Inhaltsverzeichnis
1 Hinführung 3
2 Völkerschauen 4
2.1 Vorgeschichte 4
2.2 Inszenierung der Völkerschauen. 7
2.2.1 Schaubude. 7
2.2.2 Menagerie 8
2.2.3 Eingeborenendörfer 9
2.3 Werbung. 10
2.4 Auswahl und Anwerbung 11
2.5 Situation der Ausgestellten. 12
2.6 Sozialer Sinn der Völkerschauen 14
2.6.1 Spiegelung und Bestätigung der eigenen Kultur 14
2.6.2 Projektion unerwünschter Normen 14
2.6.3 Sehnsüchte und Ängste. 15
2.6.4 Propaganda für Kolonialismus 15
2.6.5 Beziehung zu Wissenschaft 16
2.7 Niedergang der Völkerschau 17
2.8 Beitrag zum Bild des Fremden 18
3 Missionsausstellungen. 20
3.1 Vorgeschichte 20
3.2 Inszenierung 21
3.3 Sozialer Sinn 22
4 Vergleich und Schluss 23
5 Literaturverzeichnis. 26
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1 HINFÜHRUNG
Das Hauptseminar ‚Weltkirche in der (Kirchen-)Geschichte’ hat sich exemplarisch und an-hand einzelner Phänomene mit der Darstellung von Problemen im Wandel der Zeiten aus der Bewertung von Quellen heraus beschäftigt. Ich selbst habe zu den Völkerschauen, also der kommerziellen Ausstellung fremder Menschen, und Vatikanischen Missionsausstellungen, der Zusammenschau katholischer Missionsleistungen, gearbeitet.
Zu den Völkerschauen (VS), die teilweise auch in sehr aktueller Literatur umfangreich aufgearbeitet werden, will diese Arbeit eine Darstellung geben, die den organisatorischen und in-szenatorischen Rahmen abbildet und die ‚sozialen Sinne’, sowie einige Hintergründe des Niedergangs dieses Formates deutlich macht.
Gleiches gilt von der Vatikanischen Missionsausstellung (VMA). Hier lag lediglich die Besprechung der Ausstellung in ‚Die Weltschau des Katholizismus’ vor - die sich aber nicht ausschließlich der Schau selbst widmet. Die Zeitschrift gibt vieles in eindrücklicher Weise wieder, was zur Idee und Durchführung der VMA zu sagen ist. Der besondere Reiz und gleichzeitig die Schwierigkeit liegen darin, dass ausschließlich auf eine Primärquelle zurückgegriffen werden kann.
Beide Formate - Völkerschauen und Missionsausstellungen - können nach Äußerlichkeiten nur sehr bedingt verglichen werden, allerdings kann die Aussageabsicht der Formate, die im jeweiligen Abschnitt zum ‚sozialen Sinn’ näher beschrieben wird, zu einem solchen Vergleich mit herangezogen werden. Dies lässt durchaus Folgerungen und eine (wenn auch zugunsten der VMA tendenziell apologetische) Bewertung beider Formate zu, die im letzten Kapitel zu ziehen sein wird.
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2 VÖLKERSCHAUEN 2.1 VORGESCHICHTE
Menschen wurden stets zugleich angezogen und abgeschreckt von Fremdem und Exotischem. Beginnend mit den neu entdeckten und unterworfenen Gebieten jenseits der Meere wurden auch zu allen Zeiten Menschen zu Ausstellungsware gemacht. Geändert haben sich im Lauf der Geschichte jeweils nur das Ambiente in dem dies geschah und zusammenhängend damit natürlich auch die weiteren Interessen, die, neben der bloßen Faszination, diese Ereignisse begleiteten (vgl. Stahelin, 21). Bis es zu einer kommerziellen Verwertung dieser Faszination des Anderen durch die organisierten Völkerschauen kommt, durchläuft das Phänomen noch mehrere Entwicklungsstufen, bis es schließlich in den Jahrmärkten ankommt und von dort aus, in der zu untersuchenden Form, seinen Siegeszug antritt und seinen Niedergang in weniger als einem Jahrhundert erlebt.
Kaufleuten, die die ersten Entdeckungsfahrten unternommen hatten, reichten zunächst einzelne mitgebrachte Indianer (vgl. DW) untereinander und ihren jeweiligen Abhängigkeiten folgend auch an die Herrscherhöfe weiter. (vgl. Dreesbach, 18 und Goldmann, 243) So diente die Präsentation der „Exoten“ vor dem König (oder eben der Königin) einerseits als Beleg für den Erfolg der Reise und bediente auch die höfische Schaulust noch mehr als sachliche Exponate, wie Pflanzen (vgl. Staehlin, 29) und Tiere aus der neuen Welt. Christoph Kolumbus (vgl. Stahelin, 21) etwa kehrte von seiner ersten Reise mit sieben Indianern zurück, Amerigo Vespucci verbrachte in seiner gesamten aktiven Reisezeit über 200 Menschen nach Europa. In Europa herrschte die Meinung vor, dass aussereuropäische Menschen orientalisch aussähen. Da sich dies nicht bewarheitete, erregten besonders die Indianer auch bei den ‚einfachen Menschen‘ große Aufmerksamkeit (vgl. Dreesbach, 18), wenn sie zum Beispiel in Strassenumzügen (vgl. Goldmann, 243) öffentlich sichtbar wurden.
Ist für die Befriedigung der Schaulust zunächst das Ansehen des bloßen Individuums ausreichend, so treten nach und nach weitere Interessensmerkmale hinzu. Bereits Hernan Cortés bringt Indianer mit besonderen artistischen Fähigkeiten (vgl. Dreesbach, 19) nach Europa und die von Sebastian Cabot (vgl. Dreesbach, 19) nach England verschleppten Indianer wurden gerade wegen ihrer Essgewohnheiten und Kleidung bestaunt. Die qualitative und quantiative Steigerung des ‚Angebots’ setzt eine Dynamik in Gang, die für den Niedergang der Völkerschauen Bedeutung erlangt.
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Der Fokus für die Auswahl der Menschen lag natürlich lange auf den beiden Teilen Amerikas, verschob sich aber immer weiter in neu entdeckte Gebiete, denn nur so wurde Neu-Gier (vgl. Staehlin, 62) tatsächlich befriedigt. Zusammenfassend treten zu den Merkmalen der Menschenausstellungen also optische Neuartigkeiten, körperliche Fähigkeiten und bestaunbarer Kulturvollzug hinzu.
Bereits hier lassen sich zwei besondere Phänomene feststellen: Zum einen der Widersinn, einen Menschen aus seiner angestammten Umgebung herauszureißen und ihn in eine vollkommen unbekannte Welt mit anderen Sitten zu bringen. Am Beispiel des Tahitianers Aotourou von 1769 (vgl. Dressbach, 20) ist überliefert, das dies auch so thematisiert worden ist; Andererseits und gleichzeitig erlebten Zeitgenossen aber eine sehr schnelle Aneignung ‚ritualisierter Umgangsformen‘ in Europa durch die ‚Wilden‘. Der von James Cook ‚importierte‘ Mai Omai lernte schnell, „welche Kleidung die gute Gesellschaft trug“ (Dreesbach, 21) und wurde dadurch auch zu einem Kostenfaktor. Am Erlernen der englischen Sprache in Wort und Schrift hinderten ihn vor allem seine zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen (vgl. Staehlin, 164).
Wenn die Rückkehr anstand, aus Kostengründen oder weil man sich an der Kuriosität sattgesehen hatte, versüßte man das mit Geschenken, die, wie Dreesbach schreibt, „darüber hinwegtäuschen sollten, dass sie nicht mehr als eine gesellschaftliche Sensation für kurze Zeit gewesen waren, und dass es in Europa niemanden kümmerte, ob sie sich nach ihrem Europaaufenthalt in ihrer Heimat noch zurechtfinden würden.“ (Dreesbach, 22). Andererseits signalisieren diese auch durch ihren materiellen und technologischen Wert eine Überlegenheit, die somit im jeweiligen Herkunftsland kundgetan wurde.
Neben den ‚zufälligen‘ Mitbringsel der Entdecker, beginnen bereits im 16. Jahrhundert einzelne Herrscher (vgl. Staehlin, 22) sogenannte Menschenmenagerien (vgl. Goldmann, 247) als Ausweis ihrer Weltoffenheit und zur Dokumentation von Besitzansprüchen zusammenzustellen. Diese waren aus ‚Importen‘ ganz verschiedener Herkunft zusammengesetzt (vgl. Dreesbach, 22). Hier reihen sich verschiedene Konstellationen ineinander, die von Chinesen darstellenden Afrikanern in orginalen, chinesischen Teehäusern im Park der Residenz, Schaulust und Staunen bedienenden Szenerien, hin zu begabten ‚Funktionsträgern‘ als Jagdhelfer, Kunsthandwerker und Artisten reichten (vgl. Dreesbach, 23).
Einen guten Einblick in das Bild der Fremden gibt die ebenso ambivalente und gleichsam besondere Rolle der sogenannten Mohren, die meist als Hausdiener oder Schlagwerker in Mi-
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litärorchestern und in einem Fall auch als Philosophieprofessoren (vgl. Dreesbach, 25) dienten. Ihre Rolle war zum einen geprägt durch eine diffuse Achtung, aber ebenso spielte die Unterwerfung der ‚Wilden’ - unabhängig von ihrem gesellschaftlich erworbenen Stand immer eine Rolle. Als Beispiel sei hier Angelo Soliman angeführt, jener ‚hochfürstliche Mohr‘, der Mitglied des Hofstaates und Freimaurer war, den man aber nach seinem Tode 1796 ausgestopft und im Naturalienkabinett (vgl. u.a. WP) ausgestellt hatte. Dies mag als Symptom dafür gelten, wie unscharf das Denken jener Zeit in diesem Zusammenhang blieb: Man war sich augenscheinlich nicht sicher, ob es sich bei diesem Mohren um einen Menschen handle, der tatsächlich im Besitz einer Seele sei und das obwohl er jahrzehnte staatstragend funktioniert hatte.
Das man mit dieser Faszination Geld verdienen kann, muss schon früh findigen Geschäftsleuten klar gewesen sein. Dreesbach führt bereits für 1501, 1567 und 1577 sogenannte Eskimoschauen, für 1606, 1650 und 1687 ausgestellte Afrikaner auf (vgl. Dreesbach, 25). Zunächst handelt es sich hier noch um kleine Gruppen und noch sind nicht alle Rahmenbedingungen voll erblüht, die es dem ‚Menschenzoo‘ erlauben, sich aus den höfischen und bürgerlichen Kontexten in die Jahrmärkte und Volksfeste auszudifferenzieren. In dieser Phase setzt schon die Inszenierung dessen ein, was für typische Verhaltensweisen der fremden Menschen gehalten wird (vgl. Stahelin, 145) oder gehalten werden soll; denn nicht immer ist klar zu trennen, ob die Ausstellungsmacher selbst von der Authentizität des Gezeigten überzeugt waren oder nicht.
Jedenfalls entstand aus der Mischung einer über alle Zeiten bestehenden Lust am Neuen, der mit den Kolonialreichen wachsenden Zahl an potentiellen Ausstellungsobjekten mit ihren kulturellen Eigenheiten, der Gier nach neuen Überraschungen, weiteren Faktoren, die noch benannt werden und dem Geschäftssinn verschiedener Personen und Gruppen der Boden für die Völkerschau in ihren noch zu benennenden Ausdrucksformen. Der Schwerpunkt, den diese Arbeit betrachten will liegt in Deutschland, zwischen 1871 und 1940 (vgl. WP und Staehlin, 21) wurden hier etwa dreihundert verschiedene Völker vorgeführt. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschwanden auch die Völkerschauen. Wohl, weil man nicht glaubte, eine so evidente Überlegenheit einer Rasse noch zusätzlich zur Schau stellen zu müssen. (vgl. DW)
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2.2 INSZENIERUNG DER VÖLKERSCHAUEN
Schon seit den ersten fremden Menschen in Europa war deren Ankunft bereits immer schon Ereignis für sich. Dies wurde mit Umzügen zelebriert, (vgl. Staehlin, 62) die nicht selten Elemente der späteren Ausstellungen vorwegnahmen, als ein mehr oder weniger durchkomponiertes Programm von Tänzen aller Art, der Vorführung handwerklicher Techniken, von Gesang, Spielen und schamanischen Riten, Festen und zuletzt Kampfszenen. Das bisweilen propagierte ‚Kennenlernen einer Kultur‘ war aber kaum möglich, da konstruierte Sitten und Gebräuche dem Schauinteresse des Publikums folgten und bestenfalls ein Abbild des europäischen Klischees von fremden Menschen, wie es zum Beispiel Karl May für die nordamerikanischen Indianer (vgl. Staehlin, 165) prägte, waren. Dennoch und gerade im Modus der ‚wirklichkeitsgetreuen‘ Abbildung wurden die Schauen umfangreich ausgestattet. Tiere und Bühnendekorationen (vgl. Goldmann, 255), originale und originalgetreue Gegenstände gehörten ebenfalls dazu. (vgl. Dreesbach, 35) In der Inszenierung wurden familiäre Ereignisse, wie Tod, Geburt und Hochzeiten unter den Ausgestellten, ganz bewusst zunächst als Geschehen selbst und in den Begleitritualen dargestellt vermarktet. Grundsätzlich lassen sich drei Unterformate, gleichzeitig Vorstufen der Völkerschauen unterscheiden (vgl. Staehlin, 140f), deren Entwicklung in einer gewissen Abhängigkeit zueinander steht und die jene Entwicklung ‚bürgerlich‘ nachvollzieht, die zuvor ‚aristokratisch’ schon einmal stattgefunden hat.
2.2.1 SCHAUBUDE
Zunächst findet die Ausstellung der fremden Menschen ihren Ort in der in Jahrmärkten oder in ähnlicher Umgebung beheimateten Schaubude, die sonst zum Beispiel sechsbeinige Kühe und bärtige Jungfrauen (vgl. Staehlin, 24), aber darüber hinaus auch Zauberkunststücke und Akrobatik oder etwa Boxkämpfe gegen Bezahlung zeigte. Die ‚Freakshow‘ folgte dabei dem Motiv der Unterhaltung durch oberflächliches Entsetzen, lange Zeit und auch in ‚wissenschaftlichen‘ Aussprüchen finden sich die fremden Menschen als ‚Abnormitäten‘ (vgl. Staehlin, 67), ‚merkwürdige Varietäten der Natur‘ und dergleichen wieder und reihen sich so nahezu fugenlos in die Abnormitätenkabinette der Schaubuden ein: Klaus Kürschner schreibt in einer Darstellung der Geschichte des Zirkus Krone vom Beginn der ‚Afrikanischen Negerschau‘, Männer aus Afrika veranstalten in einem Zelt ein Höllenspektakel, als ob „sämtliche Stämme Nigerias oder des Kongo in einem künstlerischen Wettstreit stünden“ (Kürschner, 25), man findet es herrlich, hier aus sicherer Distanz ungebändigte Rohheit erleben zu kön-
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Arbeit zitieren:
cand.theol. Benjamin Wasner, 2008, Die Ausgestellten, München, GRIN Verlag GmbH
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