Inhalt
1. EINLEITUNG. 3
2. LEKTÜREVERTRÄGE 4
2.1. LITERARISCHE KONVENTIONEN 5
2.2. DIE HISTORIE UND DER REFERENZPAKT. 6
2.3. DIE FIKTION UND DER FIKTIONSPAKT 9
3. LEKTÜREPAKTE IM DON QUIXOTE. 13
3.1. DAS TITELBLATT 14
3.2. DIE VORREDEN - FIKTIONSPAKTE. 15
3.3. DIE FIKTION DER HISTORIE - REFERENZPAKTE UND DEREN DEKONSTRUKTION. 18
3.3.1. Die Struktur der Erzählung 19
3.3.2. Metafiktionen im Don Quixote. 20
3.3.2.1. Autor- und Quellenfiktionen 20
3.3.2.2. Außertextuelle’ Referenzen 24
3.3.2.3. Metadiegetische Erzählungen. 26
4. SCHLUSS 26
5. LITERATUR 27
2
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Fiktion einer Historie in Cervantes’ Werk Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha. 1 Die Frage nach den Lektürepakten im DQ möchte ich zunächst in drei ‚Elemente’ teilen. An erster Stelle steht die Frage, welche Pakte dem Leser vom Text angeboten werden. Hierauf möchte ich untersuchen, auf welche Weise und mit welchen textlichen Strukturen die Pakte im Leser aktiviert beziehungsweise ihm angeboten werden. Der dritte Teil der Analyse der Lektürepakte im DQ besteht schließlich darin, aufzuzeigen, wie der Text die angebotenen Lektürepakte dekonstruiert und somit aus sich selbst heraus unmöglich macht.
Zunächst möchte ich in Kapitel 2 die Grundlage entwickeln, von welcher aus ich Cervantes’ Werk hinsichtlich der angebotenen Lektürepakte untersuchen werde. Da DQ mit den Konventionen der fiktiven und der faktualen Literatur spielt, gilt es, für die Analyse Kategorien für eine Zuordnung zur jeweiligen Literatur, und die damit verbundene Rezeptionshaltung des Lesers, festzulegen. Hierzu möchte ich zum einen auf der Grundlage von Philippe Lejeunes Arbeit zur Autobiographie in Der autobiographische Pakt 2 die möglichen textexternen und textinternen Signale aufzeigen, welche beim Leser den entsprechenden Pakt, also fiktiv oder faktual, - im Idealfall - aktivieren. Da sich Lejeune in seiner Analyse hauptsächlich auf die Autobiographie als ‚Ausgangspunkt’ konzentriert, werde ich einiges, was bei ihm implizit bleibt, für die Bedürfnisse meiner Analyse herausarbeiten, um es für eine Anwendung auf DQ fruchtbar zu machen. Um die Fiktion exakter von der Historie unterscheiden zu können, besonders auf erzähltheoretischer Ebene, bezieht der Theorieteil dieser Arbeit zudem die Arbeiten von Gerard Genette Fiktion und Diktion 3 und Käte Hamburger Die Logik der Dichtung 4 mit ein. Aus den zahlreichen Theorien zu fiktiven und faktualen Erzählungen habe ich diese drei Arbeiten zum Ausgangspunkte meiner Analyse gewählt, da sie sich am Leser orientieren (vor allem Lejeune) und zudem gut nachvollziehbar textinterne Strukturen und Erzählmuster
1 Im Folgenden wird die Sigle ‚DQ’ für ‚Don Quixote von la Mancha’ verwendet. Zitiert wird nach der Ausgabe: Cervantes, Miguel de: Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha. Zürich: 1987. Um die Orientierung im Text zu erleichtern, verwende ich die Sigle DQ I für Zitate aus dem ersten Teil und die Sigle DQ II für Zitate aus dem zweiten Teil des Don Quixote.
2 Lejeune, Philippe: Der Autobiographische Pakt. Frankfurt a. M.: 1994. S. 13-51.
3 Genette, Gerard: Fiktion und Diktion. München: 1992.
4 Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung. Stuttgart: 1957.
3
sowie textexterne Indices zur ‚Bestimmung’ der Erzählung heranziehen, welche sich (auch) bei Cervantes finden und somit gut für eine Analyse des DQ genutzt werden können.
Im Anschluss an die Theorie wendet sich meine Arbeit in Kapitel 3 schließlich Cervantes’ DQ im Hinblick auf die von diesem Text angebotenen, aktivierten und dekonstruierten Lektürepakte zu. Meine Analyse bezieht sich auf beide Teile des Werkes, der erste erschienen 1605 und der zweite 1615, welche sowohl jeder für sich als auch und im Besonderen in ihrem Zusammenspiel auf eigene und vielschichtige Weise das Verhältnis vom Leser zum Text thematisieren. Sowohl Umfang als auch Komplexität des Werkes lassen im Rahmen dieser Arbeit lediglich eine exemplarische Analyse der Funktionsweise des Textes und seiner Lektürepakte zu, welche ich deshalb anhand ausgewählter Textstellen aufzeigen möchte.
2. Lektüreverträge
Philippe Lejeune zeigt in Der autobiographische Pakt, dass der Leser sich während, mitunter schon vor der Lektüre in ein bestimmtes Verhältnis zu dem jeweiligen Text begibt. Lejeune spricht in diesem Zusammenhang von einem „zwischen Autor und Leser abgeschlossenen Vertragstyp“ 5 , welcher die Art der Rezeption festlegt. Ausgangspunkt der Untersuchung Lejeunes ist die Rezeption autobiographischer Texte (referentieller Texte), anhand derer er im Umkehrschluss auch das Verhältnis des Lesers zum Roman und in der Folge zu fiktionalen Texten darstellt. Lejeune bezieht zu Beginn seiner Analyse die Position des Lesers gegenüber dem Text. Dies liegt begründet in der Annahme, dass er von der Leserposition aus die „Funktionsweise der Texte (ihr unterschiedliches Funktionieren)“ klarer erkenne, „da sie doch für uns Leser geschrieben wurden und wir sie lesend zum Funktionieren bringen.“ 6 Damit der Leser einen Text zum Funktionieren bringen kann, bedarf es textinterner sowie textexterner Hinweise, welche ihm Aufschluss darüber geben, welcher Art das Geschriebene ist, etwa ob es sich um einen fiktionalen oder einen faktualen Text handelt. Die Analyse eines Textes hinsichtlich seiner Pakte mit dem Leser muss, so Lejeune, die gesamte Ebene der Publikation mit einbeziehen, „also den impliziten oder expliziten Vertrag, den der Autor dem Leser [Hervorhebungen im Original] anbietet, einen Vertrag, der die spezifische Lesart des Textes bestimmt und Effekte erzeugt, die dem Text zugeschrieben werden und ihn
5 Vgl. Lejeune., S. 28
6 Vgl. ebd., S. 14
4
also zu definieren scheinen.“ 7 Das Erkennen und Zuordnen der Signale oder Indices eines Textes erfolgt aufgrund kulturspezifischer literarischer Konventionen, welche sowohl dem Leser als auch dem Verfasser des Textes bekannt sind. Im folgenden Kapitel möchte ich auf diese Konventionen eingehen, da sie die Voraussetzung für jeden Paktschluss zwischen Text und Rezipient bilden. Im Anschluss daran erläutern die folgenden Kapitel die spezifischen Textsignale fiktionaler beziehungsweise faktualer Texte sowie die jeweiligen Lektürepakte.
2.1. Literarische Konventionen
Der Literaturbetrieb, also das Schaffen, Publizieren und Rezipieren von Literatur, weist zu jeder Zeit bestimmte Konventionen auf, welche ihn determinieren. Dies sind bekannte und akzeptierte „Spielregeln“ 8 , welche zur Schaffung von Sinn nötig sind: “When we humans confront any reality, we experience an imperious need to make sense of it. We do this by referring whatever it is to some code or signifying system we have already internalized.” 9 Literarische Konventionen sind Regeln, welche an bestimmten Punkten der Literaturgeschichte festgelegt wurden (etwa beispielsweise durch die Poetik des Aristoteles), die sich dann im Literaturbetrieb mit der Zeit entwickelt und verändert haben, dazu Lejeune:
Die zeitlichen Schwankungen dieser Codes (die sowohl durch die technischen oder kommerziellen Probleme des Verlagswesens bedingt sind) würden viel deutlicher zum Vorschein bringen, dass es sich um Codes handelt, und nicht um ‚natürliche’ oder universelle Gegebenheiten. 10
Solche literarischen Regeln gibt es zum einen für die verschiedenen Gattungen (Lyrik, Drama, Epik), aber auch innerhalb einer Gattung (beispielsweise unterscheidet sich der Kriminalroman vom Liebesroman oder vom Ritterroman) sowie gewissermaßen ‚übergreifend’ für fiktionale und historisch-faktuale Texte. Demzufolge beziehen sie sich sowohl auf inhaltliche als auch auf formale Aspekte von Texten sowie deren Publikation („Publikationscodes“ 11 ). Dass literarische Konventionen über die Textgrenzen hinausgehen können, zeigt Lejeune, wenn er darauf verweist, dass „aufgrund einer gesell-
7 Vgl.Lejeune, S. 50
8 Vgl. Bode, S. 6
9 Johnson, S. 90
10 Lejeune, S. 50
11 Ebd., S. 50
5
schaftlichen Konvention eine tatsächlich existierende Person [Hervorhebung im Original] die Verantwortung [für den Inhalt] übernimmt.“ 12
Literarische Konventionen bedingen sich immer aus dem Kontext und unter den Bedingungen der Zeit ihrer Produktion und Rezeption: „such as the common knowledge and values of its intended public and the literary culture of the time, with its own conventions and expectations.” 13 Leser haben demnach zu einer gegebenen Zeit bestimmte „Lektüremaßstäbe“ 14 , anhand deren sie Texte beurteilen und gewissermaßen zuordnen. Sind die Regeln für alle Beteiligten, im Fall der Literatur also für Autor und Leser, einmal soziokulturell festgelegt, können sie auch variiert werden, um „mit ihnen zu spielen, gerade grundlegende Unterscheidungen zu umspielen, zu überspielen, den Leser oder Zuhörer auf reizvolle Weise im Unklaren zu lassen oder ihn in die Irre zu führen.“ 15 Die Möglichkeit zum Spiel mit den Konventionen ist im Hinblick auf eine Analyse der Lektürepakte im DQ besonders interessant. Cervantes thematisiert in seinem Werk die gängigen literarischen Regeln seiner Zeit, des Barock, und verarbeitet sie ironisch und selbstreflexiv. 16 Dadurch wird dem Leser zum einen die Künstlichkeit und ‚Gemachtheit’ des Textes vor Augen geführt und zum anderen wird die Fiktion einer Historie, wie im DQ, überhaupt erst dadurch ermöglicht, dass die Regeln oder die Codes beider ‚Gattungen’ miteinander vermischt und/oder gebrochen werden. Im Sinne einer Anwendung der Theorie auf die Praxis des Textverständnisses wird vom Leser ein „Lektürepakt“ mit dem Text eingegangen, ausgelöst durch konventionalisierte Signale im Text. Diese Signale unterscheiden, wie bereits erwähnt, Texte in den verschiedenen (Unter-)Gattungen sowie fiktionale von faktualen Texten. In den beiden folgenden Kapiteln möchte ich die textinternen und -externen Signale für faktuale beziehungsweise fiktionale Texte vorstellen.
2.2. Die Historie und der Referenzpakt
Lejeunes Arbeit zur Autobiographie in Der autobiographische Pakt ordnet eben jene Textsorte den referentiellen Texten in Abgrenzung zu fiktiven Erzählungen zu. Am Bei-
12 Vgl.Lejeune, S. 24
13 Martínez-Bonati, S. xix
14 Lejeune, S. 51
15 Vgl. Bode, S. 8.
16 Dies wird besonders deutlich im Prolog zu Don Quixote I, in welchem die Situation des Autors beim Verfassen des Textes beschrieben wird und ein Freund des Autors (in gängigen Interpretationen ein alter ego Cervantes’ [vgl. z.B. Spadaccini/Martín-Estudillo, S. 295]) ihm Ratschläge zum korrekten, d.h. konventionellen, Verfassen eines Vorwortes gibt. Siehe hierzu Kapitel 3.2.
6
spiel der Autobiographie sowie der Biographie, wie von Lejeune dargestellt, lässt sich festhalten, dass referentielle Texte sich zur Fiktion wie folgt unterscheiden:
Sie erheben genauso wie der wissenschaftliche oder der historische Diskurs den Anspruch, eine Information über eine außerhalb des Textes liegende ‚Realität’ zu bringen und sich somit der Wahrheitsprobe [Hervorhebung im Original] zu unterwerfen. 17
Lejeune zufolge weisen narrative Texte (zunächst) drei textuelle Elemente auf: Erzähler und Protagonist, welche innerhalb des Textes ‚liegen’ sowie den Autor, der „am Rande des Textes durch seinen Namen vertreten [ist].“ 18 Im Hinblick auf eine eindeutige Abgrenzung von referentiellen Texten zu Romanen (fiktiven Texten, welche einen Bezug zur Wirklichkeit vortäuschen können) muss jedoch noch ein viertes Element hinzugefügt werden, das des sogenannten „Modell[s]“. 19 Lejeune definiert die Beziehung zwischen dem Protagonisten im Text und dem Modell, dem außertextuellen Referenten in der Realität, als eine Beziehung der Identität, welche aber in erster Linie auf einer „Ähnlichkeit“ beruht. In einer historischen Erzählung begründet eben jene Ähnlichkeit die Identität zwischen der Figur im Text und einer realen Person, da referentielle Texte nicht nach einem „Realitätseffekt“ (wie die Fiktion) streben, sondern nach „dem Bild des Wirklichen“. 20 Nach Lejeune verweisen referentielle Texte auf die erfahrbare Wirklichkeit und somit bezieht sich die erste grammatische Person „ich“ im faktualen Text auf eine reale existierende Person. Allerdings verweist dieses Personalpronomen an sich nicht direkt auf eine Person, sondern lediglich auf ein Subjekt, das etwas äußert. Der Leser muss sich die Frage stellen: ‚Wer sagt „ich“?’ Zur Beantwortung dieser Frage und Identifizierung des Subjekts ist in der schriftlichen Kommunikation innerhalb einer Rede ein Indiz nötig (und zwar ein anderes als das materielle des Körpers in der mündlichen Rede), durch welches das grammatische „ich“ einer realen Person zugeordnet werden kann. Dieses Indiz ist die Signatur, die Unterschrift mit einem Eigennamen unter dem Text, welcher den Sprecher, also das Subjekt der Äußerung, bezeichnet. 21 Auf-grund gängiger Konventionen wird somit jede Äußerung in einem Text von der Person getragen, deren Namen unter oder über dem Text oder auf dem Umschlag des Buches steht. Dieser Name enthält „die ganze Existenz des sogenannten Autors [Hervorhebung im Original] und ist, nach Lejeune, die „einzige unzweifelhaft außertextuelle Markierung, die auf eine tatsächliche Person verweist, die dadurch verlangt, man möge ihr in
17 Lejeune., S. 39
18 Vgl. ebd., S. 39
19 Vgl. ebd., S. 39
20 Vgl. ebd., S. 40
21 Vgl. ebd., S. 19ff
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Vera Meister, 2007, Die Fiktion der Historie: Lektürepakte in Cervantes' "Don Quixote", München, GRIN Verlag GmbH
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