Inhalt
1. Einleitung 3
2. Erforschte Männlichkeit 5
3. (Geschlechter-)Diskurse im Fin de Siècle 9
4. Erzählte Männlichkeit 15
4.1. Anatol 15
4.2. Leutnant Gustl 25
4.3. Casanovas Heimfahrt 34
4.4. Zusammenfassung 43
5. Schluss 45
6. Literatur 46
2
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit will nun über Männer nachdenken, vielmehr über die Konstruktion der Männlichkeit(en) in drei ausgewählten Texten von Arthur Schnitzler: dem Einakterzyklus Anatol (1893), der Monolognovelle Leutnant Gustl (1900) und der Erzählung Casanovas Heimfahrt (1918). Mein Erkenntnisinteresse gilt der Darstellung der verschiedenen Typen von Männlichkeit, die in den Texten konstruiert werden. Da die Literatur aus der Zeit der Jahrhundertwende mit den zeitgenössischen Diskursen, den wissenschaftlichen wie den philosophischen und psychologischen, in symbiotischer Beziehung steht und diese auch aktiv mitgestaltet, wird zu untersuchen sein, inwiefern zeitgenössische Männer- und Geschlechterbilder in Schnitzlers Texten aufgegriffen, verarbeitet oder kritisiert werden. In die Analyse soll auch die Komposition der Texte und deren Beitrag zur Konstruktion der Männlichkeit - so gegeben - miteinbezogen werden.
Zu Beginn der Beschäftigung mit Schnitzlers Texten im Hinblick auf eine geschlechtsorientierte Analyse galt mein Interesse zunächst den dargestellten Frauenfiguren beziehungsweise den (mitunter kritisierten) idealtypischen Imaginationen von Weiblichkeit. 1 Allerdings wurde bald klar, dass die Frauenbilder nicht losgelöst von den Männerbildern der Epoche beleuchtet werden können, da, wie schon die österreichische Frauenrechtlerin Rosa Mayreder 1905 in ihrem Essay Von der Männlichkeit feststellt, „die beiden Geschlechter in einer zu engen Verbindung [stehen und] voneinander zu abhängig [sind], als daß Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten.“ 2 Mein Interesse verschob sich also hin zu einer genaueren Betrachtung der Männlichkeitstypen oder vielmehr der Konstruktionen von Männlichkeit.
Die in den letzten Jahren mehr und mehr an Gewicht gewinnende Männerforschung, welche sich zunächst vor allem im englischen Sprachraum unter dem Begriff der Men’s Studies entwickelte und etablierte, hat aufgezeigt, dass ‚Männlichkeit’ stets als ein Konstrukt betrachtet werden muss (daher nun immer öfter in Anführungszeichen gesetzt), welches
1 Zum Konzept der ‚imaginierten Weiblichkeit’ als Manifestation des ‚Weiblichen’ in der Literatur vgl. Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt a. M., 1979.
2 Vgl. Mayreder, Rosa: Von der Männlichkeit. In: Zur Kritik der Weiblichkeit. Essays. [erstmals erschienen 1905]. Wien, 1998. S. 93.
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verschiedenen historischen und soziologischen Einflüssen unterliegt. Der aktuelle For-schungsstand auf diesem Gebiet soll im Kapitel Erforschte Männlichkeit kurz dargestellt werden, vor allem, um das Konzept der ‚Konstruktion’ von Männlichkeit(en) zu veranschaulichen. Stefan Horlacher weist in seinem Forschungsbericht zum aktuellen Stand von Geschlechterforschung und Literaturwissenschaft auf die symbiotische Beziehung zwischen den beiden Disziplinen hin. Er hält fest, dass Literatur sich nahtlos an gegenwärtige Diskussionen um sex und gender anschließen, ja diese Diskussionen zu einem guten Teil sogar vorwegnehmen kann und dass sich in der literarischen Darstellung nicht nur veritable Krisen von Männlichkeit und somit auch Geschlechtlichkeit spiegeln, sondern dass diese Krisen in ihrem vollem Ausmaß mitunter erst sehr verzögert in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangen können. 3 Im Wien zur Zeit der Jahrhundertwende entsteht der Diskurs über die Geschlechter ebenfalls aus der wechselseitigen Beziehung zwischen (pseudo)wissenschaftlichen Geschlechtertheorien und den Texten aus dem Literatenkreis des ‚Jungen Wiens’. Die Entwicklung des Geschlechterdiskurses darf demnach nicht im Sinne eines Einfluss-Modells philosophischer und wissenschaftlicher Theorien auf die Literatur gedacht werden, sondern vielmehr entwickelten die ‚Jung Wiener’ in ihren Texte parallel zu, beispielsweise, den Arbeiten Freuds ähnlich Konzepte der Psyche und des Geschlechterverhältnisses. 4 Im Kapitel (Geschlechter-)Diskurse im Fin de Siècle sollen dann der sozio-kulturelle Hintergrund und einige grundsätzliche Theorien, die gewissermaßen die ‚Arbeitsbasis’ für die Analyse bilden, vorgestellt werden. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass die Ausführungen in den Kapiteln zwei und drei keinen Anspruch darauf erheben, eine erschöpfende Darstellung der jeweiligen Bereiche zu leisten, sondern lediglich auf die für meine Analyse relevanten Forschungsergebnisse und Diskurse eingegangen wird.
Im Anschluss daran werde ich im Kapitel Erzählte Männlichkeiten die drei ausgewählten Texte Arthur Schnitzlers auf die jeweiligen Konstruktionen und Darstellungen von Männlichkeit hin analysieren. Die Auswahl der Texte begründet sich damit, dass sowohl in Anatol als auch in Leutnant Gustl zwei Leitfiguren der Epoche, Dekadent und Offizier, dargestellt sind. Diesen beiden jugendlichen Protagonisten soll dann mit dem heruntergewirt- 3 Horlacher,Stefan: Men’s Studies and Gender Studies and the Crossroads. Überlegungen zum aktuellen Forschungsstand von Geschlechterforschung und Literaturwissenschaft. In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht. XXXVII. Hg. v. Rudolf Böhm u.a. Würzburg, 2004. S. 182.
4 Vgl. hierzu Michael Worbs Ausführungen zum Verhältnis von Psychoanalyse und dem Jungen Wien in seinem Buch Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Frankfurt a. M., 1983 (S. 62ff). Siehe auch Rohrwasser Michael: Der Gemeinplatz von Psychoanalyse und Wiener Moderne. Eine Kritik des Einfluss-Modells. In: Arthur Schnitzler im zwanzigsten Jahrhundert. Hg. v. Konstanze Fliedl. Wien, 2003.
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schafteten Abenteurer Casanova aus Casanovas Heimfahrt noch eine gealterte Männlichkeit gegenübergestellt werden. Zudem werde ich nach verbindenden und trennenden Elementen dieser drei Typen suchen und Schnitzlers Position zu ihnen herausarbeiten. Des Weiteren ist der These nachzugehen, ob nicht anstatt drei verschiedener Männlichkeiten eher Facetten eines männlichen Epochentypus in den Werken dargestellt werden, der durch bestimmte Konzepte und Eigenschaften charakterisiert ist. Meine Analyse wird sich hauptsächlich auf die Konstruktionen der jeweiligen Protagonisten der Texte beschränken, da eine Untersuchung aller dargestellten Männlichkeiten den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Dennoch werden die ‚Nebenfiguren’, sowohl die männlichen als auch besonders die weiblichen, in die Analyse miteinbezogen, da an den Beziehungen der Figuren - und besonders der Geschlechter - zueinander die jeweiligen Charakteristiken der konstruierten Männlichkeit abgelesen werden können.
Im folgenden Kapitel werde ich nun zunächst einen knappen Abriss des aktuellen For-schungsstands der Männerforschung geben und auf die Entwicklungen der Männlichkeit bis hin zum späten 19. Jahrhundert eingehen.
2. Erforschte Männlichkeit
Der ‚Männlichkeit’ und der Geschichte der Männer wurde, ganz im Gegenteil zur ‚Weiblichkeit’, lange Zeit wenig Aufmerksamkeit und Forschungsinteresse entgegengebracht. Dies liegt darin begründet, dass die Geschichte von ‚Männlichkeit’ lange Zeit als Geschichte universeller Menschlichkeit gesehen und somit lediglich das ‚Weibliche’ zu einem Geschlecht, zum Anderen, wurde. Diese Identifikation des ‚Männlichen’ mit dem Allgemeinen und dem Universalen wurde, so Ehrhart in seiner Arbeit über den literarischen Ursprung moderner Männlichkeit, zwar „häufig genug kritisiert, deren Logik wurde jedoch unverändert beibehalten, wenn sich Geschlechter-Geschichte und Geschlechter-Theorie allein auf die Erforschung des ‚Weiblichen’ beschränkten.“ 5 Ausgehend von feministischen Forschungen zur ‚Weiblichkeit’ wurden die Kategorien von gender und sex 6 entwi-
5 Vgl.Ehrhart, S. 48.
6 Die aktuelle Geschlechterforschung trennt in sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht). Gender ist eine „gesellschaftliche Kategorie, die auf den geschlechtlichen Körper aufgesetzt wird.“ Gender beinhaltet zudem die „sozialen Beziehungen zwischen den Geschlechtern“ und obwohl der Begriff zunächst in der feministischen Forschung in Bezug auf eine weibliche Perspektive verwendet wurde, sagt er notwendigerweise immer auch etwas über männliche Sichtweisen und Erfahrungen aus. Vgl. Scott, Joan W.: Gender. Eine nützliche Kategorie der historischen Analyse. In: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Hg. v. Dorothee Kimmich u.a. Stuttgart, 2003. S. 419f.
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ckelt. Michael S. Kimmel, Jeff Hearn und R. W. Connell weisen in ihrem Handbook of Studies on Men and Masculinities auf die Folgen der Einführung des gender-Begriffs hin:
Revealing the dynamics of gender, however, also makes masculinity visible and problematizes the position of men. Where men’s outlooks and culturally defined characteristics were formally an unexamined norm for science, citizenship, and religion, the specifity of different masculinities is now recognized, and their origins, structures, and dynamics are investigated. This investigation has now been active for more than 20 years and has produced a large and interesting body of research. 7
Im Folgenden will ich nun die wesentlichen Forschungsergebnisse der Men’s Studies, ausgehend von den Arbeiten von R. W. Connell 8 , zusammenfassen. Connell betont, dass es kein einziges überall anzutreffendes Männlichkeitsmuster gibt, sondern dass vielmehr „von ‚Männlichkeiten’ im Plural“ gesprochen werden muss, da unterschiedliche Kulturen und geschichtliche Epochen das soziale Geschlecht in unterschiedlicher Weise konstruieren. Die so entstehenden Männlichkeiten unterscheiden sich zudem nicht nur zwischen Gemeinschaften (etwa denen verschiedener Epochen), sondern auch innerhalb einer bestimmten Umgebung. Verschiedene Männlichkeiten reihen sich, nach Connell, nicht Seite an Seite, sondern es bestehen klar umrissene soziale Beziehungen zwischen ihnen, welche in erster Linie hierarchischer Natur sind. So sind einige Männlichkeiten dominant, während andere an den Rand gedrängt oder in Verruf gebracht werden. Connell geht von einer für jede Gemeinschaft existierenden „hegemonialen Form der Männlichkeit“ aus, die am anerkanntesten oder am begehrtesten ist und damit in der Hierarchie an oberster Stelle steht. Männlichkeiten werden innerhalb einer Kultur kollektiv bestimmt und von einer Reihe von Institutionen und Einrichtungen geformt und gestützt, angefangen bei der Erziehung im Elternhaus und der Schule oder beispielsweise auch im Militär. Der männliche Körper ist, so Connell, für die Bestimmung der Männlichkeitsmuster nicht maßgebend, vielmehr bilden die Körper, biologisch männliche wie weibliche, die „Arena für die Erzeugung von Geschlechtsmustern“. Dementsprechend sind Männlichkeiten auch weder in die Gene „einprogrammiert“ noch allein durch soziale Strukturen bestimmt, sondern sie „entstehen im Handeln der Menschen“ und werden somit „aktiv erzeugt, indem man sich der in einem bestimmten sozialen Kontext verfügbaren Mittel und Strategien bedient.“ Für Connell besteht einer der Hauptgründe, warum Männlichkeiten nicht etwas Feststehendes sind, darin, dass sie nicht „homogene und simple Seinsweisen“ bilden, sondern widersprüchliche
7 Kimmel, Michael S. u.a. [Hgg.]: Handbook of the Studies on Men and Masculinities. Thousand Oaks, 2004. S. 1.
8 Vgl. Connell, R.W.: Die Wissenschaft von der Männlichkeit. In: Hans Bosse und Vera King (Hgg.), Männlichkeitsentwürfe. Wandlungen und Widerstände im Geschlechterverhältnis. Frankfurt und New York, 2000. S. 21-32.
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Wünsche und Verhaltensweisen aufweisen und so „männliche Geschlechtsidentitäten und -praktiken in der Regel innerlich gespalten sind.“ 9
Auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander im Wandel der Zeiten ist für die Men’s Studies und die Geschlechterforschung von Interesse. Thomas Laqueur beschreibt in seinem Buch Auf den Leib geschrieben - Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud den Übergang vom Ein-Geschlechts-Modell vor und während des 18. Jahrhunderts, zum Zwei-Geschlechter-Modell. Nach Laqueur waren bis zum späten 18. Jahrhundert die körperlichen Geschlechtsmerkmale, welche ‚männlich’ von ‚weiblich’ unterschieden, lediglich verschieden platzierte Variationen, die aber auf einen identischen Körper zurückgehen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch werden die biologischen Gegensätze durch das Modell von zwei grundverschiedenen Körpern, also zwei Geschlechtern, erklärt. 10 Karin Tebben weist darauf hin, dass erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Geschlechterdifferenz als „gesammeltes, verbürgtes und weiterzugebendes ‚Wissen der Epoche’“ verwaltet wird und über „die biologische Differenz der Geschlechter hinaus vor allem auf den sozialen Raum Bezug genommen [wird], in dem sich Männlichkeit und Weiblichkeit entfalten kann.“ 11 Die diskursiven Zuordnungen von Männlichkeit in die öffentliche und Weiblichkeit in die private Sphäre sind, so Tebben, jedoch nur auf den ersten Blick eindeutig. Dies zeigt, unter anderem, auch Ehrhart:
[Die] Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit [sind] im 19. Jahrhundert äußerst unklar und durchlässig, und die Demarkationslinien zwischen ‚männlich’ und ‚weiblich’ verlaufen nicht unbedingt nur zwischen Männern und Frauen, sondern sind inhärenter Teil der geschlechtlichen Identität. 12
Während die Geschlechter und ihre Beziehung zueinander im 18. Jahrhundert also noch kaum diskutiert wurden, werden sie im 19. Jahrhundert in dichotome Geschlechtscharaktere eingeteilt: männliche Aktivität steht weiblicher Passivität gegenüber, der männliche Geist dominiert das weibliche Gefühl etc.
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Diese Festsetzungen werden in zahlreichen populärwissenschaftlichen und (pseudo-)medizinischen Schriften als biologisch und naturwissenschaftlich begründbar dargestellt. Auf diese Weise bemühen sich Pädagogen, Sexualwissenschaftler, Psychiater und Mediziner, die Differenz der Geschlechter zu fixieren. Im Umkehrschluss weist dieses Bemühen auf die Notwendigkeit einer solchen Festle-
9 Vgl.Connell, S. 21ff.
10 Vgl. Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Franfurt und New York.
11 Vgl.Tebben, Karin: Männer männlich? Zur Fragilität des ‘starken Geschlechts’. In: Abschied vom Mythos Mann. Kulturelle Konzepte der Moderne. Hg. v. Karin Tebben. Göttingen, 2002. S. 9f.
12 Ehrhart, S. 47.
13 Zu den dichotomen Geschlechtscharakteren vgl. beispielsweise Weininger, Geschlecht und Charakter.
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gung und somit auf einen Umbruch tradierter Geschlechterzuordnungen hin. Hierzu Ehrhart:
Es ist daher kein Zufall, daß parallel zu der Bedrohung der männlichen Geschlechtskonstruktion am Ende des 19. Jahrhunderts gerade die Differenz der Geschlechter in verstärktem Maße epistemologisch und naturwissenschaftlich begründet und festgelegt wird. Der Diskurs über geschlechtliche ‚Abweichungen’ durch weibliche und männliche ‚Krankheiten’ verstärkt den Zwang zur Festlegung der ‚Normalität’, und die ‚Ängste’ vor geschlechtlicher ‚Degeneration’ sind die Kehrseite eines im 19. Jahrhundert neu aufgerichteten Maßstabs über die Ausdifferenzierung der Geschlechter. 14
Auf die vermeintliche Bedrohung der männlichen Geschlechtskonstruktion durch die Weiblichkeit und auf die Festlegung der Geschlechter durch den Diskurs der Hysterie und der Neurasthenie werde ich in Kapitel drei zurückkommen. Zudem werden dort einige Werke und Autoren, die zum Geschlechterdiskurs am Ende des 19. Jahrhunderts beigetragen haben, angesprochen. Die dichotome Festlegung der Geschlechter als Reaktion auf ein Gefühl der Bedrohung macht jedoch klar, dass Männlichkeit sich immer auch in Abgrenzung zu Weiblichkeit definiert. Nach Walter Erhart und Britta Herrmann lässt sich die Geschichte der Männlichkeit als eine Angst-Geschichte beschreiben:
In den abendländisch verbreiteten ‚Frauenbildern’ haben Männer ihre eigenen (unbewußten) Sehnsüchte und Ängste zum Vorschein gebracht und ‚verarbeitet’; die Doppeldeutigkeit dieser Bilderzwischen Heiliger und Hure, unschuldig-reiner ‚weißer’ Frau und bedrohlich sexualisierter ‚roter’ Frau - offenbart den paradoxen Zustand der Männlichkeit zwischen (regressivem) Wunsch nach Wiedervereinigung mit der ursprünglichen Weiblichkeit (dem Mutterkörper, der Erde, dem Heim, dem Tod) und der Aufrechterhaltung einer davon gewaltsam abgespaltenen männlichen Identität. 15
Die angesprochenen Konzepte der unschuldigen ‚weißen’ und der sexualisierten ‚roten’ Frau spiegeln sich in der Literatur des Fin de Siècle in den Konstruktionen der femme fatale und der femme fragile wider, in welchen die Projektion männlicher Wünsche und Ängste auf die Frau zum Ausdruck kommen. 16
Bei einem Blick auf die Geschlechterdiskurse im Fin de Siècle wird deutlich, dass die Verunsicherung der Männlichkeit am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem verstärkten Drang der Festlegung der Geschlechtscharaktere und vor allem zum Wunsch nach Abgrenzung von der als Bedrohung empfundenen Weiblichkeit führt. Im folgenden Kapitel sollen nun die Vorraussetzungen und das diskursive Umfeld, in welchem Schnitzlers Texte über Männlichkeiten entstanden, etwas näher beleuchtet werden.
14 Ehrhart, S. 266.
15 Walter Erhart u. Britta Herrmann: Der erforschte Mann? In: dies. (Hgg), Wann ist der Mann ein Mann? Zur Geschichte der Männlichkeit. Stuttgart/Weimar, 1997. S. 8.
16 Für eine nähere Ausführung der Konstruktionen von Weiblichkeit als ‚femme fatale’ und ‚femme fragile’ sei an dieser Stelle verwiesen auf Carola Hilmes: Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur. Stuttgart, 1990.
8
3. (Geschlechter-)Diskurse im Fin de Siècle
Stefan Zweig stellt in seiner Autobiographie Die Welt von Gestern fest, dass sich die größten Veränderungen im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert im Bereich der Geschlechter und deren Beziehung zueinander vollzogen haben:
Vielleicht auf keinem Gebiete des öffentlichen Lebens hat sich durch eine Reihe von Faktorendie Emanzipation der Frau, die Freudsche Psychoanalyse, den sportlichen Körperkult, die Verselbstständigung der Jugend - innerhalb eines einzigen Menschenalters eine so totale Verwandlung vollzogen wie in den Beziehungen der Geschlechter zueinander. 17
Bevor ich mich der Analyse der Männlichkeiten bei Schnitzler zuwende, ist es also nötig, einen Blick auf die Voraussetzungen, unter denen diese Texte entstanden sind, zu werfen. Zu Beginn dieser Vorstellung der (Geschlechter-)Diskurse im Fin de Siècle möchte ich daher einen knappen Überblick über den sozio-kulturellen Hintergrund der Zeit geben. Hierzu soll kurz die Situation des Bürgertums, vielmehr die der Söhne der Bourgeoisie, dargestellt werden und im Anschluss daran auf einige Haupttendenzen der Wissenschaft und Bewusstseinsgeschichte eingegangen werden, welche häufig als ‚Krisenphänomene’ der Epoche zusammengefasst werden. Ich versuche es jedoch weitestgehend zu vermeiden, die Diskurse künstlich von der Literatur zu trennen und daher werden auch in den jeweiligen Analysen der Texte Schnitzlers relevante wissenschaftliche und poetologische Erscheinungen der Zeit aufgegriffen werden.
Wien befand sich zur Zeit der Jahrhundertwende im Spagat zwischen modernen Lebenserfahrungen und modernisierenden Entdeckungen bei gleichzeitigem Festhalten an antimodernen Tendenzen. Zunächst sind hier, mit Konstanze Fliedl, einige „Phänomene der Beschleunigung“ im Leben der Gesellschaft zu nennen: Die technischen Erfindungen des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, wie das elektrische Licht, das Telefon und das Automobil, erfassten alle Bereiche des Alltagslebens und veränderten die gewohnten Eindrücke und Alltagserfahrungen. 18 Einerseits hatte Österreich einen verlorenen Krieg zu verkraften, andererseits erholte sich das Land wirtschaftlich wieder sehr schnell und es folgte eine „Periode der Spekulation und des Fortschrittsglaubens.“ 19 Die „wirtschaftliche Wachs-tumseuphorie“ der so genannten ‚Gründerzeit’ (den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts) nahm auch durch den Börsenkrach unmittelbar nach der Eröffnung der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 keinen Abbruch, wenngleich er jedoch das „Sicher-
17 Zweig,Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Stockholm, 1982. S. 87.
18 Vgl. Fliedl, S. 9f.
19 Vgl. Fischer, Jens-Malte: Fin de Siècle. Kommentar zu einer Epoche. München, 1978. S. 13.
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heitsgefühl der Aufsteigerschicht“ vorübergehend erschütterte. 20 Eben jenes Sicherheitsgefühl der bürgerlichen Väter wurde von den Söhnen, der Generation der auch Schnitzler selbst angehörte, als „selbstzufriedener Materialismus“, der „überaus bedrückend“ 21 auf sie wirke, beschrieben und abgelehnt. Die Wiener Literaten wenden sich in ihren Werken genau jenen Bürgersöhnen zu und verstehen sich selbst „als späte Nachfahren eines historisch überholten Liberalismus, der ihnen gleichermaßen verwehrt, sich offen für die Großbourgeoisie oder die Unterschicht zu erklären.“ 22 Das Unzugehörigkeitsgefühl im noch ständisch organisierten Vielvölkerstaat Österreich, dessen K.u.K.-Monarchie den „drängenden Problemen“, beispielsweise durch die sich verstärkenden Nationalitätenkonflikte sowie den wachsenden sozialistischen Gruppierungen, „mit einer Politik des ‚Fortwurstelns’“ 23 begegnete, stärkte die Bürgersöhne in ihrem Desinteresse an wirtschaftlichen oder politischen Entwicklungen. Es ist jedoch ebenfalls festzuhalten, dass die jungen Literaten, etwa Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Leopold Andrian u. a. auf finanzielle Unterstützung aus dem Familienvermögen der ‚selbstzufriedenen Väter’ rechnen konnten und sich dementsprechend ohne ökonomische Sorgen der Mischung aus Verunsicherung und Desinteresse hingeben konnten. Die jungen Männer zogen sich also zurück in ein „Gefühl der Isoliertheit und Abgeschnittenheit vom gesamtgesellschaftlichen Prozeß (…), der Melancholie und des Ästhetizismus, das sich in der bereits ausgebildeten europäischen Décadence-Literatur wiederfand und ihr nachzueifern versuchte.“ 24 Auf die Entwicklung und die Charakteristiken der dekadenten Literatur in Wien werde ich in Kapitel 4.1 zurückkommen. Der Bruch mit der Vätergeneration ohne wirkliche neue Perspektive bringt für die Generation der Söhne ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und zieht Problematiken der Identitätsfindung nach sich. Diese werden zudem noch verstärkt durch die stetig wachsende Österreichische Frauenbewegung, welche durch die Destabilisierung der Geschlechterverhältnisse und vor allem durch die vermeintliche Bedrohung der männlichen Identität zum Krisenbewusstsein der Epoche beiträgt. 25 Als gewissermaßen letzte Bastion der Männlichkeit, die (noch) nicht von Frauen beeinflusst wird, gilt das Militär. Ute Frevert spricht in ihrer Arbeit zu den Erfahrungen und Erwartungen des Militärs im 19. Jahrhundert von die-
20 Vgl.Fliedl, S. 17.
21 Vgl. ebd., S. 16.
22 Vgl. Janz/Laermann, S. IX.
23 Vgl. ebd., S. 14.
24 Vgl. Fischer, S. 19f.
25 Als eine der Errungenschaften der Frauenbewegung sei an dieser Stelle beispielhaft der Universitätszugang für Hörerinnen ab 1897, zunächst zur Philosophischen Fakultät der Universität Wien, genannt. Eine Errungenschaft, die starke misogyne Reaktionen nach sich zog, was zeigt, wie sehr sich die männliche Identität von dieser Veränderung bedroht sah (vgl. hierzu Fliedl, S. 11).
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