Inhaltsübersicht
1 Gegenstand und Vorgehensweise 3
2 Lebensabriss Rudolfs von Habsburg 5
2.1 Bürgerliche Erziehung 5
2.2 Liberales Umfeld 6
3 Kronprinz Rudolf und die Politik 7
3.1 Zur sozialen Frage 9
3.2 Zur Rolle des Militärs 10
4 Zur Monarchie und Fazit 12
5 Literaturverzeichnis 13
2
1 Gegenstand und Vorgehensweise
„Denn Wien hat sich thatsächlich 'gewaltig' und nach allen Richtungen verändert. Und nicht nur in baulicher Hinsicht ist die Stadt nach langem Stillstande und steinerner Erstarrung in wenigen Decennien eine andere geworden; es hat auch das Leben und Treiben und haben die Sitten, Gebräuche, Bedürfnisse und Gewohnheiten der riesig angewachsenen und durch die ungeahnten Ereignisse durchaus geschüttelten Bevölkerung eine andere, völlig fremdartige Physiognomie angenommen, und es wäre demnach nicht undenkbar, wenn dass ein hiesiger 'Epimenides', der im Vormärz in einem Winkelstübchen des seligen 'Wimmer-' oder 'Schottenviertels' sich schlafen gelegt, wenn er nun erwachte und, begleitet von dem modernsten Lärm, dem Schellengeklingel der Tramway, eine der schönsten Straßen dieses Planeten – unseren ureinzigen 'Ring' – auf und ab spazierte und alsdann in die elegante Lästerallee des neugeschaffenen pittoresken 'Stadtpark' geriethe, wo er, inmitten der aufgedonnerten 'beau mode', von den dominierenden Angelegenheiten des Tages plaudern hörte, verwundert fragen würde, in welchen ihm ganz unbekannten Welttheil der Zufall in verschlagen hätte? 'Das soll die alte Kaiserstadt sein? Das alte Wien, am übel beleumundeten wasserlosen Flüßchen gleichen Namens? Das wären Wiener und Wienerinnnen, seine engeren Landsleute? Unmöglich!' ...“ 2
So äußerte sich weiland Kronprinz Rudolf anlässlich eines Aufsatzes zur landschaftlichen Lage Wiens zu nachgerade spür- und allüberall sichtbaren Veränderungen der österreichischen Metropole, und deutet auf diese Weise implizit bereits an, dass besagter Wandel der Hauptstadt letztlich nur der Ausdruck einer Zeit ist, in welcher das seit Jahrhunderten Überkommene und bis dato scheinbar Unveränderliche in Bewegung und Auflösung geraten ist. Eine Bewegung und Auflösung, die schließlich ganz Europa in seinen Grundmauern erschüttern und umwälzen, eine Bewegung und Auflösung, die, wie der österreichische Historiker Viktor Bibl es ausdrückt, zugleich „die Tragödie eines sinkenden Reiches“ einschließen sollte. 3 Mit luzidem Blick erkennt der Kronprinz die brisante, fast schon (hoch-)explosive
1 Johann Gabriel (http://www.duits.de/docentenkamer/pws/2004/Nationalhymnen.pdf, Abrufdatum 9. Jänner 2009). 2 Kronprinz Erzherzog Rudolf, Landschaftliche Lage Wiens, in: Klaus Amann /Hubert Lengauer/Karl Wagner: „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“. Aus dem 'Kronprinzenwerk' des Erzherzog Rudolf. Literaturgeschichte in Studien und Quellen, Band 3, Wien 1999, S.29.
3 „Denn er [der Kronprinz, Anm. d. Verf.] sah nicht nur den bewaffneten Konflikt mit Rußland, die Auflösung der habsburgischen Monarchie, sondern auch den Sturz aller europäischen Throne voraus. 'Eine große gewaltige Reaktion muss kommen' prophezeite er, 'soziale Umwälzungen, aus denen nach langer Krankheit ein ganz neues Europa emporkommen
3
Melange des europäischen Spannungs- und Kräfteverhältnisses; und illusionslos schätzen er und die Seinen die Stellung Österreichs in dieser so schwierigen Konstellation ein: „'Österreich in seinem jetzigen Bestande', so heißt es in einer dem Kronprinzen gewidmeten Denkschrift vom 23. November 1882 warnend, 'hat nur die Wahl, entweder deutsch regiert zu werden oder seiner Zerbröckelung entgegenzugehen, da die verschiedenen Volksstämme in den einzelnen Landesteilen nach verschiedenen Richtungen zentrifugieren und das Bestreben haben, sich auszuscheiden aus dem Staatskörper und entweder selbst einen Kristallisationskörper zu bilden oder sich an einen schon vorhandenen anzuschließen. Hierzu kommt noch die Anziehungskraft der in nächster Nachbarschaft lagernden größeren Massen gleichartiger Körper (Rußland, Italien).' [...] Der Kronprinz schickt dieses 'höchst merkwürdige' Schriftstück seinem Freund e Szerps [...] zu [...] Und höchst merkwürdig wie interessant erscheint es auch, dass der Erbe der habsburgerischen Doppelmonarchie einen Vorschlag 'höchst merkwürdig' und 'interessant findet, der auf nichts Geringeres als auf den Zusammenschluss Deutsch-Österreichs mit dem Deutschen Reich abzielt, also auf das Programm der vom Wiener Hof als 'Hochverräter' gebrandmarkten Schönerianer.“ 4
Der Verfasser der vorliegenden Proseminararbeit betrachtet im Folgenden einige Stationen der Biografie des Kronprinzen Rudolf im Einzelnen. Sowohl aus diesen, als auch aus der konkreten historischen Lage des Umbruchs und den damit einher gehenden spezifischen (macht-) politischen Konstellationen, unter deren Einfluss der Erzherzog aufwuchs, lassen sich, diverse Rückschlüsse auf die Entwicklung der ganz individuellen und durchaus weitsichtigen, der sowohl konservativen als auch fortschrittlichen politischen Einstellung sowie der allgemeinen Meinungs- und Willensbildung Rudolfs ziehen.
Es ist folglich nicht unangemessen, als These in den Raum zu stellen, ja zu fragen, ob das Charakterbild des Kronprinzen überhaupt in seine Zeit gepasst hat oder nicht.
wird.' Niemand erwarte in Europa glückliche Zeiten, bevor nicht das Schicksal und die Regelung der orientalischen Angelegenheiten gründlich ausgekämpft sind. 'Rußland ist das drohende Gespenst und in der ewigen Kriegsgefahr, in der wir leben, stockt das bürgerliche Leben, und man verzehrt sich durch seine eigenen Kraftentfaltungen. Europa ist in einem ungesunden Zustand und bald muss eine Lösung dieser anormalen Verhältnisse kommen.“ (Victor Bibl, Kronprinz Rudolf. Die Tragödie eines sinkenden Reiches, Wien 1938, S.263.) 4 Bibl, Tragödie, S.265f.
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Arbeit zitieren:
Andreas Raffeiner, 2009, Kronprinz Rudolf, München, GRIN Verlag GmbH
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