Autorenreferat II
Norman Zenke
Marketingtrends im 6. Kondratieff - Neue Anforderungen an unternehmerisches Denken durch strukturelle Umbrüche in Wirtschaft und Gesellschaft. - 2006. - 115 S. Mittweida, Hochschule Mittweida (FH), Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Diplomarbeit, 2006
Autorenreferat
Ziel der Diplomarbeit ist es, mit Hilfe der umfangreichen Erkenntnisse der Theorie der Langen Wellen und den neuesten Erkenntnissen aus Trend- und Marketingforschung zukünftige Handlungsoptionen für Unternehmen abzuleiten. Unter Berücksichtigung aktueller Ergebnisse aus dem Bereich der Gehirnforschung werden die neuen Anforderungen an unternehmerisches Denken in Bezug auf Marketing, Management sowie Motivation und Unternehmenskultur dargestellt und diskutiert. Im Ergebnis werden die gewonnenen Einblicke zusammengefasst und Anregungen für das unternehmerische Denken im Hinblick auf den sechsten Kondratieff konzipiert.
Inhaltsverzeichnis III
Inhaltsverzeichnis
II
Autorenreferat
III
Inhaltsverzeichnis
V
Abbildungsverzeichnis
VI
Anlagenverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Grundlagen langfristiger Schwankungen. 2
2.1 Dimensionen des Wandels. 2
2.2 Wirtschaftliche Schwankungen 3
2.3 Innovationsbegriff und Innovationstypen. 4
3 Lange Wellen der Wirtschaft. 9
3.1 Theorie der langen Wellen. 9
3.2 Erklärungsansätze zur Theorie der Langen Wellen 13
3.3 Die Kondratieffzyklen als Wertschöpfungskette. 18
3.3.1 Der erste bis vierte Kondratieff 20
3.3.2 Der fünfte Kondratieff - „Computer und Information“ 24
3.4 Zwischen den Zyklen - Paradigmenwechsel. 26
3.4.1 Paradigmenwechsel vom vierten zum fünften Kondratieff 27
3.4.2 Paradigmenwechsel vom fünften zum sechsten Kondratieff. 29
4 Der sechste Kondratieff - „Biotechnologie und Gesundheit“ 34
4.1 Die Kandidaten des sechsten Kondratieffs 34
4.2 Kooperative Unternehmenskultur. 39
4.2.1 Die Unternehmenskultur. 41
4.2.2 Die Produktivität der menschlichen Arbeit 44
5 Der neue Konsument 49
5.1 Das limbische System. 49
5.1.1 Das Balance-System und seine Submodule. 51
5.1.2 Das Dominanz-System und seine Submodule 52
5.1.3 Das Stimulanz-System und seine Submodule 54
5.2 Die Limbic Map 55
5.3 Die limbischen Typen. 56
5.4 Die limbische Unternehmenskultur 61
5.4.1 Limbische Personalentscheidung 63
Inhaltsverzeichnis IV
5.4.2 Limbisches Marketing 65
6 Entwicklung und Einfluss von Trends. 67
6.1 Trends als Veränderungsprozesse. 67
6.2 Trend- und Zukunftsmanagement. 69
6.2.1 Das Acht-Sphären-Modell 70
6.2.2 Das ZukunftsManagement-Projekt 71
6.2.3 Das Trend Marketing-Verknüpfungsmodell. 75
6.3. Aktuelle Marketingtrends 77
7 Schlussbetrachtung. 84
89
Anlagen
109
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Bezeichnung Seite
Abb. 2.1: Produktinnovationsmatrix
Abb. 3.1: Lange Wellen, Basisinnovationen und ihre Bedarfsfelder
Abb. 3.2: Langzyklen und ihre Basisinnovationen
Abb. 3.3: Datierung der Kondratieffzyklen
Abb. 3.4: Überlagerung von Kondratieff-, Juglar- und Kitchin-Zyklen
Abb. 3.5: Interdependenzmodell verschiedener Lebenszykluskonzepte
Abb. 3.6: Zusammenhang von Branchen-, Produktgenerations- und
individuellem Produktlebenszyklus
Abb. 3.7: Definition eines Kondratieffzyklus am Beispiel des
f ünften Kondratieffs
Abb. 3.8: Wertschöpfungskette des ersten Kondratieffs
Abb. 3.9: Wertschöpfungskette des zweiten Kondratieffs
Abb. 3.10: Wertschöpfungskette des dritten Kondratieffs
Abb. 3.11: Wertschöpfungskette des vierten Kondratieffs
Abb. 3.12: Wertschöpfungskette des fünften Kondratieffs
Abb. 3.13: Veränderung der Aufbauorganisation im fünften Kondratieff
Abb. 3.14: Unterschiede zwischen fünftem und sechstem Kondratieff
Abb. 5.1: Motivwelt im Kopf des Kunden
Abb. 5.2: Limbic Map und die Werte des Menschen
Abb. 5.3: Limbic Types
Abb. 5.4: Limbic Types - weiblich und männlich
Abb. 5.5: Neurochemie des Alters
Abb. 5.4: Limbische Haupttypen
Abb. 6.1: Acht Sphären der Zukunft
Abb. 6.2: Beobachtungs- und Gestaltungsfelder des ZukunftsRadars
Abb. 6.3: Prozesse und Objekte des StrategieRadars
Abb. 6.4: Beispiel für Ambient Media
Abb 6 5: Beispiel für Lovemarks, Wunschapfel von Gubor
Anlagenverzeichnis VI
Anlagenverzeichnis
Bezeichnung Seite Anlage 1: Entwicklung der Bildung in Deutschland während der Kondratieffzyklen, Seite 1-2 89
Anlage 2: Wesentliche Unterschiede zwischen Industrie- und Informationsgesellschaft, Seite 1-5 91 Anlage 3: Paradigmenwechsel nach Carlota PEREZ, Seite 1-2 96 Anlage 4: Unternehmenskultur und Führungsverhalten als Erfolgsfaktoren, Seite 1-9 98 Anlage 5: Bewertungsmatrix des Trend & Marketing-Verknüpfungs-modells, Seite 1-2 107
Einleitung 1
1 Einleitung
Die Wirtschaft als hochkomplexes evolutionäres System ist durch permanente Veränderungen und der jeweiligen Anpassung gekennzeichnet und realisiert dabei keine Gleichgewichtszustände. Diese ständigen Anpassungsprozesse sind ökonomisch gesehen durch ständige Schwankungen von Indikatoren gekennzeichnet und führen zwangsläufig zu Phasen des Aufschwungs sowie der Stagnation. In der Wirtschaft treten sowohl kurze, mittlere als auch langfristige Schwankungen auf. Die Forschungsrichtung, die unter der Bezeichnung „Theorie der Langen Wellen“ bekannt ist, beschäftigt sich mit den langfristigen wirtschaftlichen Schwankungen, die aller 45 bis 60 Jahren auftreten. Diese Schwankungen entstehen durch die Entwicklung und die Durchsetzung bestimmter technologischer Innovationen, die der Wirtschaft zuerst neue Produkte und Märkte bescheren und gleichzeitig alle Produktions- und Wirtschaftsgebiete revolutionieren. Diese unaufhaltsam fortschreitende Entwicklung der Wirtschaft führt zu immer neuen Anforderungen an Kompetenz, Flexibilität und Mobilität aller am Wirtschaftsprozess Beteiligten. Gleichzeitig ergeben sich neue Herausforderungen an die Unternehmen, eine innovative Unternehmenskultur zu schaffen, frühzeitig die Veränderungen an den Märkten zu erkennen und sich darauf einzustellen sowie das Marketing und Produktmanagement auf den neuen Konsumenten auszurichten. Nur so können sie im zunehmenden globalen Wettbewerb bestehen.
Die vorliegende Arbeit beschreibt die Theorie der Langen Wellen, die Untersuchungen über langfristige wirtschaftliche Schwankungen beinhaltet. Bei diesen Betrachtungen wird auf die nach Nikolai KONDRATIEFF benannten Kondratieffzyklen näher eingegangen und die Paradigmenwechsel zwischen diesen Zyklen analysiert. Im Vordergrund der weiteren Erläuterungen stehen der nächste Langzyklus, der sechste Kondratieff, und die mit ihm einhergehenden notwendigen Veränderungen in der Unternehmenskultur. Weiterhin wird der interdisziplinäre Ansatz des Limbischen Systems vorgestellt, der sowohl für das Marketing als auch für das Management neue Erkenntnisse in Bezug auf die Denk- und Handlungsweisen des Menschen liefern soll. Die von den Trendforschern entwickelten Modelle für die Abschätzung zukünftiger unternehmerischer Entscheidungen unter Berücksichtigung von Trendentwicklungen stehen im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen. Dabei werden nur einige bedeutende Modelle benannt. Neben diesen Darlegungen werden aus der Vielzahl der aktuellen Marketingtrends einige wesentliche herausgegriffen und erläutert. Im Ergebnis werden die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst und daraus die Anforderungen an das neue unternehmerische Denken abstrahiert.
Grundlagen langfristiger Schwankungen 2
2 Grundlagen langfristiger Schwankungen 2.1 Dimensionen des Wandels
Die Evolution des Menschen sowie die wirtschaftliche Entwicklung sind kurzfristiger und auch langfristiger betrachtet, ständigen Wandlungsprozessen unterworfen. Um diese Veränderungsprozesse zu verstehen, ist es nach Meinung von Matthias HORX notwendig festzustellen, in welchen Dimensionen in Abhängigkeit von der Zeit diese Prozesse stattfinden. HORX benutzt für die Einteilung der Dimensionen eine Art „Weltmodell“, in dessen Kern die Veränderungsgeschwindigkeiten, also die „Zyklen des Wandels“, stehen. Dabei benennt und charakterisiert er in seinem Werk „Future Fitness“ die folgenden Dimensionen: 1
Natur und Evolution: Die langsamste Veränderungsschicht unserer Welt ist die Natur und mit ihr die Evolution. Das Auftreten und Verschwinden von verschiedenen Spezies, die Entwicklung von Landschaften und die Bildung von Biotopen ist durch eine generelle Langfristigkeit geprägt. Der Rhythmus der Natur wird in Äonen gemessen, mit Wellenbewegungen zwischen 100.000 und zehn Millionen Jahren. Zivilisation: Die Dimension der Zivilisation ist in ihrer Entwicklung durch eine aufsteigende Komplexitätslinie gekennzeichnet. Die langfristigen zivilisatorischen Grundwellen hängen fundamental mit den zur Verfügung stehenden Schlüsselressourcen, den Technologien und den auf diesen fußenden Organisationsformen der Gesellschaft zusammen. Es existieren bislang vier abgrenzbare Zivilisationstypen:
- Jäger und Sammler (Tribalismus): 100000 bis ca. 5000 v.Chr.,
- Agrarische Zivilisation (Feudalismus): 5000 v.Chr. bis 1800,
- Industrielle Zivilisation (Demokratie): 1800 bis ca. 2000,
- Wissensökonomie (Network Society): 2000 bis ?.
Die Grenzen dieser Typologien sind nicht als völlig starr zu betrachten, so gibt es noch heute verschiedene Mischformen zwischen agrarischen und industriellen Kulturen, so zum Beispiel in der arabischen Welt.
Technologie: Eine weitere Dimension ist die der Technologie. Die technologischen Wellen, die der russische Ökonom Nikolai KONDRATIEFF nachwies, haben eine Dauer von 45 bis 60 Jahren und werden im Abschnitt 3 näher betrachtet.
1 Horx, M. (Hrsg.): Future Fitness: Wie Sie Ihre Zukunftskompetenz erhöhen. Ein Handbuch für Entscheider. - 5.Aufl. - Frankfurt am Main: Eichborn, 2005, S. 65 f.
Grundlagen langfristiger Schwankungen 3
Ökonomie und Konjunktur: Die Dimension der Ökonomie oder Konjunktur prägen unterschiedliche Zykluslängen. Unter der wirtschaftlichen Konjunktur werden mehr oder minder regelmäßige mittelfristige Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivitäten um ihren längerfristigen Trend verstanden. Diese Aktivitäten werden an den Wachstumsraten des realen Bruttoinlandsprodukts gemessen. Produkte und Moden: Diese Dimension ist die Ebene der „Trends“, wie sie im allgemeinen Sprachgebrauch und in den Medien existiert. Die Lebensdauer von Produkten und Moden ist in der heutigen Zeit durch eine gewisse Kurzfristigkeit geprägt. Diese Kurzfristigkeit ist, so HORX, auf die Entwicklung der modernen Individual-Konsummärkte und der sexuellen Revolution zurückzuführen. Besonderheiten der Gegenwart sind unter anderem: Technik-Spielereien, Saisonphänomene, Marotten, Gerüchte, Fetische, Hip-Kulte, Farbmoden bis hin zu Produktkulten wie Microscooter, Cybersex oder Absinth-Kultur. 2
2.2 Wirtschaftliche Schwankungen
Das wirtschaftliche Geschehen ist durch permanente Veränderungen und Anpassungen an diese Veränderungen gekennzeichnet und realisiert dabei keine Gleichgewichtszustände. Vielmehr ist die Wirtschaft durch ständige Schwankungen von Indikatoren gekennzeichnet. Bei den zu beobachtenden Instabilitäten handelt es sich nach Meinung von Gabriel KÜHNE um eine Grundeigenschaft ökonomischer und anderer Systeme. Er geht bei seinen Überlegungen von der systemtheoretischen, evolutionären Interpretation der Ökonomie aus. 3 „Die Schwankungen, …, treten auf, weil die Ökonomie als hochkomplexes evolutionäres System anzusehen ist, das aus einer Vielzahl von Elementen besteht, die in vielerlei wechselseitigen Beziehungen stehen und sich gegenseitig beeinflussen.“ 4
Die Schwankungen zeigen nach KÜHNE in der Regel an, in welche Richtung sich das System ändern muss, damit die Instabilitäten nicht zum Zusammenbruch des Systems führen. „Sie bilden somit die reale Basis für veränderte Verhaltensweisen der im ökonomischen System agierenden Wirtschaftssubjekte.“ 5
2 Horx, M. (2005), S. 71
3
zur Erklärung der systemtheoretischen, evolutionären Interpretation der Ökonomie siehe:
4 Kühne, G.: Lange Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung: theoretische Erklärungsansätze und Verbindungslinien zur Geschichte der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik. - Göttingen: Ernst Oberdieck, 1991, S. 8
5 ebenda, S. 7
Grundlagen langfristiger Schwankungen 4
Die ökonomischen Zyklen, die auf ungleichgewichtige Anpassungsprozesse zurückzuführen sind, können analog zu Thomas KUCZYNSKI wie folgt klassifiziert werden: 6
1) Kitchin-Zyklen, benannt nach ihrem Entdecker Joseph KITCHIN, haben eine Dauer von ca. 40 Monaten und zeigen sich vorwiegend in der Geld- und Kreditsphäre sowie in der Lagerhaltung. Ihre Existenz wird als gesichert angenommen. 2) Juglar-Zyklen, benannt nach dem Ökonomen Clemens JUGLAR, haben eine Dauer von sieben bis elf Jahren und sind als klassische Krisenzyklen bekannt. Diese sind in erster Linie Investitionszyklen, in denen vor allem Ausrüstungsinvestitionen wirksam werden.
3) Kuznets-Zyklen haben eine Dauer von 18 bis 22 Jahren und sind nach Simon S. KUZNETS benannt. Diese Zyklen zählen ebenfalls zu den Investitionszyklen, wobei jedoch Investitionen für langlebige Produktionsmittel wie Gebäude und Verkehrsanlagen im Vordergrund der Betrachtung stehen. Die Zyklen werden dabei als Spezialfall der klassischen Krisenzyklen gesehen, überlagern sich jedoch mit diesen, sodass ihre empirisch-statistische Verifikation erschwert ist. Es ist jedoch gelungen, ihre Existenz empirisch wie auch theoretisch nachzuweisen und sie können deshalb als gesichert angenommen werden.
4) Kondratieff-Zyklen, benannt nach ihrem bedeutendsten Erforscher Nikolai D. KONDRATIEFF, werden auch als Lange Wellen bezeichnet und haben eine Dauer von 45 bis 60 Jahren.
5) Hyperlange Wellen mit einer ungefähren Länge von 150 bis 250 Jahren werden nicht nur für Agrarpreise, sondern für die gesamte Landwirtschaft vermutet. Ihre Existenz und insbesondere ihre Erklärung fußen zum größten Teil nur auf Spekulationen.
2.3 Innovationsbegriff und Innovationstypen
Der Innovationsbegriff spielt bei den weiteren Ausführungen in dieser Arbeit eine wichtige Rolle, deshalb soll kurz auf einige Erläuterungen des Begriffs eingegangen werden.
In der Literatur sind eine Vielzahl von Definitionen zu finden, unter anderem folgende: • „An Innovation is an idea, practice, or object that is perceived as new by an individual or other unit of adaption.“ 7
6 Kuczynski, T.; Mottek; H.; …(Hrsg.): Wirtschaftsgeschichte und Mathematik. - Berlin: Akademie-Verlag, 1985, S. 93
7 Roger, E.M.: Diffusion of Innovations, - 3.Edition, New York: The Free Press, 1983, S. 11
Grundlagen langfristiger Schwankungen 5
• Innovation is the creation of any product, service or process which is new to a business unit.” 8
• „Eine Innovation stellt immer eine Neuerung dar, wobei es sich … um eine völlig neue Idee oder eine originäre Neukombination bzw. Modifikation bestehender Ideen handeln kann.“ 9
Bei einigen Definitionen wird die Innovation im Sinne von „neu“ für das Individuum, die Organisation oder das Unternehmen beschrieben. Andere Definitionen betonen dagegen den Neuheitscharakter, das heißt, die wesentlichen Änderungen. Im ersten Fall wird vom „subjektiven“ Innovationsbegriff und im zweiten Fall vom „objektiven“ Innovationsbegriff gesprochen. 10
Weiterhin ist eine Systematisierung von Innovationen durch die Bildung von Innovationstypen möglich. Ein Kriterium zur Bildung von Innovationstypen ist der Gegenstand der Innovation. Im Allgemeinen wird hier zwischen technologischen und sozialen Innovationen unterschieden.
Unter Sozialinnovationen werden geplante Änderungen im Humanbereich von soziotechnischen Systemen verstanden. Darunter fallen beispielsweise
organisationsstrukturelle Innovationen, Personal- bzw. Kontraktinnovationen oder Managementinnovationen.
Bei den technologischen Innovationen wird zwischen Produkt- und Prozessinnovationen unterschieden. 11 Produktinnovationen bezeichnen ausschließlich die Entwicklung und Markteinführung neuer Produkte, wohingegen
Prozessinnovationen die Entwicklung und Anwendung neuer Produktionsverfahren beinhalten.
Damit ein Unternehmen erfolgreich am Markt bestehen kann, muss es unter anderem Produktinnovationen hervorbringen können. Diese lassen sich nach David GOBELI und Daniel BROWN in vier Kategorien, anhand einer 2x2 Matrix (Abbildung 2.1), einteilen. 12 In dieser werden die Produktinnovationen einmal aus der Sichtweise des Abnehmers und zum anderen aus der des Herstellers berücksichtigt.
8 Tushman, M./Nadler, D.: Organizing for Innovation, In: California Management Review. - Berkeley: Haas School of Business. - (1986)28, S. 75
9 Mohr, H.-W.: Bestimmungsgründe für die Verbreitung von neuen Technologien, Berlin: Duncker und Humblot, 1977 (Beiträge zur Verhaltensforschung, Heft 21), S. 22
10 Pechtl, H.: Innovatoren und Imitatoren im Adoptionsprozeß von technischen Neuerungen. - Köln: Josef Eul, 1991, S. 5
11 Penzkofer, H.: Innovationsverhalten der deutschen Industrie: Ergebnisse des Ifo-Innovationstests 1990 - 1997. - München: IFO-Institut für Wirtschaftsforschung, 1999, S. 4
12 Gobeli, D.H./Brown, D.J., In: Hölft, U.: Lebenszykluskonzepte. - Berlin: Erich Schmidt, 1992, S. 8
Grundlagen langfristiger Schwankungen 6
Aus der Sicht
des Anwenders (Steigerung des Nutzens)
Abb. 2.1: Produktinnovationsmatrix
Quelle: eigene Darstellung in Ahnlehnung an Hölft, U. (1992), S. 9
Die unter (I) bezeichnete Verbesserungsinnovation verkörpert in der Matrix nur eine geringe Veränderung der Technologie und stellt für den Abnehmer auch nur eine geringe Nutzensteigerung dar.
Die technische Innovation (II) beinhaltet ein neues technisches Konzept, beziehungsweise eine neue Produktionstechnologie. Sie bietet aber aus Abnehmersicht wenig zusätzliche Vorteile zu den bisherigen Produkten. Aus Käufersicht verfügt die Anwendungsinnovation (III) über einen großen Nutzenzuwachs, weist aus Herstellersicht aber nur eine eher geringfügig geänderte Produktionstechnologie auf. Die radikale Innovation (IV) bildet die Kategorie, die sowohl aus der Sichtweise des Kunden als auch des Herstellers eine wesentliche Änderung darstellt.
Gerhard MENSCH sieht als ein weiteres Typologisierungskriterium den Neuigkeitsbzw. Intensitätsgrad von Produkt- und Prozessinnovationen. Er unterscheidet zwischen so genannten Basisinnovationen und Verbesserungsinnovationen und klassifiziert diese beiden „Haupt“-Innovationsarten in folgende sechs Klassen: 13
1. Basisinnovationen,
2. radikale Neuerungen,
13 Mensch, G.: Basisinnovationen und Verbesserungsinnovationen, In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft.
- Wiesbaden: Gabler. - (1972)42, S. 292 ff.
Grundlagen langfristiger Schwankungen 7
3. sehr bedeutsame Verbesserungsinnovationen,
4. bedeutsame Verbesserungsinnovationen, 5. Verbesserungsinnovationen, 6. einfache Verbesserungen.
MENSCH versteht, in Analogie zum Evolutionsbaum der menschlichen Lebensweise, 14 unter einer Basisinnovation die Eröffnung eines neuen Weges, einer neuen Arbeitsweise oder Technologie, die eine richtungsändernde Abweichung von der bisher üblichen Praxis darstellt. Diese Innovation reift meist außerhalb von bestehenden Produkt- oder Elementarmärkten heran und kann nach der Meinung von MENSCH, möglicherweise auch innerhalb eines Marktverbundes auftreten. 15
Der oder die Innovatoren, die eine solche Basisinnovation etablieren, kreieren damit einen neuen Markt. Weiterentwicklungen auf bestehenden Gebieten, die durch Basisinnovationen etabliert worden sind, bezeichnet er als Verbesserungsinnovationen. Diese werden innerhalb von Elementarmärkten entwickelt und sind auch als technologische Innovationen zu verstehen.
Basisinnovationen haben im Zusammenhang mit der Entstehung Langer Wellen die Funktion einer Schlüsselrolle, so Leo NEFIODOW. 16 Er bezeichnet die Basisinnovationen als ein Netz von Technologien, Geräten, Verfahren, Dienstleistungen, Strategien und bestimmten organisatorischen, sozialen und mentalen Innovationen. Diese hängen in hohem Maße miteinander zusammen, befruchten sich gegenseitig und ergänzen sich so stark, dass sie gemeinsam einen neuen Innovationsschub hervorbringen. 17
Carlota PEREZ sieht die Innovation, die einen neuen Aufschwung im langzyklischen Rhythmus bewirkt und somit Motor des Wachstums und des Strukturwandels in der Wirtschaft ist, als radikale Innovation an und gibt ihr die Stellung einer Basisinnovation. 18
14 dieser beschreibt die Auswirkungen der zunehmenden Arbeitsteilung in der Entwicklungsgeschichte des Menschen
15 Mensch, G. (1972), S. 292
16 Nefiodow, L. A.: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktion und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. - 5.überarb.Aufl. - Sankt Augustin: Rhein-Sieg-Verl., 2001, S. 14 f.
17 Nefiodow, L.A.: Der sechste Kondratieff. Die großen neuen Märkte des 21.Jahrhunderts. In: IFO-Studien, Zeitschrift für empirische Wirtschaftsforschung. - München: IFO-Institut für Wirtschafts-forschung. - (1997)43, S. 271
18 Perez, C.: Neue Technologien und sozio-institutioneller Wandel. In: Thomas, H./Nefiodow, L.A.: Kondratieffs Zyklen der Wirtschaft. An der Schwelle neuer Vollbeschäftigung?. - Herford: Busse Seewald, 1998, S. 23
Grundlagen langfristiger Schwankungen 8
Damit eine Neuerung als Basisinnovation eingestuft werden kann, muss sie nach NEFIODOW drei Bedingungen erfüllen: 19
• technologische Ebene
Das Technologienetz der Basisinnovation bestimmt für mehrere Jahrzehnte das Tempo und die Richtung des Innovationsgeschehens.
• wirtschaftliche Ebene
Die Anwendung der Basisinnovation erreicht ein Umsatzvolumen, das in der Lage ist, das Wachstum der Weltwirtschaft über mehrere Jahrzehnte zu tragen.
• gesellschaftliche Ebene
Die Diffusion der Basisinnovation bewirkt eine weitreichende Umorganisation der Gesellschaft.
Innovationen sind somit ein Teil der Triebkräfte der wirtschaftlichen Entwicklung und gewinnen seit den Thesen von SCHUMPETER zunehmend an Bedeutung, wobei jeder Innovation eine Invention vorausgeht. Das folgende Zitat von Björn ENGHOLM kann sinnbildlich für alle Innovationen gesehen werden: "Innovation beginnt im Kopf mit der kühnen Idee und dem Mut zum Risiko." 20
19 Thomas, H./Nefiodow, L.A. ...(Hrsg.): Kondratieffs Zyklen der Wirtschaft. An der Schwelle neuer Vollbeschäftigung?. - Herford: Busse Seewald, 1998, S. 161
20
Lange Wellen der Wirtschaft 9
3 Lange Wellen der Wirtschaft 3.1 Theorie der langen Wellen
Die Theorie der Langen Wellen erklärt langfristige wirtschaftliche Schwankungen, die aller 45 bis 60 Jahren stattfinden und auch unter der Bezeichnung Kondratieffzyklen bekannt sind. Dabei geht die Theorie vorwiegend den Fragen nach, wie und wodurch Langzyklen entstehen, wie sie verlaufen, wie sie zu erkennen sind und wie Kondratieffzyklen aktiv gestalten werden können.
In den letzten 250 Jahren konnten vier Lange Wellen empirisch nachgewiesen werden, die nach Norbert KRIEDEL wie folgt aufgetreten sind: 1
• Erste Welle: 1770 - 1849
• Zweite Welle: 1849 - 1890
• Dritte Welle: 1890 - 1940
• Vierte Welle: 1940 - 1980
Getragen und ausgelöst werden die Langzyklen durch bestimmte technologische Innovationen, auch Basisinnovationen genannt. Diese gehen mit einem fundamentalen wirtschaftlichen sowie einem historischen Reorganisationsprozess der Gesellschaft einher. Die folgende Abbildung (Abb. 3.1) zeigt die Zyklen sowie deren Basisinnovationen.
_____________________________________________________________________________________
1. Kondratieff 2. Kondratieff 3. Kondratieff 4. Kondratieff 5. Kondratieff 6. Kondratieff _____________________________________________________________________________________
1780 1830-50 1880-1900 1930-1940 1950-1980 2000-2005
Abb. 3.1: Lange Wellen, Basisinnovationen und ihre Bedarfsfelder Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Nefiodow, L. (2005),
1 Kriedel, N.: Lange Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung: Empirische Analysen, bestehende Erklärungsmodelle und Neumodellierung. - München: LIT Verlag, 2005, S. 14
Lange Wellen der Wirtschaft 10
Der erkennbare rein sinusförmige Verlauf der Langen Wellen in Abbildung 3.1 stellt nach der Theorie von NEFIODOW eine unzulässige Vereinfachung dar. 2 Eine genauere Darstellung zeigt die Abbildung 3.2, da Basisinnovationen, wie alle anderen Innovationen, den typischen Verlauf einer S-Kurve aufweisen. Werden die jährlichen Wachstumsraten der Basisinnovation grafisch dargestellt, dann erhält man die Glockenkurve im unteren Teil der Abbildung 3.2. Die dargestellten S-Kurven verlaufen aber keineswegs völlig glatt, vielmehr können Brüche und Anpassungsprozesse auftreten.
Abb. 3.2: Langzyklen und ihre Basisinnovationen Quelle: Nefiodow, L. (2001), S. 225
Gilt heute der russische Ökonom Nikolai Dmitrijewitsch KONDRATIEFF 3 (1892 -1938) mit seiner Arbeit „Die Langen Wellen der Konjunktur“ als bedeutendster Erforscher der Theorie der Langen Wellen, so gab es bereits vor ihm Ökonomen, die auf einen langwelligen Rhythmus der Wirtschaftsentwicklung verwiesen. KÜHNE benennt als ersten Langen-Wellen-Theoretiker Hyde CLARKE und sein Werk „Physical Economy“ aus dem Jahr 1847. 4 Nach SPREE waren dies JAVONS (1884) und TUGAN-BARANOWSKI (1894) sowie van GELDEREN (1913) und de WOLFF 5 , die erste größere Untersuchungen über Lange Wellen durchführten. 6 Wurde in den frühen Arbeiten dieser Ökonomen mit Hilfe von Preiszeitreihen versucht, die langfristigen Schwankungen zu erklären, so ging bereits KONDRATIEFF davon
2 Nefiodow, L. (1998), S. 256
3 Eine Übersicht zur Person Kondratieffs bietet Nefiodow, L. (2001), S. 211 f.
4 Kühne, G. (1991), S. 22
5 Spree, R.: Lange Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung in der Neuzeit: Historische Befunde, Erklärungen und Untersuchungsmethoden. - Köln: Zentrum für Historische Sozialforschung, 1991, S. 23 ff.
6 eine Zusammenfassung der Theorieansätze dieser Ökonomen, siehe Spree, R. (1991), S.25 ff.
Lange Wellen der Wirtschaft 11
aus, dass die Untersuchung von langfristigen Zyklen nicht nur auf eine einzige ökonomische Größe allein beschränkt werden darf. 7
KONDRATIEFF gründete seine Theorie auf vergleichsweise spärlichen Daten. Zur Verfügung standen ihm die Statistiken der deutschen, englischen, französischen und amerikanischen Volkswirtschaften. Dabei analysierte er das durchschnittliche Niveau der Warenpreise und den Kapitalzins, die Lohnentwicklung, Größen wie das Außenhandelsvolumen, die Daten der Kohle- und Schwerindustrie und eine Reihe anderer Faktoren. 8
In der heutigen Zeit widmen sich Ökonomen der verschiedensten Ausrichtungen, darunter Wirtschaftstheoretiker, Wirtschaftshistoriker, Wirtschaftspolitiker, auch Technik-, Naturwissenschafts-, Sozial-, Politik- und Rechtshistoriker der Erklärung und Diskussion zyklischer Schwankungen. Dabei basieren die meisten Beiträge zur Theorie der Langen Wellen auf historischen makroökonomischen Zeitreihen. Mit Hilfe statistisch-mathematischer Verfahren wurde dabei versucht, den Langzyklus mittels Spektralanalyse, Filter- und Trendverfahren 9 aus den Zeitreihen herauszurechnen. Weil aber eben diese Methoden einige Ausnahmen enthalten, die nicht exakt zu beweisen sind, sagt NEFIODOW, „ …konnte sich die Theorie in Wirtschaftskreisen bisher nicht breit durchsetzen.“ 10
KÜHNE gibt zu bedenken, dass trotz der in der heutigen Zeit besseren Datenbasis und einer Vielzahl von Veröffentlichungen, die sich mit dem Versuch befassen, die Langzyklen statistisch-ökonomisch sowie theoretisch nachzuweisen, die Theorie der Langen Wellen weder verifiziert noch falsifiziert werden konnte. Dabei reicht die Meinungsspanne von weitgehender Akzeptanz der Theorie, „ …bis hin zur Einschätzung, dass es sich bei den Zyklen um mittels statistischer Methoden künstlich erzeugter Wellen handelt, die in den zugrunde liegenden Zeitreihen tatsächlich gar nicht enthalten sind.“ 11
Diese Diskussion soll in dieser Arbeit keine weitere Betrachtung finden, vielmehr wird davon ausgegangen, dass die Wirtschaft nicht nur den allgemein akzeptierten kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen unterliegt, sondern eben auch langfristige ökonomische Entwicklungstendenzen abbildet.
7 Kriedel, N. (2005), S. 18
8 eine Zusammenfassung der Untersuchungsgrößen Kondratieffs, siehe Kriedel, N. (2005), S. 19 f.
9 eine detaillierte Übersicht über alle statitisch-mathematischen Verfahren sowie deren Anwendung siehe Kriedel, N. (2005), S. 24 ff.
10 Nefiodow, L. (2001), S. 92
11 Kühne, G. (1991), S. 19
Lange Wellen der Wirtschaft 12
Die folgende Abbildung (Abb. 3.3) zeigt die von verschiedenen Forschern ermittelte Datierung der Langen Wellen. Die Abweichungen bei der Festlegung der Maxima und Minima zeigen deutlich die statistische Problematik des Nachweises langwelliger Schwankungen. Wenn man sich jedoch bewusst macht, sagt KÜHNE, wie komplex die Wirtschaftsgeschichte abläuft, „ …so ist die weitgehende Konvergenz der Forschungsergebnisse eher überraschend und spricht für die Existenz von Kondratieffzyklen.“ 12
Abb. 3.3: Datierung der Kondratieffzyklen
Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Kühne, G. (1982), S. 21 und Kriedel, N. (2005), S. 14
NEFIODOW, der bedeutendste Verfechter der Theorie der Langen Wellen der Gegenwart, sowie weitere Wissenschaftler wie Christopher FREEMANN, Carlota PEREZ und Cecare MARCHETTI behandeln heute die Langen Wellen als ganzheitliche Erscheinung. Dabei wird der Kondratieffzyklus nicht mehr als ein reiner Konjunkturzyklus gesehen, sondern vielmehr aus gesamtgesellschaftlicher Sichtweise heraus zu erklären versucht und als zyklisches Wachstumsphänomen aufgefasst. 13 Die Theorie der Langzyklen ermöglicht damit einen ganzheitlichen Zugang zu den Problemen der Zeit. Sie ist somit eine wissenschaftliche Theorie, mit deren Hilfe die Wechselwirkung zwischen technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen verdeutlicht werden kann.
12 Kühne, G. (1991), S. 20
13 Kriedel, N. (2005), S. 13
Lange Wellen der Wirtschaft 13
Das wichtigste Anliegen der Gegenwart ist es, den Strukturwandel in Wirtschaft und Politik in seiner Gesamtheit erklären zu können. Es dürfen nicht nur die Probleme innerhalb der Grenzen der Spezialdisziplinen behandelt werden, sondern die Gesellschaft muss als Ganzes gesehen werden, um ihre Probleme lösbar zu machen. Die Theorie der Langen Wellen bietet dafür eine wichtige Grundlage. 14
3.2 Erklärungsansätze zur Theorie der Langen Wellen
In den vergangenen Jahrhunderten wiederholten sich die langfristigen Wirtschaftsschwankungen der Kondratieffzyklen bisher fünf Mal. In der Zeit seit ihrer Entdeckung wurde eine Vielzahl sowohl empirischer als auch theoretischer Erklärungsversuche, die eine explizite Kausalanalyse enthalten, zur Theorie der Langen Wellen aufgestellt. KRIEDEL unterteilt die Erklärungsversuche zur Theorie der Langen Welle in frühere und neue Ansätze. Dabei zählen bei ihm zu den früheren Ansätzen monetäre Faktoren und Kriegstheorie, Kapitalinvestitionstheorie sowie Innovationstheorie. Bei den neueren Erklärungsansätzen unterscheidet er folgende Theorien:
- krisenhafte Erscheinungen im Kapitalismus,
- Innovationstheorie,
- Kapitalinvestitionen,
- Entwicklungsstufen,
- wachstumstheoretische Ansätze. 15
In Anlehnung an Thomas KUCZYNSKI können die Erklärungsansätze wie folgt klassifiziert werden: 16
a) monetaristischer Ansatz
Im zentralen Mittelpunkt dieser Erklärung steht die Gültigkeit des Goldstandards. Dieser zwingt die Notenbank dazu, das Geldmengenwachstum an den Veränderungen ihrer Goldvorräte auszurichten. Dabei wird der Wechsel von Deflation und Inflation beobachtet und der Analyse von Preisen und Diskontraten besondere Beachtung geschenkt. Dieser Theorieansatz spielt nach KUCZYNSKI aber nur noch bei denjenigen eine gewisse Rolle, die die wesentlichen Ursachen der Entstehung Langer Wellen in den Wandlungen von Währungs- und Finanzsystemen sehen. Der Erklärungsansatz, so KRIEDEL, kann als die älteste Form zur Erklärung Langer Wellen angesehen werden.
14 Nefiodow, L. (2001), S. 3
15 zur ausführlichen Erklärung der Ansätze siehe Kriedel, N. (2005), S. 94 ff.
16 Kuczynski, T. (1985), S. 98 ff.
Lange Wellen der Wirtschaft 14
b) agrarökonomischer Ansatz
Bei dieser Deutung wird der Wechsel von Inflation und Deflation auf die Agrarpreise reduziert. Die Ursachen für den Wandel werden in der Erschließung neuer Anbaugebiete und Absatzmärkte und dem gleichzeitigen Wirken des Gesetzes vom abnehmenden Bodenertrag gesehen. Dieser Ansatz wird heute angesichts der vielfältigen Verflechtungen in Wirtschaft und Gesellschaft als zu oberflächlich beurteilt.
c) sozialpsychologischer Ansatz
Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Auslösung eines Langzyklus durch den Generationswechsel und die damit einhergehende Wandlung der Weltanschauung und der ethischen Prinzipien verursacht wird.
d) militärhistorisch akzentuierter Ansatz
Als Auslöser eines Kondratieffzyklus gelten bei diesem Ansatz große Kriege. Nach KRIEDEL werden die staatlichen Rüstungsausgaben als wichtigster Impuls für langfristiges ökonomisches Wachstum angesehen. 17 Da aber im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege innerhalb eines Zeitraumes von nur 25 Jahren ausgebrochen sind und es zur Erklärung eines Zyklus mit annähernd gleicher Wellenlänge eines endogenen Mechanismus bedarf, der bei Kriegen nicht gegeben sein dürfte, wird dieser Ansatz kaum noch zur Erklärung des Langzyklus verwendet.
e) kapitaltheoretischer Ansatz
Die Ursache für das Entstehen des Kondratieffzyklus wird in diesem Ansatz in den Verwendungsbedingungen des Kapitals gesehen und insbesondere aus dem Wirken des Gesetzes der tendenziell fallenden Profitrate abgeleitet. 18 Diese Ursachen erklären die Bewegung des Kapitals, die zyklischen Krisen und deren tendenzielle Verschärfung samt der sich zuspitzenden Konkurrenz zwischen den Kapitalien und der damit einhergehenden steigenden Arbeitslosigkeit. Das trifft auch zu auf die Expansion auf Auslandsmärkte, auf Militarismus, Kolonialismus und imperialistische Kriege.
f) investitions- und reproduktionstheoretischer Ansatz
Bei diesem Ansatz wird die Ursache eines Langzyklus mit dem Reproduktionsprozess des fixen Kapitals erklärt.
17 Kriedel, N. (2005), S. 96
18
nähere Erläuterungen siehe:
Lange Wellen der Wirtschaft 15
g) singularistischer Ansatz
Im Grunde besagt dieser Ansatz, so KUCZYNSKI „ …dass jeder einzelne Kondratieff-Zyklus durch ein erratisches Ereignis verursacht ist, so dass die Theorie der „Langen Wellen“ als nicht konstruierbar abgelehnt wird.“ 19
h) innovationstheoretischer Ansatz
Ausgehend von SCHUMPETER beschreibt dieser Ansatz das Entstehen eines Kondratieffzyklus damit, dass es aufgrund einer veralteten und nicht mehr kostendeckenden Technologie zur Einführung von grundlegend neuen Erzeugnissen und Verfahren kommt. Der dadurch ausgelöste technisch-technologische Strukturwandel 20 und mit ihm die veränderten Verhaltensweisen im Umgang mit neuen Technologien werden als Ursache für einen Kondratieffzyklus angesehen.
KONDRATIEFF selbst sah als Grund für die Existenz der Langen Wellen die der Marktwirtschaft innewohnende Dynamik. Jede Form der Produktion stößt mit zunehmender Zeit an ihre Grenzen. Sobald Wachstum zu teuer wird, beziehungsweise sich ökonomisch nicht mehr rentiert, setzen daraufhin Suchprozesse ein, deren Ziel die Bewältigung dieser Wachstumshindernisse ist. Es wird dann vermehrt geforscht, entwickelt und innoviert bis letztendlich ein neues Bedarfsfeld geschaffen ist, was den nächsten Langzyklus tragen kann.
Joseph Alois SCHUMPETER griff die Erkenntnisse und Beobachtungen von KONDRATIEFF auf und führte sie in seinem Buch „Konjunkturzyklen“ weiter. Er ging davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den Industrienationen seit dem späten 18. Jahrhundert grundsätzlich dem Kondratieff-Muster folgt. SCHUMPETER entwarf ein Drei-Zyklen-Schema, das auf der Annahme basiert, dass auf jeden Kondratieffzyklus sechs Juglarzyklen und auf jeden Juglarzyklus wieder drei Kitchinzyklen entfallen. 21 Die Abbildung 3.4 verdeutlicht diesen Sachverhalt. Nach Meinung SCHUMPETERs entstehen Lange Wellen durch gehäuftes Auftreten von Basisinnovationen, die in bestimmten Zyklen von Pionierunternehmen entwickelt und an den Märkten durchgesetzt werden. Je weiter diese Durchsetzung in der Wirtschaft voranschreitet, desto größer werden die ausgelösten Veränderungen in der Struktur von Angebot und Nachfrage. Die dadurch entstehenden Ungleichgewichts-
19 Kuczynski,T. (1985), S. 102
20 Perez, C.: Microelectronics, Long Waves and World Structural Change: New Perspectives for Developing Countries. In: World Development. - 13(1985)3, S. 445 ff.
21 Schumpeter, J.: Konjunkturzyklen: Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozess. 2 Bände, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1961, S. 169 ff.
Lange Wellen der Wirtschaft 16
zustände des Marktes, die sich in schwankenden Preisen und Unsicherheiten über die weitere Entwicklung äußern, bilden die Grundlage für den Wendepunkt eines Kondratieffzyklus.
Abb. 3.4: Überlagerung von Kondratieff-, Juglar- und Kitchin-Zyklen
Zu einem erneuten Aufschwung kommt es erst dann wieder, wenn eine Marktanpassung erfolgte, die Marktrisiken überschaubar sind und Kosten sowie Erträge der neuen Innovation relativ risikolos kalkuliert werden können. 22
Die These, dass in der Phase der Depression neue Basisinnovationen gehäuft auftreten, die einen neuen Zyklus auslösen, wird nach SCHUMPETER besonders auch von MENSCH vertreten. 23 MENSCH beschreibt dabei die wirtschaftliche Entwicklung und damit die langen Wellen der Konjunktur im Zeitablauf, wobei typischerweise vier Phasen durchlaufen werden: Prosperität, Rezession, Depression und Erholung. 24 Nach dieser Darstellung haben Lange Wellen den Charakter eines Produktlebenszyklus, der die eben genannten Phasen aufweist. 25 Jeder Faktor beziehungsweise jedes Produkt, wie beispielsweise natürliche Ressourcen, Arbeitskräfte oder technisches Know-how, besitzt im Wirtschaftsleben einen gewissen Lebenszyklus, dessen Lebensdauer durch die physische Haltbarkeit bestimmt ist.
Stanislaw MENSCHIKOW sieht daher den Lebenszyklus als die Basis der Langen Wellen. 26 Auch Uwe HÖLFT geht davon aus, dass Interdependenzen zwischen den Lebenszykluskonzepten bestehen, die er in seinem Werk „Lebenszykluskonzepte“
22 Schumpeter, J. (1961), S. 161 ff.
23 Mensch, G.: Das Technologische Patt: Innovationen überwinden die Depression. - Frankfurt am Main: Umschau Verlag, 1977, S. 177 ff.
24 ebenda, S. 47
25 eine ausführliche Darstellung des Produktlebenszyklus sowie deren unterschiedlichen Typen siehe Hölft, U.: Lebenszykluskonzepte. - Berlin: Erich Schmidt, 1992, S. 15 ff.
26 Menschikow, S.: Lange Wellen der Wirtschaft: Theorie und aktuelle Kontroversen. - Frankfurt/Main: IMSF, 1989, S. 61 ff.
Lange Wellen der Wirtschaft 17
erläutert. Die Abhängigkeiten der von ihm beschriebenen Lebenszyklen sind in der Abbildung 3.5 veranschaulicht.
Abb. 3.5: Interdependenzmodell verschiedener Lebenszykluskonzepte Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Hölft, U. (1992), S. 136
Der Zusammenhang zwischen Branchen-, Produktgenerations- und individuellem Produktlebenszyklus ist in Abbildung 3.6 graphisch dargestellt und geht auf ZÄPFEL zurück. 27
Abb. 3.6: Zusammenhang von Branchen-, Produktgenerations- und
individuellem Produktlebenszyklus Quelle: Hölft, U. (1992), S. 138
Die Interpretation, dass lange Konjunkturzyklen durch die zahlenmäßige Häufung von Innovationen entstehen, ist nach NEFIODOW irreführend. „Eine Ansammlung zusammenhangloser Innovationen bewirkt keinen Kondratieffzyklus. Auch tausend
27 detaillierte Ausführungen in: Hölft, U. (1992), S. 137 ff.
Lange Wellen der Wirtschaft 18
Mäuse machen keine Lokomotive aus.“ 28 Nach seiner Theorie kommt es durch Neuerungen, die von ihrem Gewicht und ihrem Zusammenhalt her die Wirtschaft als Ganzes in einen Wachstumspfad bringen, zur Entstehung eines Langzyklus. Weiterhin ist NEFIODOW der Meinung, dass aufgrund der zunehmenden Komplexität sowie der immer größer werdenden Verflechtungen in Wirtschaft und Gesellschaft die einzelnen in den Spezialdisziplinen aufgestellten Erklärungsansätze nicht mehr ausreichen, das Wachstumsphänomen der Langen Wellen zu beschreiben. Er plädiert daher für eine interdisziplinäre Sicht der Dinge, um damit die vielfältigen Problematiken in der heutigen Zeit erklären und beschreiben zu können.
3.3 Die Kondratieffzyklen als Wertschöpfungskette
Die Kondratieffzyklen lassen sich seit der Entstehung der Marktwirtschaft im 18. Jahr-hundert zuverlässig beobachten. Auslöser der langen Zyklen sind ganz bestimmte technisch-wirtschaftliche Innovationen, die außerhalb der bestehenden Märkte reifen. Da Wirtschaft und Gesellschaft eng miteinander verflochten sind, wird der Kondratieffzyklus nicht mehr nur als ein Konjunkturzyklus angesehen, sondern aus ganzheitlicher Sicht heraus als Wertschöpfungskette („value chaine“) verstanden. 29 Diese Wertschöpfungskette wird von der Basisinnovation ausgelöst und bestimmt das Wirtschaftswachstum in nahezu allen Βereichen der Gesellschaft über mehrere Jahrzehnte. NEFIODOW definiert die Basisinnovation aus technologischer Sicht und macht diese an drei Komponenten fest. 30
Den Kern bildet dabei die praktische Anwendung eines allgemeingültigen Naturgesetzes. Aus diesem Kern geht ein Bündel von neuen Technologien hervor. Durch den Kern und die neuen Technologien werden ältere Technologien so beeinflusst und transformiert, dass sie gemeinsam das neue Technologiesystem formen. Der technologische Kern bildet mit der neuen und der modernisierten älteren Technologie die Basisinnovation. Die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen den Gliedern der Basisinnovation und dem gesellschaftlichen Umfeld führen zur Entstehung zahlreicher neuer Produkte, zu neuen und verbesserten Produktionsverfahren sowie zu neuen Dienstleistungen, die als Bündel (Cluster) in die Gesellschaft diffundieren und wegen ihrer breiten Anwendbarkeit zu einem neuen großen Markt führen. Augrund des
28 Nefiodow,L.: Der sechste Kondratieff: Die großen neuen Märkte des 21. Jahrhunderts. In: Thomas, H.; Nefiodow, L. ...: Kondratieffs Zyklen der Wirtschaft: An der Schwelle neuer Vollbeschäftigung?. - Herford: Busse Seewald, 1998, S. 180
29 Nefiodow,L. (2001), S. 3 f.
30 ebenda, S. 227 f.
Arbeit zitieren:
Norman Zenke, 2006, Marketingtrends im 6. Kondratieff, München, GRIN Verlag GmbH
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