Universität Rostock
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Wintersemester 2007/08
BS: Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen in Tibet:
Entwicklungsformen des Buddhismus in der Peripherie
Buddhismus in Tibet
- Was ist übrig geblieben
von den Lehren des historischen Buddhas?
Elisa Kreutzmann
Lehramt Gymnasium
Sozialwissenschaften (7)
Sport (7)
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... 2
I. Einleitung ... 3
II. Die Entstehung des Buddhismus ... 4
II. I. Quellen...4
II. II. Indien im Zeitalter des historischen Buddhas...5
II. III. Siddhartha Gautama ...7
III. Die buddhistische Religion und ihre verschiedenen Schulen ... 11
IV. Buddhismus in Tibet ... 16
IV.I. Die Entwicklung der buddhistischen Religion in Tibet ...16
IV.II. Die Institution des Dalai Lama...19
IV.III. Die religiöse Praxis...21
V. Was ist übrig geblieben von den Lehren des historischen
Buddhas?... 23
VI. Quellen... 24
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I. Einleitung
Die neuesten Entwicklungen in Tibet, in denen Aufstände der buddhistischen
Mönche gewaltsam durch die chinesische Volksarmee niedergeschlagen werden,
zeigen immer wieder die enormen Einflüsse, die der Buddhismus auf das tibetische
Volk hat. Nicht zuletzt aufgrund der charismatischen Persönlichkeit des 14. Dalai
Lamas konnte die religiöse Führung in Dharamsala, Indien, ihr Ansehen in Tibet
erhalten, wenn nicht noch ausbauen.
Der tibetische Buddhismus wird in den westlichen Medien oft als eine sehr friedvolle
Religion dargestellt. Dieses Bild wird mit einer genaueren Betrachtung der
Geschichte des tibetischen Buddhismus zu korrigieren sein.
Um die Inhalte des tibetischen Buddhismus darzustellen, ist ein Rückblick auf die
Ursprünge der Religion unumgänglich. Diese finden sich im Indien des 6./7.
Jahrhunderts v. Chr. und natürlich mit dem Buddha Siddhartha Gautama, dem
Religionsstifter selbst.
Im Anschluss werden die Charakteristik der buddhistischen Religion und ihre
verschiedenen Schulen erklärt, um später Rückschlüsse auf Gemeinsamkeiten und
Unterschiede zum Urbuddhismus herausstellen zu können.
Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt auf dem tibetischen Buddhismus, auch
Lamaismus, Vajrayana, Diamant-Fahrzeug, Tantrismus oder tantrischer Buddhismus
genannt. Über die Unterscheidung dieser Bezeichnungen kann spätestens nach der
Betrachtung des vierten Kapitels über den Buddhismus in Tibet Klarheit geschaffen
werden. Dieser Teil ist in die Unterkapitel ,,Die Entwicklung der buddhistischen
Religion in Tibet", ,,Die Institution des Dalai Lama" und ,,Die religiöse Praxis"
untergliedert.
Schließlich folgt eine kurze Analyse der Frage ,,Was ist übrig geblieben von den
Lehren des historischen Buddhas?", die unweigerlich auf die Rolle des Lama-Kultes,
des Tantras und des tibetischen Pantheons hinweisen muss.
Die vorliegende Arbeit gehört in den Bereich der Internationalen Politik, da der
Buddhismus in Tibet das politische und gesellschaftliche Geschehen in diesem Land
seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. ständig in unterschiedlichem Maße beeinflusste und
immer noch beeinflusst.
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Die Literaturauswahl zu diesem Thema ist ausgesprochen groß und das gilt auch für
den deutschsprachigen Bereich. Dieser Umstand liegt vor allem an dem großen
Interesse der nichtasiatischen Länder an dieser Religion und dem mystischen Land
Tibet. Originale buddhistische Texte sind zwar vor allem ins Englische übersetzt
worden, dennoch gibt es auch hierfür deutsche Ausgaben. Indische Begriffe werden
dabei zum Teil in Pali, zum Teil in Sanskrit geschrieben. In dieser Arbeit wurde, wenn
vorhanden, die Sanskrit-Version benutzt.
II. Die Entstehung des Buddhismus
Die Entstehung des Buddhismus beginnt mit der Geburt des historischen Buddhas
Shakyamuni, dem Fürstensohn Siddhartha Gautama (Pali: Siddhattha Gotama).
Genaue Lebensdaten konnten bisher noch nicht festgelegt werden. Quellen gibt es
zwar zahlreiche, jedoch bestehen diese zumeist teilweise aus Legenden, deren
Wahrheitsgehalt nicht oder sehr schwer festzustellen ist. Man kann davon ausgehen,
dass die ältesten erhaltenen Werke die Ursprungslehre und biographische Elemente
des ,,Erleuchteten" am nahesten widergeben. Ebenfalls wird es durch einen Vergleich
verschiedenster Werke möglich, anhand von Übereinstimmungen sich der Wahrheit
zu nähern.
II. I. Quellen
Die buddhistische Ursprungsliteratur setzt sich vor allem aus dem sogenannten
,,Dreikorb", dem tripaka, zusammen. Dies ist eine Sammlung von Schriften, die in drei
Teile untergliedert ist: Der Korb der logias, den Lehrreden des historischen Buddhas,
der Korb des vinaya, Schriften über die Ordensdisziplin, und der Korb des
abidharma, Auslegungen der Lehre Buddhas (vgl. Eliade 1995, S. 264). Die
Lehrreden des Shakyamuni, die Sutras, stellen die Leitsätze der buddhistischen
Religion dar. In Form von kurzen Lehr- und Merksätzen beginnt jedes Sutra mit der
Formel ,,Also habe ich gehört" und wurde der Tradition zufolge von einem Mönch
namens Ananda, dem Lieblingsschüler des historischen Buddhas, verfasst (vgl.
Faure 1998, S. 104).
Als erste zusammenfassende Verschriftlichung gilt der Pali-Kanon, unter Kaiser
Asoka auf dem dritten buddhistischen Konzil zu Pataliputra zusammengetragen. Es
heißt ,,der hochangesehene Mönch Moggaliputta Tissa (hatte) diese Versammlung
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von tausend Mönchen einberufen, um auf ihr die Texte der >wahren Religion<
zusammengestellt" (Mehlig 1987, S. 11). Das rund 240 Jahre nach dem Tode des
Religionsstifters verfasste Werk, welches vor allem die Grundlage der Theravada-
Strömung darstellt, soll später von einem jüngeren Bruder oder Sohn Asokas nach
Sri Lanka gebracht worden sein (vgl. Mehlig 1987, S. 11).
Bis zur ersten Verschriftlichung des religiösen Kanons in Pali-Sprache, wurden die
Lehren und ihre Ergänzungen wahrscheinlich ausschließlich traditionsgemäß in
mündlicher Form weitergegeben.
Der später entstandene Sanskrit-Kanon setzt sich aus den abgeänderten bzw.
erweiterten Lehren des Mahayana-Buddhismus zusammen. Er enthält zusätzliche
Schriften, ,,zu ihnen zählt insbesondere das Lotus-Sutra, das in China und Japan
jahrhundertelang enormes Ansehen genoss" (Faure 1998, S. 105). Ebenfalls
hervorzuheben sind das Herz-Sutra (Hridaya) und das Diamant-Sutra, die zum
Prajnaparamita-Sutra gehören. Es sind Abhandlungen zur Verwirklichung des
Wissens (vgl. Faure 1998, S. 105).
Infolge einer sehr komplexen Aufspaltung des Mahayana-Buddhismus in
verschiedenste Sekten entstanden auch viele nicht-kanonische Werke. Innerhalb der
Prajnaparamita-Schule bildete sich gegen das zweite Jahrhundert n. Chr. die
systematische Philosophie der Madhyamikas heraus. Die in ihr enthaltene ,,Lehre
von der Leere" (Sunyavada) dient noch heute dem tibetischen Buddhismus als eine
der wichtigsten Grundlagen religiösen und weltlichen Denkens.
Ebenfalls ist das Abhidharmakosa, wahrscheinlich im 4. Jahrhundert n. Chr. von
einem der bedeutendsten Denker der Yogacara-Schule, Vasubandhu, verfasst, ein
sehr wichtiges Textbuch der tibetischen, chinesischen und japanischen
Mahayanisten (vgl. Mehlig 1987, S. 13).
II. II. Indien im Zeitalter des historischen Buddhas
Um darstellen zu können, wie und warum sich der Buddhismus so erfolgreich
verbreiten und durchsetzen konnte, ist die Betrachtung der gesellschaftlichen und
politischen Situation des ursprünglichen Indien vor dem 6. Jahrhundert v. Chr.
unerlässlich.
Das Land Indien im heutigen Sinn gab es noch nicht. Es bestand eine Vielzahl von
Fürstentümern unterschiedlicher Ausdehnung. Hervor traten die zwei Großreiche
Kosala und Magadha. Dem gegenüber bildeten sich einige kleinere Reiche zu
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Konföderationen, um nicht an Macht zu verlieren (vgl. Mylius 1983, S. 17). Das
Geburtsland des historischen Buddhas ist die Adelsrepublik Kapilavastu. Gelegen im
heutigen Grenzgebiet zwischen Indien und Nepal, wurde sie von Fürst Shuddhodana
regiert, unterstand jedoch dem König des großen Nachbarreiches Kosala (vgl.
Schweer 2000, S. 11).
Das bestimmendste Element der gesellschaftlichen Ordnung war im ursprünglichen
Indien ein strenges Kastensystem, das sogar bis in die heutige Zeit teilweise Bestand
hat. Dieses entwickelte sich aus der eingeführten Ständeordnung der Nachfahren der
Aryas. Sie eroberten ab Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Großteile von Nord- und
Zentralindien vom Westen her über die Gangesebene (vgl. Schweer 2000, S. 10.).
Den dort lebenden Ureinwohnern, die in Stämmen organisiert waren, wurden mit der
Kastenordnung viele ihrer Rechte genommen (vgl. Uhlig 1995, S. 13). Denn sie
bildeten fast ausschließlich die vierte und letzte Kaste der Shudras, also der
Tagelöhner und Sklaven. Die dritte Kaste waren die Vaishyas, sie setzte sich
zusammen aus den Händlern und Bauern. Über den Adligen und Kriegern, der Kaste
der Kshatriyas, standen allein die Brahmanen. Diese Priester der in jener Zeit
vorherrschenden Religion des Hinduismus besaßen eine unvorstellbar geistige und
kultische Macht (vgl. Uhlig 1999, S. 33). Der Grund für diesen Einfluss ist unter
anderem in den Veden, einem heiligen und mystischen Wissen, zu finden. Durch
sogenannte Rishis, übersetzt als Verkünder und Offenbarer, wurde dieses Wissen
ursprünglich auf brahmanische Priester übertragen. Es handelt sich hierbei um
allumfassende Einblicke in kosmische und weltliche Zusammenhänge. Der Zugang
wurde geschaffen durch die Vorstellung von Brahman, ,,dem ewigen,
unvergänglichen und unzerstörbaren Absoluten - der gegensatzlosen All-Einheit -,
die weder Unterschiede noch Dualismus kennt" (Uhlig 1999, S. 36) und daher mit
,,westlichen" Ansichten kaum zu erfassen ist.
Die Veden wurden in einer Art Geheimsprache an die Gläubigen herangetragen, was
einerseits eine Exklusivität der Priester, andererseits ein Gefühl der Teilhabe an dem
mystischen Wissen im gemeinen Volk sicherte. In den beschwörenden Formeln der
Veden wird das Opfer als verbindendes Element zwischen Menschen und Göttern,
zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, angesehen. Der Brahmane, die ,,Urgestalt
religiösen Seins" (Uhlig 1999, S. 37), gilt als der Vermittler. Sie waren es auch, die
diese Vorstellung im Volk bewahrten und verstärkten. Neben einem enormen
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Besitzzuwachs kam es zu einer wahren Vergöttlichung der Brahmanenkaste (vgl.
Uhlig 1999, S. 40).
So folgte eine rechte Ausartung, der schier unbegrenzte Machtzuwachs stieg großen
Teilen der ,,Geistlichen" zu Kopf. Gierige und machtbesessene Brahmanen täuschten
und belogen die Gläubigen, das Seelenheil rückte bei vielen Priestern in den
Hintergrund und das Ansehen der Brahmanenkaste sank zusehends. Doch es gab
auch eine Bewegung unter den Brahmanen und den Denkern des Landes, die um
eine Vertiefung ihres religiösen Wissens um ganzheitliche Zusammenhänge bemüht
war (vgl. Uhlig 1999, S. 41). Es ging ihnen um die Fragen, ,,was mit dem Menschen
nach dem Tod geschieht, warum er an den Geburtenkreislauf (Samsara) gefesselt
ist, wie diesem entrinnen und Befreiung (Moksha) erlangen kann, welche Rolle seine
guten und schlechten Taten (Karma) dabei spielen und in welcher Beziehung die
menschliche Einzelseele (Atman) zur letzten Wirklichkeit (Brahman) steht" (Schweer
2000, S. 13). Aus dieser Bewegung traten die Lehrer hervor, die ohne rein materielle
Interessen suchenden Schülern ihren Weg vermittelten. In jener Umbruchszeit wird
Buddha Shakyamuni als der bekannteste unter ihnen nach seiner Erleuchtung die
(religiöse) Welt verändern.
II. III. Siddhartha Gautama
Die weltweit gebräuchliche Namenszuschreibung ,,Buddha" sollte nicht ohne
Reflexion genutzt werden. ,,Buddha" ist unter genauer Betrachtung eher eine
Bezeichnung und kein Name. Auch bei Harvey heißt es ,,(Buddha) should not be
used as a name...the Buddhist tradition postulated other Buddhas who have lived on
earth in distant past ages, or who will do so in the future" (Harvey 1990, S. 1). Denn
übersetzt heißt Buddha ,,der Erwachte"/ ,,der Erleuchtete". ,,Er selbst nannte sich
meist >Tathagata< (der Vollendete), weitere Anreden waren >Bhagavat< (Herr) und
>Shakyamuni< (der Weise aus dem Shakya-Geschlecht)" (Schweer, S. 10). Das
Geschlecht der Shakya erwuchs aus einem der Stämme, die das Land seit jeher
besiedelt hatten.
Die biographischen Quellen über den Buddha Shakyamuni sind mit vielen Legenden
verwoben. So wird die Geburt des Prinzen bei Scheck wie folgt dargestellt: Der
Geburtslegende nach dem Lalitavistara zufolge wird der historische Buddha auf
wundervolle Weise geboren. Am Anfang der Legende steht eine ,,unbefleckte"
Empfängnis. Aus dem Tushita-Himmel erblickt ein Engel das Leid der Erdwesen und
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