Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
1 Einleitung. 2
2 Theorie Alexander Thomas 4
2.1 Kultur und Kulturstandards. 4
2.2 Handlungen. 7
2.3 Methodisches Vorgehen. 8
2.4 Interkulturelle Kompetenz. 9
2.5 Beispiel. 10
3 Implizite Annahmen 13
3.1 Kultur. 13
3.1.1 Plurale ethnische Gesellschaften 14
3.1.2 Sozialstruktur 16
3.1.3 Bourdieu’s Habituskonzept 18
3.1.4 Machtunterschiede. 19
3.1.5 Sozialer Wandel 20
3.2 Handlungen. 21
3.2.1 Homo sociologicus 21
3.2.2 Individualisierung 24
3.3 Methodisches Vorgehen. 26
3.4 Interkulturelle Kompetenz. 27
3.5 Beispiel. 29
4 Ethnomethodologische Perspektive 30
5 Fazit. 34
5.1 Zusammenfassung. 34
5.2 Bewertung 36
Literaturverzeichnis 40
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1 Einleitung
„Gebrauchsanweisung für Bayern“, so heißt ein in Deutschland und deutscher Sprache erschienenes Buch des Kabarettisten Bruno Jonas. Der Titel legt nahe, dass es für Deutsche und Nicht-Bayern, die mit Bayern Kontakte welcher Art auch immer haben (werden), sinnvoll ist, sich vorab über die Eigenschaften und Besonderheiten der Bayern zu informieren. Denn anscheinend unterscheiden sich Bayern in nicht unerheblichem Maße von den anderen Deutschen und daher ist eine systematische Vorbereitung auf solche Treffen erforderlich.
Mit diesem, wenn auch eher humorvollen und ironischen Buch greift Jonas einen Trend auf, der gezielte Vorkehrungen auf die Begegnung mit fremdkulturell sozialisierten Individuen notwendig erscheinen lässt.
Damit geht er konform mit Alexander Thomas, dessen Theorie zur interkulturellen Kommunikation im Zentrum der Betrachtung dieser Abschlussarbeit steht. Allerdings unterscheiden sich Jonas und Thomas dadurch, dass Jonas gezielt eine Bevölkerungsgruppe innerhalb Deutschlands als anders beschreibt und somit die Grenzziehung zwischen monokultureller und interkultureller Kommunikation indirekt hinterfragt.
Diese Überlegung macht neugierig, wie Theorien zur interkulturellen Kommunikation kulturelle Grenzen festlegen, kulturelle Unterschiede analysieren, ihren Einfluss auf Interaktionen zeigen und mit dem Umstand umgehen, dass es auch innerhalb einer Nation Unterschiede geben kann.
In der hier vorliegenden Abschlussarbeit im Bachelor-Studiengang Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen soll die Theorie zur interkulturellen Kommunikation von Alexander Thomas ausführlich dargestellt (Kapitel 2) werden. Die in dieser Theorie enthaltenen impliziten Annahmen, die in Kapitel 3 expliziert werden, sollen anderen, zum Teil widersprüchlichen Theorien und Modellen gegenübergestellt werden.
In Kapitel 4 wird mit der von Garfinkel entwickelten Theorie der Ethnomethodologie eine Alternative dargelegt, die nicht die kulturellen Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen in den Mittelpunkt stellt, sondern die Strukturierungsleistung von
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Individuen innerhalb der Interaktionen analysiert. Diese Betrachtungsweise hilft, nicht kulturelle Differenzen zu suchen, sondern Kommunikation als eine hochfragile Konstruktionsleistung der Interaktionspartner zu betrachten. Die in Kapitel 3 aufgeführten widersprüchlichen Theorien sind bei diesem Modell nicht wirksam. Zum Abschluss der Arbeit soll in einem Fazit in Kapitel 5 der Frage nachgegangen werden, ob es Thomas gelungen ist, eine wissenschaftliche Fragestellung für ein gesellschaftlich (zunehmend) relevantes Phänomen, nämlich die Kommunikation mit Individuen, die anders sozialisiert wurden als man selbst, adäquat darzustellen. Zur besseren Lesbarkeit wurde darauf verzichtet, jeweils gleichzeitig männliche und weibliche Bezeichnungen aufzuführen. Selbstverständlich sind auch bei der Verwendung nur einer Bezeichnung immer beide Geschlechter gemeint.
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2 Theorie Alexander Thomas
Alexander Thomas, em. Professor für Sozialpsychologie und Organisationspsychologie, geht davon aus, dass sich interkulturelle Kommunikation von monokultureller Kommunikation unterscheidet. Kommunikation im interkulturellen Umfeld gilt als ungleich komplexer als monokulturelle Kommunikation. Dies ist in seiner Theorie zum Thema interkulturelle Kommunikation genauer spezifiziert worden, die in diesem Kapitel vorgestellt werden soll.
2.1 Kultur und Kulturstandards
Der Unterschied zwischen monokultureller und interkultureller Kommunikation liegt nach Thomas in der Kultur, die die Handlungen unbewusst prägt. Die Bedeutung kultureller Prägung in der Kommunikation ist zentral in der Theorie, erst dadurch werden Unterschiede im Verlauf der Sozialisation 1 und Enkulturation 2 für die Interaktion bedeutsam.
Dieser zentrale Zusammenhang zwischen Kultur und Handlungssteuerung wird in der Definition von ‚Kultur’, wie Thomas sie sieht, deutlich: „Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflußt das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft.“ (Thomas, 2003, S. 112)
Aus dieser Definition leitet Thomas drei Aufgaben für die Wissenschaft ab: 1. Identifikation der Merkmale, die auf Handlungen Einfluss haben und die einem kulturspezifischen Orientierungssystem zugeordnet werden können 2. Erfassung von Unterschieden, Gemeinsamkeiten und Kompatibilitäten zwischen den verschiedenen Orientierungssystemen
1 Unter Sozialisation soll hier der Prozess der Eingliederung der Individuen in eine Gruppe
bzw. Gesellschaft verstanden werden.
2 Enkulturation meint das Einfügen der Individuen in eine kulturelle Gemeinschaft im
Rahmen der Erstsozialisation
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3. Entwicklung und Erprobung von Lernverfahren, mit Hilfe derer die Übernahme anderer Orientierungssysteme in die eigene Handlungssteuerung möglich sind. (vgl. Thomas, 2003, S. 112)
Im monokulturellen Umfeld geht Thomas von einem gemeinsamen und folglich sehr ähnlichen, wenn nicht gleichen Orientierungssystem aus. Diese Gemeinsamkeiten ermöglichen eine (meist) konfliktfreie Interaktion. Das Orientierungssystem steuert die eigenen Handlungen und ermöglicht die Antizipation des Verhaltens des oder der Interaktionspartner. Damit verbunden entsteht eine gewisse Sicherheit für die Handelnden. Die Komplexität der Interaktion wird dadurch verringert. Das Orientierungssystem kann als Muster mit einer entlastenden Funktion im Alltag gesehen werden, damit sich Individuen nicht ständig entscheiden müssen, ob sie z. B. zur Begrüßung die Hand reichen. Die Übernahme des Orientierungssystems während der Sozialisation erlaubt es den Individuen sich in einer ihnen bekannten Umwelt sicher zu bewegen.
Erst im interkulturellen Kontext, wenn zwei oder mehr verschiedene und dazu meist unbekannte Orientierungssysteme aktiv sind, kann es aufgrund der Verschiedenheit dieser Systeme zu unterschiedlichen Interpretationen derselben Situation kommen. Die Sicherheit der Handelnden schwindet, sowohl für die Planung des eigenen Verhaltens, als auch für die Zuverlässigkeit der Antizipation des Verhaltens des oder der Interaktionspartner. Sie wird erschwert oder gar unmöglich. In der Folge kann es zu Orientierungslosigkeit kommen. Dies ist nach Thomas eines der zentralen Unterscheidungskriterien zwischen monokultureller Kommunikation und interkultureller Kommunikation.
Als wichtigste Voraussetzung für die Antizipation des Verhaltens der Interaktionspartner sieht Thomas die von der jeweiligen kulturellen Prägung abhängige Handlungssteuerung. Die meisten Akteure gehen unbewusst von einer kongruenten Handlungssteuerung aller an der Interaktion Beteiligten aus. Kommt es aufgrund der Sozialisation in unterschiedlichen Kulturen ohne eine entsprechende Vorbereitung, z. B. durch ein interkulturelles Training, zur Interaktion, kann die Antizipation nicht mehr vorausgesetzt werden.
Die o. g. Definition für Kultur geht von der Vorstellung aus, dass das von Thomas sog. Orientierungssystem die Individuen u. a. bei der Wahl ihrer Handlungsalterna-
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tiven beeinflusst. In einer einzelnen Handlung wirkt jedoch selten die gesamte komplexe Kultur, sondern nur die jeweils relevanten Bereiche, die Thomas als Kultur-standards bezeichnet:
„Unter Kulturstandards werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Eigenes und fremdes Verhalten wird auf der Grundlage dieser Kulturstandards beurteilt und reguliert. Als zentrale Kulturstandards sind solche zu bezeichnen, die in sehr unterschiedlichen Situationen wirksam werden und weite Bereiche der Wahrnehmung, des Denkens, Wertens und Handelns regulieren, und die insbesondere für die Steuerung der Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsprozesse zwischen Personen bedeutsam sind. Kulturstandards sind hierarchisch strukturiert und miteinander verbunden.“ (ebd, S. 112) Aus Sicht von Thomas steuern genau diese Kulturstandards spätere Handlungen der Individuen. Durch die Internalisierung während der Sozialisation innerhalb der eigenen Kultur werden diese die Handlungen steuernden Einflüsse nicht mehr bewusst vom Individuum erfahren, die Anwendung findet unbewusst und intuitiv statt. Zur Eigenwahrnehmung der kulturell bedingten Handlungssteuerung kommt es in der monokulturellen Interaktion eher selten. Bei Interaktionen mit Partnern, die in anderen Kulturen sozialisiert wurden, kann es durch die sichtbar werdenden Unterschiede in der Interaktion zur „Entdeckung“ der eigenen kulturell gesteuerten Handlungsleitung kommen.
Der Einfluss der Kulturstandards auf Handlungen ist zweigeteilt: 1. Wirkung auf die eigene Handlungsmotivation
2. Ermöglichung der erfolgreichen Antizipation des Verhaltens der Interaktionspartner in der monokulturellen Interaktion. Dadurch reduziert sich die Anzahl der möglichen Reaktionen und somit die Komplexität der gesamten Interaktion.
Kulturstandards geben keine starre Handlungsanweisung, sondern bieten einen Toleranzbereich, innerhalb dessen eine akzeptierte Handlungsoption gewählt werden kann. Der Spielraum für eine Handlungsoption ist je nach Themenbereich und Gesellschaft unterschiedlich breit, bei Verlassen dieses Toleranzbereiches drohen Ablehnung oder Sanktionen.
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Beispiel hierfür sind die verschiedenen möglichen Begrüßungsformen innerhalb einer Gemeinschaft. Es gibt einen breiten Toleranzbereich der verschiedene Grußmöglichkeiten vorsieht, sowohl was die Wortwahl angeht, als auch die Form des körperlichen Kontakts bei der Begrüßung. Gar nicht zu grüßen ist jedoch gleichbedeutend mit dem Verlassen des Toleranzbereichs und wird sanktioniert. Die handlungsregulierende Funktion der Kulturstandards, deren Toleranzbereich, hierarchische Einordnung sowie die Sanktionsandrohungen bei Verlassen des Toleranzbereichs sind kulturspezifisch verschieden.
2.2 Handlungen
Handlungen sind in der Theorie von Thomas der Moment, in dem die Kulturstandards mit ihrer steuernden Funktion wirksam werden. Sie sind daher ebenfalls von zentraler Bedeutung (vgl. Thomas, 2003, S. 115). Thomas hat folglich auch eine eigene Definition von Handlung, wie sie hier gesehen werden soll, vorgelegt: „Handlungen werden in diesem Zusammenhang definiert als spezifische Formen des Verhaltens, die dadurch charakterisiert sind, daß sie bewußt zielgerichtet, erwartungsgesteuert, motiviert und reguliert sind“. (ebd. S. 115) In einer Handlung werden die spezifischen, verbindlichen Verhaltensleitlinien und allgemeinen Werthaltungen, die während der Sozialisation internalisiert wurden, unbewusst angewendet.
Damit verbunden ist die Erwartungshaltung, dass der oder die Interaktionspartner auf derselben Wertebasis agieren. Das erwartete Verhalten als Reaktion auf die Interaktion wird antizipiert. Dies gelingt meist nur im monokulturellen Kontext. In interkulturellen Interaktionen können, bedingt durch die unterschiedliche Wertebasis und daraus resultierender Verhaltensleitlinien, mehrdeutige Situationen entstehen, die die Antizipation erschweren oder unmöglich machen. Die Folgen für die handelnden Personen sind Verunsicherung und im Extremfall bei einem oder allen Interaktionspartnern Handlungsunfähigkeit. Die Geschehnisse werden nicht mehr verstanden, die Zielerreichung ist gefährdet. Dies führt zu Frustration, Stress und Ärger und kann u. U. Merkmale einer unabgeschlossenen Handlung aufweisen. In diesem Fall wird die Interaktion gedanklich weitergeführt, Gründe und Erklärungen für das Scheitern gesucht, was zu erheblichen psychischen Belastungen führen
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Arbeit zitieren:
Veronika Melzer, 2008, Kritik der impliziten Annahmen in der Theorie von Alexander Thomas zur interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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