Abstract
Städte und Regionen sehen sich gegenwärtig einem zunehmenden Wettbewerb als Wirtschafts-, Wohn-, Freizeit- und Fremdenverkehrsstandort ausgesetzt, der auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene stattfindet. Von der Standortwahl der privaten Haushalte und Unternehmen hängt das wirtschaftliche Wohlergehen von räumlichen Einheiten in bedeutendem Maße ab. Weiche und harte Standortfaktoren beeinflussen dabei jede Standortwahl. Auch die Kultur stellt sowohl einen harten als auch einen weichen Standortfaktor dar und beeinflusst die Standortattraktivität von Städten und Regionen, denn sie besitzt vielfältige Potentiale als Standort-, Wirtschafts-, Kreativitäts-, Identitäts- und Imagefaktor und vermag Städte und Regionen regional, national und international zu positionieren. Das Stadt- und Regionenmarketing kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten und insbesondere der Titel der Kulturhauptstadt Europas kann vielgestaltige positive wirtschaftliche Effekte auslösen und damit die Attraktivität von Städten und Regionen verbessern und so Standortentscheidungen entscheidend bestimmen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Die Zielsetzung der Arbeit 2
1.2 Der Aufbau der Arbeit. 2
2 Die Bedeutung der Standortfaktoren. 5
2.1 Begriffsbestimmung: harte und weiche Standortfaktoren. 6
2.2 Die Träger städtischer und regionaler Entwicklung und ihre Standortpräferenzen. 10
2.2.1 Die Unternehmen. 11
2.2.2 Die privaten Haushalte 12
2.2.3 Die öffentliche Hand 13
2.3 Der Bedeutungswandel der Standortfaktoren 14
2.3.1 Der traditionelle Ansatz der Bedeutung von Standortfaktoren 14
2.3.1.1 Die theoretischen Grundlagen der traditionellen Standorttheorien. 14
2.3.1.2 Die empirischen Ergebnisse und Grundlagen der traditionellen Standorttheorien
16
2.3.2 Die Kritik an den traditionellen Standorttheorien 21
2.3.2.1 Die Kritik an der theoretischen Fundierung der traditionellen Standorttheorien
21
2.3.2.2 Die Kritik an der empirischen Fundierung der traditionellen Standorttheorien22
2.3.3 Die Bedeutung der weichen Standortfaktoren in der Ökonomie der Gegenwart 23
2.3.3.1 Aktuelle lokale, nationale und globale Entwicklungen und der
Bedeutungsgewinn der weichen Standortfaktoren 23
2.3.3.2 Die neue Theorie der Standortfaktoren von Richard Florida in der Wissens- und
Informationsgesellschaft 26
3 Die Bedeutung der Kultur als weicher Standortfaktor. 30
3.1 Begriffsbestimmung Kultur. 30
3.2 Die Bedeutung und Funktion von Kultur als weicher Standortfaktor für Individuum,
Gesellschaft und Wirtschaft. 32
3.2.1 Kultur als Wettbewerbsfaktor bei Standortentscheidungen 32
3.2.2 Kultur als Wirtschaftsfaktor 34
3.2.3 Kultur als Kreativitätsfaktor 36
III
3.2.4 Kultur als Identitätsfaktor. 37
3.2.5 Kultur als Imagefaktor. 38
4 Die Zukunft von Städten und Regionen im Standortwettbewerb 40
4.1 Die Stadt als besonderer Ort der Kultur, Urbanität und Identität 40
4.1.1 Die Kultur als ein integraler Bestandteil der Stadtentwicklung 42
4.1.2 Die Urbanität als ein Charakteristikum der lebendigen Stadt 43
4.1.3 Die städtische Identität 44
4.2 Der Bedeutungsgewinn der Regionen. 45
4.3 Der Standortwettbewerb der Städte und Regionen und die zunehmende Polarisation
auf verschiedenen Ebenen 47
4.3.1 Die Position der Globalisten. 49
4.3.2 Die Position der Regionalisten 49
5 Das Stadt- und Regionenmarketing 51
5.1 Die Grundlagen des Stadt- und Regionenmarketings 51
5.1.1 Die Beziehung zwischen dem Stadtmarketing und dem Regionenmarketing. 52
5.1.2 Die konstitutiven Elemente des Konzeptes des ganzheitlichen kooperativen
Stadtmarketings 53
5.1.3 Die Ableitung des Stadtmarketings aus dem klassischen betriebswirtschaftlichen
Marketing und dessen Besonderheiten 57
5.2 Die Bedeutung der Kultur und die Gestaltungsfelder im Stadt- und
Regionenmarketing. 59
5.2.1 Die Stadt als Marke 59
5.2.2 Das räumliche Image 61
5.2.3 Die Kreierung von räumlicher Identität 62
5.3 Das Kulturevent als ein Instrument des Stadt- und Regionenmarketings. 65
6 Die Auswirkungen des Wettbewerbs um den Titel der Kulturhauptstadt Europas und der
Durchf ührung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres auf Städte und Regionen am
Beispiel der Städte Graz, Karlsruhe und Essen. 68
6.1 Das Konzept der Kulturhauptstadt Europas und dessen Effekte auf Städte und
Regionen 68
6.1.1 Das Konzept der Kulturhauptstadt Europas 69
6.1.2 Die Effekte der Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas und der
Durchf ührung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 72
IV
6.1.2.1 Die tangiblen Effekte 74
6.1.2.2 Die intangiblen Effekte 75
6.2 Graz - die Bedeutung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2003 für die Stadt 78
6.2.1 Die Ausgangssituation der Stadt Graz vor dem Europäischen Kulturhauptstadtjahr
2003 79
6.2.2 Das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2003 in Graz 80
6.2.3 Die tangiblen und intangiblen Auswirkungen des Europäischen
Kulturhauptstadtjahres 2003 für die Stadt Graz 81
6.2.3.1 Die tangiblen Effekte 81
6.2.3.2 Die intangiblen Effekte 84
6.2.3.3 Die Nachhaltigkeit der Effekte. 87
6.3 Karlsruhe - die Effekte der Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas
2010 für die Stadt. 88
6.3.1 Die Ausgangslage Karlsruhes vor der Bewerbung um den Titel der
Kulturhauptstadt Europas 2010 89
6.3.2 Die Bewerbung Karlsruhes um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 90
6.3.3 Die Effekte der Bewerbung Karlsruhes um den Titel der Kulturhauptstadt Europas
2010 93
6.3.3.1 Die tangiblen Effekte 93
6.3.3.2 Die intangiblen Effekte 93
6.3.3.3 Die Nachhaltigkeit der Effekte. 96
6.4 Essen - die Kulturhauptstadt Europas 2010 und deren Effekte 97
6.4.1 Die Besonderheiten des Ruhrgebietes als Region 97
6.4.1.1 Die Siedlungsstruktur des Ruhrgebiets 97
6.4.1.2 Die Bedeutung des Strukturwandels im Ruhrgebiet 98
6.4.2 Das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2010 in Essen und in dem Ruhrgebiet. 99
6.4.2.1 Die Organisation, das Programm und der europäische Bezug des Europäischen
Kulturhauptstadtjahres 2010 100
6.4.2.2 Die Finanzierung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2010 102
6.4.3 Die Effekte des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2010 in Essen und in dem
Ruhrgebiet 103
6.4.3.1 Die tangiblen Effekte 104
6.4.3.2 Die intangiblen Effekte 106
V
6.4.3.3 Die Nachhaltigkeit der Effekte. 109
7 Fazit und Ausblick 111
Tabellenverzeichnis. 116
Literaturverzeichnis. 117
VI
1 Einleitung
Kultur und Wirtschaft sind zwei Kategorien des menschlichen Lebens, die in jeder Gesellschaft vielfältig verbunden zu finden sind: Kultur ist die qualitative und Wirtschaft die quantitative Kategorie 1 . Kultur ist der Inbegriff der Sinnbildungs- und Deutungsleistungen, die der Mensch vollbringen muss, um leben zu können 2 . Sie erfüllt Grundbedürfnisse des individuellen und sozialen Lebens nach Bildung, Identifikation, Kreativität und Teilhabe 3 und soll dazu beitragen, Bedürfnisse des Menschen materieller und immaterieller, physischer und metaphysischer sowie geistig-seelischer Art zu befriedigen 4 . Damit besitzt Kultur für den Menschen eine existenzielle Bedeutung und bildet ein bestimmendes Element, welches eine Gesellschaft zusammenhält 5 und ist Nährboden für wirtschaftliche und politische Systeme 6 . Die Kultur ist jedoch auch abhängig von wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, von wirtschaftlichen Erkenntnissen und technologischen Entwicklungen. Kultur und Wirtschaft stehen somit in ständiger Wechselwirkung zueinander 7 . Die Zusammenhänge zwischen Kultur und Wirtschaft sind in den letzten Jahren zunehmend wissenschaftlich untersucht worden, meist mit der Absicht, konkrete Beziehungslinien zwischen beiden Bereichen aufzuzeigen und daraus volkswirtschaftliche Leitlinien und kommunalpolitische Handlungskonzepte abzuleiten 8 .
In dieses Beziehungsgefüge zwischen Kultur und Wirtschaft fügt sich die Thematik der Kultur als Standortfaktor für Städte und Regionen ein. Angesichts der wachsenden gegenseitigen Konkurrenz von Städten und Regionen und der oftmals in diesen Raumeinheiten nur begrenzt vorhandenen Möglichkeiten einer finanziellen Intensivierung der traditionellen
Wirtschaftsförderung, gewinnen weiche Standortfaktoren - und damit auch Kultur - in den
1 Vgl. Freiherr von Loeffelholz 2001, S. 65 und Behr et al. 1990, S. 18
2 Vgl. Reckwitz, Rüsen 2007, S. 337 und Schilling 2006, S. 5
3 Vgl. Ohlig, Online Quelle o.J., S.4 und Schöneich 1991, S. 91
4 Vgl. Wöbse 2003, S. 82 - 83
5 Vgl. Schilling 2006, S. 5
6 Vgl. Freiherr von Loeffelholz 2001, S. 65
7 Vgl. Freiherr von Loeffelholz 2001, S. 65
8 Vgl. Heinrichs et al. 1999, S. 14
1
Überlegungen der verantwortlichen Kommunal- und Regionalpolitiker und der ansässigen Wirtschaft an Bedeutung 9 .
1.1 Die Zielsetzung der Arbeit
Um wirtschaftlichen Wohlstand zu erreichen, muss eine Stadt oder eine Region so attraktiv sein, dass ihre Menschen, ihre Unternehmen und ihre Institutionen gerne am bestehenden Standort bleiben, und dass fremde Menschen, fremde Unternehmen und fremde Institutionen sich gerne in jenen niederlassen 10 . In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob und wie die kulturellen Potentiale und das kulturelle Angebot von Städten und Regionen geeignet sind, um als Standortfaktoren im Standortwettbewerb der Städte und Regionen zu fungieren. Kann die wirtschaftliche Entwicklung von Städten und Regionen durch Kultur beeinflusst und gesteuert und deren Standortattraktivität verbessert werden? Besitzt das Stadt- und Regionenmarketing und im speziellen Fall das Projekt der Kulturhauptstadt Europas die Potentiale, die Zukunft von Städten und Regionen positiv zu beeinflussen? Die vorliegende Arbeit versucht, diesen Fragestellungen nachzugehen und sie im Folgenden zu beantworten.
1.2 Der Aufbau der Arbeit
Nach dieser Einleitung als erstem Kapitel der Arbeit, wird im zweiten Kapitel als Grundlage für die weiteren Betrachtungen die Bedeutung von harten und weichen Standortfaktoren thematisiert. Zunächst erfolgt eine Begriffsbestimmung der unterschiedlichen Arten von Standortfaktoren, danach werden die drei grundsätzlichen Träger von Standortentscheidungen beschrieben und anschließend wird der gegenwärtige Bedeutungswandel der Standortfaktoren behandelt.
Nach dieser Einführung in die Thematik der Standortfaktoren beschäftigt sich das dritte Kapitel mit der Bedeutung, die die Kultur für den einzelnen Menschen, die gesamte Gesellschaft und die Wirtschaft besitzt. Nach einer Abgrenzung und Definition des Begriffs der Kultur, geht das Kapitel auf deren Potentiale als Wettbewerbsfaktor bei Standortentscheidungen, als Wirtschaftsfaktor, als Kreativitätsfaktor, als Identitätsfaktor sowie als Imagefaktor ein und verdeutlicht den besonderen Stellenwert der Kultur.
Das vierte Kapitel berücksichtigt den Raumbezug von Kultur und beschäftigt sich mit dem
9 Vgl. Heinrichs et al. 1999, S. 9
10 Vgl. Trommer 2006, S. 24
2
heutigen Standortwettbewerb der Städte und Regionen und dessen Auswirkungen auf die räumlichen Einheiten. Dabei findet zuerst die Stadt und ihre besondere Bedeutung für die Kultur sowie der zunehmende Einfluss der Regionen Erwähnung. Danach geht das Kapitel auf die wachsende Polarisation der räumlichen Einheiten bedingt durch den Standortwettbewerb ein und geht der Frage nach, ob die Städte und Regionen angesichts des Standortwettbewerbs die Möglichkeit haben, die Attraktivität ihres Standortes aktiv zu beeinflussen.
Als eine Möglichkeit die Standortgunst von Städten und Regionen zu steuern, stellt das fünfte Kapitel das Stadt- und Regionenmarketing vor. Nach der Darlegung von Grundlagen desselbigen durch die Klärung der Beziehung zwischen dem Stadt- und dem Regionenmarketing, der Charakterisierung des Stadtmarketings sowie der Herstellung eines Bezugs zu dem klassischen Marketing, werden die Bedeutung der Kultur und die Gestaltungsfelder des Stadt- und Regionenmarketings thematisiert. Die Darlegung der Gestaltungsfelder beschränkt sich auf die drei Bereiche der Darstellung der Stadt als eine Marke sowie der Kreierung eines räumlichen Images und einer räumlichen Identität. Schließlich wird der Event als Instrument des Stadt- und Regionenmarketings mit dessen Vor- und Nachteilen beschrieben. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich dabei auf das Stadt- und Regionenmarketing zur Beeinflussung der Attraktivität von Standorten, Methoden wie Sponsoring oder Private Public Partnership wurden bewusst nicht betrachtet.
Das sechste Kapitel legt sein Augenmerk auf den Titel der Kulturhauptstadt Europas als ein Event und Instrument des Stadt- und Regionenmarketings und dessen tangiblen und intangiblen Effekten. Es werden drei Städte betrachtet, für die der Titel der Kulturhauptstadt Europas eine wichtige Rolle spielt. Zunächst wird die Stadt Graz behandelt, die den Titel der Kulturhauptstadt Europas im Jahre 2003 trug und im Rahmen dieser Veranstaltung beachtlichen wirtschaftlichen Erfolg erzielen konnte. Danach beschäftigt sich das Kapitel mit den wirtschaftlichen Effekten, die in der Stadt Karlsruhe alleine durch die Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 erzielt werden konnten. Abschließend geht das Kapitel auf die erhofften zukünftigen Effekte in Essen und dem gesamten Ruhrgebiet im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2010 ein.
3
Das letzte Kapitel stellt schließlich in einem Fazit die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammen und gibt einen knappen Ausblick auf die Zukunft des Projektes der Kulturhauptstadt Europas.
Um der Komplexität des Themenfeldes der Kultur und ihrer Wirkungen auf den Raum und auf den Menschen Rechnung zu tragen, wird im Verlauf der Arbeit diese Thematik auf verschiedenen Ebenen angesprochen. Die einzelnen Aspekte dessen sind in dem jeweiligen Kontext der Kapitel verständlicher und wurden deshalb nicht ein einer gesonderten Zusammenfassung dargestellt. Gerade die Begriffe Identität und Image werden dabei immer wieder herangezogen und verdeutlichen damit ihre Bedeutung als kulturelle Effekte. In Kapitel zwei erfolgt zunächst eine Einteilung der Kultur als einen harten und einen weichen Standortfaktor. Kapitel drei betont daraufhin die Bedeutung der Kultur als weicher Standortfaktor und untergliedert die kulturellen Effekte in die Kategorien als Wettbewerbsfaktor bei Standortentscheidungen, als Wirtschaftsfaktor, als Kreativitätsfaktor, als Identitätsfaktor und als Imagefaktor. Das vierte Kapitel stellt des Weiteren den Raumbezug der Kultur heraus und geht auf die identitätsstiftende Wirkung von Kultur in Bezug auf einen Raum ein. Auch im Stadt- und Regionenmarketing vermag die Kultur vielfältige Effekte auszulösen. Kapitel fünf beschreibt deswegen die Möglichkeit der Kreierung von Identität und Image durch die Kultur. Schließlich thematisiert Kapitel sechs die tangiblen und die intangiblen Effekte einer kulturellen Veranstaltung, dem Europäischen Kulturhauptstadtjahr, die von kurzfristiger oder von dauerhafter Natur sein können.
4
2 Die Bedeutung der Standortfaktoren
„Deutschlands wirtschaftliche Attraktivität hängt maßgeblich von seiner Attraktivität als Standort für Unternehmer und Unternehmen ab“ 11 . Auf der einen Seite hat ein Unternehmen einen erheblichen Einfluss auf seine Standortumgebung, etwa auf die Arbeitsplatz- und Einkommenswirkungen oder auf die Verflechtungen zu anderen Unternehmen. Auf der anderen Seite wird mit der erwirtschafteten Wertschöpfung eines Unternehmens das moderne Gemeinwesen finanziert, wobei die Lokalisierung des Unternehmens den Betriebserfolg beeinflusst 12 . Dabei machen Unternehmer ihre Standortentscheidung von den verfügbaren Ressourcen und Rahmenbedingungen - den Standortfaktoren - abhängig 13 . Standortrelevante Prozesse bei der Standortentscheidung bilden Verlagerung, Erweiterung und Schrumpfung, Neugründung 14 und die Entscheidung über den Verbleib des Unternehmens am Standort 15 . Diese spezifischen Standortentscheidungen haben in der Regel eine langfristige Wirkung und können unter Umständen nur bedingt und unter großen Kosten revidiert werden 16 . Die Standortentscheidung ist quasi irreversibel, denn einmal errichtete Gebäude und installierte Anlagen, eingeschulte Arbeitskräfte wie auch der mühsam aufgebaute lokale Kundenstock sind nahezu immobil 17 . Der damit verbundene lange Planungshorizont impliziert eine hohe Unsicherheit, sowohl bezüglich des Marktes als auch der Technologie. Dennoch, betrachtet man alle standortrelevanten Prozesse, existiert eine starke Standortdynamik in der Bundesrepublik Deutschland 18 . Die Langfristigkeit und Tragweite der Entscheidung macht eine gründliche Analyse der Standortfaktoren notwendig 19 . Doch nicht nur Unternehmen treffen Standortentscheidungen. Auch die öffentliche Hand, Institutionen sowie private Haushalte richten ihre Standortpräferenzen nach den vorhandenen Standortfaktoren und bestimmen damit
11 Ohlig, Online Quelle o.J., S.7
12 Vgl. Maier / Tödtling 2001, S. 21 und Ohlig Online Quelle o.J., S.7
13 Vgl. Bachmann, Kluczka Online-Quelle 2004, S. 27
14 Vgl. Grabow et al. 1995, S.155
15 Vgl. Ohlig Online Quelle o.J., S.7
16 Vgl. Brandner 2000, S. 117 und Hummel 1997, S. 23
17 Vgl. Maier / Tödtling 2001, S. 25
18 Vgl. Grabow 2005, S.40
19 Vgl. Maier / Tödtling 2001, S. 25
5
ebenso über die Zukunft und das wirtschaftliche Wohlergehen von Städten und Regionen 20 . Die Standortfaktoren, die Determinanten der Standortwahl, besitzen demzufolge eine bedeutende Rolle im gegenwärtigen Standortwettbewerb der räumlichen Einheiten (siehe Kapitel 4) und können untergliedert werden in harte und weiche Standortfaktoren 21 .
2.1 Begriffsbestimmung: harte und weiche Standortfaktoren
Die beiden Begriffe der harten und weichen Standortfaktoren sind komplementär und decken zusammen das gesamte Spektrum relevanter Bestimmungsgrößen für Standortentscheidungen ab. Sie sind - direkt oder indirekt - für mindestens einen Teil der Entscheidungsträger in den Betrieben oder Unternehmen bei Standortentscheidungen relevant 22
20 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 11 - 12
6
Harte Standortfaktoren, die auch traditionelle Standortfaktoren genannt werden 23 , sind quantifizierbar und können direkt in die Bilanz eines Unternehmens mit einbezogen werden. Als Beispiele hierfür lassen sich die Lage zu den Bezugs- und Absatzmärkten, die Verkehrsanbindung (Schiene, Wasser, Straße, Luft), das Flächenangebot, die Flächen-, Miet- und Transportkosten, die Energie- und Umweltkosten, Umweltschutzauflagen und lokale Abgaben nennen (siehe Abbildung 1).
Neben den harten Standortfaktoren entstand in den 1980er Jahren der Begriff der weichen 24 oder der sanften 25 Standortfaktoren (siehe Abbildung 1), der in der öffentlichen Diskussion immer mehr an Gewicht gewinnt 26 (siehe Kapitel 2.3.3). Im Gegensatz zu den harten Standortfaktoren schlagen sich die weichen Standortfaktoren nicht in einer unmittelbaren Rechenhaftigkeit in den Unternehmen nieder 27 , dem Begriff der weichen Standortfaktoren scheint ein irrationales Element anzuhaften 28 . Es gibt zwei Möglichkeiten sie zu charakterisieren. Im ersten Fall haben die weichen Standortfaktoren für die Betriebs- und Unternehmenstätigkeit direkte Auswirkungen, sind jedoch nur schwer messbar oder Fakten werden durch Einschätzungen überlagert. Im zweiten Fall besitzen sie für die Betriebs- und Unternehmenstätigkeit nur wenige oder keine direkten Auswirkungen, sind jedoch für die Beschäftigten oder Unternehmer relevant 29 .
Es lassen sich grundsätzlich zwei Typen weicher Standortfaktoren unterscheiden: die weichen unternehmensbezogenen Faktoren und die weichen personenbezogenen Faktoren (siehe Abbildung 1). Die weichen unternehmensbezogenen Faktoren sind von unmittelbarer Wirksamkeit für die Unternehmens- und Betriebstätigkeit. Dazu gehören beispielsweise das Verhalten der öffentlichen Verwaltung oder der politischern Entscheidungsträger, die Arbeitsmentalität oder das Wirtschaftsklima 30 . Die weichen personenbezogenen Faktoren
21 Vgl. Gabler-Wirtschafts-Lexikon 1992, S. 3098
22 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 63 - 64
23 Vgl. Hummel 1990, S.1
24 Vgl. Salmen 2007, S. 142
25 Vgl. Dziembowska-Kowalska et al. 1996, S. 124
26 Vgl. Hummel 1990, S.1
27 Vgl. Hummel 1990, S. 20
28 Vgl. Diller 1991, S. 22
29 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 64
30 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 67
7
repräsentieren die persönlichen Präferenzen der Unternehmer und die Präferenzen der Beschäftigten. Beides sind subjektive Einschätzungen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen am Standort 31 , so zum Beispiel die Freizeit- und Erlebnisqualitäten, das Bildungs- und Kulturangebot.
Die Unterscheidung harter und weicher Standortfaktoren ist bis heute in der öffentlichen Diskussion üblich, da so - ohne genauere Betrachtung - einem Standortfaktor eine monetäre Bedeutung zu- oder abgesprochen werden kann 32 . Es ist jedoch nicht möglich, klare Abgrenzungen von weichen gegenüber harten Faktoren oder eine eindeutige Zuteilung in Fakten und Einschätzungen vorzunehmen 33 . So lassen sich Standortfaktoren in einem Kontinuum zwischen hart und weich positionieren. „Die Grenze zwischen hart und weich verläuft fließend und ist vom jeweiligen unternehmerischen Betrachtungszusammenhang abhängig“ 34 . Abbildung 2 stellt dieses Kontinuum exemplarisch anhand einiger Standortfaktoren dar, die gestrichelte Linie verdeutlicht die Abgrenzung zwischen den harten und weichen Standortfaktoren, die wie oben erwähnt keine klare Grenze bedeutet.
31 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 67
32 Vgl. Salmen 2007, S. 145
33 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 65
34 Salmen 2007, S. 142
8
Diese Unterscheidung in harte und weiche Standortfaktoren erscheint auch bezüglich des Kulturbegriffs als schwierig (auf die genaue Begrifflichkeit der Kultur wird in Abschnitt 2.4 eingegangen). Einerseits besteht weitgehend Konsens darüber, dass unter einem weichen Faktor Begriffe wie Kultur, Freizeit und Image verstanden werden 35 und kaum eine Veröffentlichung aus dem Themenkomplex Wirtschaft und Kultur verzichtet darauf, die Relevanz der Kultur als eines weichen Standortfaktors für Unternehmen herauszustellen 36 . Dabei wird die Kultur sowohl als weicher personenbezogener als auch als weicher unternehmensbezogener Faktor gesehen. Beispielsweise gelten als weiche personenbezogene Faktoren hinsichtlich der Kultur etablierte Einrichtungen wie Theater, Konzerte, Museen und Ausstellungen, Unterhaltungskultur wie die Musik- und Kunstszene, Kneipen und Kinos und die Breiten- und Alltagskultur wie zum Beispiel Stadtfeste. In der Kategorie Kultur werden als weiche unternehmensbezogene Faktoren beispielsweise die Bedeutung als Kultur- und Medienstandort und das Kultursponsoring
35 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 14
36 Vgl. Heinrichs et al. 1999, S.36
9
bezeichnet. 37 Andererseits zeigt sich, dass für Unternehmen der Kulturwirtschaft andere Sachverhalte gelten. Das kulturelle Angebot einer Stadt hat für sie eine erhebliche, zum Teil existenzielle Bedeutung und stellt für sie daher einen harten Standortfaktor dar, ohne den sie ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit nicht erfolgreich nachgehen könnten 38 . Das Kulturangebot einer Stadt ist für viele Unternehmen ein weicher Standortfaktor, während für ein Unternehmen, das zum Beispiel Bühnenanlagen vermietet, dasselbige einen harten Standortfaktor darstellt 39 . Die Frage, ob das Kulturangebot ein harter Standortfaktor ist, kann damit beantwortet werden, ob das Kulturangebot aus betriebswirtschaftlicher Sicht notwendig erscheint 40 . Die harte oder weiche Bedeutung eines Standortfaktors kann deswegen nur branchenspezifisch betrachtet werden.
2.2 Die Träger städtischer und regionaler Entwicklung und ihre Standortpräferenzen
Die Attraktivität einer Stadt oder einer Region setzt sich aus einer Vielzahl von Standortfaktoren und Einzelaspekten zusammen. Entscheidend ist die Beurteilung und das subjektive Empfinden des Leistungsnetzwerkes einer Raumeinheit durch ihre Bewohner, Besucher und Unternehmen 41 . Deshalb ist es wichtig, eine Stadt ganzheitlich wahrzunehmen, als einen multidimensionalen Lebensraum, in dem Menschen als Produzenten Güter herstellen und in dem sie als Konsumenten ihre materiellen und geistigen Bedürfnisse befriedigen und damit in vielfältiger Wechselwirkung zueinander stehen 42 . Die beobachtbare Struktur eines Raumes und die Stadtentwicklung sind das Ergebnis der Entscheidungen vieler Akteure. Drei wichtige Gruppen können dabei unterschieden werden: die privaten Haushalte, die Unternehmen und die öffentliche Hand. Abbildung 3 stellt die Akteure und ihre Beziehungen untereinander dar.
37 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 69
38 Vgl. Heinrichs et al. 1999, S. 40
39 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 64
40 Vgl. Salmen 2007, S. 146
41 Vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels e. V. 1995, S. 36
42 Vgl. Dziembowska-Kowalska et al. 1996, S. 1
10
Abb.3. Die wichtigsten Akteure der Standortentscheidungen und ihre gegenseitigen Beziehungen
2.2.1 Die Unternehmen
Entscheidende Bestimmungsfaktoren der Stadtentwicklung sind im unternehmerischen Bereich zu finden 43 , da in einem von privaten Unternehmen dominierten Wirtschaftssystem die Stadt- und Raumentwicklung in starkem Maße von den privatwirtschaftlichen Standortentscheidungen der Unternehmen beeinflusst werden 44 . Die Unternehmen haben unmittelbaren Einfluss auf das Wohlergehen einer Region und sind daher von hohem regionalpolitischem Interesse 45 . Mit ihren Investitionen tragen sie die Hauptrolle bei der Erwirtschaftung und Steigerung der regionalen Wirtschaftskraft und bei der Bereitstellung von Arbeitsplätzen 46 .
Doch nicht nur die Standortentscheidungen sind raumwirksame Entscheidungen von Unternehmen. Auch mit anderen Entscheidungen strukturieren diese den Raum und gestalten die Rahmenbedingungen für die Entscheidungen anderer Unternehmen und Akteure mit. So sind die
43 Vgl. Krätke 1995, S. 10
44 Vgl. Krätke 1995, S. 23
45 Vgl. Salmen 2007, S. 121
46 Vgl. Hahne 1995, S. 9 - 10
11
Unternehmen mit ihren Kunden und Lieferanten auf vielfältige Weise verbunden. Beispielsweise beeinflusst die Entscheidung über das Betriebsnetz wesentlich die räumliche Struktur des Absatzmarktes oder die Lagerhaltungspolitik die räumliche Ausdehnung des Beschaffungsmarktes 47 .
2.2.2 Die privaten Haushalte
Ähnlich wie die Unternehmen treffen auch private Haushalte Standortentscheidungen und sind mit ihrer räumlichen Umwelt in vielgestaltiger Weise verbunden. Sie treten einerseits als Endnachfrager von Gütern und Dienstleistungen in Erscheinung, wobei ihre Kaufkraft ein unverzichtbares Element des kommunalen Gefüges darstellt 48 . Andererseits sind die privaten Haushalte Anbieter von Ressourcen, also Arbeitskräfte, Unternehmer und Kapitalgeber; diese Beziehungszusammenhänge wirken sich wiederum auf den Raum aus 49 (siehe Abbildung 3).
Die Privaten Haushalte treffen ihre Standortentscheidungen nach vielfältigen Kriterien. Der Arbeitsplatz stellt dabei ein wichtiges Entscheidungsmerkmal in Bezug auf die Standortalternativen dar 50 . Die Standortalternativen der privaten Haushalte werden jedoch nicht nur durch das Arbeitsangebot bestimmt, private Alltagsbedürfnisse spielen ebenso eine wichtige Rolle 51 . Insbesondere wenn von der Standortentscheidung mehrere Familienmitglieder betroffen sind, spielen weiche Standortfaktoren wie das Wohnumfeld oder das kulturelle Angebot eine entscheidende Rolle bei der Standortwahl, da sie die Lebensqualität eines Ortes entscheidend beeinflussen. Der Arbeits- und Wohnortwechsel wird dementsprechend zunehmend unter dem Blickwinkel getroffen, welche kulturellen Angebote vor Ort anzutreffen sind und welche Möglichkeiten der aktiven und passiven Kulturteilnahme die Stadt oder Region zu bieten hat 52 (vergleiche Kapitel 3).
Einen speziellen Aspekt der privaten Haushalte, der in Hinblick auf Städte und Regionen von Bedeutung ist und auf deren Entwicklung Einfluss nimmt, stellen die Touristen dar. Die
47 Maier, Tödtling 2001, S. 11
48 Vgl. Brandner 2000, S. 126
49 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 11
50 Vgl. Brandner 2000, S. 130
51 Vgl. Krau 2005, S. 90
52 Vgl. Ohlig Online Quelle o.J., S.3
12
Tourismusbranche ist in den letzten Jahren stark gewachsen und auch in Zukunft werden Touristen für Städte und Regionen an wirtschaftlicher Bedeutung zunehmen 53 , denn Fremdenverkehr impliziert unabhängig davon, ob es sich um Geschäftsreisende oder um Erholungssuchende handelt, zusätzliche Arbeitsplätze sowie Kaufkraftzufluss und damit indirekt erhöhte Steuereinnahmen der Kommunen 54 . Auch hier haben die Attraktivität des Ortes und damit die weichen Standortfaktoren einen erheblichen Einfluss auf die Auswahl des Reisezieles.
2.2.3 Die öffentliche Hand
Schließlich treffen die Öffentliche Hand und damit die räumlichen Gebietskörperschaften in vielfacher Weise raumwirksame Entscheidungen. Diese Entscheidungen bestimmen die Qualität verschiedener Standorte wesentlich, denn die öffentliche Hand strukturiert die politischen und sozialen Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Menschen und ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten, indem sie Steuern und Abgaben erhebt, eine Rechtsordnung erlässt und Einrichtungen zu deren Durchsetzung unterhält. Des Weiteren stellt die öffentliche Hand verschiedene Infrastruktureinrichtungen bereit 55 .
Auf der anderen Seite trifft die öffentliche Hand jedoch auch selbst Standortentscheidungen bei der Ansiedelung öffentlicher Einrichtungen und steht somit nicht außerhalb der wirtschaftlichen Tätigkeit. Es ist zu beachten, dass die öffentliche Hand kein homogener Akteur ist, die verschiedenen Ebenen der Verwaltung verfolgen oftmals unterschiedliche Ziele und konkurrieren untereinander um Ressourcen und Kompetenzen 56 .
53 Vgl. Brandner 2000, S.136
54 Vgl. Brandnder 2000, S. 132
55 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 12
56 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 12
13
2.3 Der Bedeutungswandel der Standortfaktoren
Die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt, dass Standorte und somit die räumlichen Muster der Wirtschaft, trotz gewisser Beharrungstendenzen, längerfristig einem starken Wandel unterliegen können. Dahinter steht die Veränderung der Bedeutung der Standortfaktoren, die mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel sowie der Einführung neuer Produktions-, Transport- und Kommunikationstechniken einhergeht. Dieser Bedeutungswandel der Standortfaktoren wird auch in der raumwirtschaftlichen Theoriebildung reflektiert 57 .
2.3.1 Der traditionelle Ansatz der Bedeutung von Standortfaktoren
Die traditionelle Betrachtung von Standortfaktoren basiert auf historischen Standorttheorien, die bis in die heutige Zeit durch empirische Untersuchungen gestützt werden.
2.3.1.1 Die theoretischen Grundlagen der traditionellen Standorttheorien
Die Versuche, Standortstrukturen im Raum zu erklären, gehen bis auf das Jahr 1826 zurück 58 . Die frühen Standorttheorien waren statische Theorien 59 , die sich mit der optimalen räumlichen Lokalisation von Wirtschaftstätigkeiten befassten 60 , später wurden auch dynamische Vorgänge in die Analysen mit einbezogen 61 . In den frühen statischen Standorttheorien liegt das treibende Moment der Standortwahl in der Gewinnmaximierung, welches mit dem Modell des Homo Oeconomicus (siehe Kapitel 2.3.2) einhergeht. Um die Wirkungen dieses Moments möglichst genau darstellen zu können, abstrahieren die klassischen Standorttheorien ganz oder weitestgehend von den tatsächlichen räumlichen Differenzierungen der Standortpotentiale und gehen von einer homogenen Fläche aus. Zum bestimmenden Faktor für die Wahl eines Standortes werden dann die Transportkosten 62 . Diese Theorie wird auch als Standortlehre des Industriezeitalters bezeichnet - oder mit Blick auf den Prototyp der fabrikgestützten Massenproduktion Ford - als fordistische Standorttheorie 63 . Ausgehend von der Fokussierung auf
57 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 43
58 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 41
59 Vgl. Thießen 2005, S. 12
60 Vgl. Gabler-Wirtschafts-Lexikon 1992, S. 3796
61 Vgl. Thießen 2005, S. 12
62 Vgl. Gabler-Wirtschafts-Lexikon 1992, S. 3796
63 Vgl. Thießen 2005, S. 13
14
die Transportkostenminimierung und damit der Gewinnmaximierung der fordistischen Standorttheorie bildete sich zu jedem Wirtschaftssektor, also für die Landwirtschaft, für die Industrie sowie für Handel und Dienstleistungen ein eigenes Modell der Standortfaktoren heraus.
Bezüglich des Sektors der Landwirtschaft führte Johann Heinrich von Thünen zunächst die Frage der Standortwahl als wissenschaftliches Problem in die Regionalwissenschaft und Nationalökonomie ein und beschäftigte sich mit der Erklärung der Verteilung der landwirtschaftlichen Produktionsbetriebe 64 . Er strebte mit der Theorie der Bodennutzungen an, die optimale Verteilung der verschiedenen Flächennutzungen im Umland einer Stadt herzuleiten 65 . In der Mitte des vorletzten Jahrhunderts entstanden die ersten Ansätze der Standorttheorie des zweiten Wirtschaftssektors, der Industrie 66 , mit denen Alfred Weber die Standortwahl der Industrieunternehmen zu erklären versuchte. Mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel vom primären Sektor, der Landwirtschaft, zum sekundären Sektor, der Industrie, war eine Verschiebung der jeweils wichtigen Standortfaktoren verbunden. Der Faktor Grund und Boden, der für die landwirtschaftliche Produktion und das Thünensche Modell eine zentrale Bedeutung gehabt hatte, wurde in der frühen Industrialisierungsphase von der für Industriebetriebe wichtigen Rohstoffnähe und der allgemeinen Transportkostengunst im Weberschen Modell abgelöst 67 . Erste Ansätze zur Erklärung der Standortverteilung im Dienstleistungssektor folgten in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts 68 mit der Theorie der Zentralen Orte von Walter Christaller im Rahmen des weiter fortschreitenden wirtschaftlichen Strukturwandels hin zum tertiären Sektor, den Dienstleistungen 69 .
Einige der klassischen, harten Faktoren, wie die Nähe zu den Rohstoff- und Absatzmärkten, verloren im Zuge des technischen Fortschritts allgemein an Relevanz 70 . Zahlreiche Betriebe der Produktion wurden in den letzten Jahren durch den Ausbau der Kommunikationssysteme im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel (siehe Kapitel 2.3.3.1) gänzlich
64 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 75
65 Vgl. Gabler-Wirtschafts-Lexikon 1992, S. 3796
66 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 76
67 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 43
68 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 41
69 Vgl. Gabler-Wirtschafts-Lexikon 1992, S. 3797
70 Vgl. Diller 1991, S.27
15
unabhängig von der Nähe zu ihrem Absatz- und Beschaffungsmarkt 71 . Bei den meisten Faktoren ist der Bedeutungszuwachs der qualitativen gegenüber der quantitativen Dimension die entscheidende Veränderungstendenz. Der Faktor Arbeit beispielsweise ist in Zeiten der Dauerarbeitslosigkeit zumindest auf nationaler Ebene weniger als Lohnkostenfaktor von Bedeutung, entscheidend ist vielmehr die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeit. Ähnlich verhält es sich mit den Faktoren Verkehr und Boden: es gilt nicht mehr, Massen von Gütern zu niedrigen Transportkosten zu befördern, entscheidend sind Aspekte der Schnelligkeit und Flexibilität. 72 Das Fortschreiten der Industrialisierung führte mit einer Ausdifferenzierung der Branchen auch zu einer Ausdifferenzierung der für die Standortwahl unabdingbaren Faktoren. Neue Faktoren ausgelöst durch veränderte Produktionsweisen, technische Innovationen, aber auch andere Werte, Haltungen und Lebensstile sind hinzugekommen 73 .
In den dynamischen Betrachtungen der wirtschaftlichen Aktivität im Raum wurden erstmals auch weiche Standortfaktoren thematisiert, diese wurden meist jedoch pauschal unter dem Begriff persönliche Präferenzen subsumiert 74 . Sie spielten keine bedeutende Rolle in den traditionellen Standorttheorien, die sich hauptsächlich mit den harten Standortfaktoren auseinandersetzten.
„Die implizierte Botschaft der fordistischen Standorttheorie lautet: Regionen werden dann erfolgreich, wenn sie Unternehmen Standortfaktoren anbieten können, die zu einer Kostenminimierung führen“ 75 . Der Fokus dieser Modelle liegt damit auf den typischen harten Standortfaktoren, wobei den weichen Standortfaktoren eine zunehmende Bedeutung eingeräumt wird. Diese Sichtweise wird bis in die Gegenwart von empirischen Untersuchungen gestützt, mit denen in traditioneller Weise Standortfaktoren untersucht werden 76 .
71 Vgl. Maier, Tödtling 2001, S. 43 und Sauberzweig 1998c, S. 125
72 Diller 1991, S. 27 - 28
73 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 73
74 Vgl. Diller 1991, S.27
75 Thießen 2005, S. 13
76 Vgl. Thießen 2005, S. 13
16
Stellvertretend für verschiedene Studien zur Bedeutung von Standortfaktoren werden im Folgenden exemplarisch Auszüge aus den Ergebnissen der Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik (difu) aus dem Jahr 1993 aufgeführt.
Dabei handelt es sich um eine Befragung von Managern von 1.868 Unternehmen über die Relevanz von harten und weichen Standortfaktoren, die Grabow et al. mit Unterstützung von Emnid in Telefonbefragungen durchführten. Als Branchen wurden Industrie, Banken, Versicherungen, Wissenschaft / Kultur / Verlage, unternehmensorientierte Dienstleistungen und Organisationen ohne Erwerbszweck stichprobenartig ausgewählt, da bei diesen Branchen eine Bedeutung weicher Standortfaktoren seitens der Autoren der Untersuchung angenommen wurde. Die Stichprobe wurde disproportional geschichtet, um auch bei Branchen mit relativ wenigen Unternehmen zuverlässige Aussagen zu erhalten 77 . Tabelle 1 zeigt die Einschätzungen der Standortfaktoren nach der durchschnittlichen Wichtigkeit in absteigender Reihenfolge sortiert. Die befragten Manager sollten einschätzen, wie wichtig die vorgegebenen Standortfaktoren hypothetisch für das Unternehmen sind 78 . Dabei wurden als wichtigste Standortkriterien, die harten Standortfaktoren: Verkehrsanbindung; Arbeitsmarkt / Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitnehmer am Ort; Kommunale Abgaben, Steuern und Kosten sowie Kosten der Flächen und Gebäude / Büros am Ort genannt (siehe Tabelle 1). Erst danach folgen weiche Standortfaktoren, die in Tabelle 1 farblich hervorgehoben dargestellt sind, wobei zwischen weichen unternehmensbezogenen und weichen personenbezogenen Faktoren unterschieden wurde.
77 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 53
78 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 389
17
Tab. 1 Die branchenübergreifende Wichtigkeit von harten und weichen Standortfaktoren
Anmerkung:
¹ 1 = sehr wichtig, 2 = eher wichtig, 3 = eher unwichtig, 4 = völlig unwichtig
Weicher unternehmensbezogener Standortfaktor
Weicher personenbezogener Standortfaktor
Wurden Unternehmer nach den Gründen für konkrete Standortentscheidungen gefragt, so zeigten sich Abweichungen von den Einschätzungen hypothetischer Fragen 79 (siehe Tabelle 1). Im Zusammenhang mit konkreten Standortentscheidungen wurde den weichen Standortfaktoren eine geringere Bedeutung eingeräumt als in „unverbindlichen“ Aussagen oder allgemeinen Aussagen 80 . Grabow et al. befragten ferner 280 Betriebsleiter in ausgewählten Städten nach konkreten Standortentscheidungen und stellten diese den Einschätzungen der 1.868 hypothetisch befragten Manager gegenüber 81 . Faktoren, die bei konkreten Standortentscheidungen für erheblich wichtiger gehalten wurden, als bei der hypothetischen Fragestellung, waren insbesondere die Verfügbarkeit von Flächen und Büros, die Nähe zu anderen Unternehmen oder Betrieben des eigenen Unternehmens, die Nähe von Forschungseinrichtungen oder Hochschulen und das Image der Stadt. Faktoren, die umgekehrt in allgemeinen Einschätzungen für wichtiger gehalten wurden, sind die Unternehmensfreundlichkeit der kommunalen Verwaltung, das Wirtschaftsklima im Bundesland, die kommunalen Abgaben und Steuern, die Umweltqualität und die Schulen und Ausbildungseinrichtungen 82 . Tendenziell erhalten in konkreten Standortentscheidungen die harten Standortfaktoren ein höheres Gewicht, als die weichen Standortfaktoren. Abbildung 4 fasst die Ergebnisse der Untersuchung der zu konkreten Entscheidungssituationen befragten Unternehmen zusammen und verdeutlicht: den harten Standortfaktoren wird ein höheres Gewicht als den weichen Faktoren beigemessen.
79 Vgl. Salmen 2007, S.123
80 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 217
81 Vgl. Salmen 2007, S. 123
82 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 228 - 230
19
Abb.4. Das Gewicht der harten und weichen Standortfaktoren bei konkreten
Zusammenfassend spielen nach den Ergebnissen der empirischen Untersuchung von Grabow et al. im Jahr 1995 die weichen Standortfaktoren bei nur etwa 20 Prozent der Unternehmer eine Rolle bei Standortentscheidungen (siehe Abbildung 4). Die Bedeutung von weichen Standortfaktoren hat nach Meinung der Autoren demgegenüber zugenommen, da für Unternehmer die harten Standortfaktoren an vielen Standorten gleichermaßen gut vorhanden sind 83 . Die harten Stadtortfaktoren wurden ubiquitär, also allerorts verfügbar, da viele Regionen diese grundlegend verbesserten. Bei gleicher Ausstattung der harten Standortfaktoren können so die weichen Standortfaktoren den Ausschlag der Standortentscheidung geben 84 . Grabow et al. ermittelten weiter, dass ein typischer Standortauswahlprozess von Unternehmen in drei Phasen abläuft: einer Grobselektionsphase, einer Detailanalyse und einer Schlussauswahl. Insbesondere bei der Schlussauswahl spielen die weichen Standortfaktoren eine Rolle, falls sich in der Detailanalysephase mehrere Standorte herauskristallisieren, die bezüglich der harten
83 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 336
84 Vgl. Thießen 2005, S. 16
21
Standortfaktoren als gleichwertig erscheinen 85 . Insgesamt spielen nach Grabow et al. die weichen Faktoren jedoch nur in den seltensten Fällen die allein ausschlaggebende Rolle bei Standortentscheidungen, meist sind sie nur im Zusammenhang mit den harten Standortfaktoren zu sehen 86 .
2.3.2 Die Kritik an den traditionellen Standorttheorien
Bezüglich der Bedeutung weicher Standortfaktoren wird heute an der traditionellen Sicht und Methodik der fordistischen Standorttheorien Kritik geübt 87 . Gestützt wird die Kritik dabei auf die Problematik der theoretischen und empirischen Fundierung dieser Ansätze.
Die theoretische Fundierung des Einflusses weicher Standortfaktoren erscheint schwach beziehungsweise fehlt gänzlich bei den traditionellen Standorttheorien, denn diese Modelle der Standorttheorie modellieren den Einfluss der weichen Standortfaktoren nur sehr rudimentär 88 . Beispielweise werden Fragen der Lebensqualität an verschiedenen Orten nicht behandelt 89 und das Interesse der traditionellen Sichtweise gilt lediglich den Produktionskosten 90 . Unter diesem Mangel an Theorie leiden insbesondere die empirischen Untersuchungen, da den Fragen die notwendige Zuspitzung auf eine theoriegestützte Hypothese fehlt 91 .
Auch bezüglich des Postulats der objektiven Rationalität der betrieblichen Standortwahl in Zusammenhang mit den weichen Standortfaktoren wird Kritik geübt. Die bewusste und unbewusste Einbeziehung der weichen Standortfaktoren, so das Vorurteil der traditionellen Standortlehre, entrationalisiere die Standortwahl und führe so zu suboptimalen Lösungen 92 . Das Postulat dieser objektiven Rationalität ist mit dem Begriff des Homo Oeconomicus verbunden. Jener stellt einen vollkommen rationalen Akteur dar, der alle Konsequenzen seiner Handlung im
85 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 146 - 149
86 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 336
87 Vgl. Thießen 2005, S. 14
88 Vgl. Thießen2005, S.14
89 Vgl. Thießen 2005, S. 12
90 Vgl. Thießen 2005, S.13
91 Vgl. Thießen 2005, S. 14
92 Vgl. Diller 1991, S.22
21
Vorfeld überschauen kann 93 . Er besitzt über alle Alternativen und Konsequenzen seines Handelns vollkommene Information und strebt stets die Maximierung seines Gewinns, Nutzens oder Einkommens an 94 . Das theoretische Konstrukt des Homo Oeconomicus kann der komplexen menschlichen Natur jedoch in keiner Weise gerecht werden 95 , denn wirtschaftliches Handeln bedeutet ganzheitliches Handeln, es lässt sich nicht auf ein kalkuliertes, von wenigen ökonomischen Faktoren beeinflusstes Agieren reduzieren 96 . Das Zweckpostulat der objektiven Rationalität mit dem Bild des Homo Oeconomicus ist trotz aller Einschränkungen und Kritik noch immer unterschwellig in vielen theoretischen und empirischen Ansätzen zur Erklärung des Standortwahlverhaltens von Unternehmen enthalten 97 . Standortentscheidungen sind jedoch meist nicht bis in die letzte Konsequenz nachvollziehbar und in Verbindung mit den weichen Standortfaktoren scheint dem Postulat der objektiven Rationalität widersprochen zu sein 98 .
Neben der Kritik an der theoretischen Fundierung der traditionellen Standorttheorien wird ebenso die mangelnde empirische Fundierung der Theorien beanstandet. Die Technik der Befragung von Unternehmensleitern nach den Einflussfaktoren auf ihre Entscheidung wird als veraltet angesehen. Sie setzt eine Rationalität, Selbstreflexion und ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge der Befragten voraus, die nicht ohne weiteres unterstellt werden können. 99 Manager müssten so umfangreiches Wissen besitzen und selbstreflektierten
Entscheidungskalkülen folgen, deren Elemente sich durch direktes Befragen erschließen lassen 100 . Die Antworten und Ergebnisse erscheinen deshalb bei derartigen Befragungen vorgegeben. Meist wird um eine Zustimmung oder Ablehnung oder um eine Einschätzung der relativen Wichtigkeit bei vorgegebenen Antwortmöglichkeiten gegeben. Die Ergebnisse bilden
93 Vgl. Erlinghagen Online-Quelle 2007, S.7
94 Vgl. Klages Online-Quelle o.J., S.3
95 Vgl. Brandner 2000, S. 123
96 Vgl. Thießen 2007, S. 9
97 Vgl. Diller 1991, S. 22
98 Vgl. Brandner 2000, S.122
99 Vgl. Thießen 2005, S.14
100 Vgl. Thießen 2005, S. 13
22
dann Rangfolgen von Standortfaktoren 101 , bei denen in der Regel die harten Standortfaktoren über die weichen Faktoren dominieren.
Die Bedeutung der weichen und harten Standortfaktoren scheint sich in der gegenwärtigen Zeit grundlegend zu wandeln. Während die harten, traditionellen Standortfaktoren zunehmend an Bedeutung verlieren 102 , nehmen die weichen Standortfaktoren an Gewicht zu und sind oftmals sogar diejenigen Faktoren, die die Leistungsfähigkeit von Unternehmen am meisten bestimmen 103 . Dieser Wandel ist im Kontext zahlreicher lokaler, nationaler und globaler Veränderungen zu sehen.
Gegenwärtig wird von einem Trendbruch 104 oder gar von einem Paradigmenwechsel der Raumentwicklung 105 gesprochen, denn auf diesem Gebiet veränderte sich in den letzten hundert Jahren mehr, als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor 106 . Turbulente Veränderungen in der Weltwirtschaft und in Europa sowie veränderte Rahmenbedingungen wirtschaftlicher, technologischer, gesellschaftlicher und politischer Art stellen das Wirtschaftssystem und seine Akteure vor neue und große Herausforderungen. Insbesondere die Globalisierung, der wirtschaftliche Strukturwandel, der technologische Wandel sowie der demographische und der gesellschaftliche Wandel verstärken die Bedeutung der weichen Standortfaktoren:
Globalisierung:
Die Weltwirtschaft verändert sich grundlegend. Die internationalen Verflechtungen nehmen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation und Verkehr zu 107 . Die
101 Vgl. Thießen 2005, S.13
102 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 40
103 Vgl. Thießen 2005, S. 19
104 Vgl. Diller 1991, S. 111
105 Vgl. Trommer 2006, S. 25
106 Vgl. Schilling 2006, S. 5
107 Vgl. Hahne 1995, S. 9
23
ökonomische Globalisierung umfasst dabei die engere wirtschaftliche Verflechtung aller Staaten der Welt durch den zunehmenden Austausch von Gütern und Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften 108 . Vorangetrieben wird diese Entwicklung durch technische Innovationen, insbesondere durch die Senkung der Kommunikations- und Transportkosten 109 , die eine Nivellierung der Distanz als Handlungshemmnis zur Folge haben 110 . Demzufolge haben im Zuge der Globalisierung viele traditionelle Standortfaktoren an Bedeutung verloren, verschiedene Ressourcen, Kapital und andere Inputfaktoren lassen sich nun auf den globalen Märkten beschaffen und sind deswegen nicht mehr bei Standortentscheidungen bestimmend. Die Quellen für Wettbewerbsvorteile liegen in einer globalen Ökonomie häufig in lokalen Faktoren wie in der Konzentration von qualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften 111 , da die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in globalisierten Zeiten in erheblichen Maße von der Fähigkeit zu Innovationen und der schnellen Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen abhängt 112 . Weiche Standortfaktoren spielen bei den Standortentscheidungen von qualifizierten Arbeitnehmern dabei eine bedeutende Rolle (siehe Kapitel 3.2.1) und sind deshalb auch für die Unternehmen zunehmend entscheidend.
Wirtschaftlicher Strukturwandel und technologischer Wandel:
Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einem schwierigen strukturellen Anpassungsprozess 113 . Die Grundtendenz besteht in der Abnahme der relativen Bedeutung der Landwirtschaft zugunsten des warenproduzierenden Gewerbes, woran sich eine Verschiebung von dem industriellen Sektor zu dem Dienstleistungssektor anschließt 114 . Deshalb wird in diesem Zusammenhang auch von der heutigen Dienstleistungsgesellschaft gesprochen, der Begriff der Wissens- und Informationsgesellschaft erhält daneben jedoch zunehmend an Gewicht, da die von der Produktion entlasteten Menschen bei ihren Tätigkeiten
108 Vgl. Stiglitz 2006, S. 22 und Meffert, Bolz 1994, S. 16
109 Vgl. Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft 2006, S. 89
110 Vgl. Werlen 2000, S. 6 und Rolf 2006, S. 20
111 Vgl. Maier 2001 Online-Quelle, S. 2
112 Vgl. Simon Online-Quelle o.J., S. 4
113 Vgl. Fels 1980, S. 1
114 Vgl. Brockhaus-Enzyklopädie 1989, S. 355 Band 21
24
nicht nur sture Verwaltung oder repetitive Dienstleistung betreiben, sondern zunehmend kreativ agierend und reagierend, schöpferisch, informations- und entscheidungsorientiert tätig werden 115 .
Als Ursache für den Strukturwandel wird der technologische Wandel gesehen, der geprägt ist durch das Vordringen neuer Technologien speziell im Bereich der Kommunikation und Information 116 . Der durch diese Entwicklungen ausgelöste Bedeutungsverlust des industriellen Sektors und damit der an harte Standortfaktoren wie Fläche und Rohstoffe gebundenen Branchen, bedingt eine Verschiebung der Bedeutung der Standortfaktoren hin zu den weichen Standortfaktoren 117 .
Demographischer und gesellschaftlicher Wandel:
Auch auf demographischer und gesellschaftlicher Ebene ändern sich die Rahmenbedingungen. „Die Alterspyramide kippt. Es entsteht eine historisch neue Situation, in der es mehr ältere als jüngere Bürger gibt“ 118 . Der Alterungsprozess der Bevölkerung geht mit einer veränderten Familienstruktur, in der die Haushaltsgröße stetig abnimmt 119 und mit einer veränderten Bildungsstruktur einher, die mit einer zunehmenden Qualifizierung der Beschäftigten verbunden ist 120 . Des Weiteren erfolgte über die letzten Jahrzehnte eine Zunahme arbeitsfreier Zeit, die mit einer höheren Freizeitorientierung der Beschäftigten zu verbinden ist 121 . Die veränderte Altersstruktur, die höhere Qualifizierung sowie die zunehmende Freizeitorientierung der Beschäftigten verstärken den Trend zugunsten der weichen Standortfaktoren 122 , da mit dieser Entwicklung ein Wertewandel in Zusammenhang steht, der gerade den weniger an der Arbeit orientierten Werten steigende Bedeutung beimisst. Soweit diese Trends bei den Bevölkerungsgruppen zum Tragen kommen, erhöhen sich damit die Ansprüche an den
115 Thießen 2005, S.17
116 Bundesregierung Online-Quelle o.J.
117 Blotevogel Online-Quelle 2001b, S. 12
118 Skarpellis-Sperk 1992, S.35
119 Statistisches Bundesamt Online-Quelle 2004a, S.41
120 Vgl. Brandner 2000 S.127 und Grabow et al. 1995, S. 92
121 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 95 und Schöneich 1991, S. 91
122 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 95-96
25
Wohnwert, den Freizeitwert und an das Kulturangebot 123 und somit die Ansprüche an die weichen Standortfaktoren.
Unternehmen, private Haushalte und öffentliche Handlungsträger müssen sich diesen dynamischen Herausforderungen stellen und auf sie eingehen, wollen sie mit den Veränderungen Schritt halten, denn „das Wohlergehen einer Region hängt von ihren Fähigkeiten ab, sich auf die Märkte der Zukunft einzustellen“ 124
2.3.3.2 Die neue Theorie der Standortfaktoren von Richard Florida in der Wissens- und Informationsgesellschaft
Der amerikanische Wissenschaftler Richard Florida entwickelte eine neue Theorie der Standortfaktoren in der Wissens- und Informationsgesellschaft und unterwarf diese anschließend empirischen Tests 125 . Nach Florida gewinnt die Ressource Kreativität immer mehr an Gewicht, unsere heutige Wirtschaft ist seiner Meinung nach gar eine Wirtschaft der kreativen Köpfe 126 . Kreativität stellt die treibende Kraft der gesamten Wirtschaft dar 127 , wobei damit die Fähigkeit gemeint ist, neues Wissen zu erzeugen beziehungsweise vorhandenes Wissen erfolgreich umzusetzen 128 . Einhergehend mit dieser wirtschaftlichen Entwicklung nimmt die Bedeutung einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht zu, der so genannten kreativen Klasse. Richard Florida definiert diese als ein weites Spektrum qualifizierter Berufe: von Fachleuten aus Technik und Naturwissenschaften über höhere Positionen im Handels- und Finanzsektor, Beschäftigte in der akademischen und öffentlichen Verwaltung, der Justiz und öffentlichen Sicherheit sowie Künstler und andere Kulturberufe 129 . Allgemein setzt sich die kreative Klasse aus Menschen zusammen, deren Arbeit zu einem wesentlichen Teil darin besteht, Probleme zu identifizieren und dafür neue Lösungen zu entwickeln oder bestehendes Wissen auf neue Weise zu kombinieren und so ein kreatives Output zu erzeugen 130 .
123 Vgl. Grabow et al. 1995, S. 97
124 Hahne 1995, S. 9
125 Vgl. Thießen 2005, S. 23
126 Vgl. Florida 2002, S. 44
127 Vgl. Florida 2002, S. 44
128 Vgl. Fritsch, Stützer Online Quelle o.J., S. 7
129 Vgl. Wiesand Online Quelle 2006, S. 1
130 Vgl. Fritsch, Stützer Online Quelle 2006, S. 4 und Florida 2002, S. 8
26
Der Bedeutungsgewinn der kreativen Klasse kann an ihrer zahlenmäßigen Entwicklung abgelesen werden. Sie beträgt heute bereits nahezu 30 Prozent der US-amerikanischen Arbeiterschaft, um 1900 betrug sie lediglich 10 Prozent und um das Jahr 1980 ungefähr 20 Prozent (siehe Abbildung 5) 131 .
Im Vergleich dazu lag in der Bundesrepublik Deutschland der Anteil der kreativen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (ohne freiberufliche Künstler) an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahr 2004 bei nahezu 37 Prozent, wobei auch hier eine Steigerung zu erkennen ist: im Jahre 1987 lag der Anteil noch bei ungefähr 30 Prozent 132 .
131 Vgl. Florida 2005, S. 35
132 Vgl. Fritsch, Stützer Online Quelle 2006, S. 7
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Dipl. techn. rer. pol. Johanna Kant, 2008, Kultur als Standortfaktor für Städte und Regionen, München, GRIN Verlag GmbH
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