Mit der Schule fertig, aber wie geht es weiter? Der Übergang von der Hauptschule in den Beruf beziehungsweise in die Berufsausbildung wird für viele Jugendliche zunehmend zu einer kaum lösbaren Problemsituation. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage und der Veränderung in der Berufswelt scheint das kein Wunder zu sein. Zwar war es auch in der Vergangenheit nicht immer einfach abzusehen, wie sich einzelne wirtschaftliche Zweige und damit auch die beruflichen Chancen in den jeweiligen Berufsfeldern entwickeln werden, doch war die wirtschaftliche Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung wohl noch nie so schwer vorauszusehen, wie im Moment.
Aber nicht nur die schwierige Voraussage über die Entwicklung mancher Berufsbilder stellt für die jungen Berufswähler oftmals ein Problem dar. Die Veränderung unserer Berufs- und Arbeitswelt, vor allem die Verschiebung vom produzierenden Gewerbe hin zum Dienstleistungsgewerbe, hat zur Folge, dass die Auswahl der Berufsalternativen, die ein jugendlicher Schüler der Hauptschule angesichts seiner Interessen und Fähigkeiten ins Auge gefasst hat, zusehends geringer wird. Und selbst wenn der Heranwachsende sich für eine Berufsalternative entschieden hat und die Berufsaussichten positiver Natur sind, ist längst noch nicht gesichert, ob er diese auch realisieren kann, man denke da nur an die große Krise am Lehrstellenmarkt. Da stellt sich die Frage, ob überhaupt noch von einer „Berufswahl“ zu sprechen ist oder ob Lehrstellenbewerber eher dem Motto folgen müssen: „Ich nehme was ich kriegen kann!“. Zwar steht die Androhung über die Verhängung einer staatlich festgelegten Strafe oder Umlage für alle diejenigen Betriebe, die nicht genügend Lehrstellen zur Verfügung stellen, zur Diskussion, jedoch bleibt abzuwarten, ob ein diesbezügliches Gesetz tatsächlich auf den Weg gebracht wird und inwiefern es eine Verbesserung auf dem Lehrstellenmarkt bewirken würde.
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Aber nicht nur die Wirtschaftslage oder die Arbeits- und Berufswelt unterliegen einem ständigen Wandel, sondern auch die persönlichen Wertvorstellungen und Werthaltungen sowie Interessen haben sich über die Jahre verändert. Demnach stehen heutzutage Werte wie „Sozialleistungen des Arbeitgebers“ oder „berufliche Sicherheit“ eher im Mittelpunkt des Interesses, als noch vor zwanzig Jahren. So sind auch die Ansprüche an die berufliche Erwerbstätigkeit in Bezug auf die Selbstverwirklichung der eigenen Person weiter gestiegen. Die Folge ist, dass der Druck, den „richtigen“ Beruf zu wählen, um die eigenen Ziele und Zielsetzungen auch verwirklichen zu können, gerade für den jungen Berufswähler immer größer wird. Warum die Berufswahlsituation für immer mehr Jugendliche verstärkt zu einer Problemsituation wird, kann vielleicht auch ein kleiner Einblick in die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte näher verdeutlichen:
Zum einen wird es für den Heranwachsenden zunehmend schwerer herauszufinden, in welchen Bereichen die persönlichen Interessen, Fähigkeiten, Vorlieben und Talente zu suchen sind. Schuld daran ist nicht zuletzt die Tatsache, dass in unserer heutigen Konsumgesellschaft den Jugendlichen mehr oder weniger alles durch die Medien wie Internet, Fernsehen und Videospiele „vorgesetzt“ wird und sie selbst demzufolge immer weniger gefordert werden. Weitere beobachtete Auswirkungen dieser Entwicklung sind einerseits eine zunehmende Vereinsamung und andererseits eine sich langsam einstellende Passivität der Jugendlichen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch nicht zu unrecht von der „Null-Bock-Generation“. Zum anderen verändern sich mehr und mehr die traditionellen Familienstrukturen. So sind beispielsweise heutzutage allein erziehende Mütter oder Väter sowie Patchwork-Familien keine Seltenheit mehr. Aufgrund der veränderten Familienstrukturen kommt es nicht selten zu dem Problem, dass den Kindern beziehungsweise Jugendlichen in den wichtigen Lebensabschnitten, so auch die Entscheidungssituation Berufswahl, nicht die Unterstützung und Hilfestellung gegeben werden kann, die sie eigentlich bräuchten. Deshalb hat die Berufsorientierung in der Schule an Bedeutung gewonnen, denn sie soll Hilfe bei der persönlichen Berufswahl leisten. Diese ist besonders schwierig, denn die Entscheidungssituation Berufswahl ist mit den zahlreichen alltäglichen Entscheidungssituationen kaum zu vergleichen, da die berufliche
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Entscheidung den weiteren Verlauf der Lebensgestaltung und Lebensplanung eines jeden nachhaltig beeinflusst. Deshalb ist es wichtig, bei der Entscheidungssituation Berufswahl stets die individuellen Lebensvorstellungen, Bedürfnisse und Wünsche mit einzubeziehen.
Damit man sich ein Bild oder eine genaue Vorstellung von seinen Wünschen und Zielsetzungen hinsichtlich der gesamten Lebensspanne machen kann, braucht es ein gewisses Maß an Orientierungsfähigkeit, das heißt das Individuum muss lernen sich Informationen von sich selber und von seiner Umwelt zu beschaffen. Im Laufe der Entwicklung eines Menschen vollzieht sich dieser Lernprozess sowohl in bewussten als auch in unbewussten Formen. Wird dieser Prozess durch etwas gestört oder kann er nur in bedingter Form ablaufen, hat das Subjekt große Probleme die eigenen Interessen, Neigungen, Talente und Fähigkeiten, die bei dem persönlichen Berufswahlprozess eine entscheidende Rolle spielen, zu bestimmen. Dies kann zur Folge haben, dass die vor der Berufsentscheidung stehende Person nicht in der Lage ist, angemessen zu reagieren und zu handeln. Infolgedessen ist es erst einmal wichtig in Bezug auf die Berufswahlentscheidung orientierungsfähig zu werden, um dann im weiteren Verlauf auch Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Die Anbahnung der beruflichen Orientierungsfähigkeit seitens des Berufswählers erfolgt durch umfassende Angebote und Maßnahmen aus der Umwelt. Unter diesen Angeboten und Maßnahmen sind in erster Linie praxisorientierte Beiträge zur Berufsorientierung zu verstehen, wie zum Beispiel die Betriebspraktika. Die Berufsorientierung soll somit Hilfe zur persönlichen Berufswahl leisten und insofern beschäftigt sich diese Zulassungsarbeit mit der Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule.
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Inhaltsverzeichnis
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VORWORT II
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS VIII
ABBILDUNGSVERZEICHNIS IX
1 EINLEITUNG 1
1.1 MOTIVATION. 1
1.2 PROBLEMSTELLUNG UND -ABGRENZUNG. 2
1.3 ZIEL DIESER ZULASSUNGSARBEIT 2
1.4 VORGEHEN 3
2 THEORETISCHE GRUNDLAGEN 5
2.1 BEGRIFFSBESTIMMUNG VON BERUFSORIENTIERUNG 5
2.1.1 Definitionen von Berufsorientierung 5
2.1.2 Bedeutungsvarianten von Berufsorientierung 7
2.1.3 Berufsorientierung als Phase des Berufswahlprozesses. 10
2.2 THEORIEN UND MODELLE ZUR ERKLÄRUNG DER BERUFSWAHL. 11
2.2.1 Ältere Ansätze 13
2.2.1.1 Soziologische und sozioökonomische Theorien. 13
2.2.1.2 Entwicklungstheorien. 16
2.2.1.3 Lerntheorien 25
2.2.1.4 Matchingtheorien 28
2.2.1.5 Entscheidungstheorien 31
2.2.1.6 Das Berufswahlmodell von Bußhoff. 39
2.2.2 Neuere Ansätze. 43
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2.2.2.1 Wertebasiertes, ganzheitliches Modell der Karriere- und
Rollenwahl 43
2.2.2.2 Sozial-kognitive Perspektive der beruflichen Entwicklung. 45
2.2.2.3 Kognitiver Informationsverarbeitungsansatz zum
Probleml ösen und Entscheiden 50
2.2.3 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 53
2.3 BERUFSORIENTIERUNG UND LEHRPLAN DER HAUPTSCHULE IN BAYERN. 55
2.3.1 Berufsorientierung als fächerübergreifende
Bildungsaufgabe 57
2.3.2 Berufsorientierung im Unterrichtsfach Arbeit-Wirtschaft-
Technik (AWT) 58
2.3.2.1 Jahrgangsstufe 5 58
2.3.2.2 Jahrgangsstufe 6 59
2.3.2.3 Jahrgangsstufe 7 59
2.3.2.4 Jahrgangsstufe 8 60
2.3.2.5 Jahrgangsstufe 9 61
2.3.2.6 Zusammenfassung 62
2.3.3 Betriebskontakte. 63
2.3.3.1 Berufe-Rally. 63
2.3.3.2 Arbeitsplatzerkundung 64
2.3.3.3 Betriebserkundung 65
2.3.3.4 Betriebspraktikum. 66
2.3.4 Berufsorientierung und die Bundesagentur für Arbeit. 69
2.3.4.1 Angebote zur Berufsorientierung. 70
2.3.4.2 Das Berufsinformationszentrum (BIZ) als
Informationsquelle 72
2.4 BERUFSORIENTIERUNG IM SOZIALISATIONSUMFELD 74
2.4.1 Berufsorientierung und das Elternhaus 74
2.4.1.1 Elterneinfluss auf die Berufswahl 74
2.4.1.2 Einfluss des Elternverhaltens auf die Berufsorientierung 76
2.4.2 Berufsorientierung und der Freundeskreis 78
2.4.3 Berufsorientierung und die Schule 79
2.4.3.1 Zusammenarbeit von Schule und Arbeitsagentur. 79
2.4.3.2 Lernbereich Berufsorientierung 81
2.5 DIE BERUFSAUSSICHTEN DER HAUPTSCHULABGÄNGER/INNEN 83
2.5.1 Kritik und Forderungen an die Hauptschule 83
2.5.1.1 Die Hauptschule in der Kritik von Ausbildern und
Auszubildenden 83
2.5.1.2 Forderungen an die Hauptschule 84
2.5.2 Die Jugendarbeitslosigkeit 87
2.5.3 Der Ausbildungspakt 90
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3 SCHÜLERBEFRAGUNG ZUR BERUFSORIENTIERUNG. 94
3.1 VORÜBERLEGUNGEN ZUM FRAGEBOGEN 94
3.2 TEILNEHMENDE SCHULEN AN DER BEFRAGUNG. 95
3.3 ERLÄUTERUNG DES FRAGEBOGENS 96
3.4 EVALUATION DER SCHÜLERBEFRAGUNG 101
3.4.1 Allgemeine Evaluation. 101
3.4.2 Evaluation in Bezug auf die Unterschiede der
Jahrgangsstufen 5/6 und 8/9. 105
3.4.3 Weitere Untersuchungskriterien 111
3.4.3.1 Evaluation in Bezug auf die Unterschiede der
Geschlechter 111
3.4.3.2 Evaluation in Bezug auf die Unterschiede Stadt-und Land-
Hauptschulen. 112
4 FAZIT 113
ANHANG 116
ANLAGE 1: FRAGEBOGEN 117
ANLAGE 2: AUSWERTUNG DER FRAGEBÖGEN 121
QUELLENVERZEICHNIS 133
Literatur. 133
Zeitungs - und Zeitschriftenartikel 136
Internetseiten 136
STICHWORTVERZEICHNIS 137
Seite VII
Abkürzungsverzeichnis
AWT Arbeit-Wirtschaft-Technik BA Bundesagentur für Arbeit BDA Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BER Bundeselternrat BIZ Berufsinformationszentrum BMAS Bundesministerium für Arbeit und Soziales BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMWT Bundesministerium für Wirtschaft und Technik DGB Deutscher Gewerkschaftsbund GEW Gewerkschaft von Erziehung und Wissenschaft IHK Industrie- und Handelskammer JArbSchG Jugendarbeitsschutzgesetz KMK Konferenz der Kultusminister der Länder KMUs Klein- und mittelständische Unternehmen SGB Sozialgesetzbuch
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Abbildungsverzeichnis
Seite
Abbildung 1: Die vier Bedeutungsvarianten des Begriffs „Berufsorientierung“
Abbildung 2: Die zwei Dimensionen des Begriffs „Berufsorientierung“
Abbildung 3: Die drei Phasen des Berufswahlprozesses
Abbildung 4: Drei Elemente einer gelungenen Berufswahl nach Parsons
Abbildung 5: Berufswahlmodell nach Daheim
Abbildung 6: Entwicklungsperioden nach Ginzberg
Abbildung 7: 5-Stadien-Modell von Super
Abbildung 8: Berufswahlmodell von Krumboltz
Abbildung 9: Berufswahlmodell von Holland
Abbildung 10: Grad der Gemeinsamkeiten zwischen den
Pers önlichkeitsmodellen nach Holland
Abbildung 11: Allgemeines Modell des Entscheidungsprozesses
Abbildung 12: Berufsentscheidung nach Vroom
Abbildung 13: Berufswahlmodell von Lange
Abbildung 14: Das Rahmenmodell für die Berufswahl nach Bußhoff
Abbildung 15: Lebenslanger Prozess der Interessenentwicklung
Abbildung 16: Modell der lebenslangen (Berufs-)Wahlprozesse
Abbildung 17: Pyramide der Informationsverarbeitungsebenen nach Sternberg
Abbildung 18: Kreislauf der berufsbezogen Entscheidungsphasen und -
f ähigkeiten
Abbildung 19: Berufsorientierung im Sozialisationsumfeld mit den beteiligten
Personengruppen und Institutionen
Abbildung 20: Grundstruktur des Lernbereiches „Berufsorientierung“
Abbildung 21: Arbeitslosenquote nach Qualifikation (in Prozent, alte Länder
und West-Berlin)
Abbildung 22: Perspektive der Hauptschulabgänger Anfang Mai 2006
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1 Einleitung
1.1 Motivation
Die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule müssen sich schon früh Gedanken über ihre Berufswahl machen und letztendlich müssen sie eine Entscheidung treffen. Bei unserer schlechten Ausbildungsplatzsituation erfolgt die Lehrstellenvergabe meist nach dem Ausschlussprinzip. Die Absagen überwiegen und wo ich genommen werde, sage ich auch zu. Als angehender Lehrer besitze ich das Anliegen, die jugendlichen Schüler in einer schwierigen Entwicklungsphase zu begleiten und beraten gerade in Fragen der Berufsorientierung. Da ich selbst nach abgeschlossenem Studium zum Diplom-Betriebswirt (BA) in heimatnaher Umgebung keinen passenden Arbeitsplatz gefunden habe, kenne ich die Erfahrung von Absagen am eigenen Leibe. Schüler 1 mit einer noch nicht gefestigten Persönlichkeit können eine Absage aber als persönliche Niederlage empfinden und fühlen sich nach einer Reihe von Absagen als von der Gesellschaft nicht benötigt. Auch die Annahme eines Ausbildungsplatzes, der nicht den Neigungen und Interessen entspricht, und deshalb wieder abgebrochen wird, führt zu einem sprunghaften Lebenslauf in bereits jungen Jahren. Doch dies muss nicht so sein, denn mit einer guten Berufsorientierung der jugendlichen Schüler kann hier präventiv für das ganze Berufsleben vorgearbeitet werden. Bei einem 17-jährigen Schüler und Rente mit 67 Jahren sprechen wir hier von einem halben Jahrhundert Arbeit, die dieser Schüler noch vor sich hat. Deshalb möchte ich als Junglehrer gerade die Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule vermehrt in den Vordergrund stellen.
1 Die Formulierung „Schüler“ schließt natürlich auch immer das weibliche Geschlecht mit ein. Im weiteren Verlauf soll aus
Gründen der Vereinfachung diese Formulierung beibehalten werden. Dies gilt auch für den Begriff „Lehrer“.
Die Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule Seite 1
1.2 Problemstellung und -abgrenzung
Die Schüler der Hauptschule pendeln in ihren Berufsvorstellungen zwischen Traum und Wirklichkeit. Hinzu kommt die Zeit der Pubertät, die den emotionalen Zustand und das Sozialverhalten der Jugendlichen aufgrund von
Stimmungsschwankungen und Launenhaftigkeit ständig verändert. Deshalb ist der langwierige Prozess der Berufsorientierung, der schon im Kindesalter beginnt, bei den Jugendlichen im Laufe ihrer Schulzeit einer wiederkehrenden Neuorientierung unterzogen. Deshalb wird in dieser Arbeit auch die Frage nach dem Unterschied der Berufsorientierung der Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Jahrgangsstufe einer Hauptschule mit denen der 8. und 9. Jahrgangsstufe verglichen. Die Bestandsanalyse erfolgt nach der Istwertmethode, da eine Langzeituntersuchung mit denselben Schülern als Ceterius-paribus-Klausel über einen Beobachtungszeitraum von mehreren Jahren nicht möglich ist. Diese Arbeit will mit den Ergebnissen auch keine Allgemeingültigkeit erreichen, da es lediglich eine lokal begrenzte Untersuchung in ausgewählten Klassen ist. Jedoch für mich als Junglehrer sind diese Schüler stereotypisch für meine zukünftigen Schüler, aufgrund des ähnlichen Sozialisationsumfeldes.
1.3 Ziel dieser Zulassungsarbeit
Das Ziel diese Arbeit ist einerseits die theoretische Ergründung des Begriffs Berufsorientierung. Dieser zunächst abstrakte Begriff soll in Verbindung mir der Hauptschule erfahrbar gemacht werden. Somit erklärt sich die Aufgabe der Förderung der Berufsorientierung als umso wichtiger gerade in Bezug auf die Hauptschule und zu Zeiten von Ausbildungsplatzmangel und Jugendarbeitslosigkeit. Um die Theorie in ihrer Aussagekraft zu unterstreichen, ist das zweite Ziel die Evaluierung von ausgewählten Klassen der Jahrgangsstufen 5/6 und 8/9. Denn Modelle und Theorien werden umso glaubwürdiger und aussagekräftiger, je mehr sie durch die Aussagen von Schülerinnen und Schülern bestätigt werden. Andererseits wird man persönlich durch evaluierte Daten zum Nachdenken und Hinterfragen von Bestehendem angeregt und erhält somit einen tieferen Einblick in das Gedankengut Die Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule Seite 2
der Schüler. Gerade dieses Verständnis und Wissen wird mir später in meiner Arbeit als Lehrer hilfreich zur Seite stehen, wenn es meiner Motivation entsprechend darum geht, die Schüler auf ihrem Weg von der Schulbank in das Berufsleben zu begleiten.
1.4 Vorgehen
Die Arbeit ist aufgeteilt in einen theoretischen Teil, der sich mit der Berufsorientierung im weiteren Sinne befasst und in einen praktischen Teil, der das Thema Berufsorientierung aufgrund einer Evaluierung mithilfe eines Fragebogens in ausgewählten Klassen der Jahrgangsstufen 5/6 und 8/9 erörtert. Im theoretischen Teil ist zum Einstieg in die Arbeit erforderlich, den Begriff „Berufsorientierung“ transparenter erscheinen zu lassen, indem auf unterschiedliche Definitionsversuche Bezug genommen wird, um schließlich eine eigene Arbeitsdefinition herauszuarbeiten. Im weiteren Verlauf sollen die unterschiedlichen Bedeutungsvarianten des Berufsorientierungsbegriffs aufgezeigt und mit dem Berufswahlprozess in Zusammenhang gebracht werden. Der nachfolgende Abschnitt beschäftigt sich mit einer Reihe von unterschiedlichen Ansätzen, Theorien und Modellen, die alle versuchen, das individuelle Berufswahlverhalten zu erklären. Ziel ist es deren wichtigste Einflussfaktoren herauszufiltern, um daraufhin wichtige Schlussfolgerungen für die Berufsorientierung ableiten zu können.
Damit das Thema dieser Arbeit nicht aus den Augen verloren wird, soll nach dem Exkurs in die Theorie des Berufswahlverhaltens die Lehrplanverankerung des Lernbereichs Berufsorientierung in den bayerischen Hauptschulen näher beleuchtet werden. Ob dieser Lehrplan den Anforderungen der außerschulischen Vertreter gerecht wird, wird in 2.3 geklärt.
Das Elternhaus, der Freundeskreis und die Schule sind am persönlichen Berufswahlprozess eines Individuums in bedeutungsvoller Weise beteiligt. Welche Rolle ihnen bei der Berufsorientierung zugedacht wird sowie welchen Einfluss sie auf
Die Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule Seite 3
die persönliche Berufsorientierung haben, soll der Gliederungspunkt 2.4 deutlich machen.
Nach der Schule werden die Schüler in das Berufsleben entlassen. Mit den Schwierigkeiten in Bezug auf die Jugendarbeitslosigkeit und den Ausbildungspakt sowie der Kritik und die Forderungen an die Hauptschule beschäftigt sich der Punkt 2.5.
Abschließend sollen eine Schülerbefragung und deren Evaluation im praktischen Teil dieser Arbeit in Hinblick auf die persönliche Berufswahl und Berufsorientierung und die diesbezügliche Auswertung einen konkreten Praxisbezug zum Thema herstellen. Dies schließt die Vorüberlegungen zum Fragebogen ebenso wie die an der Befragung teilnehmenden Schulen ein. Insgesamt gesehen liegt hierbei ein besonderes Augenmerk auf dem Vergleich der Jahrgangsstufen 5/6 und 8/9 sowie deren Interpretation.
Die Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule Seite 4
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Begriffsbestimmung von Berufsorientierung
2.1.1 Definitionen von Berufsorientierung
Der Begriff „Berufsorientierung“ ist ein Ausdruck, der relativ schwer zu fassen ist, da er hinter einer Vielfalt von Bedeutungsvariationen und Synonymen undeutlich wird. Je nachdem aus welchem Blickwinkel der Begriff der „Berufsorientierung“ beleuchtet wird, werden jeweils unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund gestellt. Folgende drei Begriffserläuterungen sollen einen ersten Einblick in den Bedeutungsreichtum des Ausdrucks „Berufsorientierung“ geben:
• „Die Berufsorientierung ist an alle Personen gerichtet, die vor der Berufswahl
stehen, natürlich in erster Linie an Schüler und ihre Eltern. Sie ist aber auch an
alle Vertreter und Institutionen des Bildungs- und Ausbildungswesens (Schule,
Lehrer, Bundesanstalt für Arbeit, Arbeitsämter, etc.) gerichtet.“ 2
• „Berufsorientierung ist ein wesentliches Element im Berufswahlprozeß, der
Phasen zur Orientierung, Entscheidungsfindung und Realisierung umfasst. […]
Ziel ist die Entwicklung der individuellen Berufswahlkompetenz als
Voraussetzung zu eigenverantwortlichem, aktivem Handeln und Entscheiden,
was die kritische Wertung der Chancen und Risiken bei der Berufswahl mit
einschließt.“ 3
• „Der Begriff Berufsorientierung ist ein Sammelausdruck für verschiedene
berufswahlvorbereitende Maßnahmen […]. Sie werden in Zusammenarbeit mit
der Berufsberatung des Arbeitsamtes und außerschulischen Partnern innerhalb
und außerhalb des Unterrichts in vielfältiger Form durchgeführt.“ 4
2 Bundesanstalt für Arbeit: BERUF AKTUELL, Ausgabe 2003/2004, Seite 634.
3 Berufliche Rehabilitation junger Menschen Handbuch für Schule, Berufsberatung und Ausbildung.
http://www.aaonline.dkf.de/bb/p111.htm
4 SCHUDY, Jörg: Berufsorientierung als schulstufen- und fächerübergreifende Aufgabe. In: SCHUDY, Jörg:
Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele. Bad Heilbrunn / Obb 2002. Seite 9f.
Die Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule Seite 5
Die erste Auslegung des Berufsorientierungsbegriffs konzentriert sich auf das Herausarbeiten des Aspektes, an welche Personen oder Personengruppen die Berufsorientierung adressiert ist. Demnach bezieht sich Berufsorientierung nicht nur auf den Berufswähler, sondern auch auf die an der Berufswahl beteiligten Institutionen und ihre Vertreter, insbesondere auf die Familie und die Eltern, die Bundesagentur für Arbeit und die Schule inklusive ihrer Lehrerinnen und Lehrer. In welcher Form und in welchem Ausmaß sie konkret an der Berufsorientierung mitwirken, soll zu einem späteren Zeitpunkt der Arbeit genauer dargestellt werden. Im Mittelpunkt der zweiten Begriffserklärung steht dagegen eine klare Zielangabe. Demzufolge ist das Ziel der Berufsorientierung die so genannte „Berufswahlkompetenz“, die den Berufswähler in die Lage versetzen soll, die Entscheidungssituation „Berufswahl“ in adäquater Art und Weise auflösen zu können. Außerdem verbindet sie mit dem Begriff „Berufsorientierung“ einen elementaren Abschnitt im Berufswahlprozess, welcher der Entscheidungs-und
Realisierungsphase vorausgeht.
Der letzte Definitionsversuch zum Begriff der „Berufsorientierung“ betrachtet die Berufsorientierung verstärkt im Kontext von Schule und Unterricht. So sind mit Berufsorientierung in erster Linie alle diejenigen berufswahlvorbereitenden Maßnahmen gemeint, die sich einerseits in starker Gemeinschaftsarbeit von Schule und außerschulischen Partnern, wie zum Beispiel Betrieben, Arbeitsagenturen oder Eltern, und sich andererseits sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unterrichts vollziehen.
Unter Berücksichtigung der vorangegangen Ausführungen soll für diese Arbeit nachstehende Arbeitsdefinition für den Begriff „Berufsorientierung“ abgeleitet werden: „Berufsorientierung meint alle berufswahlvorbereitenden Maßnahmen seitens des Elternhauses, der Bundesagentur für Arbeit und der Schulen, welche das Ziel haben, die persönliche Berufswahlreife des Berufswählers zu fördern. Sie vollziehen sich zudem in intensiver Zusammenarbeit aller beteiligten Personen und Institutionen.“
Um dem Begriff „Berufsorientierung“ jedoch in einem größeren Maße gerecht zu werden, als das eine einzelne Begriffsdefinition zu leisten vermag, beschäftigt sich
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der nachfolgende Abschnitt mit den verschiedenen Bedeutungsvarianten des Berufsorientierungsbegriffs.
2.1.2 Bedeutungsvarianten von Berufsorientierung
Wie im vorherigen Gliederungspunkt bereits erwähnt wurde, versteckt sich hinter dem Begriff Berufsorientierung ein breites Spektrum unterschiedlichster Bedeutungsauffassungen. Demnach kommt es immer darauf an, aus welcher Perspektive und vor allem von welcher Interessensvertretung aus dieser Begriff betrachtet wird. Diese können zum Beispiel aus den Bereichen Bildungspolitik, Wirtschaft oder Schulwesen stammen.
Um diese Vielfalt an Bedeutungsvorstellungen besser einordnen zu können, sollen im Weiteren mithilfe einer Grafik vier unterschiedliche Bedeutungsvarianten des Begriffs Berufsorientierung vorgestellt werden.
Mit dem Begriff „subjektive Berufsorientierung“ ist eine Haltung oder vielmehr die Eigenschaft seitens des Individuums gemeint, Arbeit und Beruf als einen entscheidenden Baustein im persönlichen Lebensentwurf anzusehen, das heißt, das Subjekt bezieht bei seiner Berufswahl Ziele und Zielsetzungen hinsichtlich der persönlichen Lebensplanung mit ein. Dieser Aspekt der Berufsorientierung scheint auf den ersten Blick kaum erwähnenswert, doch angesichts der Entwicklung, dass
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Bedürfnis- und Wertorientierungen sowie Lebensstile in der heutigen Gesellschaft zunehmend verallgemeinert werden, kann nicht zwangsläufig davon ausgegangen werden, dass eine derartige Eigenschaft oder Haltung seitens des Berufswählers als selbstverständlich angesehen werden kann.
Eine andere Sichtweise versteht die Berufsorientierung als eine Anpassung von schulischen Bildungsprozessen an die unterschiedlichen Anforderungen beruflicher Tätigkeiten. Demnach werden die verschiedenen Unterrichtsprozesse ausführlich analysiert und gegebenenfalls in Bezug auf Inhalt, Methode und Sozialformen an die Belange der Berufs- und Arbeitswelt angepasst beziehungsweise verändert. Aufgrund der Tatsache, dass die Anforderungen beruflicher Aktivitäten nicht immer gleich bleiben, sondern sich in einem stetigen Wandel befinden, ist es nach der Auffassung gewisser Interessensvertretern erforderlich, dass sich auch die Bildungsinhalte und Unterrichtsmethoden von Zeit zu Zeit einer Umstrukturierung unterziehen müssen. Diese Bedeutungsvariante von Berufsorientierung wird vor allem von Interessensvertretern aus der Wirtschaft, zum Beispiel Betriebe, Unternehmen oder Arbeitgeberverbände, in den Mittelpunkt des Interesses geschoben. So wird seitens der Wirtschaft immer wieder eine intensivere Förderung der so genannten „Schlüsselqualifikationen“ verlangt. Berufsorientierung im Sinne von Berufswahlvorbereitung meint hingegen die Aneignung von Kenntnissen, Erkenntnissen, Erfahrungen und Fähigkeiten, die den Berufswähler dazu in die Lage versetzen soll, eine möglichst rationale Entscheidung für einen „Startberuf“ zu treffen. Mit „rational“ ist in diesem Zusammenhang gemeint, dass die betroffene Person zwischen persönlichen Vorlieben, Interessen sowie Vorstellungen und realen Gegebenheiten, wie zum Beispiel Ausbildungschancen und Arbeitsmarktlage, abwägt. Diese Auffassung von Berufsorientierung wird vorrangig in bildungspolitischen und schulpädagogischen Ausführung vertreten. Die letzte der vier Bedeutungsvarianten ist auch zugleich diejenige, der in der Bildungspolitik bisher am wenigsten nachgegangen wurde, obwohl sie für eine effektive und zufrieden stellende Berufsentscheidung im höchsten Maße von Bedeutung ist. Gemeint ist die Berufsorientierung im Sinne einer arbeitsweltbezogenen Allgemeinbildung, das heißt, das Individuum erschließt sich die Berufs- und Arbeitswelt dadurch, dass es ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen sowie ihre sozialen, technischen und wirtschaftlichen Grundlagen kennen lernt. Ziel
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dieser Allgemeinbildung ist es, in Anlehnung an das kritisch-konstruktive Didaktikmodell von Wolfgang Klafki, dass der Berufswähler mittels Urteils-, Solidaritäts- und Selbstbestimmungsfähigkeit im Handlungsfeld „Berufswahl“ eigenverantwortlich tätig werden kann. 5 Weiterhin lassen sich die dargestellten Bedeutungsvarianten der Berufsorientierung in zwei große Bereiche einteilen, wie in der folgenden Darstellung ersichtlich ist.
Unter Berücksichtigung der zeitlichen Ausdehnung kann die Berufsorientierung in eine Berufsorientierung im engeren und eine Berufsorientierung im weiteren Sinne unterschieden werden. So erscheint es leicht nachvollziehbar, dass es einen Unterschied macht, ob sich die Berufsorientierung auf die Anbahnung eines allgemeinen Verständnisses für sozioökonomisch-technische Grundlagen der Arbeitswelt oder auf einen unmittelbar ablaufenden Berufswahlunterricht im Sinne der Berufswahlvorbereitung bezieht. Aber auch die Gestaltung der individuellen Lebensplanung vollzieht sich hinsichtlich der zeitlichen Erstreckung in einem größer gefassten Rahmen und ist infolgedessen auch im Zusammenhang von Berufsorientierung im weiteren Sinne zu verstehen. Dagegen treten die praxisorientierten Maßnahmen der Berufswahlvorbereitung und der darin integrierte Berufswahlunterricht zeitlich gesehen vergleichsweise kurz bemessen in Erscheinung.
Im nachfolgenden Abschnitt soll der idealtypische Berufswahlprozess, auf den sich die Berufsberatung und die Schule größtenteils beziehen, in groben Zügen dargestellt und mit dem Begriff Berufsorientierung in Verbindung gebracht werden.
5 SCHUDY, Jörg: Berufsorientierung als schulstufen- und fächerübergreifende Aufgabe. In: SCHUDY, Jörg:
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2.1.3 Berufsorientierung als Phase des Berufswahlprozesses
Der überwiegende Teil der Maßnahmen zur Berufsorientierung in der Schule sowie die Angebote der Berufsberatung beziehen sich auf die Berufsorientierung im engeren Sinne. Dabei gehen sie von einem Modell des Berufswahlprozesses aus, das sich aus einer Orientierungs-, einer Entscheidungs- und einer Realisierungsphase zusammensetzt. Dabei können die einzelnen Phasen des Berufswahlprozesses in ihrem Ablauf und ihrer Ausprägung von Mensch zu Mensch unterschiedlich erfolgen, wie in der folgenden Abbildung ersichtlich ist.
In der Orientierungsphase versucht das Individuum sich seiner eigenen Vorstellungen zum Beispiel über Begabungen, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen bewusst zu werden und diese im weiteren Verlauf zu klären und sie schließlich zu konkretisieren. Dabei macht es sich zuerst ein Bild von sich und seiner Umwelt und geht danach auf seine Ziele und Zielsetzungen in der persönlichen Lebensplanung ein. Diese Vorstellungen und Planungen werden nun kontinuierlich weiterentwickelt.
Mit der Hilfe von zusätzlichen Informationen wie zum Beispiel Wissen über einzelne Berufsbilder und Erfahrungen durch eigene Betriebspraktika sollen am Anfang der Entscheidungsphase die eigenen Vorstellungen zunächst abgesichert werden, um danach eine Auswahl von Berufsalternativen zu treffen. Die Phase der Entscheidung endet mit dem Festlegen auf eine Alternative. Die Realisierungsphase kann wiederum in nachstehende individuell ablaufende Stufen gegliedert werden:
Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele. Bad Heilbrunn / Obb. 2002. Seite 9f.
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• Bewerben,
• Vorstellen,
• Ausbildung und
• Eintritt ins Berufsleben.
Die Berufsorientierung lässt sich somit auch als eine Phase des Berufswahlprozesses darstellen, welche den Phasen der Entscheidung und der Realisierung vorangeht. 7
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass in diesem stark schematisierten Modell des Berufswahlprozesses ausschließlich das Individuum beziehungsweise der Berufswähler im Mittelpunkt des Geschehens steht. Allerdings ist am Prozess der Berufswahl laut Arbeitsdefinition nicht nur die betroffene Person beteiligt. Es stehen ihr die Familie, insbesondere die Eltern, die Arbeitsagenturen in Form von Informations- und Beratungsangeboten sowie die Schule mit der Hilfestellung im Unterricht zur Seite.
2.2 Theorien und Modelle zur Erklärung der Berufswahl
Anfangs wurde aufgezeigt, was unter dem Begriff „Berufsorientierung“ zu verstehen beziehungsweise in welcher Art und Weise er im Berufswahlprozess mit eingebunden ist sowie welche grundsätzlichen Inhalte und Zielangaben sich daraus ergeben. Weiterhin wurde ein näherer Einblick gewährt, welche Personengruppen oder auch Institutionen neben dem Betroffenen im Berufswahlprozess beziehungsweise in der Berufsorientierung involviert sind. So macht es an dieser Stelle der Arbeit Sinn, das Augenmerk auf die grundlegenden theoretischen Ansätze zum Berufswahlverhalten zu lenken, um daraufhin unter Berücksichtigung der herausgearbeiteten Einflussfaktoren auf die Berufswahl Schlussfolgerungen für die Berufsorientierung ziehen zu können.
6 http://www.aaonline.dkf.de/bb/p111.htm
7 http://www.aaonline.dkf.de/bb/p111.htm
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Ansätze für Theorien, die das Berufswahlverhalten erklären sollen, reichen bis in das 15. Jahrhundert zurück. Des Weiteren wurden bereits schon Ende des 19. Jahrhunderts in den USA die ersten Programme entwickelt, die den Menschen in seiner Berufswahl unterstützen sollten. Ausführliche Theorien zum Themenbereich Berufsberatung wurden jedoch erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst. Der Ursprung dieser Theorien liegt bei Parsons im Jahr 1909. Er ging davon aus, dass Personen, die aktiv und engagiert an ihrer Berufswahl beteiligt sind, größere Arbeitsleistung und Arbeitszufriedenheit in ihrem späteren Broterwerb zeigen. Für Parsons sind drei Grundelemente für eine erfolgreiche Berufswahl ausschlaggebend, die in der folgenden Abbildung dargestellt sind.
Diese Überlegung von Parsons kann zwar noch nicht als Theorie angesehen werden, hat aber die Praxis der Berufsberatung und die Theorieentwicklung maßgeblich beeinflusst. Infolgedessen hat sich in der Zukunft eine Vielzahl von Ansätzen entwickelt, die sich je nachdem auf entwicklungspsychologische, motivationspsychologische, psychodynamische, soziologische und
entscheidungstheoretische Ursprünge beziehen. 9 Bei allen Erklärungsansätzen wird davon ausgegangen, dass die Berufswahl als ein Interaktionsprozess von Individuum und Umwelt angesehen werden kann, mit dem Ergebnis, dass Menschen unterschiedlichen beruflichen Aktivitäten nachgehen.
8 IAB: Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (BeitrAB 236). Berufliche Entscheidungsfindung. Nürnberg 2000.
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Dabei betonen einzelne Erklärungsansätze die Umwelt und ihren Einfluss auf die Berufswahl, andere heben hingegen die Interaktion zwischen Umwelt und Individuum hervor und Dritte wiederum stellen das Individuum und sein Verhalten in den Mittelpunkt. 10
So kann die individuelle Berufswahl als ein:
• Sozialisationsprozess,
• Lernprozess,
• Informationsverarbeitung- und Entscheidungsprozess,
• Matching-Prozess oder
• Allokationsprozess verstanden werden. 11
Im Folgenden sollen einige Theorien in ihren grundlegenden Zügen vorgestellt und im weiteren Verlauf in exemplarischer Absicht an ausgewählten Erklärungsansätzen und -modellen vertieft werden.
2.2.1 Ältere Ansätze
In diesem Gliederungspunkt werden Theorien vorgestellt, die zwar zeitlich gesehen bereits veraltet erscheinen, jedoch häufig in der Fachliteratur auftauchen beziehungsweise gegenwärtige Forschungen weiterhin maßgebend beeinflussen sowie für die Berufsberatung von prägender Bedeutung sind.
2.2.1.1 Soziologische und sozioökonomische Theorien
Soziologische und sozioökonomische Theorien zur Berufswahl setzen die soziale Determiniertheit des Berufswahlprozesses voraus, indem sie die Umwelt des Individuums sowie den Einfluss der Umwelt auf den Einzelnen in das Zentrum stellen. Die Allokationstheorien, die diese Auffassung als Erklärungsgrundlage
9 IAB: Berufliche Entscheidungsfindung (BeitrAB 236). Nürnberg 2000. Seite 2.
10 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Theorien und ihre Bedeutung für die Praxis der Berufsberatung. Stuttgart 1984. Seite 9.
11 SCHOBER, Karen: Berufswahlverhalten. In: Kahsnitz, Ropohl, Schmid (Herausgeber): Handbuch zur Arbeitslehre.
München 1997. Seite 103.
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heranziehen, sprechen in diesem Zusammenhang von einem Zuweisungsprozess, der so genannten Allokation. 12
Es wird davon ausgegangen, dass der Zugang zu den unterschiedlichen Berufen vielen sozialen und wirtschaftlichen Begrenzungen unterworfen ist. Hinzu kommt, dass der Berufswähler über die begrenzt zugänglichen Berufsalternativen nach Kriterien entscheidet, wie Interessen, Fähigkeiten und Wertvorstellungen, die ihrerseits der Einflussnahme sozialer und ökonomischer Bedingungen unterliegen. Dies trifft besonders für die Absolventen der Hauptschule zu. Diese Art der Sichtweise impliziert jedoch durchaus auch eine Mitgestaltung des Berufswahlprozesses durch das Individuum. So wird auch den Erbanlagen eines Individuums eine Einflussnahme eingeräumt, indem sie den Anfangszustand des Prozesses festlegen und als Wachstums- und Reifeprozess fortwirken. 13 Daheim ist der bekannteste Vertreter der Allokationstheorien. Er beschreibt den Berufswahlprozess als fortschreitende Verringerung der Menge an
Berufsalternativen. Außerdem setzt Daheim die Existenz von so genannten Agenten voraus. Damit sind diejenigen Personen gemeint, die den größten Einfluss auf das Individuum ausüben. Weiterhin geht er davon aus, dass sich die Entwicklung der Alternativen in drei Stufen vollzieht. 14
• Auf der ersten Stufe steht die Entscheidung für eine bestimmte Schulausbildung. Sie legt den Zugang zu bestimmten Ausbildungsformen fest und somit auch über bestimmte Berufspositionen. Die Familie ist in dieser Stufe entscheidender Agent in Bezug auf Treffen dieser Entscheidungen einerseits und andererseits vermittelt sie Normen und Wertvorstellungen. Darüber hinaus wird der Anstoß zu ersten beruflichen Zielexplikationen gegeben. Die Familie ist somit maßgebend am Aufbau der Orientierung beteiligt. Mit Orientierung ist das Bild gemeint, welches das Individuum von sich selbst hat, das Selbstkonzept.
• Auf der zweiten Stufe, der Stufe der Berufsausbildung, wird beim Aufbau der beruflichen Orientierung, die auf der zweiten Stufe spezieller ist als auf der ersten, die Familie als entscheidender Agent von privaten und offiziellen
12 IAB: Berufliche Entscheidungsfindung (BeitrAB 236). Nürnberg 2000. Seite 3.
13 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Stuttgart 1984. Seite 9f.
14 DAHEIM, Hans Jürgen: Der Beruf in der modernen Gesellschaft. Köln 1970. Seite 71ff.
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Vertrauenspersonen wie zum Beispiel Freunde, Lehrer, Berufsberater verdrängt.
• Auf der dritten und letzten Stufe geht es um die Wahl der Berufswahlpositionen im Verlauf des Arbeitslebens. Dabei kann es zu deutlich erkennbaren Änderungen in der Berufslaufbahn kommen, wie zum Beispiel Arbeitsplatzwechsel oder Umschulungen. In punkto Agenten vollzieht sich ein weiterer Wechsel. Zunehmend treten Arbeitskollegen, Vorgesetzte oder auch die gegründete Familie in den Vordergrund.
Der Hauptkritikpunkt liegt bei Daheims Berufswahlmodell in seinen Schwächen, den Berufswahlprozess in seinen Einzelheiten zu erklären. Es bleiben zu viele Fragen offen. So macht er beispielsweise keine konkreten Angaben über den qualitativen Unterschied verschiedener Orientierungen und Rollenerwartungen, über soziale Lernprozesse, die zur Ausbildung unterschiedlicher Orientierungen führen
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oder über die Abläufe von Entscheidungs- und Selektionsprozessen. Dazu kommt, dass das Individuum überwiegend als passives Subjekt gesehen wird, abhängig von äußeren Bedingungsfaktoren und so genannten Agenten. Somit bleibt auch die empirische Überprüfbarkeit des Modells unzureichend. 16 Die Hypothesen Daheims über die Einflussnahme von Agenten erscheinen aufs erste nachvollziehbar. Dieser Einfluss mag oft mehr oder weniger unterbewusst erfolgen, sodass ein diesbezüglicher Reflexionsprozess im Rahmen der Entscheidungsphase zu einer rationaleren Berufswahl beitragen könnte. Der Ansatz weist weiterhin auf die Problematik hin, dass schon relativ frühzeitig die Anzahl der in Betracht zu ziehenden Arbeitsfelder zu sehr eingeschränkt wird. 17 Bleibt festzuhalten, dass das Daheim´sche Berufswahlmodell einen wichtigen Beitrag für die Berufswahlforschung liefert, indem es auf die starke Abhängigkeit zwischen Schul- beziehungsweise Berufslaufbahn und sozialen sowie ökonomischen Determinanten hinweist.
Abschließend kann man zusammenfassen, dass die Berufswahl im Sinne der allokationstheoretischen Modelle folgendermaßen zu verstehen ist: „Berufswahl ist abhängig von vielen gesellschaftlichen Faktoren, die die Chancen einer Selbstverwirklichung im Beruf wesentlich beeinflussen (zum Beispiel Schichtzugehörigkeit, regionale Lage, Ausbildungs- u. Arbeitsmarkt).“ 18
2.2.1.2 Entwicklungstheorien
Die entwicklungspsychologisch geprägten Berufswahltheorien gehen von einer engen Verknüpfung von Berufswahl und der individuellen Entwicklung des Einzelnen aus. Aus dieser Annahme ergeben sich zwei wichtige Konsequenzen: Zum einen, dass die Berufswahl als ein Vorgang individuellen Verhaltens zu verstehen ist und zum anderen, dass berufsrelevantes Verhalten einem Entwicklungsprozess zugrunde liegt, das heißt, die Berufswahl darf nicht als ein einmaliges, statisches Ereignis angesehen werden. Die Berufswahl ist folglich als ein längerfristiger dynamischer
15 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Stuttgart 1984. Seite 11.
16 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Stuttgart 1984. Seite 10f.
17 IAB: Berufliche Entscheidungsfindung (BeitrAB 236). Nürnberg 2000. Seite 3.
18 BEINKE, Lothar; WASCHER, Uwe: Unterrichtsthema Berufswahl. Didaktik und Methodik. Darmstadt 1993. Seite 34.
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Vorgang zu verstehen, der charakterisierbare Veränderungen in Bezug auf das individuelle Wahlverhalten beinhaltet. 19
Hierbei werden mehrere Phasen beziehungsweise Perioden, die nacheinander durchlaufen werden, wobei mit fortschreitender Entwicklung die Auseinandersetzung mit dem Thema „Berufswahl“ immer konkreter und realistischer wird, unterschieden. 20
Die Entwicklungstheorien befassen sich also mit den alters- und reifebedingten Gesichtspunkten der Berufswahl und versuchen eine befriedigende Antwort für die Fragestellung, welche beruflich relevanten Persönlichkeitsmerkmale sich in welcher Lebensphase ausbilden und welchen phasenspezifischen Einfluss dabei die soziale Umwelt ausübt, zu finden.
Ginzberg und seine Mitarbeiter unternahmen als erste den Versuch diese Fragestellung systematisch zu beantworten. Sie gehen davon aus, dass der Berufswahlprozess in der vorpubertären Entwicklungsphase einsetzt und mit Berufseintritt endet. Weiterhin wurde dieser Prozess als mehr oder weniger unumkehrbar gesehen, da die getroffenen Entscheidungen ihrer Meinung nach aufgrund des zu hohen zeitlichen und materiellen Aufwandes im Falle einer „beruflichen Neuorientierung“ sowie des damit verbundenen psychischen Einsatzes, als nicht korrigierbar eingestuft wurden. Das Ende des Prozesses der Berufswahl war nach Ginzberg und seinen Mitarbeitern dann erreicht, wenn sich ein Kompromiss zwischen äußeren und inneren Faktoren, darunter sind die beruflichen Möglichkeiten auf der einen Seite und die individuellen Fähigkeiten, Interessen und Werthaltungen des Einzelnen auf der anderen Seite gemeint, einstellt. 21 Unter Berücksichtigung dieser Grundthesen führten Ginzberg und seine Mitarbeiter eine Querschnittuntersuchung in Form einer Befragung von Pobanden im Alter von elf bis 24 Jahren durch. Aufgrund der gewonnenen Ergebnisse aus dieser Studie zogen sie den Schluss, dass sich der Prozess der Berufswahl in folgenden
19 AMMON, Herman: Berufsorientierung in der Schule. Eine didaktische Grundlegung. München 1980. Seite 42.
20 IAB: Berufliche Entscheidungsfindung (BeitrAB 236). Nürnberg 2000. Seite 4.
21 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Stuttgart 1984. Seite 12f.
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drei Entwicklungsperioden vollzieht, die in der nachfolgenden Abbildung dargestellt sind. 22 1. Phantasiewahl:
Im Alter von sieben bis elf Jahren ist die Beschäftigung mit dem späteren Beruf und die Vorstellungen über die Berufswahl noch sehr vage und unrealistisch; reines Wunschdenken steht im Vordergrund. Das Kind ist der Überzeugung, jeden Beruf ausüben zu können. Es ist weder in der Lage seine eigenen Fähigkeiten zu verstehen, noch seine Umwelt einzuordnen. So ist es für diese Periode typisch, dass geäußerte Berufsvorlieben oft nur von sehr kurzer Beständigkeit sind. Charakteristisch für diese Periode ist auch der Werbeslogan von der Versicherungskammer Bayern mit dem kleinen Jungen: „Wenn ich groß bin, werde ich Feuerwehrmann!“ 2. Probewahl:
Die zweite Phase erstreckt sich über einen Zeitraum vom 11. bis zum 17.
Lebensjahr und ist durch ansteigende Berücksichtigung der verschiedenen
persönlichen Faktoren gekennzeichnet. Ginzberg und seine Mitarbeiter
postulieren, dass zuerst die eigenen Interessen, dann die eigenen Fähigkeiten
und letztendlich die eigenen Werte und Normen in den Vordergrund rücken.
Danach wird von einer Beruhigung der Persönlichkeitsentwicklung
ausgegangen, die als Übergangsphase bezeichnet wird. In dieser Phase fallen
gemäß Ginzberg und seinen Mitarbeitern die wichtigsten
Laufbahnentscheidungen, unter anderem auch deswegen, weil entsprechende
Entscheidungen in diesem Alter der Jugendlichen vom Bildungs- und
Ausbildungssystem gefordert werden.
3. Realistische Wahl:
In der letzten Periode treten realitätsbezogene Überlegungen und Vorstellungen
ins Zentrum des Berufswahlprozesses. Am Anfang werden Erfahrungen und
Informationen gesammelt und eingeholt. Diese Informationen werden
zusammengeführt, verarbeitet und schließlich vollzieht sich der Versuch einer
Zielfindung, indem geprüft wird, wo, wie und wann die getroffene Entscheidung
verwirklicht werden kann.
22 IAB: Berufliche Entscheidungsfindung (BeitrAB 236). Nürnberg 2000. Seite 4.
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Grund für die Gliederung des Berufswahlprozesses in einzelne Perioden und Phasen ist für Ginzberg und seine Mitarbeiter, wie bereits angedeutet, das unterschiedliche Hervortreten individueller Berufswahlfaktoren, wie
Phantasievorstellungen, Interessen, Fähigkeiten, Werte und realitätsbezogene Vorstellungen.
Die Hauptkritikpunkte in diesem Ansatz sind einerseits die postulierte Irreversibilität des beruflichen Entwicklungsprozesses und anderseits die Annahme,
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dass dieser Prozess endet, sobald eine Person der ersten beruflichen Beschäftigung nachgeht. Auch wenn diese Kritik zunächst durchaus berechtigt erscheint, sollte an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass mit Unumkehrbarkeit nicht gemeint ist, dass die Möglichkeit der Neuorientierung ausgeschlossen wird, sondern es wird lediglich darauf hingewiesen, dass eine Neuorientierung an enge soziale und psychische Grenzen gebunden ist. 24
Die Bedeutung des Erklärungsansatzes von Ginzberg und seinen Mitarbeitern ist trotz der genannten Kritikpunkte in seiner Berücksichtigung der entwicklungstheoretischen Perspektive im Berufswahlprozess zu sehen. Die in der Berufswahlliteratur stark umstrittenen Thesen der Unumkehrbarkeit des Berufswahlprozesses und die Beendigung des Berufswahlprozesses bei dem Eintritt in die erste berufliche Tätigkeit werden unter anderem auch von Super kritisiert. In seiner Theorie einer lebenslangen beruflichen Entwicklung versucht Super diese Thesen zu korrigieren. Supers Theorie, die auch ihrerseits mehrfach überarbeitet wurde, kann zum gegenwärtigen Stand der Dinge durch folgende 14 Grundthesen umschrieben werden. 1. Individuen unterscheiden sich in Bezug auf Fähigkeiten, Persönlichkeit, Bedürfnisse, Werte, Interessen, Eigenschaften und Selbstkonzepte. 2. Unter Einbeziehung der unter Punkt 1 genannten persönlichen Merkmale sind Individuen für eine große Anzahl von Berufsfeldern und Berufen geeignet. 3. Jeder Beruf verlangt ein typisches Muster an Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften. Doch gibt es einen weiten Toleranzbereich, sodass für jedes Subjekt eine Fülle an Berufen und für jeden Beruf eine Vielzahl unterschiedlicher Individuen in Frage kommt. 4. Berufliche Präferenzen und Kompetenzen, aber auch Situationen, in denen Individuen leben und arbeiten sowie ihre Selbstkonzepte, ändern sich im Laufe der Zeit und mit zunehmender Erfahrung. Jedoch sind Selbstkonzepte als Produkte sozialer Lernprozesse im zeitlichen Verlauf verhältnismäßig stabil. 5. Dieser Veränderungsprozess lässt sich als eine Abfolge von Lebensstufen zusammenfassen, die als ein Hergang von Wachstum, Exploration, Etablierung,
23 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Stuttgart 1984. Seite 13.
24 BUßHOFF, Ludger: Berufswahl. Stuttgart 1984. Seite 13ff.
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Aufrechterhaltung und Lösung beschrieben werden kann. Auch diese Stufen können in Perioden gegliedert werden, die durch gewisse
Entwicklungsaufgaben charakterisiert sind. Bei jedem Übertritt von einer Stufe zur nächsten und wenn die berufliche Laufbahn durch unvorhersehbare Ereignisse gestört wird, ist ein kleiner Kreislauf zu beobachten (vgl. Abb. 8). 6. Die Berufslaufbahnmuster, das heißt der erreichte Rang, die Abfolge und die Dauer von kurzfristigen und langfristigen Beschäftigungen, sind bestimmt durch die sozioökonomische Stufe der Eltern, durch mentale Fähigkeiten, Ausbildung, Fertigkeiten und persönliche Merkmale (siehe Punkt 1). 7. Ein erfolgreicher Umgang mit den gestellten Anforderungen der beruflichen Umwelt steht auf jeder Stufe in engem Zusammenhang mit der Bereitschaft des Individuums (Berufslaufbahnreife) mit diesen Anforderungen umzugehen. 8. Die Berufslaufbahnreife ist ein psychosoziales Gebilde, welches das individuelle Ausmaß der beruflichen Entwicklung entlang einem Kontinuum von Lebensstufen beschreibt. 9. Die Entwicklung während der einzelnen Lebensstufen kann mit einer Beratung einhergehen.
10. Der Prozess der beruflichen Entwicklung beinhaltet in erster Linie die Entfaltung und Implementierung beruflicher Selbstkonzepte. Dies ist ein Prozess, in dem das Selbstkonzept ein Produkt der Interaktion der folgenden Faktoren ist: Ererbte Fähigkeiten, physische Ausstattung, die Gelegenheit, verschiedene Rollen zu beobachten und auszuüben sowie einer Bewertung des Ausmaßes, in dem die Resultate der Rollenausübung den Anforderungen von Vorgesetzten und Peers genügen.
11. Das Zusammenbringen von persönlichen und sozialen Faktoren sowie von Selbstkonzepten und Realität ist ein Prozess der Rollenausübung und des Lernens durch Feedback.
12. Arbeitszufriedenheit und Lebenszufriedenheit ist abhängig von dem Ausmaß, in dem eine Person geeignete Wege findet, ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse, Werte, Interessen, Persönlichkeitseigenschaften und Selbstkonzepte auszuleben. 13. Umso mehr eine Person in der Lage ist ihr Selbstkonzept in das Berufsleben mit einzubringen, desto größer ist die Befriedigung, die sie aus der Arbeit gewinnt.
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Arbeit zitieren:
Gerhard Schmid, 2006, Die Förderung der Berufsorientierung als Aufgabe der Hauptschule, München, GRIN Verlag GmbH
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