Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zur Struktur von „Die Verflechtung- Der Chiasmus“ 5
2.1 Von der Phänomenologie zur Ontologie 5
3. „der Leib als Lebewesen mit Bewegungen und Wahrnehmungen“ 7
3.1 Die Kritik an Empirismus und Intellektualismus 8
3.2 Die Vorrangigkeit des Leibes S.10
3.3 Zur „inspirierte(n) Exegese“ des Leibes S.13
4. „Die Ordnung des Urpräsentierbaren“ S.16
4.1 Der Leib als „exemplarisches Empfindbares“ S.17
4.2 Das Fleisch als „Grundprinzip“ des Sinnlichen S.19
5. „ Transzendenz“ S.24
6. Schluß S.26
7. Literaturverzeichnis S.27
2
„Der zu enthüllende Seinssinn: es geht um den Aufweis, dass die Ontik, die „Erlebnisse“, die „Empfindungen“, „die Urteile“ (die Objekte, „das Vorgestellte“, kurz alle Idealisierungen der Psyche und der Natur), der ganze Trödel dieser vorgeblich positiven psychischen Realitäten (die lückenhaft und insular sind ohne eigene Weltlichkeit) in Wirklichkeit abstrakte Zuschnitte aus dem ontologischen Stoff, dem „Leib des Geistes“ sind-„ 1 (Notiz Merleau- Pontys im Mai 1960)
1. Einleitung
Maurice Merleau- Pontys Abhandlung „Die Verflechtung- Der Chiasmus“ 2 („L’entrelacs- Le chiasme“ 3 ) ist vermutlich im Jahr 1959 entstanden und entstammt den unvollendeten Nachlassschriften des Philosophen. Der im Nachhinein editierte Text weist die Merkmale eines Fragments auf, folgt jedoch einem weitestgehend nachvollziehbaren Argumentationsverlauf. Der Stil der Abhandlung beruht auf einer Vielzahl metaphorischer Wendungen, lebensweltlicher Beispiele, und einem insgesamt poetisch anmutenden Sprachgebrauch. Dies entspricht auf rein formaler Ebene Merleau-Pontys Absicht, traditionellen dualistischen Denkmodellen das phänomenologische Denken der Bedingungen unserer Wahrnehmung entgegenzustellen.
Wie dies in eingangs zitierter Bemerkung angedeutet wird, geht es Merleau-Ponty dabei um die Kritik an einem verfälschenden Umgang mit ontisch-ontologischen Zusammenhängen. Der Tendenz der traditionellen Philosophie und der klassischen Wissenschaften, Phänomene zu objektivieren, um sie theoretisch brauchbar zu machen, tritt Merleau- Ponty in „Die Verflechtung- Der Chiasmus“ mit einer Untersuchung entgegen, welche die „Mannigfaltigkeit des Sinnes eines Phänomens“ 4 darzustellen versucht. In Opposition zu Descartes’ Spaltung des Seins in den Bereich einer „Ausdehnung als absoluter Äußerlichkeit der Teile“(res extensa) und „des Denkens als in sich gesammelten Seins“ (res cogitans) 5 , strebt Merleau-Ponty dabei den Entwurf einer „Wahrnehmungslogik“ 6 an, die jegliche Konstruktion von Wahrheit auf ihren vorreflexiven Ursprung verweist. Oder wie Stephan Günzel dies einfacher auf den Punkt bringt: Merleau-Ponty bestehe darauf, „dass der Philosoph die Erfahrungsweisen berücksichtigen muss, die zu den Aussagen führen, die er schließlich
1 Merleau-Ponty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare (SU), München: 2004, S.319
2 Ebenda, S.172
3 Merleau-Ponty, Maurice: Le visible et l’invisible(VI), Paris: 2001, S. 170
4 Good, a.a.O., S.38
5 Ebenda, S. 73
6 Merleau- Ponty, SU, a.a.O., S. 323
3
analysiert.“ 7 Wenn Merleau-Ponty in eingangs zitierter Notiz also von dem scheinbaren Paradox eines„Leib des Geistes“ spricht, so meint er damit eine Vorrangigkeit der leiblichen Erfahrung, die nach phänomenologischer Auffassung jeder reflexiven Konstruktion eines reinen Bewusstseins voran steht und die eine dualistische Beschreibung von Leib und Geist schließlich überwindet.
Ein „Umsturz des objektiven Denkens der klassischen Logik und Philosophie überhaupt“ 8 steht jedoch auch vor der formal- sprachlichen Aufgabe, fern einer objektivierenden Ebene „bloßer Kausalität“ 9 zu operieren. Bereits in seinem Hauptwerk, der „Phänomenologie der Wahrnehmung“, formuliert Merleau-Ponty deshalb die Notwendigkeit von „fließenden Begriffen, deren jeder Rückgang auf die Phänomene unumgänglich bedarf“ 10 . In der Einleitung von „Der Chiasmus“ spricht der Philosoph von der Möglichkeit der Philosophie, die dualistisch angelegten Begriffe „Subjekt und Objekt, Existenz und Wesen (…) neu zu definieren“ 11 .
Zentrales Anliegen dieser Arbeit wird sein, die konkrete Terminologie Merleau-Pontys in „Die Verflechtung- Der Chiasmus“ auf ihre Einbindung in die Argumentationsstruktur des Textes und auf ihre definitorische Kraft hin zu untersuchen. Dabei werden bewusst traditionelle Werte eines rationalisierenden und objektivierenden Denkens in die Untersuchungen miteinbezogen, zumal sich Merleau-Ponty einer Argumentationsmethodik bedient, die aus der Beschreibung opponenter Gedankenwelten ein gedankliches Raster konstruiert, aus dem der Philosoph seine eigenen Gedanken ableitet. Innerhalb dieses dialektischen Wechselspiels baut Merleau-Ponty seine Gedanken sukzessive aufeinander auf, so dass im Folgenden verschiedene inhaltliche Schritte im Text festgestellt werden können. Dabei wird sich mit Hilfe der Ausführungen von Paul Good 12 und Stephan Günzel 13 herausstellen, dass Merleau-Ponty bereits vorhandene Gedanken zur phänomenologisch zentralen Bedeutung des Leibes weiterführt und diese in einer neuen Denkfigur zusammenbringt, dem „Fleisch“. Als begrifflicher Mittelpunkt eines „vorobjektiven Bereichs der Erfahrung“ 14 wird diese Wortneuschöpfung Merleau- Pontys, die noch „in keiner
7 Günzel, Stephan: Maurice Merleau-Ponty, Werk und Wirkung- Eine Einführung, Wien: 2007, S. 90
8 Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung (PhW), Berlin: 1965, 72
9 Günzel, Stephan, a.a.O., S. 322
10 Merleau-Ponty, PhW, 73
11 Merleau-Ponty, SU 172
12 Good, Paul: Maurice Merleau-Ponty- Eine Einführung, Düsseldorf: 1998
13 Günzel, a.a.O. und Günzel zus. mit Christof Windgätter: Leib/Raum: das Unbewusste bei Maurice Merleau-Ponty, in: Das Unbewusste II, hg. v. Michael B. Buchholz und Günter Gödde, Gießen: Psychosozial, 585-616
14 Good, a.a.O., S. 38
4
Philosophie einen Namen“ 15 habe, auch Dreh- und Angelpunkt der folgenden Untersuchungen sein.
2. Zur Struktur von „Die Verflechtung- Der Chiasmus“
Wie Stephan Günzel bemerkt, versperren sich die Texte Merleau-Pontys einer linearen Nacherzählung 16 . Auch angesichts der „palimpsestartigen“ 17 Struktur von „Die Verflechtungder Chiasmus“ stellt sich deshalb die Frage nach einer angemessenen Form der analytischen Darstellung. Dass es sich bei dem Text um ein Fragment handelt, kommt erschwerend hinzu. In der Arbeit soll es deshalb darum gehen, anhand einer Übersicht über die verschiedenen Sinnabschnitte des Textes, einen Zugang zu dessen Argumentationsweise zu finden. Parallel wird versucht, die Genese Merleau-Pontys zentraler Begriffe zu thematisieren. Abschließend wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich die äußere Form und die inhaltlichen Aussagen Merleau-Pontys gegenseitig bedingen.
2.1 Von der Phänomenologie zur Ontologie
Wie Paul Good feststellt, erfährt Merleau-Pontys Denken in seinem Spätwerk eine Zuspitzung, die aus einer Kritik des Philosophen am eigenen Frühwerk resultiert. 18 War in der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ Merleau-Pontys ausgewiesenes Ziel, auf Grundlage der phänomenologischen Beschreibung von Wahrnehmung, den vor-objektiven Bereich leiblicher Existenz herauszuarbeiten, spreche er in „ Das Sichtbare und das Unsichtbare“ davon, die vorangegangenen Untersuchungen durch die „Rückkehr zur Ontologie“ zu vervollständigen und damit „die ‚objektive Philosophie’ “ endgültig „mit all ihren Wurzeln aus(zu)reißen“ 19 . Die dezidierte Kritik Merleau-Pontys am eigenen Frühwerk besteht laut Good darin, nie ganz den Dualismus von „Bewusstsein“ und „Objekt“ überwunden zu haben. Die Auseinandersetzung mit Descartes’ „cogito“ sei nach Merleau-Ponty einer bloß negativen Anschauung und damit einer Dialektik verpflichtet geblieben, die mehr beschreibend als befragend vorgeht. So formuliert Merleau- Ponty in seinem Hauptwerk noch als Zielsetzung, „die Wahrnehmung“ so „ins Licht zu setzen“, dass „ihre eigene List durchkreuz(t)“ wird, sich
15 Merleau-Ponty, SU 193
16 Günzel, a.a.O., S. 31
17 Ebenda, S. 31
18 Good, a.a.O., S.231
19 Merleau-Ponty, SU 219
5
selbst „als Faktum vergessen zu machen“ 20 . Die „ontologische Fragestellung“ nach „Subjekt-Objekt“, „Intersubjektivität“ und „Natur“ 21 in seinen Nachlasschriften „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ solle hingegen garantieren, dass all das, was aus „den ersten beiden Büchern“ wieder aufgegriffen wird, „vertieft und berichtigt“ werden soll, im Besonderen die Frage nach der „Wahrnehmung als Abweichung“, dem „Leib als Lebewesen mit Bewegungen und Wahrnehmungen“, der „Transzendenz“ und der„ Ordnung des Urpräsentierbaren“ 22 , dem Fleisch.
Die letzten drei dieser Fragestellungen sind für die Textstruktur von „Der Chiasmus“ zentral und bilden für diesen eine Art Grundraster. In den folgenden Abschnitten dieser Arbeit soll anhand dieser Fragen eine formale und semantische Entwicklung innerhalb des Textes aufgezeigt werden. Während die ersten Sinnabschnitte in „Der Chiasmus“ noch stärker einer Abgrenzung von traditionellen Theorien und damit einer oben angedeuteten positiv- negativ Dialektik verpflichtet sind, entwickelt Merleau-Ponty im späteren Verlauf des Textes auf Basis der Denkfigur des „Fleisches“ einen Argumentationsstil, der zugleich eine Loslösung von der phänomenologischen Methode versucht und damit einen endgültigen Ersatz der klassischen Dualismen und der daran angeknüpften traditionellen Begriffe anvisiert. Wie Good herausstellt, findet sich in Merleau-Pontys Arbeitsnotizen ein zentraler Hinweis, der eine solche methodische Wendung in „Der Chiasmus“ schlüssig macht 23 . Merleau-Ponty formuliert:
„Im Übrigen versagen wir uns in unserer Beschreibung auch Begriffe, die der Reflexion entstammen, sei es der psychologischen oder der transzendentalen: sehr oft sind sie nur Korrelate oder Gegenstücke zur objektiven Welt. Zu Beginn müssen wir auf Begriffe wie „Bewusstseinsakte“, „Bewusstseinszustände“, „Materie“, „Form“ und selbst „Bild“ und „Wahrnehmung“ verzichten. Wir schließen den Begriff Wahrnehmung insoweit aus, als er schon eine Aufteilung des Erlebten in diskontinuierliche Akte voraussetzt oder eine Beziehung zu „Dingen“, deren Status nicht präzisiert ist, oder auch nur einen Gegensatz von Sichtbarem und Unsichtbarem.“ 24
Hier deutet sich bereits an, was sich als zentrales Charakteristikum von „Der Chiasmus“ herausstellen wird: Merleau-Ponty versucht, eine Theorie des „fleischlichen Seins“ 25 zu
20 Merleau-Ponty, PhW 81
21 Ebenda, 219
22 Merleau-Ponty, SU 222
23 Good, a.a.O., S. 233
24 Merleau-Ponty, SU 209
25 Ebenda 179
6
entwickeln, deren Opposition gegenüber der klassischen Transzendentalphilosophie und Ontologie sich nicht länger über eine negative Dialektik, sondern über die Kreation einer dafür erschaffenen Sprache transportiert und damit auf einer völlig eigenständigen Ebene operiert. So spricht Merleau-Ponty im späteren Verlauf des Textes davon, dass Sprache genau dann fähig ist, „einen Sinn (…) in ihren Maschen festzuhalten, (…) wenn sie erobernde, tätige und schöpferische Sprache ist“ 26 . Wenn Merleau-Ponty also in „Der Chiasmus“ formuliert, das „fleischliche Sein“ sei ein „Sein der Tiefen, mit mehreren Blattseiten oder mehreren Gesichtern, als Sein im Verborgenen und als Anwesen einer gewissen Abwesenheit“ 27 , muss geklärt werden, wie Metaphern wie „Blattseiten“ und „Abwesenheit“ im Bezug auf den konkreten Entwurf einer Philosophie des Seins verstanden werden müssen. Dabei wird sich zeigen, dass Merleau-Pontys inhaltliche Ausführungen und deren sprachlicher Transport in der Hinsicht ineinander wirken, als dass der Philosoph versucht, seine Theorie einer schöpferischen Sprache auch auf das eigene philosophische Schaffen anzuwenden.
3. „der Leib als Lebewesen mit Bewegungen und Wahrnehmungen“ 28
Eine Untersuchung des „Leib(es) als Lebewesen mit Bewegungen und Wahrnehmungen“ könnte die Überschrift für den ersten Sinnabschnitt von „Der Chiasmus“ darstellen. Hier gibt Merleau-Ponty einen ersten Abriss über die phänomenologische Wahrheit von sehendem Mensch und sichtbarem Ding und deren Möglichkeit, sich in der Welt zu begegnen. Die zentrale Denkfigur in diesem Zusammenhang stellt „der Chiasmus“ dar, an anderer Stelle spricht Merleau-Ponty auch vom „Überkreuzen von Berührendem und Berührbarem“ 29 und von deren „Übergreifen und Überschreiten“ 30 .
Im Folgenden wird es darum gehen, Merleau-Pontys Gedanken zur Vorrangigkeit des Leibes unter Zuhilfenahme einiger Gedanken aus der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ darzustellen und mit seinen Ausführungen zur „enge(n) Verbindung“ zwischen „Sehendem und Sichtbarem“ 31 zusammen zu bringen. Während die Orientierung an früherem Gedankengut im folgenden Abschnitt für Merleau-Ponty noch im Vordergrund zu stehen
26 Merleau-Ponty, SU 201
27 Ebenda, 179
28 Ebenda, 222
29 Ebenda, 176
30 Ebenda, 177
31 Ebenda, 173
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Anne Breimaier, 2008, Maurice Merleau-Pontys Denkfigur des "Fleisches", München, GRIN Verlag GmbH
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