bei den Fundamenten des westlichen (Selbst-)Verständnisses an und konstatiert, dass die als selbstverständlich angesehenen geographischen und kulturellen Entitäten „Okzident“ und „Orient“ nicht als Naturzustand angesehen werden können, sondern als von Menschen gemacht (man-made). 4
Von diesem Ausgangspunkt definiert Said seine Theorie des „Orientalismus“. Dem Zugang des Westens zum „Orient“ seien Zuschreibungen von „Rückständigkeit“, „Passivität“, „Fatalismus“ etc. inhärent und diese Zuschreibungen besäßen eine Historizität, so Said. Materialreich zeichnet er in seiner Studie eine Traditionslinie nach, die von den Ursprüngen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. An Textquellen des 18. bis 20. Jahrhunderts, die einen Querschnitt durch die Bereiche Literatur, Politik sowie Kultur darstellen und unterschiedlichste Genre und Autoren vereinen - Arbeiten von Wissenschaftlern, Texte von Schriftstellern und Poeten, Reden von Kolonialverwaltern und politischen Theoretikern ebenso wie Reiseliteratur -, rekonstruiert Said die Vorstellungen und gesellschaftlichen Diskurse des Westens über den Orient. Hierbei betont Said, dass im Phänomen des „Orientalismus“ überwiegend der islamische Orient im Blick war, wenn auch nicht ausschließlich. 5
Anders als der Titel der Studie auf den ersten Blick nahe legen mag, zielen Saids Ausführungen nicht auf einen Abgleich zwischen dem westlichen Konzept des „Orients“ und der Realität der Länder des Nahen und Mittleren Ostens. Vielmehr ist Saids Studie ein Beitrag zur westlichen Mentalitätsgeschichte und zeigt den „Orient“ als integralen immateriellen und materiellen Teil der europäischen Zivilisation und Kultur. 6 Von zentraler Bedeutung in seiner Studie ist hierbei die These, dass die westlichen Wahrnehmungsschemata des Orients fundamental mit deren Kolonial- und Imperialismuspolitik der letzten Jahrhunderte verwoben sind und eine Herrschaftsstruktur aufweisen. 7 Geleitet von dieser These konzentriert sich seine Untersuchung wesentlich auf die Diskurse bzw. Texte, die von Großbritannien und Frankreich - als bedeutendste koloniale Akteure im Orient vom späten 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts - produziert wurden und auf die USA, welche nach Said seit dem Zweiten Weltkrieg wesentlich in der „Orient-Tradition“ der beiden ehemaligen Kolonialreiche steht. 8
Saids Studie gliedert sich in eine Einleitung und drei Kapitel. Die Einleitung führt bereits wesentlich die Hauptthesen, seine Vorgehensweise sowie seinen theoretischen Ansatz aus. Im ersten Kapitel stellt er dann vor allem den Rahmen des Denkens und Handelns dar, den der Begriff Orientalismus für ihn beinhaltet; im zweiten Kapitel betrachtet Said die Entwicklung und ideologischen Strukturen der wissenschaftlichen Disziplin des
4 Vgl. Said 2003, S. 4f.
5 Vgl. ebd., S. 201.
6 Vgl. ebd., S. 2 und 5f.
7 Vgl. ebd., S. 120ff
8 Vgl. ebd., S. 323.
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„Orientalismus“, im dritten Teil schließlich fokussiert er den Orientalismus im 20. Jahrhundert.
Die Theorie des Orientalismus - Dimensionen des Phänomens
Einen Zugang zu Saids Ausführungen hinsichtlich der Reichweite oder Definition des Phänomens Orientalismus zu schaffen, ist mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden. Ein konsistenter theoretischer Ansatz lässt sich kaum herausarbeiten. Ausgehend von einer literaturwissenschaftlichen Analyse der historischen Texte ist es wesentlich ein kulturwissenschaftlicher Ansatz und ein entsprechendes Instrumentarium, dessen sich Said bei der Entwicklung der Orientalismus-Theorie bedient. Er definiert bereits in der Einleitung drei Dimensionen, die sein Verständnis von „Orientalismus“ prägen. Indes erschöpft sich das theoretische Gerüst seiner Studie darin nicht. Bevor ich auf die drei von Said getroffenen expliziteren Bestimmungen des Begriffs eingehen werde, sei als weiterreichendes Verständnis des Konzepts „Orientalismus“ genannt: Der Orient als alter ego des Westens. Orientalismus bezeichnet in diesem Sinne auch, „ (…) that European culture gained in strength and identity by setting itself off against the Orient as a sort of surrogate and even underground self.” 9 Ferner versteht Said mit Antonio Gramsci Orientalismus als Hegemonie, als eine kulturelle Aneignung und Dominanz des Westens über den Orient und dessen Bevölkerungen. Hiermit grenzt er seine Ausführungen gegen ein allzu deterministisches Verständnis von Herrschaftsausübung ab. Said betont vielmehr die produktive und dynamische Seite kultureller Prozesse, auch wenn sie im Rahmen von Dominanzverhältnissen stattfinden. 10
In den von Said definierten Bestimmungen des Begriffs Orientalismus, die er in Wechselbeziehung zueinander versteht, benennt er als erste Bestimmung die akademische und schreibt den Schriften und Forschungen, die den Orient zum Untersuchungsgegenstand hatten und haben, eine grundsätzliche Bedeutung für die Prägung der westlichen Wahrnehmung des Orients zu. Sogenannte „Orientalisten“ gehören unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen an - von der Anthropologie, der Geschichts- und Religionswissenschaft bis hin zur Philologie. 11 Geeint sind sie durch einen gemeinsamem Forschungsgegenstand: den Orient. Insbesondere im zweiten Kapitel geht Said den Ursprüngen und frühen Entwicklungen dieser Wissenschaftsrichtung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nach, wobei er sich in seiner Studie insbesondere auf englische und
9 Vgl. Said 2003, S. 3. „(...), dass die europäische Kultur an Stärke und Identität zunahm, indem sie sich dem
Orient als eine Art Ersatz- oder untergründiges Selbst entgegen setzte.“ (Übersetzung A.S.)
10 Vgl. ebd., S. 6f und 25f.
11 Im französisch- und englischsprachigen Raum besaß nach Said der Begriff Orientalismus (orientalisme/
orientalism) traditionell als Bezeichnung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Orient Bekanntheit und
Akzeptanz. Im deutschsprachigen Raum kann die Disziplin „Orientalistik“ als Äquivalent gelten. Vgl. ebd., S. 2
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Arbeit zitieren:
Diplom-Kommunikationswirtin Aline Skibitzki, 2007, Essay zum Buch „Orientalismus“ (org. 1978) von Edward W. Said , München, GRIN Verlag GmbH
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