Inhaltsverzeichnis
1 Einleitendes 1
1a Einführung 1
1b Die Begriffe „Wende“ und „Friedliche Revolution“ 3
1c Zur Bedeutung des Themas im zeit- und medienhistorischen Kontext 10
1d Zur Forschungssituation 13
2 Fernsehen in der DDR 17
2a Die Rolle und Funktion der Medien in der DDR sowie
ihre politisch-ideologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen 17
2b Die Einbindung der „Aktuellen Kamera“ in das politische System -
Zum Ausmaß der Einflussnahme auf redaktionelle Inhalte 21
2c Die Rezeption des Westfernsehens und der „Aktuellen Kamera“
in der DDR 24
3 Die Berichterstattung der Hauptnachrichtensendungen des DDR-
und des West-Fernsehens an ausgewählten Tagen während
der „Friedlichen Revolution“ 1989 im Vergleich 30
3a Überblick über wesentliche zeithistorische Entwicklungen der
„Wende“-Zeit im Herbst 1989. 30
I. Entwicklungen in der Zeit bis zum 9. November 1989 31
II. Entwicklungen am 9. November 1989 mit einem Überblick über die
Fernsehnachrichtensendungen dieses Abends 33
3b Die Fernsehberichterstattung am 7. Oktober 1989 43
3c Die Fernsehberichterstattung am 18. Oktober 1989. 48
3d Die Fernsehberichterstattung am 4. November 1989. 53
3e Die Fernsehberichterstattung am 9. November 1989. 60
4 Umfrage zur Fernsehrezeption am 9. November 1989 78
4a Ziel und Zweck der Umfrage / Ausgangssituation. 78
I
4b Methodische Anmerkungen (Untersuchungsstruktur / Stichprobenbildung /
Erhebungsinstrumentarium / Durchführung / Problemfelder) 80
4c Der Fragebogen 89
4d Ergebnisse 91
I. Art der Nachrichtenrezeption am 9.11.1989. 91
II. Rezipierte Fernsehnachrichtensendungen am 9.11.1989 92
III. Bewertung und Einschätzung der durch das Fernsehen
wahrgenommenen Informationen. 96
IV. Verhalten und Handlungen nach dem Empfang der Nachricht
der Grenzöffnung am Abend des 9.11.1989 98
V. Sonstige Ergebnisse 103
5 Zur Rolle des Fernsehens während der „Friedlichen Revolution“
in der DDR. 110
6 Fazit 123
Quellenverzeichnis. 127
I. Literatur 127
II. Audiovisuelle Quellen. 139
III. Archiv-Schriftgut 140
Anhang 141
I. Dokumentation des Fragebogens (Print-Fassung) 141
II. Aufenthaltsorte der Befragten am 9.11.1989. 145
III. Ausgewählte Kommentare im Fragebogen-Abschnitt 5 146
IV. Ausgewählte Kommentare im Fragebogen-Abschnitt 8 153
V. Ausgewählte Kommentare im Fragebogen-Abschnitt 11 157
VI. Ausgewählte Kommentare im letzten Fragebogen-Abschnitt. 159
VII. Alle Ergebnisse der Umfrage im Überblick 165
VIII. Abbildungsverzeichnis. 171
II
1. Einleitendes a. Einführung
Als am 9. November 1989 die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutsch-land geöffnet wurde, war der Höhepunkt eines Umbruchprozesses, der in der öffentlichen Wahrnehmung seit 1989 als „Wende“ oder auch als „Friedliche Revolution“ bekannt ist, erreicht. Der 9. November 1989 - eines der wichtigsten Daten in der deutschen Nachkriegsgeschichte - steht für das Ende des Kalten Krieges; die Ereignisse dieses Tages sowie der Wochen und Monate zuvor, als in der DDR etwa Hunderttausende auf die Straßen gingen, ebneten den Weg zur deutschen Einheit. Millionen Fernsehzuschauer in Ost und West waren durch die Berichterstattung des bundesrepublikanischen Fernsehens mit seinen öffentlichrechtlichen Hauptnachrichtensendungen „Tagesschau“ (ARD) bzw. „heute“ (ZDF) und des DDR-Fernsehens mit seiner Hauptnachrichtensendung „Die Aktuelle Kamera“ 2 live dabei 3 allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. Denn die konträren Funktionen und Ausrichtungen der beiden Mediensysteme dies- und jenseits der innerdeutschen Staatengrenze führten zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der audiovisuellen Dokumentation der Ereignisse während der „Wende“ im Herbst 1989. So muss die Rolle der audiovisuellen Rundfunkmedien in dieser Zeit des deutsch-deutschen Umbruchs - einer Zeit, in der sich Zeit- und Mediengeschichte berühren - differenziert betrachtet werden. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob und inwiefern das Fernsehen an dem Revolutionsprozess mitgewirkt hat, ob es „Beobachter oder Mitwirkende[r]“ war [Ahlers/Pleitgen 1990: 133] und ob es sich gar um eine durch das Fernsehen ausgelöste Revolution 4 handelte [vgl. Hanke 1990: 319; Hickethier 1998: 493].
In der vorliegenden Arbeit soll die Rolle des Fernsehens während der „Friedlichen Revolution“ in der DDR vor allem in drei Schritten untersucht werden: 1. Die Fernsehberichterstattung der Hauptnachrichtensendungen soll am Beispiel
1 Vgl. Kapitel 4 und Anhang III.
2 Im Folgenden wird die „Aktuelle Kamera“ mit „AK“ abgekürzt.
3 Steinmetz spricht von einer „Live-Wende“ [Steinmetz 2003: 28].
4 In diesem Zusammenhang wird von Hanke und Hickethier der Begriff der „Fernsehrevolution“ angeführt [vgl. Hanke 1990: 319; Hickethier 1998: 493].
1
3. Vor dem Hintergrund der beiden ersten Aspekte soll dann die Rolle des Fern-
So besteht aus meiner Sicht die Möglichkeit eines differenzierten Einblicks und einer umfassenden Beschäftigung mit dem vorliegenden Themenkomplex, da sowohl die Medienprodukte und ihre Produzenten (wie oben unter 1. dargestellt) als auch ihre Rezipienten in der DDR (2.) sowie nicht zuletzt die Diskussion dieses Themengebiets in der Forschung (3.) ausführliche Berücksichtigung finden werden.
5 Auf die explizite Kenntlichmachung des Geschlechts nach dem Prinzip „DDR-Bürger/innen“ oder „DDR-BürgerInnen“ wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet. Die Bezeichnung „DDR-Bürger“ meint in diesem Fall zusammenfassend sowohl die weiblichen als auch männlichen damaligen DDR-Bürger.
2
b. Die Begriffe „Wende“ und „Friedliche Revolution“
Wird - wie im Titel dieser Arbeit - im Zusammenhang mit dem Umbruch 1989/1990 in der DDR von einer „Friedlichen Revolution“ gesprochen, ist es zunächst erforderlich, die Verwendung dieses Begriffs und das damit einhergehende Verständnis zu erläutern, um ihn nicht schlicht zu übernehmen. Wie sich auch bei der Durchführung meiner Umfrage (vgl. Kapitel 4) zeigte, sind die Bezeichnungen „Friedliche Revolution“ und vor allem „Wende“ geläufig und bis heute weit verbreitet. Im Rahmen der durchgeführten Umfrage wurde der „Wende“-Begriff von ehemaligen DDR-Bürgern besonders häufig benutzt, die „Friedliche Revolution“ sprach allerdings nur ein einziger Befragter an. Nach 1989/90 avancierte der „Wende“-Begriff im politischen Kontext zu einem Synonym für die so genannte „Friedliche Revolution“ in der DDR. Im „Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“ vom 18. Mai 1990 wird von einer „friedliche[n] und demokratische[n] Revolution“ [LeMO 1998] gesprochen. Auch in der ausländischen Presse ist der Begriff „Wende“ nachweisbar, er wird dort allerdings meist nicht als bekannt vorausgesetzt. 6
Den im Zusammenhang mit dem Umbruch in der DDR verwendeten Begriff der „Wende“ 7 prägte in der öffentlichen Wahrnehmung auf ostdeutscher Seite der letzte Generalsekretär der SED Egon Krenz, als er sich am 18. Oktober 1989 nach seiner Wahl zum Nachfolger Erich Honeckers in seiner Antrittsrede äußerte: „Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen“. 8 In einem Telefonat zwischen Krenz und Bundeskanzler Helmut Kohl am Morgen des 26. Oktober 1989 bekräftigte Krenz: „Ich habe von einer Wende gesprochen und meine das ernst“ 9 [Chronik der Mauer o.J.].
Bereits zwei Tage vor der ersten diesbezüglichen Äußerung Krenz’ - der öffentlichenhatte allerdings das bundesrepublikanische Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auf seinem Titelbild die Schlagzeile „DDR - Die Wende“ veröffentlicht (Ausgabe Nr. 42/1989 vom
6 „Germans refer to their country’s reunification in 1990 simply as die Wende - the change“, heißt es beispielsweise im Beitrag „Change on the way“, der am 23. Juli 2005 im britischen „The Guardian“ erschien [The Guardian 2005].
7 Als „Tag der Wende“ kann in diesem Zusammenhang der 9. November 1989, der Tag der Maueröffnung, betrachtet werden, wenngleich eine „Wende“ sicher nicht nur auf einen Tag beschränkt gesehen werden kann. Auch der Prozess der so genannten „Friedlichen Revolution“ begann nicht etwa erst im Herbst 1989, sondern mindestens bereits zu Beginn desselben Jahres. Vgl. hierzu auch Hollitzer, der sich auf erste Demonstrationen Anfang 1989 auf dem Marktplatz in Leipzig bezieht [Hollitzer 2004: 3].
8 Bereits am 9. Februar 1965 hatte Erich Honecker gefordert, „eine Wende in der massenpolitischen Wende zu vollziehen“ [Ludes 1991: 202].
9 Was Krenz mit seiner Äußerung, er meine dies „ernst“, aussagen wollte, ließ er offen, wenngleich er einige Minuten später in dem Telefonat mit Bundeskanzler Kohl ebenso klarstellte: „Wende bedeutet aber jedoch keinen Umbruch“ [Chronik der Mauer o.J.].
3
als „Fernsehrevolution“ [Hanke 1990: 319; Hickethier 1998: 493] - bezeichnet 15 ; eine der Losungen, die Demonstranten am 4. November 1989 bei der größten Demonstration in der Geschichte der DDR 16 verlauten ließen, war zudem „Es lebe die Oktoberrevolution 1989“ 17 [Lindner 2001: 100]. In jedem Fall ist eine nähere Betrachtung des Revolutionsbegriffs erforderlich.
Nach Büttner stammt das Wort „Revolution“ aus der mittelalterlichen astrologischastronomischen Fachsprache und meinte dort zunächst den Umlauf der Gestirne [vgl. Büttner 2007]. Erst in der Neuzeit erfolgte die Übertragung auf den politischen Bereich, „wobei - in Analogie zum antiken Modell des Verfassungskreislaufs von Monarchie, Aristokratie und Demokratie - der quasi-organische Wandel von Herrschaftsordnungen gemeint war, eine Bewegung, die die Dinge zu ihrem Ausgangspunkt zurückbringt“ [ebenda]. Doch auch im 18. Jahrhundert sei die gegenläufige Bedeutung von plötzlicher Neuerung und Aufruhr auszumachen; „der Ausdruck schwankte lange zwischen diesen beiden Konnotationen“ [ebenda]. Während in der Zeit der Aufklärung der Begriff die positiv beurteilte „Kraft des Wandels aller Lebensbereiche, die den Fortschritt der Gesellschaft beförderte und zu einer besseren Zukunft führte“ [ebenda], umfasste, ist der moderne Revolutionsbegriff nicht eindeutig auf die „positive“ oder „negative“ Ausrichtung festzulegen; vielmehr kann er „sowohl die gewaltsame, plötzliche Veränderung meinen, die einen Verfassungswandel herbeiführt, als auch längerfristige, strukturverändernde Prozesse“ [ebenda]. Wird also diesem modernen Revolutionsbegriff mit seiner Mehrdeutigkeit gefolgt, wäre die Bezeichnung „Friedliche Revolution“ konsequent, da sie vor dem Hintergrund, dass sich eine Revolution sowohl mit als auch ohne Gewalt vollziehen kann, das Nicht-Gewaltsame unterstreicht und somit eine Aussage mit klarem Informationsgehalt zur Eigenschaft der Revolution trifft. Führt man in einem weiteren Schritt die Vorstellung des revolutionären Akteurs, der seine Umwelt durch die „Kraft seines Freiheits-Willens“ [ebenda] gestalten kann, an, die den Gedanken des abstrakten Wandels der Verhältnisse ergänzt - eine Vorstellung, die seit der Französischen Revolution von 1789 18 das semantische Feld des Wortes „Revolution“ erweitert bzw. verändert hat [vgl. Büttner 2007] -, so passt dies, übertragen auf den Umbruch in der DDR, umso mehr: Forderungen der DDR-Bürger nach freien Wahlen, Reisefreiheit und weit reichender Selbstbestimmung beherrschten 1989 die Massenproteste. Büttner führt weiterhin ein sprachliches „Kollektivsingular“ an, der die Einzelereignisse eines vielströmigen revolutionären Geschehens zu einem Gesamtprozess bündele [vgl. Büttner 2007]. Die Aussagen einiger Zeitzeugen, mit denen im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit Interviews geführt wurden (siehe die Befragung ehemaliger DDR-Bürger zu ihrer Fernsehrezeption am 9. November 1989 in Kapitel 4 dieser Arbeit), bestätigen ein der-
15 Oftmalshänge es vom Betrachter ab, „welche Spezifika dieser Revolution er besonders hervorheben will“ [Kowalczuk 1995: 1271].
16 Laut Lindner nahmen an ihr „mehr als eine halbe Million Menschen“ teil [Lindner 2001: 96].
17 Hiermit wurde offenbar auf die große sozialistische Oktoberrevolution in Russland im Jahr 1917 angespielt.
18 Seit 1789 ist das Adjektiv „révolutionnaire“ belegbar [vgl. Büttner 2007].
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artiges Geflecht zahlreicher einzelner Geschehnisse (Büttner: „Einzelereignisse“), die sich zu einem „großen Ganzen“ zusammenfügten und von manchen Befragten als nahezu unübersichtlich wahrgenommen wurden. 19 So kann in Bezug auf die revolutionären Bewegungen in der DDR im Jahr 1989 (relevante Entwicklungen können auch schon vor 1989 ausgemacht werden - etwa eine rapide angestiegene Zahl der Ausreiseanträge) eine ganze Reihe von Einzelprozessen und -ereignissen angeführt werden, die den Weg zur Revolution in einem komplexen Gesamtgeflecht 20 antrieben. Vor allem sind hier zu nennen:
- zahlreiche Mahnwachen und Demonstrationen 21 (bezogen auf die Teilnehmerzahl mit stark ansteigendem Zulauf; zum Teil wurden diese gewaltsam von der Volkspolizei aufgelöst),
- Treffen, Diskussionsrunden und Kundgebungen von Bürgerrechtlern und Kirchenvertretern (zum Beispiel in der Leipziger Nikolaikirche),
- Ausreisewellen und Massenfluchtbewegungen über an die DDR angrenzende Staaten in die Bundesrepublik Deutschland, zunächst in die Botschaften der Bundesrepublik Deutschland z. B. in Warschau, Budapest und Prag (später wurden die Flüchtlinge in Aufnahmelager in der Bundesrepublik Deutschland gebracht 22 ), dann auch offiziell über Ungarn oder die CSSR 23 ,
- Gründung oppositioneller Vereinigungen 24 , zunehmende auch öffentliche Organisation politisch Andersdenkender.
Die hier aufgeführten Einzelströme standen mitunter in gegenseitigen Wechselwirkungen und lösten - als Mosaiksteinchen innerhalb der oben erwähnten Vielströmigkeit in einer revolutionären Bewegung - weitere, zum Teil einschneidende Entwicklungen aus, so etwa erste Gesprächsangebote seitens des DDR-Regimes gegenüber der Opposition, die Erlaubnis, über Ungarn oder die CSSR in die Bundesrepublik auszureisen, den Rücktritt Erich Honeckers am
18. Oktober 1989 oder den der gesamten DDR-Regierung am 7. November 1989 - um nur einige wenige Beispiele zu nennen, die verdeutlichen sollen, dass in der damaligen „Wende-Zeit“ zahlreiche Aktionen weitere Ereignisse (mit) auslösten. Auf den mitunter verwirrenden Charakter einer „nachholenden Revolution“ [vgl. Habermas 1990] verweist Habermas, wenngleich er sich auch weniger auf die unüberschaubaren, verselbstständigten Ereignisse bezieht. Der Charakter dieser Revolution sei, so
19 „Die Lage hatte sich verselbständigt“, äußerte sich etwa eine Berlinerin.
20 „Revolutionen sind historische Momente der Unübersichtlichkeit“ [Ammon 2006].
21 Den so genannten „Montagsdemonstrationen“ kam dabei eine besondere Bedeutung zu, weil sie sich einerseits zum wöchentlichen Ritual entwickelten, andererseits das weltweite Medieninteresse an den sich dort immer stärker organisierenden Menschenmassen groß war (vgl. Kapitel 3a).
22 Nahezu historisch ist hierbei die Verkündung der Ausreiseerlaubnis für ca. 6.000 Flüchtlinge durch den bundesrepublikanischen Außenminister Hans-Dietrich Genscher in der Prager Botschaft im September 1989 zu nennen; eine Situation, die im Übrigen aufgrund ihrer „Medienwirksamkeit“ unzählige Male im Westfernsehen ausgestrahlt wurde.
23 Demonstrativ wurden bereits am 2. Mai 1989 die Grenzanlagen an der ungarisch-österreichischen Grenze abgebautmedienwirksam durch eine symbolische Durchtrennung eines Stacheldrahts. Dies schürte die Hoffnung zahlreicher „ausreisewilliger“ DDR-Bürger, über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen zu gelangen.
24 Als Beispiel kann hier „Aufbruch 89 - Neues Forum“ angeführt werden, eine politische Vereinigung, die am politischen Umbruch in der DDR mitwirkte.
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Habermas, deshalb verwirrend, da er an den älteren - „von der Französischen Revolution gerade außer Kraft gesetzten“ [Habermas 1990: 181] - Sprachgebrauch erinnere, also an den Sinn einer Wiederkehr politischer Herrschaftsformen, die wie im Umlauf der Gestirne einander ablösen [vgl. Büttner 2007]. Habermas beobachtet bezüglich der Revolution in der DDR den „fast vollständigen Mangel an innovativen, zukunftsweisenden Ideen“ [Habermas 1990: 181] und bezieht sich dabei auf Joachim Fest, der sich in der FAZ vom 30. Dezember 1989 wunderte, die Revolution in der DDR enthalte „gerade nicht jenes Element sozialrevolutionärer Emphase […], von dem so gut wie alle historischen Revolutionen der Neuzeit beherrscht waren“ [ebenda].
Wenn jedoch die Revolution (im Verständnis des oben erläuterten modernen Revolutionsbegriffs) als eine friedliche bezeichnet wird, stellt sich die Frage, wie friedlich sie tatsächlich ausfiel. Denn gänzlich frei von Gewalt war sie nicht: Den Demonstranten, die am 6. Oktober 1989 (dem 40. Jahrestag der DDR) und am Folgetag in Großstädten wie Ost-Berlin, Dresden, Leipzig oder Jena auf die Straße gingen, begegnete die Staatsmacht der DDR - den „Keine Gewalt!“-Rufen der Menschen zum Trotz - mit „massiven Gewaltanwendungen und Misshandlungen“ [Chronik der Wende 7.10.1989a]. Zahlreiche Demonstranten wurden infolge der gewaltsamen Auflösung von Demonstrationen inhaftiert. Bei weiteren Protesten an den Folgetagen wurden Krankenhäuser und Ärzte in Alarmbereitschaft versetzt, immer wieder kam es bei Kundgebungen zu Ausschreitungen, bei denen Demonstranten verprügelt wurden. Die Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989, bei der 70.000 Menschen durch die Innenstadt zogen - die bis dahin größte Protestdemonstration in der DDR seit dem 17. Juni 1953 -, endete hingegen friedlich; angesichts derartiger Menschenmassen zog sich die Polizei zurück. Vor diesem Hintergrund kann also nicht von einer gänzlich gewaltfreien, völlig friedlichen Revolution gesprochen werden; die Bezeichnung der „Friedlichen Revolution“ meint vielmehr, dass bürgerkriegsähnliche Zustände, bei denen zahlreiche Menschen sterben, ausblieben: Sie meint einen überwiegend unblutigen, an den entscheidenden Tagen nicht eskalierenden Ausgang der revolutionären, regimekritischen Aktionen und Prozesse. So wurde bei den Großdemonstrationen zwar die Polizei und auch die Nationale Volksarmee in Alarmbereitschaft versetzt und hätte es zu einem brutalen Einschreiten der Armee gegen die Demonstranten kommen können - in diesem Zusammenhang wird meist von einer „Chinesischen Lösung“ gesprochen, die sich auf das Blutbad am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking bezieht, als das Militär brutal gegen zahlreiche Demonstranten vorgegangen war 25 -, doch hierzu kam es nicht. Ob dies an den immensen Menschenmassen und ihrem anhaltenden Widerstand, an der Skrupel der Befehlshaber oder auch daran lag, dass die Westmedien die Geschehnisse in der DDR beobachteten, das Fernsehen zum Teil live berichtete und die Demonstrationen somit zu einem die Nachrichten dominierenden Thema machte, das die westlichen Fernsehbilder - die
25 In der Zeit des Umbruchs in der DDR stellte die „Chinesische Lösung“ stets eine permanente Bedrohung dar, zumal sich die DDR-Regierung im Juni 1989 mit ihren chinesischen Kollegen solidarisch erklärt hatte.
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auch die meisten DDR-Bürger erreichten - beherrschte, sei zunächst einmal dahingestellt. Auch als am 9. November 1989 zahlreiche DDR-Bürger an die Grenze fuhren, weil sie von ihrer Öffnung erfahren hatten, und dort Grenzsoldaten begegneten, die über keine diesbezüglichen Befehle verfügten, hätte die Situation eskalieren können: Da „gab es dann diese konfrontative Situation, dass dort die Soldaten standen […], und sie wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Und das war eine gefährliche Situation. Deswegen sage ich [Günter Schabowski; Anm. d. Verf.] immer: Das eigentliche Wunder des 9. besteht darin, dass es nicht zu dieser blutigen Eskalation gekommen ist“ [Schabowski 2007]. Wenn bezüglich der Entwicklungen und Umbrüche 1989/90 in der DDR von einer „Revolution“ gesprochen wird, kann Lindner „keinen einheitlichen Charakter“ [Lindner 2001: 148] feststellen. Vielmehr sehe er zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Wertungen dieser Prozesse. So hätten in der aktivsten Periode des Massenprotestes von Oktober bis Dezember 1989 nahezu alle beteiligten Seiten wie selbstverständlich von einer Revolution gesprochen: „Eine neue DDR-Identität ist entstanden, die Identität einer gewaltlosen Revolution“, hätten nach Lindner bereits am 4. November 1989 Berliner Bürgerrechtler bilanziert [Lindner 2001: 148] - eine Wertung, die - betrachtet man die Gewalt, mit der die Volkspolizei sehr wohl gegen Demonstranten vorging - genau genommen nicht korrekt ist. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl bezog sich in seiner Ansprache vor der Dresdner Frauenkirche am 19. Dezember 1989 auf eine „friedliche Revolution“ [Maier 1990: 33], für seinen Kollegen, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, war es eine „freiheitliche Revolution“ [Maier 1990: 32], und selbst DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, für den die Ereignisse im Herbst 1989 lange Zeit nur so etwas wie eine „Konterrevolution“ waren [Lindner 2001: 148], sprach in seiner Neujahrsrede davon, das „zu Ende gehende Jahr 1989“ werde „als das Jahr der friedlichen Revolution in die Geschichte unseres Landes eingehen“ [ebenda].
Doch die zusammenfassende Bezeichnung der Umbrüche der Jahre 1989/90 als „Revolution“ wurde auch immer wieder kritisch gesehen. Weiß, der sich vielmehr auf eine „mißglückte Revolution“ bezieht [Weiß 1990: 35], zieht die Bezeichnung „Umbruch“ vor [ebenda], die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley habe „das mehr als ein Aufbegehren empfunden, das aus einer großen Hilflosigkeit entstanden ist“ [Findeis et al. 1994: 57], und Lindner fasst zusammen: „Sowohl Politiker wie Zeithistoriker und Publizisten sind vorsichtig geworden bei einer abschließenden Bewertung dieses vielgestaltigen Vorganges“ [Lindner 2001: 149].
Werden der „Wende“- und der „Revolutions“-Begriff voneinander abgegrenzt, lässt sich eine „systemimmanente Veränderung“ [Ludes 1991: 201], die „in Ost und West“ 26 als „Wende“ bezeichnet werde [ebenda], und „eine grundlegende qualitative Umgestaltung der Gesellschaft als Ganzes oder einzelner, wesentlicher gesellschaftlicher Erscheinungen“
26 Ludes bezieht sich hierbei sowohl auf die Umbrüche in der DDR (Ost) als auch auf den Regierungswechsel 1982 in der Bundesrepublik (West).
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[ebenda], wie das „Marxistisch-Leninistische Wörterbuch der Philosophie“ die „Revolution“ beschreibe, gegenüberstellen. „Wende“ bezeichne vor diesem Hintergrund in erster Linie die Perspektive derjenigen, die die Entwicklung in der DDR zunächst als systemimmanente Umgestaltung interpretierten - also etwa „DDR-Politiker und DDR-Journalisten“ [ebenda] -, „Revolution“ hingegen die Interpretation einer grundlegenden Veränderung, also „in erster Linie der Demonstrantinnen und Demonstranten sowie der Journalisten von ARD und ZDF“ [Ludes 1991: 201 f.]. Um eine „Zusammenschau dieser beiden sich teilweise widersprechenden und teilweise ergänzenden Perspektiven“ zu ermöglichen [Ludes 1991: 202], kreierte Ludes den Begriff der „revolutionären Wende“ [ebenda]. In diesem Zusammenhang muss allerdings festgehalten werden, dass sich der Begriff der „Wende“ auch in den Jahrzehnten nach den Umbrüchen in der DDR in Ost und West durchgesetzt hat, nicht nur bei ehemaligen DDR-Politikern oder -Journalisten. Ludes bezog sich wohl auch auf die Entstehung der Begriffe in dem spezifischen Kontext der DDR.
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c. Zur Bedeutung des Themas im zeit- und medienhistorischen Kontext
Das Thema dieser Arbeit habe ich unter anderem aus dem Grund gewählt, weil ich der Schnittstelle von Zeitgeschichte und Mediengeschichte, die diesem Thema zugrunde liegt, eine besondere Bedeutung beimesse. Vollzogen sich in der Geschichte zentrale Umbrüche oder gar Revolutionen - so man eine Definition bzw. Auslegung wählt, die diese Bezeichnung rechtfertigt -, so lagen diese zeitlich so weit zurück, dass es für sie heute keine audiovisuellen Belege gibt, da die Technik noch nicht so weit entwickelt war, den audiovisuellen Medien 27 (AV-Medien) die Aufzeichnung der „historischen Ereignisse“ und deren Archivierung 28 zu ermöglichen, oder es die audiovisuellen Medien schlichtweg noch nicht gab. Anders war es bei den revolutionären Prozessen in der DDR 1989/90, die in das Zeitalter der Audiovisionen 29 fallen: Das audiovisuelle Rundfunkmedium Fernsehen, auf das ich mich im Rahmen dieser Arbeit hauptsächlich konzentriere, begleitete die Ereignisse der Jahre 1989/90 im Rahmen einer journalistischen Berichterstattung - in Ost und West allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. 30 Es - bzw. vielmehr die Journalisten und Fernsehmacher, die an diesem Medium beteiligt waren - bildete einen Teil der Geschehnisse ab, selektierte, kommentierte und trug gar - so lautet zumindest eine These - zum Geschehen bei: „Die West-Medien haben die Opposition in der DDR sicherlich gestärkt, vielleicht auch die eine oder andere Entwicklung beschleunigt. Noch nie war […] in der Geschichte der Bundesrepublik die Wirkung des Fernsehens so groß wie in diesen Tagen des Oktober/ November und des Dezember 1989“ [Deppendorf 1990: 351]. 31
Dabei besteht allerdings kein Zweifel daran, dass bei der Berichterstattung und Dokumentation der historischen Ereignisse durch das Fernsehen - es ließe sich auch von „Geschichte im Fernsehen“ oder, folgt man der oben zitierten These, von „Geschichte mit Hilfe des Fernsehens“ sprechen - die Selektion der Journalisten und Programmgestalter dazu führte, dazu führen musste, dass lediglich ein Ausschnitt der Gesamtheit aller Vorgänge der damaligen Zeit in der DDR vermittelt werden konnte. Hinzu kamen erschwerte Bedingungen für westliche Journalisten, in der DDR zu drehen; so war es ihnen häufig nicht möglich, frei aus der DDR zu berichten - „die entscheidenden Demonstrationen in Leipzig, die Montags-
27 Mitaudiovisuellen Medien meine ich technische Kommunikationsmittel, die entweder die auditiven oder die visuellen Sinne des Menschen - oder beide gleichzeitig - bedienen, also etwa den Hörfunk und das Fernsehen. Der Begriff der audiovisuellen Medien „löst die älteren Medienbegriffe, die durch Materialitäten bestimmt sind […,] und den der Graphien ab, ohne sie jedoch zu ersetzen“ [Schanze 2001: 214].
28 Die Archivierung von Ton- und Bewegtbildmaterial stellt Archive bis heute vor große Herausforderungen, insbesondere was die Erhaltung, Lagerung, Digitalisierung und Bewertung von Archivalien betrifft.
29 Schanze begrenzt das „Zeitalter der Audiovisionen“ allerdings auf den Zeitraum von 1900/1925 bis 1985 [vgl. Schanze 2001: 263]. Dieses sei nach Schanze von dem Zeitalter der Digitalmedien abgelöst worden. Jedoch ist meines Erachtens eine zeitlich derart strikt abgetrennte Periodisierung nicht unproblematisch, kann doch davon ausgegangen werden, dass die verschiedenen Entwicklungen ineinander über gingen und vielmehr fließend waren. So sind Schanzes Jahresangaben meines Erachtens nur als ungefähre Richtwerte zu verstehen.
30 Auf Unterschiede in der Berichterstattung in Ost und West werde ich im dritten Kapitel dieser Arbeit eingehen.
31 Stolte spricht in diesem Zusammenhang davon, die Medien wirkten „an weltpolitischen Vorgängen mit“ [Stolte 1990: 17], weist aber auch darauf hin, dass sie „in ihrer Wirkung nicht monokausal alleinverantwortlich gemacht werden können“ [ebenda].
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Demonstrationen, sie waren zunächst Demonstrationen ohne Fernsehbegleitung. […] Denn für Westkorrespondenten war es ohne Drehgenehmigung nicht möglich, nach Leipzig zu kommen. Das war jahrzehntelange Praxis für alle Gebiete in der DDR“ [Deppendorf 1990: 350].
Der Aspekt der ausschnittweisen Wahrnehmung von Realität durch die Medien und insbesondere durch das Fernsehen oder gar der der Konstruktion von Realität durch das audiovisuelle Medium ist keine Besonderheit in Bezug auf die „Friedliche Revolution“ in der DDR und die diesbezügliche Fernsehberichterstattung, sondern im Rahmen der Medien- und Kommunikationswissenschaft Thema einer grundlegenden - konstruktivistischen - Debatte. So gehen die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus etwa davon aus, dass Medien die Wirklichkeit konstruierten 32 - „per se und immer schon, weil es eben gar nicht anders gehen kann, weil das Welt- und Wirklichkeitsverhältnis von Medien an sich konstruktiv“ sei [Weber 2002: 13]. Ein weiterer Ansatz, der mir plausibel erscheint, konzentriert sich auf „den Dualismus von Medien (als wirklichkeitserzeugende und/oder - abbildende Instanz) und Wirklichkeit (als Produkt und/oder Voraussetzung der Medienberichterstattung)“ [Weber 2002: 14]. 33
Luhmann sieht bei der Betrachtung des Massenmediums Fernsehen aus einer konstruktivistischen Perspektive eine verschärfte Problematik, weil es dem Zuschauer „Erfahrungen als eigene“ [Luhmann 2004: 148] suggeriere und es zu „unentwirrbaren Durchmischungen realer Realität und fiktionaler Realität“ [ebenda] komme. So betrachtet er die „Realität der Massenmedien“ als „Realität der Beobachtung zweiter Ordnung“ [Luhmann 2004: 153]. Vor diesem Hintergrund könnte - übertragen auf die Vorgänge im Herbst 1989 in der DDR - zusammengefasst werden, dass die Fernsehzuschauer in Ost und West 34 eine Art Realität zweiter Ordnung - das heißt: selektiert und ausschnittweise - vorgesetzt bekamen; so war es ihnen möglich, diese mit den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen „ihrer“ Realität zu vergleichen. 35 Wenn also von einer Schnittstelle von Zeitgeschichte und Mediengeschichte gesprochen wird, die vom Thema dieser Arbeit berührt wird, so kann gerade die Tatsache, dass „die historische Distanz noch zu gering“ ist [Hickethier 1998: 6], meines Erachtens als Vorteil gewertet
32 Ich werde auf den Aspekt der Wirklichkeitskonstruktion in Kapitel 5 zurückkommen.
33 Weber empfiehlt in diesem Zusammenhang einen empirischen Konstruktivismus, der „Konstruktivismus als Trend zu mehr Fiktionalisierung versteht“ [Weber 2002: 14] und die Frage „nach der Realität, der Wahrheit oder der Wirklichkeit an sich […] als falsch gestellt enttarnt“ [ebenda; die kursive Darstellung entspricht der Quelle]. Es gehe vielmehr um die Beobachtung der Verfahren und Modi der Wirklichkeitskonstruktion, die „immer raffinierter“ würden [ebenda]. Als einen dieser aktuellen Modi führt Weber auch den „klassischen Informationsjournalismus“ an, der das Weltgeschehen mit geringer zeitlicher Verzögerung darstelle, in der Regel mit kaum nachgestellten Ereignissen sowie zumindest mit „kaum [einer] direkte[n] mediale[n] Beeinflussung des Geschehens“ [Weber 2002: 15] - doch: „auch dies ist […] zunehmend fraglich!“ [ebenda]. Bezogen auf die oben angeführte These, die Fernsehberichterstattung habe die revolutionäre Wende in der DDR beeinflusst bzw. beschleunigt, wird deutlich, was Weber meint: eben dass das Geschehen, über das berichtet wird, vom Beobachtenden, dem Medium, insofern beeinflusst werde, als Berichterstattung immer auch eine Selektivität mit sich bringt. Den Aspekt der Selektivität werde ich in Kapitel 4 und 5 wieder aufgreifen.
34 Nicht in allen Gebieten der DDR konnte das so genannte „Westfernsehen“ empfangen werden (der Rezeption des Westfernsehens in der DDR widmet sich Kapitel 2c dieser Arbeit).
35 Die Menschen erführen, so Goertz, „daß einige Elemente der eigenen Erfahrungswelt offenbar auch Elemente der Erfahrungswelt von anderen sind. […] Wirklichkeit wird als ‚intersubjektiver Erfahrungsraum‘ konstruiert“ [Goertz 2001: 98]. Goertz bezieht sich auf eine „unsichere Geschichte“ [vgl. Goertz 2001].
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werden, denn so können Zeitzeugen der revolutionären Ereignisse in der DDR - Fernsehmacher wie Rezipienten gleichermaßen - zu ihren Beobachtungen und ihrem Verhalten befragt und erhaltenes audiovisuelles Archivgut als zeithistorisches Quellenmaterial herangezogen werden. „Je länger der Systemwechsel zurückliegt, desto mehr verblassen, zerfallen und verlieren sich die Relikte, Spuren und Zeichen des Früheren und Anderen im realen Alltag“ [Beutelschmidt 1997: 224]. Wenn audiovisuelle Überlieferungen langfristig in Archiven erhalten bleiben - was keine Selbstverständlichkeit und insgesamt nicht unproblematisch ist 36 - und für die Geschichtsschreibung verfügbar sind, ist ein Zugang zu vergleichsweise vielseitigem Quellenbestand möglich. 37
Hickethier, der die Fernsehgeschichte als eine Mediengeschichte [vgl. Hickethier 1998] betrachtet 38 , misst dem Fernsehen bei Modernisierungsprozessen sowie bei der Förderung einer „Europäisierung und Internationalisierung der Kommunikation“ [Hickethier 1998: 3] wesentliche Bedeutung bei. 39 „Fernsehen als ein Dispositiv der Wahrnehmung“ [Hickethier 1998: 2] entstehe wiederum innerhalb von Modernisierungsprozessen; es entwickele sich allerdings auch eine Eigendynamik, „die sich nicht immer funktional zur Rolle des Fernsehens als Agenten des soziokulturellen Wandels verhält“ [ebenda]. Werden Hickethiers Überlegungen zum Fernsehen nun auf Ereignisse des Herbstes 1989 - etwa gesendetes Filmmaterial von den Massenprotesten in DDR-Großstädten oder die Live-Sendung der Pressekonferenz mit Günter Schabowski am 9. November 1989 - zu übertragen versucht und setzt man vor dem Hintergrund der historischen Folgen zunächst eine Wirkung der Fernsehberichterstattung voraus (beispielsweise auf die DDR-Bürger oder -Machthaber), wird erkennbar, was Hickethier mit dieser Eigendynamik von Fernsehkommunikation und mit unvorhersehbaren Effekten darzustellen versucht.
36 In diesem Kontext gibt es zahlreiche Problemfelder, etwa die stets nur begrenzte Haltbarkeit des Trägermaterials, auf dem die audiovisuellen Informationen gespeichert werden, die Bedingung eines funktionstüchtigen Abspielgeräts für die Auswertung der Quellen und auch hier die begrenzte Lebensdauer, limitiertes Platzkontingent und veränderte technische Bedingungen in den Archiven [vgl. Buresch 2003: 13] und daraus resultierende Löschungen von vermeintlich unwichtigen Archivalien („bis in die Achtzigerjahre [des vorigen Jahrhunderts; Anm. d. Verf.] leider eine […] übliche Praxis“ [aus einer Mitteilung des Ressortleiters NDR-Fernseharchiv Hamburg, Peter Kröning, vom 6.10.2003 an den Verfasser dieser Arbeit]).
37 Den vielseitigen Quellenbestand nennt Beutelschmidt „schriftlich, photographisch oder kinematographisch fixierte […] Beweisstücke“ [Beutelschmidt 1997: 225], betont in diesem Zusammenhang aber auch, es seien auch „Überreste jenseits“ dieser „Beweisstücke“ notwendig, um die kollektive und individuelle Identität eines Landes sichtbar werden zu lassen [ebenda].
38 Die Fernsehgeschichte sei auch eine „Geschichte des Zuschauens“ [Hickethier 1998: 4].
39 Quer zu programmatischen Vorstellungen von Programmverantwortlichen seien oft „Effekte der Fernsehkommunikation [entstanden], die nicht vorhersehbar waren“ [Hickethier 1998: 2]. Diese Aussage trifft etwa auf die live im DDR-Fernsehen übertragene Pressekonferenz mit Politbüromitglied Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989 und die noch an diesem Abend einsetzenden Menschenströme zu Grenzübergängen zu.
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d. Zur Forschungssituation
Die Beschäftigung mit dem Fernsehen in der DDR - sowohl mit den in der DDR produzierten Programmen als auch mit der dortigen Fernsehrezeption, die ausländische Angebote einschließt - lässt sich zunächst einbetten in den Kontext der deutschen Fernsehgeschichtsschreibung. In diesem Zusammenhang stellt Hickethier in beiden deutschen Staaten eine „Neigung zum Ahistorischen, zum Vergessen der eigenen Geschichte“ [Hickethier 1998: 4] fest. Bis in die 1970er-Jahre sei das Fernsehen von einem breiten Publikum als ein „im Grunde unhistorisches Phänomen“ [ebenda] betrachtet worden, und wenn es zuvor überhaupt um so etwas wie Mediengeschichte gegangen sei, habe man darunter innerhalb der Publizistikwissenschaft vor allem Pressegeschichte gemeint. Rundfunk und Fernsehen avancierten in der Bundesrepublik erst gegen Ende der 1960er-Jahre zu einem Forschungs-gegenstand 40 , wobei Rundfunkgeschichte zunächst als eine Geschichte des Hörfunks und seiner Institutionen verstanden worden sei, also des älteren Mediums, dem seinerzeit im Vergleich mit dem „neuen“ Medium Fernsehen offenbar eine größere Bedeutung beigemessen wurde. Medienumbrüche bzw. -entwicklungen und die Betrachtung so genannter „alter“ und „neuer“ Medien brachte dabei meist die Erkenntnis mit sich, dass die „neuen Medien“ (oder auch „Neue Medien“ 41 ) zunächst auf den bisherigen - „alten“ - Medien aufbauten: „In jedem neuen Medium ist die Vielzahl der alten Medien eingeschrieben“, fasst Schanze zusammen [Schanze 2001: 217].
Innerhalb der Rundfunk- bzw. Fernsehgeschichte nimmt das DDR-Fernsehen insofern eine Sonderrolle ein, als es erst, seitdem die DDR Geschichte ist 42 , Gegenstand eines ausgeprägteren Forschungsvorhabens ist. Wurden in der Zeit vor 1990 in beiden deutschen Staaten nur vereinzelte wissenschaftliche Arbeiten zum Fernsehen in der DDR vorgelegt 43 , so ent-standen seit dem Zusammenbruch der DDR zahlreiche Arbeiten. 44 Die nahezu unüber-
40 Dassdie Rundfunkgeschichte überhaupt in den Blick der Publizistikwissenschaft rückte, hängt nach Auffassung Hickethiers mit der Arbeit des „Studienkreis[es] Rundfunk und Geschichte e. V.“, der 1968 in der Bundesrepublik gegründet wurde, zusammen [vgl. Hickethier 1998: 4]. (Auf der Webseite des Vereins unter www.rundfunkundgeschichte.de wird 1968 als Gründungsjahr genannt; die Gründungsveranstaltung fand allerdings am 10. Juni 1969 beim SWF in Ludwigshafen statt.)
41 Die Bezeichnung „Neue Medien“ erlangte Ende der 1990er- / Anfang der 2000er-Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung einen größeren Bekanntheitsgrad, als die digitalen, interaktiven Medien wie das World Wide Web bzw. das Internet an Breitenwirkung und Attraktivität gewannen. So kommt es, dass abseits der medienwissenschaftlichen Forschung der Begriff der „Neuen Medien“ heute als Synonym für Dienste des Internet oder für CD-ROM-/DVD-Anwendungen gelten.
42 Beutelschmidt zitiert den Kulturredakteur Harald Martenstein: „Alles läuft auf die Frage hinaus, ob die DDR Geschichte ist […] oder noch Gegenwart“ [Beutelschmidt 1997: 224]. Zu der Frage danach, inwiefern „die DDR Geschichte ist“, äußerten sich auch die Wissenschaftler eines dem DDR-Fernsehen gewidmeten DFG-Projektes: „In der Lebenswelt der Betroffenen gibt es natürlich […] noch immer und immer noch viel DDR. Dies […] gilt grosso modo auch für das Fernsehen der DDR. Formal und juristisch ist das eine ‚abgeschlossene Periode‘. Aber wenn man die aktuellen Wiederholungen zahlreicher DDR-Fernsehbeiträge beim mdr oder beim ORB sieht, dann ist es ganz offensichtlich eine Periode, die eben noch nicht abgeschlossen ist: nicht für die Zuschauer - und vor allem auch nicht für die Forschung“ [DFG-Projekt „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens komparativ“ 2007a].
43 Hier muss vor allem Hesses Befragung von 205 Zuwanderern aus der DDR im damaligen Notaufnahmelager Gießen im August 1985 und seine detaillierte Auswertung zur Mediennutzung in der DDR genannt werden [vgl. Hesse 1988].
44 Beutelschmidt bestätigt diese Feststellung und bezieht sich hierbei auf die Zeitspanne unmittelbar nach der deutschdeutschen Wiedervereinigung: „Auch als (wissenschaftlicher) Untersuchungsgegenstand scheint die Kultur der sozialistischen Gesellschaft nun weitgehend bewältigt, abgelegt und erschöpft. Hunderte (!) von Forschungsprojekten
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schaubare Zahl der Publikationen wird bereits nach einer ersten übergreifenden Recherche in deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken ersichtlich. 45 Den zuvor jahrelangen Mangel an Forschungsarbeiten zum DDR-Fernsehen bestätigen Steinmetz/Viehoff, die im Jahr 2004 rückblickend zentrale wissenschaftliche Studien und Publikationen zu Aspekten des ostdeutschen Fernsehens vermissten: „A number of academic studies and research projects have already been conducted concerning […] TV in the […] FRG (West Germany). Regarding the TV history of program and organization in the […] GDR (East Germany), however, studies based on primary sources do not exist“ [Steinmetz/Viehoff 2004: 315]. Fünf Jahre zuvor konstatierte Beutelschmidt, im Bereich der DDR-Television fehle es „an kontinuierlicher Grundlagenforschung, vergleichenden Analysen und an einer vollständigen Aufarbeitung der institutionellen Geschichte“ [Beutelschmidt 1999a: 38], die Zahl „aktueller (Fach-)Publikationen“ sei (zum damaligen Zeitpunkt) „quantitativ marginal“ 46 [ebenda], „lobenswerte Ausnahmen wie der versuchten Aufarbeitung durch das Deutsche Rundfunk-Museum, das Adolf-Grimme-Institut, singuläre Symposien im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs ‚Bildschirmmedien‘ oder museale Inszenierungen wie die Fernsehausstellung ‚Der Traum vom Sehen. Zeitalter der Televisionen‘“ [ebenda] bestätigten nur die Regel. Seit Juni 2001 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein umfangreiches Forschungsprojekt zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens 47 , das in Kooperation der Universitäten Halle/Wittenberg, Berlin (Humboldt), Leipzig und Potsdam-Babelsberg 48 durchgeführt wird. Die beteiligten Wissenschaftler, die innerhalb dieses Projektes bereits zahlreiche Publikationen vorgelegt haben, widmen sich den folgenden Aspekten bzw. Teilprojekten: Programmentwicklung, Rezeptionsgeschichte, Heitere Dramatik, „Kleine und große Show“, Literaturverfilmungen, Dokumentarische Genres, Sportfernsehen, Familienserien, Kinderfernsehen, fiktionale Geschichtssendungen. Das Teilprojekt 2 „Rezeptionsgeschichte“ widmet sich dabei auch dem „Anteil der Massenmedien am Ende der DDR“ [DFG-Projekt „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens komparativ“ 2007b] sowie Fragen, denen die vorliegende Arbeit unter anderem nachgeht, so etwa: - „Haben die westdeutschen Fernsehprogramme zum Zusammenbruch beigetragen oder haben sie das System nicht eher stabilisiert?“ [ebenda] und
bemühten sich bereits - oft im Vergleich und in Abgrenzung zu westlichen Parallelentwicklungen - um eine mehr oder weniger differenzierte Aufarbeitung des ostdeutschen Staatengebildes bis 1989/90: Allein bis 1993 sollen über 750 Vorhaben initiiert worden sein, deren Ergebnisse in Form von Darstellungen, Analysen und (Be-)Wertungen meist standesgemäß in Publikationen der klassischen Disziplinen mit sozialen, wirtschaftlichen oder politisch-ideologischen Schwerpunkten vorgelegt […] wurden“ [Beutelschmidt 1997: 225].
45 Am 10. Juni 2007 wurde über die übergreifende Internet-„Digitale Bibliothek“ der Universitätsbibliothek Köln mittels Eingabe der miteinander kombinierten Stichworte „DDR“ und „Fernsehen“ nach relevanten Publikationen recherchiert. Das Suchergebnis umfasste 2.189 Treffer (bei maximal 50 Treffern je Datenbank und einer maximalen Suchzeit von 120 Sekunden). Erfolgte eine Suche nach dem Begriff „DDR-Fernsehen“, fiel die Trefferzahl (242) allerdings weitaus geringer aus. Dabei entstanden alle Veröffentlichungen - mit Ausnahme von vier Publikationen aus dem Jahr 1979 und den 1990er-Jahren - in der Zeit nach 2001.
46 Beutelschmidt widerspricht sich dabei selbst, hatte er 1997 doch noch von „hunderte[n …] von Forschungsprojekten“ gesprochen [vgl. Beutelschmidt 1997: 225].
47 Der vollständige Titel des Forschungsprojektes lautet „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens komparativ“.
48 Gemeint ist die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf.
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- „Wie haben die Zuschauer das Angebot aus Berlin-Adlershof bewertet, wann haben sie ‚umgeschaltet‘?“ [ebenda].
Vor dem Hintergrund dessen, dass das Teilprojekt seit 2001 existiert und noch nicht abgeschlossen wurde, kann davon ausgegangen werden, dass das oben mit dem „Anteil der Massenmedien am Ende der DDR“ zusammengefasste Thema als Gegenstand der Forschung im genannten Gesamtprojekt noch im Gange ist. 49
Konzentriert man sich allein auf die Publikationen des gesamten Forschungsprojektes 50 , kann festgestellt werden, dass sich bislang zwar keine Veröffentlichung explizit dem Thema der vorliegenden Arbeit widmete 51 , aber einige Betrachtungen, die im Rahmen von Teilprojekten entstanden, näher auf das „Medienereignis 9. November 1989“ eingehen, wobei vor allem die Veröffentlichungen eines der beiden Sprecher des Projekts, Prof. Dr. Rüdiger Steinmetz von der Universität Leipzig, im Rahmen dieser Arbeit von besonderer Bedeutung sind [vgl. Steinmetz 2003a, Steinmetz 2003b, Steinmetz 2004]. So ist es unerlässlich, Steinmetz’ Untersuchungen in der vorliegenden Arbeit als Quellen heranzuziehen. Noch bevor das durch die DFG ermöglichte Forschungsprojekt zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens 2001 initiiert wurde, vertieften Medienwissenschaftler in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den revolutionären Ereignissen im Rahmen des Teilprojekts A7/B10 „Die Entwicklung von Fernsehnachrichtensendungen in den USA, der Bundesrepublik Deutsch-land und der DDR“ im Sonderforschungsbereich 240 „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“ an der Universität-Gesamthochschule Siegen die Beschäftigung nicht nur mit dem Fernsehen in der DDR, sondern insbesondere auch mit Fernsehnachrichtensendungen. Dabei war es den beteiligten Wissenschaftlern im Rahmen des Teilprojektes 52 sogar möglich, noch vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 53 eine Sonderuntersuchung der Entwicklung der „AK“ durchzuführen und bereits vor den vorgezogenen Wahlen in der DDR am 18. März 1990 mehr als einhundert Experteninterviews mit an der Produktion der „AK“ beteiligten Personen durchzuführen. Der seinerzeitige Wissenschaftliche Mitarbeiter im Teilprojekt B10, Peter Ludes, legte noch in der zweiten Hälfte des Jahres 1990 den Sammelband „DDR-Fernsehen intern. Von der Honecker-Ära bis ‚Deutsch-land einig Fernsehland‘“ [Ludes 1990a] vor, der unter anderem die Texte von Vorträgen der Siegener Tagung „Von der revolutionären Wende zur wendigen Revolution. Einblicke in das
49 Für 2008 haben die beteiligten Wissenschaftler eine umfassende Gesamtdarstellung zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens als Abschlusspublikation angekündigt.
50 Eine nach Teilprojekten sortierte Publikationsliste ist der Webseite des Forschungsprojektes unter der Adresse http://www.ddr-fernsehen.de/publikationen.shtml zu entnehmen (Abruf am 10.6.2007).
51 Brücher widmete sich im Jahr 2000 im Rahmen seiner Magisterarbeit an der Universität Bielefeld dem Thema „Das Westfernsehen und der revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989“ - allerdings aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive [vgl. Brücher 2000].
52 Das Teilprojekt hatte eine Laufzeit von 1989 bis 1997.
53 Somit relativiert sich freilich meine Äußerung „erst, seitdem die DDR Geschichte ist, [ist das DDR-Fernsehen] Gegen-stand eines ausgeprägteren Forschungsvorhabens“. Die Betonung liegt in diesem Zusammenhang also auf „ausgeprägter“; die Siegener Wissenschaftler begannen allerdings kurz vor dem Ende der DDR mit ihren intensivierten Forschungen.
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Innenleben des DDR-Fernsehens“ 54 zugänglich macht. Im Rahmen dieser Tagung und des Siegener Sonderforschungsbereiches wurde auch die Frage nach der Rolle des deutschen Fernsehens - wobei nicht nur das DDR-Fernsehen, sondern auch das westdeutsche Medium gemeint ist - im Prozess der revolutionären Umbrüche in der DDR berührt und einige Thesen 55 aufgestellt, auf die in dieser Arbeit einzugehen sein wird. Dem für die vorliegende Arbeit zentralen Thema „Die Medien und die Entwicklung im Osten“ und weiteren Thesen 56 , die im Zusammenhang mit diesem stehen, widmeten sich im Mai 1990 die 23. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik, aus denen ebenfalls ein Sammelband hervorging [Hall 1990]. Tagungen wie die in Mainz und Siegen verdeutlichen, dass die Rundfunkforschung die Ereignisse des Herbstes 1989 keinesfalls ignorierte, sondern sie vor allem in zeitlicher Nähe 57 zur „Wende“-Zeit - in Ausnahmefällen auch zu späteren Zeitpunkten 58 - berücksichtigte. Dabei wurden wesentliche Fragen diskutiert, etwa, ob das Fernsehen „doch eine ‚vierte Gewalt‘“ [Stolte 1990: 11], ob „Beobachter oder Mitwirkende[r]“ [Ahlers/Pleitgen 1990: 133] sei. Gesprochen wurde von einer „Medien-Wende“ [vgl. Hall 1990: 175] und später auchmit Bezug zum 9. November 1989 - von der „Live-Wende“ [Steinmetz 2003a: 28]. Deppendorf fasst in seinem Siegener Vortrag zur „Rolle des Westfernsehens bei der revolutionären Wende“ zur Forschungssituation im Jahr 1990 zusammen: „Die Berichterstattung der Westmedien vor, während und nach den dramatischen Ereignissen in der DDR ist sicherlich noch nicht genügend aufgearbeitet worden. Es wird noch einige Jahre dauern, bis man sich abschließende Urteile bilden können wird“ [Deppendorf 1990: 353 f.]. Auch Leder unterstrich 1990 die Notwendigkeit zu weiteren Arbeiten, insbesondere was die Wirkung des Fernsehens auf die DDR-Bürger am 9. November 1989 betreffe: „Die sich langsam aufbauende und intensivierende Rückkopplung (Ereignis / Darstellung im TV / verstärktes Ereignis / ekstatische Darstellung im TV / Wirklichkeitsfest / Livebericht vom Fest im TV) wäre zukünftig noch einmal ausführlich zu erforschen“ 59 [Leder 1990: 98].
54 Die Tagung fand im Rahmen des Siegener Sonderforschungsbereiches 240 „[Ästethik, Pragmatik und Geschichte der] Bildschirmmedien“ am 25. und 26. Juni 1990 statt. Der Sonderforschungsbereich bestand vom 2. Januar 1986 bis zum 31. Dezember 2000.
55 Siehe etwa Deppendorfs und Hartungs Tagungsvorträge [Deppendorf 1990; Hartung 1990] sowie Ludes’ Ausführungen zur „Rolle des Fernsehens bei der revolutionären Wende in der DDR“ [Ludes 1991].
56 Siehe die Vorträge Stoltes, Bressers und Leders [Stolte 1990; Bresser 1990; Leder 1990].
57 Brücher grenzt daher drei Phasen der wissenschaftlichen Literatur zum Fernsehen in der DDR voneinander ab: eine Phase vor 1989, eine weitere, die die Zeit während der „Wende“ bzw. unmittelbar nach ihr umfasst, sowie eine dritte, in der Untersuchungen entstanden seien, „die eine größere Distanz zum Geschehen aufzeigen“ [Brücher 2000: 22 f.]. Die Publikationen lassen sich auch nach den Themenbereichen „Inhalt von Fernsehinhalten [sic!] und insbesondere Nachrichten in Ost und West“ [Brücher 2000: 23 ff.], „Fernsehverhalten und Rezeption der westlichen Berichterstattung in der DDR“ [ebenda] und „Berichterstattung im DDR-Fernsehen und deren Rezeption“ unterscheiden. Inzwischen ließe sich auf der Grundlage der verschiedenen Teilprojekte des DFG-Projekts zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens eine weitaus differenziertere, erweiterte Einteilung treffen [vgl. DFG-Projekt „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens komparativ“ 2007a; DFG-Projekt „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens komparativ“ 2007b].
58 In diesem Zusammenhang müssen das DFG-Projekt „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens komparativ“ und die daraus hervorgegangenen Publikationen genannt werden [Steinmetz 2003a; Steinmetz 2003b; Steinmetz 2004].
59 „Sind Sie wirklich der Überzeugung, daß die Stunde der Wissenschaft schon gekommen ist?“, lautete 1990 die Antwort eines potenziellen (und nicht namentlich genannten) Autors auf die Anfrage der „Rundfunk und Fernsehen“-Redaktion, die eine Ausgabe zum Thema „Medien und Medienwissenschaft in der DDR - Dokumente einer Phase des Umbruchs“ plante [Rundfunk und Fernsehen 1990: 317].
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2. Fernsehen in der DDR
a. Die Rolle und Funktion der Medien in der DDR sowie ihre politisch-ideologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen
Um die Mediengeschichte der DDR und insbesondere die Schnittstelle von Medien- und Zeitgeschichte im Herbst 1989 verstehen zu können, ist es erforderlich, die politischideologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie den Auftrag, der - im Sinne der DDR-Regierung, eines totalitären Regimes - den Medien und insbesondere dem Fernsehen als so genanntes „Leitmedium“ 60 zukam, zu berücksichtigen. Seit der Staatsgründung der DDR 1949 hatten die Machthaber in der DDR nach und nach ein sozialistisches Rechtssystem aufgebaut, in das das Mediensystem eingeordnet wurde. Laut Sontheimer und Bleek sieht der Marxismus das Recht lediglich in seiner konkreten gesellschaftlichen Funktion [vgl. Sontheimer/Bleek 1972: 120 ff.]. Jede Epoche in der Entwicklung der Gesellschaft habe demnach ein eigenes Recht, das aus den gegebenen sozioökonomischen Bedingungen hervorgehe. Demzufolge sei das sozialistische Recht der DDR Ausdruck der Herrschaft der Arbeiterklasse und aller anderen Werktätigen, in deren Hände alle Macht in Staat und Gesellschaft zu legen sei. In der Nach-Stalin-Zeit setzte die SED konsequent auf das Recht als ein Leitungs- und Führungsmittel, mit dessen Hilfe der Wille der Partei verwirklicht werden sollte; das Recht musste in diesem Zusammenhang zum Aufbau des Sozialismus instrumentalisiert werden: „Das sozialistische Recht ist ein Instrument unseres Staates, um die gesellschaftliche Entwicklung zu organisieren“ [Böckenförde 1967: 37], lautete das im Rechtspflegeerlass von 1963 formulierte rechtspolitische Prinzip der DDR. Organisieren hieß auch Zentralisieren, und nach diesem Prinzip galt es, den Rundfunk bzw. das Fernsehen in die Zentralisierung staatlicher Machtstrukturen einzubinden. Eine erste Zentralisierung erfolgte in diesem Kontext aufgrund eines Beschlusses des Politbüros am 5. August 1952, demzufolge die Funktionen der Generalintendanz des bisherigen Deutschen Demokratischen Rundfunks von einem neu gegründeten Rundfunkkomitee übernommen wurden [vgl. Bösenberg 2004: 84]; die Länderstruktur des Rundfunks war somit aufgehoben worden. 61
Auf der Grundlage der DDR-Verfassung vom 7. Oktober 1949 war die Pressefreiheit formal gegeben. So wurde dort grundsätzlich die „Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens“ garantiert, jedem Bürger außerdem das Recht zugesprochen, „den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“ 62 [Holzweißig
60 Seitdem der Begriff des „Leitmediums“ in der akademischen Forschung verstärkt Beachtung findet, wird auch die Frage gestellt, ob neue Leitmedien ältere in Nischen abdrängen - wie bereits mehrfach in der Mediengeschichte, siehe etwa die Entwicklungen von Schrift, Film, Radio oder Fernsehen - und was bei einem Leitmedium wen oder was leitet - „womit, wie und wohin“ [Gendolla 2007; vgl. Kapitel 1d].
61 Am 1. Juni 1956 folgte eine „Verordnung über den Fernseh-Rundfunk“, eine in das Gesetzblatt der DDR eingebettete Regelung über die Fernseh-Rundfunkgenehmigung, die Lizenz der Post und Gebühren.
62 Bezeichnend ist eine spätere stillschweigende Kürzung des Verfassungstextes von 1949. Hieß es in der Verfassung von 1949 noch „Eine Pressezensur findet nicht statt“, entfiel dieser Satz in der Fassung des Jahres 1968 ersatzlos.
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1989: 10]. Zu den „Grundsätzen dieser Verfassung“ gehörte allerdings die uneingeschränkte Anerkennung der führenden Rolle der SED. In diesem Kontext wurde - bis zum Ende der DDR - die Freiheit der Presse, des Rundfunks bzw. des Fernsehens der DDR nicht als Individualrecht verstanden, sondern als Recht der Arbeiterklasse, die der SED als führender Partei diente. „Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens zu sichern, hieß[,] keinerlei ‚Missbrauch‘ der Massenmedien für die Verbreitung bürgerlicher Ideologien zu dulden“ [Bösenberg 2004: 85].
Vor diesem verfassungsrechtlichen Hintergrund ist der spezifische Auftrag der Medien bzw. des Fernsehens in der DDR zu betrachten, den die DDR-Regierung auf der Grundlage der Verfassung klar definiert hatte. Das Zentralkomitee (ZK) der SED war sich der Wirkung des audiovisuellen Mediums 63 auf die Bevölkerung durchaus bewusst; dem Fernsehen kamebenso der Presse, dem Radio und dem „Literaturbetrieb“ - eine in erster Linie politische Funktion zu, und von Beginn an 64 war das Fernsehen den ideologischen Zielen der SED unterstellt. Es war demnach in den Dienst der Einheitspartei zu stellen, wofür ab 1968 das Staatliche Komitee für Fernsehen (SKF), eine Einrichtung des Ministerrates, sorgte, der der bisherige Intendant des Deutschen Fernsehfunks, Heinz Adameck 65 , vorstand. Klare Hierarchien in der Organisationsstruktur des Fernsehens sollten sicherstellen, dass Ver-ordnungen und Anweisungen zügig umgesetzt wurden. Adameck unterstanden verschiedene Bereichsleitungen, etwa die der Publizistik, der Dramatischen Kunst, der Unterhaltung oder der Programmdirektion. Den Leitern der wichtigsten Bereiche stand ein Sitz im Staatlichen Komitee für Fernsehen zu. Daneben waren der Redaktionsleiter der „AK“ und der Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler 66 zusätzliche Komiteemitglieder. Adameck formulierte 1977 die wichtigsten Ziele seiner Arbeit: So stehe er für ein Fernsehen, das „informativ, bildend und unterhaltsam“ sei, „kurz gesagt: ein Fernsehen, das nützlich ist in unserer gemeinsamen politischen Massenarbeit“ [Schuhbauer 2001: 39].
63 Die Bezeichnung des Fernsehens als „Medium“ setzt eine Konzeption dieses Begriffs voraus. Die Beschäftigung mit den so genannten „Medien“ und mit der Geschichte der Medien führt beispielsweise vor Augen, wie wenig eindeutig und wie wenig pauschal dieser Begriff zu definieren ist: So verfolgen diverse Wissenschaftler mitunter unterschiedliche Ansätze: etwa einen technisch-apparativen Ansatz (Geräte und Trägermedien), einen inhaltlichen (etwa: Aussagen und Botschaften) oder einen funktionalen (in einem kommunikativen und gesellschaftlichen Kontext) [vgl. Gesellschaft für Informatik 1999]. Krämer differenziert einen philologischen und einen philosophischen Medienbegriff [Krämer 2007]. Demnach bleibe der philologische Medienbegriff „im Bannkreis des Zeichens“ - Medien seien „das, was am Zeichen raumzeitlich lokalisierbar“ sei; der philosophische Begriff hingegen überschreite den Rahmen der Idee von der Sprache als Zeichen, lasse die Differenz von „Innen und Außen“ selbst zum Thema werden [ebenda]. Marshall McLuhan wiederum sieht Medien als „Kommunikationsformen“ [McLuhan 2001: 145] und konzentriert sich überwiegend auf die Botschaft der Medien („Das Medium ist die Botschaft“ / „The Medium is the Message“), die er als „die neuen künstlerischen Formen unserer Zeit“ [ebenda] betrachtet. Hörisch definiert Medien als „Körperextensionen“ (und folgt damit E.T.A. Hoffmann), „Interaktionskoordinatoren“ (und folgt damit Ovid), „Unwahrscheinlichkeitsverstärker“ (und folgt damit Niklas Luhmann) und bezieht sich schließlich auf die Bedeutung des Wortes „Medium“ als „Mittel“ und „Vermittelndes“ [Hörisch 2001: 61 ff.]. In der vorliegenden Arbeit werden Medien als Kommunikationsformen/-mittel verstanden, die im jeweils spezifischen Kontext (etwa: der der audiovisuellen Medien) betrachtet werden müssen.
64 Der „Deutsche Fernsehfunk“ startete seine ersten Versuchssendungen am 21. Dezember 1952 und damit drei Tage vor dem Fernseh-Versuchsprogramms in der Bundesrepublik (des Nordwestdeutschen Rundfunks/NWDR).
65 Adameck war von 1963 bis 1989 Mitglied des ZK der SED.
66 Schnitzler war vom 21. März 1960 bis zum 30. Oktober 1989 Moderator der Sendung „Der Schwarze Kanal“, die - von Schnitzler propagandistisch kommentierte - Ausschnitte aus dem Westfernsehen präsentierte.
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Schuhbauer führt ein „Bündel komplementärer Maßnahmen“ [ebenda] an, das die Instrumentalisierung des Fernsehens für die Agitationsarbeit der Partei sicherstellen sollte: 1. Regelmäßig wurden die Redaktionen der wichtigsten Medien - also auch und insbesondere die der „AK“ - durch Abteilungen der SED angewiesen; 2. Die Chefredaktionen dieser Sendungen bzw. Medien wurden direkt von der Abteilung Agitation bzw. gar von der Parteispitze kontrolliert und ein-/abgesetzt; 3. Der personelle Nachwuchs in den Redaktionen wurde überwiegend über staatlich kontrollierte Ausbildungsstätten 67 rekrutiert, auf denen ausgewählte Kandidaten politisch so geschult wurden, „dass sie als willfähiges Instrument der SED-Herrschaft einsetzbar“ waren [Schuhbauer 2001: 40]; 4. Durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit sollten verdächtige Journalisten ausfindig und „operativ bearbeitet“ werden [ebenda]. Die „AK“, der als Hauptnachrichtensendung des Fernsehens der DDR 68 eine besondere Bedeutung zukam, war von Beginn an in das Propaganda- und Agitationssystem der DDR eingebettet; sie stellte ein Instrument der gelenkten Berichterstattung 69 , ein planmäßig eingesetztes Mittel dar, um - im Zusammenwirken verschiedener Medien 70 - sozialistisches Bewusstsein durchzusetzen. Hierbei stützte sich die DDR-Führung auf die Theorien des Marxismus-Leninismus. Für Lenin hatte die Presse drei Aufgabenbereiche: Propaganda 71 , Agitation und Organisation. Die Medien - und somit also auch die „AK“ - hatten demnach als Propagandainstrumente die Grundsätze und Lehren des Marxismus-Leninismus zu verbreiten. Die Agitation sorgte weiterhin für die Umsetzung der Lehren sowie für die Aufklärung der Masse(n), die Organisation für die Verwirklichung der Parteibeschlüsse„dies alles […] unter streng parteilichen Begriffen […], da es unparteiisches Denken grundsätzlich nicht [gab], d.h. jede Form des Denkens ist nach marxistischer Auffassung
67 Siehe etwa die Fakultät für Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, die das „rote Kloster“ genannt wurde und von der einstigen Studentin Brigitte Klump (Studierende im Zeiraum 1954 bis 1957) rückblickend als „Kaderschmiede der Stasi“ bezeichnet wird [Klump 1993]: „Die Genossen vom Staatssicherheitsdienst behaupten, es sei Erziehungsziel der Fakultät, zu erreichen, daß jeder Student bis zum Diplom so weit ist, freiwillig für den Staatssicherheitsdienst zu arbeiten“ [Ludes 1995: 2209 ff.]. Abgesehen von dieser These galt grundsätzlich: Absolute Linientreue war die Voraussetzung für einen Studienplatz an der Universität Leipzig/Sektion Journalistik [vgl. Holzweißig 1989: 31].
68 Von 1952 bis 1972 wurde unter der Bezeichnung „Deutscher Fernsehfunk“ (DFF, von 1969 an: DFF 1) gesendet. Am 3. Oktober 1969 startete der Sendebetrieb des 2. Programms DFF 2. Von 1972 bis zum 12. März 1990 nannten sich die beiden Programme „Fernsehen der DDR 1“ (abgekürzt „DDR 1“ [vgl. Kubitz 1997: 149]) und „Fernsehen der DDR 2“ („DDR 2“), danach folgte die Umbenennung in erneut „DFF 1 und „DFF 2“. Am 15. Dezember 1990 wurden DFF 1 und DFF 2 zur „DFF-Länderkette“ zusammengelegt.
69 Bösenberg spricht von „Lenkenden und Gelenkten“ - und meint damit die Chefredakteure der „AK“ [Bösenberg 2004: 115].
70 In diesem Zusammenhang kann das Pendant der „AK“, die überregionale Tageszeitung „Neues Deutschland“, angeführt werden, die wie die „AK“ ein wichtiges Propaganda-Instrument der DDR-Regierung war. Im Gegensatz zur „AK“ existiert das „Neue Deutschland“ auch heute noch.
71 Der Duden definiert Propaganda als die „systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher oder ähnlicher Ideen und Meinungen […] mit massiven (publizistischen) Mitteln […] mit dem Ziel, das allgemeine […] Bewußtsein in bestimmter Weise zu beeinflussen“ [Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 1990: 640]. An anderer Stelle wird „Meinung“ durch „Information“ ersetzt: „Unter Propaganda versteht man die Verbreitung von Ideen und Informationen mit dem Ziel der Manipulation. Propaganda kann von oder im Auftrag von Einzelpersonen, Unternehmen, politischen Organisationen und Regierungen verbreitet werden. […] Dabei ist der effektive Einsatz von Kommunikationsmitteln und Medien, vor allem dem Fernsehen, unerlässlich“ [Schneider/Schönmann 1999].
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klassengebunden“ [Riedel 1983: 279]. Der Journalist hatte sich also als Instrument der Partei zur Durchsetzung ihrer revolutionären Politik zu begreifen [vgl. Holzweißig 1999: 574]. Die Rolle des so genannten „sozialistischen Journalisten“, der die „schärfste Waffe der Partei“ 72 - die Medien - zu beherrschen wissen musste, wurde im „Wörterbuch der sozialistischen Journalistik“ klar umrissen. Demnach sei der sozialistische Journalist „Funktionär der Partei der Arbeiterklasse […], der mit journalistischen Mitteln an der Leitung ideologischer Prozesse“ teilnehme. Er helfe „das Vertrauensverhältnis des Volkes zu Partei und Staat zu festigen“, und seine gesamte Tätigkeit werde „grundlegend vom Programm und den Beschlüssen der marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse sowie durch die Verfassung des sozialistischen Staates bestimmt“ [Holzweißig 1989: 38]. Das heißt also: Wer die Politik der SED nicht vertreten wollte, konnte nach diesem Prinzip - und sofern er sich nicht langfristig verstellen wollte - nicht Journalist werden. Grundsätzlich war es die Aufgabe des DDR-Redakteurs, die Presseanweisungen der Abteilung Agitation des SED-Zentralkomitees „entweder buchstabengetreu oder sinngemäß umzusetzen. Was inhaltlich nicht ohnehin geregelt war, besorgte die „Schere im Kopf“, die Selbstzensur der Journalisten. Insofern können die „AK“-Redakteure - sofern davon ausgegangen wird, dass kaum ein journalistischer Spielraum 73 vorhanden war - als so etwas wie verlängerte Arme der SED-Führung gesehen werden.
Mit Bezug auf die Rolle der „AK“ in der Honecker-Ära äußerte sich in einem Brief an den Medienwissenschaftler Peter Ludes ein ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Fernsehens: „Die Aktuelle Kamera unter Honecker - das war keine Frage von journalistischer Methodik oder von politischer Grundrichtung - da wurden Menschenrechte verletzt, komplex (nach außen) in Form von Volksverdummung, und detailliert (nach innen) in Form von Demagogie, Machtmißbrauch und Erpressung. Wer immer eine leitende Funktion in diesem Gremium von Hofschranzen, das sich AK nannte, innehatte, er hat sie benutzt, um jede auch nur angedeutete Form von aufrechtem Gang bei einem journalistischen Mitarbeiter mit Härte zu unterbinden“ [Ludes 1990b: 17]. 74
Es kann zusammengefasst werden, dass journalistische Arbeit in der DDR „vor allem Klassenkampf“ [Ludes 1995: 2217] war. Aus der Sicht derjenigen, die innerlich in Opposition gingen, ab und zu Kritik äußerten oder flohen, sei „die SED-spezifische Fernsehjournalistik eine Korruption moralischer Grundsätze und von Regeln journalistischer Professionalität“ gewesen [ebenda], wobei auf die in diesem Kapitel bereits erwähnte DDR-eigene Definition von Journalismus und seinen Aufgaben hingewiesen werden muss.
72 Im Februar 1950 lautete das Motto einer Konferenz des SED-Parteivorstandes „Unsere Presse - Die schärfste Waffe der Partei“. Dieses geht auf Lenin zurück, wurde von Stalin übernommen und hier auf die Rolle der audiovisuellen Medien übertragen [vgl. Holzweißig 2002: VII].
73 Im Falle der nicht linientreuen Arbeit drohte die Amtsenthebung, für „besonders gute Berichterstattung“ - etwa über Parteitage und politische Ereignisse - wurden hingegen regelmäßig Geldprämien verteilt [vgl. Ludes 1990b: 17].
74 Leider lässt Ludes offen, warum der Mitarbeiter seinen Namen nicht nennen wollte und in welcher Funktion er bzw. sie für das DDR-Fernsehen tätig war.
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b. Die Einbindung der „Aktuellen Kamera“ in das politische System -Zum Ausmaß der Einflussnahme auf redaktionelle Inhalte
Bei der Frage danach, wie sich die Einflussnahme der DDR-Regierung auf die redaktionellen Inhalte der „AK“ konkret vollzog, können Berichte ehemaliger Mitarbeiter der „AK“-Redaktion herangezogen werden. Die Rede ist in diesem Zusammenhang stets von so genannten „Regierungstelefonen“, die im Büro des Chefredakteurs, seines Stellvertreters und im so genannten „Cockpit“ 75 der „AK“-Redaktion standen und über welche die direkte (An-) Leitung vom Zentralkomitee der SED in die AK-Redaktion möglich war. Im „Cockpit“, dem Leitstand der „AK“, wurde die Parteilinie gesichert. Über das „Regierungstelefon“ wurden täglich Anweisungen und vorgefertigte Meldungen durchgegeben; meist sollten sie im genauen Wortlaut gebracht werden 76 - „und wehe, ein Wort stimmte nicht“ [Schickhelm 1990: 257], so der vorletzte „AK“-Chefredakteur zu DDR-Zeiten, Klaus Schickhelm. In diesem Fall hätte „spätestens beim zweiten Mal das sofortige Entfernen“ [ebenda] aus den bestehenden Funktionen gedroht, „hätte man keine Chance mehr als Journalist gehabt“ [Schickhelm 1990: 259 f.]. Als eine „Existenzfrage“ sah auch Bert Sprafke, Inlands-Redakteur der „AK“ im Frühjahr 1990, den Zwang, sich linientreu zu verhalten [vgl. NDR 1990]. Aussagen verschiedener leitender „AK“-Mitarbeiter zufolge muss im Lauf der fast 40jährigen Geschichte dieser Nachrichtensendung die Anleitung durch die DDR-Führung großen Schwankungen ausgesetzt gewesen sein; nicht in jeder Phase und nicht immer täglich bestand man darauf, exakt vorgegebene Texte zu verlesen. 77 So habe es laut der (im Frühjahr 1990) stellvertretenden Chefredakteurin Sigrid Griebel 78 Tage gegeben, an denen „relativ wenig Abstimmung“ stattgefunden habe (wobei von „Abstimmung“ bei einer einseitigen Befehlsanweisung kaum die Rede sein kann) - und dann habe es wiederum Tage gegeben, an denen „bis in die Sendung hinein umgestimmt oder geändert wurde [und] noch Sätze diktiert“ [ebenda] worden seien. „Es wurde hineinregiert, […] zum Schluss sehr stark“ [ebenda]. 79
75 Gemeint ist damit das Großraum-Büro mit seinem „großen halbrunde[n] Arbeitstisch, an dem alle Verantwortlichen der jeweiligen Sendung Platz fanden und die Verständigung zwischen ‚Wort‘ und ‚Bild‘ selbst noch während der Sendung durch Zuruf möglich war“ [Selbmann 1998: 122].
76 Selbst das Tempo, mit dem die Texte zu verlesen waren, sei vorgegeben worden [vgl. Schickhelm 1990: 257].
77 Allerdings spricht Bösenberg von einem „täglichen Anleitungsmodus“, der sich „vom Ablauf her wiederholt“ habe (er stützt sich auf die Äußerungen der beiden „AK“-Chefredakteure Schickhelm und Meier) [Bösenberg 2004: 133]. Dieser Modus sah den folgenden Ablauf vor: 1. Als Arbeitsgrundlage diente ein Wochenplan, der die voraussehbaren Ereignisse beinhaltete. 2. Der Ablaufplan wurde täglich in der Frühkonferenz um 10 Uhr beraten, wobei Aktionen des Generalsekretärs des ZK der SED stets an der Spitze der Sendungen zu platzieren waren. 3. Am Nachmittag wurde in einer Konferenz beim Chefredakteur die Grundstruktur der Sendung zusammengestellt. „Mit der bereits vorhandenen Schere im Kopf wurde ein Ablaufplan erstellt“ [Bösenberg 2004: 133] und an die Agitationsabteilung zur Kontrolle weitergeleitet. 4. Die „tägliche Rückkoppelung“ [ebenda] der Abteilung Agitation erfolgte schließlich telefonisch - über einen „Regierungsapparat“ - nach 18 Uhr, „oft auch erst nach 19 Uhr“ [ebenda].
78 Griebel sei „früher gefürchtet [gewesen] als besonders scharf und parteikonform“ [NDR 1990].
79 Am 1. Oktober 1989 hatte es in einem Kommentar der einzigen Nachrichtenagentur in der DDR „ADN“ (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) - angeblich auf persönlichen Wunsch Honeckers hin - zu den über Prag ausgereisten DDR-Bürgern geheißen: „Wir weinen ihnen keine Träne nach“ [Chronik der Mauer Oktober 1989]. Dieser Satz wurde auch in der „AK“ am 1.10.1989 aufgegriffen, als verlesen wurde: „Sie alle [die Flüchtlinge; Anm. d. Verf.] haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten, sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen“ [Zettl 2000].
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Die Äußerungen verschiedener Verantwortlicher weisen darauf hin, dass die Anweisungen in den letzten Wochen und Monaten vor dem Zusammenbruch des SED-Regimes unter dem Generalsekretär Erich Honecker vor dem Hintergrund des zunehmenden großen Widerstands in der Bevölkerung besonders umfangreich und intensiv - und im Vergleich zu der Situation in den Jahrzehnten zuvor umfangreicher - gewesen sein müssen [vgl. Selbmann 1990: 204; Schickhelm 1990: 256; NDR 1990]. So erklärte der Chefredakteur der „AK“ von 1966 bis 1978, Erich Selbmann 80 , im März 1990: „In der Zeit, in der ich in der Aktuellen Kamera tätig war, war das System der ‚Von-Kopf-zu-Kopf-Steuerung‘ durch das ZK der SED noch nicht so ausgeprägt wie in den achtziger Jahren, wo es bekanntlich, vor allem in den letzten Jahren, soweit ging, daß nicht nur der Aufbau der Sendung, nicht nur die Reihenfolge der Nachrichtenblöcke, sondern sogar einzelne Spitzenmeldungen mit dem ZK abgestimmt wurden. Das gab es […] zu meiner Zeit noch nicht […]. Erst in der allerletzten Zeit meiner Arbeit […], vielleicht von ’76 an, begann, erst langsam, dann stetig, die Änderung“ [Selbmann 1990: 204]. Die Einschätzung, dass der Druck des Zentralkomitees der SED auf die Redaktion der „AK“ in den 1980er-Jahren und insbesondere in der Zeit der „Wende“ stark zugenommen habe, teilt der vorletzte - und in der „Wende“-Zeit verantwortliche -Chefredakteur der „AK“, Klaus Schickhelm 81 , der Ende der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre noch „eine relative Freiheit für den Nachrichtenjournalismus“ [Schickhelm 1990: 256] beobachtet haben will - jedoch dabei offen lässt, was er mit „relativer Freiheit“ meint -, dann sei es jedoch „bis zu dieser absoluten Verhärtung gekommen, daß da also kein Spielraum mehr war“ [ebenda]. Schickhelm war es, der am „Regierungsapparat“ die Anordnungen entgegennahm, sie akzeptierte und mittrug: „Die Chefredaktion mußte machen, was die wollten“ 82 [Holzweißig 2002: 235].
Schickhelm, dessen Einschätzung von Bösenberg gestützt wird, der von „direkten Vorgaben“ mit Bezug auf Schickhelms „AK“-Zeit spricht [Bösenberg 2004: 6], denen von Seiten des Chefredakteurs „auffällig wenig entgegen[gesetzt]“ [Bösenberg 2004: 132] worden sei, wurde in Bezug auf seine Amtsperiode von 1984 bis Mitte 1990 - und hier insbesondere in Bezug auf den Herbst 1989 - noch konkreter: „Über bestimmte Dinge“ 83 sei nicht berichtet worden und habe nicht berichtet werden dürfen [Schickhelm 1990: 241]; zudem sei Schickhelm stets angewiesen gewesen, „in der Sendung mindestens ein oder zwei Berichte über das Geschehen in der Wirtschaft zu bringen, also über den sozialistischen Wettbewerb in den Betrieben, was mit Nachrichten überhaupt nichts zu tun hatte“ [ebenda]. Neben den sich wiederholenden Anrufen mit „Tagesbefehlen“ [Selbmann 1998: 143] über die so genannten
80 Bis zum Herbst 1989 war Selbmann stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Fernsehen. Sein Nachfolger im Amt des „AK“-Chefredakteurs war von 1978 bis 1984 Ulrich Meier.
81 Schickhelm war von 1984 bis zum 19. Juli 1990 „AK“-Chefredakteur. Ihm folgte - als letzter auf diesem Posten -Manfred Pohl. Am 29. Oktober 1989 verlas Schickhelm im Rahmen einer „In eigener Sache“-Rubrik innerhalb der „AK“ eine Erklärung, in der er „schnelle und wahrheitsgetreue Informationen“ versprach [Chronik der Wende 29.10.1989].
82 So lautet die Aussage der langjährigen „AK“-Sprecherin Angelika Unterlauf in einem Interview des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ vom 4. Dezember 1989 [in: Holzweißig 2002: 235].
83 Welche „bestimmten Dinge“ Schickhelm hier meint, lässt er allerdings offen.
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„Regierungstelefone/-apparate“ habe es im ZK der SED einmal in der Woche eine „spezielle Anleitung“ [Schickhelm 1990: 256], eine „Beratung zur Steuerung der Massenmedien“ [Selbmann 1998: 142 f.] gegeben, auf der „Grundpositionen“ [ebenda] festgelegt und angeordnet worden seien. Vor diesem Hintergrund lässt sich erahnen, wie klein ein etwaiger Spielraum für eventuell nicht vollständig linientreue Journalisten gewesen sein musste - der „sozialistische Journalist“ avancierte in diesem Kontext zum Empfänger, „Weiterleiter“ und Ausführenden von Befehlen. 84
Die Anleitung des ZK der SED ging gar so weit, dass die ganze Sendung gefährdet war, weil die Akteure der ZK-Führung entweder sich nicht einig waren, was gesendet werden durfte, oder sie kurz nach der Ausstrahlung der bundesrepublikanischen ZDF-„heute“-Sendung (um 19 Uhr) noch Reaktionen auf die darin verbreiteten Aussagen in die „AK“ integriert haben wollten. 85 Erich Honecker selbst griff „unmittelbar und - zum Schrecken der Redakteure - auch noch kurz vor oder während der Sendung ein“ [Holzweißig 2002: 134]. Mit Honeckers Entmachtung am 18. Oktober 1989 und der Ablösung des Politbüromitglieds Joachim Herrmann, der im Zentralkomitee der SED seit 1976 für Agitation und Propaganda verantwortlich war 86 , ging eine Lockerung der Anleitung der „AK“-Redaktion durch die politische Führung einher. Vor dem Hintergrund der Massenproteste in der DDR-Bevölkerung hatte bereits am Morgen des 9. Oktober 1989 eine „AK“-Redaktionskonferenz stattgefunden, in der die Mitglieder eine „neue Linie“ beschlossen 87 [vgl. Ludes 1990b: 53]. Doch - wie auch meine Analysen der „AK“-Berichterstattung zeigen werden (vgl. Kapitel 3) - die „AK“-Journalisten mussten sich erst langsam an die neuen, nur zögerlich gelockerten Verhältnisse gewöhnen; die „sozialistische Schere im Kopf“, die für sie jahrelang selbstverständlich war, wirkte noch nach.
84 Viele DDR-Journalisten verstanden „sich als Weiterleiter, die in erster Linie zu gewährleisten hatten, daß der Informationsfluß von der Partei zum Staatsbürger nicht durch Wackelkontakte unterbrochen wurde“ [Pannen 1992: 27].
85 Zwischen den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF auf der einen Seite und des DDR-Fernsehens auf der anderen Seite waren - nicht nur in der „Wende“-Zeit - Wechselwirkungen auszumachen. So reagierte die „AK“ auf die Berichterstattung von „heute“ oder bezog sich die „Tagesschau“ auf die „AK“-Sendungen (wie beispielsweise in der im Rahmen dieser Arbeit analysierten „Tagesschau“ am 4.11.1989; vgl. Kapitel 3).
86 Herrmann galt als „Hardliner“ und war als ZK-Sekretär der Hintermann, der entschied, was in der „AK“ gesendet werden durfte und was nicht. „Nach Auskunft einer Redakteurin von ‚AK-Zwo‘, am 26. März 1990, hatte Herrmann das letzte Mal am 16. Oktober verboten, über die Montagsdemo zu berichten. Da hatten wir alles schon hier. Der Bericht war schon im Haus, 19.29 Uhr‘“ [Ludes 1995: 2206].
87 Für die „AK“-Hauptausgabe am Abend desselben Tages stellt Ludes allerdings fest: „Es wird weiter im alten Stil […] Nachrichtensendung gemacht“ [Ludes 1990b: 53].
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c. Die Rezeption des Westfernsehens und der „Aktuellen Kamera“ in der DDR
Wenn ich mich in der vorliegenden Arbeit unter anderem mit der Rolle des westdeutschen Fernsehens an den revolutionären Entwicklungen in der DDR und der Frage nach einer Wirkung des westdeutschen Fernsehangebots auf die DDR-Bürger beschäftige, impliziert dies die Annahme, dass in der DDR-Bevölkerung das bundesrepublikanische Fernsehprogramm genutzt wurde.
Politisch gesehen mussten die DDR-Bürger, so Dussel, seit den 1970er-Jahren - offiziellkeine Sanktionen mehr befürchten, in den 1980er-Jahren waren West-Fernsehprogramme sogar ganz offiziell in Kabelanlagen der DDR eingespeist worden [vgl. Dussel 1999]. Bis zum Beginn der 1970er-Jahre - als in der DDR mehr als vier Millionen Fernsehgeräte registriert wurden (1968: 4,17 Millionen; 1956 waren es noch 71.000 Geräte) [Holzweißig 1989: 114] -, war der Empfang des „elektronisch verbreitete[n] ‚Gift[s] aus dem Äther‘“ [Holzweißig 2002: 128] verboten. Erst auf dem 9. Plenum des Zentralkomitees der SED Ende Mai 1973 sorgte Erich Honecker für Aufsehen, als er indirekt eingestand, eine Niederlage „im teilweise mit brachialer Gewalt geführten Kampf gegen den nach Westen gerichteten Antennenwald erlitten zu haben. Der Parteichef räumte unumwunden ein, in fast jedem DDR-Haushalt werde Westfernsehen […] empfangen. Er ermunterte gar noch zum genaueren Hinhören, um die wahren Absichten der ‚regierenden Kreise‘ in Bonn nach der Unterzeichnung des 1972 zwischen beiden deutschen Staaten abgeschlossenen Grundlagenvertrages zu durchschauen“ [ebenda].
So ist die Annahme weit verbreitet, die DDR-Bürger hätten überwiegend das in der Bundesrepublik Deutschland produzierte Fernsehprogramm - kurz: „Westfernsehen“ 89 rezipiert und das des DDR-Fernsehens zumeist gemieden 90 ; eine Annahme, der etwa auch Hickethier folgt: „Da den DDR-Bürgern Informationen über das eigene Land vom DDR-
88 Vgl.Kapitel 4 und Anhang III.
89 Laut Hesse lautete so der „gängige Begriff der DDR-Bevölkerung, mit dem sie TV-Programme der bundesrepublikanischen Rundfunkanstalten“ bezeichneten [Hesse 1988: 41].
90 „Einschalten, Umschalten, Ausschalten?“ lautet der Titel einer Publikation, die Meyen im Forschungsprojekt zur „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens - komparativ“ 2003 zum Fernsehen im DDR-Alltag vorlegte [Meyen 2003]. Er spielt damit auf das vermeintliche Fernsehverhalten der DDR-Bürger an, die offenbar nach dem Einschalten und der kurzzeitigen Rezeption des DDR-Fernsehprogramms zum bundesrepublikanischen Angebot, das der überwiegende Teil der DDR-Bürger empfangen konnte, wechselten.
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Fernsehen vorenthalten wurden, suchten sie diese in den bundesdeutschen Programmen“ 91 [Hickethier 1998: 406]. Zahlreiche Quellen verweisen in diesem Zusammenhang auf eine Untersuchung Hesses [vgl. Hesse 1988], der im August 1985 im damaligen Notaufnahmelager Gießen 205 Zuwanderer aus der DDR zu ihrem Rundfunkkonsum befragt hatte. Demnach nutzten 82 % der Befragten, die die Möglichkeit zum „Westempfang“ hatten, dieses „fast jeden Tag“ und weitere 12 % „häufig“ [Hesse 1988: 42]. 72 % dieser Gruppe gaben außerdem an, „sehr selten“ oder „nie“ [ebenda] die beiden DDR-Programme eingeschaltet zu haben - „und selbst bei denen, die kein Westfernsehen empfangen konnten, waren es noch 23 Prozent“ [Dussel 1999: 176]. Im Rahmen dieser Untersuchung fand Hesse ferner heraus, dass in erster Linie das politisch-informative Angebot des Westfernsehens genutzt wurde, demgegenüber das Unterhaltungsangebot weit abgeschlagen war [vgl. Hesse 1988: 42 ff.]. Eine im Zusammenhang mit dem Thema der vorliegenden Arbeit wesentliche Erkenntnis, zu der Hesse kam, ist, dass die „Tagesschau“, die Hauptnachrichtensendung der ARD um 20 Uhr, Spitzenreiter in der Zuschauergunst war 92 ; 65 % der Befragten 93 schalteten bei dieser Sendung regelmäßig ein, 35 % zumindest gelegentlich, kein einziger Befragter hatte auf die Frage nach der Rezeption dieser Sendung mit „nie“ geantwortet [ebenda]. Auch die ARD„Tagesthemen“ (28 % gaben an, diese „regelmäßig“ zu sehen, 64 % „gelegentlich“, acht Prozent „nie“), ZDF-„heute“ (46 % „regelmäßig“, 43 % „gelegentlich“, elf Prozent „nie“) und das ZDF-„heute-journal“ (24 % „regelmäßig“, 59 % „gelegentlich“, 17 % „nie“ [ebenda]) schnitten im Vergleich mit anderen (Unterhaltungs-) Sendungen besonders gut ab. Zum Vergleich: 26 % gaben an, den „Denver-Clan“ „regelmäßig“ zu sehen, 37 % den „Tat-ort“. Auch bezüglich der „gezielt eingeschalteten Sendungen im Westfernsehen“ [Hesse 1988: 42] kommt den Informations- und Nachrichtensendungen eine besondere Rolle zu: Die „Tagesschau“ belegte hier eine Häufigkeit von 34 %, „heute“ 21 % (zum Vergleich: „Denver-Clan“: sieben Prozent, „Dalli-Dalli“ fünf Prozent, „Kennzeichen D“ allerdings 37 %) [ebenda].
Dussel misst Hesses Untersuchung auffallend große Bedeutung bei; zumindest für die Gesamtheit der Zuwanderer aus der DDR „jener Jahre“ 94 seien die Aussagen „repräsentativ zu betrachten“ [Dussel 1999: 176]. Er geht sogar so weit, anzunehmen, die Ergebnisse auf die weitaus größere Gruppe der damals Ausreisewilligen (ca. 300.000 bis 500.000 Personen) übertragen zu können [ebenda]. Lediglich der Schluss auf die Gesamtbevölkerung der DDR sei „statistisch nicht zulässig, weil der Ausreisewille durchaus den Medienkonsum verändert haben könnte“ [ebenda] - ein Aspekt, der im Hinblick auf die Beurteilung von Hesses
91 Wolle misst dem Westfernsehen insofern Bedeutung bei, als es „über 45 Jahre der Trennung die kulturelle Einheit der deutschen Nation“ aufrecht erhielt [Wolle 1998: 69], denn: „Am Bildschirm waren die Deutschen vereint“ [Trampe 1998: 308].
92 Zu dieser Erkenntnis kommt auch Bösenberg: „Insbesondere die 20.00 Uhr-Nachrichten der ‚Tagesschau‘ stellten auch im DDR-Alltag eine Institution dar“ [Bösenberg 2004: 266].
93 Die Basis bildeten 162 DDR-Zuwanderer, die Westfernsehen empfangen konnten [Hesse 1988: 43].
94 1984/85 seien „mehr als 60.000 Übersiedler in die Bundesrepublik“ gekommen [Dussel 1999: 176].
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Ergebnissen noch höher hätte eingestuft werden können. Dussel fasst zwei Haupt-Befunde Hesses zusammen [Dussel 1999: 177 ff.]:
1. Die beiden DDR-Fernsehprogramme seien selbst im eigenen Land „eine Art Minderheitenangebot“ gewesen.
2. Am westdeutschen Fernsehangebot sei für die DDR-Bürger vor allem die politische Information attraktiv gewesen - weniger die Unterhaltung.
Diese Ergebnisse seien - so Dussel - „kaum in Frage zu stellen, wie mittlerweile zugänglich gewordene Ergebnisse der DDR-Zuschauerforschung deutlich machen“ [Dussel 1999: 177]. Demnach habe die Nutzung der DDR-Fernsehprogramme in den 1980er-Jahren insgesamt im Durchschnitt zwischen 32 % und 40 % [Braumann 95 1994: 531] geschwankt, zudem habe die „AK“ in der DDR-Zuschauerforschung nach dem Schulnotenprinzip eine Note „in der Regel unter ‚3.50‘“ erhalten [Braumann 1994: 538] - bei Sehbeteiligungen „von nur etwa 10 Prozent“ 96 [ebenda]. Dussel resümiert, das DDR-Fernsehen sei bei seinen Zuschauern nicht wegen seines Unterhaltungsangebots, „sondern wegen seines Versagens bei der politischen Information“ gescheitert [Dussel 1999: 178].
In der Literatur [vgl. Bösenberg 2004; Deppendorf 1990; Dussel 1999; Holzweißig 2002; Wolff 2002] herrscht die Position von der in der DDR weit verbreiteten Nutzung 97 des Westfernsehens vor, wobei immer wieder die mangelnde Glaubwürdigkeit des DDR-Fernsehens vor allem im Bereich der politischen Information betont wird. Meyen fasst zusammen, es werde einstimmig von der „Popularität der Westmedien“ und von der „allabendlichen Ausreise“ [Meyen 2003: 7] gesprochen, „vor allem in den 80er Jahren habe die Bevölkerung die Westprogramme bevorzugt und sich immer weniger für die Sendungen des DDR-Fernsehens interessiert“ [ebenda]. Auf der Grundlage der Ergebnisse der Zuschauerforschung in der DDR sowie von 100 (biografischen) Tiefeninterviews, die im Zeitraum von 2000 bis 2002 mit Ostdeutschen geführt wurden, vertritt Meyen allerdings die Gegenthese: „Zumindest bis 1988 hat das DDR-Fernsehen mit seinen Angeboten im Jahresdurchschnitt mehr Zuschauer erreicht als die Programme aus der Bundesrepublik“ [Meyen 2003: 9]. Entscheidend sei in diesem Zusammenhang die „Dominanz des Wunsches nach Unterhaltung“ [Meyen 2003: 10] - und eben auf diese habe es das DDR-Fernsehpublikum abgesehen. So deuteten Meyens Befunde der medienbiografischen Interviews darauf hin, „dass die Wirkung von Politik und Ideologie auf die Bevölkerung überschätzt worden ist. Wer in der DDR abhängig beschäftigt war, in der Berufshierarchie eine der unteren Positionen einnahm und durch die vielen Anforderungen des Alltags ausgelastet war, hat das Fernsehen vor allem als
95 Christa Braumann war von 1978 bis 1990 Leiterin der DDR-Zuschauerforschung in Berlin-Adlershof. Sie führt den Trend, dass sich in den 1980er-Jahren die DDR-Bürger immer weniger für das DDR-Fernsehen und immer mehr für die westdeutschen Programme interessiert haben sollen, auf eine Art „Endzeitstimmung“ in der DDR [Meyen 2003: 7] zurück.
96 Die Werte der Sehbeteiligungen waren großen Schwankungen ausgesetzt.
97 „Honecker und seine Führungsclique schauten genauso Westfernsehen wie die Unterdrückten“ [Deppendorf 1990: 350].
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Mittel zur Ablenkung und Entspannung genutzt und sich in der Regel wenig Gedanken über die politischen Inhalte gemacht“ [ebenda].
Unterhaltung versus politische Information: Das DDR-Fernsehen habe die Zuschauer nur erreichen können, so Meyen, „wenn es weitgehend auf publizistische Sendungen verzichtete“ [Meyen 2003: 10]. Diese Aussage passt immerhin zu Hesses Ergebnissen, in den Westmedien hätten sich die DDR-Bürger vor allem der politischen Information - und weniger der Unterhaltung - gewidmet, vielleicht, weil die Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens durchaus gesehen und geschätzt wurden. 98 Zugleich ermöglichten die Westmedien vor allem, die Nachrichten der DDR-Medien zu überprüfen und gegebenenfalls „auszuweichen, wenn die einheimischen Programme die Erwartungen nicht erfüllten“ 99 [ebenda]. Gleichwohl ermöglichte das DDR-Fernsehen - wohl mit Bezug auf die Unterhaltungssendungen - den „allermeisten Zuschauern“ in der DDR „Alltagsfluchten, parasoziale Beziehungen und die Arbeit an der eigenen Identität“ [Meyen 2003: 121].
Wenn Meyen jedoch davon spricht, „zumindest bis 1988“ [Meyen 2003: 10] hätte das DDR-Fernsehen mit seinen Angeboten im Jahresdurchschnitt mehr Zuschauer erreicht als die westdeutschen Programme, so klammert er die Zeit der „Wende“, die in das Folgejahr fällt, aus. Mit Recht - denn in den Wochen vor Erich Honeckers Rückzug aus der DDR-Politik, in denen die Demonstrationen auf der Straße immer größer und der Wille zur Reform seitens der SED-Führung zunächst noch demonstrativ kleiner wurde, war - wie meine Analysen in Kapitel 3 zeigen werden - das Angebot des DDR-Fernsehens in puncto politischer Information besonders starken Beschränkungen ausgesetzt (vgl. Kapitel 2b). Die Stimmungen, die ein Großteil der DDR-Bürger in dieser Zeit in ihrem alltäglichen Leben wahrnahm, wurden von der „AK“ zunächst vollständig ignoriert, so dass ein Glaubwürdigkeitskonflikt geradezu vorprogrammiert war. Dementsprechend schlecht fiel in diesem Zeitraum - bis zum Rücktritt Erich Honeckers am 18. Oktober 1989 - auch die Rezeption der „AK“ aus, erst nachdem die „AK“ ihre Berichterstattung änderte, stiegen die Sehbeteiligungen deutlich an (von 2,4 % am 24.06.1989 und 18,6 % am 09.10.1989 auf 46,8 % am 31.10.1989 [vgl. Bösenberg 2004: 264; Ludes 1991: 206]). 100 Vor diesem Hintergrund ließe sich annehmen, dass die Information verstärkt im Westfernsehen gesucht wurde. Jedoch gibt es „über die Einschaltquoten von ARD und ZDF in der DDR […] keine mit denselben Methoden durchgeführten Unter-
98 Esließe sich folgern, dass sich die DDR-Bürger ihre eigene Fernsehrezeptions-Mixtur zusammenstellten.
99 So boten nach Meyens Ansicht die Westprogramme vor allem Abwechslung und das, was es im DDR-Fernsehen gar nicht gab: Grusel- und Horrorfilme, Musik aus den Charts und Videoclips, Autorennen, alpinen Skisport und natürlich Spitzenfußball [vgl. Meyen 2003: 125] - wie etwa auch am Abend des 09.11.1989 (vgl. Kapitel 3 dieser Arbeit). „Einige haben vielleicht einfach deshalb umgeschaltet, um denen ‚da oben‘ ein Schnippchen zu schlagen, und andere, weil es alle machten, man sonst nicht mitreden konnte oder gar als Regimefreund gemieden wurde“ [ebenda].
100 Die Quellen fallen zum Teil unterschiedlich aus: So sei die „AK“ - laut Beutelschmidt - 1989 „auf einen Tiefpunkt von unter 4 % Marktanteil“ gesunken [Beutelschmidt 1999b: 6], die Vorstellung des Fernsehens als „eine Tribüne des Volkes“ habe sich also „nicht nur in der Endphase als illusorisch“ erwiesen [ebenda]. Für die Zeit bis 18.10.1989 dokumentieren Ludes und Bösenberg die folgenden Einschaltquoten: 01.10.1989: 10,4 %, 03.10.1989: 24,5 %, 09.10.1989: 18,6 %, 31.10.1989: 46,8 % [vgl. Ludes 1991: 206; Bösenberg 2004: 264]. Die niedrigste Einschaltquote im Jahr 1989 lag am 24.06.1989 bei 2,6 % [vgl. Bösenberg 2004: 263 ff.]. Ende 1989 lagen die Werte des Zuschauerinteresses bei 60 %. Der Jahresdurchschnitt der Sehbeteiligung lag 1989 (bis 18.10.1989) bei 10,4 % (1988: 9,5 %, 1987: 11,4 %, 1986: 10,0 %) [ebenda].
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suchungen für den hier berücksichtigten Zeitraum“ [Ludes 1991: 206], so dass ein genauer Vergleich nicht möglich ist. Für die 51. Woche des Jahres 1989 (im Dezember) existiert allerdings ein Anhaltspunkt: 36,9 % der Befragten sahen die „Tagesschau“, 25,9 % „heute“ und rund 50 % die „AK“ [ebenda]. Es deutet sich also für die Zeit nach dem 18.10.1989 auch für die „AK“-Sehbeteiligung eine Art Wende an.
Die Eindrücke des so genannten „Wendeherbstes 1989“ und die Berichte von ARD und ZDF über Demonstrationen und Botschaftsbesetzungen, über Fluchtwege und Oppositionsgruppen hätten laut Meyen dazu beigetragen, dass „die Bedeutung der Westmedien und hier vor allem des Westfernsehens in der DDR [insgesamt] überschätzt“ 101 worden sei [Meyen 2002: 218]. Entscheidend sei in diesem Kontext, dass sich in Krisenzeiten allerdings die „Funktionen des Mediensystems“ [ebenda] änderten, indem das Bedürfnis nach Information 102 und auch die Nutzungsfrequenz stark zunehme [vgl. Wilke 1989: 57; Gmel et al. 1994: 542]. Vor diesem Hintergrund ist sowohl eine Differenzierung zwischen Information und Unterhaltung sowie zwischen „Wende“ und der Zeit zuvor erforderlich. Die notwendige Differenzierung geht noch einen Schritt weiter, indem innerhalb der „Wende“ die Zeit vor und nach Erich Honeckers Rücktritt unterschieden werden muss, denn nach Honeckers und Herrmanns Ablösung wurde der bisherige strikte Kurs der Berichterstattung in der „AK“ geändert; die Situation im Land wurde nicht mehr gänzlich verschwiegen.
Wenn auch die „Ersten, Zweiten und Dritten Programme der öffentlich-rechtlichen Sender sowie später auch die privaten Kanäle“ [Beutelschmidt 1999b: 4] von Westdeutschland aus „technisch und ideologisch“ [ebenda] einen Großteil der DDR-Bevölkerung erreichten - laut Bösenberg 86 % 103 des Territoriums der DDR [Bösenberg 2004: 265 f.] -, so darf dabei auch nicht übersehen werden, dass es einem - wenn auch kleineren - Teil der DDR-Bürger technisch überhaupt nicht möglich war, das bundesrepublikanische Fernsehprogramm zu empfangen. In diesem Zusammenhang wird häufig vom „Tal der Ahnungslosen“ gesprochen. Dieses meint Gebiete der DDR in Ostsachsen, im damaligen Bezirk Neubrandenburg und in der Osthälfte des Bezirks Rostock; Gebiete, in denen das Westfernsehen auch mit großem Aufwand terrestrisch nicht empfangen werden konnte [Meyen 2003: 54]. Als sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre die technischen Voraussetzungen etwas verbesserten - „die Ausstrahlung über Satellit öffnete das Tor zu Antennen- und Kabel-
101 Meyenfand im Rahmen seiner Befragung heraus, dass „vor allem viele Frauen, die oft die doppelte und dreifache Arbeitslast tragen mussten, nicht einmal an den Nachrichtensendungen des Westfernsehens interessiert waren oder einfach keine Zeit dafür hatten“ [Meyen 2002: 218].
102 Dies belegt auch eine Auswertung der Ergebnisse der wöchentlichen, repräsentativen Zuschauerbefragungen der DDR-Zuschauerforschung: Demnach ging die verstärkte Nutzung politischer Informationssendungen während der „Wende“ vor allem zu Lasten der Unterhaltungsangebote [vgl. Gmel et al. 1994: 553].
103 Diese Zahl bezieht sich allerdings auf die ARD; für das ZDF führt Ludes einen Wert von 78 % auf [Ludes 1991: 214]. So hatten beispielsweise in Leipzig und Halle viele Haushalte keinen Zugang zum ZDF [Meyen 2003: 54]. Die Grundlage der von Ludes genannten Werte bilden die ersten Interviews der GfK-Fernsehforschung in der DDR, die im Zeitraum vom 28.05. bis 06.07.1990 durchgeführt wurden. Der Empfang des Westfernsehens war allerdings über die Jahre Entwicklungen ausgesetzt. Der Deutsche Fernsehfunk (DFF) stellte bei seinen ersten repräsentativen Umfragen Mitte der 1960er-Jahre fest, dass 85 % der Zuschauer Westsendungen sehen konnten; damit wurden Empfangsmessungen der Deutschen Post bestätigt [Meyen 2003: 53 ff.]. 1977 belief sich der Anteil der Zuschauer, die in der DDR Westfernsehen sehen konnten, nach den DFF-Umfragen auf 90 %.
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gemeinschaften und damit auch zu den kommerziellen Angeboten aus der Bundesrepublik“ [ebenda] -, war es auch den Menschen in Gebieten, in denen zuvor kein Westfernsehen empfangen werden konnte, möglich, zumindest an einem Ausschnitt des bundesrepublikanischen Fernsehprogramms teilzuhaben.
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3. Die Berichterstattung der Hauptnachrichtensendungen des DDR- und des West-Fernsehens an ausgewählten Tagen während der „Friedlichen Revolution“ 1989 im Vergleich
a. Überblick über wesentliche zeithistorische Entwicklungen der „Wende“-Zeit
In diesem Kapitel soll die Fernsehberichterstattung ausgewählter Hauptnachrichtensendungen in Ost und West in der so genannten „Wende“-Zeit vergleichend untersucht werden. Hierbei möchte ich mich auf wichtige Tage im Oktober und November 1989 konzentrieren und zugleich beschränken; Tage, an denen sich im damaligen Umbruchprozess wesentliche Ereignisse vollzogen, die die jeweiligen Redaktionen vor Herausforderungen stellte: Zügig musste entschieden werden; und die eingegangenen Informationen erforderten mitunter eine Interpretation. Den Schwerpunkt stellt in diesem Zusammenhang der 9. November 1989 dar, der Tag, der verdeutlicht, wie sehr sich Fernsehgeschehen und zeithistorische Ereignisse vermischen können.
Um die ausgewählten Tage, an denen die Fernsehberichterstattung untersucht werden soll, im Kontext der Entwicklungen der damaligen Umbruchszeit betrachten zu können, soll in einem ersten Schritt zunächst ein Überblick über die wesentlichen zeithistorischen Entwicklungen und Ereignisse ermöglicht werden; ein Überblick also auch über Themen, die die Fernsehnachrichtenredaktionen zum Gegenstand ihrer Sendungen machten - oder auch nicht. Dabei ist jedoch eine zeitliche Eingrenzung sinnvoll.
Es wurde zu Beginn dieser Arbeit bereits auf das komplexe Gesamtgeflecht der Ereignisse und Entwicklungen sowie darauf hingewiesen, dass die Grenzen der Zeitspanne, die als „Wende“ oder „Friedliche Revolution“ bezeichnet wird, nicht im Sinne eines terminlich klar abzugrenzenden Beginns und Endes exakt zu definieren sind. So könnten einerseits bereits frühere „Szenen des Verfalls“ [Hertle 104 1999: 5] der DDR mit berücksichtigt werden - etwa die Fluchtbewegungen in Botschaften der Bundesrepublik Deutschland in Ungarn oder der CSSR oder kleinere Protestveranstaltungen in der DDR -, andererseits aber auch die „Wende“-Ereignisse auf den Herbst/Winter 1989 und die Folgemonate hin bis zur Wiedervereinigung beschränkt werden - wenn letztere überhaupt noch Teil der „Wende“ ist. Diese könnte mit der Öffnung der Grenzen (9.11.1989) oder den ersten freien Wahlen (18.3.1990) bereits als vollzogen betrachtet werden. So kommt es also auch hier auf die Perspektive und die Frage an, auf welchen Kontext man den „Wende“-Begriff bezieht: etwa auf das Ziel der (Reise-/Wahl-) Freiheit der DDR-Bürger, des Endes der DDR oder des Austauschs der lange existierenden politischen Führung der DDR. Im Folgenden wird die „Wende“ als Zeitrahmen
104 Der Historiker und Politikwissenschaftler Hans-Hermann Hertle hat sich intensiv mit den Ereignissen des Herbstes 1989 in der DDR auseinandergesetzt und diese in zahlreichen Publikationen verarbeitet [vgl. Hertle et al. 1990; Hertle 1996; Hertle 1999; Hertle 2007]. Mit seiner 1996 vorgelegten „Chronik des Mauerfalls“ schuf Hertle ein Grundlagenwerk, auf das spätere Quellen immer wieder verweisen, so etwa auch die multimedialen Projekte „Chronik der Wende“ und „Chronik der Mauer“ [vgl. Chronik der Wende; Chronik der Mauer]. 1996 promovierte Hertle zum Thema „Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates“.
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vom 4. September 1989 (erste Leipziger „Montagsdemonstration“) bis zum 18. März 1990 (erstmals freie Wahlen in der DDR) verstanden. 105 Somit beschränke ich mich hauptsächlich auf die wesentlichen, Aufsehen erregenden Ereignisse, an denen hunderttausende DDR-Bürger mitwirkten und die ein (westdeutsches) mediales Interesse fanden. Es soll dabei jedoch nicht vergessen werden, dass es auch in der Zeitspanne zuvor Ereignisse und Entwicklungen gegeben hat, die die historischen Veränderungen im geteilten Deutschland erst ermöglichten. Einen im Rahmen dieser Arbeit notwendigen Überblick über die Entwicklungen begrenze ich auf die Zeit bis zum 9. November 1989 106 , wobei der 9.11.1989 ausführlich betrachtet und dabei der Fernsehbezug vertieft werden soll.
I. Entwicklungen in der Zeit bis zum 9. November 1989
Die Zeit vom 4. September bis zum 9. November 1989 war unter anderem geprägt von diesen zentralen Entwicklungen und Ereignissen:
- regelmäßige Demonstrationen mit stark zunehmenden Teilnehmerzahlen 107 , etwa die Leipziger Montagsdemonstrationen (ihnen kommt aus einer medienbezogenen Perspektive eine besondere Bedeutung zu 108 [vgl. Deppendorf 1990: 350]) oder die größte Demonstration in der Geschichte der DDR am 4. November 1989 in Ost-Berlin mit ca. 250.000 bis 500.000 Teilnehmern 109 ,
- Gründung von Bürgerbewegungen wie dem „Neuen Forum“ 110 und verstärkte Organisation und Aktionen der Kritiker in der DDR,
- eine Ausreisewelle 111 über so genannte „sozialistische Brüderstaaten“ in die Bundesrepublik und Massenfluchten in bundesrepublikanische Botschaften mit immer dramatischeren Ausmaßen,
105 Was das Datum des 18.3.1990 als „Wende-begrenzenden“ Termin betrifft, folge ich der Zeiteinteilung der „Chronik der Wende“, einem vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) produzierten multimedialen Projekt, das die Ereignisse der „Wende“ dokumentiert.
106 Freilich vollzogen sich auch nach dem 9.11.1989 weitere wichtige Ereignisse - teilweise auch im medialen Kontext: einerseits etwa das ARD-Interview mit Egon Krenz [vgl. Deppendorf 1990: 352 f.; Kubitz 1996: 158 ff.], andererseits der Rücktritt des Politbüros des Zentralkomitees der SED und die politischen Veränderungen in der DDR, die sukzessive zur deutschen Einheit führten.
107 Während an der Leipziger Montagsdemonstration am 6.11.1989 über 300.000 Menschen teilnahmen, feierte in der Berliner Staatsoper die SED-Führung den 72. Jahrestag der Oktoberrevolution - so, „als wäre nichts geschehen“ [Chronik der Wende 6.11.1989]. Lindner nennt gar eine Zahl von 500.000 Teilnehmern und für die Leipziger Demonstration am 30.10.1989 eine Zahl von „ca. 300.000 Teilnehmern“ [Lindner 2001: 87]. Bis zum Machtwechsel von Honecker zu Krenz wurden Demonstrationen zum Teil mit Gewalt zu unterdrücken versucht.
108 Von einer besonderen Rolle kann insofern gesprochen werden, als der traditionelle Termin der Montagsdemonstrationen - Beginn um 17 Uhr - es den westdeutschen Fernsehsendern prinzipiell ermöglichte, die Demonstrationen als Thema in ihren Hauptnachrichtensendungen zu berücksichtigen. Dies war jedoch von Beginn an mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. „Aber irgendwann klappte es dann doch mit den Bildern. Amateur-Videoaufnahmen wurden aus Leipzig herausgeschmuggelt, sie wurden von uns gesendet, und sie machten weiter Mut“ [Deppendorf 1990: 350].
109 Hertle sieht mit dem 4.11.1989 „die Initiative des politischen Handelns endgültig von der Volksbewegung auf der Straße“ ausgehend [Hertle 1996: 103].
110 Das „Neue Forum“ wurde am 10.9.1989 gegründet.
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- einer immer größer werdende Kluft zwischen der SED-gelenkten Politik in der DDR und der Wirklichkeit 112 : Als die SED-Führung am 7. Oktober 1989 mit Feierlichkeiten den 40. Jahrestag der DDR beging und eine heile Welt suggerierte, demonstrierten tausende DDR-Bürger für Reformen und Reise- sowie Pressefreiheit 113 ,
- die am 12. Oktober 1989 vor dem Hintergrund der Massenflucht von DDR-Bürgern in bundesrepublikanische Botschaften in „sozialistischen Bruderländern“ verhängte „zeitweilige Aussetzung des paß- und visafreien Reiseverkehrs“ [Chronik der Mauer Oktober 1989] in die CSSR und ihre Aufhebung zum 1. November 1989 mit der Folge einer weiteren Ausreisewelle 114 , auf die auch das DDR-Fernsehen Einfluss zu nehmen versuchte: So verlas die Schriftstellerin Christa Wolf am Abend des 8. November 1989 in der „AK“ den Aufruf „Wir brauchen Sie!“, der sich mit der Bitte an die DDR-Bürger richtete, im Land zu bleiben, verbunden mit einem „Versprechen von mehr Demokratie und Freizügigkeit, mit der Aussicht auf einen demokratischen Sozialismus“ [Hertle 1996: 117],
- weiter steigende Teilnehmerzahlen an Protestkundgebungen und Demonstrationen trotz der Entmachtung Honeckers 115 und Ablösung durch Krenz am 18. Oktober 1989 und erster Zugeständnisse 116 wie der Veröffentlichung eines ersten Reisegesetz-Entwurfs 117 am 6. November 1989,
- der geschlossene Rücktritt des Ministerrats am 7. November 1989 und der des Politbüros am 8. November 1989.
111 Seit dem 10.9.1989 verließen täglich tausende vor allem junger Menschen die DDR in Richtung Westen. Sie flohen über Ungarn oder suchten Zuflucht in den Botschaften der Bundesrepublik Deutschland in Prag und Warschau.
112 „Die Kluft zwischen solchen festlichen Ereignissen und der Wirklichkeit ist riesengroß […] Die Feierlichkeiten in Berlin haben vermutlich etwa 90 Prozent der DDR-Bevölkerung nicht interessiert. Sie haben sich die Übertragungen im Fernsehen nicht oder nur ganz kurz (vor allem Gorbatschows wegen) angesehen“ [Krenz 1999: 90 f.].
113 Es kam zu „Handgreiflichkeiten, zu Verhaftungen und zum Einsatz von Gummiknüppeln“ [Chronik der Wende 7.10.1989b]. Gegen Mitternacht wurde „der Befehl zum Losschlagen [erteilt], genau wie in Leipzig, Dresden, Plauen, Jena, Magdeburg, Ilmenau, Arnstadt, Karl-Marx-Stadt und Potsdam“ [ebenda]. Tausende Demonstranten wurden verhaftet.
114 Allein am 7.11.1989 waren fast 20.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik übergesiedelt. In Leipzig wurden Wehrpflichtige als Bus- und Straßenbahnfahrer eingesetzt, da auf Grund der anhaltenden Ausreisewelle 40 % der Stellen nicht mehr besetzt waren [vgl. Chronik der Wende 7.11.1989b].
115 Die „Chronik der Mauer“ spricht von einem „erbitterten Machtkampf im SED-Politbüro“, der am 18.10.1989 im „Sturz Erich Honeckers“ gipfelte [Chronik der Mauer Oktober 1989]. Honecker sei demnach „gezwungen“ worden, „seinen Abgang im SED-Zentralkommitee [sic!] mit gesundheitlichen Gründen zu erklären“ [ebenda].
116 In Folge der Massendemonstrationen - der 9.10.1989 wird in diesem Zusammenhang oft als „Tag der Entscheidung“ bezeichnet [Hertle 1999: 109] - erklärte das SED-Politbüro die Bereitschaft zu einem Dialog mit der Bevölkerung: „Gemeinsam wollen wir über alle grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft beraten, die heute und morgen zu lösen sind. […] Es geht um […] demokratisches Miteinander und engagierte Mitarbeit, […] um lebensverbundene Medien, um Reisemöglichkeiten und gesunde Umwelt“ [Hertle 1999: 119]. Was Krenz mit „lebensverbundenen Medien“ meinte, ließ er allerdings offen. Es ist davon auszugehen, dass er hiermit indirekt die große Kluft zwischen Realität und Propaganda meint, die die Berichterstattung linientreuer DDR-Medien auftat.
117 Der Reisegesetz-Entwurf enthielt unter anderem so genannte „Versagungsgründe“, die nicht eindeutig definiert waren und der Behördenwillkür großen Spielraum ließen. Auf den abendlichen Demonstrationen rückte das Thema Reisen in den Vordergrund. In Leipzig wurde am des 6.11.1989 gefordert: „Wir brauchen keine Gesetze, die Mauer muss weg“ [vgl. Chronik der Mauer 6.11.1989].
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Arbeit zitieren:
Diplom-Medienwirt Nicolas Finke, 2007, Zur Rolle der audiovisuellen Rundfunkmedien in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland während der "Friedlichen Revolution" des Herbstes 1989 am Beispiel der Hauptnachrichtensendungen, München, GRIN Verlag GmbH
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