als Anhänger des Liberalismus unter anderem auf ihn berufen sollten. So ist Smith in jeder Hinsicht aktuell. Nicht nur weil wir heute in einem kapitalistischen System der Marktwirtschaft leben, sondern auch in einem demokratischer Verfassungsstaat.
Diese Arbeit befasst sich mit der ökonomischen Theorie Smiths aus gesellschafts-theoretischer Sicht. Durch die Untersuchung dieser werde ich sie kritisch nach logischen Zusammenhängen zur politischen Theorie des Liberalismus analysieren, vor allem im Hinblick auf die soziale Verträglichkeit. Hat Smith seine Gesellschaftstheorie weit genug durchdacht? Gibt es Widersprüche?
1 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S. 25 f.
2 Vgl. ebd., S 27.
3 Vgl. ebd., S. 30 ff.
4 Vgl. ebd., S. 45.
1
1.2. Forschungsstand
Aufgrund der großen Bedeutung dieses Werkes ist der Umfang der Literatur, die sich mit der Nationalökonomie Smiths beschäftigt, so groß, dass es unmöglich ist alles an dieser Stelle aufzuzählen. Die Sekundärliteratur umfasst sowohl allgemeine
Abhandlungen über das Werk wie „Adam Smith zur Einführung“ 5 von Michael Aßländer, als auch Untersuchungen einzelner Aspekte von Smiths Philosophie. 6 Selbst zu aktuellen Themen gibt es Verknüpfungen zu Adam Smith, wie etwa „Adam Smith in Beijing: Die Genealogie des 21. Jahrhunderts“ 7 von Giovanni Arrighi. Aber wie schon gesagt, diese Beispielwerke dienen nur dazu, einen kleinen Ausschnitt des Forschungsstandes aufzuzeigen. Vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum findet sich eine große Fülle von Sekundärliteratur.
1.3. Aufbau
Nach einer anfänglichen Einführung in die wirtschaftsgeschichtlichen Umstände seiner Zeit, befasst sich der erste Teil dieser Arbeit ausschließlich mit der ökonomischen Theorie von Adam Smith. Aufgrund der eingegrenzten Thematik, werden nur jene Aspekte untersucht, die von gesellschaftstheoretischer Relevanz sind. Dazu wird hauptsächlich Smiths „Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker“ verwendet. Unter Zuhilfenahme von Sekundärliteratur betrachte ich in dem darauf folgenden Teil Parallelen zum Liberalismus, dem eine Auseinandersetzung über das Problem der Verteilungsgerechtigkeit folgt. Im letzten Kapitel wird am Beispiel John Stuart Mills betrachtet, welche Positionen der politische Liberalismus in der Folge zu dieser Thematik einnahm.
5 Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007.
6 Manstetten, Reiner: Das Menschenbild der Ökonomie. Der homo oeconomicus und die Anthropologie
von Adam Smith.
7 Arrighi, Giovanni: Adam Smith in Beijing. Die Genealogie des 21. Jahrhunderts, Hamburg 2008.
2
2. Wirtschaftsgeschichtlicher Hintergrund zu Zeiten Smiths
Vom 17. Jahrhundert bis tief in das 18. Jahrhundert betrieben die meisten europäischen Länder eine Wirtschaftspolitik, die uns heute als Merkantilismus bekannt ist. Merkantilismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene wirtschaftspolitische Ideen, welche sowohl geld- als auch handelspolitische Ansätze verbinden. 8 Es ist kein Zufall, dass die Entstehung merkantilistischer Grundsätze zeitlich ungefähr mit dem Aufkommen absolutistischer Herrschaftsformen zusammenfällt. Die Königshäuser Europas unterhielten teure Armeen und um die Pracht und den Luxus ihrer kostspieligen Höfe aufrecht zu erhalten, benötigten sie auch sehr viel Geld. 9 Der Merkantilismus als Ganzes kann aber nicht als geschlossene Wirtschaftstheorie betrachtet werden, wurde er doch in den einzelnen Staaten auf unterschiedliche Weise betrieben und aufgefasst. So förderte damals der französische Staat, dem Ursprungsland des Merkantilismus, intensiv den Ausbau der Infrastruktur und die Errichtung von Manufakturen, bei gleichzeitiger Festlegung der Preise und Erlassung von Produktionsvorschriften. Die Binnenzölle wurden vereinheitlicht und die Einfuhr ausländischer Fabrikationsgüter wurde durch hohe Zölle erschwert. In England hingegen war die Regulierung der Binnenwirtschaft weitaus weniger ausgeprägt. Die Regierenden setzten die Schwerpunkte staatlicher Aktivität auf den Außenhandel und Kolonialisierung. 10 Auffälligstes Merkmal aller merkantilistischen Volkswirtschaften, war jedoch der stark ausgeprägte Protektionismus der Länder mit dem Ziel einer aktiven Handelsbilanz. Dem liegt zugrunde, dass der Außenhandel als Nullsummenspiel betrachtet wurde: Positive Effekte im Inland sollten durch negative Effekte im Ausland erkauft werden. 11 Dies hatte folgenreiche Konsequenzen: Im Glauben daran, dass eine gemeinsame Wohlfahrtsmaximierung durch Tausch nicht möglich ist und deswegen die eigenen Märkte abgeschottet wurden, verschlechterten sich die zwischenstaatlichen Beziehungen Europas im 17. und 18. Jahrhundert enorm. 12 Selbst mehrere Kriege wie der englisch-holländische Seekrieg 1652 bis 1654 können direkt auf merkantilistische Politik zurückgeführt werden. 13 Gravierender noch waren die sozialen Folgen. Zur Strategie der
8 Vgl. Schönherr Gunnar: Die Ökonomie in Geschichte und Theorie, in: Bertelsmann Lexikothek:
Wirtschaft, Staat, Gesellschaft. Hrsg. von Gudemann, Wolf-Eckhard, Auflage B, Gütersloh 1997, S. 18.
9 Vgl. ebd., S. 19.
10 Vgl. a.a.O.
11 Vgl. Haas, Hans-Dieter: Internationale Wirtschaft. Rahmenbedingungen Akteure räumliche Prozesse,
München 2006, S.192.
12 Vgl. ebd., S. 192 f.
13 Vgl. Pleticha Heinz: Dreihundert Jahre Expansion der europäischen Mächte, in: Bertelsmann
Lexikothek: Panorama der Weltgeschichte II. Hrsg. von Pleticha, Heinz, Auflage B, Gütersloh 1997, S.
3
Merkantilisten gehörte es ebenfalls, das allgemeine Lohnniveau und damit die Güterpreise niedrig zu halten. Strukturen bürgerlicher Selbstverwaltung wie Gilden oder Zünfte wurden vom zentralistischen Staat zerstört und sollten nur noch zur Selbstverwaltung dienen. 14 Letztendlich trieb der „Primat der Gewerbepolitik“ 15 , die Produktion von Industriegütern um jeden Preis, die Agrarwirtschaft in eine tiefe Krise. Zwar konnten einige Teile der Bevölkerung von diesen wirtschaftlichen und staatlichen Zuständen profitieren, wie etwa der Landadel, doch brachte diese Ära fast überall eine „Verkümmerung des Handwerkes und eine Verelendung der Bauern“ 16 mit sich. Diese offensichtlichen Misstände schufen den Boden für Kritik und für eine Umwälzung. Schon lange vor Adam Smith kritisierten Gelehrte wie John Locke und David Hume den Merkantilismus, doch erst Smith konnte eine Alternative formulieren. So war einer der Hauptintentionen seines Werkes „Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker“ darzulegen, dass merkantilistische Politik zielverfehlende Politik ist. 17
3. Smiths Nationalökonomie
3.1. Konsum als Zielfunktion der Volkswirtschaft
Smith stellte fest, dass im Merkantilsystem, den Interessen des Produzenten die Interessen des Konsumenten geopfert wurden. 18 Das klingt einleuchtend, wurden doch, wie gerade beschrieben, die Preise ständig durch Zölle und Subventionen künstlich in die Höhe getrieben, um so den heimischen Produzenten einen Vorteil zu verschaffen. Smith aber machte deutlich, dass nicht der Produzent sondern der Konsument im Mittelpunkt wirtschaftspolitischen Handelns stehen sollte:
„Konsum ist der einzige Sinn und Zweck aller Produktion, und das Interesse des Produzenten sollte nur insoweit berücksichtigt werden, als es für die Förderung des Konsumenteninteresses nötig sein mag.“ 19
250.
14 Vgl. Reif, Hans: Die geistigen Grundlagen, in: Luchtenberg, Paul / Erbe, Walter (Hrsg.): Geschichte des
deutschen Liberalismus. Köln 1966, S. 14.
15 Schönherr Gunnar: Die Ökonomie in Geschichte und Theorie, in: Bertelsmann Lexikothek: Wirtschaft,
Staat, Gesellschaft. Hrsg. von Gudemann, Wolf-Eckhard, Auflage B, Gütersloh 1997, S. 18.
16 Reif, Hans: Die geistigen Grundlagen. in: Luchtenberg, Paul / Erbe, Walter (Hrsg.): Geschichte des
deutschen Liberalismus, Köln 1966, S. 14.
17 Vgl. Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Tübingen 2005,
S.5.
18 Vgl. ebd. S. 645
19 a.a.O.
4
Diese Symbiose von Konsum und Produktion bestimmt auch heute noch die moderne Marktwirtschaft. So selbstverständlich, wie diese Aussage für uns sein mag, historisch gesehen war sie eine völlig neue ökonomische Betrachtungsweise. Der Reichtum eines Landes manifestierte sich vor Smith nach der Ansammlung von Gold und Silber. Und tatsächlich brachte die merkantilistische Politik der Exportförderung bei gleichzeitiger Einfuhrbeschränkung, hohe Preise auf dem heimischen Markt und so höhere Steuereinnahmen für die Herrschenden. Die höheren Preise aber sorgten konsequenterweise auch für eine schlechtere Versorgung der Bevölkerung. 20 Indem Smith also den Konsum und deren Steigerung zum höchsten Sinn seiner Nationalökonomie macht, wird der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt erstmals einer Bedeutung zugemessen. Ein Gedanke, der ökonomisch für mich die gleiche Brisanz inne hat, wie John Lockes Auffassung, dass Regierungen nur den Bedürfnissen freier Menschen innerhalb einer Gesellschaft dienen sollten.
3.2. Die Freiheit als Grundlage der Ökonomie
Und auch Smith hebt die Freiheit der Individuen hervor. Doch anders als der liberale Vordenker Locke oder andere liberale Denker, die ihm folgten, erklärte Smith die Freiheit nicht zum Recht (zumindest nicht ausdrücklich), sondern schlichtweg zu einer Notwendigkeit, um eine wie im oberen Absatz beschriebene Wohlfahrtsteigerung zu erreichen. Einerseits schlussfolgert er, historisch begründet, 21 dass jede Beschränkung der Wirtschaft sich tendenziell eher nachteilig auswirkt:
„Somit wirkt jedes System, das entweder durch außerordentliche Anreize für eine bestimmte Art der Erwerbstätigkeit dieser einen größeren Teil des Kapitals der Gesellschaft hinzuwenden will, als von dorthin allein flösse, oder durch außerordentliche Beschränkungen für eine bestimmte Art der Erwerbstätigkeit dieser einen Teil des Kapitals entziehen will, dem großen Zweck den es fördern will entgegen.“ 22
Andererseits sieht er in dem frei handelnden Individuum die treibende Kraft der Ökonomie. Der Einzelne wünscht sich stets eine Verbesserung seiner materiellen Lage. Daher ist er auch stets gewillt seine Arbeitskraft und sein Kapital möglichst effektiv
20 Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S. 119.
21 Vgl. Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Tübingen 2005,
S. 650 ff.
22 Ebd., S. 671.
5
einzusetzen. 23 Zu welchen Zweck er dies tut kann jeder Einzelne viel besser beurteilen als ein Staat, der nicht in der Lage ist alle Wirtschaftsabläufe eines Landes in seiner Komplexität zu erfassen. 24
3.3. Die „unsichtbare Hand“
Wer steuert nun sowohl die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen als auch deren Konsum? Smith erläutert dies mit seiner berühmten Metapher der „invisible hand“: „Da also jeder einzelne danach trachtet, sein Kapital möglichst in der heimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und diese Erwerbstätigkeit so auszurichten, dass die größte Wertschöpfung erfolgt, arbeitet jeder einzelne notwendigerweise darauf hin, dass jährliche Volkseinkommen möglichst groß zu machen. [...] und er diese Erwerbstätigkeit so ausrichtet, dass die größte Wertschöpfung erfolgt, denkt er nur an seinen eigenen Vorteil, und dabei wird er [...] von einer unsichtbaren Hand gelenkt.“ 25 Mit diesen Marktmechanismus schafft Smith eine Synthese seiner Erkenntnisse. So ist es das nach materiellen Wohlstand strebende (egoistische) Individuum, welches scheinbar aus reinem Eigeninteresse handelnd, versucht, seine Arbeit und Kapital möglichst gewinnbringend einzusetzen. Durch die unsichtbare Hand jedoch sind seine Leistungen für die gesamte Gesellschaft von Nutzen. Die Folge ist eine produktivere Gesamtwirtschaft, aber auch eine optimale Konsumentenversorgung der Bevölkerung, da sich zur Gewinnmaximierung die Produktion an der gegebenen Nachfrage ausrichten muss. Der Staat aber, auch wenn er gute Absichten verfolgt, würde durch sein Eingreifen in den Wirtschaftsprozess, der allgemeinen Wohlfahrtmaximierung nur schaden. 26
3.4. Die Rolle des Staates
Nach Smith ist also ein Staat, der zielgerichtete Wirtschaftspolitik betreibt, um durch Eingriffe in das Marktgeschehen die Wohlfahrt zu steigern, höchst ungeeignet. Dies bedeutet aber nicht, dass Smith den Staat generell ablehnt. Im Gegenteil, ein gut funktionierendes Gesellschaftssystem ist wichtig für eine gut funktionierende Wirtschaft eines Landes. Mit diesem Ziel hat der Staat nur drei Pflichten zu erfüllen. Erstens die Gesellschaft vor Gewalttaten und Angriffen anderer Länder zu schützen. Zweitens die Pflicht, durch Rechtspflege die Mitglieder der Gesellschaft vor Ungerechtigkeit und
23 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S 120.
24 Vgl. Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Tübingen 2005,
S. 467.
25 A.a.O.
26 Vgl. ebd., S. 671.
6
Übergriffe durch andere Mitglieder zu schützen. Und drittens hat der Staat die Pflicht für eine funktionierende Infrastruktur und andere öffentliche Objekte zu sorgen. 27 Während also der Staat für einen stabilen gesellschaftlichen Rahmen sorgt, soll er die Wirtschaft weitestgehend unberührt lassen.
3.5. Die Bedeutung von Smiths klassischer Nationalökonomie
Welch große Bedeutung und Einfluss die „Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker“ auf die Nachwelt hatte ist bekannt. Schon zu Lebzeiten galt Adam Smith als einer der wichtigsten Denker der europäischen Geisteswelt und bis heute ist sein Werk ein wichtiger Bestandteil ökonomischer Theorie. Zahlreiche von ihm geschilderten Sachverhalte wurden von späteren Theoretikern wie David Ricardo aufgenommen, weiterentwickelt und verfeinert. 28 Bis heute bildet Smiths Werk das Fundament des modernen Kapitalismus. Damit schuf er eine Wirtschaftsordnung, die meiner Meinung nach bis heute ohne Alternativen als die effektivste anzusehen ist.
4. Kohärenz zum politischen Liberalismus
Schon bei der Recherche zu dieser Arbeit sind mir viele Parallelen von Smiths Gedanken zu jenen des Liberalismus aufgefallen. In dieser Hinsicht zu unterstreichen ist die Betonung der „natürlichen Freiheit“ des Menschen als einer der Grundlagen der smith'schen Theorie. Zwar ist die Begründung dieser ökonomischer Art, doch die Wechselwirkung und Verstrickung von Wirtschaft und Politik machen solch eine Notwendigkeit der Freiheit des Einzelnen zwangsläufig zu einer politischen Forderung. Eine Forderung, die auch zentraler Bestandteil des Liberalismus ist. Er sieht die Freiheit als Grundrecht an, da jeder Mensch frei geboren ist. So schreibt John Stuart Mill: „Die einzige Freiheit, die diesen Namen verdient, besteht darin unser eigenes Wohl auf unsere eigene Art zu suchen, solange wir nicht die Absicht hegen, andere ihrer Freiheit zu berauben [...]“ 29
Dieser für beide Theorien charakteristische Forderung nach einem höchstmöglichen Maß an Freiheit, folgt als Konsequenz, dass die staatliche und politische Macht einer Beschränkung unterworfen sein sollte. Anders als die Beschränkung staatlicher Macht im ökonomischen Sektor, ist der Fokus der Liberalen in dieser Hinsicht auf die Gesellschaft ausgerichtet. Ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Bereich, wann immer dies möglich
27 Vgl. ebd., S. 671 f.
28 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007. S. 178 f.
29 John Stuart Mill: Bürgerliche Freiheit, in: Nida-Rümelin, Julian / Vossenkuhl, Wilhelm (Hrsg.): Ethische
und politische Freiheit. Berlin 1998, S. 38.
7
ist, lautet hier das Credo. 30 Zu einer Überschneidung kommt es, wenn nach der nun verbliebenen Rolle des Staates gefragt wird. Sowohl für Smith (s.o. 2.5) als auch im Liberalismus 31 soll er als Rechtsstaat durch Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung zum aktiven Hüter der gerade erwähnten Freiheiten werden. Für Leonard Trelawny Hobhouse beispielsweise, ein bedeutender englischer liberaler Politiker und Theoretiker, bedeutet Freiheit eine „qualitative Selbstverwirklichung“ der Individuen, die nicht im Widerspruch zu anderen Individuen stehen darf. Dabei ist es die Aufgabe des Staates durch Zwang individuelle Zwänge zu vermeiden, um freiheitliche Werte wie freie Meinungsäußerung, Sicherheit und persönliches Eigentum zu schützen. 32 Die Analogien zwischen Smith und dem politischen Liberalismus sind nicht zu übersehen. Allein die Aufgliederung des Begriffs „Liberalismus“ sowohl in politischen Liberalismus als auch ökonomischen Liberalismus (dessen erster bekannter Vertreter Smith war) verdeutlicht dies.
5. Zum Problem der Verteilungsgerechtigkeit
Aber lassen sich diese beiden Theorien so einfach gleichsetzen? Es ist ganz offensichtlich, dass der Grund für die gemeinsame Verortung beider Theorien die Forderung nach der Freiheit des Individuums ist. Die Frage lautet deswegen, ob die ökonomische Freiheit Smiths mit der Freiheit, sich selbst verwirklichen zu können, harmonieren kann? Denn frei von Zwängen leben zu können, bedeutet im Grunde genommen unabhängig zu sein. Und genau hier sehe ich ein Problem. Ein Mensch, der frei zu sein scheint von einem Staat und seiner Fremdbestimmung über ihn, kann keinen Nutzen daraus ziehen, wenn er sich statt dessen einem Markt unterwerfen muss. Der Liberalismus propagierte keinen Anarchismus. Die Menschen sollen in einer Gesellschaft leben, deren soziale Interaktion darauf beschränkt ist, die Freiheit des jeweils anderen nicht zu gefährden. Wenn es aber Egoismus ist, der die wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen antreibt, entsteht ein Wettbewerb, in dem es sowohl Verlierer als auch Sieger gibt. Gewiss aber hat ein in Armut geborener Mensch ohne Kapital sehr viel weniger Chancen auf dem Markt erfolgreich zu sein. Eher noch scheint sein Schicksal dazu
30 Vgl. Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts als Grundlage des demokratischen
Diskurses, in: Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts. Konservatismus,
Liberalismus, Sozialismus, 2. Aufl., Berlin 2002, S. 12.
31 Vgl. a.a.O.
32 Schnorr, Stefan-Georg: Liberalismus zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Reformulierung liberaler
politischer Theorie in Deutschland und England am Beispiel von Friedrich Naumann und Leonard T.
Hobhouse, Baden- Baden 1990, S 438 f.
8
determiniert zu sein von anderen in Abhängigkeit zu leben, die über große Mengen von Kapital verfügen. Ein Mensch ausgestattet mit viel Kapital wiederum, wird aufgrund des Wettbewerbsvorteils und seines egoistischen Triebs nach materieller Bereicherung wahrscheinlich noch reicher werden und seine Vorteile gnadenlos ausnutzen. Angesichts dieser neu geschaffenen Abhängigkeiten und extremen Ungleichheiten hinsichtlich der materiellen Möglichkeiten, ist es fraglich, ob dabei von einer für alle gültigen Freiheit der Selbstverwirklichung oder gar Selbstbestimmung noch zu reden sei.
Zugegeben, ich bediene mich hier einer etwas zugespitzten Formulierung. Sie soll mir aber dazu dienen, auf eine Problematik hinzuweisen, mit welcher ich mich im Folgenden auseinander setzen werde: Der Verteilungsgerechtigkeit.
5.1. Die Moral als natürliche Barriere des Egoismus
Es mag wohl typisch sein für diesen Wissenschaftszweig, wenn es Smith zum Ziel hatte als Ökonom ein effizientes, also wohlfahrtssteigerndes System zu bestimmen und gesellschaftliche Konsequenzen eher untergeordnet zu betrachten. Ziel der Wirtschaft ist eben die Konsummaximierung, mehr nicht. Und tatsächlich äußert sich Smith nirgends im „Reichtum der Völker“ darüber wie der Konsum verteilt ist. Trotzdem ist er keineswegs nur der kühler Verfechter von Markt und Wettbewerb gewesen. Er hat vielmehr, und dies wird oftmals gerne vergessen, dem Mechanismus der Marktwirtschaft den des "moralischen Gefühls" an die Seite gestellt. Adam Smith selbst war nicht nur ein Ökonom, er war auch ein Moralphilosoph. Er räumte seinem zweitem großem Werk „The Theory of Moral Sentiments“ sogar einen sehr viel höheren Stellenwert ein als dem „Reichtum der Völker“. Es soll uns helfen die aufgeworfene Problematik unter einem anderen Blickwinkel Smiths zu betrachten.
Eines der wesentlichen Bestimmungsmerkmale des Menschen nach Smith, ist es die Fähigkeit Gefühle für seine Mitmenschen empfinden zu können. Diese Gefühle fasst er unter dem Begriff der Sympathie zusammen. 33 Diese Fähigkeit des Mitfühlen, bedeutet sich in einer gegebenen Situation, in die Lage anderer Menschen versetzen zu können, und dabei dessen Gefühle und Affekte nachzuvollziehen. Die Gefühle von Betroffenen und Beobachter sind aber nicht zwangsläufig identisch. So kann es sein, dass der Zuschauer die Gefühlsäußerungen des anderen nicht nachvollziehen kann und sie deswegen nicht billigt.
33 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S. 48.
9
Dem Menschen ist aber es stets ein Bedürfnis, sich dem Mitgefühl seiner Umgebung zu sichern. 34 Ich denke dies ist nachvollziehbar. Niemand fühlt sich wohl in einer Umgebung von Menschen, die unsere Gefühle nicht teilen können. Aus diesem Drang, unsere Affekte auf ein für den Außenstehenden verständliches Maß zu regulieren, entstehen nach Smith die Tugenden der Selbstbeherrschung. Aus der anderen Perspektive, die des Zuschauers wiederum resultiert unsere Fähigkeit, die Gefühle unserer Mitmenschen nachempfinden zu können. Dies nennt Smith die liebenswürdigen Tugenden. 35
Wie lässt sich dies mit der geschilderten Problematik in Verbindung bringen? Smith nennt in diesem Zusammenhang verschiedene Arten der Tugend wie die Tugend der Wohltätigkeit. Doch als konstitutiv für jede Form der Gesellschaft sieht er die Beachtung der Tugend der Gerechtigkeit. 36 Ein Mensch, der in seinem Inneren noch so egoistisch sein mag, würde diesen Hang nicht vollkommen nach außen hin ausleben. Denn er fühlt, dass die anderen diesen seinen Hang, sich selbst den Vorzug zu geben, nicht nachempfinden können. Daraus entsteht ein Anspruch für alle anderen Gesellschaftsmitglieder auf Gerechtigkeit und dieser ist in jener Hinsicht regulativ für das egoistische Verhalten Einzelner. 37
Mit Bezug auf den Reichtum der Völker bedeutet dies, dass das Individuum durch den ihm natürlichen Egoismus nach individuellen Vorteilen und Verbesserung seiner materiellen Lage strebt. Dieser Egoismus aber gleichzeitig durch die Sympathie gegenüber den Mitmenschen begrenzt wird. Es ist also die Furcht des Einzelnen vor der Nichtbilligung seiner Mitmenschen, die ihn dazu zwingt, nicht allzu selbstsüchtig zu handeln. Gerechtigkeit als oberste gesellschaftliche Maxime menschlichen Handelns erzeugt eine Wechselwirkung mit der Ökonomie und ungerechte Marktergebnisse könnten so korrigiert werden.
5.2. Kritik
So einleuchtend wie dies zu klingen scheint, zweifle ich trotzdem an dieser Harmonie von Markt und Moral. Nebenbei gesehen glaube ich nicht daran, dass der Mensch, wie Kant es formulieren würde, nur eine reine Pflichtethik befolgt, wenn er die Moral sein Handeln beeinflussen lässt, sondern dass auch die Nächstenliebe, die Fähigkeit zum
34 Vgl. ebd., S. 49 f.
35 Vgl. ebd., S. 53.
36 Vgl. ebd., S. 63.
37 Vgl. ebd., S. 63 f.
10
Guten, eine Rolle spielt. So will ich den Einfluss der Moral auf das menschliche Handeln auch nicht abstreiten. Schon Platon wusste, dass die Gerechtigkeit zum menschlichen Glück führt und nicht die Ungerechtigkeit. Doch gibt es zwei Punkte, die Anlass zur Kritik geben. Bei Ersteren bediene ich mich wieder Platon, der sagte, dass nur der gerecht handeln könnte, der auch gerecht ist. 38 Ist denn jeder Mensch gerecht bzw. handelt er gerecht? Natürlich lassen sich Smith und Platon nicht so einfach vergleichen. Deutlich wird aber, dass Smith durch seine Moralphilosophie den Menschen per se gerecht werden lässt. Empirisch lässt sich dies nicht direkt messen, da die Gerechtigkeit an sich nicht messbar ist. Wohl aber lassen historische Tatsachen zumindest Vermutungen zu.
5.2.1. Die historische Epoche des „laissez-faire“-Kapitalismus
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts begann sich in England der wirtschaftliche Liberalismus , als Reaktion auf das Versagen des protektionistischen Merkantilsystems, zu etablieren. Es sollte die Epoche des so genannten „laissez-faire“-Kapitalismus einleiten. 39 So begann die englische Regierung mittels zahlreicher wirtschaftlicher und sozialer Reformen die Märkte schrittweise zu liberalisieren. Dazu gehörte die Freisetzung der Arbeitskraft und des Grund und Bodens durch die Bauernbefreiung, die Freisetzung der gewerblichen Wirtschaft durch die Gewerbefreiheit und die Freisetzung des Handels und des Marktes durch die Handels- und Niederlassungsfreiheit. 40 Die sich entwickelnde liberale Leistungsgesellschaft fing an die die produktive Arbeit zur Reichtumsquelle, den Markt zum Regulator der Einkommensverteilung und die individuelle Selbstverantwortung, ganz im smith'schen Sinne, zum wirtschaftlichen
Entscheidungsprinzip zu erheben. 41 Der Straßenbau förderte die Produktion auf den Markt hin. Erst durch ihn konnte das Gesetz des Angebots und der Nachfrage zum Tragen einer freihändlerischen Wirtschaft kommen. Englands Wirtschaft verwandelt sich nun bald in ein dynamisches Gefüge der Konkurrenz sowie der Kalkulation. 42 Als zusätzlicher Motor für die expandierende Wirtschaft galt die Industrialisierung. Die seit 1770 einsetzende industrielle Revolution wurde durch technische Neuerungen wie die Dampfmaschine durch James Watt 1770 und einem günstigen Arbeitsmarkt, verursacht durch ein rapides
38 Vgl. Barbaric, Damir: Platon über das Gute und die Gerechtigkeit. Würzburg 2005, S. 17.
39 Boelcke, Willi Alfred: Liberalismus, in: Albers, Willi: Lagerhaltung bis Oligopoltheorie (Handwörterbuch
der Wirtschaftswissenschaft (HDWW), Band 5). Stuttgart 1980, S. 41.
40 Vgl. ebd. S. 41f.
41 Vgl. ebd. S. 42.
42 Vgl. Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 4. Aufl., Stuttgart 1991,
S. 478.
11
Bevölkerungswachstum, ermöglicht. 43 Das Zusammenspiel von freien Markt und Technik ermöglichte innerhalb kürzester Zeit ein immenses Wirtschaftswachstum. Mitte des 19. Jahrhunderts war England die führende Handels-, Finanz- und Wirtschaftsmacht. So steigerte sich etwa die Zahl britischer Exporte von 1814 bis 1854 um fast das Dreifache. 44 Das Volksvermögen versechsfachte sich sogar von 1760 bis 1860. 45 Der Preis dafür aber waren die bekannten gravierenden Folgen für die wachsende Zahl von Arbeitern. Die ländlichen Arbeitsverhältnisse änderten sich. Die Heim- und Gewerbeindustrie war gegenüber den industriell arbeitenden Unternehmen nicht mehr konkurrenzfähig und das Landvolk war zur Landflucht gezwungen. 46 Dort stellte der Unternehmer in dieser Zeit eine Art neuen Herrenstand dar. Diesem gegenüber stand eine völlig verarmte Masse von Fabrikarbeiter, die für ihre eingebrachte Arbeit einen Lohn bekamen, welcher über den Existenzerhalt nicht hinausging. 47 Auch dies ist ein Produkt des freien Zusammenspiels marktwirtschaftlicher Kräfte, die gefühllose Wertbestimmung menschlicher Arbeit durch Angebot und Nachfrage. Dies ging dann soweit, dass aufgrund einer reinen Kostenkalkulation Kinder als noch billigere Arbeitskräfte in den Fabriken immer beliebter wurde. Etwa ein Drittel aller Kinder unter 15 Jahren standen nach Mindestschätzungen Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Arbeitsverhältnis. 48 Einseitig betrachtet sollte Smith also Recht behalten. Die Liberalisierung des Marktes führte, begünstigt durch die Industrialisierung als kausale Wechselbeziehung, zu einer erheblichen
Wohlfahrtssteigerung. Doch kam dieser Reichtum nur einer kleinen, sehr reich gewordenen Schicht zugute, während sich für einen großen Teil der verarmten Masse die materielle Lage sogar verschlechterte. Etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten zwei Drittel der Bevölkerung sozialen Unterschichten an, auf sie entfiel lediglich ein Viertel des Volkseinkommens. 49
5.2.2. Ist Gerechtigkeit definierbar?
Der zweite Punkt ist die Frage, wie denn Gerechtigkeit überhaupt zu definieren sei. Diese Frage zieht sich durch die ganze Geschichte der Philosophie. Bis heute konnten in
43 Vgl. ebd., S. 479.
44 Vgl. Porter, Andrew / Louis, William Roger: The nineteenth century (The Oxford history of the British
empire, Band 3). Oxford 1999 , S. 35.
45 Vgl. Niedhart, Gottfried: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. München 2004, S.34.
46 Vgl. Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 4. Aufl., Stuttgart 1991,
S. 478 f.
47 Vgl. ebd., S. 480.
48 Vgl. Niedhart, Gottfried: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. München 2004, S.46.
49 Vgl. ebd., S.44.
12
dieser Hinsicht all die verschiedenen Meinungen und Auffassungen noch nicht auf einen Nenner gebracht werden. In der Ökonomie sind die bekanntesten Auffassungen zum Thema Gerechtigkeit die drei Verteilungsprinzipien: Das Leistungsprinzip, das
Bedürfnisprinzip und das Gleichheitsprinzip. Anders als das Bedürfnisprinzip, dessen Ziel die individuelle Wohlfahrt ist, oder dem Gleichheitsprinzip, welches auf soziale Befriedung abzielt, dient das Leistungsprinzip der Maximierung der Produktivität. Nach dieser Auffassung von Gerechtigkeit ist es gerecht, dass jene, die den größten Beitrag am volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen leisten auch entsprechende Belohnungen für sich beanspruchen dürfen. 50 Nur so könnte es einen Anreiz für das Streben nach Verbesserung der eigenen materiellen Lage geben. Anhand seiner Schriften im Reichtum der Völker sei wohl anzunehmen, dass Smith eher dem Leistungsprinzip zugeneigt wäre. Dies sind letztlich aber nur Vermutungen und würden die aufgeworfene Problematik nicht lösen können. Denn das Leistungsprinzip birgt im Grunde genommen die selben Probleme in sich: ungleiche Verteilung, die mit dem liberalen Grundwert des Rechtes auf Selbstbestimmung im Widerspruch steht.
Mit „The Theory of Moral Sentiments“ machte Smith deutlich, dass die Moral mittels der Sympathie tatsächlich direkten Einfluss auf unser Handeln hat und regulativ auf das egoistische Streben des Menschen wirken kann. Doch die gravierenden sozialen Folgen der Ära des so genannten Manchesterkapitalismus machen klar, dass dies nicht alleine ausreicht. Der gesellschaftliche Zwang scheint nicht stark genug zu sein, um den Mensch „gerecht“ zu machen. Zudem lässt sich der Begriff der Gerechtigkeit nicht eindeutig fassen und es besteht die Gefahr ins Subjektive abzugleiten. Adam Smith jedenfalls äußert sich dazu nicht. Vielleicht, weil er selbst nicht ahnen konnte, welche soziale Folgen ein vollkommen ungebändigter Markt haben könnte, da ihm eine empirische Überprüfung nicht möglich war. Zu Smiths Lebzeiten befand sich die Industrialisierung erst in den Anfängen und der Wirtschaftsliberalismus fing erst langsam an, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, sich als wirtschaftspolitisches Programm Großbritanniens zu etablieren. (s.o. 4.3.1.) Vielleicht, weil er subjektiv betrachtet der Meinung war, dass Verteilung über den Markt, ähnlich dem Leistungsprinzip, gerecht genug wäre und somit mit dem Reichtum der Völker keine weiteren Ergänzungen nötig wären. Oder ganz banal, weil er sich damit nicht weiter beschäftigen wollte.
50 Vgl. Wenzel, Michael: Soziale Kategorisierungen im Bereich distributiver Gerechtigkeit. Münster 1997 ,
S.67 f.
13
6. Nachwirkungen auf den Liberalismus
So mag der Leser vielleicht unbefriedigt sein, weil Smith sich mit dieser sehr bedeutenden Thematik nicht oder nur ungenügend (wenn man „The Theory of Moral Sentiments“ als seine Antwort betrachten mag) befasste. Kritisiert werden kann Smith dafür aber aus den eben genannten Gründen nicht. Wie aber hat sich der Liberalismus gegenüber dem Siegeszug der industriellen Produktionsweise und auf den auf Smith zurückgehenden ökonomischen und sozialen Transformationsprozess artikuliert? Dazu gab es unter liberalen Denkern und Ökonomen teilweise sehr kontroverse Ansichten. So vertrat David Ricardo die sehr pessimistische Ansicht, dass überhaupt kein Fortschritt in der sozialen Lage der Menschheit möglich sei. Daher lehnte er auch jegliche Armen- und Sozialgesetzgebung ab, weil es angesichts der enormen Steigerungen der Agrar- und Warenproduktion bei gleichzeitiger verbesserter medizinischer und hygienischer Versorgung im 19. Jahrhundert, zu einem, alle historische Erfahrungen sprengenden, Bevölkerungswachstum kam. Und deswegen der daraus resultierende Bedürfniswachstum schlichtweg nicht erfüllbar sei. Ricardo empfahl daher für die wachsende Masse der Industriearbeiter lediglich die Sicherung des Existenzminimums durch Handarbeit. 51 Tatsächlich sollte aber das Konzept eines Interventionsstaates im Interesse der bürgerlichen Selbstständigkeit in der liberalen Wirtschafts- und Sozialtheorie des 19. Jahrhunderts vorherrschen. 52 Klare Worte dazu findet John Stuart Mill in den „Prinziples of Political Economy“. Dort fordert er im ökonomischen Bereich individuelle Chancengleichheit, vor allem im Hinblick auf Eigentum und Bildung. 53 Mill stellte Smiths grundsätzliche ökonomischen Mechanismen nicht in Frage, sondern stimmte im Wesentlichen mit ihnen überein. So kommt für Mill der individuellen Freiheit eine überragende Bedeutung zu und seines Erachtens ist ein darauf aufbauendes Wirtschaftssystem äußerst effizient. 54 Doch trotz seiner kritischen Einstellung als Liberaler gegenüber dem Staat, sieht er einen Regelungsbedarf der Wirtschaft. So empfand Mill die volkswirtschaftliche Verteilung des Produktionsergebnisses und des Eigentums seiner Zeit im 19. Jahrhundert als sehr ungerecht und griff die Ungleichheiten der Lohnverteilung an: „Dass nämlich der größte Anteil denen zufällt, die überhaupt niemals gearbeitet haben [...] und so in absteigender Linie die Vergütung umso mehr abnimmt, je härter und
51 Vgl. Trautmann, Günther / Holl, Karl: Sozialer Liberalismus. Göttingen 1986 , S. 21.
52 Vgl. ebd., S. 27.
53 Vgl. Hottinger, Olaf: Eigeninteresse und individuelles Nutzenkalkül in der Theorie der Gesellschaft und
Ökonomie von Adam Smith, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, Marburg 1998, S. 371.
54 Vgl. ebd., S. 379.
14
unangenehmer die Arbeit ist.“ 55
Des Weiteren ist Mill der Auffassung, dass die Gütererzeugung in erster Linie auf Arbeit zurückzuführen ist und daher Einkommen nur aus Arbeit geschaffen werden sollte. Einkommen, welches aus Kapital und Boden erwirtschaftet wurde ist für ihn in ethischer Hinsicht aber problematisch und der Keim für Ungerechtigkeit. Nur wenn es um die Entlohnung der eigenen Arbeit geht sind für Mill Einkommen aus Kapitalgewinn und Bodenrente gerechtfertigt. 56 Deswegen vertrat Mill die eher schon sozialistische Position, dass Kapital und Boden abhängend von deren Verwendung in genossenschaftliches Staatseigentum überführt werden sollte:
„Kein Mensch schafft Land. Es ist das ursprüngliche Erbe des ganzen Menschengeschlechts. Seine Aneignung ist im ganzen eine Frage des allgemeinen Nutzens. Ist das Privateigentum am Boden nicht nützlich ist es ungerecht“ 57 Solche Positionen würden heute wohl nur noch wenige liberale Denker teilen. Dennoch lässt sich am Beispiel Mills feststellen, dass nicht nur Marx erkannte, dass die Entstehung des Proletariats auf kapitalistische Strukturen zurückzuführen war und freie ökonomische Entfaltung sich für einen Teil der Bevölkerung auch negativ auswirken kann. Dieser ideengeschichtlichen Auseinandersetzung ist es meiner Meinung nach zu verdanken, dass wir heute eine Marktwirtschaft mit „sozialen Antlitz“ haben.
7. Schlussbetrachtung
Was ist nun der „Reichtum der Völker“? Smith verdeutlichte uns, dass dieser sich nicht in Form von Gold oder anderen Edelmetallen manifestiert, sondern durch den größtmöglichen Nutzen der Konsumenten. Dieser wird gewährleistet durch ein System natürlicher Freiheiten. Smith lässt den Menschen, befreit von staatlichen Eingriffen, seinen natürlichen Egoismus ausleben und schafft damit eine Wohlfahrtsssteigerung und Erhöhung des Volkseinkommens zum Wohle der ganzen Gesellschaft. Diese Freiheit, die er als Voraussetzung für sein ökonomisches System sieht, ist es, die ihn in die Nähe anderer liberaler Denker rückt und weswegen er heute zu den Vordenkern des politischen Liberalismus gezählt wird. Der Reichtum eines Volkes misst sich aber nicht nur lediglich am erbrachten Volkseinkommen, sondern auch daran, wie dieses verteilt ist. Rein objektiv mag ein Volk mit hohem Volkseinkommen noch so reich sein. Wenn sich der Reichtum aber nur in den Händen einer Person konzentriert während der Rest hungert, kommt diese
55 Ebd., S. 372.
56 Vgl. a.a.O.
57 Ebd., S. 373.
15
Zustandsbeschreibung eines Volkes eher einer Ironie gleich. Adam Smith hat mit dem Theorem der unsichtbaren Hand ein harmonierendes Zusammenspiel verschiedener Marktkräfte geschaffen, die zu einer optimalen Ressourcenallokation führt. Die Wirkungsweise der unsichtbaren Hand erstreckt sich dennoch nicht weiter auf eine harmonische Verteilung des durch sie erwirtschafteten Wohlstands. Auch der regulative Einfluss der Moral, spezieller dem sympathtischen Gefühl der Gerechtigkeit, wie in Smiths „ The Theory of Moral Sentiments“, erweist sich als ungenügend. Dies zeigte der historische Beleg der sozioökonomischen Zustände in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die dem Zustand der vollkommen freien Marktwirtschaft am nächsten kam. Dieser Widerspruch von Wohlstandsvermehrung und ungleicher Verteilung wurde von vielen späteren Denkern erkannt und in unterschiedlicher Weise interpretiert. Die marxistische Ideologie lehnte deswegen, aufgrund der geforderten fundamentalen Gleichheit aller Menschen (Gleichheitsprinzip), sämtliches Privateigentum und persönliches materielles Streben, also auch Adam Smith und die Marktwirtschaft, prinzipiell ab. 58 Der Liberalismus hingegen hielt im Wesentlichen an den Ideen Smiths fest, korrigierte ihn aber im Sinne der Verteilung, wo der Staat als Ausgleich zu den Ergebnissen, die der Markt hervorbringt, dient. Das lässt sich gut an unserer sozialen Marktwirtschaft erkennen. Wir haben einen freien Markt und Wettbewerb. Sind die Marktergebnisse aber nicht im Sinne des gesellschaftlichen Wohles, greift der Staat beispielsweise in Form von Kartellbestimmungen oder Arbeitnehmerschutz ein.
Für diese Arbeit offen bleibt die Frage danach, was „gerechte“ Verteilung ist. Eine Frage, die ich in Form einer wissenschaftlichen Arbeit nicht wertfrei beantworten kann. Ich persönlich aber sehe Adam Smiths ökonomische Theorie als eine der Voraussetzungen dafür, dass wir uns heute diese Frage überhaupt stellen können. Ohne sie würden wir heute immer noch in den mittelalterlichen Zuständen staatlicher Willkür leben und eine Steigerung des Wohlstandes und dessen Verteilung hätte nie statt gefunden.
58 Vgl. Marx, Karl / Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei. 48. Aufl., Berlin 1983, S. 61.
16
8. Bibliografie
Arrighi, Giovanni: Adam Smith in Beijing. Die Genealogie des 21. Jahrhunderts,
Hamburg 2008.
Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007. Barbaric, Damir.: Platon über das Gute und die Gerechtigkeit. Würzburg 2005. Boelcke, Willi Alfred: Liberalismus, in: Albers, Willi: Lagerhaltung bis Oligopoltheorie.
Stuttgart 1980, S.32-46.
Haas, Hans-Dieter: Internationale Wirtschaft. Rahmenbedingungen, Akteure, räumliche
Prozesse, München 2006.
Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts als Grundlage des
demokratischen Diskurses, in: Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19.
Jahrhunderts. Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, 2. Aufl., Berlin 2002, S. 9-14. Hottinger, Olaf: Eigeninteresse und individuelles Nutzenkalkül in der Theorie der
Gesellschaft und Ökonomie von Adam Smith, Jeremy Bentham und John Stuart Mill,
Marburg 1998.
Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 4. Aufl.,
Stuttgart 1991.
Manstetten, Reiner: Das Menschenbild der Ökonomie. Der homo oeconomicus und die
Anthropologie von Adam Smith. Studienausg., Freiburg 2002.
Marx, Karl / Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei. 48. Aufl., Berlin
1983.
Mill, John Stuart: Bürgerliche Freiheit, in: Nida-Rümelin, Julian / Vossenkuhl, Wilhelm
(Hrsg.): Ethische und politische Freiheit. Berlin 1998, S. 28-56. Niedhart, Gottfried: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert, 3. Aufl., München
2004.
Pleticha Heinz: Dreihundert Jahre Expansion der europäischen Mächte, in: Bertelsmann
Lexikothek: Panorama der Weltgeschichte II. Hrsg. von Pleticha, Heinz, Auflage B,
Gütersloh 1997, S. 246-251.
Porter, Andrew / Louis, William Roger: The nineteenth century (The Oxford history of
the British empire, Band 3). Oxford 1999.
Reif, Hans: Die geistigen Grundlagen. in: Luchtenberg, Paul / Erbe, Walter (Hrsg.):
Geschichte des deutschen Liberalismus, Köln 1966, S. 12-26.
Schnorr, Stefan-Georg: Liberalismus zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Reformulierung
liberaler politischer Theorie in Deutschland und England am Beispiel von Friedrich
Naumann und Leonard T. Hobhouse, Baden- Baden 1990.
Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker,
Tübingen 2005.
Schönherr Gunnar: Die Ökonomie in Geschichte und Theorie, in: Bertelsmann
Lexikothek: Wirtschaft, Staat, Gesellschaft. Hrsg. von Gudemann, Wolf-Eckhard,
Auflage B, Gütersloh 1997, S. 18-30.
Trautmann, Günther / Holl, Karl: Sozialer Liberalismus. Göttingen 1986. Wenzel, Michael: Soziale Kategorisierungen im Bereich distributiver Gerechtigkeit,
Münster 1997.
17
Arbeit zitieren:
Martin Hackethal, 2008, Adam Smith - Betrachtungen zu seiner ökonomischen Theorie und deren Einfluss auf den Liberalismus, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Finanzberatung gegen Provision oder Honorar - Eine Analyse aus Kundens...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Seminararbeit, 26 Seiten
Adam Smith: Kritik der Maßnahmen merkantilistischer Politik-Ökonomie
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 20 Seiten
Financial Modeling: Eine empirische Überprüfung des CAPM am österreich...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Seminararbeit, 26 Seiten
Patriarchat - Definition, Entstehung, Erklärungsansätze
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Referat (Ausarbeitung), 19 Seiten
Ökonomische Demokratietheorie und empirische Befunde
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 19 Seiten
Konzepte zur Ermittlung der Risikoeinstellung und Risikotragfähigkeit
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Seminararbeit, 22 Seiten
Immanuel Kant - Leben und historischer Hintergrund
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Referat (Ausarbeitung), 10 Seiten
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Studienarbeit, 57 Seiten
Die Entwicklung des Sozialismus nach 1989
Politik - Politische Systeme - Historisches
Seminararbeit, 15 Seiten
Wissenmanagement und seine Relevanz in Unternehmen
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Hausarbeit, 14 Seiten
Zu: Dieckmann (2000): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden...
Rezension / Literaturbericht, 7 Seiten
Sozialismus und Liberalismus - Zur Vereinbarkeit zweier politischer We...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 27 Seiten
Psychologische und soziologische Einflüsse auf den Kaufentscheidungspr...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Seminararbeit, 55 Seiten
Martin Hackethal's Text Adam Smith - Betrachtungen zu seiner ökonomischen Theorie und deren Einfluss auf den Liberalismus ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Martin Hackethal hat den Text Adam Smith - Betrachtungen zu seiner ökonomischen Theorie und deren Einfluss auf den Liberalismus veröffentlicht
Martin Hackethal hat einen neuen Text hochgeladen
Adam Smith für Anfänger. Der Wohlstand der Nationen
Eine Lese-Einführung
Helen Winter, Thomas Rommel
LA PHILOSOPHIE MORALE DANS L'OEUVRE D'ADAM SMITH
Retour sur le "Das Adam Smith ...
Odile Rochon
El Filsofo y El Mercader: Filosof-A, Derecho y Econom-A En La Obra de ...
V-Ctor M'Ndez Baiges
The Philosophy of Adam Smith: The Adam Smith Review, Volume 5: Essays ...
Vivienne Brown, Samuel Fleischacker
0 Kommentare