Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS................................................................................................................................... 1
ABSTRAKT. 3
1 EINLEITUNG 4
2 DEFINITIONSANSÄTZE 6
3 BEZIEHUNGSKAPITAL UND SYSTEMKAPITAL. 10
3.1 BEZIEHUNGSKAPITAL 10
3.2 SYSTEMKAPITAL. 12
4 DER ZUSAMMENHANG VON SOZIALKAPITAL ZU SOZIALEN NETZWERKEN,
VERTRAUEN UND SOZIALEN NORMEN 14
4.1 SOZIALKAPITAL IN SOZIALEN NETZWERKEN 14
4.1.1 Definition von sozialen Netzwerken 14
4.1.2 Strukturelle Morphologie von Netzwerken 15
4.1.3 Interaktionskriterien von Beziehungen. 20
4.1.4 Positionierung in Netzwerken 24
4.2 VERTRAUEN UND VERPFLICHTUNGEN 29
4.3 SOZIALE NORMEN. 37
5 SOZIALKAPITAL ALS RESSOURCE UND ALS KOLLEKTIVGUT. 42
5.1 SOZIALKAPITAL ALS RESSOURCE. 42
5.2 SOZIALKAPITAL ALS KOLLEKTIVGUT 46
6 ZWISCHENFAZIT UND METHODISCHE KONSEQUENZEN 50
7 EIN VERGLEICH VERSCHIEDENER MESSINSTRUMENTE VON SOZIALKAPITAL AUF
DER INDIVIDUELLEN EBENE 52
7.1 DIE VORGEHENSWEISE 52
7.2 DIE VERWENDETEN INSTRUMENTE 53
7.3 RESULTATE DER UNTERSUCHUNG 57
7.4 DISKUSSION DER MESSINSTRUMENTE. 60
7.5 DISKUSSION DER RESULTATE 67
8 DIE MESSUNG DES KOLLEKTIVEN SOZIALKAPITALS 69
8.1 DIE MESSUNG VON SYSTEMKONTROLLE 69
8.2 DIE MESSUNG VON KOLLEKTIVEM VERTRAUEN 71
8.3 DIE MESSUNG VON SOZIALKAPITALRELEVANTEN SOZIALEN NORMEN 74
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9 ZUSAMMENFASSUNG. 78
10 FAZIT. 83
LITERATURVERZEICHNIS 85
ANHANG. 88
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Abstrakt
Beim Sozialkapital handelt es sich um eine Minitheorie, der in verschiedenen Wissenschaftsbereichen wie in den Politikwissenschaften, in den Wirtschaftswissenschaften und in den Sozialwissenschaften immer stärkere Relevanz zukommt. Bislang besteht keine einheitliche Definition für Sozialkapital und von verschiedenen Autoren werden unterschiedliche Aspekte berücksichtigt. Diese Arbeit versucht die relevantesten Thesen wichtiger Autoren zusammenzubringen. Dazu wird stark auf eine neuere Konzeption von Sozialkapital Bezug genommen, welche aus der soziologischen Theorie von Hartmut Esser stammt. Anhand seiner theoretischen Ausdifferenzierung können viele Gedanken anderer Autoren eingeordnet werden. Da sozialen Netzwerken, Vertrauen und bestimmten sozialen Normen grosse Relevanz in den unterschiedlichen Konzeptionen von Sozialkapital zukommt, greift diese Arbeit stark auf netzwerktheoretische, vertrauenstheoretische und normtheoretische Grundlagen zurück, wodurch viele zusammenhänge tiefgründig geklärt werden können. Damit wird ein Überblick auf die bisher bestehende Theorie ermöglicht und Ergänzungsmöglichkeiten werden aufgezeigt.
Nachdem ein solcher Überblick hergestellt wurde, werden in einem weiteren Teil dieser Arbeit Konsequenzen für die empirische Forschung aufgezeigt. Dazu werden Möglichkeiten vorgestellt, wie Indikatoren für Sozialkapital in unterschiedlichen Geltungsbereichen erstellt werden können. Einerseits werden diese Möglichkeiten anhand spezifischer Forschungsprojekte diskutiert und mittels der gewonnen theoretischen Erkenntnisse kritisch hinerfragt. Andererseits werden einzelne Frageelemente aus der empirischen Forschung ausgewählt und kritisch analysiert. Ausserdem werden mittels der theoretischen Erkenntnisse weitere Möglichkeiten aufgezeigt, wie sich bestimmte Aspekte von Sozialkapital empirisch erfassen lassen.
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1 Einleitung
Die Theorie des Sozialkapitals wird immer populärer und jedes Jahr erscheint neue Literatur, Aufsätze und ganze Bücher, welche sich dieser Theorie widmen. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass bislang weder eine einheitliche Theorie entwickelt noch eine allgemein gültige Definition gefunden wurde. Die Theorie ist diffus und liefert viele Anhaltspunkte. Diese Arbeit bietet die Möglichkeit, ein wenig Klarheit in den Urwald dieser Begriffe zu bringen und eine mögliche Konzeption zu skizzieren. Die facettenreichen Aspekte verschiedener Theorien werden in dieser Arbeit neu aufgerollt, und die Konzeptionen und Ideen von verschiedenen Autoren werden miteinander verknüpft. Damit kann es gelingen, einen tief greifenden Einblick in die bisher bestehenden, theoretischen Erkenntnisse zu gewinnen und diese, sofern die Möglichkeit dazu besteht, zu ergänzen.
Um den Begriff Sozialkapital und einige Schwierigkeiten einzuführen, werden im folgenden Kapitel einige klassische Definitionsversuche von Sozialkapital vorgestellt. Diese klassischen Definitionen werden auf ihre Inhalte aufgespaltet, welche miteinander verglichen werden können. Im selben Abschnitt wird dann eine etwas neuere Definition hinzugezogen und es wird gezeigt, wie diese neuere Definition versucht, die verschiedenen Inhalte anderer Definitionen zu vereinen.
Die verschiedenen Definitionen machen offensichtlich, dass Sozialkapital sowohl beziehungsspezifisch als systemspezifisch existieren kann. Aus diesem Grund wird in einem weiteren Kapitel eine Differenzierung eingeführt, welche diese beiden Varianten von Sozialkapital weiter detailliert. Nachdem die Begriffe Beziehungskapital und Systemkapital eingeführt wurden, können die verschiedenen Wirkungsbereiche von Sozialkapital ein erstes Mal skizziert werden. Dies ist wichtig, weil in den folgenden Kapiteln immer wieder Bezug darauf genommen wird.
In der Sozialkapitalliteratur werden bestimmte Eigenschaften der Sozialstruktur oder der Beziehungssysteme immer wieder genannt. Oftmals werden diese als Dimensionen von Sozialkapital genannt. In einem grossen Block dieser Arbeit werden die theoretischen Hintergründe der verschiedenen Punkte aufgearbeitet. Dadurch besteht die Möglichkeit, die verschiedenen theoretischen Konzeptionen von Sozialkapital von Grund auf zu analysieren. Erstens wird auf die Netzwerktheorie Bezug genommen, denn viele Autoren setzen die sozialen Netzwerke mit Sozialkapital gleich. Dazu ist eine Definition von sozialem Netzwerk nötig. Ist eine solche vorhanden, können Überlegungen bezüglich der strukturellen Morphologie und der Interakti-
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onskriterien eines sozialen Netzwerkes hinzugezogen werden. In einem letzen Schritt werden einige sozialkapitalrelevante Punkte bezüglich der Positionierung in sozialen Netzwerken hinzugezogen. Ein zweiter Teil dieses Blockes beschäftigt sich mit der Relevanz, welches Vertrauen für die soziologische Minitheorie des Sozialkapitals hat. Um den Begriff Vertrauen in der Soziologie zu benutzen, scheint es wichtig, dass eine in der Soziologie verwendbare Definition von Vertrauen hinzugezogen wird. Nachdem eine solche Definition vorgestellt wird, werden einige Aspekte diskutiert, welche diese bestimmte Definition von Vertrauen mit sicht bringt. Danach kann untersucht werden, inwiefern Vertrauen in den theoretischen Überlegungen der verschiedenen Autoren mit Hinblick auf das Sozialkapital zu berücksichtigen ist. Dadurch kann gezeigt werden, dass es wichtig ist zu Unterscheiden, dass Vertrauen in spezifischen Beziehungen aber auch als generalisiertes Vertrauen ein wichtiger Bestandteil der Theorie des Sozialenkapitals darstellt. Der dritte Teil dieses Blockes beschäftigt sich mit sozialen Normen. Auch diese werden in der Sozialkapitalliteratur immer wieder genannt und gewisse soziale Normen werden von bestimmten Autoren als Dimension von Sozialkapital berücksichtigt. Auch hier wird erst eine Definition von sozialen Normen eingeführt. Danach werden die Überlegungen verschiedener Autoren vorgestellt und besprochen, wodurch die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden können.
In einem letzten Kapitel, welches die Konzeption von Sozialkapital in dieser Arbeit vervollständigt, wird ausführlich diskutiert, wieso der Begriff Sozialkapital sowohl Eigenschaften von privaten Ressourcen als auch von einem Kollektivgut mit sich bringt. Es wird gezeigt, inwiefern Sozialkapital beziehungsspezifisch besessen werden kann, wodurch auch private Investitionen in Sozialkapital möglich werden, und inwiefern es sich bei Sozialkapital um ein Kollektivgut handelt, von welchem alle Akteure in einem sozialen System auf eine ähnliche Weise betroffen werden. Mit dieser Unterscheidung kann die theoretische Diskussion über die verschiedenen Konzeptionen von Sozialkapital abgerundet werden und die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse können für weitere Diskussionen verwendet werden. Darauf folgend wird ein Zwischenfazit gezogen und Konsequenzen der Theorie auf die empirische Forschung werden aufgezeigt.
Zwei weitere Blöcke dieser Arbeit beschäftigen sich damit, wie Sozialkapital empirisch angenähert oder gemessen werden kann. In einem ersten Teil wird dazu eine holländische Studie hinzugezogen, in welcher drei Instrumente zur Messung von individuellem Sozialkapital mit einander verglichen werden. Es wird gezeigt, worin die Vor- und Nachteile der einzelnen Instrumente liegen und wie sie zukünftig weiterentwickelt werden können. Dazu werden sowohl die Messinstrumente als auch die Resultate der Studie diskutiert.
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Der letzte Teil dieser Arbeit wird dazu benutzt aufzuzeigen, welche Möglichkeiten bestehen, wenn Sozialkapital empirisch als Kollektivgut erfasst werden soll. Dazu werden Fragen aus der Surveyforschung diskutiert, welche in verschiedenen Sozialkapitalstudien verwendet wurden. Der zuvor erarbeitete theoretische Hintergrund bietet die Möglichkeit, Vorschläge zur Verbesserung, Ergänzung oder bezüglich des Anwendungsbereiches der Fragestellungen zu unterbreiten.
Abschliessend werden die wichtigsten Aspekte dieser Arbeit zusammengefasst und ein Fazit gezogen.
2 Definitionsansätze
Um den Begriff Sozialkapital erstmalig einzuführen, werden in einem ersten Schritt verschiedene Definitionsversuche festgehalten. Dies ermöglicht grundlegende Wesenszüge dieser recht abstrakten Konstruktion zu erkennen, die in den verschiedenen Definitionen immer wieder auftauchen. Seit den 1980er Jahren wurde der Begriff „Sozialkapital“ von Pierre Bourdieu, James S. Coleman und Robert D. Putnam wohl am stärksten etabliert. Diesen Autoren ist es gelungen, wichtige Aspekte von Sozialkapital aufzuzeigen und sie haben versucht, eine Definition von Sozialkapital zu liefern. Obwohl sie alle von Sozialkapital sprechen, unterscheiden sich ihre Konzeptionen in vielfacher Hinsicht voneinander. Um Sozialkapital zu untersuchen, werden an dieser Stelle ihre Definitionen vorgestellt und es wird untersucht, wo die verschiedenen Autoren ihre Akzentuierungen setzen. Dadurch kristallisiert sich heraus, dass verschiedene Punkte berücksichtigt werden müssen, will man den Wirkungsbereich und die Funktionalität von Sozialkapital erforschen oder eine theoretische Konzeption des Begriffes ausdifferenzieren.
Als erster dieser drei Autoren hat Pierre Bourdieu (Bourdieu 1983:190-198) eine Konzeption von Sozialkapital vorgestellt. Er sah darin eine Ergänzung zu anderen Formen von Kapital. In seiner Forschung spielen neben dem Sozialkapital vor allem das ökonomische und das kulturelle Kapital eine wesentliche Rolle. Sozialkapital wird von Bourdieu wie folgt definiert:
„Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Be-
sitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseiti-
gen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei
um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“ (Bourdieu 1983:190)
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Mit dieser Definition wird klar, dass Bourdieu im Sozialkapital eine weitere Ressource für Menschen sieht. So ist es ihm möglich, Sozialkapital Personen zu zuordnen. Im Sinne einer Ressource wird es Akteuren möglich, bewusst in Sozialkapital zu investieren und es zu kumulieren. Bourdieu spricht von einem Umfang an Sozialkapital, den eine einzelne Person besitzen kann. Der Umfang hängt einerseits von der Ausdehnung des Netzes von Beziehungen ab, welche sich tatsächlich mobilisieren lassen, andererseits vom Umfang des kulturellen, ökonomischen und symbolischen Kapitals, welches die Personen besitzen, mit denen der Einzelne in Beziehung steht (Bourdieu 1983:191). Eine Mobilisierung dieser Ressource wird erst mit einem Netz von Beziehungen möglich, da Sozialkapital gemäss Bourdieu an diese gekoppelt ist. In eine ähnliche Richtung geht auch die Konzeption von Sozialkapital durch Henk Flap (Flap 1995:1ff.). Flap akzentuiert den Punkt, dass Beziehungen instrumentalisiert werden können, um Ziele zu erreichen. Das Ausmass von Sozialkapital hängt laut Flap in diesem Sinne mit drei Aspekten zusammen. Zum einen spielt die Anzahl der potentiell helfenden Personen innerhalb eines Netzwerkes eine Rolle. Zum andern hängt das Sozialkapital aber auch von der Stärke der Beziehungen und vom Ausmass der Hilfe ab. Weiter spielen die Ressourcen eine Rolle, auf welche mittels der Beziehungen zugegriffen werden kann. James Coleman (Coleman 1988:98) verfolgt mit seiner Definition von Sozialkapital eine andere Richtung, wodurch die spezifische Zuordnung von Sozialkapital an bestimmte Akteure nicht mehr zwingend bleibt.
“Social capital is defined by its function. It is not a single entity but a variety of different entities,
with two elements in common: they all consist of some aspect of social structures, and they facili-
tate certain actions of actors.” (Coleman 1988:98)
Die Definition verfolgt einen funktionalistischen Ansatz, in welchem Sozialkapital als auf verschiede Weise wirkende Funktionseinheiten vorgestellt wird. Gemeinsam haben die Funktionseinheiten, dass sie auf irgendeine Weise durch die sozialen Strukturen gegeben sind und dass sie das Handeln von Akteuren vereinfachen. Sozialkapital funktioniert in diesem Sinne irgendwie und irgendwo in den Gesellschaftsstrukturen. Können Personen oder Gruppen diese Funktionseinheiten für sich nutzen, so scheint es immer noch möglich, Sozialkapital spezifischen Akteuren zu zuschreiben. Trotzdem hält Coleman fest:
„Unlike other forms of capital, social capital inheres in the structure of relations between actors
and among actors.” (Coleman 1988:98)
Damit entfernt Coleman Sozialkapital vom Individuum und betrachtet es als funktionalistische Eigenschaft, welche in den Beziehungsstrukturen zwischen zwei oder mehreren Perso-
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nen besteht. Ähnlich sieht es auch Ronald Burt, nach welchem Sozialkapital immer von beiden Parteien in einer Beziehung gemeinsam besessen wird, und nicht genutzt werden kann, wenn sich eine der beiden Parteien zurückzieht (Burt 1992:9). Auch Robert D. Putnam verfolgt einen ähnlichen Ansatz und zeigt, dass diese Funktionseinheiten weitgehend unabhängig vom Individuum existieren können.
Social capital here refers to features of social organization, such as trust, norms and networks, that
can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions. (Putnam 1993:167) Mit Putnams Definition ist Sozialkapital durch die Charakterzüge gewisser sozialer Organisation gegeben. Durch spezifische Formen von Organisation kann sowohl die Effizienz in Gesellschaften gesteigert, als auch das koordinierte Handeln vereinfacht werden. Mit dem Einbezug der Effizienzsteigerung innerhalb von Gesellschaften und dem koordinierten Handeln lässt sich Sozialkapital bei Putnam nicht mehr gänzlich einzelnen Individuen oder Gruppen zuordnen, sondern ist auch auf weiterreichenden Ebenen zu orten. Putnam sieht Sozialkapital als ein öffentliches Gut und keinen privaten Besitz an (Putnam 1993:170). Er beschreibt soziales Kapital wie Coleman als Attribut der Sozialstruktur, in welcher sich eine Person befindet, und hält fest, dass es nicht mehr der Person zugeordnet werden kann, welche davon profitiert. Mit den unterschiedlichen Definitionsansätzen werden die Schwierigkeiten einer einheitlichen Konzeption von Sozialkapital offensichtlich. Trotzdem, so scheint es auf einen ersten Blick wenigstens, bestehen gewisse Gemeinsamkeiten. Bei allen drei Autoren lässt sich ein Bezug von Sozialkapital zu den sozialen Strukturen ausmachen. Bei Bourdieu ist dieser Bezug in der Notwendigkeit von Beziehungen gegeben, denn soziale Beziehungen haben ihren festen Platz innerhalb der Gesellschaftsstrukturen. Bei Colemans Definition werden die sozialen Strukturen als eine von zwei Eigenschaften von Sozialkapital explizit genannt. Putnam nennt in diesem Zusammenhang die Fähigkeit zur sozialen Organisation. Auch Organisation hat innerhalb der sozialen Strukturen ihren festen Platz. Ohne Organisation scheint jede Struktur in einzelne Elemente auseinander zu fallen. Organisation bringt eine gewisse Ordnung in die Gesellschaftsstruktur. Auch wenn Putnam die Sozialstruktur nicht explizit in seiner Definition erwähnt, ordnet er Sozialkapital dieser zu. Ein weiterer Aspekt von Sozialkapital besteht darin, dass soziales Handeln vereinfacht wird. Auch dies kann von allen drei gelieferten Definitionen abgeleitet werden. Bourdieu sieht in Sozialkapital eine Ressource. Ressourcen vereinfachen oder ermöglichen das Handeln von Akteuren. Sind die Voraussetzungen oder bestimmte Ressourcen eine bestimmte Handlung durchzuführen nicht gegeben, so kann diese Handlung nicht oder nur mit Einschränkungen und unter erschwerten Bedingungen ausgeführt werden.
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Coleman nennt das Vereinfachen gewisser Handlungen als zweite Eigenschaft von Sozialkapital. Seine Definition wurde mit den beiden genannten Eigenschaften von sozialem Kapital recht weit gefasst. Auch bei Putnams Definition wird der Bezug von Sozialkapital zur Eigenschaft, das soziale Handeln zu vereinfachen, offensichtlich. Die Möglichkeit die Effizienz zu steigern, deutetet darauf hin, dass unter veränderten Bedingungen mit gleichem oder geringerem Aufwand ein grösserer Nutzen entsteht. Deshalb sinkt entweder der Aufwand für eine Handlung oder der Nutzen für dieselbe Handlung wird gesteigert. Damit bietet auch Putnams Ansatz die Möglichkeit, soziales Kapital unter bestimmten Umständen als Ressource zu betrachten, auch wenn diese Ressource eher der Gesellschaft als dem individuellen Akteur zugeschrieben wird.
Hartmut Esser liefert eine weitere Definition von Sozialkapital. Durch diese können die verschiedenen Aspekte der oben angeführten Definitionen zusammengebracht werden.
„Das soziale Kapital ist der Wert aller der Ressourcen und Leistungen, die ein Akteur durch seine
Einbettung in Beziehungen zu anderen Akteuren erlangen und kontrollieren kann.“ (Esser
2000:260)
Einerseits wird durch diese Definition der Aspekt der Ressourcen und Leistungen hervorgehoben, andererseits wird aber auch deutlich, dass der Akteur dazu in Beziehungen zu anderen Akteuren eingebettet sein muss. Die Einbettung eines Akteurs in Beziehungen ist die Reverenz auf die Sozialstruktur, auf welche die andern drei Definitionen direkt oder indirekt verweisen. Ein individueller Akteur steht einerseits in bilateralen Beziehungen. Andererseits steht er auch in Beziehung zu gesellschaftlichen Akteuren, welche ihm nicht bekannt sind. Das Handeln der gesellschaftlichen Akteure kann weit reichende Konsequenzen für die individuellen Akteure mit sich bringen. Ihre Handlungen haben sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Essers Definition lässt offen, ob der Wert der Leistungen oder Ressourcen eines Akteurs durch ihn beeinflussbar ist oder nicht. Damit besteht einerseits die Möglichkeit für Akteure, bewusst in Sozialkapital zu investieren, dieses zu kumulieren und zu verwalten. Andererseits ist auch die Möglichkeit gegeben, dass Sozialkapital weiter reichende Dimensionen als ein persönliches Besitztum einnehmen kann. Der von Esser genannte Wert beruht auch in den Leistungen, die ein Akteur durch die Einbettung in ein soziales System erfährt. Sozialkapital ist gemäss Esser an einen bestimmten sozialen Kontext gebunden und ist nicht fungibel sondern ein spezifisches Gut (Esser 2000:239). Die Einbettung eines Akteurs in seine sozialen Beziehungen kann auf verschiedene Weise variieren. Auf diesen Punkt wird besonders im Kapitel „Sozialkapital in sozialen Netzwerken“ vertieft eingegangen. Damit ein
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Akteur Ressourcen oder Leistungen durch Beziehungen erlangen oder kontrollieren kann, sind gewisse Voraussetzungen nötig. Vor allem Vertrauen und gewisse soziale Normen scheinen die Verfügbarkeit der Ressourcen und Leistungen stark zu beeinflussen. Ihre Funktionen und ihr Zusammenhang im Bezug auf Sozialkapital werden in den Kapiteln „Vertrauen und Verpflichtungen“ und „Soziale Normen“ dieser Arbeit eingehend erläutert. Essers Ansatz stellt sich als eine gute Ausgangslage heraus, um die verschiedenen Aspekte der Konzeptionen von Bourdieu, Coleman und Putnam zu vereinen. Er spaltet Sozialkapital in Beziehungskapital und Systemkapital auf. Diese Differenzierung ermöglicht es aufzuzeigen, inwiefern es Akteuren möglich ist, bewusst in Sozialkapital zu investieren und inwiefern sie persönlich nur wenig oder gar keinen Einfluss auf das ihnen zur Verfügung stehende Sozialkapital nehmen können. Diese Differenzierung wird im nächsten Abschnitt vorgenommen. Mit den hier erstmals erwähnten und analysierten Definitionsversuchen konnte der Forschungsbereich, in welchem Sozialkapital zu orten ist, ein erstes Mal skizziert werden.
3 Beziehungskapital und Systemkapital
Wie im vorhergehenden Kapitel offensichtlich wurde, basiert soziales Kapital einerseits auf Ressourcen oder Leistungen, welche ein individueller Akteur aus seinen Beziehungen gewinnen kann, andererseits aber auch auf der Leistung der Netzwerke oder Gesellschaftsstrukturen für alle darin eingebetteten Akteure. In dieser Hinsicht unterscheidet Esser zwischen Beziehungskapital und Systemkapital (Esser 2000: 239-260). Diese Differenzierung wird im späteren Verlauf dieser Arbeit immer wieder berücksichtigt und die von Esser genannten Aspekte werden mit Aspekten von anderen Autoren ergänzt und diskutiert.
3.1 Beziehungskapital
Unter Beziehungskapital versteht Esser die mit Bewertung versehene Menge von Ressourcen, welche ein Akteur über sein Beziehungsnetz erreichen kann. Dazu muss der Akteur in unmittelbarer oder mittelbarer Beziehung zu anderen Akteuren stehen, welche jene Ressourcen kontrollieren. Esser hält in diesem Zusammenhang fest, dass sich absichtsvolle Beziehungsarbeit in Sozialkapital auszahlen kann. Beim Beziehungskapital handelt es sich gemäss Esser fast schon um Privatgüter, über die jemand verfügen kann, wenn sie benötigt werden. Trotzdem bleibt diese Kapitalform zwischen den Akteuren zu lokalisieren. Der eigene individuelle und intentionale Einsatz eines Akteurs spielt aber eine wichtige Rolle und Beziehungskapital
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kann als eine individuelle Ausstattung eines Akteurs mit Sozialkapital angesehen werden. Esser definiert Beziehungskapital wie folgt:
„Die Ausstattung eines Akteurs mit Beziehungskapital ist der Wert aller der Ressourcen und Leis-
tungen, auf die er über seine unmittelbaren und mittelbaren Beziehungen zu anderen individuellen
Akteuren zurückgreifen kann.“ (Esser 2000:242)
Diese Ressourcen oder Leistungen können nur dann mobilisiert werden, wenn auch der bittende Akteur im umgekehrten Fall seine Ressourcen zur Verfügung stellen würde. Gemäss Esser stellen die Akteure ihre Ressourcen zur Verfügung, weil sie zukünftig auch auf die Ressourcen oder Hilfeleistung des Bittenden zurückgreifen möchten. Die Akteure können auch durch einen indirekten Kontakt über eine Mittelsperson interagieren und Ressourcen oder Hilfeleistungen mobilisieren. Esser hält weiter fest, dass je grösser die Ressourcen sind, welche durch Verbindungen zu anderen Akteuren mobilisiert werden können, und je kürzer die Wege sind, um diese Ressourcen zu erreichen, desto höher das Beziehungskapital einer Person ist. Durch Beziehungsarbeit kann in Beziehungskapital investiert werden. Durch diese Arbeit entstehen Kosten und Nutzen.
Ähnliche Überlegungen sind auch bei Bourdieu zu finden (Bourdieu 1983:191ff.). Er sieht das Beziehungsnetz eines Akteurs als Produkt einer fortlaufenden Institutionalisierungsarbeit und somit als Produkt individueller, aber auch kollektiver Investitionsstrategien. Diese Investitionsstrategien sind bewusst oder unbewusst auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet, welche später einen unmittelbaren Nutzen versprechen. Für die Reproduktion von Sozialkapital in Bourdieus Sinne ist unaufhörliche Beziehungsarbeit in Form ständiger Austauschprodukte erforderlich, wodurch die gegenseitige Anerkennung von Akteuren bestätigt wird. Dazu braucht es gemäss Bourdieu entweder Geld oder Zeit. Weiter hält Bourdieu fest, dass Sozialkapitalbeziehungen gesellschaftlich institutionalisiert und garantiert werden können. Da die Sozialkapitalverhältnisse zwischen den Akteuren durch Austauschbeziehungen am Leben erhalten und verstärkt werden, werden laut Bourdieu materielle und symbolische Aspekte untrennbar miteinander verknüpft. Ausserdem hält Bourdieu fest, dass die gegenseitige Anerkennung in Tauschbeziehungen ein Minimum an „objektiver“ Homogenität voraussetzt. Diese Homogenität könnte mit der Verteilung von ökonomischem und kulturellem Kapital zusammenhängen 1 .
1 Eine Definition von ökonomischem und kulturellem Kapital findet sich bei Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomi-
sches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, In: Kreckel, Reinhard (Hg.). Soziale Ungleichheiten. Soziale
Welt, Sonderband 2, Göttingen: Otto Schwartz & Co. S.183-190
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Esser differenziert Beziehungskapital weiter aus und unterteilt es in Positionskapital, Vertrauenskapital und Verpflichtungskapital. Diese Differenzierung wird später in den Kapiteln dieser Arbeit über den Zusammenhang von Sozialkapital zu sozialen Netzwerken und Vertrauen berücksichtigt und dient als Ergänzung zu Überlegungen von anderen Autoren.
3.2 Systemkapital
Während das Beziehungskapital von Akteuren besessen und durch individuelle Investitionsstrategien vermehrt werden kann, ist das Sozialkapital in Form von Systemkapital weitgehend von den individuellen Akteuren losgelöst. Esser sieht im Systemkapital emergente Eigenschaften eines ganzen Netzwerkes oder sogar eines kompletten kollektiven Systems von Akteuren. Diese Eigenschaften können vom einzelnen Akteur nicht geschaffen werden und sind Eigenschaften des Beziehungssystems, welche über die Beziehungen der einzelnen Akteure hinausweisen. Sie enthalten gemäss Esser Aspekte einer übereingreifenden Einstellung der Akteure auf das jeweilige System. Als Eigenschaften des Systemkapitals nennt Esser eine funktionierende Kontrolle, eine fürsorgliche Aufmerksamkeit, das Vertrauen in das „System“ insgesamt und die übergreifende Moral einer Zweierbeziehung, einer Gruppe, einer Organisation, einer Gemeinde, einer Region oder einer ganzen Gesellschaft. Esser bemerkt, dass obwohl das Systemkapital von einzelnen Akteuren abgelöst zu betrachten ist, dieses trotzdem nur wegen den Akteuren und den Beziehungen der Akteure zueinander existiert. Vom Systemkapital profitieren alle Akteure eines Netzwerkes oder eines Kollektivs gleichermassen, auch diejenigen Akteure, welche nicht in das Systemkapital investiert haben. Auch vom Verfall des Systemkapitals sind alle Akteure gleichermassen betroffen, sogar jene die zuvor darin investiert haben und an seinem weiteren Bestand interessiert sind. Esser sieht ein Problem in diesem Umstand. Alle Mitglieder eines Kollektivs oder Netzwerkes profitieren zwar vom Systemkapital in gleichem Masse, doch besteht kein individueller Anreiz für die Mitglieder aus Gründen der Kooperationsförderung in Systemkapital zu investieren. In Essers Sinne ist Systemkapital als Kollektivgut zu betrachten, welches nicht von den Interessen der Akteure alleine abhängt.
Esser nennt drei Formen von Systemkapital: Systemkontrolle, Systemvertrauen und die Sys-temmoral. Mit der Systemkontrolle bezeichnet er die funktionierende soziale Kontrolle und die kollektive Aufmerksamkeit. Diese entsteht, wenn Information über die Mitglieder eines Netzwerkes rasch und vollständig zirkuliert. Mit der Zirkulation von Information über die Mitglieder eines Netzwerkes verringert sich gemäss Esser die Wahrscheinlichkeit zu abweichendem Verhalten, welches dem Kollektiv oder dem Netzwerk schadet. Esser folgert daraus,
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dass die „Monitoring Capacity“ einer Gruppe oder Organisation die Probleme des kollektiven Handelns überwinden kann. Er hält aber auch fest, dass diese Kontrolle für die Akteure nicht immer etwas angenehmes sein muss.
Unter Systemvertrauen versteht Esser ein übergreifendes und sich auf ein gesamtes System beziehendes Vertrauen. Dieses Vertrauen ist diffus und bezieht sich nicht auf einzelne Akteure sondern vielmehr auf das Funktionieren des Systems. Systemvertrauen kann sich vor dem Hintergrund der funktionierenden Systemkontrolle bilden. Esser bezeichnet das Systemvertrauen als ein Vertrauen der Akteure darauf, dass die Vorleistungen eines Akteurs nicht ausgenutzt werden und dass so genannte „free Rider“ oder mit anderen Worten Opportunisten sanktioniert werden.
Mit dem Begriff der Systemmoral bezeichnet Esser die Verbreitung einer Moral der gegenseitigen Verpflichtungen und die Geltung von Normen und Werten ganz allgemein, welche auf alle Akteure in einem System übergreifen. Die Systemmoral besteht somit aus orientierenden und handlungssteuernden Einstellungen, mit welchen Akteure die Situationen betrachten und durch welche die Akteure ihr Handeln den Imperativen der jeweiligen Werte unterordnen. Diese übergreifenden Moral, Norm- und Wertgeltungen konstituieren soziale Beziehungen der gegenseitigen Orientierung über die besonderen Beziehungen des jeweiligen Netwerkes hinweg. Durch das Vorhandensein von Systemmoral verringert sich laut Esser die Gefahr von sozialen Dilemmatasituationen und die Kosten und Risiken für kollektiv oder individuell nützliche Transaktionen können gesenkt werden. Als Beispiele für Systeme oder Netzwerke, in welchen eine Systemmoral funktioniert, nennt Esser Arbeitergesellschaften mit einer hohen Leistungsmoral oder Gesellschaften mit einem ausgeprägten Bürgersinn. Esser hält zum Systemkapital fest, dass alle Formen von Systemkapital auch kollektive Übel sein können. So vereinfacht beispielsweise die Ganovenehre das organisierte Verbrechen oder eine fundamentalistische Moral begünstigt den Terrorismus und setzt den Verstand gewisser Gemeinschafts-oder Gesellschaftsmitglieder ausser Kraft.
Diese Unterscheidung zwischen Beziehungskapital und Systemkapital hat den Vorteil, dass in den folgenden Abschnitten direkt darauf Bezug genommen werden kann, wodurch jeweils eine Unterscheidung von Sozialkapital als persönliche Ressource und Sozialkapital als Kollektivgut vorgenommen wird. Diese Differenzierung entspricht aber nur Essers Konzeption von Sozialkapital und lässt viele Aspekte des Ressourcen- beziehungsweise Kollektivgutcharakter von Sozialkapital aus. Aus diesem Grund werden die Ressourcen und Kollektivgutei-
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genschaften von Sozialkapital erst genauer untersucht, nachdem der Zusammenhang von Sozialkapital mit sozialen Netzwerken zu Vertrauen und zu sozialen Normen geklärt wurde.
4 Der Zusammenhang von Sozialkapital zu sozialen Netzwerken, Vertrauen und sozialen Normen
4.1 Sozialkapital in sozialen Netzwerken
Wie in diesem Kapitel gezeigt wird, bestehen soziale Netzwerke aus den Beziehungen verschiedener Akteure zueinander. Da Akteure bestimmte Ressourcen oder Leistungen durch Sozialkapital und wegen ihrer Einbettung in ein Beziehungssystem mobilisieren oder zumindest davon profitieren können, scheint es nahe liegend, als erstes die sozialen Netzwerke und deren Zusammenhang zu Sozialkapital zu untersuchen. Vertrauen oder soziale Normen sind Eigenschaften, welche unter Umständen auch innerhalb der Netzwerke oder bestimmter Beziehungen zwischen Akteuren anzusiedeln sind. Aus diesem Grund sollte zunächst gezeigt werden, um was für eine Konstruktion es sich bei sozialen Netzwerken handelt, bevor Vertrauen und soziale Normen besprochen werden. Dazu wird an erster Stelle eine Definition für soziale Netzwerke hinzugezogen. Danach werden die strukturelle Morphologie und die Interaktionskriterien von sozialen Netzwerken aufgeschlüsselt. Dies bietet Anhaltspunkte inwiefern Sozialkapital in Netzwerken zu lokalisieren ist. Die netzwerktheoretischen Erkenntnisse können im Weiteren mit Gedanken und Thesen aus der Sozialkapitalforschung zusammengebracht werden.
4.1.1 Definition von sozialen Netzwerken
Auf einer Homepage der Uni Hamburg 2 ist folgende knappe, aber durchaus brauchbare Definition von sozialem Netzwerk zu finden:
„Der Begriff soziales Netzwerk bezeichnet ein Beziehungsgeflecht, das Menschen mit anderen
Menschen und Institutionen sowie Institutionen mit anderen Institutionen verbindet.“ Die Autoren unterscheiden zwischen primären oder persönlichen, sekundären oder gesellschaftlichen und tertiären Netzwerken. Primäre Netzwerke sind private Netzwerke von Akteuren. Darunter fallen die Netzwerke in der Familie und in der Verwandtschaft, die nachbar-
2 http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/konzepte/L53/L5385.htm (Stand:2. Juni 2008)
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schaftlichen Netzwerke und freundschaftliche Netzwerke. Weiter werden auch alterspezifische, frauenspezifische oder arbeitsplatzspezifische Netzwerke dazugezählt. Primäre Netzwerke sind oftmals selbst gewählt. Mit den sekundären Netzwerken bezeichnen die Autoren institutionelle Netzwerke wie Handwerksbetriebe, Versicherungsunternehmen oder öffentliche Einrichtungen der Infrastruktur, wie zum Beispiel Kindergärten, Hochschulen oder soziale Dienste. Die tertiären Netzwerke siedeln sich zwischen primären und sekundären Netzwerken an und haben eine vermittelnde Funktion. Sie sind Gruppen der Selbsthilfe, Bürgerinitiativen oder professionelle Dienstleistungen, wie Krankenpflegedienste, Gesundheitsberatung oder Einrichtungen der sozialen Arbeit. Es wird damit ersichtlich, dass Netzwerke sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein können. Unterschiedliche Netzwerke können den Akteuren folglich auch den Zugang zu unterschiedlichen Ressourcen oder Leistungen ermöglichen.
4.1.2 Strukturelle Morphologie von Netzwerken
Michael Schenk beschäftigt sich mit sozialen Netzwerken und der Kommunikation und hält die strukturelle Morphologie von Netzwerken fest (Schenk 1984:40-63). Schenk beschreibt zuerst die gesellschaftliche Verankerung von Netzwerken. Dazu bedient er sich eines egozentrierten, primären Netzwerkes. Netzwerke können, müssen aber nicht zwingend aus einer egozentrierter Perspektive betrachtet werden. Es wäre auch möglich ein durch Grenzen klar definiertes Netzwerk von aussen zu betrachten. Der egozentrierten Perspektive folgend bestimmt Schenk eine Person (Alpha) und identifiziert danach andere Personen, welche mit Alpha ver-bunden sind. Aus dieser Perspektive ist das Netzwerk baumförmig, geht von Alpha aus und schliesst zu den anderen Netzwerkeinheiten auf. Die direkten Kontakte von Alpha hält Schenk als Verbindungen oder „Star“ einer ersten Ordnung fest. Hier werden sie als Beziehungen ersten Grades bezeichnet. Diese direkten Kontakte können in ihrer Reichweite variieren. Die „first-order range“ spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Diese ist eine Kombination aus der Anzahl der Personen, mit welchen Alpha in direkter Beziehung steht, und der Heterogenität der involvierten Personen. Wenn Alpha Kontakte zu Personen mit verschiedener sozialer Herkunft pflegt, ist seine first- order range grösser, als wenn seine Kontaktpersonen die gleiche soziale Herkunft hätten. Im Hinblick auf Sozialkapital kann die Aussage getroffen werden, dass die Vielfältigkeit der Ressourcen oder Leistungen mit der first- order range von Alfa steigen. Alphas Kontaktpartner stehen in direkten Verbindungen zu weiteren Einheiten. Alpha kann diese über einen zweistufigen Weg erreichen. Diese Relationen werden von Schenk als Beziehungen zweiten Grades festgehalten. Gemäss dem Autor besteht die Möglichkeit eine solche Aufschlüsselung beliebig weiterzuführen. Auch Alphas
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direkte Kontaktpersonen können in einer Verbindung stehen. Diese Verbindungen nennt Schenk Querverbindungen auf einer gleichen Ebene. Die Ebene, welche durch diese Verbindungen abgedeckt wird, nennt er die Zone der ersten Ordnung. Analog zu den Beziehungen in verschiedenen Graden sind auch Zonen von höheren Graden möglich. Obwohl diese Konstruktion der Verankerung eines Netzwerkes egozentriert ist, muss sie sich gemäss Schenk nicht auf eine Person Alpha beziehen, sondern ist auch auf zusammengesetzte Einheiten wie zum Beispiel Ehepaare, Gruppen oder Organisationen anwendbar. In diesem Sinne würde unterschieden werden, wie weit der „first-order range“ von Ehepaaren oder Organisationen reicht, und inwieweit diese Verbindungen zu anderen sozialen Einheiten unterhalten. Im Hinblick auf Sozialkapital lässt sich festhalten, dass auch grössere Einheiten als einzelne Personen in Beziehungen zu anderen Akteuren stehen und dadurch von besonderen Ressourcen oder Leistungen profitieren können.
Als weiteren Punkt der strukturellen Morphologie nennt Schenk die Erreichbarkeit. Diese ist ein Indiz dafür, inwiefern eine Einheit oder eine Person indirekte Kontakte in einem Netzwerk etablieren kann. Mit der Höhe der von Schenk genannten Ordnung steigt die Distanz zwischen verschiedenen Akteuren. Schenk hält fest, dass Personen in einem Netzwerk, welche von vielen anderen erreicht werden können und selbst nur geringe Distanzen überwinden müssen, um andere zu erreichen, eine strategische Position im Netzwerk innehaben und in hohem Masse Information, Macht und Einfluss geniessen. Solche Personen haben demnach ein grösseres Reservoir an Informationspotential oder an anderen Ressourcen und Leistungen, welche sie mit anderen Akteuren austauschen können. Als nächsten Punkt nennt Schenk die Zentralität von Einheiten in einem Netzwerk. Die Position einer Person in einem Netzwerk ist zentral, wenn alle Relationen die jeweilige Person involvieren. In den meisten Beispielen ist dies wahrscheinlich eher nicht der Fall. Aus diesem Grund sollte es auch möglich sein, eine relative Zentralität der Akteure zu ermitteln. An dieser Stelle wird offen gelassen, ob es vorteilhafter ist, die Akteure durch ihre relative Zentralität in ein Verhältnis zu anderen Akteuren zu setzen oder Aussagen über das Verhältnis der Zentralität eines Akteurs zur maximalen Zentralität zu treffen. Egal, welcher Ansatz verfolgt wird, das Zentralitätsmass informiert über den Grad der Integration oder den Grad der Isolation einzelner Netzwerkeinheiten. Schenk nennt drei Eigenschaften von Zentralität: Eine Eigenschaft ist die maximale Adjazenz. Damit wird bezeichnet, dass eine zentrale Einheit die maximale Anzahl möglicher Beziehungen in einem Netzwerk eingeht. Ein weiterer Punkt ist die strategische Lokalisierung als Verbindungseinheit, welche andere Paare verknüpft. Schenk spricht hier auch von der „maximum betweenness“, welche die Positionskontrolle einer zentralen Einheit ausdrückt. Damit wird
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klar, dass der Weg manchmal über Verbindungseinheiten führen kann, wenn Ressourcen oder Leistungen von Akteuren ausgetauscht werden. Wie an späterer Stelle gezeigt wird, spielt die Positionierung eines Akteurs in einem Netzwerk im Bezug auf Sozialkapital eine wichtige Rolle. Als letzte Eigenschaft von Zentralität nennt Schenk die minimale Distanz zu anderen Personen oder Einheiten. Er hält fest, dass eine zentrale Einheit deswegen mehr Autonomie geniesst.
Als weitere strukturell morphologische Eigenschaft nennt Schenk die Netzwerkdichte. Mit dieser wird das Ausmass der Vernetzung beschrieben. Bei der Netzwerkdichte handelt es sich um einen quantitativen Wert, welcher die Anzahl der Verbindungen zur Anzahl der potentiellen Verbindungen in ein Verhältnis stellt. In Netzwerken gibt es dichtere und weniger dichtere Teilbereiche oder Sektoren. Um die Dichte messen zu können, muss das Netzwerk lokal begrenzt sein. Sowohl die Dichte personenzentrierter Netzwerke als auch die Dichte von gesamten Netzwerken kann gemessen werden. Schenk hält fest, dass dichtere Netzwerke den Partizipanten eine höhere Kommunikationschance bieten. Damit ist es Wahrscheinlich, dass In-formation in dichteren Netzwerken besser zirkulieren kann. Die Dichte von Netzwerken scheint eine ausschlaggebende Komponente für das von Esser beschriebene Systemkapital oder präziser für Systemkontrolle zu sein. Mit steigender Dichte kann auch Information über die Mitglieder eines Netzwerkes einfacher und kostengünstiger transferiert werden, wodurch die Systemkontrolle steigt. Anders gesagt, die Distanzen zur Informationsübertragung verringern sich aus dem Grund, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Einheiten eines Netzwerkes über kürzere Wege miteinander verbunden sind, mit der Dichte steigt. Coleman (Coleman 1991:407ff.) spricht weniger von der Dichte als von der Geschlossenheit von sozialen Netzwerken. Ein Netzwerk gilt gemäss Coleman als vollkommen geschlossen, wenn alle Akteure direkt miteinander in Verbindung stehen und für einander auf direktem Weg erreichbar sind. Damit ist die von Coleman beschriebene vollkommene Geschlossenheit mit einer maximalen Netzwerkdichte gleichzusetzen. Sind Netzwerke nicht komplett geschlossen, so stellt Coleman stärker konzentrierte Machtvorkommen fest, je zentraler dass bestimmte Knotenpunkte in einem Netzwerk sind. Coleman schreibt, dass die Geschlossenheit von Netzwerken hinsichtlich der Vertrauensvergabe, dem Eingehen von gegenseitigen Verpflichtungen und der Entstehung von Normen relevant ist (Coleman 1991:413ff.). Er erläutert dies am Beispiel eines geschlossenen Netzwerkes in einer Nachbarschaft. Kennen sich die Eltern zweier Schulfreunde, so ist die Kontrolle über das Verhalten der Kinder höher, die Eltern können Normen aufstellen und die Kinder gegebenenfalls sanktionieren, falls diese die Normen nicht einhalten. In diesem Sinne vertrauen sich die Eltern und gehen Verpflichtungen
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und Erwartungen ein. Die Geschlossenheit des Netzwerkes bringt bestimmte Leistungen für die involvierten Personen. In diesem Netzwerk gibt es einerseits die Möglichkeit zur Systemkontrolle, da Information über die Kinder zwischen den Eltern zirkulieren kann. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass ein Systemvertrauen besteht, ein Vertrauen darauf, dass das Netzwerk in Bezug auf die Erziehung der Kinder funktioniert. Ausserdem besteht die Möglichkeit netzwerkspezifischer Normen oder einer Systemmoral. Es ist weiter anzunehmen, dass sowohl in den Beziehungen zwischen den Eltern als auch in den Beziehungen zwischen den Kindern beziehungsspezifisches Vertrauen und beziehungsspezifische Verpflichtungen und Erwartungen bestehen. Dieses Beispiel illustriert deshalb gut die Vielseitigkeit von Sozialkapital. Coleman zeigt in einem weiteren Beispiel, dass ein Netzwerk mit mehr innerer Geschlossenheit auch mehr Sozialkapital gemäss seiner Definition aufweisst, als ein Netzwerk, welches innerlich nicht so stark geschlossen ist. Er vergleicht dabei eine Gruppe von jungen Männern und eine Gruppe von jungen Frauen. Die Gruppe der Frauen ist dabei stärker innerlich geschlossen, wodurch die Kommunikation innerhalb dieser Gruppe grösser ist. Die Akteure beider Gruppen unterhalten aber auch Beziehungen zu den Akteuren aus den anderen Gruppen. Coleman meint, dass die Frauengruppe, welche eine höhere Geschlossenheit aufweist, durch das Sozialkapital die Männer mit einem guten oder schlechten Ruf versehen und Normen oder Regeln aufstellen können, welche ihnen eine grössere Macht in Bezug auf Verabredungen gewährt. Coleman stellt weiter die These auf, dass ein Typ von Akteuren, der eine schwächere Position zu einem andern Typ von Akteuren einnimmt, eher geschlossene Netzwerke aufbaut. Damit kann die Position im Verhältnis zu dem mächtigeren Typ von Akteuren gestärkt werden (Colemann 1991:415). Coleman hält in einem weiteren Beispiel fest, dass es sich bei den Akteuren, welche sich in einer innerlich geschlossenen Beziehung befinden, auch um Interessensgruppen handeln kann. Er stellt fest, dass bei einer Gruppe von Zulieferern die Geschlossenheit zu einheitlichen Preisen führen kann, die Geschlossenheit der Beziehung ihrer Kunden kann hingegen in Boykotts oder Embargos münden. Beides wäre ohne eine Kommunikation zwischen den Akteuren des gleichen Typs nicht möglich. Wenn an dieser Stelle auf Essers Konzipierung von Systemkapital Bezug genommen wird, so macht Colemans Argumentation Sinn, und es kann festgehalten werden, dass mit der steigenden Geschlossenheit in einem Netzwerk das Systemkapital steigt. Bei der Leistung, welche durch das Systemkapital erbracht wird, handelt es sich in Colemans Beispielen vor allem um die Eigenschaft, dass spezifische soziale Normen oder Verhaltensgebote eingehalten und durchgesetzt werden. Diese sind für die Akteure mit denselben Interessen von Vorteil. Die Vorteile der Geschlossenheit sozialer Netzwerke sind den netzwerkinternen Akteuren zuzuordnen.
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Liz. Phil. I Marco Schmutz, 2008, Sozialkapital: Versuch einer Präzisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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