I
Die Wahl eines Wortes, der Aufbau eines Satzes, die Anordnung der Sätze zu einem Text und die Stellung eines Textes selber in einen größeren Zusammenhang mehrerer Texte ist kein Zufall. Das spätestens seit den europäischen Romantiken tradierte Bild des Gefühle in Verse gießenden Dichters, der dabei in reduzierter Weise gleichsam nur als inspiriertes Medium zwischen Gefühltem und Text erscheint, prägt heute - zumal in der Schuleleider immer noch die Herangehensweise an einen lyrischen Text. Zweifelsohne vermitteln Gedichte Gefühle und deren wie auch immer geartete Vergegenwärtigung auf Seiten des Rezipienten ist ein Anliegen von Dichtung. Doch es wird bei diesem verzerrten Bild häufig unterschlagen, dass Dichten als Erschaffen eines Kunstwerks immer auch genaues Bauen, Verwandeln und Schleifen ebendieser Gedanken und Gefühle umfasst, wobei die Besonderheit der Lyrik wohl in ihrem Ver-Dichten besteht, also in der Eigenart, Gedanken und Strukturen komprimiert auftreten zu lassen und es dem Leser somit zu ermöglichen, durch die entsprechende Umkehroperation, also durch eine Dekomprimierung, eine zwar gelenkte, aber nie vollständig festgelegte Lektüre zu erfahren, welche zudem noch in der Tiefe der Rezeption variieren kann - hier freilich findet sich die subjektive Grenze hin zur „Überinterpretation“. Aber auch diese abschätzige Bewertung einer interpretatorischen Aussage über einen Text ist nicht rein subjektiv-individuell, sie ist vielmehr gebunden an Lektüregewohnheiten eines Einzelnen und einer Gesellschaft. Diese Gewohnheiten wiederum lassen bei aller Vorsicht auf den gesellschaftlichen Umgang mit Medien überhaupt schließen.
Hans-Christian Günthers Untersuchung 1 zur letzten Elegie von Properz’ drittem Buch (III 24/25) liefert in Hinblick auf die Untersuchung der Verweisstruktur dieses Textes scheinbar eine Überinterpretation. Er warnt - am Ende seiner Ausführungen - selbst vor einer solch überspitzten Analyse des Textes, „ganz besonders dann, wenn man sicher der Unterscheidung zwischen intendierten und freien, sich spontan ergebenden Bezügen nicht bewußt bleibt“ (Günther 1997: 62). Weiter rechtfertigt er jedoch seine sehr vielschichtige Herausarbeitung intertextueller Verweisstrukturen der Elegie mit dem Hinweis darauf, dass „eine jede Interpretation […] notwendigerweise die Sachverhalte zuspitzen muß, und in diesem Sinne Überinterpretation sein muß“ (ebd.: 63). Dieses Zugeständnis rettet er schließlich durch den Hinweis auf den Rezipienten (ebd.):
1 Günther, Hans-Christian (1997): Properz und das Selbstzitat in der augusteischen Dichtung. München: Bayrische Akademie der Wissenschaften. [= Sitzungsberichte Jahrgang 1997, Heft 2]
2
Bleibt man sich dieser Tatsache [d.h. Überinterpretation durch notwendige Zuspitzung des Sachverhaltes, R.K.] sowie der Grenzen der Beweisbarkeit konkreter historischer Tatsachen bewußt, so wird es nicht nur nichts schaden, sondern im Gegenteil unsere Sensibilität für den Bedeutungsreichtum dichterischen Wortes nur schärfen, wenn wir auch über die möglicherweise intendierten Verweise hinaus versuchen, das Geflecht von Beziehungen nachzuzeichnen, innerhalb derer - jenseits eines einseitig historisch ausgerichteten Zugangs zum Text - für uns das Wort des Dichters steht.
Wenn also für das Etikett „Überinterpretation“ ein historischer Maßstab angesetzt wird, so mangelt es einer nicht-zugespitzten Auslegung des Textes mindestes an zwei Eigenschaften: Zum einen bewahrt das undichte Gefüge historischer Tatsachen - zumal mit Bezug auf die Antike - einen Vorbehalt gegenüber einer Auslegung im Sinne der Dichterintention, und zum anderen wird der Rezipient der Dichtung nicht in vollem Umfange berücksichtigt, da er historisch begrenzt bleibt; doch auch wir sind heute Leser des Textes. Und auch wenn der Hintergrund für unsere Herangehensweise an antike Texte durchaus ein eher historischer ist, so können (und wollen) wir nicht verhindern, dass wir Rezipienten eines Kunstwerkes sind. In diesem Sinne hebt eine Überinterpretation ein Kunstwerk aus seiner historischen Gebundenheit heraus und aktualisiert es vor einem neuen Wahrnehmungshintergrund.
An dieser Stelle tut sich ein Problem der Altertumswissenschaften auf - sowohl in der Methode als auch - was noch viel drängender scheint - in der Zielsetzung. Methodisch ist eine tiefgehende historische Interpretation schon wegen der mangelhaften Faktenlage schwer machbar, was in Bezug auf die Zielsetzung zur Folge hat, dass eine umfassende Erschließung der antiken Gedankenwelt wohl unmöglich bleibt. Doch trotz mangelnder historischer Verortung bleibt uns das Kunstwerk im Hier und Jetzt. Eine (im Sinne Gadamers) hermeneutische Interpretation mit Bezug auf den Interpretierenden als Rezipienten und unter historisch vorgenommener Klärung von heute nicht ohne weiteres irgendwie 2 Verstehbarem kann eine neue Aufgabe der Altphilologie sein. Properz’ Elegie III 24/25 bietet sich für diese Art der Interpretation geradezu an. Dem heutigen Leser unverständliche mythologische oder lebensweltliche Verweise bleiben fast vollkommen aus. Allein die Kenntnis der vorhergehenden und nachfolgenden Texte gibt den Kontext vor, was die Elegie für Günthers Zielsetzung - die Untersuchung der augusteischen ars allusiva im Sinne eines Selbstzitates - so attraktiv gemacht haben dürfte.
2 i.S.v. „wenn auch historisch nicht korrekt, so doch überhaupt irgendetwas im Zusammenhang Verstehbares hervorrufend“
3
Es soll an dieser Stelle keine Lanze gebrochen werden für alle möglichen deiktischen
Ebenen, die Günther aufweist, doch soll gezeigt werden, wie eine intensive textimmanente
Betrachtung der Verweisstrukturen als Argumentationshilfe für altertumswissenschaftlich
relevante Fragen dienen kann, die auf Grundlage der mangelnden oder unzureichenden
historischen Fakten 3 nicht zu klären sind 4 .
Diese Fragen wiederum sind in Bezug auf die Elegie III 24/25 vor allem die folgenden
drei: Inwiefern bilden die beiden Texte III 24 und III 25 die Einheit, welche in den
vorangegangenen Zeilen ja bereits vorausgesetzt worden ist? Inwiefern sind (ausgewählte)
textkritische Heilungsverfahren als gelungen anzusehen? Und schließlich die wesentliche,
im Titel der Arbeit anklingende Frage: Inwiefern macht die Schlusselegie des dritten
Buches poetologische Aussagen und inwiefern ist es somit mehr oder aber zumindest
etwas anderes als nur ein Abschied von oder ein Ende der Properz’schen Liebesdichtung?
Hier nämlich bleiben die bisherigen Interpretationen zu unpräzise.
Im folgenden Teil II wird die Elegie analysiert und die Positionen zu den beiden ersten
Fragen (Einheit der Texte, Textkritik) werden zusammengetragen. Der Teil III widmet sich
der dritten Frage (poetologische Aussagen, dichterische Re-Emanzipation), welche einen
neunen Aspekt in der Diskussion dieser Elegie hervorbringen wird.
3 z.B. analoge Werke anderer Autoren, Überliefungslage, autorenspezifische Lexika und Eigenheiten im Stil
4 Als Beispiel für die scheinbar recht waghalsige Methode Günthers: „Durch gewisse ganz spezifische
Einzelzüge wird eine bestimmte prävalente Vorbildstelle evoziert; die Darstellung des Sachverhalts an der verweisenden Stelle weicht jedoch demonstrativ von der zunächst evozierten Vorbildstelle ab. Durch derart ‚unpräzise’ Zitate gewinnt der Dichter die Möglichkeit, durch die prävalente Vorbildstelle hindurch auf andere Gestaltungen desselben Inhaltsbereichs anzuspielen. U.U. scheinen auch die Vorbilder - insbesondere die griechischen - des ‚zitierten’ Passus auf. In jedem Falle konzentriert der Dichter so in einem einzigen Passus einen Inhaltsbereich in all seinen Konnotationen“ (Günther 1997: 57). Wenn Günther, wie oben gezeigt, eine so zugespitzte, ja überinterpretierte Analyse vornimmt, so verfällt er in eben das Dilemma, aus dem er sich zu retten versuchte. Die Tiefe und Vielschichtigkeit der Anspielungen sind für den heutigen Leser (und nicht nur für den laienhaften!) kaum zu erkennen. Auch soll an dieser Stelle stark bezweifelt werden, ob der antike Leser eine solche Verweiskette aufzumachen im Stande war. Damals wie heute ist dies nur wenigen Experten vorbehalten.
Man muss also trennen: Eine (Über-)Interpretation des Altertumswissenschaftlers Günther verschafft dem Rezipienten Günther Freude und Genugtuung - das ist nachvollziehbar. Doch zwei Konsequenzen dürfen aus ihr nicht geschlossen werden: Zum einen war der Mehrheit der antiken Rezipienten dieser Verweisreichtum wohl nicht bewusst, zum anderen ist es zumindest sehr fraglich, ob dieser Reichtum und die sich daraus ergebende Systematik einen intendierten und somit konstituierenden Hintergrund hat - was immerhin möglich wäre, wenn innerhalb der antiken Fachleserschaft tatsächlich all diese Anspielungen funktionierten -oder ob diese Systematik sich aus den thematischen, motivlichen und genregebundenen Eigenschaften des Textes zwangsläufig (aber eben nicht zufällig!) ergibt. Ist man gewillt, diese letzte Aussage über einen quasi „sich selbst konstituierenden Text“ zu bejahen, so erhält man zwar ein Instrument zur Zurückverfolgung und Sichtbarmachung kognitiver Grundlagen eines Textes, doch die mangelnde Bewusstheit einer solchen Tiefe beim Autor wie auch beim Leser muss dazu führen, dass von diesen allzu tiefen Strukturen keine validen Aussagen über z.B. textkritische Fragen gemacht werden können; allerdings können sie einen Beitrag zu kompositorischen Fragen liefern. Vor allem jedoch dienen sie dem Lesegenuss und lassen vielleicht erahnen, dass dieser in der Antike ähnlich gewesen sein könnte - je nach Intensität der Lektüre und je nach gesellschaftlicher Verbreitung dieser Intensität.
4
II
Bei der Behandlung der letzten Elegie des dritten Buches der Properz’schen Liebesdichtung steht im Bereich der Sekundärliteratur vor allem eine Frage im Vordergrund, nämlich die nach der Einheit der beiden Texte. Die bisherige Benennung der Elegie als III 24/25 legt nahe, dass an dieser Stelle von der Einheit der beiden Texte ausgegangen wird. Doch auch Vertreter der Trennung in zwei Elegien wie Erich Burck 5 geben zu, dass sich beide Texte „auf einer höheren Ebene, einander ergänzend“ (Burck 1959: 209) verhielten. Die Einheit beider Texte wird also nicht infrage gestellt, lediglich die Ausgestaltung dieser Einheit steht zur Disposition. Es bestehen also über die Zusammengehörigkeit beider Texte ebenso wenig Zweifel wie über den Einschnitt zwischen beiden Elegieabschnitten. Unter diesem Aspekt betrachtet, relativiert sich diese kompositorische Frage zunächst beträchtlich.
Das elegische Ich apostrophiert zunächst Cynthia despektierlich als mulier (v. 1) und bezeichnet das Selbstvertrauen auf ihre äußerliche Schönheit (fiducia formae) effektvoll zum Auftakt als falsa; überheblich, so der Pentameter, hätten sie die offensichtlich begehrenden Blicke des lyrischen Ichs (oculis meis 6 ) einst gemacht. Dieser Auftakt wirkt umso herausragender und vom Folgenden deutlicher abgesetzt, da das zweite Distichon in ernsthafteren Worten die zuvor so affektgeladenen Verse expliziert. Die Wandelung der Apostrophe von mulier zu Cynthia (v. 3) macht dies unter anderem deutlich. Vielfach habe er sie gerühmt; nun schämt er sich für die Konsequenzen seiner Verse. Die folgenden zwei Distichen geben gleichsam Beispiele seiner früheren Lobeshymnen: Er habe ihre Wandelbarkeit im Äußerlichen (v. 5) gelobt, was zur Konsequenz nach sich zog, dass er sie in Liebe für etwas hielt, was sie nicht war (v. 6). Ganz parallel stellt auch das folgende
5 Burck, Erich (1959): „Abschied von der Liebesdichtung (Properz 3, 24 und 25)“ Hermes 87 (1959).
191-211.
6 Für diese in den Handschriften überlieferte Junktur gibt es einige Änderungsversuche. Burck (1959: 192f.) nimmt mit Hinblick auf die Elegie I 1 (Cynthia prima suis miserum me cepit ocellis, v. 1) eine Änderung zu oculis tuis vor. Auf die Verweisstelle I 1 wird noch im Teil III einzugehen sein; sie bietet hier in der Tat auch ein textkritisches Korrektiv. Allein sie vermag uns keine sichere Auskunft zu geben (was sie diesbezüglich fast wieder wertlos macht). Denn sie könnte zugleich als Begründung für die Lesarten tuis wie meis gelten. Burck argumentiert für erstere, wenn er von der „berückenden Wirkung gerade der Augen Cynthias“ und von deren „betörende[r] Kraft“ (Burck 1959: 193) spricht. Günther (1997: 16) hält dies für eine „Schlimmbesserung“ und plädiert für das überlieferte meis, indem er paraphrasiert „’in meinen Augen’, ‚nur weil ich dich (vor Liebe blind) bewunderte’“. Nicht nur die Überlieferung - so Günther - spreche für meis, sondern auch der Verweis auf I 1: Im Sinne der im Teil I erörterten, gesuchten Vielschichtigkeit von Anspielungen bliebe ein bloßes tuis „blaß und banal“ (ebd.). Heyworth (Heyworth, S.J. (2007): Cynthia: A companion to the text of Propertius. New York: Oxford University Press.) plädiert für elegis meis (Heyworth
2007: 409). Auf diese Lesart werden wir ebenfalls in Teil III zurückkommen, da sie die poetologischen Aussagen des Textes unterstützen würde. Aus textkritischer und inhaltlicher Sicht jedoch steht der Überlieferung oculis meis nichts im Wege, weshalb an dieser Stelle dafür Partei ergriffen werden soll.
5
Distichon (v. 7f.) das ehemalige Kompliment voran, um dann im Pentameter die Ernüchterung folgen zu lassen: Die Bewunderung für den rosigen Teint weicht der Einsicht, dass es sich wohl um Schminke gehandelt habe (quaesitus candor). Die beiden Zeitadverbien in den Hexametern (saepe v. 5 und totiens v. 7) unterstreichen nicht nur den parallelen Bau der beiden Distichen, sondern betonen vor allem die Häufigkeit der Täuschungen, die jedoch nicht Cynthia, sondern das elegische Ich selbst zu verantworten hat. Dieses zentrale Thema der Selbsttäuschung, welche - wie wir noch sehen werden - in die Selbstbefreiung des lyrischen Ichs und sogar der lyrischen Sprache umschlagen wird, kommt bald noch deutlicher zum Tragen. Doch hier ist es schon mehr als implizit vorhanden: Das lyrische Ich, das ja auch ein dichtendes Ich ist, hatte in seinen früheren Versen Eigenschaften gelobt (Wandlungsreichtum in v. 5 und rosa Teint in v. 7), die zwar durchaus dem Schönheitsideal entsprechen mochten, deren Ursachen (cum v. 8) und Folgen (ut v. 6) jedoch vom dichtenden Ich nicht bedacht worden waren - es ergab sich dem Loben und dadurch erst dem Lieben. Man möchte ihm jetzt schon zurufen: Hättest du die Sache mit Vernunft betrachtet, so wäre es nicht so weit gekommen! Doch die Einsicht kommt erst jetzt.
Auf diesen ersten Teil, welcher die ehemaligen Preisungen und die daraus resultierende Reue thematisiert, folgt der textkritisch umstrittenste Abschnitt. In ihm werden die Liebesqualen geschildert; durch ein erlösendes ecce (v. 15) wird die Errettung aufgewiesen. Dieser Teil erstreckt sich bis zum Vers 20, also bis zum Ende der ersten Elegie 7 . Darauf folgen mit der zweiten Elegie eine „Abschiedsszene“ und schließlich die Verwünschung Cynthias. Dieser Vorgriff ist nötig, um die Tragweite der textkritischen Entscheidung im zweiten Abschnitt (Liebesqualen und Erlösung) herauszustellen. Die seit langem akzeptierte Lesart stellt den Text wie folgt dar - die konjizierten Stellen sind fett markiert und das ecce am Ende leitet die maritimen Metaphern der Erlösung ein:
7 Günther (1997: 10) lässt den Abschnitt bereits zwei Verse eher enden, was doch recht gesucht wirkt, da damit wohl nur eine kompositorische Parallelität zu I 1 aufgewiesen werden soll. Doch auch seine Einteilung ist nicht ohne Vorteile; die Anrufung der Mens Bona (v. 19) hätte am Ende des ersten wie zu Beginn des zweiten Teils eine gleichermaßen prominente Bedeutung.
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Robert Krahl, 2008, Properz 3, 24/25, Munich, GRIN Publishing GmbH
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