Gliederung
I. Einleitung: Ziel der Arbeit, Abgrenzung des Themas
II. Eine Flucht von Deutschland nach Deutschland -
Zu Delbert Manns „Night Crossing“, seinem Thema und seinem Kontext
III. Geschichte im Film: Zur Einordnung von „Night Crossing“
in ein spezifisches Genre-Muster
IV. Wie ein Amerikaner deutsch-deutsche Geschichte(n) erzählt:
Manns filmische Strategie zur Darstellung von Geschichte
V. Disneys Unterhaltungskino vs. filmische Quelle und „Authentizität“
VI. Schlussbemerkungen / Fazit
Quellenverzeichnis
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I. Einleitung: Ziel der Arbeit, Abgrenzung des Themas
Nicht erst Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ hat gezeigt, dass sich auch amerikanische Filmgesellschaften deutscher Geschichte als Stoff für groß angelegte Kinofilmprojekte annehmen können. Doch „kann Deutsche [sic!] Geschichte aus Hollywood erzählt werden?“ - so lautete die Frage Steinmetz’ [Noack 1998: 5], die er mit Blick auf Spielbergs publikumswirksames Machwerk 1 stellte und die im Kontext der vorliegenden Arbeit auch
auf einen zwölf Jahre früher produzierten Spielfilm des Regisseurs Delbert Mann - mit der Erweiterung auf deutsch-deutsche Geschichte - bezogen werden kann: „Mit dem Wind nach Westen“ („Night Crossing“), ein bezeichnenderweise von Walt Disney Pictures produzierter Spielfilm, der die wahre Geschichte einer spektakulären Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland erzählt: In der Nacht vom 15. auf den 16. September 1979 überquerten die Familien Strelzyk und Wetzel mit einem selbst gebastelten Heißluftballon die deutsch-deutsche Grenze.
In dieser Arbeit soll anhand konkreter Beispiele aus Delbert Manns Film untersucht werden, wie er die wahre Begebenheit der erfolgreichen, aber ebenso abenteuerlichen und gefährlichen „Republikflucht“ im Rahmen eines Spielfilms - bzw. eines „Films, der vor Augen stellt, was nicht mehr ist“ [Rother 1991: 7] - für ein internationales Publikum aufbereitete 2 , welche filmische Strategie er zur fiktionalen Darstellung von Geschichte
verfolgte und wie ‚authentisch‘ das vorliegende filmische Werk ausfällt. Ausgehend von der Frage nach Authentizität soll darüber hinaus auch diskutiert werden, ob bzw. inwiefern „Night Crossing“ gegebenenfalls auch als so genannte „historische Quelle“ zu verwenden wäre.
1 Keineswegs kann und soll es in dieser Arbeit um einen Vergleich dieser beiden Filmproduktionen gehen. Es erscheint an dieser Stelle allerdings sinnvoll, auf die Parallelität der filmischen Narration eines spezifisch deutschen Themas durch eine US-amerikanische Filmproduktion hinzuweisen. Für eine weitergehende Vergleichbarkeit erscheinen die beiden Themen der Filme zu unterschiedlich.
2 Von besonderer Bedeutung ist bei dieser Untersuchung, dass sich zur Zeit des Kalten Krieges (so man die These mancher Historiker stützen will, der Kalte Krieg endete erst mit der Zerschlagung des Ostblocks Ende der Achtziger- bzw. zu Beginn der Neunzigerjahre) eine US-amerikanische Produktion eines deutsch-deutschen Themas annahm. In diesem Zusammenhang gilt es insbesondere darauf zu achten, wie die Vertreter der DDR - etwa die Stasi-Mitarbeiter und „Volkspolizisten“ - in „Night Crossing“ angelegt wurden, ob hier also etwa ein mitunter klischeehaftes „kommunistisches Feindbild“ aufrecht erhalten wurde. Auf diesen - nicht unempfindlichen - grundsätzlichen Themenkomplex könnte sich Steinmetz [Noack 1998: 5] bezogen haben.
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II. Eine Flucht von Deutschland nach Deutschland -
Zu Delbert Manns „Night Crossing“, seinem Thema und seinem Kontext
In diesem Kapitel sollen zwei zentrale Bereiche im Mittelpunkt stehen: einerseits das Thema des Films „Night Crossing“ und der historischen Ereignisse, die als Vorlage dienten, andererseits die Entstehungsbedingungen des Spielfilms und der Arbeit des Regisseurs Delbert Mann. Es erscheint somit erforderlich, der Analyse ausgewählter Szenenfolgen des Films sowie der Diskussion um Authentizität Fakten zu den historischen Zusammenhängen bzw. zur historischen Vorlage voranzustellen.
Die Liste der - erfolgreichen oder misslungenen - Fluchtversuche von der DDR in die Bundesrepublik Deutschland ist lang 3 . Eine spektakuläre - aber ebenso „tollkühne […] und lebensgefährliche [-] Flucht“ [Giese 1999: 7], deren Medienpräsenz gerade aufgrund dieses Spektakulären enorm war, fand in der Nacht vom 16. auf den 17. September 1979 ein vorerst erfolgreiches 4 Ende: Die thüringischen Familien Strelzyk und Wetzel überquerten in einem selbst gebauten Heißluftballon die deutsch-deutsche Grenze und landeten nach 28 Flugminuten und 22 Kilometern (Luftlinie) sicher nahe der bayrischen Kleinstadt Naila. Monatelang hatte Peter Strelzyk Ende der Siebzigerjahre die Flucht aus der DDR vorbereitet: Nach „vielen kleinen Auslöser[n]“ [Strelzyk 1999: 9] seit den frühen Sechzigerjahren habe er aber erst seit März 1978 konkrete Fluchtgedanken gehabt 5 . Seitdem habe er mit seinem jüngeren Arbeitskollegen Günter Wetzel den Bau eines Heißluftballons - denn nur eine
3 Mayer hat eine umfassende, aber nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebende Chronologie der „bekannt gewordenen Fluchtfälle“ nach dem Mauerbau vorgelegt [Mayer 2002: 84-96] und dabei sowohl erfolgreiche als auch misslungene Versuche berücksichtigt. Der Fall „Strelzyk/Wetzel“ stellt dabei den 46. von insgesamt 60 erfolgreichen Fluchtversuchen seit 1961 dar. Den 60 erfolgreichen stehen 20 missglückte Versuche gegenüber (der erste gescheiterte Versuch der Familie Strelzyk am
4. Juli 1979 findet sich allerdings nicht in der Auflistung), wobei allerdings deutlich darauf verwiesen werden muss, dass es sich eben um „bekannt gewordene“ Fälle handelt. - In diesem Zusammenhang ist von Interesse, dass auf Basis dieses Quellenmaterials die Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel die erste mit einem Heißluftballon gewesen ist; im März 1983 [Strelzyk 1999: 77; auf Grundlage von „Stasi“-Dokumenten], im April 1986 [Mayer 2002: 95], im Juni 1988 [Strelzyk 1999: 77; auf Grundlage von „Stasi“-Dokumenten] und noch im März 1989 [Mayer 2002:
96] scheiterten weitere Ballonfluchtversuche. In diesem Zusammenhang wäre von Interesse zu erforschen, ob die einzige erfolgreiche Ballon-Flucht aus der DDR der Strelzyks/Wetzels das direkte Vorbild dieser Flüchtlinge gewesen ist und ob sie dabei ggf. auch durch Manns Spielfilm, der laut Strelzyk „mehrfach [im bundesrepublikanischen Fernsehen] gezeigt“ wurde und „daher auch in die DDR hinein“ wirkte [Strelzyk 1999: 77], beeinflusst worden waren.
4 Dass die Familie Strelzyk die DDR mit der Flucht hinter sich gelassen hatte, kann lediglich im örtlichen Sinne verstanden werden. Es war insofern eine nur vorerst erfolgreiche Flucht, als die Familie bis zum Zusammenbruch der DDR auch in Westdeutschland der permanenten mitunter aggressiven Bespitzelung der DDR-„Staatssicherheit“ ausgesetzt war. Dies belegen Schriftstücke aus den Stasi-Akten der Familienmitglieder Strelzyk, die in einem anlässlich des 20. Jahrestages der „Ballonflucht“ von Doris und Peter Strelzyk vorgelegten Buch [Strelzyk 1999] teilweise dokumentiert werden. So wurden die Strelzyks auch in der Bundesrepublik von durch die „Stasi“ instrumentalisierten vermeintlichen Freunden unterwandert und teilweise lebensgefährlich bedroht. Beispielhaft seien an dieser Stelle „über Jahre hinweg Drohungen am Telefon und im Briefkasten, […] ein Sprengstoffanschlag, zerschlagene Fensterscheiben“ [Strelzyk 1999: 154] und der angeblich bewusst vom Geschäftsführer, der sich später als „Stasi-Spitzel“ entpuppte, provozierte Ruin ihres Elektro-Geschäftes genannt. Die Geschehnisse nach der von Delbert Mann verfilmten Flucht mit dem Ballon lieferten Stoff für einen weiteren Abend füllenden Spielfilm.
5 Dies schildert Strelzyk in seinem 1999 zusammen mit seiner Frau sowie der Journalistin Gudrun Giese veröffentlichten Buch [Strelzyk 1999].
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Flucht über den Luftweg erscheint von Anfang an realistisch - geplant. Detaillierte Berechnungen seien noch „der einfachste Teil der Arbeit“ gewesen [Ebert/Feustel/ Vitzthum/Weirauch 2002/2003], die Umsetzung der Planungen hingegen weitaus komplizierter: So war es in der DDR nur unter extrem erschwerten Bedingungen möglich, an den benötigten Stoff für den Ballon zu gelangen (für ein Volumen von 2.800 Kubikmetern benötigte man 850 Quadratmeter Stoff). Und doch schafften es die Familien Strelzyk und Wetzel, die erforderlichen Materialien bis zum September 1978 zu beschaffen und in der Folgezeit in unauffälliger Nachtarbeit zu einem Heißluftballon zu verbauen. Ein erster Fluchtversuch, an dem die Familie Wetzel aus Angst nicht teilgenommen hatte, scheiterte am 3. Juli 1979: Beim Eintauchen in die Wolkendecke saugte sich der Baumwollstoff voll Wasser, und der Ballon sank ab. In einem Waldstück mitten im DDR-Grenzsperrgebiet - nur wenige hundert Meter vom ersten Sicherheitszaun entfernt - kamen die Strelzyks unsanft zu Boden. Was als fast unmöglich erscheint, gelang dennoch: Die Familie kehrte zunächst unbemerkt nach Pößneck zurück und baute unter erschwerten Bedingungen einen neuen, größeren Ballon, der diesmal auch die Wetzels befördern sollte. Ein Wettlauf auf Zeit begann - nachdem bei einem Besuch Ost-Berlins zunächst noch an eine Flucht mit Hilfe der amerikanischen oder chinesischen Botschaft gedacht wurde 6 und konkrete Kontaktaufnahmen stattgefunden hatten 7 -, denn die DDR-Polizei und die „Staatssicherheit“ fanden nahe der Grenze nicht nur den von Bäumen zerfetzten Ballon, sondern auch „einen Plastebeutel mit Medikamenten“ [Strelzyk 1999: 21], den Doris Strelzyk im Sperrgebiet verloren hatte. Doch was die Strelzyks nicht wussten: „Es dauert 17 Tage, bis ein Kollektivjäger die Reste des Ballons im Wald bei Neundorf findet“ [Strelzyk 1999: 22] - 17 Tage Vorsprung für die Strelzyks 8 .
„Stück für Stück [wuchs] die [neue] Ballonhülle“ [Strelzyk 1999: 35], während die Behörden ihre Fahndung ausweiteten. Am 15. September stellte sich dann „das ideale Fluchtwetter“ [Strelzyk 1999: 37] ein 9 , und des Nachts begann der zweite Fluchtversuch. Nach einigen Komplikationen beim Start und in der Luft ging nach etwa einer halben Stunde
6 Im Kontext dieser Arbeit ist von Bedeutung und darüber hinaus bezeichnend, dass die Idee Peter Strelzyks, mit Hilfe von Diplomaten aus der DDR zu fliehen, von den so genannten „Westmedien“ und einem dort gesendeten Spielfilm beeinflusst wurde: „In der Tiefgarage des Interhotels [in das sich die Strelzyks in Ost-Berlin auf der Suche nach neuem Stoff für ein paar Tage eingemietet
hatten] parken viele westliche Autos. Einige von ihnen tragen den Aufkleber CD, Corps Diplomatique. […] Mir fällt ein Film ein, den ich vor längerer Zeit im Westfernsehen gesehen habe: Vier DDR-Bürger versahen einen Wagen mit einem CD-Aufkleber und fuhren unbehelligt über den Grenzübergang […] in den Westen“ [Strelzyk 1999: 27]. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie nachhaltig audiovisuelle Medien den Menschen - in diesem Fall allerdings in einer verzweifelten Situation - bei ihren Entscheidungen in der „Wirklichkeit“ beeinflussen können.
7 Nach unbeantworteten Hilfe(an)rufen kam Peter Strelzyk allerdings zu der Erkenntnis: „Wir müssen aus eigener Kraft die Grenze überwinden. Es wird uns niemand dabei helfen“ [Strelzyk 1999: 31].
8 Erst dann liefen „die Apparate der Staatssicherheit und der Volkspolizei an“ [Strelzyk 1999: 22], allerdings ebenso schleppend, denn zu viel Energie wurde in der Folgezeit für die entdeckten Überreste des Ballons aufgewendet (eine 39-seitige Akte in der ehemaligen Gauck-Behörde dokumentiert „dutzende von Dokumenten, [die] immer wieder aufs Neue und mit zunehmender Ausführlichkeit die Umstände“ beschreiben [Strelzyk 1999: 22]), so dass die Behörden lange Zeit im Dunkeln tappten. Für die Strelzyks bedeutete dieses bürokratische und zögerliche DDR-Prozedere so etwas wie „Glück im Unglück“.
9 Der Segelflugwetterbericht des westdeutschen Radiosenders „Bayern 3“ war es, der den Strelzyks die Gewissheit bzw. Hoffnung gab, es mit idealen Flug- und Fluchtbedingungen zu tun zu haben.
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das benötigte Gas aus, so dass der Brenner nicht mehr gezündet werden konnte. Der Ballon sank und beförderte die Insassen erneut unsanft, aber unbeschadet, in einem Waldstück zu Boden. Eine westdeutsche Polizeistreife gab den Flüchtlingen die Gewissheit, es geschafft zu haben: „Schon laufen wir zusammen auf das Polizeiauto zu. Als wir die Wagentür aufreißen, schrecken die Beamten zusammen. ‚Sind wir hier im Westen?‘ frage ich [das ist: Peter Strelzyk]. ‚Nein‘, antwortet der eine verblüfft, ‚in Oberfranken‘“ [Strelzyk 1999: 40]. Die Volkspolizei und die „Stasi“ waren der Familie Strelzyk bis kurz vor Beginn der Flucht durch eine „systematische Ausforschung aller Ortschaften“ [Strelzyk 1999: 42] bereits sehr nahe gekommen, aber erst am Morgen nach der geglückten Flucht suchten diese das Haus der Familie in Pößneck auf 10 . Der Flug des Ballons war sowohl von ost- als auch westdeutscher Seite durchaus bemerkt worden: Im Westen hatten noch vor der Landung Polizisten einen „hellen Feuerschein“ [Strelzyk 1999: 40] gesichtet; dass die Polizeistreife in einer bewaldeten Gegend im Einsatz war, kam daher nicht von ungefähr. Auf DDR-Seite entdeckten Grenzsoldaten den Ballon und protokollierten das Gesehene akribisch bis ins kleinste Detail („Der Heißluftballon sei rund gewesen […]“ [Strelzyk 1999: 41]), ohne jedoch etwas zu unternehmen: „Von Versuchen, die Ballonflüchtlinge noch in der Luft abzufangen, berichtet der Grenzsoldat nichts“ 11 [Strelzyk 1999: 41]. Da die Filmhandlung von „Night Crossing“ nur die realen Ereignisse bis zu diesem Punkt schildert, soll an dieser Stelle nicht ausführlicher auf die weiteren Geschehnisse die Familien Strelzyk und Wetzel betreffend eingegangen werden; die Tatsache, dass die wirkliche „Story“ mit der geglückten Ballonflucht noch lange nicht beendet war und vielmehr ein zum Teil albtraumartiges Leben in Westdeutschland nach sich zog, wurde jedoch bereits angedeutet 12 .
10 Laut Strelzyk und den von der Journalistin Giese gesichteten „Stasi“-Unterlagen hatte die Familie Strelzyk „bei den späteren Ermittlungen […] nicht zu den Verdächtigen“ gehört [Strelzyk 1999: 58]. Explizit hätten sich zudem nach Aussagen von „Stasi“-Mitarbeitern weder Doris noch Peter Strelzyk unter den „600 ‚operativ interessanten‘ Personen“ befunden, „die die sehr aufwendige Überprüfung von 800 000 Arztrezepten ergab“ [Strelzyk 1999: 58-59] (Doris Strelzyk hatte bei der missglückten Flucht ein Medikament verloren, dass die „Stasi“ bzw. Volkspolizei später fand).
11 Der DDR-Grenzposten hatte vermutet, „dasz [sic!] eine landung im gegnerischen vorfeld erfolgte“ [Strelzyk 1999: 41; zeichengenaues Zitat aus den „Stasi“-Unterlagen], und sich daher weiter auf die Akribie seines Berichts konzentriert. In den von der Journalistin Giese gesichteten „Stasi“-Unterlagen bemängelt ein „Stasi“-Offizier das „wenig wachsame Verhalten vieler nach dem ersten Ballonfluchtversuch […]. Sechzehn Augenzeugen hätten die Ballonfahrt beobachtet, ohne umgehend Alarm auszulösen. Jeder hatte sich darauf verlassen, daß die Sicherheitskräfte bereits Bescheid wüßten“ [Strelzyk 1999: 58]. Vor diesem Hintergrund ist die bereits geäußerte Aussage, die Strelzyks/Wetzels hätten u. a. besonderes Glück gehabt, zu unterstreichen.
12 Dem Vorfall der Ballonflucht wurde von DDR-Seite durchaus größte Bedeutung beigemessenallerdings vermeintlich intern. So den Protokollen eines „anonym gebliebene[n] Oberstleutnant[s] der Stasi“ [Strelzyk 1999: 43] Glauben geschenkt werden darf, hatte die Ballonflucht, die als „politisch-ideologischer Angriff“ verstanden und als deren Drahtzieher der „Bundesnachrichtendienst“ [Strelzyk 1999: 56] verdächtigt wurde, weit reichende Folgen auf höchster Ebene: „Ihr Vaterlandsverräter, ihr Hurensöhne, ihr elenden Versager, ich müßte euch alle an die Wand stellen lassen“, soll der DDR-Minister für Staatssicherheit Erich Mielke die Leiter der betroffenen Bezirksverwaltungen beschimpft haben, nachdem er diese hatte zu sich zitieren lassen. Und weiter: „Jetzt haben wir die Blamage. Der 30. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik steht vor uns. Dieser Grenzdurchbruch hat uns schweren politischen Schaden zugefügt […]. Der Genosse Honecker und ich haben festgelegt, daß alle Mitwisser zu finden und zu verhaften sind. Es ist egal, ob sie von der Sache etwas gewußt haben oder nicht. [An seine Untergegebenen gerichtet:] Wenn ihr die Hintermänner zum Operativvorgang ‚Birne‘ [so wurde die Ballonflucht von
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Die erfolgreiche Flucht zweier Familien mit einem selbst gebauten Heißluftballon von der DDR in die Bundesrepublik - das war für die westlichen Medien im September und Oktober 1979 ein geradezu gefundenes Fressen, auf das sie sich in aller Ausführlichkeit stürzten. Nach dem Motto „Schaut auf diese Kleinstadt!“ gab es „wohl keine Zeitung, die nicht über die ‚Ballonflüchtlinge aus der DDR‘ berichtet[e]“ 13 [Strelzyk 1999: 53]. Dasauch in der DDR überaus rege genutzte - bundesrepublikanische Fernsehen mit seinen publikumswirksamen Nachrichtensendungen und Samstagabendshows tat sein Übriges 14 . Die Ballonflucht in die erhoffte Freiheit avancierte zu einem Medienereignis par excellence. Aufgrund dieser außergewöhnlichen Medienpräsenz und einer wahren Geschichte, die mit ihrem „Happy end“ und dramatisch-abenteuerlichen Verlauf vor dem brisanten und aktuellen Hintergrund des Kalten Krieges nach einer Verfilmung geradezu schrie 15 , verwundert es kaum, dass sich auch zügig eine Filmproduktionsfirma für diesen Stoff interessierte. Dass es sich dabei um das weltberühmte US-amerikanische Unternehmen Walt Disney Productions (seit 1986: The Walt Disney Company) handelte, erstaunte zwar die Strelzyks, die von Disney im Oktober 1979 ebenso wie die Wetzels angeschrieben wurden und sich „die Augen [rieben]“ [Strelzyk 1999: 54], verwundert aber wenig, denn: Aus der Sicht der kalifornischen Filmemacher, die seit 1923 mit etlichen filmreifen Geschichten zu tun hatten und diese erfolgreich in die Kinos brachten, muss die Flucht-Geschichte als ideal für eine Verfilmung angesehen worden sein. Nicht nur, dass der Themenkomplex „Abenteuer und Ballons“ bereits in Literatur und Film ein bewährter war 16 - hinzu kam der spezifische deutsch-deutsche Kontext einer wahren Geschichte, der die sozialistische DDR als Unrechtsstaat darstellen ließ 17 und solche spannenden Elemente wie das der Flucht enthielt.
DDR-Seite intern genannt] in der DDR und BRD nicht bis zum 30. Jahrestag aufklärt, erschieß ich euch persönlich“ [Strelzyk 1999: 43-45]. Die von Mielke angesprochene Blamage wurde sicher auch durch die umfassende Berichterstattung der so genannten „Westmedien“ erreicht.
13 „Eine große Illustrierte [gemeint ist der ‚Stern‘]“, schreibt Peter Strelzyk, hätte „das Recht zur Veröffentlichung […] unserer Flucht“ [Strelzyk 1999: 52] erworben. Aus diesem Anlass wurde der Ballon von einer Spezialfirma repariert und in einer Ausgburger Kiesgrube nochmals mit Heißluft gefüllt - die Wetzels und Strelzyks posierten davor und darin für einen Fototermin. „Von einer ‚Hymne auf die Freiheit‘ schreibt die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel sieht in der Flucht […] einen Akt der ‚Tollkühnheit‘ […]“ [Strelzyk 1999: 57]. Es sind weitere internationale Pressestimmen bekannt.
14 Sowohl die ARD-„Tagesschau“ als auch „heute“ des ZDF berichten ausführlich über die spektakuläre Flucht. Am 5. Oktober 1979 sind die Wetzels und Strelzyks Ehrengäste in Hans Rosenthals beliebter ZDF-Quizshow „Dalli-Dalli“.
15 Der Reiz, den solche historischen Stoffe auf Filmemacher mitunter ausüben, lässt sich u. a. auch an aktuelleren Filmproduktionen wie „Der Tunnel“ (für SAT.1, Deutschland 2001, Regie: Roland Suso Richter) über die ebenso spektakuläre Flucht von fast 30 Menschen 1962 von Ost- nach West-Berlin oder „Die Luftbrücke“ (derzeit für SAT.1 in Produktion, Regie: Dror Zahavi; die Ausstrahlung ist für Ende 2005 geplant) über die durch die Sowjetunion 1948/49 verhängte Blockade Berlins erkennen. Zentral ist an diesen Filmproduktionen - wie auch bei „Night Crossing“ -, dass sie stets auf menschliche Tragödien fokussieren, die sich um die historischen Ereignisse ranken.
16 Beispielhaft seien hier nur die Spielfilme „Das große Abenteuer im Ballon“ („The Great Balloon Adventure“, USA 1978, Regie: Richard A. Colla, mit Katharine Hepburn und Kevin McKenzie) oder „Die Reise im Ballon“ („Le voyage en ballon“, Frankreich 1958, Regie: Albert Lamorisse) und Jules Vernes Roman „Fünf Wochen im Ballon“ (1863) samt mehrerer Verfilmungen angeführt. Lamorisses Spielfilm wurde 1962 unter anderem auch in den DDR-Kinos und 1976 im DDR-Fernsehen gezeigt.
17 Nur am Rande sei bemerkt, dass der Gründer der Walt Disney Productions, Walter Elias Disney,
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Arbeit zitieren:
Diplom-Medienwirt Nicolas Finke, 2005, Zur Authentizität dargestellter Geschichte(n) in Delbert Manns Spielfilm "Night Crossing", München, GRIN Verlag GmbH
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