Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 3
2. Antike Astronomie und Astrologie 4
3. Die Morgenröte 7
4. Der Sonnengott 11
4.1. Die mesopotamischen Kulturen und Ägypten 11
4.2. Der griechische Sonnengott 13
4.3. Der römische Sonnengott 16
4.4. Der Sonnengott und das Christentum 20
5. Die Mondgöttin 23
6. Zusammenfassung 25
7. Quellenverzeichnis 28
8. Literaturverzeichnis 28
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1. Einführung
„Sonnenanbeter“ oder „Mondsüchtige“ nennen wir heute Menschen, die - aus welchem Grund auch immer - eine besondere Anziehungskraft der Himmelskörper verspüren. Doch tatsächlich können wir alle uns ihren Einflüssen nicht verschliessen. Wenn nach einem langen, kalten Winter der Frühling erwacht und die ersten Sonnenstrahlen nicht nur die Erde, sondern auch unser Gemüt erwärmen, oder wenn wir am Strand mit Ebbe und Flut die Kraft des Mondes scheinbar fassen können, spüren auch wir die Bedeutung der Gestirne über uns. Und wenn wir des Nachts die Sterne beobachten scheint alles klein und unbedeutend im Vergleich zu diesem unendlichen faszinierenden Meer. Wir sind nicht die ersten Menschen, denen es so geht. Sonne und Mond wurden bei den meisten Völkern kultisch verehrt und bereits als wichtige Faktoren des täglichen Lebens erkannt. Personifizierte Gottheiten wurden jedoch erst in späteren Schichten religiöser Vorstellung daraus. Wann genau dies geschah lässt sich kaum feststellen. Doch zeigen die Quellen, dass bereits im Alten Orient Sonne und Mond als Götter Verehrung fanden. 1
Die Vorstellung von den Gestirnen als göttliche Mächte mit Einfluss auf das Leben der Menschen stammt aus Mesopotamien. 2 Dort fanden regelmäßige Kulthandlungen statt und im Pantheon der Götter hatte vor allem die Sonne einen hohen Stellenwert. Doch auch in weiteren Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes gab es Festtage und Feierlichkeiten für Sonne und Mond. So wurde in vielen Kulturen am 25.12. ein Fest zu Ehren der Sonne gefeiert. Ab diesem Tag werden die Tage wieder spürbar länger und die Kraft der Sonne beinahe greifbar. Zu den religiösen Gemeinschaften, die dieses Fest begingen, gehörten die Ägypter, Juden und auch die Perser. 3 In diesem Zusammenhang ist eine Diskrepanz augenscheinlich: sowohl im frühen griechischen, wie auch im frühen römischen Festkalender fehlen Feiertage zu Ehren der Lichtgötter. 4 Dies wird durch die Stelle Schol. Soph. o.c. v 100 deutlich: Αθεναιοι [..] νηφαλια ίερα θυομαι Μνημοσυνη, Μουση, Έοι, Ήλιω, Σελενη, Νυμφαις, Αφροδιτη, Ουρανια. Deutlich. In der römischen Religion erklärt es sich dadurch, dass das Tageslicht in der Frühzeit durch Jupiter repräsentiert und der Mond von Juno und Diana verkörpert wurde. 5 Durch die nicht eindeutige Zuweisung von Gottheiten und Aufgaben und die immer wieder kehrenden Überschneidungen mag dies für Griechenland ebenfalls zutreffen. Die Kulteinsetzung für Sonne und Mond kann in Rom durch die Familie der Aurelier nachgewiesen werden, die ab dem 4. Jh. v. Chr. in der Stadt ansässig waren. Ihr Name wird mit dem sabinischen ausel verbunden, dem Namen des Sol. Er kann auf das 6. / 5. Jh. v. Chr. zurückgeführt werden und legt eine enge Verbindung der Familie mit dem Sonnengott nahe. Sie scheinen den Kult des Sol auf dem Quirinal begründet und damit den Grundstein für eine weitere Verehrung gelegt zu haben. 6
1 Radke, Gottesvorstellung, S. 129; Altheim, Der unbesiegte Gott, S. 11; Bargheer, Gottesvorstellung Heliodors, S. 94.
2 Bargheer, Gottesvorstellung Heliodors, S. 154.
3 Reiser, Götter und Kaiser, S. 68 - 73.
4 Radke, Gottesvorstellung, S. 129; Fauth, Helios-Megistos, S. xvii; Nilsson, Griechische Religion 1, S. 839.
5 Radke, Gottesvorstellung, S. 130.
6 Varro, l.l. 5, 68; Radke, Gottesvorstellung, S. 130 -132.
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Obwohl der Sonnengott in Griechenland bis in archaische Zeit einer der Hauptgötter gewesen zu sein scheint, gewinnen Gestirnreligionen erst ab klassischer Zeit erneut an Bedeutung. 7 Mit der Philosophie des 4. Jh. v. Chr. gewinnt auch die Astronomie an Bedeutung. Im Hellenismus bewirkt zudem der Einfluss Ägyptens zu einer weiteren Zunahme des Einflusses von Astrologie und Astronomie. Die Gestirne wurden nun als mythisch-astronomisch-mathematische Welterklärung anerkannt. Diese Vorstellung wurde auch in der römischen Kaiserzeit fortgesetzt, wie die Aithiopica des Heliodor zeigen. 8 Den Höhepunkt der Gestirnverehrung bildet jedoch die Spätantike, in der diese den Weg zum Monotheismus frei macht.
In Rahmen dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie die Vorstellungen über Astralgötter in den Kulturen ineinanderübergriffen, von den Religionen des Vorderen Orient bis zum Monotheismus der Spätantike. Dabei werden auch die Veränderungen aufgezeigt, denen die Lichtgottheiten unterworfen waren. Sie beziehen sich auf Aufgaben, Vorstellungen, Ikonographie und Stellung im Pantheon. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Sonnengott selbst zu, während die Mondgöttin und auch die Göttin des Morgenrots im Laufe der Jahrhunderte eher an Bedeutung verloren.
2. Antike Astronomie und Astrologie.
Der Beginn der Astronomie liegt im Alten Orient. Dort bestand sie vor allem aus der Beobachtung und der Verwendung des dadurch erworbenen Wissens für Kulte, Bestätigung der Herrschaft, nautische Berechungen, die richtigen Zeiten für den Ackerbau, sowie zur Berechung eines Kalenders. Dieser war ein lunasolarer Kalender und damit immer wieder Verschiebungen unterlegen. Die Festlegung von kultischen Feiern u.ä. auf bestimmte Tage war eher am Lauf des Mondes und der Jahreszeiten möglich, als an den Tagen des Kalenders. Philosophische Beobachtungen und die Suche nach Erklärungen für das Geschehen am Himmel kamen erst in griechischer Zeit auf. Die Vorsokratiker nutzen als Erste Berechnungen und Messungen mit Hilfe von Instrumenten für ihre Erkenntnisse. Platon sah in den Himmelskörpern selbst Götter: θεους [..] όρατους (Epin. 984 D). Philip von Opus, der Teil der Akademie Platons war, entdeckte die Gleichmäßigkeit der Planetenbewegungen. Aristoteles beschreibt die Kugelgestalt der Erde und sah den Ursprung der Religion in den Betrachtungen der Himmelserscheinungen. Er entwickelte die Vorstellung von einem „unbewegten Beweger“, der für die Regelmäßigen Bewegungen der Planeten verantwortlich ist und auch das Geschehen auf der Erde lenkt. Am Ende des 1. Jh. v. Chr. bewies Poseidonios von Apomeia, dass der Mond für Ebbe und Flut verantwortlich ist. 9
7 Nilsson, Griechische Religion 1, S. 839.
8 Hld. II 24, 39 f.; II 25, 28 f.; III 16, 10 f.; Bargheer, Gottesvorstellung Heliodors, S. 155.
9 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 268, 278, 703 - 704; Russo, Die vergessene Revolution, S. 90 - 99.
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Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse und Vorstellungen verbreiteten sich während des Hellenismus. 10 In dieser Zeit verbreitete auch der Priester Berossos die babylonische Astronomie in Ägypten und von dort in der griechischen Welt. 11 Sie riefen aber auch Verwirrung und Verwerfung der Ideen, sowie Anpassung der Mythen und Kulte daran hervor. So wurde das heliozentrische Weltbild im späten 4. Jh. v. Chr. von Aristarchos von Samos begründet, blieb aber weitgehend folgenlos, da es die Beobachtungen am Himmel und die Geschehnisse auf der Erde nicht zu erklären schien. 12 Das neue Wissen bewirkte einen Abstand von Erklärungen der Welt durch göttliche Mächte. Bis in klassische Zeit gab es nur wenig Gebete an Himmelskörper. 13 Dies mag daran liegen, dass diese wenig bedeutsame und auch kultlose Götter waren, die den Menschen zu fern waren. Ihnen fehlte der Zugang zu einem Gott, der unnahbar und unendlich weit entfernt schien. Die Astronomie änderte dies. So hielten die Pythagoreer die Planeten für bewohnbare Welten und sahen in Sonne und Mond die Inseln der Seligen. 14 Alkmaion aus Kroton erklärte die Himmelskörper für Götter. Die pythagoreische Lehre von Harmonie der Sphären schien dies zu belegen. Sie besagte, dass die Planeten durch ihre Bewegungen Töne hervorriefen, die zusammen eine Oktave und damit eine Harmonie bildeten. 15 Auch Hipparchos von Nikaia, den Nilsson als den exaktesten Beobachter des Altertums betitelt, glaubte, dass die Gestirne mit den Menschen verwand und die Seelen Teil des Himmels seien. 16 Aus diesen Vorstellungen entwickelte sich eine neue Nachtod-Mythologie. Da Anaximandros festgestellt hatte, dass die Erde frei schwebt, war darunter kein Platz für ein Totenreich. Dieses wurde nun zu den neuen Göttern in den Himmel verlagert. Die verstorbenen Seelen stiegen zu Sonne und Mond auf, die Mondgöttin Selene wurde zur Seelenbegleiterin (siehe Kap. 5). 17 Die Verstorbenen wurden nach einer Reinigung von den Sünden daraufhin selbst zu Sternen. 18 Auch wurden die Seelen im Himmel erschaffen und erhielten ihre Eigenschaften von den Planeten beim Herabsteigen auf die Erde. Die Verknüpfung von Planeten mit Göttern und deren Eigenschaften ist bereits aus dem Alten Orient bekannt. 19 Nach Plinius hatte jeder Mensch einen eigenen Stern, der je nach dem Schicksal des Einzelnen leuchtete. Er entstand der Vorstellung nach bei der Geburt und verglühte im Moment des Todes. 20 „Sonne und Mond sind die Inseln der Seligen, die Planeten die Wachhunde der Persephone, das Zentralfeuer die Burg des Zeus und, was besonders wichtig ist, die Milchstraße ist Hades, der Raum der Seelen, wo sie sich versammeln und von wo sie wieder in die Geburt fallen.“ 21
10 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 268; Russo, Die vergessene Revolution, S. 26, 35.
11 Joseph. c. Ap. I 129; Nilsson, Griechische Religion, S. 269; Russo, Die vergessene Revolution, S. 285.
12 Hippolytos, refutatio omnium haeresium, beschreibt die Entwicklung der Astronomie. Nilsson, Griechische
Religion 2, S. 702; Russo, Die vergessene Revolution, S. 92 - 95.
13 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 497.
14 Iambl. vita Pythag. 82; Stob. I 49, 61; Nilsson, Griechische Religion 2, S. 492.
15 Demokr. 55 A 75; Prodikos 77 B 5; Cic. Somn. Scip. V 18; Sext. Emp. IX 24; Nilsson, Griechische Religion I,
S. 840; Russo, Die vergessene Revolution, S. 29, 263.
16 Plin. n.h. II 95; Nilsson, Griechische Religion, S. 269.
17 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 702 - 704.
18 Aristoph. Pac. v. 832 ff.; Cic. Somn. Scip. II 11; Cic. Somn. Scip. III 13; Cic. Somn. Scip. III 15.
19 Stob. Ecl. II 8, 42; Macrob. In somn. Scip. I 12; Nilsson, Griechische Religion 2, S. 274.
20 Plin. n. h. II 28.
21 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 279.
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Diese Vorstellung war jedoch keine allgemein gültige. Das Weltbild und die Religion der Gebildeten des Mittelmeerraumes waren ab dem Hellenismus von der Wissenschaft abhängig. Das Volk hielte jedoch weiter an dem Gedanken an das Elysium und die strafende Unterwelt fest. Ihm waren dieser neue Glauben und seine Vorrausetzungen unzugänglich. Dies wird durch die Hölle des Christentums deutlich, dessen Vorstellungen aus dem Glauben der einfachen Leute entstanden. Durch die Wiederbelebung der Astronomie durch den Neuplatonismus gewannen die Ideen von der Wanderung der Seele durch die Himmelssphären wieder an Bedeutung, wie spätantike Grabplatten zeigen, auf denen die Verstorbenen umgeben von Sternen und bekrönt von einem Halbmond dargestellt wurden. 22 Eine andere Vorstellung gewann bis zur Spätantike jedoch immer mehr an Bedeutung. Im 2. Jh. v. Chr. war die Reihenfolge der Planeten anhand ihrer Umlaufzeiten festgelegt worden. Die Sonne bildete dadurch die Mitte, das Zentrum der Planeten. Sie erhielt eine vorherrschende Stellung. 23 Da die Gestirne die Welt durch ihre Kräfte lenken traten ab dem Hellenismus die Götter auch nicht mehr als Gestalt, sondern als Kraft in Erscheinung. Diese Kräfte konnten auch auf Gegenstände wie Amulette übertragen werden. Diese Art des Schutzes leistete magischen Praktiken und damit auch der Astrologie Vorschub. Aber dazu später mehr. Die Regelmäßigkeit der Himmelsbewegungen bedurfte eines obersten Gottes, der diese lenkte. Ein Gott, wie ihn schon Aristoteles in seinem unbewegten Beweger gesehen hatte. Dieser Lenker schien jedoch zu entfernt, um den Menschen bei Gebeten und Kulten, im Glauben noch beiseite zu stehen. Er brauchte einen Verwalter, einen Stellvertreter auf der Erde. Durch die Vorrangstellung der Sonne unter den Planeten schien diese am geeignetsten für diese Position. Sie wurde, auch in Gleichstellung mit anderen Gottheiten, wie Aion und Mithras, zu einem Vermittler zwischen den Menschen und dem transzendenten Gott, zu einem Erlöser, der das Böse aus der Welt verbannte. Auch Jesus war ein solcher Erlöser, ein Stellvertreter des einen Gottes. 24 Aus dieser Position des Sonnengottes entwickelte sich seine Bedeutung während der römischen Kaiserzeit (siehe Kap 4).
Neben der Astronomie spielt auch die Astrologie für die Entwicklung der Lichtgötter während der Antike eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die altorientalischen Kulturen sahen in der Astrologie Omen oder das erneute Geschehen eines Ereignisses bei planetarem oder stellarem Gleichstand. Die babylonische Astrologie bestand anfangs aus dem Beobachten des Mondes, erst später wurden die Sonne und weitere Planeten mit beachtet. Direkte Anfragen wurden nur an Schamasch gestellt, nach der Antwort war es möglich das Vorhergesagte durch Rituale und Opfer zu ändern. 25 Die wissenschaftliche Astrologie entstand im hellenistischen Ägypten um 170 - 150 v. Chr. Sie wurden von den Griechen weiterentwickelt und verbreitet. Das dortige Interesse an Horoskopen und Magie stammte aus dem Vorderen Orient und von der wissenschaftlichen Astronomie der hellenischen
22 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 702 - 704, 710.
23 Cic. Somn. Scip. III 17; Cic. Somn. Scip. IV; Nilsson, Griechische Religion 2, S. 272 - 273.
24 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 704 - 707.
25 Ders., S. 270 - 271.
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Gelehrten. 26 „Die Astrologie, die in ihrer wissenschaftlichen Form eine Verschmelzung der Kraftlehre mit dem neuen Weltbild unter strikt kausalem Gesichtspunkt darstellte, dehnte die unverbrüchlichen Gesetze, die in der Sternenwelt walten, auf alles irdische Geschehen, einschließlich des Menschenlebens aus“ 27
Populär wurde die Astrologie jedoch erst um Christi Geburt. 28 Dies hängt damit zusammen, dass sich die neu entwickelten Vorstellungen der Himmelskörper erst in dieser Zeit auch im Volk verbreiteten. Sie taten dies nicht mit der philosophischen Verknüpfung, die die Gelehrten sich annahmen. Doch die Bedeutung von Sonne und Mond für das irdische Leben, sowie die Übertragung göttlicher Kräfte auf magische Gegenstände verstand auch ein Laie. Die Einführung des julianischen Kalenders als Sonnenkalender, der, im Gegensatz zu den griechischen, im ganzen Reich Geltung erlangte, förderte den astrologischen Wissensdrang. Er basierte auf der Sonne als Grundlage zur Berechnung der Wochen und Monate und machte ihren Einfluss damit umso deutlicher. In dem neuen Kalender wurden die Wochentage nach den Planeten benannt und auch die Stunden wurden diesem System unterworfen. Sie hatten eine festgelegte Reihenfolge und nach dieser begann jeder Tag mit der Stunde des Gottes, nach dem er benannt war. Auf diese Weise blieb die Ordnung der sieben Planeten und sieben Tage stets bewahrt, wenn auch dieselbe Stunde an jedem Wochentag einen anderen Namen trug. Diese Festlegung wird das erste Mal von Tibull zwischen 20 v. Chr. und der Zeitenwende erwähnt und wurde wohl nicht viel früher eingeführt.
Die wissenschaftliche Astronomie trat nun in den Hintergrund. Die Grundlagen waren in klassischer und hellenistischer Zeit gelegt worden und wurden nun von immer neuer Seite betrachtet und vor allem philosophisch diskutiert, jedoch nicht weiter ausgebaut. 29 „Die Religion verschlang gewissermaßen die Wissenschaft, und was Wissenschaft genannt wurde, war nicht mehr um seiner selbst willen da, sondern hatte stets einen praktischen Zweck, wie Astrologie, Iatromantik, Alchymie usw.“ 30
3. Die Morgenröte
Die Morgenröte hatte in den vorgriechischen Religionen besondere Bedeutung als Symbol für die Überwindung des Chaos, das die Nacht symbolisiert. Durch den Sonnenaufgang am Morgen wurde die göttliche Macht der Sonne jeden Tag auf’s Neue deutlich. 31
In Ugarit im 2. Jt. v. Chr. waren shr, Schahar die Morgenröte, und slm, Schalim der vollendete Tag, ein Götterpaar, dass das irdische und himmlische Geschehen bestimmte. Aus dieser frühen
26 Ders., S. 269 - 271, 275.
27 Ders., S. 705.
28 Ders., S. 276; Russo, Die vergessene Revolution, S. 194 .
29 Tibull I 3 v. 18; Nilsson, Griechische Religion 2, S. 486 - 487; Merkelbach, Mithras, S. 212; Russo, Die
vergessene Revolution, S. 276, 323 - 327.
30 Nilsson, Griechische Religion 2, S. 712 - 713.
31 Lauber, Sonne der Gerechtigkeit, S. 364, 366.
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Vorstellung wird während der Mittleren Bronzezeit im Vorderen Orient der Sonnenlauf als Garant der Ordnung auf Erden. Er setzt seinen Willen durch seinen Vertreter, den König, auf der Erde durch. 32 Daneben bleiben verschiedene Götter als Personifikationen des Morgensterns erhalten. Diese sind meist weiblich, während der Abendstern als männlich angesehen wurde. 33 Vor allem die babylonische Ischtar und die phönikische Astarte sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Für beide sind astrale Kulte nachgewiesen, die nachts und vor Sonnenaufgang stattfanden. Dabei sind sie auch Teil des hieros gamos. Dieser verbindet den erotischen Aspekt mit einem weiteren der Liebesgöttinnen, dem Streit zwischen den Menschen. 34
Durch diese Gemeinsamkeit wurden sie ab hellenistischer Zeit mit Aphrodite gleichgesetzt, die den Griechen als Göttin des Morgen- und Abendsterns galt. Das gleiche gilt für Inanna, die babylonische Mondgöttin. Durch diese Gleichsetzung entstand im griechischen Raum der Aspekt der Aphrodite urania (Herod. 1, 105; Paus. 1, 14, 7). Ebenso ergeht es im Römischen der Juno caelestis. Neben ihr werden nach Herodian VII, 4 Astrocharche und Astronoe verehrt, die beide mit dem astralen Charakter der Venus und Juno in Verbindung gebracht werden. 35 Die Liebesgöttin mit astralem Charakter wird erstmals bei Platon fassbar, der die geistige Liebe als urania von der körperlichen Liebe, pandemos, trennte (Plat. Symp. 8 f.). Aphrodite urania steht ihrem Vater Uranos sehr nahe, der in Griechenland keine Verehrung oder Kulte genoss, im Gegensatz zu Zeus, der als Vater der Aphrodite pandemos gilt. Erklären lässt sich die Trennung durch die Zeugung der Göttin, die nur bei Zeus auf körperliche Art geschah. So ist Aphrodite urania die himmlische, reine Göttin, Aphrodite pandemos jedoch die Göttin des Volkes, die den Eigenschaften und dem Leben der Menschen näher stand. Juno caelestis hingegen ist die römische Form der phönikischen Göttin Tanit, deren Name auch Astroarche war. Sie ist eine Astralgottheit, die mit dem Mond, den Sternen und dem Morgenstern in Verbindung gebracht wird und dem Sonnengott Baal-Hammon nahe steht. Jedoch wird sie im Römischen nicht nur als Juno caelestis bezeichnet, sondern auch als Virgo, Venus caelestis und Diana caelestis. 36 Dies legt wiederum ein breiteres Aufgabenspektrum der Göttin nahe, das facettenreicher ist als es die römische Religion mit einer Gottheit ausdrücken konnte.
Eos jedoch bleibt die einzige Göttin der Morgenröte und des anbrechenden Tages, die in ihren Aufgaben nicht durch eine ranghöhere Gottheit des jeweiligen Pantheons ersetzt wird. Sie wird anfangs mit Flügeln dargestellt, ab dem 4. Jh. v. Chr. durchritt sie ihre Bahn auf weißen Pferden. Auch fuhr sie mit einer Biga oder Quadriga ihren Weg entlang: Poscimur, et fulget tenebris Aurora fugatis. Corripe lora manu (Ov. met. 2, 144 - 145). 37 Stets verbunden war sie dabei mit dem Morgenstern, der
32 Arneth, Sonne der Gerechtigkeit, S. 12; Lauber, Sonne der Gerechtigkeit, S. 368.
33 Groneberg, Ištar, S. 125.
34 Groneberg, Ištar, S. 120 - 150.
35 Jost, Himmelsgöttin, S. 62 - 63. Vgl. C. Roussel - M. Launey, Inscriptions de Delos, Paris 1937, n. 2305. Hier
wird eine Inschrift aus dem 2. Jh. n. Chr. aufgeführt, die Aphrodite urania mit Astarte indentifiziert.
Groneberg, Ištar, S. 123; Burkert, Greek Religion, S. 152.
36 Piso, Dea caelestis, S. 224.
37 Escher, Eos, Sp. 2667 - 2668.
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2008, Die Lichtgötter in der Antike, München, GRIN Verlag GmbH
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