Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Theorie der phantastischen Literatur und die Funktion des Weiblichen. 5
2.1. Einbruch in die reale Welt- Roger Caillois 5
2.2. Reflektion der sexuellen Wünsche: Die Du-Themen bei Tzvetan Todorov. 6
2.3. Von Kastrationsängsten, Scheintoten und von Sigmund Freud 7
3. Von der femme fatale zur femme démon. 9
4. Die Weiblichkeit in den Erzählungen von Cazotte, Gautier und Mérimée. 11
4.1. Eine teuflische Verführung - le diable amoureux. 11
4.2. Die perfekte femme fatale - La Vénus d’ille 12
4.3. Die Vertreibung aus dem Paradies - La morte amoureuse 14
5. Schlussbetrachtung. 17
6. Literaturverzeichnis. 19
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1. Einleitung
Es ist doch ein erstaunliches Phänomen: So sehr die Frau bis in die heutigen Gesellschaften hinein Unterdrückung erfährt und meistens nur auf Nebenschauplätzen agiert, so sehr scheint die Weiblichkeit in der Literatur eine bemerkenswert wichtige Rolle einzunehmen. Es ließe sich daraus schließen, dass die Literatur der Frau eben jene Annerkennung zukommen lässt, die ihr ansonsten verwehrt bleibt. Doch diese Annahme kann sich nur auf dem ersten Blick halten. Bei näherer Betrachtung ist häufig festzustellen, dass die Funktion des Weiblichen nur marginalisiert über eigene Substantialität verfügt. Meistens wird sie reduziert auf wenige Eigenschaften. Und meistens sind diese Eigenschaften definiert hinsichtlich ihres Nutzens oder ihres Nicht-Nutzens für den Mann. So fungieren eine Vielzahl der weiblichen Figuren in der Literatur vor allem als Projektionsfläche männlicher Sehnsüchte und Ängste, dienen ihm direkt oder indirekt zu seiner Selbstverwirklichung. Und bleiben stets in der Objektrolle verhaftet. Ob sie nun Kriemhild heißen oder Ophelia, Emma Bovary, Amalia, Gretchen, Lulu oder Lolita. Sie alle sind konstruiert unter einem männlichen Herrschaftsblick, verloren in einer patriarchalen Wirklichkeit und verdammt, sobald sie einen Schritt zur Subjektwerdung wagen.
Die folgende Arbeit wird sich nun insbesondere mit der Rolle der Weiblichkeit in der phantastischen Literatur befassen, da gerade dieses Genre auffällig oft die weibliche Figur als destruktive Antagonistin der männlichen Protagonisten darstellt und sie der Objektrolle überlässt.
Der erste Abschnitt wendet sich der Theorie der phantastischen Literatur zu. Zwar wird in den theoretischen Abhandlungen selten explizit auf die Rolle der Frau in der Phantastik hingewiesen, gleichwohl werden immer wieder bestimmte Grundstrukturen vorgestellt, die sich durch einen männlich dominierenden Blick auf dieses Genre auszeichnen. Mit Roger Caillois und Tzvetan Todorov ist der Diskurs über die Theorie der phantastischen Literatur zwar nicht erschöpfend skizziert, deckt dennoch einige Grundauffassungen zu diesem Genre ab. In Caillois These, die sich abgekürzt als Risstheorie benennen lässt, braucht die phantastische Erzählung zunächst eine Rahmenhandlung, die sich in einer patriarchalhomgenen Wirklichkeit abspielt bis das Unheimliche mit vermeintlich weiblichen Elementen eindringt und so das Phantastische der Erzählung konstituiert. Todorov, der sich ebenfalls einer strukturalistischen Betrachtungsweise bedient, macht ein Themengebiet der phantastischen Literatur auf, das die Frau vor allem als Wunschobjekt des männlichen Sexualbegehrens versteht. Ein paar Jahrzehnte vorher hat Sigmund Freud eine Abhandlung über das Unheimliche verfasst. Sie lässt sich zwar nicht direkt in die Reihe der theoretischen
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Arbeiten zur phantastischen Literatur einordnen, benennt jedoch Motive, die sich in der Phantastik niederschlagen und dient somit als sinnvolle Ergänzung zum ersten Teil dieser Arbeit.
Da die Gestalt der femme fatale, die ‚belle dame sans merci’ gerade in der Hauptentstehungszeit der phantastischen Literatur im endenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert immer häufiger in der Literatur rezipiert wurde und gerade in der phantastischen Literatur eine wichtige Rolle spielt, bietet es sich an, im zweiten Abschnitt einen kurzen Ausblick auf ihre Figur und ihre Funktionalität zu geben. Der dritte Teil der Arbeit befasst sich schließlich mit drei phantastischen Erzählungen fokussiert auf die Funktion der weiblichen Figuren: le diable amoureux von Jacques Cazotte, la Vénus d’ille von Prosper Mérimée und la morte amoureuse von Théophile Gautier. Die Auswahl der Erzählungen beschränkt sich auf Werke französischer Autoren, da die Arbeit im Rahmen des Seminars „französische Textanalyse“ angefertigt wird. Weiterhin ist die Auswahl zum Teil willkürlich getroffen worden, zum Teil entspringt sie dem Anliegen, drei Erzählungen zum Gegenstand der Arbeit zu machen, die als beispielhaft für phantastisches Erzählen gelten. Auf Grund des eingeschränkten Rahmens dieser Arbeit lässt es sich leider nicht vermeiden, nur einige Aspekte oberflächlich zu streifen. Stützpfeiler werden daher lediglich eine Auswahl an Elementen sein, mit denen sich deutlich die Funktion der Weiblichkeit in der phantastischen Literatur umreißen lässt.
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2. Die Theorie der phantastischen Literatur und die Funktion des Weiblichen
2.1. Einbruch in die reale Welt- Roger Caillois
In seinem Werk Das Bild des Phantastischen vom Märchen zur Science Fiction macht Roger Caillois den Versuch die Phantastik zu definieren in Abgrenzung an die ihr benachbarten Genres. In dieser Hinsicht weist Caillois darauf hin, dass die Grundvoraussetzung um phantastische oder unheimliche Momente zu schaffen zunächst ein Rahmen sei, der von
„Logik, Präzision [und] wahrscheinliche[n] Details“ 1 bestimmt ist. Das Unheimliche dringt nun in diese reale und dem Leser 2 meist vertraute Welt ein, bricht mit der Harmonie und hinterlässt einen „Riss in dem universellen Zusammenhang“ 3 , der sich durch Homogenität und Inhärenz auszeichnete.
Daher konnte nach Caillois Phantastische Literatur auch erst entstehen, nachdem sich eine wissenschaftliche Auffassung vom Ablauf der Welt in der Gesellschaft etabliert hatte. Das heißt also, dass die Phantastik die Aufklärung und die Annahme einer „zwangsläufig
rationalen Ordnung der Dinge“ 4 benötigte, um entstehen zu können. „Das Phantastische [...] kann nur entstehen, nachdem das Weltbild keine Wunder mehr zulässt und von einer strengen
Kausalität bestimmt ist.“ 5 Tatsächlich liegt die Hauptblüte der phantastischen Literatur im Zeitraum vom Ende des 18. Jhr. bis zur ersten Hälfte des 19. Jhr. 6 Bereits hier zeichnet sich implizit ein Grundgedanke dieses Genres ab: So bedeutet Wissenschaft im traditionellen Sinne Nüchternheit, Vernunftgeleitetheit und Sachbezogenheit, in der Emotionalität als Irrationalität nichts zu suchen hat. Bemerkenswerterweise sind diese beiden Pole seit jeher mit stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit besetzt. Weiterhin ist mit der Aufklärung eine Idealvorstellung des Menschen entstanden, das sich durch Rationalität, Abstraktheit und Entscheidungsfähigkeit auszeichnet. Gemeint ist hier der Mann. Sein Gegenpol ist die naturbehaftete, emotionale und eben irrationale Frau, welcher lediglich die Möglichkeit bleibt, dem männlichen Ideal nachzueifern. Die Devise „liberté, egalité, fraternité“, das Erbe
1 Caillois, Roger: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction. In: Phaicon 1. Almanach der phantastischen Literatur. Hg. Rein A. Zondergeld. Frankfurt a. M.: Insel Verlag 1974. S. 67.
2 Aus Gründen der Einheitlichkeit werde ich im Folgenden nur die maskuline Form angeben, ohne die weibliche Leserin dabei unterschlagen zu wollen.
3 ebd. S. 46.
4 ebd. S. 48.
5 ebd. S. 57.
6 vgl. ebd. S. 57-59.
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der Aufklärung schließt von vornherein die Frauen aus, ebenso beziehen sich die „droit de l’homme“ grundsätzlich auf die Männer.
Wenn Caillois also anmerkt, dass das phantastische Moment in einer Erzählung durch einen Riss entsteht, der sich innerhalb einer wissenschaftlich abgesicherten Wirklichkeit abbildet, so ließe sich mit anderen Worten sagen, dass der realistische Rahmen der Phantastik ein
männlicher Rahmen sei, aus dem die Frau zunächst ausgeschlossen ist 7 . In diesen Rahmen bricht das irrationale, unerklärbare und das der Kausalität entzogene Element ein und stellt die Ordnung auf den Kopf. Eben dieses Element, das Konnotationen mit dem Weiblichen hervorruft.
Weiterführend hat Caillois die Themen der phantastischen Literatur definiert, die unter anderem lauten: Der Teufelspakt, die Seele in Not, die Verkörperung des Todes, die Vampire, die lebendige Statue oder Puppe, die Umkehrung der Gebiete des Traums und der
Wirklichkeit etc. 8 Interessant ist, das diese Themen meist von weiblichen Figuren übernommen werden, wie im Folgenden noch aufgezeigt wird. Auch hat Caillois als ein spezifisch, phantastisches Motiv die Phantomfrau angeführt, „die aus dem Jenseits kommt
und eine tödliche Verführung ausstrahlt.“ 9 Ein Phantommann oder eine ausschließlich männlich besetzte Rolle wird in der Auflistung der phantastischen Themen nicht angeführt.
2.2. Reflektion der sexuellen Wünsche: Die Du-Themen bei Tzvetan Todorov
In seiner Einführung in die fantastische Literatur behandelt Tzvetan Todorov zwei Themenfelder der Phantastik, die Ich-Themen und die Du-Themen. In den Ich-Themen stellt er jene phantastischen Elemente vor, die eine relative Isolierung des Menschen von der Welt
betreffen (durch Aufhebung von Zeit und Raum, Pan-Determinismus etc. 10 ). Dieser Bereich ist jedoch vergleichsweise uninteressant für die Fragestellung der Arbeit. Um einiges ergiebiger zeigt sich eine nähere Betrachtung der Du-Themen. Dieses Gebiet beinhaltet die exzessiven oder neurotischen Formen der sexuellen Begierde. Todorov meint hierzu: „Die Begierde als sexuelle Versuchung findet ihre Inkarnation in einigen der am häufigsten
vorkommenden Figuren der übernatürlichen Welt [...]“ 11 . Neben der „’normale[n]’“ Liebe zu einer Frau“ 12 zählt Todorov verschiedene Transformationsvarianten der sexuellen Lust hinzu.
7 vgl. Bulver, Kathryn M.: La femme démon. Figuration de la femme dans la litterature fantastique. New York: Peter Lang Publishing 1995. S. 28.
8 vgl. ebd. S. 64-65.
9 ebd. S. 65.
10 vgl. Todorov, Tzvetan: Einführung in die phantastische Literatur. München: Carl Hanser Verlag 1972. S. 108.
11 ebd. S. 115.
12 ebd. S. 118.
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Arbeit zitieren:
Kiana Ghaffarizad, 2008, Das Böse ist eine Frau, München, GRIN Verlag GmbH
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