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„Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.“ (Diekmann 1995, S. 77, zit. n. Lukas 2,1-3)
Nicht nur die Bibel gibt uns Zeugnis darüber, dass schon in der Antike Volkszählungen stattfanden, sondern auch andere Quellen berichten uns über systematische Datenerhebungen. Diese in den alten Hochkulturen durchgeführten Nachforschungen wurden allerdings für bürokratische Zwecke, vor allem für Steuereinnahmen und im militärischen Bereich verwendet. Dies wurde am Ende des 19. Jahrhunderts von August Meitzen als „Periode unbewußter Empirie“ (Meitzen 1886, S. 2, zit. n. Kern 1982, S. 11) bezeichnet, so dass sich der Beginn der eigentlichen empirischen Betrachtung sozialer Phänomene erst im 17. und 18. Jahrhundert ausmachen lässt (Schnell/ Hill/ Esser 1999, S. 15 und Kern 1982, S. 11).
Meine Aufgabe ist es, im Folgenden die wichtigsten Stationen in der Entwicklung der empirischen Sozialforschung aufzuzeigen. Dabei habe ich mich für die ereignisorientierte Vorgehensweise entschieden. 1 Außerdem ist die Arbeit so ausgerichtet, dass auf ein paar wichtige Probleme und Kontroversen, die immer wieder aufgetreten sind, hingewiesen wird. So wird im ersten Teil genauso die Diskussion zwischen qualitativer und quantitativer Sozialforschung und die Vermittlungsschwierigkeiten zwischen Soziologie und ‚Empirie’ angedeutet, wie die Abhängigkeit der Forschung von politischen Problemen. Im zweiten Teil soll vor allem die allmähliche Institutionalisierung im Vordergrund stehen. Im Anschluss daran werde ich vertiefend auf Le Plays Monographie eingehen, um ein Beispiel zu geben, welche intensive Beschäftigung mit dieser Thematik außerdem möglich wäre. Dabei werde ich Vor- und Nachteile aufzeigen, die für die Weiterentwicklung von Bedeutung waren.
1 Ich schließe mich der Meinung Kerns an, dass diese Art der Darstellung gegenüber der problemorientierten folgende Vorteile bietet: Es ist nicht notwendig, die sozialwissenschaftlichen
Methodenfragen analytisch zu teilen und dennoch spricht man sie an. Außerdem werden diese
Probleme sinnvollerweise situationsspezifisch betrachtet, denn „eine bestimmte historisch-
gesellschaftliche Lage legte ein bestimmtes empirisches Herangehen an konkrete soziale Probleme
nahe (...).“ (Kern 1982, S. 12) Näheres dazu findet sich bei Kern 1982, S. 16.
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Mit Aufstreben des Merkantilismus’ absolutistischer Herrschaft waren für die Staatsführung kameralistische 2 Informationen in verstärktem Maße notwendig geworden. „So entwickelten sich in Deutschland die Universitätsstatistik und in England die politische Arithmetik, zwei gegensätzliche Schulen, deren Traditionen heute als die beiden Wurzeln der empirischen Sozialforschung und Statistik gelten können.“ (Diekmann 1995, S. 78)
Die ‚politische Arithmetik’ wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in England vor allem durch John Graunt (1620-1674) und Sir William Petty (1623-1687 3 ) entwickelt und verbreitet. Graunt führte auf der Basis von Londoner Geburts- und Sterbelisten Sekundäranalysen für seine sozialdemographisch orientierten Studien 4 durch. Sein Augenmerk war dabei vornehmlich auf Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung gerichtet (Diekmann 1995, S. 78f. und Bonß 1982, S. 59f.). Petty, von dem auch der Name ‚politische Arithmetik’ stammte 5 , sollte im Auftrag der englischen Regierung das zu besiedelnde Irland auf die wirtschaftliche und soziale Lage hin untersuchen. Dabei entstand mit ‚The Political Anatomy of Irland’ 6 nach Zeisel „die erste soziographische Untersuchung“. (Zeisel 1984, S. 113) Auch bei ihm ging es darum, anhand von Zahlen menschliche Gesetzmäßigkeiten zu analysieren und darzustellen (Maus 1967, S. 25). Die ‚politische Arithmetik’ gehörte somit zu den quantitativerklärenden Vorläufern der empirischen Sozialforschung. Anders hingegen bei der Universitätsstatistik, die etwa zur gleichen Zeit, aber insbesondere um 1750 in Deutschland einen Namen machte. Sie war rein qualitativ-beschreibend ausgerichtet und beschäftigte sich mit
‚Staatsmerkwürdigkeiten’ 7 , die vor allem aus literarischen Werken gewonnen wurden. Begründet wurde sie von Hermann Conring (1609-1681) und
2 ‚Kameralismus’, der zu der Zeit eine Art Modewissenschaft war, beschäftigte sich insbesondere mit der Frage, wie die Staatsfinanzen am profitreichsten zu gestalten seien (Maus 1967, S. 25 und
DUDEN 1997, Stichwort: Kameralismus).
3 Das Todesjahr konnte ich nicht genau bestimmen, da bei Bonß 1982, S. 63 von 1690 die Rede ist, während andere Autoren von 1687 sprechen. Vgl. beispielsweise Maus 1967, S. 25. Dieser
Missstand ist mir im Übrigen in mehreren Fällen aufgefallen.
4 ‚Natural and Political Observations upon the Bills of Mortality’, 1662 (Bonß 1982, S. 61).
5 Petty schrieb 1676 das Buch mit dem Titel ‚Politische Arithmetik’, das 1690 publiziert wurde (Kern 1982, S. 28).
6 1672 fertiggestellt, 1691 veröffentlicht (Bonß 1982, S. 63).
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weiterentwickelt von Gottfried Achenwall (1719-1772) 8 (Kern 1982, S. 20ff. und Maus 1967, S. 23f.). Insgesamt war sie „ein Fach, in dem demographische, geographische und ökonomische Deskription, Verwaltungs- und Staatsrecht sowie politische Herrschaftslehre auf eigenwillige Weise miteinander verknüpft waren.“ (Kern 1982, S. 19)
Dies war ein Beispiel für eine Methodendiskussion, die heute noch zwischen der qualitativen und quantitativen Sozialforschung zu beobachten ist. 9
Aus der Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung im Bereich der Astronomie und der Mathematik heraus entstand durch den Belgier Lambert Adolphe Quetelet (1796-1847) die Moralstatistik 10 . Quetelet versuchte Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen anhand von quantitativen Daten aufzudecken. Dabei wurden große Statistiken aus der Demographie, Anthropometrie und Kriminologie herangezogen (Maus 1967, S. 24f. und Oberschall 1997, S. 82). Durch sein Hauptwerk ‚Physique sociale’ von 1835 wurde ein erster Schritt hin zur „heutigen psychologischen Einstellungs- und Persönlichkeitsforschung“ (Diekmann 1995, S. 82) getan. Des Weiteren ist er für die empirische Sozialforschung deshalb von Bedeutung gewesen, weil er sich für die Ergebnisse der Sozialstatistik der ‚Normalverteilung’ der Gaußschen Glockenkurve bediente und weil er den ‚mittleren Menschen’ konstruierte, den er aus kausalen Konstanten, systematischen und zufälligen Abweichungen ableitete - „einer vagen Form der statistischen Varianzanalyse“. (Diekmann 1995, S. 83) Dieser „Empirie der großen Zahl“ (Kern 1982, S. 50), die nur auf Sekundäranalysen basierten, standen unter anderem Comte und Le Play kritisch gegenüber. Da Le Plays Monographie an einer späteren Stelle extra behandelt wird, gehe ich nun nur auf Comte ein. Auguste Comte (1798-1857), der den Namen ‚Soziologie’ in Abgrenzung zu Quetelets ‚Soziale Physik’ ins Leben gerufen hatte, wollte auf
7 Damit waren die sozialen und politischen Tatbestände gemeint, die den Staat in der Entwicklung sowohl positiv als auch negativ beeinflussten (Kern 1982, S. 20).
8 Der Begriff ‚Statistik’ wird von ihm geprägt und meinte zu der Zeit ‚Staatenkunde’ (Kern 1982, S. 20). So definierte Achenwall: „Die Staatswissenschaft eines Reiches enthält eine gründliche
Kenntniß der würklichen Merkwürdigkeiten einer bürgerlichen Gesellschaft.“ (Achenwall 1749, S.
4, zit. n. Kern 1982, S. 20)
9 Vgl. dazu auch Kern 1982, S. 16.
10 Der Terminus ‚Moral’ hatte nichts mit Moralischem zu tun, sondern wurde als Synonym für ‚sozial’ verwendet (Kern 1982, S. 37).
Arbeit zitieren:
Roswitha Fürst, 2000, Die Geschichte der empirischen Sozialforschung mit kurzer Kritik an Le Plays Monographie, München, GRIN Verlag GmbH
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