Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zum Stil der Abhandlung. 4
3. Annäherung an die Thematik eines Sprachursprungs (Erster Abschnitt) 6
3.1 Die Völkersprache des Menschen 6
3.2 Die Auseinandersetzung mit Süßmilch und Condillac 7
3.3 Der Unterschied zwischen Mensch und Tier 9
4. Herders Theorie einer menschlichen Sprach(er)findung (Zweiter Abschnitt) 11
4.1 Der besonnene Mensch 11
4.2. Die Erfindung der Sprache 13
5. Schluß. 16
6. Literaturliste 18
2
1. Einleitung
Herder gewann mit seinem 1772 angefertigten Aufsatz „ Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ 1 den von der Berliner Akademie der Wissenschaften 1769 ausgerufenen Wettbewerb um die Beantwortung der Frage "Sind Menschen, ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen, imstande, Sprache zu erfinden und wenn ja, mit welchen Mitteln sind sie dazu gekommen?" 2 . Die Berliner Akademie berief sich mit der Frage auf die unbefriedigend gebliebenen philosophischen Bemühungen von Condillac und Süßmilch 3 , die Entstehung der menschlichen Sprache zu erklären.
Condillac versuchte sie mit einer „progressiven Artikulation und Spezialisierung natürlicher Ausdrucksbewegungen“ 4 des Menschen zu erklären, die sich bei maximaler Ausdifferenzierung zu klaren Sprachzeichen entwickeln. Dazu benötige der Mensch jedoch die Fähigkeit zur Reflexion. Und diese Fähigkeit könne er erst durch den Gebrauch dieser Sprachzeichen erlernen. Es entstand also ein gedanklicher Zirkel, der von Süßmilch mit der These bedacht wurde, der Ursprung der Sprache könne nicht hergeleitet werden, deshalb müsse er göttlich sein.
Die Frage der Akademie der Wissenschaften nach der natürlichen Fähigkeit des Menschen, sich selbst Sprache zu erfinden, war gegen diese Behauptung Süßmilchs gerichtet. Die Kategorie des Ursprungs war nicht in der Frage enthalten, Herder nimmt in der Überschrift und im ersten Abschnitt seiner Abhandlung mit der Ursprungsfrage konkret Bezug auf seine beiden Vordenker Condillac und Süßmilch.
Diese Arbeit behandelt die ersten zwei Abschnitte von Herders Abhandlung. Während im ersten Abschnitt die Auseinandersetzung mit benannten Vorgängertheorien die Kernstruktur des Textes ausmacht, widmet sich Herder im zweiten Abschnitt ganz seiner eigenen Theorie der menschlichen Verfasstheit und der damit verbundenen Genese menschlicher Sprache. Ziel der Arbeit soll sein, Herders Argumentationsstruktur in diesen Abschnitten darzustellen und seine zentralen Annahmen zu extrahieren.
1 Herder, Johann Gottfried, „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, Stuttgart: 1997
2 http://www.uni-potsdam.de/portal/nov01/ursprung.htm
3 de Condillac, E. Bonnet, "Essais sur l’origine des connaissances humaines", 1746 ; Süßmilch, Johann Peter,"Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht von Menschen, sondern allein vom Schöpfer erhalten habe", Berlin: 1766
4 Gaier, Ulrich, „Herders Sprachphilosophie und Erkenntniskritik“, Stuttgart Bad-Canstatt: 1988, S. 75
3
2. Zum Stil der Abhandlung
Die Abhandlung Herders versperrt sich zunächst einer logisch-analytischen Lesart. Dies erklärt sich durch die formale Analyse der ersten drei Absätze: Der erste Satz „Schon als Tier hat der Mensch Sprache.“ 5 , scheint zwei Auffassungen zu beinhalten. Zum einen wird hier von einer biologischen Entwicklung des Menschen aus einem tierischen Zustand ausgegangen. Zum anderen wird der Begriff der Sprache analog auf das Tier und den Menschen angewandt. Beide tragen in sich ein „tierisches Gefühl“ 6 , wird im Folgenden behauptet, dessen Wesen es entspricht, sich zum Zwecke der Mitteilung in Form von Empfindungslauten, nach Außen zu zeigen. Mensch und Tier seien Naturgeschöpfe, die Funktion ihrer tönenden Gefühlsäußerung liege in der Kommunikation mit dem Mitgeschöpf. Beim Menschen seien dies Gefühlstöne, deren „Natur noch von aller forschenden Vernunft nicht hat erforscht werden können“ 7 . Es verberge sich also ein Kern tierischer Veranlagung im Sprachgebaren des Menschen, ohne dass dieser Kern dabei von der Vernunft kontrolliert werde.
Herder beschreibt diese gemeinsame Veranlagung als unumgänglich und bindend für Mensch und Tier. Als Beispiel für solche Empfindungslaute nennt er den Aufschrei bei Schmerz. Am Ende des zweiten Absatzes wird dies folgendermaßen auf den Punkt gebracht:
„ Diese Seufzer, diese Töne sind Sprache. Es gibt also eine Sprache der
Empfindung, die unmittelbares Naturgesetz ist.“ 8
Der hier eingeführte Begriff von Sprache als sowohl tierisch wie auch menschlich, wird jedoch im dritten Absatz schon modifiziert. Herder unterscheidet jetzt zwischen der menschlichen Sprache, die er „unsre künstliche Sprache“ 9 nennt, und der zuvor beschriebenen Sprache der Empfindungen, der „Sprache der Natur“ 10 .
Zudem wird im ersten Satz des dritten Absatzes die vorige Gleichsetzung von Mensch und Tier bereits relativiert:
„Daß der Mensch sie (die Sprache der Empfindungen) ursprünglich mit den Tieren gemein habe, bezeugen jetzt freilich mehr gewisse Reste als volle Ausbrüche…“ 11
5 Herder, S.5
6 Ebenda, S.5
7 Ebenda, S.5
8 Ebenda, S.6
9 Ebenda, S.6
10 Ebenda, S.7
11 Ebenda, S.6
4
Diese modifizierte Auffassung der Gemeinsamkeit von Mensch und Tier, findet ihren vorläufigen Höhepunkt in Herders Feststellung, jede Gattung habe ihre eigene Sprache der Empfindung, die von anderen Gattungen nur verstanden werden könne, wenn sie direkt verwandt seien. Der Mensch, bei Herder symbolisiert durch den Araber, der lange Zeit alleine mit seinem Pferd verbringt, könne das Tier nur aus Gewohnheit verstehen, nicht aber der Verwandtschaft wegen.
Der Verlauf dieser ersten Abschnitte der Abhandlung steht exemplarisch für Herders argumentative Vorgehensweise im ganzen Text. Wie Heise 12 anmerkt, verliere der erste Satz („Schon als Tier hat der Mensch Sprache“) im weiteren Verlauf des Textes an Bedeutung, weil Herder fortan mit dem Begriff der Sprache auf unterschiedlichen Ausdrucksebenen agiert. So scheint Sprache zunächst für Mensch und Tier, die Naturfähigkeit zur Kommunikation über Empfindungslaute zu bedeuten. Nachdem Herder aber zwischen der künstlichen Sprache des Menschen und der Natursprache des Tieres unterschieden hat, offenbart sich sein Gebrauch des Wortes Sprache für die Artikulation des Tieres als bloße Analogie für etwas Sprach-Ähnliches. Dieser „transistorische“ 13 Gebrauch der Begriffe Herders und der damit verbundene mäandernde Verlauf seiner Argumentation steht für Gaier 14 im Kontext eines Schreibens, das dialogisch vorgeht:
„Herders Texte (…) „wachsen“ meist aus vorläufigen und entgegengesetzten Positionen (…) zu immer komplexeren und reflektierteren, die früheren 15
aufhebenden und korrigierenden Aussagen“
Es wird sich noch herausstellen, dass Sprache im eigentlichen Wortgebrauch von Herder ausschließlich als ausdrückende Fähigkeit des Menschen und nicht der Natur verstanden wird. Allerdings ist es mit der finalen Feststellung von Herders Auffassungen laut Gaier nicht getan. In der dynamisch angelegten Argumentationsstruktur der Abhandlung liege ein Appell an den Leser verborgen, vom statisch-logischen Denken Abschied zu nehmen, um sich der Dynamik des behandelten Themas selbst, der menschlichen Sprache, bewusst zu werden. Im Folgenden wird es darum gehen, die formale Dynamik der Abhandlung einzufangen, ohne jedoch die klare Darstellung von Herders Thesen zu vernachlässigen.
12 Heise, Jens, „Johann Gottfried Herder“, Hamburg: 1998, S.25
13 Gaier, S.11
14 Ebenda, S.80 15 Ebenda, S.11
5
Arbeit zitieren:
Anne Breimaier, 2007, Johann Gottfried Herders "Abhandlung über den Ursprung der Sprache", München, GRIN Verlag GmbH
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