Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
1. Leitbild der nachhaltigen Entwicklung 3
1.1 Kurzer historischer Abriss des Nachhaltigkeitskonzeptes. 3
1.2 Zum Begriff der nachhaltigen Entwicklung. 5
1.3 Dimensionen der Nachhaltigkeit. 7
1.4 Prinzipien nachhaltiger Entwicklung 10
1.5 Exkurs: Alternative philosophische Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung 14
1.6 Konzepte der Nachhaltigkeit 16
1.7 Operationalisierung der Nachhaltigkeit: Ökonomische Ansätze 20
1.8 Nachhaltigkeit, Wohlstandsschöpfung und Lebensqualität 22
1.8.1 Das Vier-Kapitalien-Modell der Wohlstandsschöpfung 23
1.8.2 Der Lebensqualitätsansatz 27
1.9 Nachhaltige Kommunen 31
2. Das Ecovillages-Konzept: Historische und theoretische Analyse 33
2.1 Die Wiedererfindung des altertümlichen Konzeptes 33
2.2 Begriffsdefinition und -abgrenzung 36
2.3 Herausforderungen des Ecovillage-Aufbaus 42
3. Ecovillages und Nachhaltigkeitsparadigma 46
3.1 Einführende Bemerkungen zur Umweltethik von Ecovillages 46
3.2 Nachhaltigkeitsdimensionen im Ecovillage-Alltagsleben 47
3.3 Aktivität von Ecovillages als praktische Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens 51
3.3.1 Permakultur 51
3.3.2 Ökotourismus 59
3.3.3 Nachhaltiges Design 60
3.3.4 Seminare und Kurse zum nachhaltigen Lebensstil 63
3.3.5 Zusammenarbeit mit Hochschulen 65
3.3.6 Beitrag zur Regionalentwicklung, politische und internationale Aktivität 68
3.4 Lebensqualität in Ecovillages - Eine Studie der Universität Vermont 70
4. Fallbeispiele ausgewählter Ecovillages der Welt 74
4.1 Crystal Waters Permaculture Village 75
4.2 Ecovillage Findhorn 78
4.3 Ecovillage at Ithaca 80
4.4 Ökodorf Sieben Linden 81
4.5 Probleme und lebensqualitätsmindernde Faktoren von Ecovillages 84
II
5. Exkurs: Besonderheiten des Ecovillage-Konzeptes in Russland…………………….. 88 88 5.1 Russische Mikrolandwirtschaft: von Bauernschaft bis zu Datschen und Ecovillages. 5.2 Die Bewegung „Klingelnde Zedern“: Hintergrund und Ziele……………………….. 92
5.3 Das russische Ecovillage Kowtscheg: Eine Fallstudie……………………………… 102
Schlussfolgerungen und Ausblick………………………………………………………… 106
Quellenverzeichnis …………………………………………………………………………i
III
Einleitung
Moderne große Städte werden immer untauglicher für das Leben, was auf die Verschmutzung der Luft, des Wassers, Bodens, der niedrigen Qualität von Lebensmitteln, Stress, Kriminalität, bewegungsarme Lebensweise und Gesundheitsprobleme als Folge des oben Genannten zurückzuführen ist. Die Lebensqualität der Bewohner wird somit immer niedriger. In den Städten sind die Bewohner von einem künstlichen Lebenssicherungssystem abhängig wie z.B. den Kommunaldienstleistungen oder der Kanalisation. Auch die ökonomische Abhängigkeit von vielen Faktoren, die sie kaum beeinflussen können, ist nicht zu unterschätzen wie bspw. von Lebensmitteln. Keine einzige Stadt in der Welt versorgt sich selbst vollständig und kann in diesem Sinne nicht als nachhaltig eingestuft werden. Viel mehr hängt sie von ihrer Region, ihrem Land oder auch anderen Ländern ab. 1 Nach Morris (1990) importiert eine durchschnittliche nordamerikanische Stadt mit 100 Tsd. Einwohnern täglich ca. 200 Tonnen Lebensmittel, 1 000 Tonnen Kraftstoff und 62 000 Tonnen Wasser, wobei als Exporte jährlich 100 000 Tonnen Abfälle und 40 000 Tonnen häusliche Abwässer vorliegen. Um neue Wege in die Zukunft zu finden, werden von den Staatsorganen sämtlicher Ebenen zahlreiche experimentelle Projekte realisiert. Doch viele Menschen handeln auch selbst, ohne auf die fertigen Lösungen seitens der Macht zu warten. Eine dieser Pioniergruppen stellen die Ecovillage-Bewohner dar, die nach einem nachhaltigen Lebensstil in Einklang mit der Natur mit gleichzeitig hoher Lebensqualität suchen. Die Ecovillages werden somit als die Antwort auf die ökologischen und sozialen Probleme unserer Zeit gegründet. Die Motivation von Ecovillage-Gründern ist die Desintegration sozialer, kultureller und insbesondere der Familienstrukturen umzukehren und den für die Umwelt destruktiven Praktiken eine Alternative anzubieten.
Erstaunlicherweise wird den Ecovillages in der Wissenschaft sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Nach Recherchen der Verfasser wird der Begriff Ecovillage nur in einem Artikel aus sämtlichen wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften erwähnt (vgl. Constanza et al. 2006). Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist somit, diese Lücke auszufüllen. Da das Untersuchungsobjekt kaum erforscht ist, sahen die Autoren ihre Aufgabe in erster Linie darin, eine deskriptive Analyse als mögliche Basis für eine weitere empirische Forschung durchzuführen.
1 Produkte der Landwirtschaft werden im Durchschnitt ca. 2000 km transportiert, bevor sie von den
Endkonsumenten gekauft werden.
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Aus sämtlichen Ebenen des Forschungsobjektes - individuell, regional, national und globalhaben sich die Autoren auf die ersten zwei konzentriert, was am limitierten Umfang der Arbeit sowie den Zeitbegrenzungen liegt. Die vorliegende Analyse soll somit Antworten auf folgende Fragen geben: Was stellen die Ecovillages an sich dar? Welche Philosophie und Ethik liegt ihnen zugrunde? Ist diese Kommunenform regional begrenzt oder ist sie in verschiedenen Ländern vorzufinden? Ist das Ecovillage-Konzept mit dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung vereinbar? Wenn ja, wie kommen die einzelnen Dimensionen des Nachhaltigkeitskonzepts in Ecovillages zum Ausdruck? Warum entscheiden sich die Menschen für das Leben in Ecovillages? Können die Ecovillages die Lebensqualität jeder einzelnen Person erhöhen? Was sind die Einkommensquellen beim Leben in Ecovillages? Mit welchen Herausforderungen begegnen sich die Pioniere des nachhaltigen Lebensstils in diesen nachhaltigen Kommunen? Gibt es Gründe, warum die Mitglieder aus dem Ecovillage ausscheiden wollen? Welche Bedeutung haben Ecovillages für ihre Region? Gibt es Gründe, warum die Zusammenarbeit von diversen Institutionen wie z.B. Universitäten oder lokalen Behörden mit Ecovillages für beide Parteien Nutzen stiften kann? usw. Für die Diskussion der genannten Fragen wurde folgende Vorgehensweise ausgewählt. Die vorliegende Arbeit umfasst fünf Kapitel. Im ersten Kapitel wird in die Thematik nachhaltiger Entwicklung eingeführt, um somit den Rahmen der darauffolgenden Untersuchung von Ecovillages zu schaffen. Hierbei werden diverse Aspekte der Nachhaltigkeit dargestellt: Entstehung und Geschichte des Konzeptes, Begriffsdeutungen, Dimensionen, Prinzipien, philosophische Ansätze und Konzepte nachhaltiger Entwicklung; Problematik der Lebensqualität von nachhaltigen Kommunen. Nachdem im zweiten Kapitel der Begriff Ecovillages sowie ihre Geschichte und Aufbauherausforderungen präsentiert werden, wird im nächsten Kapitel die Vereinbarkeit des Ecovillage-Konzeptes mit dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung überprüft. Dabei stehen die Fragen nach der Philosophie und Ethik der Ecovillages, ihrer sozialen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Nachhaltigkeit, ihren nachhaltigen Elementen bzw. Praktiken wie Permakultur, Ökotourismus und ökologisches Design, der Aktivität von Ecovillages bei der Popularisierung des Nachhaltigkeitsgedankens auf regionalem, staatlichem und globalem Niveau und in der Zusammenarbeit mit den Universitäten sowie in der Bildung von Bürgern in den Seminaren zum nachhaltigen Lebensstil im Vordergrund. Das vierte Kapitel dient der Darstellung von ausgewählten bestpractice-Ecovillages, wobei in einem gesonderten Abschnitt auch detailliert auf ihre lebensqualitätsmindernden Faktoren eingegangen wird. Im letzten Kapitel werden die Leser mit der russischen Ecovillage-Bewegung jüngster Zeit bekannt gemacht.
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1. Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
1.1 Kurzer historischer Abriss des Nachhaltigkeitskonzeptes
Die Idee der Nachhaltigkeit ist nicht neu. Bereits im Jahre 1713 diskutierte der sächsische Oberberghauptmann von Carlowitz in seinem klassischen Werk zur Forstwirtschaft „Sylvicultura Oeconomica“ die These, dass nur ebenso viele Bäume gefällt werden dürfen wie neue eingepflanzt werden. Dieses Prinzip wurde von ihm Nachhaltigkeit genannt. 1913 schrieb der amerikanische Ökonom Gray im Lehrbuch „Ressourcenökonomie“, dass die Naturerhaltung die Versorgung der künftigen Generationen mit hinreichender Menge von Ressourcen bedeute. Hiermit postulierte Gray vor fast 100 Jahren das, was heute unter nachhaltiger Entwicklung verstanden wird.
Die moderne Wiederbelebung der Nachhaltigkeitsidee fand in den 60er Jahren des XX. Jahrhunderts als die Reaktion auf die wesentliche Verschlechterung des Umweltzustandes statt. So erschien 1962 ein Buch der Biologin Carson unter dem Titel „Der Stumme Frühling“, das als Anstoß zur Aktivierung der ökologischen Massenbewegung diente. Die Hauptidee des Buches bestand darin, dass sich der unkontrollierte Einsatz von Pestiziden außerordentlich schädlich auf die Artenvielfalt sowie auf die Gesundheit der Menschen auswirkt und dass die Wirtschaftsweise der industriellen Länder, insbesondere der USA, insgesamt sehr nachteilig für die Umwelt ist (vgl. Carson 1962). 1968 wurde der Club of Rome mit dem Zweck der Untersuchung des von der Menschheit ausgewählten Entwicklungspfades gegründet. Der erste Bericht des Clubs „Grenzen des Wachstums“ wurde 1972 veröffentlicht und hat eine große Resonanz gefunden. Die einzige Auflage des Buches wurde in 25 Sprachen übersetzt, wobei die Gesamtauflage sich auf ca. 12 Mio. Exemplare belief. Die Autoren haben mit Hilfe eines einfachen berechenbaren Modells die Szenarien der Menschheitszukunft entwickelt und sind zum Ergebnis gelangt, dass die Welt im 21. Jahrhundert auf die Grenzen des Wachstums stoßen wird und kein technischer Fortschritt dies abwenden kann. Die einzig mögliche Alternative wäre, die gegenwärtige Umweltzerstörung zu stoppen sowie die Weltwirtschaft und die Weltbevölkerung mit der Rate 0 wachsen lassen (vgl. Meadows 1972:23f.). Obwohl die Resultate des Berichtes des Clubs of Rome von den Ökonomen, darunter auch von Nobelpreisträgern wie Kusnetz, Stiglitz, Solow und Tobin, mehrmals kritisiert wurden, haben die „Grenzen des Wachstums“ viele Millionen Menschen auf die Problematik der Naturzerstörung und die Notwendigkeit des Umweltschutzes aufmerksam gemacht.
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Im selben Jahre (1972) wurde das Problem des Naturerhalts zum ersten Mal auf internationalem Niveau angeregt. Auf der in Stockholm stattgefundenen Umweltkonferenz der UNO wurden ein Aktionsplan und 26 Prinzipien der Naturnutzung ausgearbeitet, die u.a. die internationale Zusammenarbeit, effiziente Ressourcennutzung sowie Bildung und Forschung im Bereich Umweltschutz forderten (vgl. Moffatt 1996:9). Auf der Konferenz wurde ebenso beschlossen, das United Nations Environmental Program (UNEP) ins Leben zu rufen. Der UNEP-Direktor Strong hat bald darauf ein neues Entwicklungskonzept von Ecodevelopment vorgelegt. Dieses Konzept postulierte die Idee der Selbstbegrenzung der Menschheit bei der Befriedigung ihrer Bedürfnisse und warnte die Entwicklungsländer davor, das Konsumverhalten der Industrieländer zu übernehmen (vgl. Binder 1999:78f.). Obwohl das Ecodevelopment-Konzept keinen großen Erfolg hatte, ist es als ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Verabschiedung des Leitbildes nachhaltiger Entwicklung anzusehen. 1980 publizierte UNEP zusammen mit dem World Wild Fund die World Conservation Strategy, in dem das Prinzip nachhaltiger Entwicklung zum ersten Mal auf offiziellem Niveau deklariert wurde. Aber seinen Weltruhm erreichte das Konzept der nachhaltigen Entwicklung erst im Jahre 1987, also nach 274 Jahren seit der ersten Erwähnung von von Carlowitz in „Sylvicultura Oeconomica“. In diesem Jahr erschien der Bericht der UN-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter der Leitung der ehemaligen Ministerpräsidentin Norwegens Brundtland „Unsere gemeinsame Zukunft“, der das Nachhaltigkeitskonzept zum Gegenstand der ungestümen sozialen und politischen Diskussionen sowohl auf nationalem als auch auf internationalem Niveau sowie zum Objekt zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen gemacht hat.
Die Ende des XX. - Anfang des XXI. Jahrhunderts haben sich durch die Erregung der Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft zu den Umweltschutzproblemen gekennzeichnet. So wurde 1992 der größte Weltgipfel seiner Zeit in Rio de Janeiro (Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung) unter Anteilnahme von 178 Staaten einberufen. Das Ergebnis dieses Weltgipfels war die Unterzeichnung der 5 Dokumente, darunter der Agenda 21, in der die 40 Richtungen der Nachhaltigkeitspolitik im XXI. Jahrhundert ausführlich beschrieben wurden. Um die Implementierung der Bestimmungen der in Rio unterzeichneten Dokumente sicherstellen und kontrollieren zu können, wurde im Dezember 1992 von der Vollversammlung der UNO die Kommission für nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen. Die zweiwöchigen Sitzungen dieser Kommission finden einmal pro Jahr in New York statt und sind alle zwei Jahre einem der Spezialthemen der nachhaltigen Entwicklung gewidmet.
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So ist die Thematik der Treffen in 2008-2009 die Landwirtschaft, Landentwicklung, Bodenressourcen, Dürre, Wüstenbildung und Afrika (vgl. Flores-Flores et al. 2008:77). 10 Jahre nach der Konferenz in Rio fand im August und September 2002 der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg (Südafrika) statt, bei dem die zentralen entwicklungs- und umweltpolitischen Probleme wieder auf der Tagesordnung standen. Die Teilnehmerzahl belief sich diesmal auf ca. 22 Tsd. Personen aus 191 Ländern der Welt, darunter 104 Präsidenten bzw. Ministerpräsidenten. Zu den zentralen Themen dieser Konferenz wurden soziale Nachhaltigkeit, Globalisierung und nachhaltige Entwicklung, Welthandel etc. benannt. Für die Implementierung der auf dem Gipfel getroffenen Entscheidungen sowie die Quantifizierung der Zukunftsziele wurden mehr als 300 freiwillige Partnerschaften aus den Vertretern der Nichtregierungsorganisationen, des privaten Sektors und der Bürgergesellschaft gegründet.
Somit wurde heutzutage der zum ersten Mal in 1713 erwähnte Begriff der Nachhaltigkeit zum Leitkonzept der Weltentwicklung. Die ökologische Krise, die im letzten Drittel des XX. -Anfang des XXI. Jahrhunderts zum Mittelpunkt vieler Diskussionen auf internationalem Niveau wurde, zwang alle Nationen, über die Zukunft des Planeten Erde nachzudenken sowie ihre Entwicklungsprinzipien und Einstellung zur Umwelt zu ändern. Das Bewusstsein der Ressourcenknappheit, der Folgen der ökologischen Gleichgewichtsstörung, der Gefahr der fortschreitenden Verschmutzung der Biosphäre lösten die Anerkennung der Notwendigkeit der Änderung der herrschenden Wirtschaftsweise und des Übergangs zur nachhaltigen Entwicklung auf höchstem Niveau aus.
1.2 Zum Begriff der nachhaltigen Entwicklung
Wie bereits erwähnt, erlangte der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ große Popularität durch die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, die auch als Brundtland-Kommission bezeichnet wird. In ihrem Abschlussbericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ fuhr die Kommission eine Definition der nachhaltigen Entwicklung an, die allgemeingültig geworden ist. Sie lautet wörtlich: „Sustainable Development is a development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.” (World Commission on Environment and Development 1987:43).
Doch es gibt eine Vielzahl anderer Definitionen der Nachhaltigkeit, was auf verschiedene Disziplinen, Interessen und Werthaltungen zurückzuführen ist. So zählen bspw. Pearce, Markandya und Barbier (1989:173ff.) über 20 und Pezzey (1989:55ff.) sogar über 60
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verschiedene Definitionsvorschläge. Einige der gängigsten Nachhaltigkeitsdefinitionen werden im Folgenden angeführt 2 :
„Nachhaltige Entwicklung bedeutet den langfristigen und umfassenden Substanzerhalt der Produktionspotentiale, und zwar quantitativ und qualitativ“ (Busch-Lüty 1992:8); „Das Leitbild der dauerhaft umweltgerechten Entwicklung 3 steht für das Konzept, das die Verbesserung der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der Menschen mit der langfristigen Sicherung der natürlichen Lebensbedingungen in Einklang bringen muss… Wirtschaftliche und soziale Entwicklung sind deshalb an der Belastbarkeit der natürlichen Umwelt und den ihr eigenen Zeitrhythmen auszurichten“ (Rat von Sachverständigen für Umweltfragen 1996:25);
„Regionale nachhaltige Wirtschaftsentwicklung ist ein Leitbild, das in einem langfristigen Such- und Abstimmungsprozess erreicht werden soll. Dabei sind die gesellschaftlichen Nutzungsansprüche und die natürlichen Lebensgrundlagen in zeitlicher und räumlicher Dimension so aufeinander abzustimmen, dass interregionale und intertemporale Gerechtigkeit gewährleistet ist. Aus den zeitlichen und räumlichen Dimensionen ergeben sich wichtige Verteilungsaufgaben“ (Majer 1995:223); „Statisch: Nur so viel Holz wird aus den Wäldern entnommen, wie zur Erhaltung der Wuchskraft des Bodens als Voraussetzung für das Fortbestehen des Waldes notwendig ist. Dynamisch: Erhaltung der Funktionsfähigkeit und vor allem der Widerstandsfähigkeit des Waldes auch gegenüber neuen und unvorhergesehenen Entwicklungen“ (Grossmann 1990:28);
„Nachhaltigkeit ist das Streben nach dauernder, stetiger, gleichmäßiger und optimaler Bereitstellung aller materieller und immaterieller Leistungen der lebenden Natur unter voller Erhaltung und Gesunderhaltung der Biosphäre und aller ihrer potentiell unsterblichen Glieder zum Wohle gegenwärtiger und zukünftiger Generationen“ (Henning 1991:41).
Es soll darauf hingewiesen werden, dass oft die Unbestimmtheit des Nachhaltigkeitsbegriffes insbesondere von den Wissenschaftlern beklagt wird. Dies scheint erstaunlich zu sein, da in der Agenda 21 dieses Leitbild in 40 Kapiteln auf 800 Seiten in ausführliche Handlungsaufgaben übersetzt wurde. Aus der Meinungsdiskrepanz zwischen Politikern und
2 In Anlehnung an Majer (1995:222) und Müller-Christ (2001:51f.).
3 Eine alternative Übersetzung der sustainable developement ins Deutsche.
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Akademikern schließt Müller-Christ (2001:50) auf den unterschiedlichen Leidensdruck beider Gruppen. So versuchen die Vertreter der Politik die Richtlinien ihrer zukünftigen Aktionen so praxisnah wie möglich zu formulieren, während die Wissenschaftler immer nach Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen suchen. Diese können wiederum nur im dem Fall gefunden werden, wenn ein eindeutiger Begriff am Ausgangspunkt der Analyse steht. Um außerdem dem konventionellen wissenschaftlichen Erkenntnisweg zu entsprechen, sollen zuerst die Ursachen ausführlich umschrieben werden und nicht sofort die angestrebte Wirkung, was nachhaltige Entwicklung an sich darstellt (vgl. Müller-Christ 2001:50). Das heißt, Nachhaltigkeit ist kein Produkt wissenschaftlicher Theorien, sondern im Gegenteil sollen solche Theorien erst jetzt, ex post, gebildet werden, wenn die praktische Realisierung des Leitbildes bereits angefangen wurde.
Um die Unschärfe des Begriffes zu reduzieren, sollen im Folgenden das Drei-Säulen-Modell, die Prinzipien sowie die Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung diskutiert werden.
1.3 Dimensionen der Nachhaltigkeit
Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit geht von der Vorstellung aus, dass nachhaltige Entwicklung nur durch eine simultane und gleichberechtigte Realisierung von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zielen erreicht werden kann. Dies impliziert die Existenz von drei Nachhaltigkeitsdimensionen: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Eine typische Herangehensweise zur Darstellung der Gleichrangigkeit und Integration dieser Dimensionen ist das Schnittmengenschema, das in der Abbildung 1 dargestellt wird.
Abbildung 1: Schnittmengenschema der Verhältnisse zwischen Nachhaltigkeitsdimensionen
Quelle: Fichter (1998:14).
Die klassische Definition der Grundregeln jeder der Dimensionen stammt von der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt - Ziele und Rahmenbedingungen einer
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nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung“ des Deutschen Bundestages (1994 und 1998). So verlangt bspw. die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit laut der Enquete-Kommission (1998:26) die Beachtung folgender Regeln:
1. Das ökonomische System soll individuelle und gesellschaftliche Bedürfnisse effizient befriedigen. Dafür soll die Wirtschaftsordnung so gestaltet sein, dass sie die persönliche Initiative fördert und das Eigeninteresse in den Dienst des Gemeinwohls stellt, um das Wohlergehen der derzeitigen und künftigen Bevölkerung zu sichern.
2. Preise sollen weitestgehend die Knappheit der Ressourcen, Senken, Produktionsfaktoren, Güter und Dienstleistungen wiedergeben sowie dauerhaft die wesentliche Lenkungsfunktion auf Märkten wahrnehmen.
3. Die Wettbewerbsrahmenbedingungen sollen so gestaltet sein, dass Innovationen angeregt werden, langfristige Orientierung sich lohnt und der zur Anpassung an zukünftige Erfordernisse nötige gesellschaftliche Wandel gefördert wird.
4. Produktiv-, Sozial- und Humankapital der Gesellschaft müssen im Zeitablauf zumindest erhalten bleiben. Sie sollen nicht einfach quantitativ vermehrt, sondern auch qualitativ ständig verbessert werden.
Doch nicht alle sind mit einer solcher Formulierung der ökonomischen Nachhaltigkeitsregeln einverstanden. Die Kritiker des Enquete-Kommission-Konzeptes weisen darauf hin, dass, anstatt die Frage nach der Funktionsfähigkeit des Systems in den Vordergrund zu stellen, besser gefragt werden sollte, ob seine Ergebnisse überhaupt wünschenswert sind oder nicht. Deswegen wurde als Gegenantwort auf die Enquete-Kommission ein Sondervotum formuliert, in dem die Wirtschaftswissenschaftler andere Regeln vorschlagen, die die negativen Wirkungen des marktwirtschaftlichen Systems eliminieren sollen (vgl. Rochlitz 1999:216ff.):
1. Gewinne und materielle Zuwächse zu Lasten oder auf Kosten nachfolgender Generationen sollen minimiert und schließlich ganz vermieden werden.
2. Öffentliche Schulden müssen von der politisch verantwortlichen Generation abgetragen werden, ausgenommen, sie betreffen nachhaltig zukunftsfähige Investitionen zugunsten nachfolgender Generationen.
3. Die ökonomischen Rahmenbedingungen sollen so gestaltet sein, dass sie dem Ziel des Erhalts der natürlichen Lebensbedingungen, ökonomischen Grundlagen sowie der Förderung der Beschäftigung dienen.
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Die ökologische Dimension nachhaltiger Entwicklung ist nach der Meinung vieler Forscher die wichtigste, da die Funktionen des ökologischen Systems eine Basis für die wirtschaftliche und soziale Menschheitsentwicklung darstellen sowie ihre zukünftige Richtung bestimmen (bspw. durch Ressourcenknappheit, niedrige Qualität des Trinkwassers usw.). Darüber hinaus geht es in der Nachhaltigkeitsdefinition der Brundtland-Kommission um die Gewährleistung der Möglichkeit für die zukünftigen Generationen, auf unserem Planet zu leben, d.h. um die Erhaltung seiner Ökosphäre (vgl. Stumpf 2003:45). Klassisch werden zu den Regeln ökologischer Dimension Folgende gezählt (vgl. Enquete-Kommission 1994:42ff.):
1. Nutzung erneuerbarer Ressourcen: Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll ihre Regenerationsrate nicht überschreiten (sog. sustainable yield-Regel).
2. Nutzung nicht-erneuerbarer Ressourcen: Nicht-erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch oder funktionell gleichwertiger Ersatz in Form von erneuerbaren Ressourcen oder höherer Produktivität der erneuerbaren sowie der nicht-erneuerbaren Ressourcen geschaffen wird (sog. Quasi-Nachhaltigkeit-Regel).
3. Inanspruchnahme der Aufnahmekapazität der Umwelt: Stoffeinträge in die Umwelt sollen sich an der Belastbarkeit der Umweltmedien orientieren (waste disposal-Regel).
4. Beachtung der Zeitmaße: Das Zeitmaß anthropogener Einträge und Eingriffe in die Umwelt soll in ausgewogenem Verhältnis zum Zeitmaß der für das Reaktionsvermögen der Umwelt relevanten Prozesse stehen.
5. Im Kommissionsbericht 1998 wurde noch eine Regel hinzugefügt, die besagt, dass die Gefahren und unvertretbaren Risiken für die menschliche Gesundheit durch anthropogene Einwirkungen zu vermeiden sind (vgl. Enquete-Kommission 1998:25). Was die soziale Nachhaltigkeitsdimension betrifft, so soll diese, um dem Schutz von Menschen und Umwelt zu dienen, auf folgenden Regeln beruhen (vgl. Enquete-Kommission 1998:28):
1. Der soziale Rechtsstaat soll eine freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie Entfaltungschancen für heutige und zukünftige Generationen gewährleisten.
2. Jedes Mitglied der Gesellschaft erhält Leistungen von der solidarischen Gesellschaft entsprechend geleisteter Beiträge für die sozialen Sicherungssysteme oder der Bedürftigkeit, wenn keine Ansprüche an die Sicherungssysteme bestehen. Jedes Gesellschaftsmitglied muss einen solidarischen Beitrag für die Gesellschaft leisten.
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3. Soziale Sicherungssysteme können nur in dem Umfang wachsen, wie sie auf ein gestiegenes Leistungspotential zurückgehen.
4. In der Gesellschaft insgesamt und in seinen einzelnen Gliederungen soll das vorhandene Leistungspotential für künftige Generationen zumindest erhalten bleiben. Es gibt auch andere Ansätze zur Ausgestaltung sozialer Dimension der Nachhaltigkeit. So bedeutet bspw. laut Spehl et al. (1994:21) soziale Nachhaltigkeit „… Strukturen der Entscheidungsfindung und der Kooperation zu entwickeln und zu verbessern, die die Chancen Einzelner vergrößern, die Konsequenzen ihres Handelns überschauen zu können. Deshalb setzt soziale Nachhaltigkeit darauf, Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen und die Selbstverantwortung von Einzelnen zu fördern. Lebensräume sollen Entscheidungs-, Verantwortungs- und Wirkungsräume werden, die auf reziproke anstelle asymmetrischer Beziehungen angewiesen sind.“ Müller-Christ (1998:40) schlägt vor, soziale Nachhaltigkeit in vier Aspekten zu betrachten: im existenziellen Sinne bedeutet soziale Dimension, solche Strukturen und Prozesse zu erhalten und zu schaffen, die den Menschen ermöglichen, ihre materielle Existenz zu sichern; der gesellschaftliche Sinn setzt die Heranziehung der Täter zur Verantwortung voraus, falls eine von ihnen verursachte Beeinträchtigung der Lebensqualität stattgefunden hat; im kulturellen Sinne sollen sich die Menschen bewusst sein, dass ihre kulturellen Schöpfungen auch immer der Bewahrung der natürlichen Schöpfung dienen müssen; und im humanen Sinne verlangt soziale Nachhaltigkeit die Verfolgung der Prinzipien der Menschlichkeit wie Gerechtigkeit, Fürsorge, Gemeinschaftlichkeit usw. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Maßnahmen der Politik, die nachhaltige Entwicklung zum Ziel hat, die Verbesserungen in allen drei beschriebenen Dimensionen oder Säulen der Nachhaltigkeit erreichen müssen.
1.4 Prinzipien nachhaltiger Entwicklung
In der Nachhaltigkeitswissenschaft lassen sich Huber (1994) zufolge drei wichtigste Prinzipien oder Strategien bzw. Handlungsempfehlungen ausgliedern: Suffizienz, Effizienz und Konsistenz. Ab und zu werden in der Literatur auch drei weitere „untergeordnete“ Prinzipien diskutiert. Diese sind Vermeidung, Risikominderung und Umverteilung. Im Folgenden sollen die genannten Prinzipien kurz vorgestellt werden. So impliziert das Suffizienzprinzip der Nachhaltigkeit die Befriedigung von Grundbedürfnissen der Menschen nach Kriterien der Selbstbegrenzung und Genügsamkeit. Obwohl die Diskussion des Problems „Wie viel ist genug und wie viel ist zu viel?“ noch von
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Meadows (1972) in den 70er Jahren aufgeschlossen wurde, gibt es immer noch keine erschöpfende und objektive Antwort auf diese Frage. Laut der berühmten Studie des Umweltbundesamtes (1997:221) „Nachhaltiges Deutschland“ sind 30 bis 40 % sämtlicher Umweltprobleme direkt oder indirekt auf das herrschende Konsumverhaltensmuster zurückzuführen. Schrader und Hansen (2001:19ff.) stellen sogar einen steigenden Trend fest: „Der Anteil privater Haushalte am Ressourcenverbrauch sowie den Emissionen und Abfällen nimmt zu“, was dazu geführt hat, dass „die Hauptumweltbelastung der Produktion heute vielfach die Produkte selbst sind“. Den Grund dieser Lage sehen die Autoren in den Erfolgen des betrieblichen Umweltschutzes sowie im Rebounding-Effekt: Die Ökologisierung der Produktion und Ressourceneinsparung werden in Folge des technischen Fortschritts durch die Nachfragesteigerung seitens der Konsumenten kompensiert. Außerdem sind nach den Ergebnissen der Studie „New Consumers“ (vgl. Myers und Kent 2004) mehr als eine Milliarde Menschen aus Entwicklungs- und Transformationsländern in absehbarer Zeit bereit, das Konsummodell des Westens zu übernehmen und besitzen dazu genug Finanzkraft. Dies wird zum Nachfrageboom nach Produkten ökologisch problematischer Branchen wie bspw. der Automobil-, Fleisch-, Elektroindustrie führen und eine katastrophale Konsumzunahme von Wasser, Energie, Fläche, Ressourcen sowie einen Emissionszuwachs zur Folge haben. Somit ist die Einhaltung des Suffizienzprinzips, laut dessen jedem Mensch nur so viele Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, wie für seine Lebenssicherung ausreicht, für die nachhaltige Entwicklung von hoher Bedeutung. Dabei muss aber nicht auf das existenziell Wichtige verzichtet werden, jedoch sollte man mit dem Hinreichenden zufrieden sein. „Die Pointe der Suffizienz liegt also darin, nicht dem Übermaß und der Überforderung zum Opfer zu fallen, sondern nur so viel an Leistungen in Anspruch zu nehmen, wie für das Wohlergehen der Einzelnen und des Ganzen zuträglich ist“ (Wuppertal Institut 2005:167). Das Effizienzprinzip impliziert die Erzielung des höchsten Ertrages mit gegebenen Mitteln oder die Erhaltung eines gegebenen Ertrages mit geringstem Mitteleinsatz. Dabei handelt es sich nicht nur um die technische Produktionseffizienz, sondern auch um die „Nutzeneffizienz“, wenn bestimmte Güter und Dienstleistungen statt erworben werden zu müssen besser geliehen werden. Dies würde zur Steigerung der Bedeutung des tertiären Sektors bzw. der Dematerialisierung der Ökonomie und zur Zunahme der Ressourcenkonsumeffizienz führen.
Die Prinzipien der Effizienz und Suffizienz sind komplementär bzw. sollen zusammen befolgt werden, da Effizienz alleine lediglich die Input-Output-Verhältnisse beschreibt und keine
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Aussagen über die absoluten Verbräuche zulässt. Die Vernachlässigung des Suffizienzprinzips kann dazu führen, dass die Erhöhung der Ressourcenproduktivität nicht zur Befriedigung gegebener Konsumnachfrage bei gesunkenen Umweltverbräuchen, sondern zur Generierung des Maximums an Konsummöglichkeiten aus gegebenem Mitteleinsatz genutzt wird. Die letzte Variante, die eine Erhöhung des Wohlstandniveaus bei konstantem Naturverbrauch voraussetzt, kann sich als trügerisch erweisen, da der Output eines Produktes nicht nur vom Naturressourceninput, sondern auch von Inputs weiterer Produktionsfaktoren abhängt. Daher wird die produktivitätsbedingte Outputerhöhung andere Inputerfordernisse nach sich ziehen (bspw. Infrastrukturen, Verpackung, Transport, Komplementaritäten zu anderen Gütern entlang der Wertschöpfungskette), falls ihre eigene Produktivität nicht in gleichem Tempo zunimmt (vgl. Paech 2005:54ff.). Somit ist nur die Effizienzsteigerung im Sinne von Befriedigung des vorhandenen Bedürfnisniveaus mit geringstmöglichem Ressourcen- bzw. Energieeinsatz mit dem Nachhaltigkeitsleitbild vereinbar. Das Konsistenzprinzip der Nachhaltigkeit besagt, dass die Wirtschaftsweise der Ökologie bzw. eines hoch effektiven Systems vollkommen geschlossener Stoffkreisläufe auf die menschlichen Produktions- und Konsumaktivitäten übertragen werden soll. Im Idealfall soll es überhaupt keine Emissionen oder Abfälle geben, da jedes physische Resultat des Leistungserstellungsprozesses bzw. Konsumaktes wieder vollständig als biologischer oder technischer Rohstoff in den nächsten Prozess einfließen kann. Bisher waren die Produktions- und Konsumprozesse durch eine lineare Struktur gekennzeichnet, wo am Anfang die Biosphäre eine Quellefunktion für Ressourcen und am Ende eine Senkefunktion für Abfälle und Emissionen erfüllte. Nichtsdestoweniger soll der ökologisch konsistente Prozess kreisförmig sein, so dass er kein Anfang und keine Ende hat. Braungart und McDonough (1999:19f.) schlagen folgende zwei Möglichkeiten vor, um die Prozessketten zu schließen. Einerseits sollten die Inputs von solch ökologischer Qualität verwendet werden, dass sie in absehbarer Zeit von der Biosphäre vollständig assimiliert werden (sog. biologische Nährstoffe). Ein typisches Beispiel dafür stellen abbaubare bzw. kompostierbare Produkte dar. Andererseits sollen die Materialien, die nicht schnell genug oder biologisch nicht vollständig abgebaut werden können (sog. technische Nährstoffe), im Rahmen eines technischen Kreislaufs verbleiben und auf diese Weise vom dem ökologischen System ferngehalten werden. Als Beispiel dafür lassen sich die industriellen Symbiosen der schwedischen Stadt Kalundborg anführen, wo die Rückstände der Rauchgasentschwefelung des Kohlekraftwerks von einer Gipsplattenfabrik für die Herstellung neuer Produkte
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verwendet werden. Ebenso werden die Flugaschen und Schlacken dieses Kohlekraftwerks in einer nahe gelegenen Zementfabrik eingesetzt. Insgesamt zählt diese Stadt 18 Beziehungen solcher Art (vgl. Paech 2005:57f.).
Anders ausgedrückt bezieht sich also das Konsistenzprinzip auf die Beschaffenheit von Stoffen bzw. ihre Umweltverträglichkeit. Die Analyse von Stoffen lässt sich von ihrer Gewinnung über die Verwertung bis hin zur Entsorgung durchführen. Darüber hinaus sollen möglichst wenige Stoffarten im Produktherstellungsprozess verwendet werden, wobei am Besten nach Gebrauchsende ihre Wiederverwendung erfolgt (vgl. Kopatz 1998:22). Das Prinzip der Vermeidung beruht auf der These, dass eine ganze Reihe von Produkten und Aktivitäten dem Nachhaltigkeitsgedanken widersprechen und durch ökologische Konsistenz oder höhere Effizienz nicht „optimiert“ werden können. Infolgedessen sollen solche Produkte und Prozesse völlig vermieden werden, auch wenn es keine Alternative für sie gibt. Bspw. wird derzeit in der Öffentlichkeit kritisch über die Notwendigkeit der Müllverbrennung, Atomenergie, Gentechnik, Inlandflüge, Nahrungsmittelimporte aus fernen Ländern diskutiert. Das Risikominderungsprinzip nachhaltiger Entwicklung geht davon aus, dass die innovationsgetriebene Produktion eine tendenzielle Steigerung und Kumulation ökologischer Risiken mit sich bringt. Nie zuvor während der ganzen Geschichte gab es solch eine riesige Kluft zwischen dem Ausmaß menschlicher Handlungen wie bspw. Generierung immer neuer Produkte, Stoffe und Verfahrensweisen, soziale und ökologische Systemeingriffe einerseits und dem Wissen über die möglichen Wirkungen dieser Handlungen (bspw. humanökologische und ökotoxikologische Wirkungen) andererseits. Nach Paech (2005:60f.) kann diese Verantwortungs- und Wissenslücke, die als Ergebnis technischer Wirkmächtigkeit und Eingriffstiefe entstanden ist, durch die Technologiefolgenuntersuchungen und Risikoanalysen nicht ausgefüllt werden und wird immer größer. In dem Fall, wenn der Maßstab des Wissens nicht mit dem des Handels vereinbar ist, bleibt nichts anderes, als nur solche Technologien zu nutzen, die über kurze raum-zeitliche Wirkungsketten verfügen. Darüber hinaus ist die nachhaltige Entwicklung nicht ausschließlich die Frage von Innovationen und somit des Eingehens neuer Risiken. Vielmehr sollen die vergessenen oder verdrängten Alternativen solcher Innovationen wie bspw. organischer Landbau, Wohnbau aus Naturmaterialien u. Ä. wiederbelebt werden.
Das letzte Prinzip - Umverteilung - besagt, dass die Bedürfnisse der Menschen sich auch wachstumsneutral befriedigen lassen, falls eine effizientere Verteilung bereits vorhandener Werte stattfindet. Das heißt, Produktion und Umverteilung können laut diesem Prinzip als
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alternative Formen der Wohlstandssicherung gesehen werden. So beweist Sen (1981) in seiner Studie, dass die Hungersnöte des 20. Jahrhunderts in Asien und Afrika weniger auf die Kürzung der Nahrungsmittelproduktion, sondern vielmehr auf den Verlust der Kaufkraft und somit der Anspruchsrechte auf die vorhandenen Nahrungsmittel zurückzuführen ist. Auf globaler Ebene soll das Umverteilungsprinzip in Form des Ausgleichs der Entwicklungsniveaus zwischen der nördlichen und südlichen Hemisphäre zum Ausdruck kommen, wie es auf den Weltgipfeln deklariert wurde. Andernfalls werden die Bewohner des Südens weiter gezwungen werden, ihre Ressourcen und Ökosysteme auszubeuten, um ein menschenwürdiges Dasein für sich sichern zu können. Die wichtigsten Instrumente der globalen Umverteilung sind dabei (vgl. Paech 2005:82): Einkommens- und Kapitaltransfer, Investitionen in Bildung und Kompetenzaufbau, Erlass von Schulden, Gestaltung „fairer“ Handelsbeziehungen, Unterstützung lokaler Nachhaltigkeitsprojekte u. Ä. Die dargestellten Dimensionen und Prinzipien der Nachhaltigkeit tragen wesentlich zur Verdeutlichung dieses Leitbildes bei. Doch bezüglich der Frage, welche Aktivitäten als nachhaltig eingestuft werden sollen und welche nicht, gibt es in der Wissenschaft keine Einigkeit. Eine Palette der Nachhaltigkeitskonzepte soll deshalb im Folgenden diskutiert werden. Zuerst aber ein kleiner Exkurs in die philosophischen Ansätze zur Nachhaltigkeit.
1.5 Exkurs: Alternative philosophische Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung
Die ganze Palette der Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung aufgrund der verschiedenen ideologischen Überzeugungen bezüglich der Rolle der Natur kann grundsätzlich in zwei alternative Sichtweisen gegliedert werden: Anthropo- und Ökozentrismus. Die Vertreter des ersten Konzeptes sehen den Reichtum der Natur ausschließlich im Zusammenhang damit, was sie im Dienst der Menschen leisten kann. Anthropozentrismus war insbesondere für die industrielle Revolution des XVIII. und XIX. Jahrhunderts kennzeichnend und hat bis heute seinen Einfluss nicht verloren. Seine extreme Form betrachtet nachhaltige Entwicklung als eine Herausforderung für die Menschheit, ihre Superiorität über die Natur zu verstärken (vgl. Baker et al. 1997:10).
Demgegenüber wird im Ökozentrismus der Mensch als integraler Bestandteil der Natur angesehen. Nach Pepperman Taylor (1996) bedeutet die nachhaltige Entwicklung à la Ökozentrismus die Schaffung eines neuen moralischen und ethischen Verständnisses der Natur unter Berücksichtigung der Interessen und Werte sämtlicher Lebewesen. Nachhaltigkeit stellt somit den Weg der Unterstützung der Gesellschaft dar bei der Gewährung der
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Möglichkeit für die Natur, die Parameter des wirtschaftlichen Verhaltens selbst zu bestimmen. Die Philosophie des Ökozentrismus ist wie folgt von Seymour (1989:1) zusammengefasst worden: „Wir sind ein Teil der Natur. Das ist die primäre Kondition unserer Existenz. Und nur wenn wir das begreifen, werden wir aus einem bösen Traum erwachen, der uns die letzten zwei- oder dreihundert Jahre in die Richtung der Selbstzerstörung führte. Dies ist der Traum, dass die Menschen die Natur „besiegen“ können. Nur wenn wir auf diesen Traum verzichten, werden wir verstehen, dass es unmöglich ist, etwas zu besiegen, von dem du ein Teil bist.“ Diese zwei vorgestellten Ansätze haben wichtige Implikationen auf die Entwicklung und Implementierung von politischen Maßnahmen, die Nachhaltigkeit zum Ziel haben. So verlangt die ökozentrische Sichtweise die Einführung einer „angemessenen“ Technologie. 4 Eine solche Technologie soll über ein kleines Ausmaß verfügen, sich in Harmonie mit den Naturgesetzen befinden, für die Laien verständlich sein sowie von den lokalen Ressourcen und Arbeitskräften betrieben werden können. Ökozentrismus setzt ebenfalls auf die Bevollmächtigung der Kommunen, die Nachhaltigkeitspolitik zu implementieren, sowie die Förderung der lokalen Initiativen (vgl. Baker et al. 1997:11). Das im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchte Konzept der Ecovillages ist ein typisches Beispiel der Verwirklichung der ökozentrischen Philosophie.
Der anthropozentrische Ansatz sieht dagegen das ökonomische Verhalten als eine „gewaltige“ technologische, industrielle und ökonomische Verbesserung. Nach O’Riordan sind die wichtigsten Merkmale dieses Ansatzes: Rationalität bzw. „objektive“ Bewertung der für die Zielerreichung nötigen Mittel, Managementeffizienz und die Einführung bestimmter Organisations- und Produktionsmodellen, um das Meiste für die wenigen zu produzieren, Optimismus und Glaube an die Fähigkeiten der Menschen, die physischen, biologischen und sozialen Prozesse zu verstehen und steuern zu können (vgl. O’Riordan 1981:12). Die genannten Merkmale prägen auch die Ideologie des Technozentrismus, der für den Ökozentrismus übliche Naturbegeisterung, -respektierung sowie moralische Pflicht unterdrückt. Die Besonderheiten des anthropo- bzw. technozentrischen Ansatzes im Bereich der Umweltpolitik wurden von O’Riordan (1981:19) wie folgt formuliert: „Erstens sein Optimismus über die erfolgreiche Manipulation der Techniken zur Gewinnung und Allokation von Ressourcen… Zweitens seine Determination zur Wertefreiheit in der Beratung und Analyse sowie unbiegsame Urteile auf der politischen Arena… Drittens seine Ablehnung einer breiten öffentlichen Partizipation, insbesondere, was die Laienmeinungen angeht… Als
4 Oder nach Schumacher (1973) die Technologie mit menschlichen Zügen.
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Letztes noch seine beängstigende Fehleranfälligkeit, die permanente Evidenz der Fehler, fehlerhafter Interpretationen und der Ahnungen, die sich nicht bewähren.“
1.6 Konzepte der Nachhaltigkeit
Obwohl alle Ökonomen damit einverstanden sind, dass nachhaltige Entwicklung die Weitergabe eines konstanten Kapitalbestandes an nachfolgende Generationen fordert, existiert keine Einigung in der Frage, in welcher Beziehung sich die Bestandteile dieses Kapitals - also menschengemachtes Sachkapital und Naturkapital - stehen sollen. Verschiedene Ansichten über das Problem, ob sich Natur- und Sachkapital zueinander substitutiv oder komplementär verhalten, haben zur Formulierung von fünf Konzepten der Nachhaltigkeit, abhängig vom Substituierbarkeitsgrad geführt (vgl. Diefenbacher et al. 1997:24ff.): Strikte Nachhaltigkeit stellt einen radikal ökologischen Ansatz dar und verlangt die Erhaltung sämtlicher Arten des natürlichen Kapitals bzw. völligen Verzicht auf die Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen. Wenn also in der Welt nur eine gewisse Zahl der Erdölbarells jährlich neu gebildet werden, darf genau diese Menge verwendet werden;
Laut kritischer Nachhaltigkeit dürfen weltweit die erneuerbaren Ressourcen nur im Rahmen ihrer Regenerationsfähigkeit gebraucht werden und die nicht erneuerbaren nur noch im Rahmen der gesicherten Substituierbarkeit durch erneuerbare. Dabei darf die Umweltmedienaufnahmekapazität sämtlicher Schadstoffe nirgendwo überschritten werden;
Starke Nachhaltigkeit stellt quasi ein Kompromiss zwischen sämtlichen Nachhaltigkeitskonzepten dar. Dieser Ansatz lässt die Substitution von Ressourcen nur dann zu, wenn die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse in Gefahr ist. Eine solche Formulierung ist jedoch nicht konkret, da die Grenzen von Grundbedürfnissen nicht eindeutig bestimmt sind. Dies hat dazu geführt, dass unter den Anhängern der starken Nachhaltigkeit wiederum zwischen
„Substitutionsoptimisten“ und „Substitutionspessimisten“ zu unterscheiden ist 5 ;
Schwache ökologische Nachhaltigkeit lässt generell Substitutionen im Rahmen des natürlichen Kapitalstocks, teilweise auch Kompensationen entstandener Verluste, zu.
5 Für weitere Ausführungen s. Nutzinger und Radke (1995:35).
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Laut diesem Ansatz wird die Zerstörung bestimmter Flächen nachhaltig, wenn auf anderen Territorien Landschafts- oder Naturschutzgebiete geschaffen werden; Sehr schwache Nachhaltigkeit kann als ein radikal-ökonomischer Ansatz bezeichnet werden. Sie lässt Substitution nicht nur im Rahmen des natürlichen Kapitalstocks, sondern innerhalb des gesamten aggregierten gesellschaftlichen Kapitals zu. Das natürliche Kapital konnte hypothetisch durch Maschinen, Einrichtungen, Infrastruktur oder auch Humankapital ersetzt werden, wobei es sich immer noch um nachhaltige Entwicklung handeln würde.
Jedoch konventionell werden die Wissenschaftler grob in zwei Lager aufgeteilt: die Vertreter der schwachen und der starken Nachhaltigkeit. Zu den erstgenannten gehören Stiglitz (1974), Solow (1974), Hartwick (1977), Londoner Schule der neoklassischen Ressourcen- und Umweltökonomie (Pearce) usw. Stiglitz und Solow haben bspw. in ihren Modellen nachgewiesen, dass, auch wenn eine natürliche Ressource für die Produktion nötig ist, der konstante Produktionsoutput unendlich lange erwirtschaftet werden bzw. nachhaltig sein kann. Laut diesen Modellen kann der natürliche Produktionsfaktor weitgehend durch Kapital ersetzt werden 6 , wenn das Kapital einen höheren Beitrag zum Produktionsergebnis leistet als die Ressource und wenn die Einkünfte aus dem Ressourceneinsatz in ihre Substitution investiert werden (sog. Hartwick’sche Regel) (vgl. Umweltbundesamt 1998:7ff.). Doch präziser betrachtet, haben Solow und Hartwick lediglich bewiesen, dass unter gewissen Umständen genug Kapital erwirtschaftet wird, um die Finanzierung der Substitution einer natürlichen Ressource zu ermöglichen. Die Frage, ob eine solche Substitution überhaupt technisch möglich ist, wird aber in den oben erwähnten Arbeiten nicht diskutiert. Es ist eine ordentliche Annahme der Cobb-Douglas-Funktion. Doch genau diese Annahme ist für die Realisierung einer solchen Substitution kritisch.
Was die London School angeht, so wurde von ihrem Gründer David Pearce in seinem einflussreichen Pearce Report (vgl. Pearce et al. 1989) tatsächlich die Leitidee der schwachen Nachhaltigkeit ausgeführt und popularisiert. Der Grundgedanke des Pearce Reports ist die Möglichkeit der Anwendung der Prinzipien neoklassischer Ökonomik für die Lösung der Umweltprobleme oder, anders ausgedrückt, die Idee der Integration des kapitalistischen Wachstums mit den Interessen der Umwelt. Das Ziel der Politik schwacher Nachhaltigkeit bleibt immer noch das Wirtschaftswachstum, die Umweltkosten werden jedoch in Betracht
6 Eine zukünftige Gesellschaft wird dieser These zufolge genauso „reich“ und nachhaltig, wenn ihr anstatt den
Wäldern eine gleich ökonomisch bewertete Autobahn zur Verfügung steht.
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gezogen, bspw. im Rechnungswesen 7 . Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nachhaltige Entwicklung in ihrer schwachen Fassung ein Wirtschaftswachstum darstellt, das durch die Effizienz innerhalb des Wirtschaftssystems erlangt wird und die Konstanz des Naturkapitals (aber die Substituierbarkeit in seinem Rahmen) voraussetzt (vgl. Baker et al. 1997:13). In einer radikalen Variante kann auch das natürliche Kapital durch ein menschengemachtes Sachkapital ersetzt werden.
Das Konzept schwacher Nachhaltigkeit übt einen zunehmenden Einfluss auf die internationalen Institutionen wie Weltbank, Vereinte Nationen oder Welthandelsorganisation aus. Außerdem ist sie eng mit der anthropo- bzw. technozentrischen Auffassung verbunden, in der die Natur, obgleich sie als die Quelle des materiellen und umweltlichen Wohlstandes angesehen wird, nur ein Ziel hat: im Dienst der Menschheit zu stehen. Die umweltliche und materielle Wertschöpfung werden im Konzept schwacher Nachhaltigkeit als Partnerschaft betrachtet, die von den Managern mittels neuer administrativer Instrumente technisch manipuliert werden kann. Diese umfassen bspw. die Bewertung eines Einflusses auf die Umwelt, eine Kosten-Nutzen-Analyse mit Rücksicht auf die nicht marktgebundenen Aspekte von Umweltgütern und -dienstleistungen (bspw. durch die Bestimmung der Umweltschattenpreise 8 ), die Neutralisierung des Marktversagens durch Gebühren, Steuern, handelbare Zertifikate usw. (vgl. Baker et al. 1997:14).
Dieser Ansatz hat jedoch viele Kritiker. So weisen bspw. Redclift und Goodman (1991) darauf hin, dass seine Ressourcenrechnungsmethode extrem ethnozentrisch bzw. zugunsten der Entwicklungssichtweise von nördlichen Ländern gestaltet sei. Ein anderer Kritikpunkt ist, dass das Konzept schwacher Nachhaltigkeit die Umwelt ausschließlich in monetären Werten betrachtet, ohne auf die kulturelle oder geistige Dimension zu achten. Außerdem besitzt er alle für die Neoklassik kennzeichnenden Beschränkungen, da dieser Ansatz völlig mit dem neoklassischen Paradigma übereinstimmt (vgl. Redclift 1993:13). Die Umweltprobleme werden hier zu Managementproblemen reduziert, die im Rahmen des dominierenden politischen und ökonomischen Systems gelöst werden können. Darüber hinaus wird Umweltschutz in der schwachen Nachhaltigkeit als Effizienzerlangung durch Abfallbeseitigung verstanden und der Vorteilsempfänger einer solchen Politik ist in erster Linie die gegenwärtige Generation und nicht die zukünftigen. Oft wird hier auch die lokale Erfahrung und lokale Partizipation ignoriert, was das Risiko der Übertragung unpassender
7 Die Wirtschaftspolitik geht also von der Möglichkeit aus, die Umwelt in den monetären Werten auszudrücken.
8 Unter Schattenpreis wird ein kalkulierter Preis für ein Gut oder eine Dienstleistung verstanden, für die kein
Marktpreis vorhanden ist.
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Lösungen vom Zentrum in die Peripherie mit sich bringt. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Zulassung der Substitution des natürlichen Kapitals durch ein menschengemachtes Sachkapital in radikaler Fassung schwacher Nachhaltigkeit. Ein typisches Beispiel für die Untauglichkeit eines derartigen Konzeptes stellt die Pazifikinsel Nauru dar (vgl. Gowdy und McDaniel 1999). Diese Insel hatte ursprünglich sehr reiche Phosphatvorkommen, die nach der Erklärung ihrer Unabhängigkeit 1968 intensiv ausgebeutet wurden. Aus den Erlösen wurde ein Fonds gebildet, der das Ziel verfolgt, das Leben jedes einzelnen Inselbewohners zu verbessern. Die Größe des Fonds beträgt mittlerweile ca. 1 Mrd. USD. Dieses Geld ermöglichte eine beträchtliche Steigung des Pro-Kopf-Einkommens der Inselbewohner. Gleichzeitig sind die Bewohner aufgrund des zerstörten Ökosystems jetzt allerdings gezwungen, sowohl die Lebensmittel aus auch das Trinkwasser zu importieren. Aus Sicht sehr schwacher Nachhaltigkeit und des Genuine-Saving-Indikators 9 ist eine solche Entwicklung als nachhaltig zu verstehen. Plausibel ist allerdings, dass dieses Konzept nicht auf sämtliche Territorien generalisiert werden darf.
Das gegensätzliche Konzept der starken Nachhaltigkeit wird von den Vertretern der ökologischen Ökonomie wie bspw. Daly (1996), Constanza (1991) sowie von weiteren Denkern wie O’Riordan (1981), Weale (1992) verteidigt. Wenn die Nachfolger von Pearce bzw. die Anhänger der schwachen Nachhaltigkeit behaupten, die Wirtschaftsentwicklung sei eine unabdingbare Voraussetzung für den Umweltschutz, beweisen die Vertreter starker Nachhaltigkeit eine Gegenthese, dass die Wirtschaftsentwicklung im Gegenteil stark vom Naturzustand selbst abhängt. Dies impliziert, dass die ökologische Dimension hier wichtiger ist als die anderen beiden. Laut starker nachhaltiger Entwicklung soll Wirtschafspolitik nach folgenden Zielen ausgerichtet sein: Erhaltung der Produktionskapazität von Umweltaktiva (sowohl von erneuerbaren als auch von nicht erneuerbaren), Schutz, Schaffung oder Erhaltung der Umweltaktiva entweder in ihrem gegenwärtigen Zustand (bspw. tropische Wälder) oder mit Verbesserung des Zustandes (bspw. von verfallenen Böden) (vgl. Baker et al. 1997:15f.). Dies wird zahlreiche Staatsinterventionen und ein staatliches Ressourcenmanagement mittels rechtlicher, ökonomischer sowie Planungsinstrumente und Mechanismen verlangen. Eine viel breitere Palette der Sozialfragen sowie der Nachhaltigkeitsindikatoren im Vergleich zur schwachen Nachhaltigkeit sind dabei zu berücksichtigen. Zwei weitere Merkmale starker
9 Der Genuine-Saving-Indikator wurde von Pearce und Atkinson (1993) für die Messung sehr schwacher
Nachhaltigkeit vorgeschlagen. Nach diesem Indikator kann die Entwicklung eines Landes dann als nachhaltig
eingestuft werden, wenn die Ersparnisse die Summe der Wertminderungen bei Natur- und Sachkapital
übersteigen.
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Nachhaltigkeit sind: hohe Bedeutung der Partizipation auf lokalem bzw. kommunalem Niveau und die Verschiebung des Schwerpunktes von quantitativem auf qualitatives Wachstum. Eine radikale Variante der starken Nachhaltigkeit ist von den Ökologen Naess (1989), Echlin (1996), Goldsmith (1992) u.a. vertreten. Dieser Ansatz verficht einen strukturellen Wandel in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik als Konsequenz der radikalen Veränderung des Verhaltens der Menschheit der Natur gegenüber. Dabei soll auf quantitatives Wachstum verzichtet werden, da unser Planet seine „ökologischen Grenzen“ hat. Qualitatives Wachstum ist mittels Lebensqualitätsindizes zu messen. Insgesamt setzt der radikale Ansatz die Entwicklung von komplexen Indizes voraus, die auch immateriellen Wohlstand sowie „not-for-privat-profit-activities“ berücksichtigen (vgl. Ekins 1992a:62ff.). Diese Philosophie ist öko- bzw. biozentrisch und basiert auf den Konzepten des Bioregionalismus sowie der maximalen regionalen Suffizienz. Ähnliche Vorstellungen vertritt teilweise auch das Konzept von Ecovillages, die im 2. Kapitel der vorliegenden Arbeit diskutiert werden.
1.7 Operationalisierung der Nachhaltigkeit: Ökonomische Ansätze
Nach der Diskussion diverser Elemente der Nachhaltigkeitstheorie lässt sich die Frage stellen, wie diese von Ökonomen 10 operationalisiert werden kann bzw. in welche Richtung die Analyse gehen soll, um festzustellen, ob eine Volkswirtschaft sich auf einem nachhaltigen Entwicklungspfad befindet oder nicht.
Die meisten Operationalisierungsansätze laufen darauf hinaus, dass die sog. Indikatorbasierten Management- oder Nutzungsregeln formuliert werden 11 , wofür die nachhaltige Entwicklung in die Modellform übersetzt wird. In Abschnitt 1.3 wurden bereits die auf Daly zurückgehenden Regeln dargestellt wie sustainable yield, sustainable waste disposal und Quasi-Nachhaltigkeit, die von der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ (1994:42ff.) als Ziele für die ökologische Nachhaltigkeit übernommen wurden. Die sustainable-yield-Regel besagt z.B., dass bei erneuerbaren Ressourcen die Abbaurate die Regenerationsrate nicht übersteigen darf. Bei der Modellierung dieser Regel wird die Produktionsseite oft ganz einfach abgebildet: Die Wachstumsrate ist die Funktion des vorhandenen Ressourcenstocks (vgl. Baumgärtner und Klauer 1998:179).
10 Es gibt auch weitere nicht-ökonomische Operationalisierungsansätze. Für ökologische Ansätze s. bspw. das
ESH-Konzept (vgl. Hampicke 1992:314ff.), den Index der biogeographischen Nachhaltigkeit (vgl. Munasinghe
und McNeely 1995:42) etc.
11 Außer allgemeingebräuchlichen und in diesem Abschnitt diskutierten Indikator-basierten Ansätzen gibt es
auch weitere Operationalisierungsversuche wie z.B. zirkularer oder evolutionärer Ansatz (vgl. dazu Baumgärtner
und Klauer 1998:184ff.).
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Arbeit zitieren:
Oleksii Korniichuk, Alina Sorokina, 2008, Ecovillages als nachhaltige Kommunen, München, GRIN Verlag GmbH
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Schade, dass du es nicht unter einer "creative-commons"-Lizenz veröffentlicht hast. Trotzdem schöne Arbeit.
am Friday, December 10, 2010-