Die „Affäre Eulenburg“ – Der größte Skandal der Kaiserzeit
Wird die Kaiserzeit im geschichtlichen Kontext betrachtet, so fällt dem Beobachter auf, dass sie durch eine Vielzahl außenpolitischer Turbolenzen, Krisen und Konferenzen gekennzeichnet ist.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Ansehen des Kaisers aufgrund der politischen Wirrungen und der teils unklaren außenpolitischen Richtung nicht mehr uneingeschränkt. Einer der Hauptkritiker Kaiser Wilhelms II. zu jener Zeit war Maximilian Harden, welcher bereits sehr früh eine massive Beeinflussung des Kaisers von außen auszumachen glaubte. 1 Speziell sprach Harden den Liebenberger Kreis an, welcher seiner Einschätzung nach zu sehr auf Wilhelm II. wirkte und die außenpolitischen Fehlschläge der Reichsleitung im wesentlichen mit zu verantworten habe. Die vorliegende Studie will den Verlauf der „Eulenburg-Affäre“ darlegen und in deren Zusammenhang die Bedeutung des Liebenberger Kreises auf den Kaiser und dessen politische Aktivitäten herausstellen. Als Hauptfiguren des Skandals können Philipp zu Eulenburg und Hertefeld, Maximilian Harden und Kuno von Moltke ausgemacht werden. 2,3,4 Einführend soll erwähnt werden, dass Maximilian Harden, einer der Falken im Umfeld des Kaisers, im Jahre 1905 einen Präventivkrieg gegen Frankreich befürwortete. Zu diesem kam es jedoch nicht. Stattdessen traf Wilhelm II. kurz nach der Konferenz von Agadir, welche das Scheitern der deutschen Marokko-Politik offensichtlich machte, in Liebenberg mit dem Grafen und erstem Sekretär der französischen Botschaft in Berlin, Raymond Lecomte zusammen und empfand eine gewisse Sympathie für diesen. Angesichts des Bildes, welches der Kaiser in diesem Zusammenhang abzugeben schien, sah sich von Harden gezwungen, am
6. April 1906, einen Artikel in der Zeitschrift „Zukunft“ zu veröffentlichen, der einerseits provozieren, andererseits jedoch auch Katalysator des eigenen Unmuts sein sollte. Die
1 Mommsen, Wolfgang J[ustin]: War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch-deutschen Machteliten, München 2002, S. 8ff.
2 Eulenburg wurde am 12. Februar 1847 in Königsberg geboren, nahm am deutsch-französischen Krieg teil und schloss sein Jurastudium im Jahre 1875 mit der Promotion abschloss. Später trat er eine Stelle im Auswärtigen Amt an und wurde ein enger Vertrauter des Kaisers, siehe auch:
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/EulenburgHertefeldPhilipp/index.html 3 Maximilian Harden wurde am 20. Oktober 1861 als Sohn eines jüdischen Seidenhändlers in Berlin geboren. Er absolvierte eine Schauspielerausbildung und wirkte für verschiedene Theater in ganz Deutschland. Später arbeitete er als Theaterkritiker für diverse Blätter im In- und Ausland und forcierte somit seine journalistische Laufbahn. Im Jahre 1892 gründete er die politische Wochenzeitschrift „Zukunft“, welcher im Zuge der „Eulenburg Affäre“ eine tragende Rolle zukommen sollte, siehe auch:
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/HardenMaximilian/index.html 4 Kuno von Moltke (1847-1923) war preußischer General und Stadtkommandant von Berlin
Kernthese des Artikels mit der Überschrift „Wilhelm der Friedliche“, sagte aus, dass der wesentliche Grund für das zweifache Zurückweichen des Deutschen Reiches vor den Westmächten darin zu suchen sei, dass die Repräsentanten des Reiches und speziell Wilhelm II. selbst, viel zu oft die eigenen, friedlichen Absichten propagiert hätten. Dieses Verhalten des Kaisers beeinträchtigte die Außendarstellung des Reiches arg und bescherte Wilhelm in Frankreich bereits den Ruf eines „friedlichen Kaisers“.
Am 17. November veröffentlichte Maximilian Harden unter dem Titel „Praeludium“, einen weiteren Artikel, der nunmehr gegen die gesamte Führungselite des deutschen Reiches gerichtet war. 5 Es wurde Philipp Eulenburg und dessen Liebenberger Kreis vorgeworfen, dass sie aufgrund der persönlichen Bindungen zum Monarchen, eine Art Nebenregierung bilden würden. Im Kern unterstellte er Eulenburg, dass dieser seinen engen Kontakt zum Kaiser zu nutzen suchte, um all seine Freunde in die „maßgeblichen Schlüsselpositionen der Regierung und bei Hofe“ zu bringen.
„Er hat für all seine Freunde gesorgt. Ein Moltke ist Generalstabschef, ein anderer der ihm noch näher steht, Kommandant von Berlin, Herr von Tschirschky Staatssekretär im Auswärtigen Amt [...]. Lauter gute Menschen. Musikalisch, poetisch, spiritistisch; so fromm, dass sie vom Gebet mehr Heilswirkung erhoffen als von dem weisesten Arzt; und in ihrem Verkehr, mündlichen und brieflichen, von rührender Freundschaftlichkeit. Das alles wäre ihre Privatangelegenheit, wenn sie nicht zur engsten Tafelrunde des Kaisers gehörten und [...] von sichtbaren und unsichtbaren Stellen aus Fädchen spönnen, die dem Deutschen Reich die Athmung erschweren.“ 6
Harden vertrat die Annahme, dass die diplomatische Strategie der Reichsleitung im wesentlichen deshalb gescheitert ist, weil sich Wilhelm II. unter dem Einfluss des „Liebenberger Kreises“ nicht dazu bereit gefunden habe, einen Krieg gegen Frankreich zu riskieren. Im Lager der Falken, fürchtete man nichts mehr, als die Nachgiebigkeit und Kriegsscheu des Kaisers in kritischen Situationen. Auch in der ausländischen Wahrnehmung wurde Wilhelm II. bereits zum „Guillaume le timide“ – Wilhelm dem Schüchternen. 7 Zwar waren die Artikel an die gesamte Führungselite des Reiches adressiert, jedoch richteten sich die Publikationen nicht primär gegen den Kaiser, sondern vielmehr gegen das
5 vgl.: Mommsen, Wolfgang J.: Homosexualität, aristokratische Kultur und Weltpolitik, Die Herausforderung des wilhelminischen Establishments durch Maximilian Harden 1906-1908, in: Schultz, Uwe: Große Prozesse, Recht und Gerechtigkeit in der Geschichte, 3. Auflage, München 2001, S. 279 ff.
6 siehe: ebd., S.280.
7 siehe Mommsen: War der Kaiser an allem schuld?, S. 8.
Arbeit zitieren:
Christian Gräber, 2008, Die „Affäre Eulenburg“ , München, GRIN Verlag GmbH
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