Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das Spiel 6
2.1 Zur Wesensbestimmung des Spiels 8
2.2 Spieltheorien 9
2.2.1 Klassische Spieltheorien 10
2.2.2 Neuere Spieltheorien 10
2.3 Über das Rollenspiel 13
2.3.1 Zum Begriff der Rolle 14
2.3.2 Rollenspiel und andere Formen des darstellenden
Spiels................................................................................16
2.3.3 Ziele des Rollenspiels 17
2.3.4 Das Rollenspiel als Einsatzmittel im
interreligiösen Dialog 19
3. Interreligiöser Dialog 21
3.1 Zur Bedeutung 22
3.2 Die 10 Grundregeln des Interreligiösen Dialogs nach
Swidler 23
3.3 Entwicklungen unserer Zeit 26
3.4 Die Theologischen Positionen 30
2
3.4.1 Das Christentum 30
3.4.2 Der Islam 34
3.4.3 Das Judentum 36
4. Die Praxis 40
4.1 Die Beschreibung 41
4.1.1 Der geschichtliche Hintergrund 41
4.1.2 Die Ziele 42
4.1.3 Die Methode 43
4.1.4 Der Anwendungsrahmen 43
4.1.5 Das Material 44
4.1.6 Die Durchführung 49
4.2 Die Analyse 50
4.2.1 Delicate Balance in Bezug auf die
Theoriehintergründe des Spiels 50
4.2.2 Delicate Balance in Bezug auf die
Theoriehintergründe des interreligiösen Dialogs 54
5. Fazit 61
6. Literatur 63
1. Einleitung
3
Es ist ein nicht zu übersehender wie auch nicht mehr wegzudenkender Fakt der heutigen Gesellschaft: sie ist multikulturell und damit multireligiös. Durch verschiedene, einander bedingende Einflussfaktoren, wie die Globalisierung, die Arbeitermigration und andere
Wanderungsbewegungen, Deutschlands, und ganz Europas grundlegend verändert. Aus dem christlichen Abendland ist eine bunte Religionslandschaft geworden, die die Pädagogik sowie religiösen Einrichtungen aller Art vor eine große Herausforderung stellt.
Es stellt sich die Frage, wie mit der neuen Religionsvielfalt umzugehen ist. Es nicht nur eine Frage des religiösen Nebeneinander, für viele ergeben sich existentielle Fragen. Die Angst nach Entwurzelung dringt in die Köpfe vieler Menschen und oft ist der Frieden zwischen ihnen oder gar auf der Welt gefährdet. Was vor religiösem Hintergrund für eine Konfliktsituation entstehen kann, lässt sich im Nahen Osten erkennen.
Seit dem 11. September 2001, dem Tag der Anschläge auf das World Trade Center, welche die schrecklichen Folgen von religiösem Fanatismus deutlich gezeigt haben, ist der Wunsch nach Frieden auf der Welt wieder stark in die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gedrungen. Am Gebetstag für den Frieden auf der Welt am 24. Januar 2002 heißt es in der gemeinsamen Erklärung der verschiedenen Religionsgemeinschaften zum Abschluss:
„Versammelt hier, in Assisi, haben wir gemeinsam über den Frieden reflektiert, der Geschenk Gottes und Gut der gesamten Menschheit ist. Auch wenn wir unterschiedlichen religiösen Traditionen angehören, bekräftigen wir, dass es zum Aufbau des Friedens nötig ist, den Nächsten zu lieben und die goldene Regel zu beachten: „ Tu dem anderen das, was Du willst, das dir getan wird. In dieser Überzeugung werden wir nicht müde, in der großen Baustelle des Friedens zu arbeiten und dazu halten
wir fest...“ 1
Diese Aussagen sind richtungsweisend für die Zukunft des respektvollen Miteinander der unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Denn es gehört zu
1 http://www.kna.de/doku_aktuell/papst_assisi_reden.html
4
den Aufgaben jeder Religion, den Frieden auf der Welt zu fördern. In dem Sinne ist es unmöglich, auf seinem eigenen Wahrheitsanspruch zu beharren und anderen die Wahrheit abzusprechen. Es müssen Konzepte des gegenseitigen Respekts und Verständnisses entwickelt und gelebt werden.
Doch diesen Respekt, der für den Frieden und die Anerkennung notwendig ist, können viele Menschen nicht für „die andere Religion“ aufbringen. Oft liegen die Gründe dafür in der Vergangenheit und tiefe Wunden gilt es zu heilen, um gegenseitigen Respekt entstehen zu lassen. Die Frage ist, inwieweit sich religiös behaftete Wunden wieder heilen lassen. Wie tief sitzt der Schmerz der Vergangenheit?
Dr. Aviva Doron, UNESCO Vorsitzende der Interkulturellen und Interreligiösen Dialogstudien der Universität Haifa, entwickelte vor dem Hintergrund der in Israel vorherrschenden Konfliktsituation das Rollenspiel
„Delicate Balance“ 2 zur Förderung von Toleranz und gegenseitigem
Verständnis der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften. Als Grundlage diente ihr eine historische Begebenheit, die sich im 13. Jahrhundert in Toledo, einer Stadt in Spanien zutrug. Unter der Herrschaft von Alfonso X ist dort ein vorbildliches Beispiel für einen gelingenden Dialog entstanden.
Sie nutzt dabei Eigenschaften, die dem Rollenspiel in der wissenschaftlichen Anwendung zugesprochen werden und für den interreligiösen Dialog wichtige Fähigkeiten zum Aufbringen gegenseitigen Verständnisses sind. Eine besondere Funktion spielt dabei die Empathiefähigkeit.
Es soll nun untersucht werden, in wieweit „Delicate Balance“ seinen Beitrag zur Förderung des interreligiösen Dialogs leisten kann und in welcher Weise die verschiedenen Aspekte des interreligiösen Dialogs aufgegriffen wurden.
Im Rahmen dieser Arbeit beschränke ich mich auf die drei großen monotheistischen Religionen, das Christentum, das Judentum und den Islam, wobei die fernöstlichen Einflüsse bewusst außer Acht gelassen
2 Doron, Aviva: Delicate Balance; Unesco Chair in Intercultural Dialogue, The University
of Haifa, Produced with the assistance of Unesco in the framework of the Program of
Intercultural and Interreligious Dialogue, 2004
5
werden. Dieses bedeutet nicht, dass sie für einen Dialog zu vernachlässigen sind, jedoch aufgrund des zu analysierenden Spiels vom Thema abweichen, welches sich um die besagten Glaubensrichtungen dreht.
Der Aufbau gliedert sich dabei in drei Teile:
Im ersten Teil wird der Fokus allgemein auf das Phänomen des Spiels gelegt. Nach allgemeinen Überlegungen über den Begriff des Spiels werden einige klassische und neuere Spieltheorien vorgestellt, woraufhin eine Abhandlung über das Rollenspiel folgt, in der die Funktionalität und die Ziele dieser Methode näher erläutert werden.
Im zweiten Teil, der sich mit dem interreligiösen Dialog beschäftigt, werden die Entwicklungen unserer Zeit, nach welchen ein Dialog unabdingbar ist, dargestellt. Darauf folgend werden die dem zugrunde liegenden theologischen Positionen geschildert.
Der dritte Teil beschäftigt sich dann mit dem Spiel „Delicate Balance“, welches in dieser Arbeit auf seine Funktionstüchtigkeit in Bezug auf die Theorieteile des Spiels sowie des interreligiösen Dialogs geprüft werden soll.
Kann das Spiel seinen Beitrag zur Förderung gegenseitigen Respekts leisten?
Sind die für dieses Ziel wichtigen Komponenten beachtet? Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen.
2. Das Spiel
6
„Um zum Ende zu kommen und ein für
allemal, der Mensch spielt nur da,
Das Spiel. Ein so weit umfassender Begriff, dass man ihn unmöglich mit einer Definition abhandeln kann. Schon allein die Tatsache, dass das Spielen kein Menschenprivileg ist, sondern, wie der niederländische Anthropologe Johan Huizinga (1872 – 1945) sagt: „Alle Grundzüge des
Spiels sind schon im Spiel der Tiere verwirklicht“ 3 , lässt deutlich werden,
wie schwer zugänglich das Phänomen des Spiels ist. Auch im Tierreich wird gespielt. Spielen ist also keine kulturelle Erscheinung, da jede Kultur
eine Gesellschaft menschlichen Ursprungs voraussetzt. 4
Eine anerkannte Definition Huizingas lautet:
„Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des „Andersseins“ als das „gewöhnliche Leben“. So definiert scheint der Begriff geeignet zu sein, alles zu umfassen, was wir bei Tieren, Kindern und erwachsenen Menschen Spiel
nennen...“ 5
Um jedoch nicht vom Kern dieser Arbeit abzuweichen, wird das Spiel hier auf das „menschliche Tun“ beschränkt. In vielen Bereichen der Gesellschaft wird gespielt: Kinder spielen, Erwachsene spielen. Gespielt wird in allen Variationen: Brettspiele, Glücksspiele, Gewinnspiele, Puppenspiele, um nur einige zu nennen. Jedoch gibt es einige Merkmale, die sich nach Hans Scheuerl (1919 – 2004) in jeder Form des Spiels wieder finden lassen.
3 Huizinga, Johan: Homo ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel; Rowohlt Taschenbuch
Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 9
4 vgl. Huizinga 2004, S. 9
5 Huizinga 2004, S. 37
7
2.1 Zur Wesensbestimmung des Spiels
Bei allen Spieltheorien, setzen sie auch an noch so unterschiedlichen Erklärungsversuchen für das Spielphänomen an, lässt sich doch ein gemeinsamer Kanon weniger Grundeigenschaften des Gegenstandes ableiten.
Nach Scheuerl lassen sich sechs Merkmale am Wesen des Spiels ableiten:
1. Das Moment der Freiheit
Dieses doch alle Spielarten umfassende Wesensmerkmal beinhaltet, dass der Spieler frei von allen äußeren Zwängen, Ängsten und Nöten sein muss. Die Abgrenzung nach Außen bedeutet jedoch nicht, dass es innerhalb des Spiels keine Regeln geben darf, an die sich gehalten werden muss. Der Spieler muss sich also erst frei machen von äußeren Einflüssen, um wirklich spielen zu können. „Spiel verfolgt keinen außerhalb
seiner selbst liegenden Zweck. 6
2. Das Moment der inneren Unendlichkeit
Im Spiel gibt es, anders als bei allem triebhaften Verhalten, nichts, was den Spieler auf ein Ende warten lässt. Es gibt zwar Triebe, die einen zum Spiel veranlassen, doch ist der Zustand des reinen Spiels erst einmal erreicht, ist von einem Zwang zur Beseitigung dieses Zustandes, wie es beim Triebverhalten üblich ist, nichts mehr zu spüren. Das Spiel drängt auf
Ewigkeit und deswegen nach ständiger Wiederholung. 7
3. Das Moment der Scheinhaftigkeit
Da nach Friedrich Schiller (1759 – 1805) die Realität und die mi dieser
6 vgl. Scheuerl, Hans: Das Spiel; Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1977, S. 69 ff.
7 vgl. Scheuerl 1977, S. 72 ff.
8
verbundenen Nöte und Ängste im Spiel unwichtig sind, befindet man sich in einem Zustand frei von Zweckhaftigkeit. Somit ist man in der Lage, „den
reinen Schein“ zu empfinden. 8
4. Das Moment der Ambivalenz
Für Schiller ist das Spiel ein Hin und Her zwischen „Stofftrieb“ und „Formtrieb“. Mit dem Stofftrieb ist der sinnliche Trieb gemeint, der den Menschen in seiner Wirklichkeit verwurzelt, während der Formtrieb dafür sorgt, dass der Mensch sich in die Ordnungsprinzipien fügt. Das Spiel ist sozusagen eine „Brücke“ dieser beiden Triebe.
Jedoch nicht nur in diesem Ansatz, sondern in jeder theoretischen Herangehensweise ist das Spiel ambivalent zu betrachten, wie Helmuth Plessner (1892 – 1985), deutscher Philosoph und Soziologe, ganz treffend formulierte: „Spielen ist ein Sich-halten im „Zwischen“ in jeglicher
Hinsicht.“ 9
5. Das Moment der Geschlossenheit
Dieses Moment ist durch die bereits geschilderten Anderen bereits erklärt, betrachte man nur die Geschlossenheit des Kreisprozesses, der von allen
Ängsten und Nöten befreit ist, oder das Sich-halten im Zwischen. 10
6. Das Moment der Gegenwärtigkeit
Da im Spiel keine Zeit zu spüren ist, der Ablauf auf der gefühlten Ebene
zeitlos ist, ist einem dieses Moment direkt gegenwärtig. 11
2.2 Spieltheorien
Es gibt so viele Spieltheorien, dass es in diesem Rahmen unmöglich ist, und wie sich später herausstellen sollte, auch nicht von Nöten erscheint, all diese zu erläutern. Jedoch scheinen einige besonders wichtig und werden im Folgenden kurz dargestellt.
8 vgl. Scheuerl 1977, S. 79 ff.
9 vgl. Scheuerl 1977, S.88 ff.
10 vgl. Scheuerl 1977, S. 93 ff.
11 vgl. Scheuerl 1977, S. 98 ff.
9
2.2.1 Klassische Spieltheorien
1855 entwickelte der Naturphilosoph Herbert Spencer (1820 – 1903) die Energieüberschusstheorie.
Auf physiologischer Ebene versucht Spencer den Vorgang des Spiels wissenschaftlich zu erklären, indem er es in psycho-physische Einzelprozesse zerlegt. Durch effizientere Energiegewinnung höherer Lebewesen entsteht ein Überschuss an Kraft, der entladen werden muss,
wobei das Spiel als Ventil gesehen werden kann. 12
In der Rekapitulationstheorie (1906) nach Stanley Hall (1844 – 1924) liegt die Erklärung für den Spieltrieb in den Atavismen unserer abenteuerlustigen, herumkletternden Vorfahren. Die in jedem noch vorhandenen angeborenen Urtriebe und -instinkte, welche den Spieltrieb
einschließen, veranlassen den Menschen zum Spiel. 13
Hall versucht das Spiel biologisch zu erklären.
Der deutsche Philosoph und Psychologe Karl Groos (1861 – 1946) entwickelte 1901/1922 die Einübungstheorie. Für ihn dient das Spiel der Vorbereitung auf das spätere Leben. Er betrachtet die Jugendzeit als Lehrzeit sowohl beim Tier als auch beim Menschen. Er sieht „das Spiel als Einübung, als Selbstausbildung des heranwachsenden höheren
Lebewesens.“ 14 Durch Instinkthandlungen, Nachahmung und der Freude
am Experimentieren werden auf spielerischer Ebene Fähigkeiten erlernt,
die lebenswichtig sind. 15 Dieses geschieht hauptsächlich im sensorischen
und motorischen Bereich. Jedoch wird auch auf intellektueller Ebene
durch Nachahmungs- und Phantasiespiele Ererbtes weiterentwickelt. 16
2.2.2 Neuere Spieltheorien
12 vgl. Spencer, Herbert: Spiele als Sekundärbetätigungen bei Kraftüberschuss 1855 in: Scheuerl, Hans (Hg.): Theorien des Spiels; Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1975, S.55 ff. 13 vgl. Scheuerl, Hans: Theorien des Spiels; Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1975, S. 52 14 Groos, Karl: Das Spiel – Zwei Vorträge, Verlag von Gustav Fischer; Jena 1922, S. 4 15 vgl. Groos 1922, S. 1 ff.
16 vgl. Einsiedler 1990, S. 18
10
Nach vielen Versuchen der Einzeldeutungen im Spiel verspürte man den Drang, der Gesamtdeutung wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dieses geschah meist auf der anthropologischen sowie auf der phänomenologischen Ebene, um den Gesamtzusammenhang erkennen zu können. Zwei der bedeutendsten Theorien sind hier herausgegriffen:
Buytendijk (1887 – 1974) erhielt seine Ergebnisse aus Vergleichen zwischen Tieren und Menschen. Er beobachtete eine besondere Dynamik, die sich in einer „Hinundherbewegung“ ausdrückt, welche von Spannungs- und Überraschungsmomenten geprägt ist. Diese Dynamik lässt sich beim Spiel mit dem Wollknäuel einer jungen Katze ebenso wiederfinden wie
beim Liebesspiel zweier Menschen. 17 Es geht bei Buytendijk immer um
das Spielen mit etwas.
Für ihn ist das Spiel „ein Vorgang, der notwendig bei allen Lebewesen, die zur Erfassung konkreter Objekte der Umwelt veranlagt sind, auftreten muss und in seiner Ablaufsform durch die Grundtendenzen des Tierischen wie durch die Wesensmerkmale des Jugendlichen bedingt ist. Das Spiel ist also Erscheinungsform des Dranges nach Selbstständigkeit (Befreiung) und nach der Bindung mit der Umwelt (Vereinigung) und ist also der Weg
zum vitalen Kennen.“ 18
Johan Huizinga betrachtet das Spiel 1938 als ein grundlegendes Element unserer Kultur. Denn das Spiel entstand nicht durch Kultur, sondern sich viele Teile der Kultur haben sich erst durch das Spiel entfaltet. So haben nach Huizinga das Rechtswesen, die Dichtung, der Verkehr ebenso wie
die Wissenschaft ihren Ursprung im Spielerischen. 19
Buytendijk und Huizinga stehen sich in gewisser Weise als Gegensatz gegenüber. Bei Buytendijks sehr eng gefasster Definition werden noch nicht einmal ganz offensichtliche Spielarten mit eingeschlossen werden, bei denen es nicht um ein Spielen „mit etwas“ geht. Für Huizinga dagegen
17 vgl. Scheuerl 1975, S. 132 f.
18 Buytendijk, Frederik J.J.: Die spielerische Dynamik (1933) in: Scheuerl, Hans (Hg.): Theorien
des Spiels; Beltz Verlag; Weinheim und Basel 1975 , S. 134
19 vgl. Huizinga 2004, S. 13
11
sind sogar religiöse Kulte noch spielerischer Art. 20
Die kognitive Spieltheorie Jean Piagets
Der Schweizer Psychologe Jean Piaget (1896 – 1980) ordnete Spielen in den Gesamtprozess kindlicher Intelligenzentwicklung ein. Er geht davon aus, dass Denken und Spielen sich immer in gleichen Phasen entwickeln. Der ersten Phase, die sich vom 2. bis zum 18. Lebensmonat erstreckt, ordnet er das Übungsspiel zu. Dieses Übungsspiel ist Teil des sensomotorischen Stadiums, in dem das Kind bestimmte Abläufe aus dessen Umwelt nachahmt und durch Wiederholung festigt. Zeitgleich
ordnet es diese Handlungen den eigenen Bedürfnissen unter. 21
Der zweiten Phase, die sich vom 2. bis zum 7. Lebensjahr erstreckt, ordnet er das Symbolspiel zu. In dieser Phase machen Kinder sich Gegenstände symbolhaft als etwas in ihrer Phantasie Vorgestelltes zu Eigen. Dieses fördert zum einen abstraktes Denken und zum anderen das
Nutzbarmachen der Sprache. 22
Im Alter von 7 bis 11 Jahren, der dritten zu nennenden Phase, werden die Symbolspiele immer mehr durch Regelspiele abgelöst. Dieses setzt stabile Sozialbeziehungen voraus, da sich an Regeln gehalten werden muss. Für Piaget ist das Spielen ein unumgänglicher Faktor in der menschlichen
Entwicklung von Intelligenz. 23
Die Sozialisationstheorie nach Brian Sutton Smith
Für Smith ist das eigentliche Spiel ein Erkenntnisprozess, der sich mit kulturellen Brennpunkten vertraut macht, indem man sich auf spielerische Art mit diesen auseinandersetzt. Aufgrund der Tatsache, dass Spiele befähigt sind, Konflikte zu sozialisieren, wird Spiel hier als ein
20 vgl. Scheuerl 1975, S. 133
21 vgl. Hielscher, Hans: Spielen macht Schule; Quelle und Meyer; Heidelberg 1981, S.26 f.
22 vgl. Hielscher 1981, S. 27
23 vgl. Hielscher 1981, S. 27 f.
12
Kräftemessen mit ungewissem Ausgang definiert. 24
Das Spiel ist für Brian Sutton Smith ein Anpassungsprozess, in dem der Spieler sich mit etwas „Neuem“ vertraut macht. Er entwickelt dabei Verhaltensweisen, die er in anderen Situationen wieder anwenden kann. Es wurde z.B. festgestellt, dass ein Konflikt zwischen Mädchen und ihren Eltern in Bezug auf ihre Unabhängigkeit vorlag, wo diese Nachlaufen und
Fliehen spielten. 25
Eine besondere Art des Spiels, welche im Rahmen dieser Arbeit einer ausführlichen theoretischen Erläuterung bedarf, ist das Rollenspiel. Im Folgenden werden die Ziele und Eigenschaften dieser Spielart dargelegt, um die Vorteile zur Nutzung im interreligiösen Dialog kenntlich zu machen.
2.3 Über das Rollenspiel
„Lieber Manitou, lass mich eine Meile in den
Mokassins meines Nachbarn gehen, ehe ich
ihn verdamme oder anklage.“
( altes indianisches Sprichwort )
In diesem Zusammenhang wird das Rollenspiel als didaktisches Lernspiel behandelt.
Auch Kinder spielen freie Rollenspiele, welche zu den Urformen der Spiele
zählen und unersetzbar für die kindliche Entwicklung sind. 26
Im Unterschied zum freien Rollenspiel der Kinder stehen Lernabsichten hinter diesem hier behandelten, angeleiteten Rollenspiel und es werden Ziele verfolgt.
Das Rollenspiel eignet sich hervorragend, um Verständnis für andere und
24 vgl. Sutton- Smith, Brian: Konfliktsozialisierung im Spiel 1972 in: Scheuerl, Hans (Hg.): Theorien des Spiels; Beltz Verlag; Weinheim und Basel 1975, S. 123 ff. 25 vgl. ebd. S. 124 26 vgl. Leifels, Georg; Mölter, Uwe: Konflikte spielend begreifen; Burckhardthaus – Laetare Verlag GmbH, Offenbach 1984, S. 23
13
Einblicke in andere Perspektiven zu erhalten. Die Empathiefähigkeit der Mitspieler wird dabei besonders geschult. Es findet Anwendung in vielen Bereichen der Wissenschaft und ist mit keiner Theorie zu ersetzen, wobei natürlich Theorie und Praxis in Zusammenhang steht und miteinander verknüpft werden sollte. Das Spielen, welches das Rollenspiel mit einschließt, ist für jede Altersstufe sowie für jedes Bildungsniveau eine höchst effektive Lernform, bei der soziale Fertigkeiten „spielend“ eingeübt
werden. 27 Um eine Einsicht in die Methodik zu erhalten, gilt es zu Beginn
zu klären, was unter dem Begriff der Rolle verstanden wird.
2.3.1 Zum Begriff der Rolle
Das Wort „Rolle“ stammt ursprünglich aus dem Altfranzösischen, „schwabbte“ ins mittelalterliche Altfranzösisch und Englisch über und ist abgeleitet vom lateinischen Wort „rotula“, welches in Griechenland wie
auch im Alten Rom beim Theaterspielen verwendet wurde. 28 Der
Schauspieler vertauscht durch das Verkörpern der Rolle, die er spielt, die
eigene mit der gespielten Wirklichkeit. 29
Im 16. und 17. Jahrhundert wurde mit Auftauchen der modernen Bühne jeder szenische Part zu einer Rolle. Die Rollenidee wurde Mitte der 20er Jahre auch in den USA bekannt. Hieraus entwickelten sich die heutigen Vorstellungen und Zusammenhänge, die sich mit der Rolle ergeben, entwickelten, wie etwa Rollenerwartung und Rollenspiel, Sozio- und
schließlich das Psychodrama 30 , auf dessen Bedeutung im Folgenden
eingegangen wird.
Eine Definition Jakob L. Morenos (1890 – 1974) 31 , dem „Erfinder“ des
27 vgl. Schaller, Roger: Das große Rollenspiel-Buch; Beltz Verlag Weinheim und Basel 2001, S.
95 28 Moreno, Jakob L.: Psychodrama und Soziometrie; Hrsg. von Fox, Jonathan; Edition Humanistische Psychologie; Köln 1989, S.104 29 vgl. Broich, Josef: Rollenspielpraxis – Vom Interaktions- und Sprachtraining bis zur fertigen Spielvorlage; Maternus – Verlag, Köln, 1999, S. 10 30 vgl. Moreno 1989, S. 105 31 Jakob Levi Moreno, Wiener Arzt, Psychiater und Soziologe, ist der Erfinder des Psychodramas
14
Quote paper:
Jessica Miklos, 2008, Das Spiel als Weg der Verständigung im interreligiösen Dialog, Munich, GRIN Publishing GmbH
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