Universität Mannheim Sommersemester 2002 Lehrstuhl für Ältere Germanistik HS: Paracelsus; Naturphilosoph und Gesellschaftskritiker
Das „Licht der Natur“ bei
Paracelsus
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Der Irrgarten 3
3. Kosmologie und Anthropologie 5
4. Experientia und Scientia 7
5. Das doppelte Licht 9
6. Das Gleichgewicht von Theorie und Praxis 10
7. Die Entienlehre 11
7.1. Ens astrale 11
7.2. Ens veneni 11
7.3. Ens naturale 12
7.4. Ens spirituale 12
7.5. Ens dei 12
8. Das Haus der Heilkunde 13
8.1. Philosophia 14
8.2. Astronomia 14
8.3. Alchimia 15
8.4. Physica 16
9. Schlussbemerkung 17
Quellenverzeichnis 18
2
1. Einleitung
Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus, war sowohl eine schillernde als auch umstrittene Figur. Zu seinen Lebzeiten (ca. 1493 bis 1541) galt er für viele Menschen als „Luther der Medizin“, für andere dagegen als Scharlatan, der versuchte Wissenschaft und Religion zu verderben. Als Gegner der damals vorherrschenden Humoralpathologie, wollte er einen anderen Weg in der Medizin einschlagen. Über zeitgenössische Mediziner lästerte er und beschimpfte sie unter anderem als Geldpfaffen oder Kälberärzte. 1 Er differenzierte sich vom nüchternen Experimentieren und beschränkte sich nicht auf die Erforschung des Mechanischen der Welt. 2 Seine Theorie der Heilkunde basiert auf einer Philosophie der Natur, die allein in der Lage ist den praktischen Arzt und seine Heilkunst auszubilden. Der Wahlspruch des Paracelsus war „alterius non ist qui suus esse potest“, wer sein eigener Herr sein kann, unterwerfe sich keinem anderen. Aus dieser Grundhaltung ergibt sich seine Forderung, nicht blind Autoritäten zu folgen, sondern durch die Naturbeobachtung im „Licht der Natur über die Erfahrung, der experientia, schließlich zur Erkenntnis, der scientia, zu gelangen.“ 3 Bei dem „Licht der Natur“ handelt es sich um einen zentralen Schlüsselbegriff, der das gesamte Werk des Paracelsus wie ein roter Faden durchzieht. Dieses Licht, das mehr beleuchtet und erhellt als das Licht der Sonne, hat die Fähigkeit das Unsichtbare sichtbar zu machen, wodurch es dem Arzt die Möglichkeit gibt sein Wissen zu vervollkommnen. Es weist ihm den Weg heraus aus dem Labyrinth der Ärzte, das von Paracelsus „Labyrinthus medicorum erratium“ genannt wird.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die verschiedenen, in Relation mit dem Licht der Natur stehenden Aspekte des Gesamtwerkes von Paracelsus herauszuarbeiten, und diese näher zu verdeutlichen.
1 Schipperges, Heinrich: Paracelsus. Der Mensch im Licht der Natur, Stuttgart: Ernst Klett Verlag (Edition Alpha) 1974.S. 12.
2 Haage, Bernhard Dietrich: Alchemie im Mittelalter. Ideen und Bilder - von Zosimos bis Paracelsus, Zürich/Düsseldorf: Artemis und Winkler 1996.S. 176.
3 Ebd., S. 179-180.
3
2. Der Irrgarten
Zwischen 1537 und 1538 verfasste Paracelsus ein Büchlein vom Irrgang der Ärzte mit dem Titel „Labyrinthus medicorum errantium“. Durch dieses Werk beabsichtigte Paracelsus den Menschen, vor allem aber den Ärzten, den rechten Weg heraus aus dem Irrgarten und hinein in die Ordnung und das Licht der Natur zu weisen.
Schipperges geht davon aus, dass Paracelsus Kenntnis eines Gedichtes von Ulrich Zwingli besaß, da zwischen dessen Werk und dem des Paracelsus große inhaltliche Parallelen zu finden sind. Zwingli verglich das Leben des Menschen mit einem Irrgarten, in dem Theseus (der Tapfere) gegen den Minotaurus (das Laster) kämpft, bis er schließlich durch Ariadnes Faden der Vernunft an das Licht des Tages geleitet wird. 4
Auch Paracelsus betrachtet das menschliche Leben als Labyrinth, in welchem der Minotaurus herrscht, der von ihm „Monoculus“ genannt wird. An Stelle der Ariadne tritt bei ihm die „Jungfer Experienz“, welche die Gabe besitzt, den Menschen aus dem Labyrinth an das Licht der Natur zu geleiten. Am verhängnisvollsten ist der Irrgang in der Medizin, da es dort um den Körper und das menschliche Leben geht.
Das ist nun ein Labyrinth, das in der Arznei nit klein ist, das also verfehlt kann werden. Nicht allein, dass es ein Irrtum ist, sondern es betrifft Leib und Leben, Wenn es nur ein Irrtum wär’ ohn’ Schaden, so wäre es desto besser zu gedulden. Ob nicht unbillig ein solches Labyrinth so lange Zeit gewähret? (XI, 216)
Um aus dem Labyrinth herauszufinden, muss sich der Arzt am „Leitfaden des Leibes“ 5 orientieren, denn „es muss unser Verstand aus der Quelle fließen, aus dem er auch kommt. Unser Leib aber, das ist das Buch, das sollen die Ärzte studieren“ (XI, 177). Für Paracelsus ist der Leib der natürliche Ausgang, der es erst ermöglicht, an das Wesen des gesunden und kranken Menschen heranzukommen. Des Weiteren ist er ein methodischer Schlüssel, welcher dazu dient die Geheimnisse des Ganzen zu öffnen. 6
4 Vgl. Schipperges (1974), S.43.
5 Ebd., S.45.
6 Vgl. Schipperges, Heinrich: Paracelsus. Das Abenteuer einer sokratischen Existenz, Freiburg: Aurum (Sokratische Weisheit, Band 3) 1983, S.24.
4
An diesem Leitfaden wird dem Arzt der richtige Weg im Licht der Natur gezeigt, so dass er sich nicht im Labyrinth verirrt. „Wohl dem, der dem Labyrinth nit nachgeht, sondern der Ordnung des Lichts der Natur, da ist Arznei und der Arzt“(XI, 219).
3. Kosmologie und Anthropologie
Um zu verstehen, welch tragende Rolle dem menschlichen Leib bei Paracelsus zukommt, muss zunächst seine Weltvorstellung näher betrachtet werden, da beide in engem Zusammenhang stehen. Paracelsus’ Bild der Welt beruht auf dem traditionellen Hintergrund des scholastischen Elementargefüges. Durch die vier Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde werden die Weltstoffe gegliedert und ihre kosmischen Funktionen vermittelt. Auch der Mensch wurde von Gott aus diesen Elementen gemacht, wobei aus den unteren Elementen, Wasser und Erde, der elementische Leib, der Leib aus Fleisch und Blut, geschaffen wurde, und die oberen Elemente, Feuer und Luft, das unsichtbare Material zum „gestirnten“ Leib, dem „Astralleib“, stellen. 7
Die gesamte Welt kommt von Gott und zu ihm kehrt sie auch wieder zurück; er ist es, „der da komponiert hat das Rezept der Natur“ (XI, 137). Der Mensch steht nun inmitten dieser Welt als zweiter Schöpfer, dem die Möglichkeit gegeben ist, die Geheimnisse der Welt und der Natur zu erforschen. Somit kann er diese von ihrer „prima materia“ in ihr letztes Wesen, die „ultima materia“ umwandeln. Hierzu muss er zunächst die Welt und all ihre vielfältigen Prozesse erkennen, denn erst dann kann diese gereinigt und aufbereitet werden. 8 Himmel und Erde zusammen, stellten im Mittelalter den Makrokosmos dar, dem als Gegenpol Gott gegenübersteht. Für Paracelsus ist der Mensch ein Mikrokosmos, was für ihn jedoch nicht einem verkleinerten Exemplar der großen Welt gleichkommt; er ist vielmehr dadurch Mikrokosmos, dass er an
7 Vgl. Pörksen, Gunhild: Paracelsus. Vom eigenen Vermögen der Natur - Frühe Schriften zur Heilmittellehre, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1988, S. 16.
8 Vgl. Schipperges (1974), S.49.
5
Arbeit zitieren:
Ariane Moßmann, 2002, Das Licht der Natur bei Paracelsus, München, GRIN Verlag GmbH
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