Inhaltsverzeichnis
1. Die ´Schrift der anhaltenden Feindlosigkeit´
Einleitung S.3
Text S.6
2. ´Weitere Belehrungen´
Vorwort S.27
Text S.28
3. ´Schrift über die Schwertkunst von Yamauchi Renshin´
Vorwort S.36
Text S.37
4. ´Lehrbestätigungen´ der Schule der anhaltenden Feindlosigkeit
Vorwort S.41
Text S.42
5. ´Diploma´ der Schule der anhaltenden Feindlosigkeit
Vorwort S.49
Text S.50
Glossar S.63
2
Heij ô muteki sho (1663):
´Die Schrift von der anhaltenden Feindlosigkeit´
3
Einleitung
1. Aufbau, Stil und Umfang der übersetzten Texte
Die hier übersetzten Texte aus der ´Schule der anhaltenden Feindlosigkeit´ (heijô muteki-ryû) machen im Original 30 DinA4-Seiten aus, einschließlich 10 kleiner bildlicher Darstellungen. Ein kleiner Passus von etwa 3 Seiten, das ´Inventar der Schule der Feindlosigkeit´ (muteki-ryû mokuroku), bestehend aus einer Liste von Techniken und einer Genealogie der Oberhäupter (sôke) wurde nicht übersetzt. Ansonsten wurde bis auf einige wenige, durch [...] gekennzeichneten Zeilen der gesamte Text übertragen. Der Text ist im für die Zeit üblichen Kobun-Stil (Altjapanisch) verfasst; das erste Kapitel des ersten Textes ist in Kanbun (Chinesisch) geschrieben. Die Vorlage für die Übersetzung findet sich in Bd.3 des zehnbändigen Nihon budô taikei (´Gesamtdarstellung der japanischen Kampfkünste´).
2. Philosophie, Ethik und die Kunst des Kämpfens der Tokugawa-Zeit
Die Edo- oder Tokugawa-Zeit (1603-1868) ist für die kriegerischen Disziplinen eine Zeit der tiefgreifenden Verwandlung und Entwicklung. Auf der einen Seite, quasi rückwärts in die Vergangenheit gerichtet, trägt sie das Erbe (bugei) von über 500 Jahren des Ringens um Macht zwischen zunächst Bushi/Samurai und Hof einerseits, und im Anschluss daran zwischen den Bushi untereinander. Auf der anderen Seite, sozusagen nach vorne und in die Zukunft blickend, entsteht hier eine neue und einmalige Verknüpfung von Philosophie, Ethik und kämpferischer Fertigkeiten (bunbu-ryôdô), welche den Boden für viele der heutzutage weltweit verbreiteten Kampfkünste (budô) bildet. Es entstehen eine Vielzahl neuer Stile (ryû), zunächst v.a. des Kampfes mit Waffen, dann auch des waffenlosen Kampfes (jûjutsu). 1 Zeugnis für diese neue Auffassung und Verbindung von kämpferischer Fertigkeit, Philosophie und Ethik legen eine Vielzahl von Texten ab, von denen bislang jedoch nur wenige in westliche Sprachen übersetzt wurden; zu den Bekanntesten darunter zählt aber zweifellos das ´Buch der Fünf Ringe´ (Gorin no sho) von Musashi Miyamoto. Die hier übersetzten Texte der im 17.Jh. von Yamauchi Renshi begründeten ´Schule der anhaltenden Feindlosigkeit´ sind ein weiterer eindrucksvoller Beleg für die fruchtbaren Entwicklungen jener Epoche.
1 Jûjutsu ist während der Tokugawa-Zeit der Sammelbegriff für alle primär waffenlosen Kampfsysteme, welche neben Schlag, Tritt und Hebeltechniken auch die Verwendung ´kleiner Waffen´ (z.B. jitte) und das Kämpfen in leichter Rüstung einschließen.
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3. Die ´Schrift der anhaltenden Feindlosigkeit´
Der erste Text, welcher aus dem Jahr 1663 datiert, ist zugleich der längste (12 Seiten im japanischen Original). In ihm werden bis auf einige Ausnahmen schon alle Themen und Begrifflichkeiten angesprochen, welche auch die anderen Texte prägen. Das eigentliche Ziel der Schule, welches auch in ihrem Namen zum Ausdruck kommt, wird deutlich formuliert und von anderen Ansätzen klar abgetrennt: Nicht der konkrete Sieg über einen willkürlich bestimmten Gegner ist das Ziel, sondern die Erlangung einer geistigen Haltung, in der es gar keine Gegner mehr gibt. Der Weg zu diesem Ziel wird erreicht durch die Läuterung von im Egoismus wurzelnden Begierden, Abneigungen und Verblendungen, durch welche die Ego-oder Selbstlosigkeit (muga) erreicht wird. Diese zutiefst buddhistische Sichtweise hat ihre Entsprechung in verschiedenen Meditationspraktiken des Mahayana-Buddhismus, welche neben der Erkenntnis der Leerheit auch auf die Erkenntnis der Nicht-Verschiedenheit von einem Selbst und Anderen gerichtet sind (so z.B. im Bodhisattva-carya-avatara). Daneben kommt jedoch auch die gesamte Bandbreite der anderen geistigen Strömungen jener Zeit zum Tragen: verschiedene buddhistische Schulrichtungen (Reines Land, Tendai, Shingon, Zen), chinesische Klassik, Konfuzianismus (Lun yü; Maß und Mitte, Das Große Lernen) und Neokonfuzianismus, Taoismus (Yin und Yang) sowie Konzepte und Begrifflichkeiten des Shinto. Die Komprimiertheit des Inhalts und der Sprache macht ein Verständnis nicht leicht und erinnert an die Kompaktheit der Texte Kukai´s oder des esoterischen Shinto.
5
´Die Schrift von der anhaltenden Feindlosigkeit´ (1663)
1.
Dies ist eine alte Kunst der kriegerischen Mittel (heihô), und sie ist wohl seit langem in der Welt verbreitet. Denn die Wege sie zu studieren, ihre Anwendungen sowie ihre Materialien sind vielfältig; und so hat sie sich in viele Häuser und Stile aufgeteilt. Doch welche Lehre man auch nimmt - alle benötigen sie einen Gegner und lieben das Kämpfen. Deshalb gelangen sie in ihren Lehren nicht über die Wege zum Erlangen des Sieges hinaus. Auch ich habe diesen Weg studiert, und wenn ich ihn nun nachdenklich betrachte, dann wird das eigentliche Wesen von Himmel und Erde dabei nicht unterschieden [d.h. nicht erkannt]. Der eigene begehrliche Herzensgrund ist alles, und die Augen des Herz-Geistes bleiben befleckt; und ich weiß nur, wie ich den Dingen nicht unterliege. Die Kämpfe der Menschen werden durch ihre eigenen Begierden bestimmt und unterscheiden sich nicht davon, irgendwelche Schätze zu rauben. Wenn jemand zum Beispiel Glücksspiel mag, dann plant er, wie er solche (Schätze) jemand anderem entreißen könnte. Nur ans Siegen zu denken aber die Niederlage nicht zu kennen ist die größte menschliche Begierde und das Vergessen des himmlischen Prinzips. Wenn man mit solchen Absichten und Vorstellungen jemanden zum Kampf entgegentritt, und der Gegner ebensoviel wie man selbst vom Siegen weiß, dann werden sich beide sicherlich verletzen. Eine solche Mühe bleibt also ohne Erfolg. Es ist ganz wie wenn ein Blinder mit einem Stock kämpfen würde. Viele meinen, dies wäre bereits das Höchste. 2 [...]
Wieder ein anderes sind wichtige geheime Tricks o.ä.; wie z.B. das sogenannte ´eine große Schwert´ und andere Geheimnisse, welche, wenn man sie sieht, einen nur aufregen. Der grundlegende Gedanke der Kunst der friedlichen Mittel wird dabei nicht diskutiert, denn da sie als das Größte gilt ist man sich ihrer unsicher. Manche meinen, das Handeln der Alten zu kennen und ihren Taten zu folgen bedeute zu versuchen, mit wahllosen Techniken den Sieg zu erlangen. [...] Taga hat mittels der geheimen Künste des Toda-ryû das Schriftzeichen hei/tsuwamono in ´kriegerische Mittel´ zu ´friedliche Mittel´ geändert. Dies unterscheidet uns von anderen. 3 Denn im Inneren des Herzens gibt es einen Ort, welcher unbesiegbar ist. [...] Ich selbst bemühe mich seit vielen Jahren ohne Unterlass mit großer Anstrengung in dieser Schwertkunst, ermutige mich zum Erfolg durch Schleifen (sessa) und zum Durchdringen des
2 Vgl. Leitsatz 12 der Shôtô-nijûkun: ´Denke nicht ans Gewinnen, sondern daran, wie du nicht verlierst.´
3 Man denke hierbei auch an die Ersetzung des alten Zeichens für kara in ´Kara-te´ (´China-Hand´ bzw. ´Hand der Tang´) durch das (gleich ausgesprochene) Zeichen für ´Leere´ durch Funakoshi Gichin.
6
Schwertes durch Polieren (takuma) um so das Herzensprinzip der Schwertkunst zu verstehen. 4 Dadurch offenbart sich das ´wahre, wundersame Schwert´ (shinmyôken), welches mir durch meinen Lehrer gezeigt und übermittelt wurde. 5 [...]
2.
´Friedliche Mittel´ meint das Wirken der strahlenden Götter (shinmei) von Himmel und Erde, welche keine Feinde haben. 6 Frei von allem nehmen sie die reine Geistigkeit und das Allersubtilste wahr; strahlend und klar gibt es nichts, das sie nicht durchdringen. Wenn diese Anlagen vervollständigt sind, dann ist alles Handeln ohne Schwierigkeiten, und sie wünschen dies ihren Schülern zu übermitteln und ihnen zu helfen. Doch was meine Schwertkunst der kriegerischen Mittel angeht so gibt es nur wenige, welche die inneren Geheimnisse der Gesetzmäßigkeiten des Herzens (shinpô) gründlich erforschen. 7 Aber obwohl sie derart nachlässig im Benehmen, Handeln und Lernen sind glauben sie doch, die eigentliche Bedeutung erfasst zu haben. Es gibt viele welche die Wunderbarkeit dieser Kunst sehen, aber nicht geduldig sind und auf halbem Weg aufgeben. Dies ist sehr zu beklagen. Dies ist, wie wenn man einen Schatz in die Berge trägt und mit leeren Händen zurückkehrt. Ich meine, dass es nicht das Schwert ist, das die Menschen tötet. Die Menschen lernen, wie man mit dem Schwert Menschen tötet; aber wenn sie nicht die Kunst des Herzens (shinjutsu) erlernen, kann
4 Der Ausdruck sessa-takuma bezeichnet das anhaltende und aufmerksame Erlernen und Verfeinern sowohl der äußeren Techniken (ji) als auch der inneren Prinzipien (ri) einer Kampfkunst.
5 Vgl. die Interne Überlieferung der Kriegskunst von Yagyu Munenori: „Die Haltung des wahren wundersamen Schwertes wird in diesem Zusammenhang mit dem Wasser, der Geist des Kämpfers mit dem Mond verglichen. Der Geist sollte sich in der Stellung des ruhenden Schwertes widerspiegeln. Wohin der Geist zielt, geht auch der Körper, er folgt dem Geist. Die Spiegelung des Mondes im Wasser ist ein augenblickliches Phänomen. ... Du musst deine Aufmerksamkeit wie den Widerschein des Mondes im Wasser versetzen können, damit dein Körper deinem Bewusstsein folgt.“ (Siehe auch: Friday, Legacies of the Sword; S. 23)
6 Vgl. Da Dschuan, den ´Großen Kommentar´ zum I-Ching (B.VI.1): Der Meister sprach: „Das Schöpferische und das Empfangende sind doch recht eigentlich das Tor zu den Wandlungen. Das Schöpferische entspricht den lichten Dingen [dem Yang]; das Empfangende den dunklen Dingen [dem Yin]. Indem Dunkel und Licht ihre Wirkkraft (toku) vereinen, gewinnt das Feste und das Weiche Substanz (karada). So gestalten sich die Verhältnisse des Himmels und der Erde, und man kommt in Verbindung mit der Art der strahlenden Götter.“ Shinmei kann auch das Herz bzw. Wesen des Menschen bezeichnen oder die Sonnengöttin Amaterasu.
7 Shinpô, die Gesetzmäßigkeiten (oder Ordnung bzw. Dharma) des Herzens (Geistes) bezieht sich buddhistisch einerseits auf die ´Übermittlung von Herz zu Herz´ (ishin-denshin), andererseits auf die acht Stufen des Bewusstseins der Yogacara-Lehre (fünf Sinne plus Denken, manas und alayavijnana).
7
man dies wirklich nur weltliches Gerede nennen. 8 Es ist dann nicht anders, als einen Buddha zu fertigen, ihm aber nicht die Augen zu öffnen. So etwas ist wahrlich dumm. Es darf nicht sein, dass man die wunderbaren Prinzipien des tötenden Schwertes, des lebensspendenden Schwertes und des ungehindert durchdringenden wundersamen Schwerts nicht studiert. 9
3.
Man darf nicht meinen dies sei etwas Nebensächliches. Denn auch wenn sich jemand ohne große Kraft um das wahre wundersame Schwert bemüht, er aber auf die Prinzipien des Weges vertraut, dann wird ein derart wahrhaft Lernender zwar nicht (die Mitte bzw. das Ziel) treffen, er wird aber auch nicht weit davon entfernt sein. In einem Lied heißt es: ´Unsicher ist es in einer bewölkten Nacht, ob es darin auch noch Klarheit geben wird; allein ich selbst bin die Leere des Sonnenaufgangs.´
Später gibt es Dinge, die man durch das Studium erlangen muss. Anfänglich aber geht es um ´die friedlichen Mittel des wahren, wundersamen Schwerts´. Weil man das Wunder von Himmel und Erde zur Ausübung der Schwertkunst übernimmt denke ich über das Herzensprinzip des wahren wundersamen Schwertes nach: Zunächst besteht das eigentliche Wesen von Himmel und Erde darin, dass Yin und Yang sich harmonisch verbinden, der höchste Pol (taikyoku) errichtet wird und die zehntausend Dinge zusammengehalten werden. Deshalb sind alle Dinge zwischen Himmel und Erde 10 eines Wesens mit Himmel und Erde, und es gibt nichts, was dem nicht folgen würde. Wer dem Weg des Himmels durch Kampf zuwiderhandelt, schadet sich selbst und tötet seinen Leib. Deshalb gibt es außerhalb von Himmel und Erde weder Himmel noch Erde. Wie kann es dann einen Feind geben, den man bekämpfen müsste? Einfach gesagt: Der Himmel und ich selbst haben die gleiche Wurzel und einen Körper und sind auch eines Wesens. Wenn Himmel und Erde keine Feinde haben, dann habe auch ich keine Feinde; aus diesem Grund nenne ich diesen Weg die dauernde (heijô)
8 Vgl. Leitsatz 5 der Shôtô-Nijûkun: ´Geistige Fertigkeit vor technischer Fertigkeit (shinjutsu yori gijutsu).´ Die ´Kunst des Herzens´ besteht dabei in dem gesamten Programm (Studium, Meditation etc.) der Entwicklung und Entfaltung des Bewusstseins und aller geistigen Potentiale. Vgl. auch Leitsatz Nr.6: ´Befreie den Geist, und halte ihn ruhig.´
9 Eine Anspielung auf die Kapitelnamen in der ´Internen Überlieferung der Kriegskunst´ (Heihô kadensho) des Yagyu Munenori.
10 An dieser Stelle werden im Text anstelle der beiden üblichen Schriftzeichen für Himmel und Erde ten/ame und ji/tsuchi die beiden im I-Ging verwendeten Schriftzeichen kan und kon gebraucht (Hexagramm 1 & 2).
8
Feindlosigkeit. Hei meint die ´Mitte´ (chû), jô meint das ´rechte Maß´ (yô); damit hat man das Prinzip von ´Maß und Mitte´ (chûyô). 11
Weiterhin heißt es: Es gibt keinen Geist getrennt vom Körper, und keinen Körper getrennt vom Geist. 12
Weiterhin heißt es: Außerhalb des Geistes gibt es keine friedlichen Mittel, außerhalb der friedlichen Mittel gibt es keinen Geist.
Weiterhin heißt es: Feindlosigkeit ist friedvolle Ruhe (sekizen-fudô). In der Ruhe ist sie unbestimmbar und grenzenlos; in der Bewegung gibt es nichts, dem sie nicht entsprechen würde. Ihr Klang entspricht genau ihrem Ton. Dies ist die höchste Wunderbarkeit der Feindlosigkeit.
Weiterhin heißt es: Die Geistigkeit (shen/kami) ist strahlend. Deshalb ist sie ohne Feinde. Weil sie ohne Feinde ist, strahlt sie gut. Weil sie gut strahlt ist sie äußerst empfindsam. Deshalb spricht man vom wahren und wundersamen Schwert.
Weiterhin heißt es: Die Kunstfertigkeit des Schwertes und die Kunstfertigkeit des Geistes sind wie Geistiges (bun) und Militärisches (bu). 13 Friedliche Mittel ohne geistige Kunstfertigkeit bedeutet, das Wesen (tai) zu verlieren und keine friedliche Tugendkraft (toku) zu besitzen; Feindlosigkeit ist da unbekannt. Friedliche Mittel ohne die Kunstfertigkeit des Schwertes bedeutet, die Wirkung (yô) zu verlieren und keine funktionelle Tugendkraft zu besitzen; so kann man den Veränderungen nicht entsprechen. 14 Wenn Wesen und Funktion Eins sind, wird der Sieg, auch wenn man ihn nicht erstrebt, von selbst erlangt. Die Wirkung ist bedeckend
11 Der kurze Text von ´Maß und Mitte´ bildet, zusammen mit den Diskursen des Konfuzius, der Abhandlung vom ´Großen Lernen´ und den Lehren des Menzius die ´Vier Klassiker´. Die Kenntnis derselben war in China obligatorisch für Beamtenprüfungen, aber auch bei allen Gebildeten; und sie übten auch in Japan für viele Jahrhunderte großen Einfluss aus. Übersetzung in Richard Wilhelm, Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Bräuche und James Legge, The four Books (mit chinesischem Text).
12 Kann sowohl so verstanden werden, dass beide immer nur gemeinsam auftreten und aufeinander angewiesen sind (nama-rupa), als auch so, dass Körper und Geist letztlich nicht-verschieden (funi), d.h. eines Wesens sind.
13 Das Begriffspaar bunbu-ryôdô steht für die parallele und gleichwertige Kultivierung von kämpferischen Fertigkeiten, menschlich-sozialer Kompetenzen sowie innerer Entwicklung und ist gewissermaßen ´das Paradigma´ der gesamten Tokugawa-Zeit. Siehe die Dissertation des Übersetzers, Der gemeinsame Weg von Schwert und Pinsel - Philosophie und Ethik japanischer Kriegkunst der Tokugawa-Zeit.
14 Das Begriffspaar tai-yô findet sich v.a. im Zen-Buddhismus und im Neokonfuzianismus; in den Kriegskünsten wird es weniger in seiner philosophischen als in seiner praktischen Bedeutung verstanden, im Sinne vom Potential bzw. den Möglichkeiten die man hat und dem Gebrauch den man davon macht. Man denke dabei aber auch an das Konzept des ´Fundamentalen Körpers´ (hontai). Siehe auch Der gemeinsame Weg von Schwert und Pinsel, S. 97-101.
9
wie der Himmel. Das Wesen ist tragend wie die Erde. 15 Wenn sie anhalten, kommt die große Erde zum Ende. Sind sie in Bewegung, ist der ganze Kosmos mit allen Dingen in Bewegung; ohne Begrenzung und Anfang. Gleich wie die große Leere (taikyo) gibt es nichts das fehlen würde; ebenso wie es nichts gibt, das übrigbleiben würde. 16 Deshalb ist die Kunst der Feindlosigkeit so lückenlos, ´dass nicht einmal ein Haar hineinpasst.´ Weiterhin heißt es: Für das Befolgen der feindlosen Schwertkunst gibt es Wesentliches. Auch wenn sich ein Feind nähert, bewegt sich das Schwert nicht. Zunächst soll es so sein, dass die Hand agiert. Wenn man nicht (mehr) danach strebt dass sich die Hand bewegt, kann man zuerst aus dem Ellbogen heraus agieren. Wenn man nicht danach strebt aus dem Ellbogen heraus zu agieren, kann man aus der Schulter heraus agieren. Wenn man nicht danach strebt aus der Schulter heraus zu agieren, kann man aus der Hüfte heraus agieren. Wenn man nicht danach strebt aus der Hüfte heraus zu agieren, kann man aus den Beinen heraus agieren. Wenn man nicht danach strebt aus den Beinen heraus zu agieren, kann man die Wirkkraft (ki) groß machen und in das Ereignis eindringen lassen. Wenn man nicht danach strebt die Wirkkraft groß zu machen, kann man die spirituelle Kraft (shen) ansammeln. Wenn man nicht danach strebt die spirituelle Wirkkraft anzufüllen kann man seinen Geist recht machen (shoshin). 17 Wenn man nicht danach strebt seinen Geist recht zu machen, kann man zum Nicht-Geist (mushin) gelangen. 18 Den Nicht-Geist kann man nicht verlangen. Wenn man aufhört danach zu verlangen, wird das grundlegende Wesen vollständig Eins werden. Dann erreicht man die Feindlosigkeit, und der fundamentale Körper (hontai) des wahren,
15 „Weite und Festigkeit: dadurch werden die Dinge getragen; Höhe und Klarheit: dadurch werden die Dinge beschirmt. Durch ununterbrochene Dauer werden die Dinge vollkommen. Weite und Festigkeit ist der Erde zugeordnet. Höhe und Klarheit ist dem Himmel zugeordnet.“ (Maß und Mitte, II.5)
16 Die ´große Leere´ ist der Raum, der alle Dinge trägt.
17 „Die Alten, die diese Kräfte im ganzen Reich klären wollten, regelten zuerst ihren Staat; um den Staat zu regeln, ordneten sie die Familie; um die Familie zu ordnen, arbeiteten sie an ihrem inneren Selbst; um ihr inneres Selbst zu bilden, läuterten sie ihr Herz (kokoro o tadasu = shoshin); um ihr Herz zu läutern, machten sie ihre Gedanken wahr; um zur Wahrheit der Gedanken zu gelangen, brachten sie ihre Erkenntnis aufs Höchste. Die Höchste Erkenntnis bestand im Wissen um die Dinge.“ (Daigaku). Shoshin ist auch der Name des zweiten Kapitels des Bansenshûkai (Siehe: Philosophie, Ethik und die Kunst des Kämpfens - Bd.2)
18 ´Nicht-Geist´ ist ein wichtiger Begriff der Rinzai-Zen-Tradition, welcher Eingang und Verbreitung in die Ideen des ´Gemeinsamen Wegs von Schwert und Pinsel´ gefunden hat. ´Nicht-Geist´ ist die Grundlage für ´Nicht-Handeln´ (d.i. absichtsloses Handeln, mu-i/wu-wei), sein körperliches Pendant ist ´Nicht-Form´ (mu-kei). Die Voraussetzung für alle drei ist ´Nicht-Selbst´ (mu-ga), d.h. die Aufgabe und Überwindung des Egos.
10
wundersamen Schwertes tritt in Erscheinung. 19 Deshalb sagt man, ´zu wissen, was früher und was später ist, bedeutet, sich dem Weg zu nähern´. 20 Eben dies ist damit gemeint.
4.
Weiter heißt es: Dies nennt man die ´im Denken von Übel freie Feindlosigkeit.´ 21 Weiterhin heißt es: Das Geheimnis der friedlichen Mittel der Feindlosigkeit ist wie der Ellbogen. Denn der Ellbogen ist der Vermittler zwischen Schwert und Körper. Weiter heißt es: Die friedlichen Mittel gehen dem Kampf voran; denn es ist wichtig den Sieg durch die Umstände (kurai) zu erlangen. 22 Damit ist die Hüfte gemeint, welche zwischen Händen und Füßen vermittelt.
Weiterhin heißt es: Was man für gewöhnlich die kriegerischen Mittel nennt, bezieht sich lediglich auf die Schwertkunst. Aber was wir jetzt die friedlichen Mittel nennen, gilt allein für das Bemühen um die Herzenskunst der Feindlosigkeit.´
Weiter heißt es: Die friedlichen Mittel bestehen in der Wahrheit und Korrektheit des körperlichen und geistigen Verhaltens; die Harmonie und Geradheit von Körper und Geist ist die Basis. Egal welche Kunst man auch nimmt - alle verabscheuen sie rohe Kraft, und alle lieben sie Harmonie und Geradheit. Denn diese sind für die Ausübung und Anwendung das Wesentliche. Wenn im Herzen Übles ist, man Körper und Geist aber dennoch aufrecht halten will, dann beugt sich der Leib, das Herz wird hart und die Wirkkraft wird gehemmt. Und wenn man die Harmonie bewahrt, Geist und Wirkkraft aber verliert, dann ist man wie ein Mayumi-Baum(?). Es gibt wenige, die auf Hüfte und Ellbogen vertrauen, das Wesen der Feindlosigkeit nicht kennen und trotzdem die echte Harmonie und Geradheit von Körper und Geist erlangen.
Und weiter heißt es: Die Wirkung (yô) der Feindlosigkeit gleicht während ihres Entstehens einem Kind. Es ist der Weg, um den sich der Edle (kunshi) bemühen sollte, d.h. die Gestalt
19 Siehe hierzu die Hontai no maki, die ´Schriftrolle vom fundamentalen Körper, ein kurzer Text des Kitô-ryû jûjutsu (in: Julian Braun, Philosophie, Ethik und die Kunst des Kämpfens).
20 „Die Dinge haben Wurzeln und Verzweigungen, die Aufgaben haben Ende und Anfang. Zu wissen, was früher und was später ist, bedeutet, sich dem Weg zu nähern.“ (Daigaku)
21 ´Im Denken von Übel frei´ (shi-muyoku) ist ein Begriff aus den ´Diskursen´ (Lun Yü) des Konfuzius. Dort heißt es (II.2): Konfuzius sagte: „Die Lieder sind dreihundert. Will man sie mit einem Wort beurteilen so ist es, dass das Denken darin von Übeln frei ist.“
22 Sunze, I.9.: „Wer schon vor der Schlacht durch seine vorausgehenden Überlegungen siegt, hat viele Chancen; wer vor der Schlacht nicht durch Überlegungen siegt, hat wenig Chancen. Wer viele Chancen hat, wird siegen; wer wenig Chancen hat, wird nicht siegen; umso weniger der also, der überhaupt keine Chancen hat. Allein dadurch wird für mich klar, wer siegen und wer unterliegen wird.“
11
des Herzens eines Edlen. Wenn man daher ausgeglichen ist, dann ist das Herz weit. Deshalb ist in der Feindlosigkeit das Wesen/der Körper (tai) üppig.
Weiterhin heißt es: Das Wesen der Feindlosigkeit ist weit und groß; sie gleicht Himmel und Erde, die alle Dinge tragen und halten. 23 Um dem Gegner entgegenzutreten mag man wohl Berge und Flüsse in Bewegung versetzen [d.h. einen gewaltigen Aufwand betreiben], aber da es um mein eigenes Inneres geht - wie könnte da außen jemand sein, den ich als Feind bekämpfe?
Und weiter: Da die Feindlosigkeit ein mitfühlendes Herz bedeutet (jin no kokoro), wird der Gegner nicht verabscheut. Wenn der Gegner verabscheut und bekämpft wird, erwachsen daraus die menschlichen Begierden; aber wenn Herz mitfühlend ist gibt es keine Abscheu. Dies kann so sein, weil man (mit allen Menschen) grundsätzlich eine gemeinsame Wurzel hat und einen Körper bildet. 24
5.
Einer sagte: Ich würde gerne etwas über den Vorteil/Nutzen (ri) der Feindlosigkeit erfahren. Antwort: Das Prinzip (ri) (der Feindlosigkeit) besteht darin, dass die Feindlosigkeit aus der Selbstlosigkeit (muga) erwächst. 25 Frage: Was ist das Prinzip der Feindlosigkeit?
Antwort: Im Lande Bin in China lebte ein großer König, ein weiser Herrscher und gütiger Mensch. Ein Feind stellte ein Heer auf und wollte ihn bekämpfen. Der große König aber kämpfte nicht, sondern zog sich in die Berge zurück; dadurch errang er den Vorteil. Dies wird von Menzius berichtet. 26
23 Vgl. Fn.15
24 Jin (ren), hier übersetzt mit ´mitfühlend´, ist ein zentrales Konzept bereits in den ´Diskursen´ (Lun Yü). Das Zeichen, welches aus den Komponenten ´Mensch´ und ´zwei´ besteht, meint das wohlwollende, liebevolle Miteinander auf allen sozialen Ebenen (natürlich modifiziert durch die angemessene Etikette, rei). Jin wird begrenzt und ergänzt durch gi (yi), ´Rechtschaffenheit´ oder ´Gerechtigkeit´.
25 Das Ideal der Selbstlosigkeit kann v.a. deshalb tatsächlich erreicht werden, weil nach buddhistischem Verständnis der Mensch gar keine ´absolutes Selbst´ besitzt (annata). Der Weg zur Selbstlosigkeit ist daher nur zum einen Teil ein Weg der Überwindung egoistischer Begierden, zum anderen Teil besteht er in der Aufhebung der Verblendung des Glaubens an ein Selbst.
26 Siehe: Wilhelm, Die Lehrgespräche des Meisters Meng K´o; S.62 (I.B.14,15) sowie: Wilhelm, Frühling und Herbst des Lü Bu We; S.380 (XXI.4)
12
Weiter gab es in der Zen-Schule einen Mensch namens Einsiedler/Laie Pang. Er trank Wasser vom westlichen See und gelangte zur Stätte der Buddha-Verwandlung. 27 Und dann sagt man noch, dass wenn man einem Edlen dient, dies bis zum (eigenen) Leib/Leben geht.
All dies meint die Erlangung von Selbstlosigkeit und Feindlosigkeit. Man sollte darüber nachdenken, wie dieses Prinzip von Vorteil ist.
6.
Xue Wen-qing hat gesagt: ´Das sogenannte nicht-ein-Ding im Innern ist die große, grenzenlose Flut.´ Meint nicht auch dies die Selbstlosigkeit? 28 Weiter heißt es: Die kriegerischen Mittel der Feindlosigkeit neigen zu keiner Seite und kennen weder ein Zuviel noch ein Zuwenig. Deshalb sind sie vom Prinzip des ´Maß und Mitte´ nichtverschieden. Dort heißt es: ´Der Falke fliegt zum Himmel auf, die Fische tauchen tief zum Grund.´ 29 Ich bin der Falke, der Feind ist der Fisch; ich bin der Fisch, der Feind ist der Falke. Emporfliegen und Hinabtauchen erfolgen rege und ungehindert. Ebenso ist die Feindlosigkeit. Und weiter: Die friedlichen Mittel der Feindlosigkeit sind ohne Substanz und ohne Erscheinungen; sie sind die Eine göttliche Wandlung (shinka-ichi). Es heißt: ´Bewegung und/ist Nicht-Bewegung; Ruhe und/ist Nicht-Ruhe. Das ist das Göttliche.´ 30 Eben dies ist damit gemeint. Es heißt auch: ´Form ist Leere, Leere ist Form.´ 31 Deshalb können auch die friedlichen Mittel der Feindlosigkeit nicht in Substanz und Ordnung festgelegt werden. Yan Hui hat gesagt: ´Je mehr ich emporblicke, desto höher scheint es. Je mehr ich mich hinein vertiefe, desto undurchdringlicher wird es. Eben noch sehe ich es vor mir, doch plötzlich entrückt es in den Hintergrund.´ 32
27 Pang Yün (Hô Un, 740-808), der berühmteste Zen-Laie Chinas. Er war ein Schüler und Dharma-Nachfolger sowohl von Shih-t´ou Hsi-ch´ien (Sekitô Kisen) als auch von Ma-tsu Tao-i (Baso Dôitsu, 709-788). Näheres im Lexikon der östlichen Weisheitslehren.
28 Xue Wen-qing (1389-1464), ein Gelehrter der Chu-Hsi-Schule. Der Begriff ´Flut´ (kôzen) findet sich auch bei Menzius´ Schilderung über die Nährung der ´flutenden Lebenskraft´ (I.B.2)
29 Ein Zitat aus dem ´Buch der Lieder´ in der Ausführung zum Kerntext des Chûyô (B.4).
30 Vgl. das Lied von den dreizehn Stellungen: ´In der Ruhe ist Bewegung, ebenso ist in der Bewegung Ruhe.´
31 Dies ist die wohl bekannteste Phrase aus dem ´Herz-Sutra´ (Mahaprajnaparamita-hridaya-sutra), welches zum festen Rezitationsbestandteil vieler Zen-Schulen gehört.
32 Yan Hui (513-482) war ein wegen seiner Tugend hochgelobte, aber früh verstorbener Schüler des Konfuzius. Das Zitat stammt aus den ´Diskursen´ (IX.11) und geht weiter (nach R. Moritz): „Wenn auch seine Lehre so schwer fassbar ist - der Meister vermag es, die Menschen in seinen Bann zu ziehen, sie Schritt für Schritt zu führen. Durch Bildung erweitert er mein Wissen; er lehrt mich, mein Verhalten durch die Vorschriften des
13
Arbeit zitieren:
Dr. Julian Braun, 2008, Texte aus der ´Schule der anhaltenden Feindlosigkeit´ (Heijô muteki-ryû), München, GRIN Verlag GmbH
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