1. Einleitung
Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich mich mit der spanischen Literatur nach dem Bürgerkrieg und speziell mit dem Roman „Señas de Identidad“ von Juan Goytisolo auseinandersetzen. Im weiteren Verlauf der Hausarbeit wird der deutsche Titel des Buches „Identitätszeichen“ verwendet. Gewählt habe ich das Thema, da ich die Auswirkungen des Franco- Regimes auf die Entwicklung der Literatur interessierte und ich des weiteren herausarbeiten wollten, wie die gesellschaftliche Situation dieser Zeit in den Werken verarbeitet wurde. Dies zu beleuchten ist zugleich Ziel unserer Hausarbeit. Den ersten Teil der Arbeit bildet ein „Panorama über die Literatur der Nachkriegszeit“, in dem wir die Entwicklung der spanischen Literatur von Beginn der Franco- Ära bis zur Gegenwart, mit den Schwierigkeiten der Identitätssuche, anschneiden.
Im zweiten Teil beschäftige ich mich schließlich mit dem Werk „Identitätszeichen“. Nach einer kurzen Vorstellung der Biografie des Autors Juan Goytisolo folgt eine kurze Zusammenfassung der Romanhandlung. An die Betrachtung der Erzählweise und des Aufbaus schließt meine Intention des Buches.
2. Panorama über die Literatur der Nachkriegszeit
2. 1. Die Literatur unter der Diktatur
Schon zu Beginn des Bürgerkriegs wurden Merkmale der Kulturpolitik des Franco-Regimes, wie „Anti- Intellektualismus“, eine „inquisitorische und strafrechtlich operierende Unduldsamkeit“, sowie eine „systematische Verzerrung des spanischen Geschichtsbildes“ 1 , welche die allgemeine Unkenntnis der wahren Tradition Spaniens zur Folge haben sollte, deutlich.
1 Castellet, José María: Fünfzig Jahre spanische Lyrik: 1939-1989. S.173
4
Die zukünftige Stellung der Schriftsteller innerhalb der Gesellschaft brachte der Ausruf des faschistischen Generals Millán Astray sehr gut zum Ausdruck: „Tod den Intellektuellen!“ 1 .
Der Sieg Francos führte schließlich zu einem „Bruch mit den literarischen Entwicklungen der Avantgarde und mit der Politisierung der Literatur in der Zeit der Zweiten Republik und im Bürgerkrieg“ 2 und teilte die Literatur in die „Literatur des Exils“ und in den „literarischen Neubeginn“, dessen Entwicklung sich im Mutterland unter Zensur und politischer Verfolgung vollzog. Die Bürgerkriegsromane, die unmittelbar nach der Machtübernahme aus nationaler Sicht entstanden, waren besonders militant geprägt; aus republikanischer Perspektive konnte sich eine Bürgerkriegsliteratur hingegen nur im Exil entfalten.
Sympathisanten der Republik, egal ob es sich um exilierte oder in Spanien gebliebene Autoren handelte, erlebten die „Erfahrung eines Scheiterns“ und stellten sich die Frage nach „dem Sinn ihres Schreibens überhaupt“ 3 . Hinzu kamen die, noch nach dem Bürgerkrieg anhaltende, ökonomische Krise
und die politische Unterdrückung, die einen „tiefen Pessimismus“ verursachten. So bildeten eine negative Sicht der gegenwärtigen Lage und die Auseinandersetzung mit einer erschreckenden Realität, die Grundlage für einen Großteil der Literatur. 4
Doch nicht nur oppositionelle Schriftsteller brachten ihre Zweifel und ihre Perspektivlosigkeit zum Ausdruck, auch bei denjenigen, die den Vorstellungen der faschistischen Partei Falange zugeneigt waren und sie unterstützten, wurden die Erwartungen, die sie an die Diktatur gestellt hatten, bald enttäuscht. Auch Versuche der Literatur- und Propagandapolitik, wie die Herausgabe von Literaturzeitschriften, die zunächst auf positive Resonanz stießen, scheiterten. Dies lag vor allen Dingen am nationalen und katholischen Traditionalismus und einem Zensursystem, mit dem sogar falangistisch gestimmte Autoren Schwierigkeiten hatten. 5
Generell bestimmte die Zensur ausnahmslos die literarische Produktion und unterwarf sie zumindest oberflächlich einer Anpassung.
1 Castellet, José María: Fünfzig Jahre spanische Lyrik: 1939-1989. S.177
2 Stenzel S.190
3 ebd.
4 ebd.
5 ebd. S.190- 191
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Hauptanliegen der franquistischen Zensur war es, einer „Überflutung mit ausländischen Irrlehren“ entgegenzuwirken, vor allem sollte die „´Zügellosigkeit` der westlichen Demokratien“ und der „´Ungeist` der marxistischen Sowjetunion“ 1 ferngehalten werden.
Zunächst spielte die moralische und religiöse Zensur eine wichtige Rolle, bei der die Forderung nach Züchtigkeit und Triebunterdrückung oberste Priorität hatte. Die politische Zensur trat erst nach Erlass des neuen Pressegesetzes in den Vordergrund.
Die Kontrolle der einzelnen Medien verlief unterschiedlich. Je öffentlicher das Medium in Erscheinung trat, um so strenger wurde es kontrolliert. Während in der Literatur ein Gedicht oder Roman von einem oder zwei Zensoren geprüft wurde, waren es beim Theater bis zu zehn, beim Film sogar bis zu zwanzig Zensoren. So mussten die Autoren, die nicht die Ansichten der Diktatur vertraten, Möglichkeiten finden, ihre „Botschaften“ zu verschlüsseln, also nur indirekt wiederzugeben.
Es entwickelte sich ein Widerstand gegen die Diktatur, die untergründig immer anwesend war und somit einerseits zur Identitätsbildung vieler Autoren führte, andererseits die spanische Literatur aufgrund des strengen Zensursystems hemmte.
Wie die „poesía social“, die sich in den fünfziger Jahren entwickelte, zeigt, konnte man sich, da die realistischen Tendenzen in Roman, Lyrik und Drama einen gewissen Freiraum ließen, trotzdem mit Problemen der Gesellschaft und der Weltanschauungen auseinandersetzen. 2
Um das Wirken der Schriftsteller zu beschreiben, beziehungsweise zu charakterisieren, die in Spanien geblieben waren, wird der Begriff des „inneren Exils“ benutzt. Da diese Autoren das Regime Francos ablehnten, ergab sich für sie die Schwierigkeit, ihre Werke zu veröffentlichen. Ihre Rolle in der Gesellschaft wurde dadurch und durch die Tatsache, dass die Führenden gegen Kultur und Intellekt propagierten, immer mehr zur Außenseiterposition. Die Vertreter der Lyrik des „inneren Exils“ waren hauptsächlich die wenigen Dichter der „Generation von 27“, die Spanien nicht verlassen hatten. So auch Dámaso Alonso, dessen Werk „Hijos de la ira“ das oft zitierte Gedicht „Insomnio“ enthält, in dem er Madrid als riesigen Friedhof beschreibt.
1 Spanische Literaturgeschichte. Hg. Von Hans- Jörg Neuschäfer. S.373
2 Stenzel S.191
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Anders das ebenfalls fünf Jahre nach Ende des Bürgerkriegs erschienene „Sombras del paraíso“ von Vicente Alexeindre, in dem eine unnatürliche und übertriebene Feierlichkeit aufkommt, die die Pathetik der gesamten Epoche wiederspiegelt 1 .
Wie zu Anfang erwähnt kam es, mit dem Sieg Francos, zu einem Bruch mit der Literatur der Avantgarden. An den Ästhetizismus, den die Avantgarden in der Vorkriegszeit anstrebten, wurde erst in den 60er Jahren wieder angeschlossen. 2 Offiziell abgeschafft wurde die Zensur erst 1978 mit der Annahme der demokratischen Verfassung.
2. 2. Die Literatur im Exil
Ein weiterer bedeutender Grund, neben der Zensur, für die „Hemmung“ der spanischen Literatur, war die Abwanderung eines Großteils der spanischen Intellektuellen, die freiwillig oder gezwungen ins Exil gingen. Im Jahre 1939 verließen insgesamt etwa eine halbe Million Spanier das Land. Darunter auch ein Großteil der bedeutenden, international angesehenen Intellektuellen, die „Generation von 27“ fast vollständig, die noch während oder am Ende des Bürgerkrieges aus ihrer Heimat fortgingen, da ihnen dort das freie und kritische Denken untersagt wurde. Sie sahen im Ausland die Möglichkeit die „bessere“ Seite der „dos Españas“ darstellen zu können. Ihre Ziele waren hauptsächlich Frankreich sowie Nord- und Südamerika. Für die Autoren im Exil spielten die Ereignisse des Bürgerkrieges und die Isolation von der Heimat eine essentielle Rolle. Ihre grundlegende Sorge bestand im Schicksal ihres Vaterlandes, von dem es durch die Diktatur ereilt worden war. Sie waren im Unklaren darüber, wann und wie sie ihre Heimat wiedersehen würden und brachten diese Verlusterfahrungen und Sehnsüchte in ihren Werken zum Ausdruck. Auch das Gefühl der Entfremdung und des Todes war gegenwärtig, wie in dem Gedicht „Impresión de destierro“ von Luis Cernuda deutlich wird:
1 Castellet, José María: Fünfzig Jahre spanische Lyrik: 1939- 1989. S.177- 178
2 Stenzel S.191
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„Spanien? Sagte er. Ein Name. Spanien ist gestorben“ 1 .
Einige Dichter, wie Alberti oder León Felipe, nahmen dabei auch volkstümliche Elemente wieder auf, die ihre Dichtung vor dem Bürgerkrieg geprägt hatten. Während die Schriftsteller im Exil den Bürgerkrieg aus republikanischer Sicht aufarbeiten konnten, geschah dies aufgrund der strengen Zensur in Spanien nur in verhüllenden Andeutungen. Berief sich bei den exilierten Autoren die Literaturtradition, die eine nationale Identität entwerfen sollte, auf das spanische Volk, so stand demgegenüber die Literatur der Diktatur für Gott und Vaterland. Doch das Exil bedeutete auch Aufsplitterung und somit wurde es immer schwieriger, etwas Allgemeingültiges über die Entwicklungen der einzelnen Schriftsteller auszusagen. Im Rahmen einer Literaturgeschichte der Exilliteratur gerecht zu werden ist fast nicht durchführbar. Denn zu verschieden waren die Orte, an denen sich die Dichter niederließen und somit wurden sie aufgrund der kulturellen, sozialen und ökonomischen Möglichkeiten ihrer „Wahlheimaten“ gewissermaßen zu Einzelgängern, deren Gewohnheiten sowie Erfahrungen und infolgedessen auch ihre Werke immer individueller wurden. 2 Beachtung muss auch der Aspekt finden, dass sich die Exilproblematik nicht nur auf die Exilanten von 1939 begrenzt, sondern schon vorher begann und noch lange anhielt.
So gab es in den 50er Jahren noch eine weitere Form des Exils, die durch die Unterdrückung unter der Diktatur herbeigeführt wurde. Die sogenannte ´zweite Exilgeneration` wanderte aufgrund ihres politischen Engagements und der Zensurbedingungen aus, unter denen sie ihre Werke nicht so veröffentlichen konnten, wie es ihnen beliebte. Bei ihnen spielte die Sehnsucht nach einem Spanien vergangener Zeiten, im Gegensatz zur ersten Exilgeneration, kaum noch eine Rolle. „Viel wichtiger wird bei ihnen die - allerdings ebenfalls schmerzhafte - Abnabelung vom alten Spanien, dem sie, wenn überhaupt, nur noch mit einer Art Hassliebe verbunden sind.“ 3 . Zu dieser zweiten Exilgeneration gehörten zum Beispiel Jorge Semprún, Fernando Arrabal und Juan Goytisolo, auf
1 Castellet, José Maria: Fünfzig Jahre spanische Lyrik: 1939- 1989. S. 175
2 Neuschäfer, Hans- Jörg: Spanische Literaturgeschichte. S.367
3 ebd. S.370
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Arbeit zitieren:
Verena Picken, 2003, Ein Identitätsproblem: "Señas de Identidad" von Juan Goytisolo, München, GRIN Verlag GmbH
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