Universität Duisburg-Essen
Standort Duisburg Institut für Politikwissenschaft
Vorgelegt von:
Sandro Di Maggio
10. Fachsemester: Praxisorientierte Sozialwissenschaft (SAE)
SoSe 2008
Hagen, 28. Juli 2008
3
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 6
1. Forschungsstand 7
2. Soziale Stadtentwicklung: „Die Soziale Stadt“ 13
2.1 Geschichte des Programms 14
2.2 Hintergrund 16
2.3 Programmkonzept 17
2.4 Stadtteilmanagement 20
2.5 Finanzierung und Verstetigung 21
3. Mattheck/Josefsviertel - „Ein Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“ 21
4. Image 23
4.1 Image als Realität 24
4.2 Image als Information 24
4.3 Image als Lebenshilfe und Verkomplizierung 24
4.4 Image als Wertobjekt und Prozess 25
5. Imagebildung 26
5.1 Der „Hof-Effekt“ 26
5.2 Die Imagekomponenten 27
5.3 Verhalten und Image als Regelkreis 27
5.4 Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse 28
5.5 Raumwahrnehmung 32
6. Stadtteilimage Wechselwirkungen 33
6.1 Wohnung und Wohnumfeld 34
6.2 Segregation 36
6.3 Wohnungsmarkt 38
6.4 Stadtteilgeschichte 40
6.5 Identifikation 41
7. Stadtteilimage - Ein theoretischer Erklärungsansatz 42
7.1 Ort und Genius Loci 43
7.2 Relativistischer und absolutistischer Raum 44
7.3 Raumqualitäten und Raumgebilde 45
7.4 Der physische und der soziale Raum 46
7.5 Entstehung und Entwicklung des Raums 47
7.6 Die Bildprägekraft der Raumformen 48
7.7 Zusammenfassung 51
8. Imageanalyse des Stadtteils Mattheck/Josefsviertel
8.1 Stadtteilbeschreibung Fotoexkursion I: Mattheck & Josefsviertel zwischen 1950 und 1970 8.2 Forschungsdesign 8.2.1 Vorbemerkung 8.2.2 Vorgehen 8.2.3 Erhebungsinstrument 8.2.4 Grundgesamtheit und Stichprobe 8.2.5 Befragung und Auswertung 8.2.6 Problembehandlung 8.3 Forschungsergebnisse der Fallstudie 8.3.1 Innenimage/Selbstbild
8.3.2 Außenimage/Fremdbild
8.3.3 Stadtteilimage
Fotoexkursion II: Mattheck/Josefsviertel in 2007 8.4 Ergebnisse der Analyse imagebildender Raumformen 8.5 Differenzierte Betrachtung der Forschungsergebnisse
9. Möglichkeiten zur Verbesserung des Stadtteilimages
9.1 Imagemaßnahmen im Stadtteil Mattheck/Josefsviertel 9.2 Öffentlichkeitsarbeit als Imagestrategie 9.3 Handlungspotenziale der Immobilienwirtschaft 9.4 Stadtteilbranding
10. Resümee 115
11. Literatur 119
12. Anhang 122
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Einschätzungen bisheriger Wirkungen der Öffentlichkeitsarbeit
Abb. 2: Die wichtigsten Probleme in den Stadtteilen
Abb. 3: Übersicht der Handlungs- und Politikfelder im Bund-Länder-Programm
„Die Soziale Stadt“
Abb. 4: Prozess der Entstehung und Entwicklung des Images
Abb. 5: Mechanistische Erklärung menschlicher Wahrnehmungs- und
Verhaltensweisen
Abb. 6: Zusammenhang von sozialer Struktur, Segregation und Image
Abb. 7: Stadtteilkarte Mattheck/Josefsviertel
Abb. 8: Modell zur Erhebung des Stadtteilimages von Mattheck/Josefsviertel
Abb. 9: Direktes Innenimage/Selbstbild
Abb. 10: Selbstwahrnehmung
Abb. 11: Verbesserungsvorschläge/Negative Wahrnehmungsfaktoren
Abb. 12: Beurteilung der Wohngegend
Abb. 13: Entstehungshintergrund der Einstellung zum Wohnviertel
Abb. 14: Bewohneraussagen zur Imageverbesserung
Abb. 15: Identifikation mit dem Stadtteil
Abb. 16: Wohngefühl im Stadtviertel
Abb. 17: Zufriedenheit mit der Wohnung
Abb. 18: Zufriedenheit mit der Infrastruktur
Abb. 19: Mittelwertnetz - Wohnzufriedenheit insgesamt
Abb. 20: Wohndauer
Abb. 21: Zuwanderungspfade
Abb. 22: Umzugsbereitschaft
Abb. 23: Umzugsgründe
Abb. 24: Zusammenlegung des Stadtteils Mattheck/Josefsviertel
Abb. 25: Quartiersmanagement
Abb. 26: Direktes Außenimage
Abb. 27: Freie Assoziation zur Matthecksiedlung und zum Josefsviertel
Abb. 28: Außenwahrnehmung
Abb. 29: Einschätzung der Wohnsituation in Mattheck/Josefsviertel
Abb. 30: Einschätzung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens
Abb. 31: Beurteilung der Wohngegend
Abb. 32: Zuzugsbereitschaft Standortkriterien
Abb. 33: Entstehungshintergrund der Einstellungen zum Stadtteil
Abb. 34: Ergebnis des direkten Stadtteilimages
Abb. 35: Bedeutung des Stadtteilimages
Abb. 36: Vergleichsmatrix - Ist- und Sollimage
Abb. 37: Imageverbesserung
Abb. 38: Stadtteilkarte der bildprägenden Raumformen in Mattheck/Josefsviertel
Abb. 39: Stadtteilzentrum - Mattheck/Josefsviertel
Abb. 40: Grenze/Grenzlinie - Rheinhausener Strasse
Abb. 41: Bereiche - Beispiel in der Leipziger Strasse
Abb. 42: Wege - Beispiel Leipziger Strasse
Abb. 43: Merk- und Wahrzeichen - St. Josef Hospital
Abb 44: Markenbildung in Dortmund-Clarenberg
Einleitung
Der sozialräumliche Wandel in der BRD ist nicht zu übersehen. Die wirtschaftlichen und demographischen Prozesse äußern sich auch in einer Zunahme sozialräumlicher Fragmentierung. Es ergeben sich gefragte-problemlose und weniger gefragteproblembehaftete Stadtsegmente. 1
Deutschlandweit existieren dadurch Stadtteile, die unter den Folgen eines schlechten Images leiden. Es handelt sich oft um Stadtteile, die im Bund-Länder-Programm:„Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die Soziale Stadt“ integriert sind. Sie verfügen über vielfältige soziale und bauliche Aufholbedarfe. Vor allem ältere problembehaftete Großwohnsiedlungen kämpfen mit Imageproblemen.
„Image improvement is increasingly becoming an important aspect of regeneration strategies around Europe. A negative image is seen as an obstacle for successful regeneration 2 strategies and sustainable improvement, especially in high-rise urban areas.”
Stadtteile mit schlechtem Ruf erhöhen durch informelle und nachhaltige Eigenschaften das Ausmaß der Benachteiligung. Ein gutes Image spendet gute Assoziationen und ein schlechtes Image erzeugt schlechte Assoziationen. Je negativer das Image, desto größer die Benachteiligung für den Ort und seine Bewohner. Stigmatisierung, soziale Exklusion und Chancenungleichheit sind nur einige Folgebeispiele.
Wie sich im Nachhinein herausstellen wird, bringt ein negatives Stadtteilimage nicht nur für die Bewohnerschaft, sondern auch für andere Stadtteilakteure eine große Herausforderung mit sich. Das Prestige des Stadtteils wird zum Schlüsselproblem bei der Normalisierung der Gebiete. 3
Das Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ identifiziert als soziales Stadtteilentwicklungskonzept Stadtteile, die aus eigener Kraft die multiplen Problemlagen nicht lösen können. Es schafft Synergien und bietet durch die Aufwertungsarbeiten einen guten flächendeckenden Lösungsansatz.
Kernprobleme in benachteiligten Stadtteilen sind Segregationsstrukturen, defizitäre Wohnzustände, unzureichende Infrastrukturen, eine geringe Identifikation und ein negatives Image.
Vor diesem Hintergrund untersucht diese Arbeit die Entstehung, Entwicklung und Verbesserung des Stadtteilimages. Anhand eines Fallbeispiels sollen die
Entwicklungsbedarfe des Stadtteilimages exemplarisch erhoben werden. Hierzu wird das
1 Vgl. Becker: Entstehung von städtischen Problemvierteln, 2007, S. 1 f. 2 INTERREG IIIB programme (Hrsg.): The image project, 2007, S. 7.
3 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Strategien für die Soziale Stadt, 2003, S. 2 f.
Thema theoretisch aufgearbeitet und eine Imageanalyse des Programmstadtteils Mattheck/Josefsviertel durchgeführt.
Bei jedem Versuch der Imageplanung (Soll-Image) muss in erster Linie das Ist-Image in seinen Details bekannt sein. 4 Genau hier setzt das Forschungsvorhaben an. Es sollen imagebezogene Entwicklungspotenziale erörtert werden und allgemeine Rückschlüsse für die Imagearbeit in Programmstadtteilen resultieren.
Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich wie folgt. In einem ersten Schritt werden der Stand der Forschung und das Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ beschrieben. Desweiteren wird im Allgemeinen die Imagebildung und im Speziellen die Bildung des Stadtteilimages aus sozialpsychologischer und raumsoziologischer Perspektive behandelt. Aufbauend auf diesem Fundament, basiert die quantitative und qualitative Imageanalyse. Die Untersuchung differenziert sich dabei durch die Behandlung des Innen- und Außenimages, dazu wurden zwei Feldforschungen im Jahr 2007/2008 betrieben. In der ersten Studie handelt es sich um die Analyse des Selbstbildes von Mattheck/Josefsviertel, die darauf aufbauende zweite Untersuchung dient der Analyse des Fremdbildes der befragten Bewohner der Stadt Moers. Dieses Verfahren dient der Ermittlung des Stadtteilimages und seiner divergenten Wahrnehmung und Bildabstufungen.
Abrundend werden die Raumformen des behandelten Stadtteils kartographisch und fotographisch erörtert, damit soll Ihr Einfluss auf die Bildprägekraft im Rezipienten geklärt werden.
In einem letzten Schritt folgen die aktuellen Imagemaßnahmen im Bund-Länder-Programm„Die Soziale Stadt“ sowie weitere anwendbare Imagestrategien. Abschließend endet die Arbeit mit einem Resümee.
Bei der Formulierung wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit keine weibliche Anrede benutzt. Es wird deshalb bspw. „Bewohner“ anstatt „Bewohner/-innen“ usw. lauten. Selbstverständlich sind hierbei männliche wie weibliche Personen gleichermaßen gemeint.
1. Forschungsstand
Der Wortgebrauch „Image“ stammt vom lateinischen Begriff „imago“ und kann ins deutsche als Vorbild, Ebenbild oder Traumbild übersetzt werden. 5 Es definiert heute:
„… die Komplexqualität aller Einstellungen, Kenntnisse, Erfahrungen, Anmutungen, die mit 6 einem bestimmten “Meinungsgegenstand“ verbunden sind.“
4 Vgl. Antonoff: Methoden der Imagegestaltung für Unternehmen und Organisationen, 1975, S.22.
5 Vgl. Bassenge: Dienstleister als Sponsoren, 2000, S. 27.
Die Psychologie versteht ein Image als imaginäres Vorstellungsbild, das aus der Summe an Informationen über ein Objekt resultiert. 7
In Bezug auf einen Stadtteil wird das Image als Spiegelung des persönlichen Vorstellungsbildes und als Abbildung des gesellschaftlichen Ansehens oder Rufs eines Stadtgebiets widergegeben. Es differenziert sich durch das Selbst- und Fremdbild und steht auch als Marke und Name für einen Stadtteil und seine Bewohner. 8
Rund 70 Prozent der Stadtteile, die im Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ integriert sind, werden aufgrund ihres schlechten Images und ihrer geringen Gebietsidentität in das Programm aufgenommen. Die Hintergründe für die Entstehung und Entwicklung eines negativen Stadtteilimages sind hauptsächlich geschichtliche Hintergründe sowie städtebauliche und soziale bzw. sozialstrukturelle Defizite. 9
Der Einfluss des räumlich-baulichen Zustands besteht überwiegend in den alten und maroden Häusern, meist handelt es sich auch um Großwohnsiedlungen aus der Nachkriegszeit. Großwohnsiedlungen besitzen eine unverwechselbare homogene Identität, die aufgrund ihrer Größe räumlich markant und auffällig wirken. Desweiteren sind die Straßen und Gehwege in Problemgebieten verbesserungsbedürftig, Brach- und Freiflächen als auch die schlechten Standortfaktoren in oftmals peripherer Lage, sorgen für den Zustand des physischen Raums. Viele Bewohner in benachteiligten Stadtteilen sind ohne Arbeit, sie verfügen über eine geringe Schulausbildung und sind oft Personen mit Migrationshintergrund. Zudem befinden sich überproportionale Anteile junger und alter Menschen im Stadtteil. Die baulichen und sozialen Defizite und die hinzukommenden kulturellen Differenzen wie etwa andere Lebenseinstellungen und Verhaltensnormen etc., erschweren den Anschluss an die Gesellschaft. Sie fördern gesellschaftliche Phänomene wie Segregation und Exklusion. 10
Denn typische Gründe für einen schlechten Ruf sind Folgen von kultureller bzw. sozialer Disparität, welche sich strukturell im Raum entfaltet haben.
„Viele innenstadtnahe Gebiete haben schon seit Jahrzehnten unter Segregationstendenzen zu leiden. Aufgrund der Dichte, des Fehlens von Grün und der höheren Belastung wegen des Nebeneinanders ganz unterschiedlicher Milieus und Nutzungen haben sie als Wohngebiete häufig keinen guten Ruf. Sie gelten als Gebiete des sozialen Abstiegs, der Konflikte und der überforderten Schulen. Mangelnde Sauberkeit und Sicherheit gehören als negative 11 Zuschreibungen zum festen Bestandteil ihres Images.“
6 Zimmermann: Zur Imageplanung von Städten, 1975, S. 39.
7 Vgl. Starke-Perschke u.a.: Der Brockhaus-Psychologie, 2001, S. 261.
8 Vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Der Stadtteil als Marke - Strategien zur Imageverbesserung, 2006, S. 5.
9 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Bundestransferstelle Soziale Stadt, 2006, S. 18.
10 Vgl. ebd., S. 1 ff. 11 Ebd., S. 2.
Zudem wird das Image stark durch gesellschaftliche Kommunikationsprozesse und den Medien verfestigt. Die Problematik eines negativen Gebietsimages besteht darin, dass es Klischees bildet und zum Makel für das Stadtteil und die Quartiersöffentlichkeit wird. Es existieren Programmgebiete, in denen Bewohner von Versandhäusern nicht beliefert werden. Supermarktketten ziehen sich aufgrund einer geringen Kaufkraft aus diesen Gebieten zurück und verursachen eine Versorgungslücke mit Folgewirkungen. Schulabschlüsse einer verrufenen Schule erschweren den Jugendlichen die Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Die Folgen von Marginalisierung, Exklusion und Stigmatisierung mindern die Chancen der Gleichberechtigung und verfügen über Eigenschaften, die einen negativen Kreislauf auslösen. Nicht selten werden dann durch Diskriminierung und Ausgrenzung eine höhere Gewaltbereitschaft, Kriminalität, Hoffnungslosigkeit und ein geringes Selbstwertgefühl hervorgerufen. Das schlechte Image hat ebenso zur Folge, dass die Bewohner im Vergleich zu Stadtteilen mit neutralem oder gutem Image, eine geringere Identifikation zu ihrem Wohnort haben. Weitere, damit in Verbindung stehende Wirkungen sind oftmals eine geringe Wohnzufriedenheit und nachbarschaftliche Konflikte. 12
Der Themenkomplex „Stadtteilimage“ hat darüber hinaus auch für die Politik mehrdimensionale Wirkungen.
Das Prestige einer ganzen Stadt kann durch ein benachteiligtes Stadtsegment stark beeinflusst werden. Denkt man an das amerikanische „New York City“, so assoziieren viele Menschen mit dieser Stadt Kriminalität, die Bronx oder Ghettos in Queens, Brooklyn oder Harlem. Nicht selten verbindet man z.B. mit Berlin die Stadtteile Kreuzberg oder Marzahn. Städte können dadurch übergreifend gebrandmarkt werden, das negative Image wird verallgemeinert und auf die gesamte Stadt übertragen. Das Anliegen der Städte, ihre Einwohner zu halten oder Neue zu gewinnen, kann dadurch diesem Vorhaben im Wege stehen.
Ebenso sind finanzielle und gesellschaftliche Aspekte Motive, um die Problemgebiete in das Gesamtbild der Stadt einzufügen. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität oder Desintegration haben Auswirkungen, die eine negative und übergreifende Dynamik besitzen. 13 Insbesondere die soziale Polarisierung beinhaltet eine Sozialisationsgefahr für Kinder und Jugendliche. Das soziale Umfeld und seine Milieus prägen heranwachsende Menschen erzieherisch, der vorgelebte Lebensstil wird auf sie übertragen. 14 Aus diesen Gründen sieht sich die Politik veranlasst, neben anderen Themen explizit den Entwicklungsbedarfen des Stadtteilimages Folge zu leisten.
12 Vgl. Häußermann/Siebel: Stadtsoziologie, 2004, S. 150.
13 Vgl. Krummacher u.a.: Soziale Stadt-Sozialraumentwicklung-Quartiersmanagement, 2003, S. 28 ff.
14 Vgl. Häußermann/Siebel, 2004, a.a.O., S. 170 f.
Im Weiteren kann ein schlechter Stadtteilruf auch durch einfache gesellschaftliche Vorgänge, wie z.B. durch die gesellschaftlichen Wohnpräferenzen, gefördert werden. Großwohnsiedlungen sind als Beispiel mit dem gegenwärtigen, eher individuellen und stadtumlandorientierten Wohntrend schlecht zu vereinen. Schon aus diesem Grund verkörpern sie für die meisten gesellschaftlichen Gruppen keine attraktive Wohnalternative. 15 Zudem ziehen Personen mit höherer Kapitalausstattung nicht freiwillig in Problemgebiete, andersherum beziehen Personen mit geringerer Kapitalausstattung diese Orte unfreiwillig. Eine ausgeglichene Bewohnerzufriedenheit und Stadtteilidentität ist deshalb in diesen Gebieten nur gering zu verorten. Das niedrige Einkommensniveau und die günstigeren Mietpreise lassen wenig Alternativen bei der Wahl des Wohnstandorts. Es wird an dieser Stelle deutlich, dass das Thema Gebietsimage nicht nur der Politik naheliegt, sondern auch die Immobilienwirtschaft betrifft. Sie ist abhängig von einem guten Gebietsimage und beeinflusst gleichermaßen ihren Wohnbestand und Grundstücke durch Gestaltung und Investitionen. Darauf wird aber im Kapitel zum „Wohnungsmarkt“ expliziter eingegangen. 16
Die Verbesserung des Images wird aktuell, neben stadtteilbezogenen Maßnahmen vor allem durch die Öffentlichkeitsarbeit angestrebt. Wie eingangs erwähnt entsteht das Stadtteilimage aus dem Innen- und Außenimage, der Ruf bzw. das gesellschaftliche Ansehen eines Gebiets ist stark von der Außenansicht abhängig. In den meisten Problemgebieten ist das Außenimage schlechter als das Innenimage. 17 Der Hintergrund lässt sich von der Tatsache ableiten, dass das Fremdbild durch die Distanz zum Stadtteil und durch unzureichende Informationen entsteht. So sind oftmals Empfindungen, kurze Eindrücke oder Informationen aus zweiter Hand („Hören-Sagen“) für die Konstruktion des Fremdbilds zuständig. Das Fehlen von Objektinformationen bildet dann ein verzerrtes und lückenhaftes Bild im Imagegeber. Wenn die wenigen Informationen dann noch negativ sind, ist ein schlechtes Image vorprogrammiert.
Der schlechte Ruf vieler Programmstadtteile entspricht eigentlich nicht der Realität, es ist zwar mehr oder weniger etwas Wahres an den Klischees, doch Klischees entsprechen im Allgemeinen nicht der Realität. Diese Generalisierungseigenschaft ist aber ein charakteristisches Merkmal des Images. 18
Das Bund-Länder-Programm: „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die Soziale Stadt“, befasst sich in benachteiligten Stadtteilen unter anderem mit der Verbesserung von
15 Vgl. ebd., S. 128 f.
16 Vgl. ebd., S. 143 ff.
17 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2006, a.a.O., S. 3 f.
18 Vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein- Westfalen, 2006, a.a.O., S. 5.
veralteten, festgefahrenen und allgemein schlechten Images. In der dritten bundesweiten Befragung der Programmgebiete wurde das Image und die Öffentlichkeitsarbeit in der Rangfolge der 20 wichtigsten Handlungsfelder an Rang 7 positioniert. 19 Durch effektive Öffentlichkeitsarbeit konnte in den Programmgebieten eine deutliche Verbesserung des Images festgestellt werden.
Abb. 1: Einschätzungen bisheriger Wirkungen der Öffentlichkeitsarbeit
Quelle: dritte bundesweite Befragung, Difu 2005/2006, S. 102.
Genau 52,1 Prozent der befragten Quartiersmanager gaben eine Verbesserung des Außenimages an, zu 65 Prozent eine Verbesserung des Innenimages, zu 57,8 Prozent eine Verbesserung der Identifikation mit dem Gebiet und zu 54,7 Prozent eine Verbesserung der Presseberichterstattung. 20
Trotz der positiven Imageentwicklungen wurde in selbiger Analyse deutlich, dass die angestrebten sozialräumlichen Erfolge stark von einem weiteren positiven Imagewandel abhängig sind. Das Image und vor allem die positive Außenwahrnehmung haben an Wichtigkeit gewonnen, sie werden in der sozialräumlichen Arbeit mittlerweile als Schlüsselfaktoren angesehen:
„Insbesondere fällt der Bedeutungsgewinn des Imageproblems auf, das heute für 85 Prozent 21 der Programmgebiete konstatiert wird, 2002 dagegen nur für gut ein Drittel der Gebiete.“
Aus diesem Grund wurde das Gebietsimage mit 56,4 Prozent immer noch als Problem eingestuft.
19 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2006, a.a.O. S. 107.
20 Vgl. ebd., S. 102. 21 Ebd., S. 147.
Abb. 2: Die wichtigsten Probleme in den Stadtteilen (Mehrfachnennungen)
Quelle: Dritte bundesweite Befragung, Difu 2005/2006, S. 20.
Die hohe Platzierung der Wichtigkeit macht deutlich, wie langwierig und hartnäckig negative Images sind. 22
In 178 von 275 Programmgebieten (= 64,7%) sind derzeit Projekte zur Verbesserung des Images in Durchführung und in 154 Gebiete (56%) sind bereits Projekte realisiert worden. 23 Der Schwerpunkt der Maßnahmen basiert primär auf bauliche Erneuerungen. Es werden zum Teil radikale Veränderungen der Gebäudestrukturen vorgenommen, vereinzelt werden ganze Wohnbestände abgerissen und neu gebaut, der Großteil der baulichen Investitionen fließt jedoch in die Sanierung bzw. Modernisierung der Gebäude. Einhergehend werden die Freiräume zwischen den Gebäuden neu gestaltet und nutzbar gemacht, z.B. durch Mietergärten, Kinderspielanlagen oder allgemeine Verschönerungen des Wohnumfelds. Dies hat eine Attraktivitätssteigerung der Gebiete zur Folge und macht sie nachfragegerechter. Durch die Berücksichtigung der Bewohnerinteressen und der Initiierung der Bewohnerbeteiligung, wie bspw. an Projekten der Sauberkeit, kann einer Vermüllung des öffentlichen Raums entgegengewirkt werden. Künstlerische, soziale und kulturelle Projekte bewirken eine Intensivierung der Stadtteilidentifikation und fördern die Integration und das nachbarschaftliche Miteinander. So sind Stadtteilfeste, Aktivitäten für Kinder, Kulturtage usw. gute Maßnahmen, um die Innen- und Außenwahrnehmungen zu verbessern. Kommunikations- und Marketingstrategien wie Stadtteilzeitungen und vor allem überregionale Informationen über die Entwicklungen im Stadtteil, sind für die Verbesserung des Innen- und Außenimages sehr effektiv. Hierbei ist es von Bedeutung, dass die Presseberichterstattungen oder die Marketingstrategien mit realen Verbesserungen
22 Vgl. ebd., S. 20.
23 Vgl. ebd., S. 104.
verbunden sind. Ein Namenwechsel ohne tatsächliche Veränderungen ist wirkungslos und kontraproduktiv für das Stadtteilimage. 24
Bis heute existiert in der „Sozialen Stadt“ keine klar definierte Strategie zu Imageverbesserung. Die Maßnahmen orientieren sich an den üblichen Methoden der Öffentlichkeitsarbeit. Im Jahr 2004 startete daher ein Imagewettbewerb mit 52 Programmgebieten, die individuelle Projekte zur Imageverbesserung durchführten. Die Ergebnisse der Projekte zeigten viele gute Ansätze. Es wurde jedoch ebenso deutlich, dass bloße Ansätze oder vereinzelte Bemühungen nicht ausreichen, um einen nachhaltigen und spürbaren Imagewandel zu erreichen. 25
Der Imagewandel resultiert vielmehr aus einem langwierigen Prozess der individuellen und gesellschaftlichen Meinungsbildung. Um eine spürbare Veränderung des Images und der Meinungsbildung zu erreichen, verdeutlicht der gegenwärtige Kenntnisstand den Bedarf eines kontinuierlichen Engagements aller beteiligten Akteure aus Politik/Wissenschaft, Ökonomie, freier Organisationen und der Bewohnerschaft. Nur gemeinsam ist es möglich Strategien zu schaffen, die eine Verbesserung des Images realisierbar machen. 26 Das soziale Stadtentwicklungskonzept steht dabei vor einer großen Herausforderung, zumal bereits die Aufnahme eines Problemgebiets in das Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ durchaus imageschädigend sein kann. Durch die Initiierung eines Quartiersmanagements und die öffentliche Kennzeichnung als „Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“ oder als „benachteiligtes Stadtteil“, wird der innewohnenden Bevölkerung ein negatives Stigma auferlegt. 27
2. Soziale Stadtentwicklung - „Die Soziale Stadt“
Dieses Kapitel befasst sich explizit mit der sozialen Stadtentwicklung. Dabei wird der Fokus auf das Bund-Länder-Programm: „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die Soziale Stadt“ geworfen. Eine einleitende und zusammenfassende Definition kann wie folgt lauten:
Soziale Stadt: Kurztitel eines Bund-Länder-Programms, das seit dem Jahr 2000 läuft und zum Ziel hat, die Abwärtsentwicklung in bestimmten Stadtteilen zu bremsen oder umzukehren, die sich aus den kumulativen Effekten der Konzentration von Armut und Arbeitslosigkeit ergibt. In solchen Quartieren sollen durch Bündelung der verschiedensten Maßnahmen die Bausubstanz und die Infrastruktur verbessert und die sozialen Probleme 28 verringert werden.
24 Vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein-Westfalen, 2006, a.a.O., S. 7 ff.
25 Vgl. ebd., S. 9.
26 Vgl. ebd.
27 Vgl. Häußermann/Kapphan: Von der geteilten zur gespaltenen Stadt, 2002, S. 221. 28 Häußermann/Siebel, 2004, a.a.O., S. 231.
Hinter diesem Namen verbirgt sich vielmehr ein komplexes netzwerkartiges politisches Konzept, welches in diagnostizierten Problemstadtteilen durch soziale, bauliche und ökonomische Aufwertungsmaßnahmen zum Einsatz kommt. Stadtteile im Abwärtssog will man durch dieses umfangreiche Programm nicht ihrem Ghettoisierungsprozess überlassen, vielmehr wird eine Normalisierung bzw. eine Umwandlung in einen lebenswerten Raum angestrebt.
2.1 Geschichte des Programms
Das Programmkonzept resultiert aus der Weiterentwicklung des städtebaulichen Förderungsgesetzes von 1960. 29
In der Nachkriegszeit ereignete sich in Deutschland ein starker wirtschaftlicher Aufschwung, die ersten Gastarbeiter kamen ins Land und Deutschland wurde zu einem gefragten Industriestandort in Europa.
Zerbombte Stadtviertel wurden wieder aufgebaut, Vorkriegsbauten wurden saniert, abgerissen und neugebaut. Zu dieser Zeit entwickelten sich viele Wohnräume der Arbeiterklasse und des sozialen Wohnungsbaus. Die damals oft gebauten Hochausgebiete prägten Großteile der Stadtlandschaften und waren sehr gefragt. Zunehmend kamen viele Immobilienunternehmer und private Grundstücksinteressenten zum Vorschein, sie charakterisierten den deutschen Wohnungsbau immer mehr und hoben die Bodenpreise stetig an.
Bis dahin gab es kein einheitliches Bau- und Grundstücksrecht. Am 23.06.1960 intervenierte die Politik mit dem Bau- und Planungsgesetz, um diese bauliche und räumliche Aufwärtsentwicklung zu steuern. 30 Zentrale Elemente dieses Gesetzes waren bspw.:
→ „Vorbereitung und Leitung der baulichen und sonstigen Nutzungen durch die Bauleitplanung in Zuständigkeit der Gemeinden, was den Städten die Verantwortung für die Entwicklung von Wohnstandorten, Gewerbe und Verkehr auftrug; → die bauplanungsrechtlichen Zulässigkeiten von Bauvorhaben unterteilt nach Gebieten mit
→ die Bodenordnung, um Rechtssicherheit für Eigentümer und Bedingungen für staatliche Planung zu geben;
→ das Enteignungsrecht, um gemeindliche Anforderungen sicherstellen zu können und eine entsprechende Entschädigung von Eigentümern;
→ das Erschließungsbeitragsrecht, um Infrastrukturleistungen auf die Eigentümer umlegen 31
29 Vgl. Krummacher u.a., 2003, a.a.O., S. 52.
30 Vgl. ebd., S. 52f. 31 Ebd., S. 52.
In den darauf folgenden Jahren entwickelten sich die Städte schnell. Wohnungsbaugesellschaften setzten Großwohnprojekte um und es entstanden viele Hochhäuser und neue Siedlungsstrukturen.
Der Umschwung kam in den siebziger und achtziger Jahren. Die industrielle Nachfrage nahm vor allem im Bereich der Kohleförderung stetig ab. In den neunziger Jahren ist nur noch ein Bruchteil der Montanregion aktiv. Der damit in Verbindung stehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel zwang auch die Politik zum Handeln. Man stand vor der Herausforderung, die sozialräumlichen Wohn- und Lebensbedingungen an den gesellschaftlich-demographischen Wandel anzupassen.
Der Wohntrend unterliegt seit dem einem stetig wachsenden Prozess der Suburbanisierung. Menschen begeben sich demnach in das Umland der Stadt und nutzen die Stadt primär als Arbeits- und Versorgungsort. Zudem werden baulich hochwertige Stadtgebiete aufgekauft und entwickeln sich zu idyllischen Orten mit Eigenheimanlagen oder zu Räumen der Wirtschaft.
Dementsprechend verbleiben Menschen mit geringeren finanziellen Mitteln in den altbebauten Stadtteilen. Hierdurch entsteht eine Eigendynamik, die den Sozialraum immer mehr benachteiligt. Es resultieren viele Problembereiche, die Rede ist von Segregationsprozessen, einer hohen Fluktuations- und Wegzugsrate oder der Bildung eines negativ Images, welche die Situationen zunehmend verschärfen. 32
Bis 1990 wurden staatliche Fördermittel lediglich in die Umstrukturierung von Bauobjekten und Verkehrsbedingungen investiert. Am 18.8.1997 kam ein neues Leitbild durch das Bau-und Raumordnungsgesetz hervor. Die Bedingung des ökologischen Anspruchs und der Sozialraumordnung wird so erstmals berücksichtigt, hier heißt es (§ 2 (2)): „Im Gesamtraum der Bundesrepublik Deutschland ist eine ausgewogene Siedlungs- und Freiraumstruktur zu entwickeln. Die Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts im besiedelten und unbesiedelten Bereich ist zu sichern. In den jeweiligen Teilräumen sind ausgeglichene wirtschaftliche, infrastrukturelle, soziale, ökologische und kulturelle Verhältnisse 33 anzustreben.“
Und in §1(4):
34 „Die Bauleitpläne sind der Raumordnung anzupassen.“
Allerdings war dies nur der Vorlauf der sozialen Stadtentwicklung, soziale und ökonomische Probleme wurden auch durch das neue Bau- und Raumordnungsgesetz nicht wesentlich aufgehalten oder verringert. Die Konsequenz dessen war eine Weiterentwicklung des Bau-
32 Vgl.ebd., S. 54f.
33 BauGB: Baugesetzbuch, 1998, §2(2), zit. n. Krummacher u.a., 2003, a.a.O, S. 55. 34 Ebd., §1(4).
und Planungsrechts für die Bereitstellung separater Fördermittel. Die Stadtpolitik begann in Kombination des Stadtteil- bzw. Quartiersmanagements mit der Erprobung sozialer Projekte. Hieraus entstand z.B. der Vorreiter „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“ und einige andere soziale Stadtentwicklungskonzepte wie bspw. „Soziale Stadterneuerung Hamburg“ etc.
Dann gegen Ende 1999 und Anfang 2000, wurde das Bund-Länder-Programm: „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die Soziale Stadt“ ins Leben gerufen. Es ist europaweit eines der umfangreichsten Programme in der sozialen Stadtentwicklung. Derzeitig umfasst das Programm 447 Programmgebiete in 285 deutschen Städten. 35
2.2 Hintergrund
Im Zuge des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs haben sich auch sozialräumliche Veränderungen abgezeichnet. Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zeigen vor allem heute starke Veränderungen. Qualifiziertes Fachpersonal ist sehr gefragt, gering qualifizierte Personen rutschen stattdessen vermehrt in die Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe ab oder sie befinden sich in befristeten oder unterdurchschnittlich bezahlten Arbeitsverhältnissen. Zeitgleich ist eine gesellschaftliche Zunahme sozialer Ungleichheit, sozialer Isolation und ungleicher gesellschaftlicher Chancenverteilung zu beobachten. 36
Diese wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen wirken sich auch in einem tiefgreifenden sozialräumlichen Strukturwandel aus, welche eine zunehmende Fragmentierung mit auf- und abgewerteten Stadtteilen zur Folge hat. Mit der sozialräumlichen Segregation wird die Kluft von Arm und Reich auch geographisch sichtbar. Je nach Bodenwerten, Verfügbarkeit, Mietniveaus, Milieus und Images zerfallen die Städte zunehmend in Quartiere, in denen sich Einkommensschwache in schwieriger sozialer Situation konzentrieren oder eben in privilegierte „problemlose“ Stadtteile. 37
Eine sozialintegrative Stadtentwicklung birgt vielerlei Chancen für positive Tendenzen, sozial aber auch ökonomisch gleichermaßen. Es ist auf die Dauer günstiger für Problemstadtteile Fördermittel bereitzustellen, um professionelle und konzeptgebundene Arbeit zu leisten, als eine Zukunft mit Menschen ohne Arbeit, einer fehlenden Integration von Migranten oder einer allgemeinen Zunahme sozialer Extreme. 38
35 Vgl. Krummacher, u.a., 2003, a.a.O., S. 57 ff.
36 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2003, a.a.O., S. 10 f.
37 Vgl. ebd.
38 Vgl. Krummacher, u.a., 2003, a.a.O., S. 57.
2.3 Programmkonzept
Das Programm charakterisiert sich durch das identifizieren von benachteiligten Stadtteilen. Im Weiterem beschreibt es sich durch das Aktivieren und Integrieren von Stadtteilakteuren aus Ökonomie, Quartierszentren, Wohnen und Infrastruktur, das Organisieren und Anleiten von Bewohner- und Stadtteilkonferenzen sowie durch den Erfahrungsaustausch, die Erfolgskontrolle und der wissenschaftlichen Begleitforschung. Das Programmkonzept basiert dabei auf eine neuartige Stadtentwicklungspolitik. Die Problemlagen in den deutschen Städten werden nicht mit allgemeingültigen Rezepten behandelt, sondern individuell mit zugeschnittenen Lösungskonzepten angegangen. So führte man für benachteiligte Stadtteile erstmalig integrierte Handlungskonzepte ein. Sie erläutern die spezielle Benachteiligung und beinhalten abgestimmte Lösungsansätze, die in einer noch nie da gewesenen Form, nachhaltige Synergieeffekte hervorrufen sollen und als Fördervoraussetzung gelten. Das Handlungskonzept umfasst ein Planungs- und Umsetzungskonzept sowie ein Kosten- und Finanzierungsplan. 39
Wo und wann ein Gebiet als benachteiligt bzw. als mit besonderem Entwicklungsbedarf eingestuft wird, geht vorerst von den Städten und Gemeinden aus. Sie identifizieren die Gebiete durch den Vergleich zwischen den Sozialdaten amtlicher Statistiken und dem kleinräumigen Bestandswissen. Dadurch können Segregationsstrukturen und andere Auffälligkeiten lokalisiert werden. Die kommunalen Vorschläge, die in Form des integrierten Handlungskonzepts zur Geltung kommen, werden durch das Land als mittelvergebender Instanz geprüft. Damit kann einem Gebiet ein dringlicher Handlungsbedarf zugeschrieben und die Integration in das Bund-Länder-Programm: „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die Soziale Stadt“ ermöglicht werden. 40
Alte wie neue Bundesländer werden bei der Förderung berücksichtigt, wobei sich ein Viertel der Gebiete in den neuen Bundesländern befindet und etwa 70 Prozent der beantragten Gebiete Erbe von Großwohnsiedlungen mit hohen Leerständen sind. 41 Die Gemeinschaftsziele des Programms sind so zusammenzufassen, dass die Lebensbedingungen der betroffenen Menschen in den benachteiligten Stadtteilen durch die aktive und integrativ wirkende Stadtentwicklungspolitik nachhaltig verbessert werden und eine Effizienzsteigerung öffentlicher Maßnahmen durch frühzeitige Abstimmung und Bündelung öffentlicher und privater Finanzmittel auf die Stadtteile erreicht werden. Weiter sind die Beschäftigungsimpulse durch die Stärkung der lokalen Wirtschaft, die Schaffung und
39 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2003, a.a.O., S. 75 ff.
40 Vgl. ebd.
41 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2006, a.a.O., S.12.
Sicherung örtlicher Arbeitsplätze sowie die Qualifizierung von Arbeitsuchenden anzustreben. Es sollen soziale Impulse, die Verbesserung der Wohnverhältnisse, die Unterstützung des sozialen Miteinanders und die Wiederherstellung von gemischten Bewohnerstrukturen durch eine Verbesserung des Images erfolgen. Durch die Steigerung der Gebietsattraktivität, die Schaffung von mehr Sicherheit im öffentlichen Raum und die Verbesserung der Infrastruktur sollen die Stadtteile auch für besser situierte ein potenzielles Zuzugsgebiet darstellen. Einhergehend sollen ökologische Impulse durch ökologisches Planen sowie durch Bauen und Wohnen im Bestand gestärkt werden. 42
Die Ziele sind in folgenden Handlungs- und Politikfeldern integriert und durch die zusätzlichen sektoralen Handlungsfelder der Verwaltung zu ergänzen.
Abb. 3: Übersicht der Handlungs- und Politikfelder im Bund-Länder-Programm -
ImBund-Länder-Programm hat die Integration der Stadtteilbevölkerung in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft Priorität. Durch den Aufbau lokaler Ökonomie sowie personenzentrierter Vermittlungs- und Qualifizierungsangebote definieren sich die arbeitspolitischen Unterstützungsleistungen.
Das Miteinander zwischen den lokalen Akteuren und Bewohnern soll gestärkt werden. Durch Stadtteil- und Kulturfeste sollen Barrieren abgebaut und eine größere Interaktion unter den Menschen aufgebaut werden, denn das Zusammenleben im Stadtteil ist ein
42
Vgl. Döhne/Walter: Aufgabe und Chance einer neuen Stadtentwicklungspolitik; in: DIFU-Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 1999, S.25.
ausschlaggebender Faktor bei der Entwicklung einer gesunden Verbundenheit mit dem Stadtteil.
Ein traditionelles Handlungsfeld der klassischen Städtebauförderung ist die Verbesserung des Wohnumfelds und des öffentlichen Raums. Die Wohnungssanierung, die Aspekte Umwelt und Verkehr sind ebenfalls traditionelle Aufwertungsmaßnahmen, die dem Repertoire des Programms nicht fehlen. 43
Die Schulen der Programmgebiete besitzen darüber hinaus eine wichtige Funktion der Bildung und Entwicklung und sind deshalb besonders zu unterstützen und als Institution für die sozialräumliche Arbeit einzubeziehen. Schulen sind einerseits für die Voraussetzung einer gelungen Integration in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft mitverantwortlich, andererseits bietet die Schule als Einrichtung einen wichtigen Kristallisationspunkt für das Stadtteilleben. Sie können darüber hinaus Elternförderung, Sprachkurse und Vermittlungen zur lokalen Ökonomie anbieten.
Die Gesundheitsförderung ergibt sich aus den Zusammenhängen zwischen Armut und Krankheit. Die Vernachlässigung älterer Menschen im Stadtteil und die große Einkommensarmut bringen körperliche und seelische Krankheiten mit sich. Integrative Arbeit und die Hilfe bei der Arbeitssuche sollen helfen, die gesundheitlichen Folgen zu reduzieren. 44
Die Ziele der Handlungsfelder stellen im Bezug auf die Verwaltung, die Bündelung und Zuordnung von investiven Fördermitteln sowie die Effizienzsteigerung der öffentlichen Mittel und Maßnahmen dar.
Die Quartiersziele sind umfangreicher. Sie bestehen in ihrer Ausdifferenzierung in einer Steigerung der Gebietsattraktivität, die durch Sanierungen der Wohn- und Raumstrukturen bewirkt werden sollen. Außerdem wird die Imageverbesserung durch Öffentlichkeits- und Medienarbeit, die Erhöhung der Sicherheit durch mehr Polizeipräsenz, Beleuchtung bei Dunkelheit im öffentlichen Raum sowie einer besseren Verkehrssituation angestrebt. Oftmals leiden die Programmgebiete unter einer schlechten Nahversorgung. Nicht selten sind fehlende Schulen, Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten, Anbindungen an den ÖPNV, ärztliche Versorgung usw. zu beklagen. Hinzukommend sind Verbesserungen im Wohnumfeld, die Sicherung und Heterogenität des Wohnbestandes wesentliche Quartiersziele. 45
43 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2003, a.a.O., S. 102 f.
44 Vgl. ebd.
45 Vgl. Krummacher, u.a., 2003, a.a.O., S. 85 ff.
2.4 Stadtteilmanagement
Die Handlungsbedarfe und der damit in Verbindung zu bringende Planungs- und Durchführungsaufwand in den Programmgebieten, ist ohne eine verortete Informations- und Leitstelle schwer zu bewältigen. Nur durch das Stadtteilmanagement können die anspruchsvollen Ziele operationalisiert werden.
Das Stadtteilmanagement, auch Quartiersmanagement genannt, ist als Instrument der Stadtteilverwaltung zu verstehen. Es ist, neben der finanziellen Förderung von konkreten Projekten, das zweite mit öffentlichen Mitteln ausgestattete Standbein sozialer Stadtentwicklung. 46
Das Stadtteilmanagement tritt in benachteiligten Stadtteilen unter dem Namen Quartiersbüro, Bürgerbüro oder Stadtteilbüro in Erscheinung. Es wird je nach Bedarf durch Fachpersonal aus den Disziplinen der Stadtplanung (Stadt- oder Raumplanung/Landschaftsarchitektur etc.) und dem Sozialwesen (Sozialwissenschaft, Sozialwirtschaft, Sozialgeographie oder Sozialarbeit/Sozialpädagogik) besetzt.
Es soll innovative Prozesse in Gang bringen, welche die bauliche, ökonomische und soziale Lage nachhaltig verbessert und selbsttragende Strukturen entwickelt. Hierbei übernimmt das Stadtteilmanagement hauptsächlich eine moderierende, organisatorische, vermittelnde, anleitende und finanziell-investive Aufgabe. 47 Es soll die Potenziale des Stadtteils erkennen und nutzen, um den individuellen Bedarfen nachzukommen. Hierzu zählt im Allgemeinen die Aktivierung der Bewohnerbeteiligung durch Moderation von Bewohnerkonferenzen und entsprechenden Aufwertungsprojekten, die Vernetzung der Akteure aus Ökonomie, sozialen Einrichtungen, freien Trägern und durch Stadtteilkonferenzen. Unter dem Begriff „Management“ kann man dabei den Aufbau von
Kommunikationsstrukturen in der Nachbarschaft und die Zündung der Selbstorganisation im Stadtteil verstehen.
Das Stadtteilmanagement orientiert sich bei allen Arbeiten auf das jeweilige integrierte Handlungskonzept des Problemstadtteils, welches genaue Problemlagen definiert und dadurch eine milieugerechte Arbeit ermöglicht. Die stetigen Erfolge in den Evaluationsberichten der „Sozialen Stadt“ sprechen für die erfolgreiche Arbeit des Stadtteilmanagements. Dennoch kritisiert man zunehmend den zu kurzfristig angelegten Einsatz der Instrumente und lässt vielerorts große Bedenken einer nachhaltigen Entwicklung entstehen. 48
46 Vgl. Alisch: Soziale Stadtentwicklung, 2002, S. 100.
47 Vgl. ebd., S. 101 f.
48 Vgl. Alisch (Hrsg.): Stadtteilmanagement, 1998, S. 12 ff.
2.5 Finanzierung und Verstetigung
Die Finanzierungen variieren nach der Gebietsgröße, der Laufzeit und der individuellen Entwicklungsbedarfe zwischen 100.000 Euro und 17,5 Millionen Euro. Dabei setzen sich die Fördermittel teilweise aus den kommunalen Kassen und teilweise aus dem Bund-Länder-Fond zusammen. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung hat für das Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ von 1999 bis 2005 Rund 480 Millionen Euro ausgegeben. 49
Die Bedeutung nichtstaatlicher Mittel ist dabei äußerst hoch, insbesondere die Wohnungsunternehmen investieren viel. Im Jahr 2001 lag die gesamte Investitionssumme seitens der Wohnungsunternehmen bei 7,5 Millionen Euro. 50
Die Kosten und die Direktion sollen nach Förderlaufzeit komplett von den Stadtteilakteuren übernommen werden. Das Engagement der Bewohner sollte bis dahin beständig sein und sich selbst delegieren können. Die Immobilienunternehmen und andere Akteure tragen dann vermehrte Verantwortung. 51
3. Mattheck/Josefsviertel - „Ein Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“
Nach der Einsicht in das Programmkonzept folgt nun die Einführung in den besonderen Entwicklungsbedarf des Fallbeispiels Mattheck/Josefsviertel. Aufgrund vielfältiger baulicher und sozialer Defizite wurde das Stadtteil
Mattheck/Josefsviertel in das Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ aufgenommen. Nach dem integrierten Handlungskonzept der Moerser Arbeitsgruppe von 2005 zufolge, sind vor allem die Entwicklung von homogenen Strukturen und der sozialräumliche Abwärtstrend für umfangreiche Investitionsmaßnahmen ausschlaggebend.
Aus dem integrierten Handlungskonzept ist zu entnehmen, dass in der Matthecksiedlung der Anteil der Bewohner die unter 27 Jahre alt sind mit 36 Prozent höher ist, als im gesamten Stadtgebiet mit 27 Prozent. Im Josefsviertel ist der Anteil der über 65 Jährigen mit 21 Prozent höher als in der Reststadt.
Der Ausländeranteil in der Matthecksiedlung ist mehr als doppelt so hoch (24% zu 10%) wie im Vergleich zum Stadtgebiet. Drei von Vier Kindern (78%, Kinder bis zu 6 Jahren) haben in der Mattheck eine ausländische Staatsangehörigkeit, im Josefsviertel beträgt dieser Wert 46 Prozent (Reststadt= 29%). Insbesondere Aussiedler polnischer/russischer Herkunft bilden das Muster der Migranten. Hinzukommend beträgt der Anteil der Asylbewerber in der
49 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2006, a.a.O., S. 53 f.
50 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2003, a.a.O., S. 162.
51 Vgl. Schubert: Wirklich ein Paradigmenwechsel?, 2002, S. 52.
Matthecksiedlung 6 Prozent und ist somit um das 10-fache höher als im Vergleich zum Moerser Gebiet.
Der Anteil derer die Sozialhilfeleistungen (BSHG-Leistungen) bekommen ist mit 16 Prozent um das Vierfache höher als im Stadtgebiet mit 4 Prozent. Der Anteil der Arbeitslosen im Alter von 18 bis 65 Jahren, liegt im Stadtteil bei 11 Prozent und ist im Vergleich zum Stadtgebiet mit 6 Prozent doppelt so hoch.
Die Fluktuationsquote liegt bei 23,2 Prozent und stellt mit Ausnahme der Stadtmitte (27,1%), die höchste Fluktuation auf städtischer Ebene dar.
Der Anteil der Ein-Personen-Haushalte sowie der Anteil der Alleinerziehenden ist deutlich höher als im Stadtgebiet, zudem ist eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und ein geringes Bildungsniveau festzustellen. 52
Unter den vielen Entwicklungsbedarfen in Mattheck/Josefsviertel fällt auch das Image des Stadtteils und ist aus Sicht der Verwaltung ein wichtiger Faktor bei der positiven Stadtteilentwicklung.
Das Erscheinungsbild des Stadtteils war vor der Programmintegration vor allem in der Mattheck durch unsachgerechte Müllentsorgung und vernachlässigten Freiflächen negativ wahrnehmbar. Das übermäßige Parkplatzangebot wirkt auch heute überflüssig, die äußerst grünen Freiflächen lassen sich als leer und verwahrlost bezeichnen. Die quadratische Straßen- und Gehwegstruktur wird von Baumbeständen, die sich mit der Zeit verdichtet haben, verdunkelt. Hierdurch entsteht eine unzureichende Übersichtlichkeit des Raums und konstruiert gerade in der Dunkelheit Angsträume. Außerdem ist das Leben auf den Straßen tagsüber geringfügig und ruhig. 53
Weitere Auffälligkeiten, die das Stadtteilbild prägen, sind die gettoisierte Lage, wachsende Segregation, Vandalismus, Wohnungsleerstand, fehlende Stadtteilidentität, fehlende Beschäftigungs-und Freizeitmöglichkeiten, unzureichende Infrastruktur, kaum
Nachbarschaftsleben, Einkommensarmut sowie bauliche und räumliche Defizite. Die Straßen sind bspw. defekt, die Freiflächen sind ungenutzt, die Geh- und Wegpfade sind in einem schlechten Zustand, die Häuserfassaden sind marode, die Wohnstruktur ist monoton und die Wohnungen sind oftmals zu klein und modernisierungsbedürftig. 54
Am 27. Dezember 2004 wurde die Aufnahme des Stadtteils in das Bund-Länder-Programm„Die Soziale Stadt“, von der Landesregierung genehmigt. Dieser Beschluss bewirkte auch
52 Vgl. Stadt Moers Arbeitsgruppe “Soziale Stadt“: Integriertes Handlungskonzept, 2004, S. 20 ff.
53 Vgl. ebd., S. 29 ff.
54 Vgl. ebd.
die Zusammenlegung der Stadtviertel Matthecksiedlung und Josefsviertel zum Stadtteil Mattheck/Josefsviertel, welches auch verkürzt als MaJo bezeichnet wird. 55
4. Image
In den folgenden Kapiteln werden das „Image“ und seine theoretischen Bezüge aufgearbeitet. Demnach kann einleitend festgehalten werden, dass das Image ein Bildbegriff ist und wie sehr sie die menschlichen Interaktionen beeinflussen, zeigen die Wörter Bildung, Vorbild, Einbildung und Traumbild.
Die Kerndefinition von Image lässt sich als individuelles oder gesellschaftliches Vorstellungsbild von einer Sache auf den Punkt bringen. 56
„Ein Image ist nach Lynch eine Komplexität reduzierende, gruppenspezifische Leistung, welche jedoch durch Gestalt- und Strukturelemente vom Planer (oder der Planerin) vorbereitet 57 und beeinflusst werden kann.“
Ein positives Image resultiert aus guten Taten. Umgekehrt resultiert ein negatives Image aus schlechten Taten.
Image ist heutzutage ein Schlüsselwort zum Erfolg, im Wirtschaftsleben, in der Politik sowie im gesellschaftlichen Miteinander gleichermaßen. Es ist vor allem für Objekte die von der öffentlichen Meinung profitieren ein Kapital und Investitionsgut. Es beinhaltet Macht in Form von Vertrauen. Ohne ein gewisses Vertrauen und die Erwartung, dass in einem Stadtteil bspw. die Sicherheit, Sauberkeit, Infrastruktur etc. gegenwärtig ist, wird ein Umzügler nur unfreiwillig zuziehen. 58
Images sind langlebig und tragen Kerninformationen über die Eigenschaften einer Sache mit sich. Diese Kerninformationen durch andere zu ersetzen, bedarf einer
vertrauensschaffenden Bewährungsprobe. Wenn z.B. eine Fluggesellschaft wegen häufigen Störfällen auffällig geworden ist und dadurch das Image: „unsicher“ und „nachlässig“ trägt, so bedarf es unter der Beobachtung der Imagegeber einer sehr großen Zeitspanne ohne Zwischenfälle sowie einhergehender überaus positiver Berichterstattungen, um die Kerninformation „unsicher“ mit der Information „sicher“ und „zuverlässig“ auszutauschen. Manchmal ist dies allerdings nur noch mit einem Namens- bzw. Identitätswechsel möglich. 59 Im Folgenden sollen die Wesensmerkmale, Eigenschaften und Funktionen des Images verständlich werden.
55 Vgl. ebd., S. 1.
56 Vgl. Antonoff, 1975, a.a.O., S. 15.
57 Löw u.a.: Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie, 2007, S. 13.
58 Vgl. Antonoff, 1975, a.a.O., S. 15.
59 Vgl. ebd., S. 15 ff.
4.1 Image als Realität
Das Image ist nichts Greifbares. Es ist unsichtbar, unhörbar und unfühlbar, trotzdem ist es in seiner imaginären Form insofern existent und real, dass es eine korrekte Eigenschaft darstellt, über die man verfügen muss, wenn man in der Öffentlichkeit seine Ziele erreichen will. Von der Existenz des Images erfährt man nur indirekt, wie etwa aus Meinungsäußerungen und spezifischen Verhaltensweisen der Öffentlichkeit. Wer ein gutes Image will, der will es meist nicht dem Image zuliebe, sondern deswegen, damit sich die Öffentlichkeit im beabsichtigten Sinne verhält. Der Politiker bspw. verfolgt mit einem positiven Image die Absicht, Wählerstimmen für sich zu gewinnen. 60 Images sind niemals eindeutig oder gleichwertig. Sie variieren in der individuellen Vorstellungskraft und veranlassen dadurch auch nicht immer einheitliche Verhaltensweisen im Bezug auf ein Objekt. Internalisierung und Externalisierung hängen von den psychischen Komponenten der Kognition, Perzeption und der Affektivität des Rezipienten ab. Hierbei ist festzuhalten, dass verinnerlichte Objekte, Informationen, Reize und Signale von sich geben, die als Wesensmerkmale zu einem Bild zusammengesetzt werden und eine objekttypische Auskunft erteilen. Die reduzierten Auskünfte sind ausreichend um gesellschaftliche Meinungen, Akzeptanz und Ansehen zu produzieren und sie allgemein verständlich zu machen. 61
4.2 Image als Information
Alles was einen Name hat, hat damit auch ein Image. Eine Kerneigenschaft des Images besteht darin, dass es als Träger von Informationen und als Auslöser von Emotionen fungiert. Jedes Image oder Vorstellungsbild besitzt objektspezifische Assoziationen. Es ist mit Emotionen behaftet und bietet Auskünfte über die Eigenschaften eines Objekts. Bereits der Name einer Sache kann Emotionen wie Freude oder Furcht auslösen. 62
4.3 Image als Lebenshilfe und Verkomplizierung
Die menschliche Psyche ist so konstruiert, dass sie im Kontext ihrer Umwelt, durch die Wahrnehmung und spezieller Verhaltensweisen ihre Existenz ständig zu sichern versucht. Egal in welcher Lebenssituation, immer bilden sich Menschen Meinungen und leiten anhand dessen ein geeignetes Verhalten ab.
„Die Imagesysteme befähigen den Menschen also erst dazu, erkennend die Umwelt zu 63 bewältigen, sie sind als verhaltenssteuernde Systeme zu klassifizieren.“
60 Vgl. ebd.
61 Vgl. Zimmermann, 1975, a.a.O., S. 47 f.
62 Vgl. Antonoff, 1975, a.a.O., S. 16. 63 Zimmermann, 1975, a.a.O., S. 42.
Selektion, Verdichtung und Gruppierung von Informationen, die in das kognitive Vorstellungsbild beim Rezipienten eingefügt werden, dienen ihm als
Orientierungsinstrument. Dieses Orientierungsinstrument ist dem Menschen bei der Teilnahme am sozialen Leben und insbesondere bei der Kategorisierung, Platzierung und Werteinschätzung eine große Lebenshilfe.
Hier bekommt das Image eine sozialinteraktive Funktion die durch Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse gesteuert wird. 64
Die „Irradiation“ beschreibt den Wahrnehmungsmangel aufgrund von unzureichenden Informationen über ein Objekt. Hierbei werden bei der Meinungsbildung Objektinformationen von bekannten oder ähnlichen Objekten herangezogen, es resultiert ein Image, das auf der Grundlage unzureichender Informationen entstanden ist und zu Realitätsverzerrungen neigt. Oftmals ergeben sich dadurch fehlerhafte Assoziationen, die auch für die Bildung von Vorurteilen zuständig sind.
Eine weitere Verzerrungseigenschaft besteht im sogenannten „Durchschnittswert“ des Images. Es stellt die Verallgemeinerung oder mentale Kategorisierung einer Sache zu seiner Klasse dar. Wahrscheinlich werden bei einem ersten Blick, die alten und maroden Häuser eines Stadtteils, tendenziell als Armutsgegend oder Ghetto eingestuft. Das imaginäre Vorstellungbild kann dem Menschen im Umgang mit der Umwelt eine unbewusste Hilfe sein. Es dient ihm als Lebenshilfe, verfügt aber gleichermaßen über Effekte der Realitätsverzerrungen und Verallgemeinerung, was zur Stereotypisierung und Verkomplizierung des Lebens führen kann. 65
4.4 Image als Wertobjekt und Prozess
Image ist keine Naturkonstante. Man kann es nicht nach rationalen Gesetzmäßigkeiten vorhersagen oder planen. Gemäß dem Motto: Wenn wir etwas entsprechend kommunizieren, werden wir dieses oder jenes Image erreichen. „Man kann das Image aber verändern oder modellieren. Diese Veränderbarkeit des Images 66 bildet eine der Grundlagen zielorientierter Öffentlichkeitsarbeit.
Sofern das Image nicht natürlich produziert wird, entsteht es niemals über Nacht, sondern manifestiert sich durch die Konditionierung seiner Objekteigenschaften. Es besitzt damit eine sehr nachhaltige Natur. Als Beispiel kann man den Ruf eines Stadtteils heranziehen. Er entspricht vielleicht nicht mehr den realen Zuständen, dennoch kursieren in der Gesellschaft
64 Vgl. Antonoff, 1975, a.a.O., S. 16.
65 Vgl. ebd., S. 16 ff. 66 Ebd., S. 16.
veraltete Informationen über Gebietseigenschaften, die eigentlich der Vergangenheit angehören.
5. Imagebildung
Nachdem bisher die Imageeigenschaften erläutert wurden, folgt in diesem Kapitel der tiefergehende Einblick in die Entstehung und Entwicklung des Images. Es soll deutlich werden, wie durch Wahrnehmungs- und Verhaltensprozesse das Image seine Form annimmt.
5.1 Der „Hof-Effekt“
In erster Linie ist festzuhalten, dass das imaginäre Vorstellungsbild, durch die Reduktion semantischer, syntaktischer und pragmatischer Objektinformationen zustande kommt. 67 Dieser Prozess wird auch „Hof-Effekt“ bezeichnet und wird naturgemäß und unbewusst vollzogen. Er dient der menschlichen Psyche die Kerninformationen eines Objekts zu entnehmen und vermeidet so den Energieverbrauch, die es bedürfte, wenn alle Informationen detailiert verarbeitet würden.
„Bei der Beurteilung einer Person, Firma, Organisation oder Stadt wird eine einzige Eigenschaft besonders beachtet. Diese eine Eigenschaft überragt quasi die Gesamtheit und lässt andere Qualitäten im Schatten der Wahrnehmung liegen. Gut, wenn diese eine ausgewählte Eigenschaft, die dem Betrachter ins Auge sticht, positiv ist, unangenehm wenn 68 es eine unangenehme Eigenschaft ist.“
Das menschliche Gehirn nimmt aufgrund der Zeit- und Energieersparnis auch vorzugsweise vorverarbeitete und modellierte Informationen auf. In der Werbepsychologie nutzt man diese Eigenschaft, um positive bzw. verkaufsgünstige Vorstellungs- oder Meinungsbilder zu schaffen. Durch das platzieren, dass sogenannte „spacen“ und vorverarbeiten von Informationen, soll so ein Kaufverhalten erzielt werden. Es werden bspw. die Vorzüge und insbesondere die Neuheiten eines modernen Autos aufgezählt und mit einem positiv assoziierbaren Slogan besetzt. Negative Aspekte wie die Unterhaltskosten oder Umweltbelastungen werden bei der Promotion bewusst ausgeblendet. Die Informationen eines Images gestalten so auch Namen und Marken, die einen gesellschaftlich qualitativen und oft auch ideologischen Wert tragen. Durch angepasste Konditionierungs- und Suggestionsstrategien ist die Imagegestaltung teilweise plan- und manipulierbar. Sie obliegt dann der moralisch-ethischen Auffassung des Imageplaners. 69
67 Vgl. ebd., S. 85. 68 Ebd., S. 9.
69 Vgl. ebd., S. 16.
5.2 Die Imagekomponenten
Der Informationstransfer der multiplen Eigenschaften eines Objekts, wird in Form von verbaler und/oder non-verbaler Kommunikation übertragen und gestaltet im Betrachter das Vorstellungsbild.
„Objekte und Situationen werden bei dem Prozeß der Imagebildung ausschnittsweise (als Symbole) über die bestehenden Kanäle kommunikativ verbreitet, womit sich über die verschiedenartigen Einflüsse auf die individuellen Wahrnehmungsprozesse ganz spezifische Vorstellungsbilder von diesen Objekten und Situationen bei den Informationsrezipienten 70 ergeben.“
Wie solche Vorstellungsbilder nunmehr produziert werden, zeigen die Wechseleinflüsse der drei Imagekomponenten: „Imageträger“, „Imagepräger“ und „Imagegeber“. 71
Abb. 4: Prozess der Entstehung und Entwicklung des Images
Quelle: Antonoff, Roman 1975, S. 25.
Die Imagebildung erfolgt anhand zweier Regelkreise, die in unmittelbarer Abhängigkeit zueinander existieren. Der Regelkreis des Verhaltens und der Regelkreis des Images basieren auf den identischen Imagekomponenten und erzeugen, je nach wechselseitigem Einfluss, die Bildung des Images.
5.3 Verhalten und Image als Regelkreis
Der Regelkreis des Verhaltens entwickelt sich aufgrund der Kausalität zwischen Aktionsverhalten und Reaktionsverhalten. Die Aktionen des Imageträgers werden im Aktionsverhaltensoperator (AkVO) zu einer Einstellung geformt. Die Einstellung gleicht dem Erscheinungsbild und steht wiederum in Korrelation zum AkVO. Somit entsteht das
70 Zimmermann, 1975, a.a.O., S. 27.
71 Vgl. Antonoff, 1975, a.a.O., S. 22.
Erscheinungsbild aus der Einstellung oder angepassten Natur eines Objekts und ist der Komponente des Imageträgers zuzuordnen. 72
Die imageprägenden Eigenschaften im Zyklus des Images sind das Darstellungsbild und das Aktionsverhalten, welches sich aus dem Erscheinungsbild und dem AkVO ableitet. Als vergleichendes Beispiel präsentieren Unternehmen in der Öffentlichkeit nur markengerechte Eigenschaften, wodurch sie ihr Erscheinungsbild in ein modifiziertes Darstellungsbild umwandeln und beeinflussen. Bei Stadtteilen existieren jedoch außerhalb der Einflüsse von Politik und Wohnungsmarkt kaum künstliche Manipulationen. Das Erscheinungsbild ist dann gleichermaßen auch das Darstellungsbild und macht den Stadtteil so erlebbar, wie er eben in seiner Gesamtheit konstituiert ist. Anhand der perzeptuellen Fähigkeiten wird dann vom Imagegeber auch ein objektentsprechendes Reaktionsverhalten abgeleitet und umgesetzt. 73
Der Imagegeber analysiert in seiner Rezipienz die Informationen, die von den Komponenten Imageträger und Imagepräger ausgehen. Somit entwickelt der Imagegeber ein Vorstellungsbild, das wiederum, ähnlich wie beim Imageträger, eine Einstellung im Verhaltensoperator sowie ein damit eingeschlossenes Reaktionsverhalten auslöst. Durch das Reaktionsverhalten schließt sich der Kreislauf von Image und Verhalten. Will man das Ist-Image analysieren und ein Soll-Image konzipieren, so sollte man sich dieses Regelkreislaufs bewusst sein. 74
5.4 Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse
Der Regelkreis des Images macht den Rahmen der Entstehung und Entwicklung des Images deutlich. Das imaginäre Vorstellungsbild entsteht demnach durch das Wahrnehmen von Reizen und Informationen, als auch die damit in Verbindung stehenden Emotionen. Um nunmehr einen vertieften Einblick in die Imageverarbeitung zu bekommen, wird im Folgendem auf die Abhängigkeit von Internalisierungs- und Externalisierungsprozessen eingegangen. Dabei wird deutlich, wie Wahrnehmung und Verhalten als imagemodifizierende Prozesse zu verstehen sind.
Der Begriff „Wahrnehmung“/„Wahrnehmen“ stammt aus der Kognitionspsychologie und beschreibt die perzeptuelle Organisation, Identifikation und Wiedererkennung. Es beschreibt die individuelle Erfassung der Umwelt bzw. der Realität. 75
72 Vgl. ebd., S. 23 ff.
73 Vgl. ebd.
74 Vgl. ebd.
75 Vgl. Zimbardo/Gerrig: Psychologie, 2004, S. 157 ff.
„Wahrnehmung/Jene Prozesse, welche die im sensorischen Abbild enthaltenen Informationen strukturieren und sie so interpretieren, dass sie durch Merkmale von Objekten oder 76 Ereignissen in der externen, dreidimensionalen Welt ausgelöst erscheinen.“
Menschen analysieren Bewegungen und sie ordnen Bauobjekte oder spezielle Lebensstile durch bereits vorhandene Informationen einer gesellschaftlichen Klasse zu. Der menschliche Wahrnehmungsapparat ist sehr komplex und leistungsfähig.
Er externalisiert die internalisierten Wahrnehmungen, die ihm eine Assimilation mit der Umwelt ermöglichen. Hierdurch schafft sich der Rezipient eine für ihn logische Ausgangsstellung und damit eine Basis zur kulturellen Identifikation und Selbstobjektivierung. 77
Die Stadt- und Raumsoziologie versteht unter der Wahrnehmung des Raums, die atmosphärische Ausprägung des Raums, durch soziale (interaktive) Prozesse. „Atmosphären sind die in der Wahrnehmung realisierte Außenwirkung sozialer Güter und Menschen in ihrer räumlichen (An)Ordnung. Über Atmosphären fühlen sich Menschen in 78 räumlichen (An)Ordnungen heimisch oder fremd.“
Wahrnehmung vollzieht sich demnach in variantenreicher und multisinnlicher Weise. Informationen werden in verschiedenen Formen kommuniziert, transportiert und wahrgenommen.
„Auch für Städte gilt: Sie sind sowohl avantgardistische Orte, an denen sich gesellschaftliche Strukturen exemplarisch erheben lassen, als auch erfahrene, er- und gelebte Orte, deren 79 Einzigartigkeit sowie deren Grenze und Vernetzung Resultat sozialer Praxis ist.“
Bei dem Objektbeispiel Stadtteil, werden in Form der Stadtteilgeschichte oder durch „Hören-Sagen“, Objektinformationen übermittelt. Aber auch die erlebbare Dynamik eines Stadtgebiets und die baulichen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten kommunizieren klassenspezifische Informationen. 80
„Der Geruch von Pflanzen, frisch gestrichenen Wänden oder Autoabgasen prägt die Wahrnehmung und damit die Konstitution von Raum, ohne daß die sozialen Güter sichtbar sein müssen. Da alle Sinne angesprochen werden, kann auch Gehörtes oder Gesprochenes 81 die Konstitution beeinflussen, ohne gleichzeitig gesehen zu werden.“
Die dadurch in die Wahrnehmung gelangenden Informationen treffen auf den Informationsstatus und werden anhand des Vorwissens verglichen und aktualisiert. So können auch Meinungen oder Vorurteile durch Konditionierung verändert werden. Falls keine
76 Ebd., S. 156.
77 Vgl. ebd., S. 176 ff. 78 Löw: Raumsoziologie, 2001, S. 272. 79 Löw u.a., 2007, a.a.O., S. 13.
80 Vgl. ebd. 81 Löw, 2001, a.a.O., S. 195.
Informationen über ein Objekt vorhanden sind, sind die ersten Informationen immer bildprägend und für das Individuum informationsspendend. 82
Es bleibt damit festzuhalten, dass die Wahrnehmung mit den menschlichen Sinnesorganen arbeitet. Da, wo das Auge seine Grenzen der Wahrnehmung erreicht, hilft ihm das Gehör oder der Tastsinn. 83
Im Weiteren wird am Beispiel des Stadtteils, die Verarbeitung von Reizen und Informationen zu einem Meinungsbild verdeutlicht.
Abb. 5: Mechanistische Erklärung menschlicher Wahrnehmungs- und
Quelle: Vgl. Mayer/Mayer 2000, S. 11. (Exemplarisch am Beispiel: Stadtteil)
„Da Wahrnehmung meistens auf soziale Güter bzw. Lebewesen in ihrem Arrangement zielt, werden diese zusammen mit den Orten, an denen sie platziert sind, wahrgenommen. Ort und 84 platziertes Element werden nicht getrennt.“
Das Modell zeigt den Einfluss durch Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse auf individuell-kognitiver Ebene. Objekteigene Reize wirken auf den Rezipienten ein und entwickeln durch Perzeptionsprozesse eine Informationsreduktion. Die einzelnen Objektinformationen werden nicht getrennt, sondern als Ganzes wahrgenommen. Die Wirkungskraft der undifferenzierten Gesamtheit wird somit zu einer Kerninformation reduziert. An dieser Stelle wird das „Image“ bzw. das Vorstellungs- und Meinungsbild durch
82 Vgl. Zimbardo/Gerrig, 2004, a.a.O., S. 157 ff.
83 Vgl. Curdes: Stadtstruktur und Stadtgestaltung, 1997, S. 3. 84 Löw, 2001, a.a.O., S. 199.
die Wahrnehmung erzeugt. Der Rezipient leitet anhand der geschlussfolgerten Informationen und des bereits vorhandenen Objektbildes ein angemessenes Verhalten zum Objekt ab. 85 Die Umwelt wird bewusst oder unterbewusst, von Rezipient zu Rezipient unterschiedlich wahrgenommen. Dabei orientiert sich die Wahrnehmung an den Informationen oder Eigenschaften, die für den Rezipienten in einem bestimmten Moment besonders wichtig sind. Hinzukommend ist die Wahrnehmungsfähigkeit individuell unterschiedlich. Sie ist je nach menschlicher Tagesform, Lebenszyklus und je nach Habitus verschieden. 86 „Deshalb ist die Wahrnehmung der umgebenden Welt kein Prozeß, der für alle Menschen 87 gleich abläuft, sondern er ist geprägt vom Habitus als einem - Wahrnehmungsmoment -.“
Das gesellschaftliche Wahrnehmen konzentriert sich im Gegensatz zum individuellen Wahrnehmen vor allem auf kulturell geprägte Werte von Objekteigenschaften und Informationen innerhalb eines sozialen Systems.
Es existieren bestimmte Regeln, Normen und Werte, die durch Traditionen oder Gesetze gesellschaftlich etabliert sind. Ihre Imagewirkungen reichen bis ins einfache soziale Miteinander. 88
Moderne Gesellschaften besitzen das Potenzial ihren Mitgliedern, z.B. in Form von Medien breites Wissen über gesellschaftliche Verhältnisse zu bieten. Hierbei besteht allerdings die Gefahr der Verallgemeinerung und der unzureichenden Informationsübermittlung. Dieses massenhafte und lückenhafte Wissen ist aufklärend, beeinflusst aber auch die soziale Realität einer modernen Gesellschaft.
Insbesondere die Faktoren des Informationsmangels und der Verallgemeinerung fungieren als Grundlage für die Existenz von Vorurteilen bzw. sozialer Ausgrenzung. 89 So versteht man in der Sozialpsychologie unter einem Vorurteil:
„Eine gelernte Einstellung gegenüber einem Zielobjekt, die negative Gefühle (Abneigung oder Furcht), negative Überzeugungen (Stereotypen), welche die Einstellungen legitimieren, und eine Verhaltensabsicht umfasst, Objekte der Zielgruppe zu vermeiden, zu kontrollieren, zu 90 dominieren oder auszulöschen.“
Menschen tendieren dazu, andere Menschen in soziale Gruppen zuzuordnen. Sie neigen dazu gruppenspezifische Eigenschaften, wie z.B. das Verhalten usw., auf die Menschen einer kategorisierten Gruppe zu übertragen (Rasse, Geschlecht etc.). Dieser Wahrnehmungs- und Kategorisierungsvorgang hilft dem Menschen bei seiner Definition von sozialer Realität und macht die Individuen und Gemeinschaften einer Gesellschaft besser identifizierbar.
85 Vgl. Mayer/Mayer: Imagetransfer, 2000, S. 11 f.
86 Vgl. Löw, 2001, a.a.O., S. 197. 87 Ebd., S. 197.
88 Vgl. Zimbardo/Gerrig, 2004, a.a.O., S. 815.
89 Vgl. ebd., S. 815 f. 90 Ebd., S. 815.
Das Aufheben oder Reduzieren von Vorurteilen und beiläufigen Effekten geschieht am Besten über den intensiven Austausch von Objektinformationen. 91
5.5 Raumwahrnehmung
Wie eben geschildert, ergibt sich die Wahrnehmung anhand der menschlichen Sinnesleistungen. Vor allem durch die Sehleistung des Auges kann der Mensch sich ein strukturiertes und detailgetreues Bild seiner Umwelt machen. Hierfür sind in erster Linie das Licht, Reflektionen, Kontraste, Nähe, Ferne, Höhen- oder Tiefenwahrnehmung zuständig. Der Mensch nutzt diese Eigenschaften zur Orientierung innerhalb seines Lebensraums. Dazukommend ist der Prozess der Raumwahrnehmung stark von der Konditionierung, in Form des Erlernens räumlicher Strukturen und Gebilde (Formen) abhängig. So sind Straßen, Gehwege, Felder oder Häuser- (Anordnungen), Kirchen etc. statische Objekte, die räumlich manifestiert sind und somit für den Betrachter eine Orientierungshilfe darstellen. 92
Bei der Wahrnehmung der dreidimensionalen Welt wird die Bildprägekraft durch die Betrachtungsperspektive wesentlich beeinflusst. Der dreidimensionale Raum lässt mehrere Perspektiven zu, somit werden auch mehrere Wahrnehmungs- bzw. Erlebnismöglichkeiten von ein und demselben Raum möglich.
„In der einen Richtung wirkende Vorsprünge, Gebäude, Reklametafeln können in der anderen Richtung eine veränderte Wirkung haben, neue, nur einseitig orientierte Besonderheiten können tatsächlich nur durch Kopfdrehung erfasst werden. Dadurch erklärt sich die z.T. 93 unterschiedliche Wirkung einer ansonsten völlig gleichen Straße.“
Kevin Lynch erfasste die Einflüsse von Raumformen und ihrer Bildprägekraft. Im Kapitel: „Die Bildprägekraft der Raumformen“ wird in dieser Arbeit noch einmal gesondert auf die Einflüsse verschiedener Raumformen und ihre Einprägsamkeit eingegangen.
Das Raumerlebnis ist auch zuständig für die Entstehung von menschlichen Sicherheitsgefühlen. Alles was nicht oder nur schlecht sichtbar ist, wie bspw. ein von hinten heranfahrendes Auto oder ein schlecht beleuchteter Stadtteilbereich, sorgt für Unsicherheit und sogar für Angst. Räumliche Homogenität erzeugt zudem eine schlechte Orientierbarkeit innerhalb eines Raums und lässt ihn monoton, langweilig und variantenarm wahrnehmen. Eine übermäßige Heterogenität des physischen Raums birgt allerdings die Gefahr, eines mosaikartigen Chaos, welches ebenfalls für Orientierungslosigkeit sorgt. Eine dichtbebaute
91 Vgl. ebd., S. 816 ff.
92 Vgl. Curdes, 1997, a.a.O., S. 3 ff. 93 Ebd., S. 3.
Siedlung kann auch anhand der mangelnden Übersichtlichkeit des Raums für erdrückende Emotionen und zu individueller Bedeutungslosigkeit führen. 94 Ansonsten gilt bei der Wahrnehmung des Raums und ihrer Gebilde:
„Je klarer und eindeutiger eine Form ist, umso leichter ihre Identifizierung; Je deutlicher sie sich von der Umgebung abhebt, umso leichter fällt die Umrißerkennung; Je einprägsamer der Umriß/die Gestalt, umso einfacher die Speicherung/Erinnerung; Je spezieller/seltener die Form, umso leichter die Unterscheidung; Je bedeutsamer der Gegenstand/die Situation, umso genauer/liebevoller die Wahrnehmung; Je kontrastierender der Gegenstand im Kontext, umso 95 größer ist der Aufmerksamkeitswert.“
Zudem hat die Raumtrennung einen Einfluss auf die Erlebbarkeit des Raums. Ist der Raum öffentlich und damit allen zugänglich, ist er halböffentlich und nur bestimmten Gruppen bzw. Schichten zugänglich? Ist er gemeinschaftlich oder sogar privat? Ein unzugänglicher Raum kann nur ein phantasiehaftes Bild im Rezipienten ergeben. 96
6. Stadtteilimage & Wechselwirkungen
In diesem Kapitel werden die Imageeigenschaften auf den Untersuchungsgegenstand „Stadtteil“ übertragen. Im Forschungsstand wurden die wesentlichen Ursachen und Wirkungen eines negativen Gebietsimages erwähnt. In diesem Kapitel sollen die Wechselwirkungen von Wohnumfeld, Segregation, Wohnungsmarkt, Stadtteilgeschichte sowie die Identifikation mit dem Stadtteil auf ihre Imageproduktion näher betrachtet werden.
Ein positives Stadtteilimage ist etwas Gutes. Es charakterisiert sich i.d.R. durch eine überwiegend zufriedene Bewohnerschaft mit einer hohen Stadtteilidentifikation. Die Baustruktur ist in einem guten Zustand. Räumlich gibt es wenn überhaupt nur latente Defizite. Meistens sind diese Merkmale allenfalls für ein neutrales Image ausreichend. Man verbindet nichts negatives aber auch nichts außerordentlich positives mit diesem Stadtteil. Soll ein Stadtteil allerdings besonders positiv wirken und eine gesellschaftliche Stellung erreichen oder will man es aus einer negativ belegten Verbindung lösen, bedarf es einer unverwechselbaren Eigenschaft oder einer viel gesuchten Qualität, die wann immer man sie in der Öffentlichkeit diskutiert, spezielle (positive) Assoziationen zulässt. 97 Spricht man zum Beispiel im Ruhrgebiet über den Duisburger-Innenhafen, verbindet man mit ihm wahrscheinlich die exklusiven Bau- und Wohnformen sowie die neuwertigen Bürogebäude oder die künstlerischen Inszenierungen wie der „Garten der Erinnerung“ von Dani Karavan. Jedes dieser Bilder zeugt von architektonischer Einzigartigkeit bzw. von einer Exklusivität des Raums.
94 Vgl. ebd., S. 5. 95 Curdes, 1997, a.a.O., S. 7.
96 Vgl. ebd., S. 206 f.
97 Vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein- Westfalen, 2006, a.a.O., S. 10 ff.
Arbeit zitieren:
Diplom-Sozialwissenschaftler Sandro Di Maggio, 2008, Die Soziale Stadt - Stadtteilimage & Entwicklungsbedarfe, München, GRIN Verlag GmbH
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