Einleitung
Der folgende Text gibt einen kompakten und sehr konzentrierten Überblick über die Notwendigkeiten der literaturwissenschaftlichen Interpretation. Er eignet sich hervorragend zu schriftlichen Prüfungsvorbereitung, zum Lernen literaturwissenschaftlicher Kategorien oder zum Verfassen literaturwissenschaftlicher Texte.
Literaturwissenschaft untersucht die Systematik der endlichen Darstellungsmöglichkeiten eines Textes. Literatur versteht sich dabei als sekundäres Zeichensystem, das keine Referenz zur Wirklichkeit besitzt, aber als Simulation zu betrachten ist. Die Literatur bezieht sich auf andere Zeichensysteme, das sekundäre Zeichensystem thematisiert ein Schema aus der Alltagskommunikation. So entsteht die Fragestellung der Konstruktion und Darstellung des literarischen Textes.
Es gibt v.a. die folgenden neun Strukturmomente, die bei einer Interpretations- und Analyseklausur besonders zu beachten sind. Dasselbe trifft natürlich für Hausarbeiten und wissenschaftliche Aufätze zu.
1. Räume: Raumstruktur
Räume bilden die Ermöglichung einer Handlung und besitzen zusätzliche Bedeutung, wie z.B. Herrschaftspraxis sowie Lebens- und Werthaltungen. Bei Goethes Emilia Galotti ist der Raum des Kabinetts der Ort, an dem politische Entscheidungen absolutistisch getroffen werden. Zusätzlich wird aber über Frauen geredet und dies erzeugt gleich Spannung, denn der Fürst überschreitet damit eigentlich seine Machtbefugnisse. Die Raumsemantisierung ist hier bei Goethe ziemlich schwach, denn die Personen dürfen selber sprechen und müssen nicht (extern) beschrieben werden.
Es besteht insofern ein funktionaler Zusammenhang der Elemente, als durch den Raum die Figuren charakterisiert werden. Von den Begrifflichkeiten her unterscheidet man zwischen
a) erzählten Räumen (dies sind die Räume, von denen erzählt wird bzw. der Welt- und Wirklichkeitszusammenhang der Geschichte) und
b) Erzählraum (als fiktives Konstrukt: das ist der Raum, den der fiktive Erzähler einnimmt) und
c) Erzählraum + erzählter Raum ergeben das Raumkonzept Insgesamt sind vier Möglichkeiten vorhanden erzählte Räume zu konstituieren:
1. direkte Beschreibung durch den Erzähler
2. Figuren und ihre Anlegung
Figuren sind gekennzeichnet durch den Aufbau charakteristischer (Räumlichkeiten, die einer Figur zugemessen werden) Handlungen, auch als Merkmalszuschreibungen. Entscheidend ist die Struktur bzw. Fähigkeit der Figur, über sich selber zu reflektieren (Kriterium der Reflektiertheit der Figur).
Figurenkonstruktion geschieht immer durch Merkmalszuweisungen:
a) direkt: Selbstcharakterisierung und direkte Charakterisierung durch den Erzähler und
b) indirekt: Beschreibung des Erzählers und Handlungsweisen.
3. Ereignis und Tat
Ereignisse und Taten entstehen, indem Figuren Raumgrenzen überschreiten. Dabei gilt, dass je höher die Raumgrenze ist, desto ereignishafter ist das Geschehen zu interpretieren. Hier liegt dann also besonders hoher Interpretationsbedarf.
4. Verhältnis zur Zeit
Im Verhältnis der Figur zur Zeit drückt sich ihre Charakterisierung aus. Dabei gibt es sechs Zeitdimensionen zu differenzieren:
1. Reflexionsmoment
2. Figurencharakteristik
3. Ereignisabfolge
4. Datierung
5. Verhältnis des fiktiven Textes zur Realzeit
6. Ereignisabfolge: narratives Nachholen/Voraussehen
Literaturwissenschaftlich bedeutsam ist v.a. das Verhältnis von Erzählzeit als Zeitaufwand, der benötigt wird, um die Geschichte zu rezipieren (48 Seiten oder 1 Stunde) und erzählter Zeit als
Zeitdauer, die das erzählte Geschehen in Wirklichkeit ausfüllen würde. Hierbei gilt es erneut verschiedene Varianten zu beachten:
5. Text-Kontext-Relationen (Altertümelnd: Intertextualität)
Jeder Text befindet sich in einer literarischen Reihe. So versteht sich der realistische Roman des 19 Jh. im Gegensatz bzw. Kontrast zur Phantastik. Der grüne Heinrich ist demnach als Kontrast zu Jean Paul zu sehen, was auch romanimmanent thematisiert wird. Der grüne Heinrich steht selber in der Tradition zu Goethe, v.a. Dichtung und Wahrheit.
Vor dem Hintergrund des Siegeszugs der Kulturwissenschaften steigt die Bedeutsamtkeit der Frage, welche außerliterarischen Kontexte den literarischen Text beeinflusst haben. In letzter Zeit wird angenommen, dass insbesondere wissenschaftliche Kontexte literarische Texte in ihrer Entstehung geprägt haben bzw., dass wissenschaftliche Theorien literarischen Texten zu Grunde liegen. So kann man richtiger Weise davon ausgehen, dass die Anthropologie der Romantik (Carus, Ennemoser) das literarische Oeuvre Eichendorffs oder Hoffmanns geprägt hat.
6. Formalia
Bei den Formalia ist der Stil an erster Stelle zu nennen. Auf welcher Stilebene befindet sich das Dargestellte? Verse besitzen eine direkte Funktion auf die Gestaltung der Strophenform, denn eine Ich-Form kann per definitionem nicht liedhaft sein, sondern besitzt eine reichere und reflexionshaltigere Struktur.
Ein formaler Gegensatz wäre eine Philosophiedarstellung in fünf Versen. Ebenso gibt es Indikatoren des Textes als Zuschreibung einer Reihe. Oden wirken antikisierend und entsprechen dem hohen Stil etc.
Arbeit zitieren:
Dr. Stefan Schweizer, 2009, Literaturwissenschaftliche Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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