INHALTSVERZEICHNIS SEITE ii
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis iv
Verzeichnis der Schaubilder v
Einleitung 1
1 Einführung in das Forschungsgebiet Wirtschaftsverbände 3
1.1 Was sind Wirtschaftsverbände? 3
1.2 Ansätze der Verbandsforschung. 5
1.2.1 Hintergrundbegriff Korporatismus 6
1.2.2 Theoretisches Spannungsfeld 8
1.3 Die Suche nach der Developmental Association 11
2 Determinanten von entwicklungsorientiertem Verhalten von Verbänden 13
2.1 Interne Verbandscharakteristika 14
2.1.1 Hohe Mitgliederdichte 15
2.1.2 Selektive Anreize für Mitglieder 16
2.1.3 Interne Interessenmediation 18
2.2 Die Rolle staatlicher Strukturen - Embedded Autonomy 20
2.2.1 Autonomie 21
2.2.2 Institutionalisierte Kanäle von Embeddedness 23
2.2.3 Embedded Autonomy auf sektorieller Ebene 25
2.3 Marktwirtschaftliche Ordnung und Wettbewerbsdruck 27
3 Fallbeispiele - Spitzenverbände in Lateinamerika 28
3.1 Lateinamerika - gemeinsamer Entwicklungspfad 30
3.2 Chile 33
3.2.1 Interne Verbandscharakteristika 35
3.2.2 Staatsstruktur - Grad von Embedded Autonomy 39
3.2.3 Wettbewerbsdruck 43
3.2.4 Zusammenfassung 44
3.3 Mexiko 45
3.3.1 Interne Verbandscharakteristika 47
3.3.2 Staatsstruktur - Grad von Embedded Autonomy 51
3.3.3 Wettbewerbsdruck 55
3.3.4 Zusammenfassung 56
3.4 Brasilien 57
3.4.1. Interne Verbandscharakteristika 61
3.4.2. Staatsstruktur - Grad von Embedded Autonomy 65
3.4.3. Wettbewerbsdruck 68
3.4.4 Zusammenfassung 70
INHALTSVERZEICHNIS SEITE iii
3.5 Zwischenergebnis: Entwicklungsorientierung in den Fallbeispielen 71
4 Führt das Raster zu aussagekräftigen Ergebnissen? 73
4.1 Konzertierte Wirtschaftsreformen 74
4.1.1 Chile - Verhandelte Steuerreform 74
4.1.2 Mexiko - Sozialpakt gegen Inflation 75
4.1.3 Brasilien - Inflationsbekämpfung ohne Pakt 76
4.2 Verhandlungen zu Freihandelsabkommen und regionaler Integration 77
4.2.1 Chile - Verbände als eigenständige Akteure in Handelsfragen 78
4.2.2 Mexiko - Modell für Unternehmerintegration? 79
4.2.3 Brasilien - Verbände im Gäste- oder Beobachterstatus 80
4.3 Fazit: Ergebnisse des Rasters tendenziell bestätigt 81
5 Schlussfolgerungen aus der Anwendung des Rasters 82
5.1 Analyseraster zeigt Schwachpunkte der Verbände 82
5.2 Bedeutung des staatlichen Einflusses wird deutlich 83
5.3 Schwierigkeiten bei der Erfassung korporatistischer Strukturen 84
5.4 Einschränkende Positiv-Untersuchung 84
5.5 Lässt sich das Raster auf andere Fälle übertragen? 85
Literaturverzeichnis 87
Anhang 96
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS SEITE iv
Abkürzungsverzeichnis
BMO CEPAL CIPE DIE DUP GTZ
FTAA ILPES ISI Mercosur NIC NIE NOSALF NPM PGO SARCDC SEQUA
Chile
Corfo CPC Direcon SNA Sociedad Nacional de Agricultura Sofofa/SFF Sociedad de Fomento Fabril Sonami Sociedad Nacional de Mineria
Mexiko
CCE Caintra Canacintra CMHN COECE Concamin
Concanaco Coparmex NAFTA PAC PECE PRI PSE SECOFI Secretaría de Comercio y Fomento Industrial
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS SEITE v
Brasilien
BNDE Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico
CNA CNC CNI FIESP IPES IEDI PNBE SENAI UBE
Verzeichnis der Schaubilder
Abbildung 1: Aufgabenspektrum von Unternehmerverbänden.................................................... 4 Abbildung 2: Schematische Darstellung des Analyserasters ..................................................... 29 Abbildung 3: Ergebnisse aus der Anwendung des Analyserasters auf die Fallbeispiele ........... 72
EINLEITUNG SEITE 1
Einleitung 1
Mit dem Aufstieg von Unternehmerverbänden aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Liberalisierung in vielen Entwicklungsländern lässt sich in der Wissenschaft ein neues Interesse an einem lange Zeit ignorierten Thema feststellen. Seit dem wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel in den 80er Jahren, bei dem viele Länder die staatsgeleitete Entwicklungsstrategie zugunsten einer marktorientierten Entwicklung aufgaben, kommt Unternehmen im Entwicklungsprozess eine zentrale Rolle zu. Parallel brachten Demokratisierungstendenzen in vielen Ländern eine Liberalisierung gesellschaftlicher Organisationsformen. Hamalai und Moore bringen diese beiden Entwicklungen auf den Punkt: „There is one category of organization that should stand to benefit markedly from the confluence of these tides of economic and political liberalism: private sector business associations.“ 2
Nicht nur in der Wissenschaft ist das Interesse an den privaten Wirtschaftsorganisationen gewachsen: Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit haben das Thema aufgenommen, in der Praxis gehört die Förderung von Kammern und Verbänden der Privatwirtschaft zum festen Maßnahmenkatalog entwicklungspolitischer Institutionen wie der GTZ, SEQUA und der Weltbank. Dabei ist die Verbandsförderung nicht unumstritten. In einigen Denkrichtungen werden Wirtschaftsverbände als Vertreter von Partikular- und Sonderinteressen angesehen, die sich in Verteilungskoalitionen zu Rent-seeking organisieren und langfristig die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. Demgegenüber stehen Ansätze, die auf ein entwicklungsorientiertes Verhalten von Verbänden als Teil eines leistungsfähigen Umfelds von Unternehmen verweisen. Entwicklungsorientiert bedeutet dabei, dass die Verbände durch Dienstleistungen und Interessenvermittlung einen wichtigen Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes leisten. 3
Da beide Ansätze in der Realität ihre Berechtigung haben, ist in der Entwicklungszusammenarbeit mit Verbänden Vorsicht angebracht. Essenziell ist eine sorgfältige Analyse der zu fördernden Organisation und des Umfelds, um das Potenzial der Verbände richtig einzuschätzen und Schwachpunkte der Verbände aufzudecken. Trotz großer
1 An dieser Stelle gebührt Ingrid Wehr (Universidad de Chile), Sebastian Vergara (CEPAL) und Christian Haldenwang (GTZ) Dank, die den Autor durch wertvolle Hinweise und Kontakte unterstützt haben.
2 Hamalai/Moore (1993): S.1895. Den Bedeutungsgewinn von Unternehmerverbänden thematisieren auch Lucas (1997), Rivarola (2000) und Bartell/Payne (1995): S.257ff.
3 Die Begriffe Rent-seeking und Entwicklungsorientierung sowie die dahinter stehenden Ansätze werden in Kapitel 1.2 ausführlicher behandelt. Ins Deutsche lässt sich der ökonomische Begriff des „Rent-seeking“ wörtlich als „Streben nach Rente“ übersetzen, jedoch hat sich auch im Deutschen die englische Terminologie durchgesetzt.
EINLEITUNG SEITE 2
Fortschritte in der Verbandsforschung stellt sich das Problem, dass es keine systematische Untersuchungsmethode gibt, mit der sich die verschiedenen Faktoren erfassen lassen. “Our understanding of whether, how, and under what conditions these business associations affect growth in the developing world remains unsystematic at best and distorted at worst.” 4 An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeit an:
Zwischen den Polen Rent-seeking und Entwicklungsorientierung geht sie der Frage nach, welche strukturellen Faktoren ein entwicklungsorientiertes, produktives Verhalten von Unternehmerverbänden begünstigen, das eine wirtschaftliche Entwicklung im positiven Sinne beeinflusst. Das Ziel dieser Arbeit ist dabei, bestehende Ansätze in einem Analyseraster zu verbinden, mittels dessen sich Unternehmerverbände auf ihr Potenzial zu einem entwicklungsorientierten Verhalten untersuchen lassen. Anschließend wird dieses Analyseraster in einer praktischen Anwendung zum Einsatz kommen, indem Spitzenverbände in Lateinamerika auf ihre Entwicklungsorientierung hin untersucht werden. Die Arbeit legt auf eine systematische Vorgehensweise Wert. Kapitel 1 leistet eine Einführung in die Thematik, klärt Hintergrundbegriffe und ordnet die Fragestellung ein. Kapitel 2 entwickelt ein aus drei Ebenen bestehendes Analyseraster, das entscheidende, strukturelle Kriterien für die Entwicklungsorientierung von Verbänden identifiziert: Auf der ersten Ebene geht es um die Organisation der Verbände, wo Mitgliederdichte, die Bereitstellung von selektiven Anreizen und interne Interessenmediation ausschlaggebend sind. Auf der Ebene der Staatsstruktur dient das Konzept der embedded autonomy als Referenzrahmen für die dort agierenden Unternehmerverbände. Auf der dritten Ebene werden marktwirtschaftliche Strukturen herausgearbeitet, in denen die im Wettbewerb stehenden Unternehmen diesen Druck an die Verbände weitergeben.
Anhand dieses Rasters untersucht Kapitel 3, inwieweit Verbände in Lateinamerika die oben genannten Bedingungen erfüllen. Als Fallbeispiele dienen Spitzenverbände in Brasilien, Mexiko und Chile. Dabei stellt sich heraus, dass sich die Wirtschaftsverbände Chiles und Mexikos dem Analyseraster stärker annähern, also eine stärkere Entwicklungsorientierung vermutet werden kann, während in Brasilien die Bedingungen in einem weit geringeren Maße erfüllt werden. In Kapitel 4 kommt es zu einer Beurteilung, inwieweit diese Ergebnisse des Analyserasters tragfähig sind, d.h. ob sich das strukturelle Potenzial zur Entwicklungsorientierung in einem tatsächlichen entwicklungsorientierten Verhalten niederschlägt. Dies wird anhand der Beteiligung der untersuchten Wirtschaftsverbände an
4 Doner/Schneider (2000): S.261.
EINLEITUNG SEITE 3
konzertierten Wirtschaftsreformen und beim Abschluss von Handelsabkommen überprüft. In Kapitel 5 werden Stärken und Schwächen der Untersuchungsmethode diskutiert. Mit einem Ausblick, inwieweit sich das Analyseraster auf andere Regionen übertragen lässt, schließt die Arbeit.
1 Einführung in das Forschungsgebiet Wirtschaftsverbände
1.1 Was sind Wirtschaftsverbände?
Doner und Schneider definieren Wirtschaftsverbände als Organisationen, deren Mitglieder individuelle Unternehmer, Firmen oder andere Verbände sind und die mittels formeller Statuten die Mitgliedschaft und die interne Entscheidungsfindung regeln. 5 Es gibt eine Reihe von Definitionen, die darüber hinausgehen; 6 die weite Sichtweise der obigen Definition ist in dieser Arbeit jedoch vollkommen ausreichend und beschränkt nicht die Vielzahl von unterschiedlichen Organisation, die in Entwicklungsländern als Wirtschaftsverbände agieren. Wirtschaftsverbände, im Folgenden auch synonym als Unternehmerverbände bezeichnet, werden meist von Unternehmern als unabhängige Organisationen gegründet, arbeiten überwiegend auf nicht-gewinnorientierter Basis und sind von den Mitgliedern finanziert. In anderen Fällen werden sie als vom Staat abhängige Organisationen mit unterschiedlichen Graden von Autonomie durch eine entsprechende Gesetzgebung geschaffen. 7 Zusammenschlüsse von Unternehmen oder Verbänden, die mehrere Sektoren in sich vereinigen, werden im Folgenden als Dach-, Spitzen- oder umfassende Verbände bezeichnet. Einige Dachverbände sind lose koordinierende Vereinigungen mit wenig Einfluss über die Mitgliedsgruppen. Andere verfügen über ausreichende eigene Ressourcen und Einfluss, um Mitglieder zu disziplinieren und bindende Regeln durchzusetzen. Wirtschaftsverbände vertreten zum einen unternehmerische Interessen gegenüber dem Staat und der Gesellschaft. 8 Sie geben Unternehmern eine politische Stimme und verfügen über ein
5 Vgl. Doner/Schneider (2000): S.280.
6 So wird z.B. auf eine engere Unterscheidung zwischen Kammern, Unternehmer- und Arbeitgeberverbänden verzichtet und auf Schmid (1998): S.160ff. verwiesen. Zur (eher traditionellen) Unterteilung zwischen kontinentaleuropäischem und angelsächsischem Modell von Verbänden vgl. ebd.
7 Vgl. auch Korporatismus in Kapitel 1.1.1.
8 Nach Flothow (2004) lassen sich die Aufgaben von Wirtschaftsverbänden in drei Bereiche einteilen: a) Interessenvertretung, b) Erfüllung staatlich delegierter Aufgaben, c) Service und Dienstleistungen. Cronin (2000) unterscheidet zwischen externen und internen Aktivitäten, Schmitter und Streeck (1999) S.19 unterteilen in “the logic of membership” und „the logic of influence”. Doner/Schneider (2000) kategorisieren Beiträge von Verbänden als positive Antworten auf Staatsversagen oder Marktfehler.
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 4
Spektrum an Mitteln zur Einflussnahme im politischen Prozess (Lobbying). 9 Gegenüber dem Staat können Unternehmerverbände so unterschiedlichen Forderungen (z.B. Regulierung des Marktzugangs) Nachdruck verleihen. Trotz der negativen Konnotation des Wortes ’Lobbying’ handelt es sich hierbei prinzipiell um eine legale Interessenvertretung, solange keine bestehenden Gesetze verletzt werden.
Zum anderen agieren Unternehmerverbände als Dienstleister für ihre Mitglieder, indem sie die Ressourcen ihrer Mitglieder poolen und damit ein Spektrum an Dienstleistungen bereitstellen. Dieser Bereich wird stärker von so genannten Branchen- oder Sektorverbänden ausgefüllt, die sich durch ihre Spezialisierung besser den Bedürfnissen ihrer Mitglieder anpassen können. 10 In den letzten 15 bis 20 Jahren ist ein Wandel im Rollenverständnis und der Aufgabenstellung von Unternehmerverbänden zu verzeichnen, von „Solidargemeinschaften […] zu Dienstleistungsanbietern“. 11 Dieser Prozess ist jedoch in verschiedenen Regionen und Branchen unterschiedlich weit vorangeschritten, in vielen Entwicklungsländern steht er noch in den Anfängen.
Abbildung 1: Aufgabenspektrum von Unternehmerverbänden
9 Als unterschiedliche Einflussformen lassen sich nach Daumann (1999): S.158ff. selektive Informationsweitergabe (z.B. Publikationen), Finanzierung (von Spende bis hin zu Bestechung) und Initiierung kollektiven Handelns (Wahlempfehlung, Streiks, Demos, Boykott) identifizieren.
10 Vgl. GTZ (2004): S.13. Die gesamtwirtschaftlich orientierten Verbände sind hierfür zu allgemein ausgerichtet und private Dienstleistungsanbieter können meist keine kostendeckenden Preise erzielen.
11 Ebd.: S.15.
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 5
Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich alle Unternehmen in Verbänden organisieren. Für bestimmte Unternehmer kann es effektiver sein, ihre Interessen individuell anstatt über eine verbandliche Organisation durchzusetzen. Deshalb muss bei einer Untersuchung der Verbände klar sein, dass Verbände immer nur einen Ausschnitt der Unternehmer eines Landes repräsentieren.
1.2 Ansätze der Verbandsforschung
Generell sind Wirtschaftsverbände ein gut erforschtes Gebiet in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Jedoch konzentriert sich die Literatur regional auf die USA und Westeuropa und Theorien der Verbandsforschung sind stark auf die Gesellschaften der Industrieländer zugeschnitten. Pluralismustheoretische Ansätze, deren Blick sich auf den Einfluss gesellschaftlicher Interessengruppen auf politische Entscheidungsprozesse richtet, dominierten die Diskussion bis in die 70er Jahre hinein. 12 Während in den Sozialwissenschaften durch die Neokorporatismusforschung und neuere Netzwerkanalysen die Wechselbeziehung zwischen Unternehmerverbänden, Staat und der Gesellschaft stärker integriert wurde, thematisierten ökonomisch orientierte Forschungsstränge Verbände und deren Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung meist unter paradigmatisch negativen Annahmen aus Sicht von rational und public choice-Theorien. 13
Unternehmerverbände in Entwicklungsländern waren in den Sozialwissenschaften bis Mitte der 80er Jahre ein vernachlässigtes Gebiet. In Lateinamerika waren Unternehmer aus der Klassenperspektive marxistischer und dependenztheoretischer Ansätze zwar ein Thema, jedoch wurde ihren formalen kollektiven Organisationen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Unter korporatistischen Gesichtspunkten wurden Gewerkschaften stärker untersucht als die Verbände der Arbeitgeberseite. Erst in den 90er Jahren kam Bewegung in die wissenschaftliche Debatte, nachdem deutlich geworden war, das mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
12 Interessengruppen, darunter natürlich Wirtschaftsverbände, können sich in pluralistischen Gesellschaften frei organisieren und konkurrieren miteinander im politischen Willensbildungsprozess. Gegen mächtige Interessen formieren sich Gegeninteressen, sodass sich stets ein Gleichgewicht der Interessen bildet. Vgl. Truman (1951), Birle/Imbusch/Wagner: (1992) und Czada (1994).
Weniger prominent waren funktionalistische Ansätze, in denen z.B. nach Eckstein (1960): S.30f Verbände einen Beitrag zur politischen Integration von Gesellschaftsteilen leisten oder nach Daumann (1999): S.17 Interessen artikulieren, die in Parteien zu kurz kommen.
13 Für eine Übersicht über die Ansätze der „skeptischen Choice-Theorien“ vgl. Tenbuecken (2002). Eine differente Wahrnehmung von Verbänden zeigte sich teilweise in der Literatur mit unterschiedlichem regionalen Hintergrund: In Ländern, die durch das angelsächsische Verbandsmodell geprägt sind, dominierte eher Skepsis gegenüber den Verbänden, während z.B. europäische Literatur dem Verbandswesen positiver eingestellt zu sein scheint.
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 6
Liberalisierung in vielen Entwicklungsländern, insbesondere in Lateinamerika, ein Bedeutungsgewinn von Unternehmern und ihren Verbänden verbunden war. In dieser Zeit wurde auch die Rolle der Unternehmer während der demokratischen Transformation in Lateinamerika in den 80er Jahren aufgearbeitet. 14 Stärker mikro- und mesoökonomische Betrachtungen wie der Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit und die industrielle Cluster-Debatte 15 rückten Wirtschaftsverbände in verschiedenen Disziplinen in den Vordergrund. Mit der Neuen Institutionenökonomik fanden Transaktionskostenanalyse, Prinzipal-Agenten- und collective action-Probleme ihren Eingang in die Verbändeforschung. 16 Politikwissenschaftliche und wirtschaftssoziologische Untersuchungen thematisierten Verbände als Teil der Zivilgesellschaft 17 und lieferten mit der Betonung der Interaktion zwischen privaten und staatlichen Akteuren neue Erkenntnisse über die Entwicklungsstrategien ostasiatischer Schwellenländer. 18 Darauf aufbauend wurden Beziehungen zwischen Unternehmern, ihren Verbände und dem Staat auch in Bezug auf Lateinamerika zum Untersuchungsgegenstand, es entwickelten sich relativ zeitgleich mehrere Forschungsprojekte, die die Verbände der Privatwirtschaft unter die Lupe nahmen. 19 Aus dieser Übersicht werden im Folgenden drei Forschungsansätze ausführlicher behandelt: Zum einen ist der Korporatismusansatz als Hintergrundbegriff von Relevanz. Zum anderen bildet die Gegenüberstellung von Olsons Theorie der Interessengruppen (als Vertreter von rational choice) und der Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit ein theoretisches Spannungsfeld, aus dem die Fragestellung der vorliegenden Arbeit hervorgeht.
1.2.1 Hintergrundbegriff Korporatismus
Wer sich zum einen mit Wirtschaftsverbänden und zum andern mit Lateinamerika beschäftigt, kommt am Begriff des Korporatismus nicht vorbei. Wiarda bezeichnete Anfang der 80er Jahre
14 Vgl. Bartell/Payne (1995).
15 Vgl. Porter (1990).
16 Vgl. Doner/Schneider (2000b): S.3. Nach Schneiberg und Hollingsworth (1991) können Ansätze der Neuen Institutionenökonomik nur bestimmte Aspekte wie z.B. die organisatorische Entwicklung erklären, nicht aber warum sie entstehen bzw. weiter bestehen.
17 Vgl. Putnam (1993).
18 Vgl. u.a. Deyo (1987) und Evans (1989/1995).
19 Schneider (2004) betont die Rolle des Staates bei der Gründung von Unternehmerverbänden, Silva (1996/98) zeigt wie unterschiedliche Interaktionsmuster sich auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken, Maxfield/Schneider (1997) stellen Krise und Bedrohung als zentrale Faktoren heraus, die staatlich-private Interaktionsmuster beeinflussen. Pérez-Alemán (1998/2003) stellt anhand eines lernzentrierter Ansatzes den staatlichen Einfluss auf Verbände dar. Den theoretischer Entstehungsprozess von Interessensgruppen untersucht Daumann (1999): S.31ff.
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 7
Korporatismus als “the dominant political-cultural and institutional framework in Latin America within which political and social life is organized”. 20
Phillipe Schmitter, Begründer der modernen Korporatismusforschung, definiert Korporatismus als ein System der Interessenrepräsentation, in dem Interessen durch staatlich anerkannte oder lizenzierte Gruppen (mit einem Repräsentationsmonopol für einen Sektor der Gesellschaft) mit der Regierung verbunden sind. 21 Aus der Kritik an pluralismustheoretischen Konzepten heraus sieht der Korporatismus eine aktive und steuernde Rolle des Staates und betont, dass Verbände nicht nur Druck auf den Staat ausüben, sondern unter Umständen auch gegenüber ihren Mitgliedern eine disziplinierende Rolle einnehmen. 22 Zur weiteren Klärung des Begriffs wird zwischen zwei unterschiedlichen Ausprägungen von Korporatismus unterschieden, dem so genannten Staats- oder auch autoritären Korporatismus und Neokorporatismus (auch liberaler oder gesellschaftlicher Korporatismus genannt). 23
Staatskorporatismus
Staatskorporatismus ist ein staatlich verordnetes System von Interessenrepräsentation: Interessen werden direkt vom Staat durch funktional abgegrenzte Zwangsverbände mit hierarchischer Struktur organisiert. Der Staat garantiert den Verbänden ein Repräsentationsmonopol für gesellschaftliche Sektoren, gleichzeitig restringiert er das Verhalten und die Führung von Verbänden. Als klassische Beispiele für Staatskorporatismus stehen die autoritären Systeme auf der iberischen Halbinsel der 30er Jahre. Generell wird der autoritäre Korporatismus jedoch eher als Phänomen der Dritten Welt angesehen, besonders in Lateinamerika, wie Wiardas Zitat am Anfang des Kapitels belegt.
Neokorporatismus
In Abgrenzung vom autoritären Korporatismus kommt der liberale Korporatismus weitgehend ohne staatliche Restriktionen aus, das System etabliert sich vielmehr aus der Gesellschaft heraus. Der Neokorporatismus ist gekennzeichnet durch eine strukturierte, freiwillige Beteiligung von staatlich anerkannten Interessengruppen am politischen Prozess und wechselseitigen Verhandlungen zwischen dem politisch-administrativen System einerseits und
20 Wiarda (1981): S.xii.
21 Vgl. Schmitter (1979): S.13.
22 Vgl. Birle/Imbusch/Wagner (1992): S.34.
23 Vgl. Schmitter (1979): S.20ff. Beim Begriff des Korporatismus kommt es immer wieder zu Missverständnissen, was daran liegt, dass zwischen den beiden Formen nicht immer trennscharf unterschieden wird bzw. der Begriff verwendet wird, ohne ihn zu definieren. Für einen Überblick über die Entwicklung des Korporatismusbegriffs vgl. Czada (1994).
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 8
starken, meist zentralisierten Verbänden (u. U. mit Zwangsmitgliedschaft) andererseits. Diese Form des Korporatismus ist eher in europäischen Gesellschaften in unterschiedlich ausgeprägter Form anzutreffen (z.B. Skandinavien und Deutschland). 24
Im Rahmen der Arbeit werden korporatistische Elemente beider Spielarten sichtbar, gerade weil es in den Fallbeispielen um die eher politisch aktiven Spitzenverbände der Wirtschaft geht: Während in Chile der Staatskorporatismus durchweg keine große Rolle spielte, wurde er in Mexiko seit den 70er Jahren immer weiter zurückgedrängt. Brasiliens Verbändelandschaft ist dagegen bis heute durch die Hinterlassenschaft des autoritären Korporatismus der 30er Jahre geprägt. Natürlich hatte der Staatskorporatismus generell signifikante Folgen für die organisatorische Form, Entwicklung und das Vorgehen von Verbänden, doch ist er in den Fallbeispielen von unterschiedlicher Relevanz und impliziert per se keine eindeutigen Folgen für die Entwicklungsorientierung von Wirtschaftsverbänden.
Auch neokorporatistische Elemente werden sichtbar, z.B. in Evans Konzept der embedded autonomy (Kapitel 2.2) oder bei den konzertierten Verhandlungen zu Beginn der Demokratisierung in Chile (4.1.1). Doch ist eine Übertragung dieses im Grunde europäischen Konzepts, das den Verhandlungscharakter zwischen Wirtschaft und Gewerkschaften und dem Staat als Vermittler hervorhebt, auf Lateinamerika problematisch. Generell sind gesellschaftliche Interessen in Lateinamerika im Vergleich zu Europa oder den USA nicht gut organisiert. Besonders die Organisation der Arbeitnehmer ist sehr viel schwächer ausgeprägt und Wirtschaftsverbände sind nicht genug entwickelt, um die Steuerungsleistung eines neokorporatistischen Systems zu vollbringen. 25 Obwohl die Korporatismustheorie deshalb explizit nicht als leitender Ansatz in der Arbeit verwendet wird, ist die Kenntnis dieser Theorie für ein Verständnis des Themengebiets essenziell. Denn wie Hamalai und Moore konstatieren: “A degree of corporatism is inherent in any stable arrangement for consultation between societal interests and state agencies.” 26
1.2.2 Theoretisches Spannungsfeld
Zur Einordnung der Fragestellung und als theoretisches Spannungsfeld, in dem das Thema diskutiert wird, werden im Folgenden als Vertreter der skeptischen Choice-Ansätze Olsons
24 Vgl. Lehmbruch (1979): S.53ff.
25 Vgl. Bartell/Payne (1995): S.267-270 und Klein (1996): S.60.
26 Hamalai/Moore (1993): S.1908.
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 9
Theorie der Interessengruppen und der Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber gestellt.
Olsons Theorie der Interessengruppen
Mancur Olsons Theorie der Interessengruppen zeigt aus ordnungspolitischer Perspektive, wie organisierte Interessen durch Rent-seeking und Lobbyismus einen allmählichen Niedergang der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und Anpassungsfähigkeit bewirken. Rent-seeking bezeichnet dabei ein Verhalten ökonomischer Akteure, das darauf zielt, staatliche Eingriffe in die marktvermittelte Ressourcenallokation herbeizuführen und den Akteuren künstlich geschaffene Renteneinkommen sichert. 27
Olson bindet dieses Konzept in „The Rise and Decline of Nations“ explizit an Interessengruppen und damit auch an Wirtschaftsverbände. 28 Demnach kann eine Interessengruppe ihre Ressourcen so einsetzen, dass sie bildlich gesprochen ihre Mitglieder darin unterstützt, den Kuchen, den die Gesellschaft eines Landes produziert, zu vergrößern. Die Mitglieder verfügen dann über größere Stücke, auch wenn sie die gleichen Anteile halten wie zuvor. Oder aber die Organisation betreibt Rent-seeking und nutzt ihren Einfluss dazu, staatliche Akteure zu politischen Eingriffen zu bewegen, die den Anteil am Kuchen für ihre Mitglieder vergrößern, in diesem Fall also zu Lasten anderer Bevölkerungsgruppen. 29 Olson macht deutlich, dass eine Organisation für kollektives Handeln, d.h. auch ein Unternehmerverband, unter rationalen Gesichtspunkten zu Rent-seeking-Verhalten tendiert, da sie im anderen Fall die gesamten Kosten des Handelns trägt, jedoch nur zu einem Teil davon profitiert:
27 Der Begriff und das Konzept des Rent-seeking geht auf Kruger (1974) zurück (vgl. auch Bhagwati (1982)). Neu an Krugers Argument war nicht, dass organisierte Interessen Renten suchen, sondern dass staatliche Intervention und die Existenz von Renten Rent-seeker schafft. Je größer der Eingriff des Staates in die Wirtschaft, umso größer die Anreize für Unternehmer, sich politisch zu mobilisieren, um die staatliche Intervention zu beeinflussen. Das Phänomen des Rent-seeking wird oft mit dem etatistischen Entwicklungsmodell und der Importsubstituierenden Industrialisierung in Verbindung gebracht, generell ist es aber in jedem System zu finden. Zur Definition vgl. Märtz (1990): S.26. Ökonomisch gesprochen versteht man unter einer Rente „den Teil des Ertrags einer ökonomischen Aktivität, der über deren Opportunitätskosten hinausgeht.“ Bernholz/Breyer (1994): S.194. Eine Abgrenzung von Lobbying und pluralistischer Interessenvertretung ist kaum möglich, zu bedenken ist auch, dass ohne Gewährung von bestimmten Renten (z.B. Patente) einige Investitionen nicht getätigt würden. Vgl. Prizl (1996): S.206. Einen kritischen Überblick über verschiedenen Rent-seeking Konzepte leistet Ashoff (1988): S.103-125.
28 Vgl. Olson (1982), aufbauend auf Olson (1965). Für einen kurzen Abriss über Mancur Olsons Lebenswerk vgl. Faust (2002), eine Zusammenfassung der kritischen Auseinandersetzung mit Olson findet sich bei Braun (1999): 121-137. Olsons Sichtweise auf Verbände verdüsterte sich mit der Zeit immer mehr: 1993 argumentiert er, dass eine wirtschaftliche Interessengruppe eine sehr partikulares, anstatt umfassenderes Interesse vertritt, was oft negativere Folgen hat als das Handeln eines so genannten „stationären Banditen“. Vgl. Olson (1993): S.567-576.
29 Vgl. Olson (1991): S.53.
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 10
„The organizations for collective action within societies that we are considering are therefore overwhelmingly oriented to struggles over the distribution of income and wealth rather than to the production of additional output - they are ‘distributional coalitions’ (or organizations that engage in what, in one valuable line of literature, is called ‘rent seeking’).” 30
Dies führt zum von Olson propagierten „Decline of Nations“: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit schwindet, je länger Interessengruppen am Werk sind, ohne dass das gesellschaftliche und politische System durch einen Schock (z.B. einen Krieg) neu geordnet wird. 31
Der Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit
Entgegen den Annahmen des einflussreichen Theoriestranges von Olson stehen Konzepte funktioneller Ausrichtung, die die Bedeutung von unternehmerischen Zusammenschlüssen für die wirtschaftliche Entwicklung hervorheben und die die chronisch negativen Annahmen gegenüber Verbänden zurückweisen. Folgt man dem Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit reichen stabile makroökonomische Bedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen nicht aus. Erfolgreiche industrielle Entwicklung fußt ebenso auf einem leistungsfähigen Umfeld, das die Anstrengungen von Unternehmen oder einer Gruppe von Unternehmen (Cluster) unterstützt. 32 Esser et al. führen daher zu den geläufigen Betrachtungsweisen der Mikro- und Makroebene den Begriff der Mesoebene ein. 33
Die Aufgabe der Schaffung dieses leistungsfähigen Umfelds kommt jedoch nicht allein dem Staat zu, bei deren Erfüllung spielen verschiedene nichtstaatliche Akteure eine wichtige, mitunter sogar führende Rolle. Wirtschaftsverbände bilden einen Teil der Mesoebene und werden als Basis für unternehmerische bzw. öffentlich-private Kooperation verstanden. Sie gelten als Ausgangspunkt für Initiativen, die der Verbesserung der kollektiven Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsektors dienen:
„Demnach sind Kammern und Verbände Organisationen der Wirtschaft, die vom Ansatz der systemischen Wettbewerbsfähigkeit her gesehen als Mittler (Meso-Ebene) zwischen den Unternehmen (Mikro-Ebene) und dem Staat (Makro-Ebene) fungieren und darüber hinaus Dienstleistungen zur Förderung der Wirtschaft erbringen.“ 34
30 Olson (1982): S.44.
31 Eine Literaturstudie zu dieser These findet sich bei Daumann (1999): S.226-232. Olsons theoretischen Ansätzen folgend wurde viel Aufmerksamkeit in die Entwicklung von Rezepten gesteckt, wie die Gefahren von Rentseeking und Verteilungskoalitionen reduziert werden können, besonders im Rahmen des Washington Consensus und in Lateinamerika in den 80er Jahren.: „Diagnoses of rent seeking lead directly to prescriptions for market-oriented reform.“ Maxfield/Scheider (1997): S.16.
32 Vgl. Esser/Hillebrand/Messner/Meyer-Stamer (1994): S.37.
33 Vgl. Ebd. S.37. Auch wird eine Metaebene eingeführt, darin spielen Faktoren wie die Strategiefähigkeit von Akteuren eine Rolle. Vgl. auch GTZ (2004): S.10-14.
34 Esser/Hillebrand/Messner/Meyer-Stamer (1994).
1 EINFÜHRUNG IN DAS FORSCHUNGSGEBIET WIRTSCHAFTSVERBÄNDE SEITE 11
Diese Betrachtungsweise betont stärker die Rolle der Verbände als Anbieter auf dem Markt für Dienstleistungen, entscheidend ist jedoch in diesem Ansatz auch ihre „Mittlerfunktion“ zwischen dem Staat und den Unternehmen. 35
1.3 Die Suche nach der Developmental Association
Empirische Studien aus unterschiedlichen Disziplinen und theoretischen Perspektiven zeigen, wie Unternehmerverbände in einer Vielzahl verschiedener Kontexte die wirtschaftliche Leistung in Entwicklungsländern beeinflussen - Positiv wie Negativ. Pérez-Alemán zeigt beispielsweise, wie Verbände Lernprozesse in chilenischen Unternehmen im Agrarsektor in Gang setzten und viel zur Erhöhung ihrer kollektiven Wettbewerbsfähigkeit beitrugen. Auf der anderen Seite belegt Zurbriggen, wie Industrieverbände in Uruguay mit ihren Forderungen nach Neuzuteilungen von Import- und Exportquoten sich in Rent-seeking-Manier über Jahre durchsetzten, anstatt produktivitätserhöhende Dienstleistungen für die Mitglieder zu entwickeln. 36 Es zeigt sich also, dass sowohl Olsons Ansatz als auch die Sichtweise der Verbände im Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit in der Realität Bestätigung finden: 37
“Experience suggests that these institutions [i.e. business associations, Anmerk. d. Verf.] are schools for corruption and strategic advantage in the tradition of Olsonian distributive coalitions as often as they are schools for dynamic efficiency and collective welfare.” 38
Ein Richtungsstreit, welcher Ansatz mehr Erklärungskraft besitzt, hilft hier nicht weiter. Die relevante Frage ist vielmehr, warum oder unter welchen Umständen sich Verbände auf die eine oder andere Weise verhalten? 39
In dieser Arbeit liegt der Fokus auf den Umständen, unter denen Verbände eher zu einem entwicklungsorientierten Verhalten tendieren, wie es durch den Ansatz der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit beschrieben wird. Entwicklungsorientiert heißt, dass sie durch ihr Verhalten einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung einer Volkswirtschaft leisten. Solche
35 Dass es auch Probleme bei der Arbeit mit den Verbänden geben kann, wird dabei anerkannt, vgl. Altenburg (2001).
36 Vgl. Pérez-Alemán (2003) und Zurbriggen (im Erscheinen).
37 Diese Studien, in denen Verbände positive Beiträge leisten, widerlegen nicht Olsons Argument, dass Verbände natürlicherweise Renten suchen, sondern sie zeigen, dass bestehende theoretische Ansätze die Bedingungen nicht erfassen, unter denen Verbände einen produktiven Beitrag leisten. Ebenso wenig erklärt der Ansatz der systemischen Wettbewerbsfähigkeit das Versagen vieler Organisationen der Mesoebene.
38 Doner/Schneider (2000): S.278.
39 Dabei ist eine Unterteilung in “olsonsche” und Verbände, die im Sinne der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit agieren, nicht immer eindeutig: Schneiberg und Hollingsworth (1991) zeigen beispielsweise, wie Verbände, die anfangs Rent-seeking betreiben, durch diese Renten eine organisatorische Kapazität entwickeln, um Transaktionskosten zu reduzieren und Effizienz von Unternehmen zu fördern.
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Verbände werden im Folgenden nach Sabel als developmental associations bezeichnet. 40 Mit welchen Aktivitäten - in Abgrenzung zu den strukturellen Merkmalen, die in Kapitel 2 herausgearbeitet werden - developmental associations einen Beitrag zu wirtschaftlicher Entwicklung leisten, soll im Folgenden kurz deutlich gemacht werden. 41 Dabei kann man von internen, externen und delegierten Leistungen sprechen:
Unter interne Leistungen fallen Serviceleistungen von Verbänden, die die Unternehmen bei ihrer Geschäftstätigkeit unterstützen. Zur breiten Palette an potenziellen Dienstleistungen gehören beispielsweise die Bereitstellung von Informationen, Publikationen, Seminaren, Kontakten/Kontaktbörsen zu anderen Mitgliedern und zu neuen Geschäftspartnern, Rechtsberatung, Markt- und Preisstudien, Zertifizierung, Qualitätsupgrading, Aus- und Weiterbildung, technische Unterstützung sowie horizontale bzw. vertikale Koordination zwischen Unternehmen. 42
Externe Leistungen beziehen sich auf eine entwicklungsorientierte Interaktion mit dem Staat. In der Literatur wird hierfür oft der Begriff der growth coalition gebraucht. 43 Developmental associations “act as intermediaries between business and government and help to improve the effectiveness of government in its wider regulatory and institutional contribution to the economy”. 44 Zum Beispiel unterstützen sie staatliche Akteure durch die Bereitstellung von Informationen, die die Grundlage für staatliche Maßnahmen bilden. Zudem ermitteln sie durch die Aggregierung von Unternehmerinteressen ein Bild der drängenden Probleme, die eine wirtschaftliche Entwicklung bremsen. Durand und Silva bezeichnen sie deshalb als „transmission belts, nodal points for the exchange of information between the state and the private sector”. 45 Mit der Forderung nach einer Verbesserung der allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Artikulierung von Missständen bei der Bereitstellung wichtiger öffentlicher Güter (z.B. Eigentumsrechte, Infrastruktur, eine effiziente und unkorrupte Verwaltung) vertreten Verbände Interessen, die die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen verbessern und von denen zum Teil breite Kreise der Gesellschaft profitieren. 46
40 Sabel (1994): S.149.
41 Hierdurch kommt es zu einer Begriffserweiterung, Sabel legt den Fokus auf learning by monitoring.
42 Vgl. Bernal/Jaramillo/Pinto (1999): S.35ff und Doner/Schneider (2000): S.264-269. Auch wenn sowohl Bennet (1998a) als auch Doner/Schneider (200b) den Wert von Verbandsdienstleistungen relativieren, gilt doch langfristig: „In the context of market liberalization, in which the state is reducing its roll in the economy, the need for services that increase the capacity of each firm to operate successfully in the new business environment should only increase.” Cronin (2000): S.2.
43 Vgl. Bräutigam/Rankner/Taylor (2002).
44 Bennett (1998): S.1367.
45 Durand/Silva (1998): S.29.
46 Aufgrund einer asymmetrischen Informationsverteilung und eines inhärenten Prinzipal-Agenten-Problems zwischen Staatsakteuren und Unternehmern ist die Verlässlichkeit der Informationen jedoch nicht gesichert.
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Zwischen internen und externen Leistungen sind staatlich delegierte Aufgaben anzusiedeln. Streek und Schmitter argumentieren, dass Wirtschaftsverbände bestimmte Staatsaufgaben übernehmen können, und bezeichnen dies als Private Sector Governance. Dem öffentlichen Sektor bleiben diese Aufgaben erspart, dafür wird dem Privatsektor eine größere Gestaltungsmöglichkeit bei deren Ausführung eingeräumt. Die Verbände haben oft ein detaillierteres Wissen über die zu regelnden Probleme und die besseren Experten. So kann Private Sector Governance mitunter effektiver sein als eine direkte staatliche Intervention, gerade in Entwicklungsländern mit chronisch ineffizienten Bürokratien. 47 Die Literatur bietet zahlreiche, aber meist isolierte Beispiele von produktiver Entwicklungsorientierung von Verbänden. Eine systematische Untersuchungsmethode fehlt jedoch. 48 Daher ermittelt das folgende Kapitel strukturelle Faktoren, die beeinflussen, inwieweit sich Verbände im Sinne von developmental associations verhalten, und entwickelt ein Analyseraster, anhand dessen Verbände auf ihre Entwicklungsorientierung hin untersucht werden können. 49
2 Determinanten von entwicklungsorientiertem Verhalten von Verbänden
Ziel von Verbandsförderung ist es, die Wirtschaftsorganisationen in die Lage zu versetzen, Beiträge zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Branche bzw. ihres Landes und zum politischen Willenbildungsprozess zu leisten. 50 Grundlage dafür muss eine umfassende Kenntnis von Faktoren sein, die die Arbeit von Unternehmerverbänden in Entwicklungsländern maßgeblich beeinflussen. Um die Determinanten von Entwicklungsorientierung der Wirtschaftsverbände zu ermitteln, kann auf vorhandenen Beiträgen aufgebaut werden. Besonders Eduardo Silva, Sylvia Maxfield, Richard Doner und Ben Schneider haben sich in diesem Forschungsbereich hervorgetan. Jedoch mangelt es an einer systematischen
Verbände können dieses Problem zumindest entschärfen, denn sie befinden sich in einer besseren Position, um Informationen von ihren Mitgliedern zu sammeln. Ihnen gegenüber haben die Unternehmer mehr Vertrauen und werden eher Informationen korrekt preisgeben, um eine richtige und bessere Basis für staatliche Entscheidungen herzustellen. Vgl. Schmitter (1985): S.46 und Schmitter/Streek (1999): S.32f. Jacek sieht das besonders bei schwachen Staaten als gegeben: „The weaker the state, the more reliant government agencies are on BIAs [Business interest organizations, Anmerk. d. Verf.] for the necessary information needed for state decisions.” (2000): S.50.
47 Vgl. Schmitter/Streeck (1985), Tenbuecken (2002): S.21 und Maxfield/Schneider (1997): S.21.
48 Streeck und Schmitter (1999 bzw. 1981) bieten einen Rahmen zur Untersuchung von Verbänden in Industrieländern. Dieser Ansatz eignet sich jedoch für Entwicklungsländer nur bedingt.
49 Bei Nicod (1999): S.34ff finden sich Bedingungen, die Entwicklungsorientierung bremsen.
50 Vgl. GTZ (2004): S.29.
2 DETERMINANTEN VON ENTWICKLUNGSORIENTIERTEM VERHALTEN SEITE 14
Verknüpfung der bisherigen Erkenntnisse, weshalb im Folgenden bestehende Ansätze in eine Analyseraster zusammengeführt werden. Als Ausgangspunkt findet sich bei Silva eine Anleitung zur Untersuchung von Faktoren, die die Entwicklungsorientierung beeinflussen:
“Close attention should be paid to the characteristics of business organization, both associations and firms, on the one hand, and state institutions on the other. Greater concern for the interaction between them in the policy process, whether personalist or institutionally based, may also be needed.” 51
Doner und Schneider zielen in einem wegweisenden Artikel über entwicklungsorientiert arbeitende Verbände ebenfalls auf interne Charakteristika der Verbände. Sie kombinieren diese jedoch nicht wie Silva mit dem Interaktionsaspekt zwischen Staat und Verbänden, sondern mit marktwirtschaftlichem Wettbewerb:
„The associations that engage in these developmental activities tend to be well organized and staffed. This institutional strength depends in turn on high member density, valuable selective benefits (often delegated by governments), and effective internal mediation of member interests. In addition, external factors, especially competitive markets […], encourage associations to use their institutional strength for productive ends.” 52
Führt man die Beiträge von Silva und Doner/Schneider zusammen, lassen sich für das Analyseraster drei Ebenen identifizieren, die den Kernbestandteil einer Untersuchung der Entwicklungsorientierung von Verbänden bilden:
Die erste Ebene thematisiert Charakteristika auf der Organisationsebene der Verbände. Auf der zweiten Ebene geht es um wesentliche institutionelle Merkmale von staatlichen Institutionen als auch um die von Silva geforderten Interaktionsformen zwischen Wirtschaftsverbänden und deren staatlichen Counterparts. Auf der dritten Ebene werden marktwirtschaftliche Strukturen als externe Faktoren herausgearbeitet, in denen im Wettbewerb stehende Unternehmen diesen Druck an die Verbände weitergeben.
2.1 Interne Verbandscharakteristika
Im vorigen Kapitel wurden Beispiele genannt, wie Verbände durch Dienstleistungen ihren Mitgliedern zu mehr Wettbewerbsfähigkeit verhelfen und im Sinne von Entwicklungsorientierung mit dem Staat interagieren. Viele Verbände sind dazu jedoch nicht in der Lage, da sie in einem Teufelskreis aus einer unzureichenden finanziellen Ausstattung und einem dürftigen Spektrum an Dienstleistungen und Mechanismen zur Interessenvertretung feststecken. Oft mangelt es schon an elementaren Informationen über die eigenen Mitglieder.
51 Silva (1996): S.302.
52 Doner/Schneider (2000): S.261.
2 DETERMINANTEN VON ENTWICKLUNGSORIENTIERTEM VERHALTEN SEITE 15
Entwicklungsländer sind voll von Verbänden, die aus einer Telefonliste, einem Präsidenten und einer kleinen jährlichen Versammlung bestehen. 53
Solche Verbände sind generell kaum in der Lage, die Entwicklung eines wettbewerbsfähigen Privatsektors zu unterstützen. „Poor, unrepresentative, and understaffed associations are rarely capable of redressing state and market failures, so associations first need institutional strength or capacity to perform positive economic functions.” 54 Institutionelle oder organisatorische Stärke zielt hierbei auf interne Charakteristika, vor allem materielle Ressourcen (und nicht auf die Menge an Macht oder Einfluss im politischen System), ist jedoch wenig verbreitet unter den tausenden Organisationen, die in den Bereich der Unternehmerverbände fallen. Grundlegende Informationen darüber sind überraschenderweise selten. 55 Mit ihrem bereits zitierten Aufsatz füllen Doner und Schneider diese Lücke und untersuchen interne organisatorische Dimensionen von Verbänden, die im Sinne von Sabels developmental associations arbeiten. Trotz unterschiedlichster Organisations- und Arbeitsstrukturen von Verbänden identifizieren Doner und Schneider folgende Punkte als gemeinsamen Nenner von institutioneller Stärke: 1) eine hohe Mitgliederdichte, 2) die Bereitstellung von wertvollen selektiven Anreizen und 3) effektive interne Prozeduren zur Mediation von Mitgliederinteressen. 56 Diese Faktoren bilden die erste Ebene des Analyserasters.
2.1.1 Hohe Mitgliederdichte
Verbände, die einen positiven Beitrag zur Entwicklung des Privatsektors leisten, verfügen tendenziell über eine hohe Mitgliederdichte. Zum einen sichert diese die finanzielle Basis, denn durch mehr Mitglieder, die im Normalfall gestaffelt nach Finanzkraft einen Grundbetrag bezahlen, stehen mehr Mittel für Verbandsaktivitäten zur Verfügung. Zum anderen wächst mit den Mitgliedern die Legitimität des Verbands, deren Interessen gegenüber dem Staat zu vertreten, da sie einen größeren Ausschnitt der Wirtschaft repräsentieren. Damit steigt auch die Verpflichtungsfähigkeit der Unternehmerverbände, d.h. Absprachen mit dem Staat können von den Verbänden mit mehr Mitgliedern eher nachgehalten werden: 57 „A weak association, with
53 Vgl. SEQUA (1997): S.1f und Doner/Schneider (2000b): S.14.
54 Doner/Schneider (2000): S.271ff. Eigene Hervorhebung.
55 Das Center for International Private Enterprise legt einen Ratgeber für effiziente Gestaltung eines Verbands vor. Vgl. CIPE (1997).
56 Vgl. Doner/Schneider (2000): S.274.
57 So argumentiert Weßels (2000).
2 DETERMINANTEN VON ENTWICKLUNGSORIENTIERTEM VERHALTEN SEITE 16
low degrees of representativity, cannot deal with the state on key issues in the same way as a strong and highly representative association.” 58
Die Mitgliederdichte bemisst sich am Anteil des von den Mitgliedern produzierten Outputs am Gesamtertrag eines Sektors oder der Wirtschaft. 59 Die von einigen Verbänden dazu veröffentlichten Zahlen lassen sich als Richtlinie verwenden, auch wenn sie aus öffentlichkeitswirksamen Gründen eher zu hoch liegen dürften. 60 Verbände mit einer sehr hohen Dichte verfügen quasi über eine Monopolrepräsentation. Diese ist jedoch fast ausschließlich durch Zwangsmitgliedschaft in einer korporatistischen Gesetzgebung zu erreichen. In pluralistischen Systemen ohne Zwangsmitgliedschaft liegt es an den Unternehmen, ob sie einer Vereinigung beitreten oder wieder austreten - meist eine Abwägung von Kosten und Nutzen. Dabei kann es auch zur Ausbildung von rivalisierenden Verbänden kommen: Dies kann auf der einen Seite aufgrund der Wettbewerbssituation zur Bereitstellung besserer Leistungen führen, auf der anderen Seite reduziert die Rivalität die Kapazität der Verbände, das Mitgliederverhalten zu beeinflussen und Mehrheitsentscheidungen auszuführen. Denn der alternative Verband macht einen Austritt oder ein Abwandern der Unternehmen mit der Minderheitsmeinung an die Konkurrenz glaubhaft.
Die Mitgliedsdichte hängt eng zusammen mit der Bereitstellung selektiver Anreize, dem nächsten Punkt auf der Ebene der internen Charakteristika.
2.1.2 Selektive Anreize für Mitglieder
Selektive Anreize entstehen durch Leistungen der Verbände, die ausschließlich den Mitgliedern zu Gute kommen. 61 Diese Anreize üben eine Anziehungskraft auf potenzielle Mitglieder aus und sind ein wichtiger Grund, warum Unternehmen Verbänden beitreten und Mitglied bleiben. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei Olsons Theorie zu kollektivem Handeln: „The source of extensive collective action (and high density), Olson taught us, is the provision of selective incentives. When associations have crucial benefits that they can offer to members only, membership is valuable and exit becomes costly.” 62 Mittels selektiver Anreize lassen sich größere und heterogene Gruppen für kollektives Handeln zusammenhalten, die normalerweise
58 Durand (1992): S.6. Zudem verleiht eine hohe Dichte den Entscheidungen des Verbands mehr Autorität und erhöht den „Gruppenzwang“, Mitglied zu sein.
59 Der Fokus liegt auf dem Anteil des Output anstatt der Mitgliederzahl, da diese Gewichtung der Bedeutung großer Unternehmen für Verband und Politik gerecht wird.
60 In einem dem Autor durch ein Verbandspraktikum bekannten Beispiel wurde mit “ca. 1000“ anstatt der wirklichen 700-800 Mitglieder geworben.
61 Vgl. Olson (1982): S.21. Leistungen, die selektive Anreize setzen, stehen im Gegensatz zu kollektiven/öffentlichen Gütern, von deren Nutzung niemand ausgeschlossen werden kann.
62 Doner/Schneider (2000): S.271 beziehen sich dabei auf Olson (1965): S.133-150.
Arbeit zitieren:
M.A. Stephan Ulrich, 2006, Zwischen Rent-Seeking und Entwicklungsorientierung - Unternehmerverbände in Lateinamerika, München, GRIN Verlag GmbH
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Autoritarismus als gesellschaftliches Phänomen
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