INHALT
Vorwort 3
1 Der Terminus uzbek 4
2 Vorarabische Entwicklungen 5
3 Arabische Eroberungen 5
4 Die Ära der Dschingiskhaniden: 1200 - 1350 7
4.1 Die Herrschaft Dschingis Khans 7
4.2 Das Erbe Dschingis Khans 9
5 Die Ära der Timuriden: 1350 - 1500 10
5.1 Die Herrschaft Amir Timurs 10
5.2 Das Erbe der Timuriden 14
6 Die Ära der Shaibaniden und der Usbeken: 1500 - 1860er 16
6.1 Das usbekische Militär dschingiskhanidischer Herrscher 16
6.2 Die Herrschaft der Shaibaniden und der Usbeken 17
6.3 Die usbekischen Erben 21
7 Die zaristische und koloniale Ära: 1860er - 1900 22
7.1 Beginn der Eroberungen in Transoxanien 22
7.2 Das Generalgouvernement Turkestan 24
7.3 Russische Kolonialpolitik in Turkestan 24
8 Revolutionäre Ära und Autonomiebestrebungen: 1900 - 1918 25
8.1 Der Jadismus und das Turkestanmodell 25
8.2 Die Kokander Autonomie 27
9 Sowjetisches Mittelasien und die UzSSR: 1918 - 1991 28
9.1 Die Turkestan Kommission und das Musbyuro 28
9.2 Nationale Delimitationsphase 29
9.3 Die Jungen Bukharer und die UzSSR 30
9.4 Sowjetische Nationalitäten- und Religionspolitik 31
a) Lenin-Ära: 1981 - 1930er 32
b) Stalin-Ära: 1930er - 1953 34
c) Kruschtschow-/ Breschnew-Ära: 1953 - 1985 36
d) Gorbatschow-Ära: 1985 - 1991 38
10 Schlussfolgerungen 41
Quellen 45
Vorwort
Nach dem Zusammenbruchs der UdSSR ging die Republik Usbekistan aus der sowjetischen Unionsrepublik Usbekistan als eigenstaatlich souveränes Gebilde hervor. Die Unabhängigkeit Usbekistans wurde am 31. August 1991 durch Islam Abduganijewitsch Karimov deklariert, der seither das Staatsoberhaupt ist. Unter seiner Regie begann mit der usbekischen Eigenstaatlichkeit ein breit angelegter Staatsbildungs- und Transformationsprozess. Zu dessen zentralen Zielsetzungen zählt neben anderen die »Festigung nationaler Identität«. 2 Diesem Punkt der nationalen Identitätsbildung wird von staatlicher Seite her eine tragende Bedeutung für den Staatsbildungsprozess zugesprochen. Historische Bezüge, die dabei im Vordergrund stehen sind u.a.: 1. das jahrtausendealte kulturelle Erbe der Usbeken und dessen Beitrag zur Entwicklung der Weltkulturen; 2. historische Persönlichkeiten wie Amir Timur, Alisher Navoi, Zahiriddin Babur, Ulugh-Beg; 3. der seit Jahrhunderten dauernde Unabhängigkeitskampf der usbekischen Nation. Vor dem Hintergrund dieser hier nur kurz angerissenen Transformationsagenda stellt sich die Frage »Welche historischen Bezüge der kollektiven Identitätskonstruktion werden der usbekischen Ethnie und Nation zugrunde gelegt?« Die Bezeichnung Usbekistan wurde erstmals im Jahre 1924 infolge der sowjetisch-nationalen Delimitation des mittelasiatischen Gebiets für die neu geschaffene territorial-nationale Gebiet der Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik (UzSSR) verwendet. Vor dieser Zeit bezeichnete »usbek« keine ethnisch-nationale Einteilung, sondern eine Bevölkerungsgruppe, die in bestimmter Weise tribal organisiert war. Mit dem Beginn der sowjetischen Nationalitäten- und Sprachpolitik änderte sich die ursprüngliche Bedeutung von »usbek« und wurde ethnisch-national konnotiert.
Der vorliegende Artikel bietet für alle Leser, die sich mit Usbekistan erstmals auseinandersetzen, einen idealen Einstieg in dessen Geschichte. Allen Lesern, die sich mit der historischen Materie bereits näher befasst haben, verschafft der Artikel einen soziohistorischen Einblick in die Ethnogenese und die Nationalisierung der »Usbeken«. Der Fokus ist auf das transoxanische Gebiet 3 gelegt, welches von der heutigen Republik Usbekistan zu einem Großteil umfasst wird. In chronologischer Reihenfolge werden wichtige soziale, kulturelle und politische Wendepunkt der mittelasiatischen Historie aufgezeigt. Im Zentrum dieser Betrachtungen stehen dabei folgende Punkte: a) die Bezeichnung »usbek«; b) die usbekische Turk-Ethnie; c) die sowjetische Nationalisierung der »Usbeken«. Ziel ist es den Wandel der kollektiven Identität der »Usbeken« von einer polit-tribalen Vereinigung hin zu einer ethnoterritorialen Nation nachzuzeichnen.
3 Transoxanien bezeichnet das Gebiet zwischen den Flüssen Amu-Darya und Syr-Darya und einschließlich des Pamirgebirges.
3
1 Der Terminus »uzbek«
Über den Ursprung und die Verwendung des Begriffes »usbek« (auch: uzbek; ösbek; özbek) in Bezug auf eine Stammesgruppe ist sich die Wissenschaft nicht einig. Eine der populärsten etymologischen Meinungen ist, dass sich »özbek« aus den Worten öz (türk.: selbst) und bek (türk.: Herrscher, Führer) zusammensetzt und somit »Selbstherrscher« bedeuten soll. In historischen Quellen des 16. und 18. Jh. werden die Bezeichnungen »uzbek, uzbekan und uzbekiyah« gebraucht um turko-mongolische Stämme, die militärische und administrative Aufgaben unter dschingiskhanidischen Herrschern erfüllten, zu bezeichnen. Im 16. und 17. Jh. verschwamm der Unterschied zwischen Dschingiskhaniden und Usbeken für Geschichtsschreiber außerhalb des turkestanischen Gebiets. So gebrauchten beispielsweise persische Geschichtsschreiber den Begriff »usbek« für beide dieser Volksgruppen. Als die Afghanen im späten 18. Jh. sich im Gebiet Baktrien anzusiedeln begannen, wurde »usbek« für die ansässigen Bewohner verwendet um sie von den zugewanderten Afghanen zu unterscheiden. Einige persische Historiker des Hochmittelalters bezeichneten die Region nördlich des Aralasees als uzbekisches Territorium. 4 Einer der bekanntesten russischen Historiker und Orientalisten Vasily V. Barthold (1869-1930) sieht in den Usbeken eine zu der Goldenen Horde 5 zugehörige Stammeskonföderation, deren Name sich von ihrem dschingiskhanidischen Führer Özbek Khan (Regent der Goldenen Horde 1312-1340) herleitet und unter dem die Goldene Horde geschlossen zum Islam übertrat. 6 Diesen Ansichten folgen die nachstehenden Wissenschaftler weitestgehend.
Dem Turkologen Karl Menges zufolge gingen die Ösbeken aus den östlichen Stämmen des Dschotschi-Ulus - aus der Weißen oder der Blauen Horde - hervor. Er vermutet, dass die übergreifende Namensgebung »usbek« möglicherweise von Amir Özbek 7 abgeleitet und eine tribale Gruppierungen bezeichnete, welche in die Heeresverbände des Özbek Khans eingegliedert waren. Dies gilt aber nach Menges nicht als gesichertes Wissen, denn die özbekischen Stämme bestanden aus mannigfaltig vielen Stämmen und es existierten über 100 verschiedene Namen dieser Stämme und Clane, zu denen türkische und mongolische Stämme gehörten. Den Ausführungen Menges zufolge waren sie ursprünglich eher eine politische als eine ethnisch-linguistische Einheit. 8 Diesen Überlegungen folgt auch der Historiker Edward Allworth. Ihm zufolge war die usbekische Stammeskonföderation mit der Goldenen Horde alliiert oder gehörte zu deren Territorium. Allworth bezieht sich wie Barthold auf die Aufzeichnungen von persischen Historikern und verortet nördlich des Aralsees das erste geschlossene usbekische Stammesgebiet (Abb. 8). 9 Der Islamwissenschaftler Robert D. McChesney distanziert sich von dem Eponym des Herrschers »Özbek«, sieht aber ähnlich wie Menges und Allworth auf der Quellengrundlage mittelalterlicher Geschichtsschreiber »uzbek« als die Bezeichnung für turko-mongolische Stämme der Weißen oder Blauen Horde an. 10 Es sei angemerkt, dass die mittelalterliche Zuschreibung »uzbek« mit der
4 vgl.
Allworth, E.
(1992: 6);
McChesney, R.
(1991: 49ff.)
5 Goldene Horde ist die Bezeichnung des Dschotschi-Ulus, dem Stammes- und Herrschaftsterritoriums von Dschotschi (ältester Sohn des Dschingis Khans) und dessen Regentschaftserben. Das Großkhanat der Goldenen Horde untergliedert sich in die Unterkhanate der Blauen Horde (Wolgaregion), der Weißen und der Orda Horde (Sibirien) sowie die Schwarze bzw. Nogaier-Horde (ukrainisches Gebiet) gliederte.
6 vgl. Barthold, V. (1956: 51; 63f)
7 Weshalb Karl Menges Özbek als Amir und nicht als Khan bezeichnet ist unklar. Als Regent der Goldenen Horde und als Nachfahre der dschingiskhanidischen Linie von Dschotschi (erster Sohn Dschingis Khans), müsste Özbek als Khan (König) bezeichnet werden und nicht als Amir (Anrede für nicht-dschingiskhanidische Militärführer).
8 vgl. Menges, K. (1994: 40)
9 vgl. Allworth, E. (1992: 5ff.)
10 vgl. McChesney, R. (1991: 49)
4
heutigen »Usbeken« wenig gemein hat. Edward Allworth verwendet deshalb den Begriff der »modernen Usbeken«, der für ihn durch ein ethnisches Selbstbewusstsein auszeichnet. 11 Der Politologe Neil J. Melvin ist der Ansicht, dass der heute gebräuchliche Terminus »usbekisch« lediglich ein Produkt sowjetischer Sprach- und Nationalitätenpolitik ist, der lediglich eine politische und sozio-kulturelle Bedeutung besitzt. 12 Vorarabische Entwicklungen 13 2
Bevor die Einwanderungs- und Siedlungswelle altaischer Sprachgruppen nach Transoxanien und in die Turanebene 14 einsetzte, war ein Großteil dieses Gebietes von iranischen Sprachgruppen besiedelt. Neben iranisierten Nomadenstämmen gab es staatsähnliche Gebilde (Sogdien, Baktrien, Khorezm) mit sesshafter iranisierter Bevölkerung. Im 9. Jh. v. Chr. war Mittelasien und im Speziellen die transoxanische Region von dem Reich Sogdian und Baktrien dominiert. Im 4. Jh. v. Chr. eroberte Alexander der Große die sogdianischen und baktrischen Regionen. Nach seinem Tod schwand der griechische Einfluss, so dass diese Gebiete ab 250 v. Chr. unter den Einfluss des persisch parthianischen Königreiches gelangten. Um 150 v. Chr. setzte der Karawandenhandel zwischen Morgen- und Abendland ein und die transoxanischen Oasenstädte Samarkand und Bukhara erblühten zu wirtschaftlichen und kulturellen Zentren der Seidenstraße. Ab dem 6. Jh. begannen verstärkt Turkstämme in das mittelasiatische Gebiet einzuwandern, gründeten im Nordosten Mittelasiens Steppenreiche und breiten sich weiter nach Westen aus. Ab dem 8. Jh. begannen die arabischen Eroberungen mittelasiatischer Regionen und die nachhaltige Ausbreitung des islamischen Glaubens nahm ihren Lauf.
3 Arabische Eroberungen
Die persische Sassanidendynastie, die ab dem 3. Jh. bis zur Mitte des 7. Jh. die sogdianischen und baktrischen Gebiete in Mittelasien dominierte, wurde um 664 von der nach Transoxanien vordringenden arabischen Umayyadendynastie (661-750) verdrängt. Mit der Einnahme der sogdianischen Zentren Bukhara und Samarkand im Jahre 711, wurde der Syr-Darya die nordöstlichste Grenze des Arabischen Khalifats der Umayyaden. Infolge der Gebietsausweitung der Umayyadenherrschaft spaltete sich Zentralasien in den westlichen Teil Mawaraunnahr 15 und den südöstlichen Teil Aradi at-turk 16 auf. Mawaraunnahr umfasste den Großteil der sesshaften vorwiegend persisch geprägten Bevölkerung und die urbanen Zentren mit ihren Agraroasen. Aradi at-turk war das Herrschaftsterritorium turkischer Stammesverbände und bestand zum Großteil aus Steppen- und Bergregionen (Abb. 1).
11 vgl.
Allworth, E.
(1992: 4f)
12 vgl. Melvin, N. (2000: 1; 27)
13 Die vorarabischen Entwicklungen werden hier nur in einer knappen Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse wiedergegeben.
14 Die Turanebene umfasst das Gebiet zwischen dem Uralgebirge, dem Kaspischen Meer und dem Irtysch Fluss.
15 Mawaraunnahr (arab.): Land jenseits des Flusses Amu-Darya; alte Bezeichnung für Transoxanien
16 Aradi at-turk (arab.): Land der Türken
5
Um 750 löste die arabische Abbasidendynastie (750-1258) die Umayyaden ab. Diese errichtete im heute als irakisch bekannten Gebiet ein arabisches Khalifat mit dem Zentrum Bagdad. Unter ihrer muslimischen Schirmherrschaft bildeten sich die transoxanischen Oasenstädte zu kulturellwirtschaftlichen Zentren heraus. Während der abbasidischen Herrschaftszeit rückten die Gebiete Ostirans und Transoxaniens infolge der transoxanischen Einflussnahme der persischen Khorasanier als Repräsentanten des islamischen Glaubens kulturell stärker zusammen. Ende des 9. Jh. verstärkte die ostpersische Samanidendynastie (784-999) - die Gebietserben der Abbasiden - ihren Einfluss auf Transoxanien und auf die noch größtenteils »ungläubigen« Turkstämme. Das Samanidenreich mit seinem Zentrum Bukhara wurde auf der wirtschaftlichen Grundlage des aufblühenden Handelsverkehrs zur einer der führenden Regionen in der damaligen muslimischen Welt (Abb. 2).
17 http://www.berzinarchives.com
18 http://www.berzinarchives.com
6
Mit dem arabischen Vordringen in das transoxanische Gebiet begann ein langwieriger Islamisierungsprozess. Im 9. Jh. hatte sich der Islam zwar allmählich zur dominanten Religion in dieser Region etabliert, aber es sollte noch weitere 300 Jahre dauern, bis er sich weitgehend durchgesetzt hatte. Im Vergleich zu den nomadisierenden Gruppen, konnte der Islam in der sesshaften Bevölkerung - infolge der Integration der Städte in die muslimische Kultur - relativ schnell verwurzelt werden.
„Up to that time [Anm. J. D.: Ende 7. Jh. bis Ende 10. Jh.] Arab writers consistently number the Turkish tribes as enemies of faith.“ 19 Die türkische Herrscherdynastie der Qarakhaniden (840-1212) schloss sich 920 als erste dem islamischen Glauben an. Die Qarakhaniden eroberten im Jahre 992 die zum Samanidenreich gehörenden Städte Bukhara und Samarkand. Außerdem begannen sie Ostturkestan zu islamisieren, das jedoch erst Ende des 12. Jh. kurz vor der mongolischen Herrschaftsübernahme vollständig unter islamischen Einfluss fiel. 20 Neben dem Islam brachte die arabische Eroberung Zentralasiens grundlegende soziokulturelle Veränderungen mit sich. Die arabische Sprache wurde für gut drei Jahrhunderte zur Wissens- und Handelssprache. Die arabische Schrift blieb sogar bis in die sowjetische Zeit hinein gültige Schriftsprache. Zu dem entwickelten sich die Gebiete Khorezm und Bukhara zu führenden Bildungszentren des sunnitisch-muslimischen Lernens. 21
Im Jahre 1206 wurde Temudschin mongolischer Steppenkaiser (Khagan/ Großkhan). Er und seine Nachkommen schufen ein Imperium, das ihn als Dschingis Khan und seine Erben als die Dynastie der Dschingiskhaniden in die Annalen der Geschichte eingehen ließ. Der Herrschaftsaufbau Dschingis Khans bildete das Grundmodell eines Nomadenstaates 23 , das bis ins 19. Jh. hinein Geltung haben sollte. Er ersetzte die nomadischen Stammesstrukturen durch ein straff organisiertes Militärsystem. Dadurch konnte er die Sippen und Stämme der Mongolen unter seiner Führung vereinen. Zudem ermöglichte ihm die auf Zehner- und Hunderteinheiten aufgebaute Militärstruktur die nötige Wendigkeit und Schnelligkeit, die für die Eroberungszüge essentiell waren. An der Spitze jeder größeren Militäreinheit stand eine Vertrauensperson des Khans, so dass trotz der Eingliederung eroberter Bevölkerungsgruppen eine loyale Hierarchieordnung zum Großkhan bestehen blieb. 24
19 Caroe, O. (1953: 49)
20 vgl. Busse, H. (2005: 35-41); Caroe, O. (1953: 49f); Freitag-Wirminghaus, R. (2005: 278); Menges, K. (1994:
22-26); Scharlipp, W. E. (1992: 2)
21 vgl. Melvin, N. (2000: 3)
22 Weiterführende Literaturempfehlungen: Einen guten und detailreichen Einblick in das Leben und Wirken Dschingis Khans liefert V. Bianchi mit seiner 2007 erschienen Biographie über den Steppenkaiser. Der mongolische Epos Mongqol-un nuiča tobča'an (Geheime Geschichte der Mongolen, ins Deutsche von Manfred Taube übersetzt) verfasst in der ersten Hälfte des 13. Jh. von einem anonymen Autor.
23 Am Anfang eines Nomadenstaates stand das gemeinsame wirtschaftliche Interesse einen Agrarstaat zu unterwerfen. Die Vereinigung zu einer Konföderation um einen Kernstamm mit übergeordnetem Führer war für die Eroberung notwendig, denn nur so konnten die benötigte Anzahl von Kriegern und die Loyalität aller Beteiligten für das gemeinsame Ziel erreicht werden. Die nomadischen Eroberer etablierten sich nach der Unterwerfung sesshafter Gebiete zur Herrscherschicht. Aber auf Grund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit und der für Nomaden selbstverständlichen Mischehen kam zu kulturellen Anpassungs- und Vermischungsprozessen. Diese Assimilationssprozesse haben jahrtausendelang das Bild Asiens geprägt. [vgl. Scharlipp, W. (1992: 7f)]
24 Bianchi, V. (2007:143-160)
7
Die Administration basierte auf nomadischen Regeln, so dass sie unabhängig von den administrativen Strukturen eroberter Territorien etabliert war. Neben einigen Turkgruppen (Uighuren, Kipchaken) wurden vor allem chinesische und persische Bürokraten in den Verwaltungsapparat des Nomadenstaates einbezogen. Sie verrichteten ihren Dienst jedoch selten in ihrer Heimat, sondern wurden in alle Gebiete des mongolischen Reiches versetzt, wodurch eine stete Vermischung der eroberten Bevölkerungsteile begünstigt wurde. Die Gebiete, die sich der Herrschaft Dschingis Khans freiwillig unterwarfen, wurden in den Nomadenstaat inkorporiert und ihre Bevölkerungen wurde je nach ihren Fertigkeiten in die lokale Administration und das Militär 25 integriert. 26
Dschingis Khan teilte die Regentschaft seines Imperiums mit seinen vier Söhnen Dschotschi, Tschaghatai, Ögödei und Tului. Jeder von ihnen erhielt die Herrschaft über ein eigenes Stammesterritorium (Ulus) 27 , dem Dschingis Khan als Steppenkaiser vorstand. 28 Als Dschingis Khan im Jahre 1227 starb, wurde sein Sohn Ögödei der nachfolgende Großkhan und setzte die Eroberungszüge seines Vaters fort. Mit dem Tod Ögödeis und Tschaghatais im Jahre 1241 setzten interne Regentschaftsstreitigkeiten ein, die das allmähliche Ende der Imperiumsstabilität bedeuteten.
Ende des 13. Jh./ Anfang des 14. Jh. hatten sich die mongolischen Dynastien aufgespalten, kämpften gegeneinander und bildeten eigene politische und militärische Traditionen heraus. Aus dem ehemaligen dschingiskhanidischen Nomadenstaat gingen vier unabhängige Herrschaftsgebilde hervor: 1. Gebiet der Goldenen Horde, die Russland dominierte; 2. Il-Khanat, das im Iran regierte; Il-Khanat, das im Iran regierte; 3. Yüan-Dynastie, die China und das mongolische Heimatland umfasste (Abb. 3). 29
25 So wurden beispielsweise die ost-turkestanischen Uighuren auf Grund ihres hohen Bildungsgrades in Regierungsaufgaben einbezogen. Da auf der Grundlage ihrer Schriftsprache die erste mongolische Schriftsprache entwickelt wurde, arbeiteten sie vorwiegend als Übersetzer, Sekretäre, Regierungsvertreter und Lehrer. Andere Turkgruppen wie die Kipchaken dienten im Militär, in zentralen Regierungsapparaten oder hatten lokale Administrationsposten inne. Gebiete, die sich der Oberherrschaft widersetzten und in den offenen Kampf gingen, konnten von Dschingis Khans Herrschaft nicht profitieren. Wie das Beispiel des west-turkestanischen Khorezm-Shahs Sultan Ala ad-Din Muhammad II zeigt, der zwischen der 1220/21 von Dschingis Khan besiegt wurde. Während dieser Zeit wurden die transoxanischen Kulturzentren Khorezms, Bukhara und Samarkand von den Armeen Dschingis Khans angegriffen und die urbane Bevölkerung wurde zum Großteil getötet. Gelehrte und Handwerker wurden verschont und dienten mit ihrem Wissen und Können der mongolischen Herrschaft vorwiegend in Nordchina und in der Mongolei.
26 vgl. Bianchi, V. (2007); Caroe, O. (1953: 55f); Rossabi, M. (1994: 27ff.)
27 Sein ältester Sohn Dschotschi erhielt den Westteil, der später als Kipchak-Khanat bekannt wurde - das Heimatland der goldenen Horde. Tschaghatai, sein zweiter Sohn, erhält Transoxanien und das Gebiet des heutigen westchinesischen Xinjiang. Sein Ulus umschloss somit fast die gesamte sessafte Bevölkerung und die Stadtzentren Bukhara, Samarkand, Taschkent, Khojent, Kashgar, Herat und Ghazni. Die Hauptstadt des Tschaghatai-Khanats war Almalik. Sein dritter Sohn Ögödei bekommt das Territorim Zungaria, das östlich des Balkhashsees liegt, zugesprochen. Ögödei erwählt Karakorum zu seiner Hauptstadt. Der jüngste Sohn Dschingis Khans Dschotschi bekommt in Übereinstimmung mit mongolischer Tradition das Heimatland der Mongolen - die äußere Mongolei.
28 vgl. Bianchi, V. (2007); Caroe, O. (1953: 56ff.); Manz, B. (1989: 3ff.)
29 vgl. Rossabi, M. (1994: 32); Manz, B. (1989: 4f)
8
Trotz des Auseinanderbrechens des mongolischen Nomadenstaates in autonome Einheiten hielten die Nomaden in den Steppengebieten, in Mittelasien und in Russland weiterhin die regierende Macht in ihren Händen. Die Erben der dschingiskhanidischen Ära (1227-1260) hatten sich den Kulturen der eroberten Gebiete angepasst und bewahrten gleichzeitig das nomadische Erbe ihrer Vorfahren. Die Vermischung türkischer, mongolischer und sesshafter Kulturelemente brachte in Ostturkestan und Transoxanien eine neue so genannte »turko-mongolische« Kulturtradition hervor, die in der die Sprache türkisch, die Religion islamisch und das politische Legitimationssystem mongolisch und turko-mongolisch war. Dieses turko-mongolische Erbe koexistierte mit der persisch-sesshaften Kultur Mittelasiens und mit der russischen Kultur in den russischen und ukrainischen Gebieten.
Wie am folgenden Beispiel des Tschaghatai-Khanats zu sehen ist, begannen die Erben Dschingis Khans im 14. Jh. ihre Khaganate in direkter Herrschaft zu regieren. Ab dem 15. Jh. ging die politische Macht der Dschingiskhaniden in die Hände der turko-mongolischen Amire über, die nicht der dschingiskhanidischen Blutlinie angehörten und unter der dschingiskhanidischen Regentschaft militärische Funktionen ausübten. Sie wurden zur politischen Machtinstanz, behielten aber einen »Showkhan« für ihre offizielle Herrschaftslegitimation. 31
Im Tschaghatai Khanat des frühen 14. Jh. begann sich im Vergleich zur losen indirekten Regentschaft der vorangegangen Khane unter der Herrschaft Kebeg Khans (regierte 1318-1326) eine organisierte direkte Regierungsstruktur herauszubilden. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die ihre Residenzen vorwiegend im Bergland und in nomadischen Gebieten hatten, verlegte er die
30 http://www.libarts.ucok.edu/history/faculty/plaks/MAPS/mongol_russia.html
31 vgl. Barthold, V. (1962: 5ff.); Grousset, R. (1975: 561); Manz, B. (1989: 6-9); McChesney , R. (1991:52); Rossabi, M. (1994: 29f)
9
seinige in die Nähe des urbanen Gebiets Samarkand in das heutige Qarshi. Sein Nachfolger Tamarshirin Khan (regierte 1326-1334) trat zum Islam über. Tamarshirins Politik zeichnete sich durch eine Vermischung nomadischer und muslimischer Traditionen aus. Diese politische Neuentwicklung entfachte Widerstand bei seinen nomadisch-konservativen Gefolgsleuten, woraufhin sich das Tschaghatai Khanat 1336 in den westlichen Teil des Ulus Tschaghatai und den östlich separatistischen Teil Moghulistan spaltete. Unter Tamarshirin wurden die Gebiete Baktrien, Qunduz, Baghlan und Qandahar erobert, so dass der Ulus Tschaghatai einen Großteil des heutigen Nord- und Ostafghanistans umfasste. Dieses Gebiet blieb bis zum Regentschaftsantritt Amir Timurs unverändert. 32
Bis zur Ermordung des letzten dschingiskhanidischen Tschaghatai Herrschers Qazan Khan 1346, wurde der Ulus Tschaghatai von einer turko-mongolischen Stammeskonföderation, der ein Tschaghatiden-Khan vorstand, regiert. Danach übernahmen die tribalen Führer turko-mongolischer Hauptstämme die politische Macht. Sie waren in losen Konföderationen zusammengeschlossen, kennzeichneten sich durch eine politisch-traditionelle Loyalität zum und durch eine starke Identifikation mit dem tschaghataidischen Königshaus aus. Sie nutzten dessen militärischen und administrativen Systemstrukturen für ihre politischen Interessen (Abb. 4). „[T]he power passed into the hands of the “amirs“ of the principal clans, this Persio-Arabic title rendering the Turkish bek and Mongol noyon. The amir who became head of the state was called ulus amir (ulus - “tribal area state”). The descendants of Chingiz-khan alone were recognised as having the right to be called khan, and from amongst them puppet rulers were chosen to occupy the throne.” 33
32 vgl. Manz, B. (1989: 21-27)
33 Barthold, V. (1956: 53f)
10
Arbeit zitieren:
Dipl.-Soz. Julia Dittrich, 2008, Ethnogenese und Nationalisierung "der Usbeken", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Russlanddeutsche Evangelikale - Band 1
Grundzüge des historischen und...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Forschungsarbeit, 204 Seiten
Eignungsdiagnostisches Gutachten zur Berufseignung von Tina E.
Psychologie - Beratung, Therapie
Ausarbeitung, 78 Seiten
Kompetenz- und Motivationsentwicklung von Mitarbeitern als elementares...
Am Beispiel der Personalentwic...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Ausarbeitung, 25 Seiten
Julia Dittrich's Text Ethnogenese und Nationalisierung "der Usbeken" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Julia Dittrich hat den Text Ethnogenese und Nationalisierung "der Usbeken" veröffentlicht
Julia Dittrich hat einen neuen Text hochgeladen
Das latène-kaiserzeitliche Scheiterhaufengräberfeld bei Sorsum, Stadt ...
Schriftenreihe des Landesmuseu...
Erhard Cosack
Ostmitteleuropa zwischen Verwestlichung und Nationalisierung
Die Neuorientierung polnischer...
Julian Pänke
Eine Reise in die Tiefen der S...
Olga Kharitidi, Charlotte Breuer, Norbert Möllemann
0 Kommentare