Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Darstellung D. Sölles „Mystik und Widerstand“ (Hamburg 1997) anhand der Rezeption
Meister Eckeharts. 3
2.1. Die Demokratie der Mystik 3
2.1.1. Die Würde des Menschen. 5
2.2. Das zwecklose Leben 6
2.2.1. Die Freiheit des Menschen 6
2.2.2. Das Verhältnis zur Zeit. 7
2.2.3. Besitz und Besitzlosigkeit. 8
2.2.4. Die Gemeinschaft 9
2.3. Der Geist der Sprache 11
2.3.1. Die Formen der Vermittlung mystischen Wissens 12
2.4. Die Verbindung geistlichen und weltlichen Lebens. 13
2.5. Die Ichlosigkeit. 14
2.5.1. Die Ich-Inflation 16
2.6. Der Einfluss der Mystik auf die Theologie 16
2.7. Das Gebet 17
3. Kritische Würdigung Sölles Rezeption Meister Eckeharts 18
4. Schluss. 22
5. Verzeichnis verwendeter Literatur 26
1. Einleitung
Das Hauptaufgabenfeld der Systematischen Theologie besteht darin, die wesentlichen Glaubensinhalte einer Religion zu definieren. Was Christen glauben, hat eine normierende Auswirkung auf ihre ethischen und moralischen Werte. So betrachtet die systematische Theologie auch die soziokulturelle Einbettung religiöser Inhalte in der Gesellschaft, ihre Realisierbarkeit und Entfaltung. Sie bietet die Möglichkeit, den Rahmen der Gottesliebe oder -suche zu überdenken und zu hinterfragen.
Gibt es einen Kern, der durch alle Traditionen des Glaubens Bestand hat? Was ist Glaube eigentlich? Bei meiner Suche diese Frage zu beantworten entdeckte ich Dorothee Sölles Antwort, dass das Wesen des Glaubens Mystik sei. Dorothee Steffensky-Sölle, *Köln 30. 9. 1929; †27. 4. 2003, war politisch besonders in der Friedens- und Frauenbewegung engagiert. Sie suchte als evangelische Theologin und Professorin für systematische Theologie in New York wesentliche ethische Grundsätze der christlichen Überlieferung zu interpretieren und im säkularen Geschehen zu integrieren.
Mit ihrem Werk „Mystik und Widerstand“ (Sölle, 1997) bettet sie die Mystik in den Bereich der Ethik ein, indem sie die Beziehung zwischen mystischer Erfahrung und politischem und sozialen Handeln untersucht. Mystik wird von Sölle als Sehnsucht zu Gott, und der reinen Erfahrung als einer Qualität des Seins, definiert. Bei der Untersuchung sozialer und ethischer Standards entdeckt Sölle einen Parameter, der an die Hingabe, an die einfache innere Erfahrung, gekoppelt zu sein scheint: Widerstand.
Der Begriff Widerstand beschreibt die Absage an die in der Welt herrschenden Werte. Dieser Widerstand ist gegen Leid erzeugende Zustände, Handlungen und Sichtweisen gerichtet, dadurch, dass er aus der Erkenntnis und Erfahrung erwachsen ist, dass das Leben in der Hingabe an die Gottesliebe viel weiter, tiefer und unbestimmter ist und somit neue Lebensweisen fordert. Die aktuelle Lage, im September 2007, in Birma, in der derzeit tausende Mönche buddhistischen Glaubens friedlich gegen die Militärjunta Widerstand leisten, hat den Gleichklang von Mystik und Widerstand demonstriert. 1 Obwohl die gewalttätige Reaktion des Militärs und die repressive Verfolgung und Unterdrückung die Mönche
1 Zu den Ereignissen in Birma aus: Die tageszeitung, Berlin September - Oktober 2007
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innerhalb weniger Tage aus der Öffentlichkeit verschwinden ließ, bleibt ihr Handeln als tiefgehender, unauslöschlicher Eindruck, der eine starke Kraft und Bedeutung nicht nur durch die Veräußerung ethischer und moralischer Werte innerhalb der Gesellschaft in sich trägt.
Sölle beruft sich neben vielen anderen Mystikern und Mystikerinnen zum Großteil auf Meister Eckehart. Meister Eckehart (1260-1328) als einer der bedeutendsten Theologen, Philosophen und Mystiker des Mittelalters, begründet, dass der Mensch schon zu Lebzeiten die Einheit mit Gott erfahren kann. Nicht nur deshalb beschränke ich mein Augenmerk auf Sölles Darstellung der Rezeption Eckeharts. Sondern auch weil die eckehartsche Lehre von der Gelassenheit eine Relativierung hierarchisierter Modelle bewirkte, wie beispielsweise das von Frau und Mann, oder anderer scheinbar polarisierter Modelle. Schon der Titel „Mystik und Widerstand“ von D. Sölle zeigt im Ansatz den Anspruch der Aufhebung einer einschränkenden Perspektive auf das Leben. Welche Prägungen der Mystik auf die anthropologische Sicht des Lebens und Wirkens der Menschen hebt Sölle hervor?
Welche bekannten Formen der Vermittlung mystischen Wissens werden von Sölle vorgestellt? Wie stellt sie das Verhältnis zwischen Kontemplation und dem Zugang zu Handlungsmöglichkeiten als Mensch in der Gesellschaft dar? Ergeben sich daraus neue ethisch wertvolle Entdeckungen? Wie differenziert nimmt Sölle die Bedeutung der Ichlosigkeit wahr? Können sich Sölles Ansicht nach die klassische Theologie und die Mystik gegenseitig unterstützen?
Im ersten Teil dieser Arbeit wird Sölles Werk „Mystik und Widerstand“ auf der Grundlage der Rezeption Meister Eckeharts stark reduziert wiedergegeben, in Form einer Sinnordnung, die sich aus der Darstellung der Antworten auf die erkenntnisleitenden Arbeitsfragen ergibt.
Im letzten Teil sollen Sölles Rezeptionen Meister Eckeharts kritisch gewürdigt und der Frage nachgegangen werden, wie gut Dorothee Sölle die Darstellung der inhaltlichen Kernaussagen über das Wesen der Mystik und ihre Einbettung in die Ethik mittels Rezitation Meister Eckeharts gelingt.
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2. Darstellung D. Sölles „Mystik und Widerstand“ (Hamburg 1997) anhand der Rezeption Meister Eckeharts
2.1. Die Demokratie der Mystik
Im ersten Kapitel „Wir sind alle Mystiker“, skizziert Sölle auf Seite 31 die Einwände, die gegen den Zugang eines jeden zur Mystik sprächen. Die Ansicht, Entrückung, Versenkung, Heiligung als außerordentliche mystische Zustände der Seele allgemein als unnahbar zu betrachten, entkräftet Sölle mit ihrer Behauptung, sie gründeten zum einen in einer übertriebenen Ehrfurcht und zum anderen darin, den rationalen Diskurs und die erlaubte religiöse Verständigung zu wahren, wie sie in dafür bereitstehenden kirchlichen Institutionen gepflegt würden. Auf Seite 32 weist Sölle darauf hin, das mystische Element, das jede Religion in gebändigter Form beinhalte und das sie darüber hinaus auch pantheistischen und ästhetischen Erfahrungen zuordnet, nicht mit mystischer Erfahrung zu verwechseln, die über die Höhen der Kontemplation hinausgehe. Zudem schließt Sölle die Vermittlung der Erfahrung einer Gegenwart Gottes mittels Sakramenten, heiliger Schrift oder Lehre aus und zweifelt damit die hohe Einschätzung der religiösen Verständigung im Rahmen kirchlicher Institutionen an.
Sölle beschreibt, sie ermutige mehr Menschen, die eigenen mystischen Erfahrungen ernst zu nehmen, indem sie in ihrem Buch viele Beispiele theistischer oder nichttheistischer Artikulation einfacher, „niederer“ Mystik zusammen getragen habe, und unterstützt so ihre These, jeder Mensch sei ein Mystiker.
Als ein Argument gegen eine eingeschränkte Sicht der Mystik rezipiert Sölle auf Seite 23 Johannes vom Kreuz (1542-1591), der ausdrücklich betone, dass Gott diese hohe Berufung der Kontemplation nicht bestimmten Seelen vorbehalte. „Ganz im Gegenteil. Er ist gewillt, dass alle sie empfangen.“ (Huxley, 1970: 297)
Eine Einteilung in Mystiker und Nichtmystiker relativiert Sölle dahingehend, dass sie die Frage nach dem eigenen Erleben an jemanden, der mystische Inhalte weitergibt, wie beispielsweise der romantische Dichter Novalis, als irrelevant bewertet oder indem sie, auf Seite 33, den Zuhörerinnen Meister Eckeharts in Köln oder Straßburg eine innere Wandlung theoretisch zuspricht, die sie von einem aufweisbaren Erleben entkoppelt. Begründend fügt sie an, das mystische Denken selber schließe eine
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wissenschaftliche Einordnung aus und unterstützend formuliert Sölle ihre These, alle seien Mystiker im Sinn einer unaufgehbaren Forderung an das Leben.
Auf Seite 41 schließt Sölle wieder an ihren Einwand gegenüber der religiösen Verständigung kirchlicher Institutionen hinsichtlich einer mystischen
Empfindlichkeit an. Sölle meint, Glaube an Gott sei keine Voraussetzung für die Erfahrung des Einsseins. Dahingehend bestimmt sie als eine Grundbedingung der mystischen Erfahrung die Annahme des Überwältigtwerdens (durch ein Geschenk) und dadurch der Bereitung auf die „eine Gabe“, was sie anhand der Rezeption Eckeharts belegt.
„Gott gibt keine Gabe, noch gab er je eine, nur damit man die Gabe habe und sich damit zufrieden gebe, nein, alle Gaben, die er gegeben im Himmel und auf Erden, die gab er nur mit dem Zweck, eine einzige Gage geben zu können: Das ist er selbst. Mit allen bloßen Gaben will er uns bereiten zu der einen Gabe, die er selbst ist.“ (Otto, 1979: 152)
Sölle erläutert, dass die Gaben Gottes nicht von Gott trennbar seien, sondern auf den Geber hindeuten, da Gott ihnen immanent sei. Als Interpretation des Ausdrucks der „Bereitung auf die eine Gabe“ führt Sölle Beispiele an, wie die des Staunens und Sich-ungetrennt-Fühlens, durch die Gott sich bereits in den Mensch hinein gebe. Folglich fordert Sölle, eine Unterweisung müsse an die Erfahrung der Menschen anknüpfen und könne nicht bei Gott beginnen.
Sölle erklärt das Durchbrechen der Abgeschlossenheit des Selbst, dessen was der Mensch zu sein glaubt und kennt, als die zentrale Erfahrung der inneren Einkehr und postuliert, alle seien der Versenkung und der Transzendenz fähig und dessen, sich selbst zu verlassen.
In diesem Kapitel wurden die Mystik betreffende Missverständnisse geklärt, somit eine Trennung zwischen Mystiker und Nicht-Mystiker aufgehoben und der Zugang eines jeden zur Mystik erklärt. Außerdem wurde die Grundbedingung der mystischen Erfahrung festgestellt und durch die Abgrenzung der mystischen Erfahrung zur kirchlichen Lehre diese als omnipräsente Gegebenheit erkenntlich gemacht. Im nächsten Kapitel wird das anthropologische Verständnis des Menschen in der Mystik betrachtet.
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2.1.1. Die Würde des Menschen
Im Hergang der Darstellung der Mystik hinsichtlich der Rezeption Meister Eckeharts im zweiten Kapitel (Seite 66 ff.) skizziert Sölle die Unterschiede in der Definition der menschlichen Würde. Konträr zu dem klassisch anthropologisch-theologischen Denkansatz, der das Wesen des Menschen durch den Sündenfall, korrumpiert und von Schwäche gezeichnet betrachtet, stellt sie fest, dass der Mensch dazu in der Lage sei, Einsein mit Gott zu erfahren, indem sie Meister Eckeharts Aussage, dass der Mensch „nicht zum Kleinen“ geschaffen sei, (zit. nach Sölle 1997: 66), hervorhebt. Einer Interpretation dieser Rezeption geht sie nicht nach, schließt aber ein explizierendes Zitat an:
„Dass wir Gott nicht zwingen, wozu wir wollen, liegt daran, dass es uns an zwei Dingen gebricht: Demut aus Herzensgrund und ungestümes Verlangen. […] Gott vermag alle Dinge in seiner göttlichen Kraft, aber das vermag er nicht, dass er sich dem Menschen versage, der diese beiden Dinge an sich hat.“ (Thiele, 1989: 110)
Sölle erschließt hier die qualitative Haltung, wie die der Demut, die dem Menschen innewohne und die zu einem Einssein mit Gott unterstützend wirken könne. Hierbei merkt Sölle an, dass die wesentlichen anthropologischen Aussagen der traditionellen Lehren des christlichen Glaubens in der Mystik aufgenommen und fortentwickelt werden.
Grundlegend wertet Sölle auf Seite 67, dass die Existenz der menschlichen Würde in der Erfahrung des Einsseins mit Gott begründet sei, zumal die Mystik der Grund für die Existenz der Würde des Menschen sei.
In diesem Kapitel wurde in Abgrenzung zur klassisch theologischen Anthropologie die Würde des Menschen aus mystischer Sicht definiert, um die Qualität der Demut erweitert und auf diese Weise die These, dass ein jeder Mystiker sei, gerechtfertigt. Ihre Darstellung eines anthropologischen Ansatzes impliziert, dass dem Leben des Menschen die Möglichkeit des Einsseins mit Gott zu Lebzeiten vorausgesetzt wird.
Das folgende Kapitel wird die Untersuchung der durch die Mystik generierten Werte im Hinblick auf das säkulare Handlungsgeschehen darstellen.
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Arbeit zitieren:
Alena Nüsse, 2007, Die gesellschaftliche Kohärenz der Mystik, München, GRIN Verlag GmbH
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