„Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen.“ 1 Das bedeutet, dass Bildung das Streben nach dem „Werden“ ist, dem Prozess des Menschseins und der Findung des eigenen Ichs. Ist dieser Selbstfindungsprozess in Zeiten der medialen Dauerbeschallung und Bildungsreformen überhaupt noch nötig? Reicht es in unserer modernen Gesellschaft nicht einfach aus, die von den Medien und vor allem den Talkshows suggerierten Lebensstile zu übernehmen und in der Spaßgesellschaft des 21. Jahrhunderts sich der schnellen und unkomplizierten Glücksfindung hinzugeben? Ist es bei den modernen Mitteln der Informationstechnologie noch nötig zu Lesen und alte, längst überholte theoretische Geisteswissenschaften wie Philosophie intensiv zu studieren anstatt sich in ingenieurwissenschaftlichen Themengebieten praktisch weiterzubilden um damit seine Karrierechancen zu steigern?
Wie viel Bildung braucht der Mensch heutzutage noch? Das ist die zentrale Frage die im Folgenden vor allem mit Blick auf die Überlegungen von Wilhelm von Humboldt bezüglich der Bildung und deren Nutzen für den Menschen betrachtet wird. Um Humboldts Thesen zu stärken wird eine Festschrift von Prof. Dr. Peter Bieri vom 4.November 2005 hinzugezogen, welche das moderne Bildungsideal wieder etwas auffrischt und an uns appelliert, die Bildung im Sinne von Humboldts Ideen nicht zu verlieren.
Würde man eine Befragung in einer Fußgängerzone einer beliebigen Großstadt in Deutschland zum Thema „Was bedeutet für sie Bildung“ machen, würde die häufigste Antwort wahrscheinlich auf ein breites Allgemeinwissen oder ein großes Faktenwissen in einem speziellen Bereich abzielen. Doch kann das alles sein? War und ist Bildung nur Faktenwissen oder gibt es einen Metabereich, der Bildung begreifbarer und seinem Wortstamm entsprechender macht? Humboldt sah Bildung nicht nur als reines Anhäufen von Wissen an, sondern vor allem als Verwirklichung des Menschen und der damit verbundene Selbstfindung und Sinngebung des eigenen Daseins 2 . Im Mittelpunkt der Bildung steht nämlich der Mensch, „der ohne alle, auf irgend etwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Werth und Dauer verschaffen
1 Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri, S.1, Bern, 2005.
2 Schriften zur Anthropologie und Geschichte, Wilhelm von Humboldt, S. 235, in Wilhelm von Humboldt.
Werke I, Andreas Flitner (Hrsg.), Darmstadt, 1969.
2
will“ 3 . Bildung ist demnach nicht ein notwendiges Übel, welches man als Voraussetzung benötigt um ein Ziel zu erreichen, sondern Bildung bedingt sich selbst. Sie ist „ein Wert in sich“ 4 wie es Bieri treffend in seiner Festrede beschreibt. Um Klarheit zu schaffen, benötigt man eine gültige Definition was man unter Bildung versteht, wie sie einst Humboldt und auch heute noch Bieri sehen. Zwar wägt Humboldt ab, indem er es als „grosses und treffliches Werk“ 5 bezeichnet, wenn man die Bereiche welche für die menschliche Erkenntnis und dessen Glück bezeichnend sind definiert, dennoch wird im folgenden ein solcher Versuch unternommen, auch wenn er nicht unbedingt die Erwartungen Humboldts erfüllen kann. Bieri spricht sehr pragmatisch von einer doppelseitigen Bildung 6 : „Man lernt die Welt kennen, und man lernt das Lernen kennen“ 7 . Dieser kurze Satz, beschreibt Bildung in ihrem Kern. Einerseits gehört, vor allem im heutigen Verständnis des Begriffes, zur Bildung das Faktenwissen, das Wissen über Details und Systeme um es uns möglich zu machen Dinge in ihrem Wesen überhaupt zu kennen und zu verstehen lernen. Andererseits, und dies hat gewiss den größeren Anteil bei Humboldt und Brieri, gehört zur Bildung auch soziale Kompetenz, der Wille Dinge zu hinterfragen, die Distanz zur eigenen Kultur, die Reflektion der eigenen Person und die Fähigkeit Neues aufzunehmen und sich anzueignen.
Demnach ist die bewusste Akkumulation von Wissen Macht. Jedoch nicht die Art von Macht über andere Menschen zu herrschen, sondern solche welche uns davor bewahrt selbst ein Opfer zu werden 8 . Ein Opfer von Aberglauben oder der Werbung. Diese Art von Wissen nennt Bieri in seiner Festrede „Wissen zweiter Ordnung“ und sieht sie als Grundvoraussetzung von Bildung an, denn nur wenn man die Dinge hinterfragt warum sie so sind, wie sie sind wird man frei in seinem Denken und dadurch gedanklich unbestechlich 9 . Eine Eigenschaft die gerade heute im Zeitalter der bewussten und unbewussten Manipulation durch die Medien, sehr wünschenswert wäre, wenn möglichst viele Menschen sie besäßen. Die Realität sieht jedoch anders aus und so werden beispielsweise bei dem TV-Sender „9 Live“ die Anrufer mit angeblichen Wissensfragen hinters Licht geführt, da sie dem Sender
3 Ebd.
4 Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri, S.6, Bern, 2005.
5 Schriften zur Anthropologie und Geschichte, Wilhelm von Humboldt, S. 234, in Wilhelm von Humboldt.
Werke I, Andreas Flitner (Hrsg.), Darmstadt, 1969.
6 Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri, S.1, Bern, 2005.
7 Ebd.
8 Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri, S.2, Bern, 2005.
9 Ebd.
3
Vertrauen schenken und nicht eine Minute darüber reflektieren, dass einzig und allein ökonomische Anreize zur Gewinnmaximierung für den Sender (nicht dem Anrufer) hinter den sogenannten Rätseln stehen. Ein gebildeter Bürger hätte sich zumindest die Frage gestellt, wieso denn die vielen Anrufer vor ihm nicht auf die richtige Lösung gekommen sind und womit der Sender sich finanziell über Wasser hält, wenn er keine Werbeeinnahmen durch Werbeausstrahlungen hat und dass er womöglich einem Trick aufliegen wird. Somit kann eine breite Bildung und der Wille Dinge zu hinterfragen auch heute noch in alltäglichen Situationen von nutzen sein.
Humboldt forderte in seiner „Theorie der Bildung des Menschen“ dahingehend weitaus mehr, als die bloße Reflektion über das Wesen eines Subjekts. Seine Vorstellung war, dass sich die Menschheit und jeder Einzelne der Natur und seiner Umwelt einen so prägenden Stempel aufdrückt, dass er auch nach seinem Tode noch weiterlebe und eben sein Leben durch die Veredelung von Bildung einen nahezu unsterblichen Hauch verleihe, der den Menschen an sich unvergesslich macht 10 . Er selbst hat dies geschafft, denn alleine dadurch dass man heute noch über seine Theorien und Ideen diskutiert, bleibt Humboldt auch in der heutigen Zeit als Subjekt lebendig und lebt gedanklich fort. Dieses höhere Ziel wird jedoch dem Großteil der Menschen versagt bleiben und somit bleibt ihm nur die Bildung des eigenen Inneren.
Bieri drückt dies als „historisches Bewusstsein“ aus und die Fähigkeit eine Distanz zur eigenen Kultur zu Schaffen um diese kritisch zu durchleuchten 11 . Eng verbunden hiermit ist das Nachdenken über die eigene Sprache und wie damit umgegangen wurde und in welchem Kontext sie heute benutzt wird. Als unausweichlich wird hierbei die Lektüre von Texten angegeben, da nur sie die Möglichkeit bietet die eigene Sprache aus verschiedenen Blickwinkeln, viele ihrer Facetten preisgebend zu studieren: „Der Gebildete ist ein Leser“ 12 . Bildung umfasst eben auch das Verstehen wie sich etwas entwickelt hat und warum es diesen und nicht jenen Weg gegangen ist. Dieses Wissen kann meist nur durch die Lektüre von Büchern erlangt werden, die Zeitzeugnisse sind und den Wissensstand ihrer Zeit abbilden. Mit dieser neu
10 Schriften zur Anthropologie und Geschichte, Wilhelm von Humboldt, S. 236, in Wilhelm von Humboldt.
Werke I, Andreas Flitner (Hrsg.), Darmstadt, 1969.
11 Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri, S.2, Bern, 2005.
12 Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri, S.4, Bern, 2005.
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Roland Federschmidt, 2009, Wieviel Bildung braucht der Mensch in der heutigen Zeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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