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Inhaltsverzeichnis:
0. Einleitung S.1
1. Einordnung von Un amour de Swann in den Romanzyklus
A la recherche du temps perdu S.2
2. Vergleichende Darstellung der Person Charles Swann in
Un amour de Swann und Combray S.6
3. Phasen der Liebe Swanns S.10
3.1 Künste als Katalysatoren der Liebe und des Begehrens S.11
3.1.1 Die Sonate von Vinteuil S.11
3.1.2 Die Figur der Zéphora im Gemälde Botticellis S.14
3.2 Absenz der begehrten Person als essentielle Ursache
f ür Liebe und Verlustangst S.16
3.3 Entwicklung der Liebesbeziehung: Liebe als Krankheit S.19
3.3.1 "Krankheits"-Verlauf S.19
3.3.2 Odette als Ursache und Heilmittel des Leidens S.24
3.4 Schwinden der Liebe Swanns S.25
4. Zur Liebeskonzeption Prousts S.27
5. Schlußbemerkung S.28
6. Bibliographie S 29
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0. Einleitung
Ein solcher Buchkommentar macht neugierig. Und er läßt in einem interessierten Leser die Frage aufkommen, weshalb Prousts Konzeption der Liebe so besonders sein soll und inwiefern sich dieser Liebesroman von anderen Romanen des selben Genres unterscheidet. Genau diese Fragen sollen in der vorliegenden Hausarbeit aufgegriffen und geklärt werden.
Da der Roman Un amour de Swann zwar auch für sich allein gelesen werden kann, er aber dennoch in einem Gesamtkontext mit dem ganzen Werk A la recherche du temps perdu steht und eine Interpretation ohne diesen nur unvollständig wäre, soll daher zunächst eine Einordnung des Buches in den oben genannten Zyklus gegeben werden. Um einen Einblick in Prousts Liebeskonzeption zu erhalten, ist es daraufhin zweckmäßig, die Figur des Charles Swann zu untersuchen, da dieser der Protagonist von Un amour de Swann ist und eben seine Liebe hier genauestens beschrieben wird. Im weiteren soll dann analysiert werden, wie sich dieser Entwicklungsprozeß der Liebe vollzieht: Wie entsteht das Gefühl der Liebe bei Swann, wie verläuft seine Liebesbeziehung und aus welchem Grunde schwindet seine Liebe am Ende wieder? Vor diesem Hintergrund sollte es danach möglich sein, oben genannte Fragen zu beantworten und sich ein eigenes Urteil über die Liebeskonzeption Prousts zu machen. Es bleibt abzuwarten, ob dieses mit der im obigen Eingangszitat dargestellten Meinung Hartungs korrespondiert.
1 Buchkommentar (Umschlag) zum Roman Eine Liebe Swanns
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1. Einordnung von Un amour de Swann in den Romanzyklus A la recherche du temps perdu
Der Roman Du côté de chez Swann, welcher im Jahre 1913 veröffentlicht wurde, ist der erste von sieben Bänden, die der von Marcel Proust verfaßte Romanzyklus A la recherche du temps perdu umfaßt. Dieses erste Werk der Recherche ist weiterhin unterteilt und beinhaltet die drei Romane Combray, Un amour de Swann sowie Nom de pays: le nom. Während sich die Handlung der beiden Teile Combray und Nom de pays: le nom auf die Kindheit des Erzählers Marcel konzentriert, wird dagegen bei Un amour de Swann eine Liebesgeschichte beschrieben, die sich bereits vor der Geburt Marcels zugetragen hat. Demnach ist der Leser nach der Lektüre des ersten Teils Combray zunächst überrascht: die Erzählweise des ersten Romans wird anscheinend aufgegeben und ein neuer Roman beginnt, der auf den ersten Blick außer durch den Protagonisten Swann, der schon in Combray auftrat, in keinem Bezug zur vorherigen Geschichte steht. Bei genauerer Analyse stellt sich dies jedoch als Trugschluß heraus und es wird, besonders nach Kenntnis des ganzen Zyklus, ein Gesamtzusammenhang offensichtlich, wobei dennoch unumstritten bleibt, daß Un amour de Swann eine Sonderstellung in Prousts Werk einnimmt. Inwiefern dieser Roman nun in die Recherche und ihren ersten Band einzuordnen ist, soll daher im folgenden als Erstes untersucht werden.
Die Erzählform in der Recherche ist eine Ich-Form: der Ich-Erzähler Marcel erinnert sich und blickt auf sein Leben zurück, er berichtet von Erlebnissen und Momenten seiner Kindheit und seines Erwachsenendaseins und nimmt den Leser mit auf eine Reise durch seine Erinnerung. Un amour de Swann ist hier eine Ausnahme. Die Liebesgeschichte Swanns hat sich vor der Geburt des Erzählers abgespielt, wie dieser bereits am Ende von Combray deutlich macht:
"C'est ainsi que je restais souvent jusqu'au matin à songer au temps de Combray, [...], à tant de jours aussi dont l'image m'avait été plus récemment rendue par la saveur [...] d'une tasse de thé, et par association de souvenirs à ce que , bien des années après avoir quitté cette petite ville, j'avais appris, au sujet d'un amour que Swann avait eu avant ma naissance, avec cette précision dans les détails [...]" (S.183/184) 2
2 Diese Seitenzahlen beziehen sich stets auf die in der Bibliographie angeführten Ausgabe von Un amour
de Swann.
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Diese Passage hat neben der zeitlichen Einordnung der Liaison Swanns, die der Erzähler hier angibt, um sie in Beziehung zu seinem eigenen Leben zu setzen, die Bedeutung einer indirekten Einleitung in den folgenden Roman. Der Ich-Erzähler gibt dem Leser auf diese Weise zu verstehen, daß er mit großer Detailgenauigkeit von jener Liebesgeschichte erfahren hat und macht ihn neugierig darauf, welche Verknüpfungen zwischen dieser Geschichte und seinen eigenen Erinnerungen bestehen. Er führt diese Einleitung noch weiter aus und gibt gleichzeitig einen Hinweis auf die Konzeption von Un amour de Swann und seine Einordnung in den ersten Band: "Tous ces souvenirs ajoutés les uns aux autres ne formaient plus qu'une masse, mais non sans qu'on ne pût distinguer entre eux - entre les plus anciens, et ceux plus récents, nés d'un parfum, puis ceux qui n'étaient que les souvenirs d'une autre personne de qui je les avais appris [...]" (S.184)
Er sieht seine Erinnerungen als eine "Masse", als eine Einheit, da sie sich im Laufe des Lebens so zusammen- und ineinandergefügt haben, daß sie ihm im Rückblick wie ein Ganzes erscheinen. Dennoch - und hier liegt der Schlüssel zur Konzeption des ersten Buches der Recherche - sind diese durchaus voneinander unterscheidbar, so daß man sie differenziert betrachten und beschreiben kann. In Combray hat der Erzähler dem Leser demnach diejenigen Erinnerungen offenbart, die er nun als "les plus anciens, et ceux plus récents, nés d'un parfum" bezeichnet. Der nachfolgende Satz weist dann auf einen anderen Roman hin, der eben nicht aus den Erinnerungen des Ich-Erzählers konstituiert ist, sondern mit dem dieser eine Geschichte vorstellt, die ihm selbst nur von jemand anderem berichtet wurde ("les souvenirs d'une autre personne"). Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß sich Erzählform und Erzählverhalten in Un amour de Swann von denen in Combray und den weiteren Romanen der Recherche in gewisser Hinsicht unterscheiden. So hat man als Leser zunächst den Eindruck, daß der Roman, da der Ich-Erzähler während der ersten sechs Seiten des Buches nicht auftritt, in einer Er-Form geschrieben wäre. Erst nach diesem Passus gibt sich der "wahre" Erzähler explizit als derjenige zu erkennen, der schon von seinen Erinnerungen in Combray berichtet hat und er macht auch in diesem Abschnitt nochmals deutlich, daß er von der folgenden Liebesgeschichte nur durch Drittpersonen erfahren und sie selbst nicht miterlebt hat (S.191). Aus diesem Grunde tritt der Ich-Erzähler auch nur sehr selten auf (z.B. S.196, S.291, S.372), da er keine aktive Person in der Handlung darstellt, sondern er kommentiert das Geschehen nur gelegentlich, um sich dem Leser präsent zu zeigen
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und ihm erneut wieder bewußt zu machen, daß er eine Geschichte erzählt, die ihm selbst mitgeteilt wurde.
Die Informationsquelle, von der der Erzähler diese Geschichte mit anscheinend großer Detailgenauigkeit erfahren hat, wird dabei nicht genau genannt ("les souvenirs d'une autre personne" (S.184); "je me suis souvent fait raconter" (S.191)), was dem auktorialen Erzählverhalten, das in Un amour de Swann bestimmend ist, sehr zu gute kommt. Mit dieser Methode verschleiert er nämlich, daß er viele Personen, Soirées und gesellschaftliche Treffen nicht so genau beschreiben könnte, wie er es hier als angeblich allwissender Erzähler vornimmt und daß er die innersten Gefühle Swanns gar nicht kennen dürfte, wenn er die Glaubwürdigkeit aufrecht erhalten will, daß er nur etwas ihm Erzähltes wiedergibt. Denn dadurch, daß er von vornherein offen läßt, von wem die Informationen über Swann und seine Liaison mit Odette stammen und indem er direkt darauf hinweist, daß er in allen Einzelheiten darüber Kenntnis erhalten hat, wird dem Leser das auktoriale Wissen des Erzählers plausibler gemacht.
Un amour de Swann ist folglich nach ganz anderen Mustern aufgebaut als Combray und alle weiteren Romane der Recherche, so daß sich die Frage stellt, welche Bedeutung dieser Roman für das Gesamtwerk hat und welche Stellung er darin einnimmt: Weshalb hat Proust diesen Text in die Recherche eingearbeitet und ihn nicht als einzelnes Werk veröffentlicht, wenn er sich so deutlich von den weiteren Bänden des Zyklus unterscheidet? Und welcher Stellenwert kommt dem Roman gerade nach Combray zu, beziehungsweise aus welchem Grund befindet er sich nicht am Anfang der Recherche, wenn er doch zu einer Zeit spielt, die vor Marcels Geburt liegt?
Die Sekundärliteratur gibt hierüber einigen Aufschluß. So liest man bei Maurois, daß Proust zunächst bestrebt gewesen sei, einen objektiven Roman allein über die Person Swanns zu verfassen und dieses Projekt aufgegeben habe zugunsten des umfassenden Werkes A la recherche du temps perdu 3 . Zur Stellung von Un amour de Swann schreibt er folgendes (während er die ganze Recherche mit einem Gebäude vergleicht, das Proust konstruiert hat):
"Ici se place un interlude, qui est comme un petit roman isolé: Un Amour de Swann, reste sans doute de l'édifice antérieur, conçu au moment où Swann devait
3 Vgl. Maurois (1970: 164)
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être le héros du livre tout entier et qui demeure, comme parfois survit, dans la crypte d'une cathédrale gothique, le temple païen ou l'église romane qui la précéda dans le même lieu." 4
Maurois sieht den Roman als eine Art Zwischenspiel, das die Zeit zwischen den beiden anderen Teilen von Du côté de chez Swann überbrückt und er vergleicht ihn, um in der Metapher der Konstruktion eines Gebäudes zu bleiben, mit den Überresten alter Kirchen und Tempel, die manchmal noch in der Krypta der Kathedrale zu sehen sind, die nun auf dem gleichen Platz erbaut ist. Für ihn ist Un amour de Swann also ein Relikt des begonnenen und wieder aufgegebenen Werkes über Swann, das zur Veröffentlichung in die Recherche aufgenommen wurde. Und auch Link-Heer bezeichnet die Erzählung über Swann und Odette als eine "Projektlose Arbeit am künftigen Roman" 5 , wobei in diesem Zusammenhang nicht weiter ausgeführt wird, ob Un amour de Swann nicht doch eine tiefere Bedeutung für das Gesamtwerk beinhaltet.
Der Sinn dieses Romans wird auch erst im Laufe der Recherche verständlich. Denn erst, wenn der Leser von den Leiden liest, die Marcel in der Liebe erfährt, kann er im Rückblick erkennen, daß Swann in seiner Liebesgeschichte ganz ähnliches erleiden mußte und daß Un amour de Swann somit eine Art Ausblick auf den Lebensweg Marcels darstellt. Auch wenn es dennoch einige Unterschiede zwischen jenen beiden Hauptfiguren gibt, "ist Swann mit seiner Geschichte eine Präfiguration der Lebensgeschichte 'Marcels' und gleichsam dessen alter ego, so daß bei der weiteren Lektüre der Recherche ein Wiedererkennungseffekt entsteht." 6 Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, weshalb Proust die Liebesgeschichte Swanns nach Combray eingefügt hat: denn durch die Kenntnis von Marcels Leidensgeschichte, die schon in Combray beginnt, als ihm der ersehnte Nachtkuß der Mutter verwehrt wird, kann der Leser eine erste Verknüpfung zwischen Swann und dem Protagonisten der Recherche ziehen. Außerdem erlaubt es dem Leser, die Persönlichkeit Charles Swanns so genauer und unter anderen Umständen zu betrachten, als er ihn in Combray kennengelernt hat, da die vielen subjektiven Meinungen in Combray sein "wahres" Ego für den Leser verzerren und mit Un amour de Swann ein eher objektives Bild von ihm gezeichnet wird.
4 Maurois (1970: 167)
5 Link-Heer (1988: 256)
6 Corbineau-Hoffmann (1993: 61-65)
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3. Vergleichende Darstellung der Person Charles Swann in Un amour de Swann und Combray
Untersucht man das Bild Swanns, das in den beiden Romanen Combray und Un amour de Swann dargestellt wird, so scheint es, als würden zwei verschiedene Personen beschrieben werden. Im ersten Teil von Du côté de chez Swann kommen sehr viele Menschen zu Wort, die über Swann sprechen, verschieden über ihn urteilen und differenzierte Meinungen von ihm haben, daß ein Leser Schwierigkeiten hat, sich aus dieser Menge subjektiver Äußerungen ein klares Bild von Swann zu machen. Der zweite Roman macht es dem Leser - anscheinend - einfacher: Er gibt eine allgemeine Beschreibung Swanns, die nicht aus subjektiven Ansichten Einzelner besteht, sondern nur von einer Person vorgenommen wird: dem Erzähler. Durch den auktorialen Stil, der hier vorherrscht, soll dem Leser vor Augen geführt werden, daß hier das "wahre" Bild von Swann gezeichnet und seine Persönlichkeit explizit und objektiv dargestellt wird. Bei dieser Interpretation ist allerdings Vorsicht geboten. Denn immer noch ist es der Ich-Erzähler Marcel, der diese Geschichte vorstellt und es wird nicht deutlich, ob er bei der Beschreibung Swanns auf seine eigene Erinnerung an ihn zurückgreift oder ob er diejenige Darstellung von Charles Swann übernimmt, die ihm - von wem auch immermit dieser Geschichte überliefert wurde. Ganz gleich jedoch, welche Variante hier vorherrscht - denn es läßt sich keine Klärung dieser Frage finden -, wären es in beiden Fällen subjektive Äußerungen, die über Swann gemacht werden. Und doch ist diese Beschreibung die objektivste und authentischste, die man über Swann finden kann, da der Leser auch in der gesamten Recherche aus der Sicht des Ich-Erzählers über die auftretenden Personen unterrichtet wird und es somit gar keine allgemeingültige Aussagen über sie geben kann, auch wenn der auktoriale Stil in Un amour de Swann dies suggeriert.
In Combray erhält der Leser zunächst einen eher negativen ersten Eindruck von Swann. Denn als dieser zum ersten Mal auftritt und die Familie des Erzählers abends besucht, verhält sie sich ziemlich sonderbar:
"[...] on savait bien que cela ne pouvait être que M. Swann; ma grand-tante parlant à haute voix, pour prêcher d'exemple, sur un ton qu'elle s'efforçait de rendre naturel, disait de ne pas chuchoter ainsi; que rien n'est plus désobligeant
Arbeit zitieren:
Andrea Gondert, 2002, Die Figur des Charles Swann und der Entwicklungsprozeß seiner Liebe in dem Roman -Un amour de Swann- von Marcel Proust, München, GRIN Verlag GmbH
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