Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Studie: „The Authoritarian Personality“ 4
2.1 Untersuchungsgegenstand. 4
2.2 Forschungshintergrund. 6
2.3 Methodologie 8
3 Implikationen 14
3.1 Autoritäre Persönlichkeit und Familie 14
3.2 Autoritäre Persönlichkeit und Schule 17
4 Konsequenzen für die politische Sozialisation 21
5 Fazit 24
Literaturverzeichnis 26
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1 Einleitung
„Politische Sozialisation bezeichnet die Gesamtheit aller lebenslangen Lernprozesse, in deren Verlauf die politische Persönlichkeit des Menschen entsteht und mehr oder minder dynamisch ausdifferenziert wird.“ (Claußen 2000: 532) Damit einher geht die Vermittlung von Werten, Normen, Einstellungen und Kenntnissen, die sich auf das Leben des Menschen auswirken und sein weiteres politisches Handeln beeinflussen, regeln und lenken (vgl. Wewer 2001: 122). Diese Vermittlung ist an eine Ordnung gebunden, innerhalb der sich jedes Individuum orientieren und frei entwickeln kann. Diesen Rahmen bilden die Sozialisationsinstanzen (z. B. Familie, Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Berufswelt, Hochschule, Medien), mit denen der Mensch im Sozialisationsprozess in Kontakt tritt (ebd.). Findet der Übergang von einer Sozialisationsinstanz zu einer anderen statt - z. B. beim Wechsel vom Kindergarten in die Schule oder von der Schule an eine Hochschule - werden neu hinzukommende Werte - bewusst oder unbewusstmit bereits erworbenen Werten kritisch in Beziehung gesetzt und auf ihre Relevanz überprüft. Sofern der Mensch diesen neu erworbenen Wert für wichtig hält, wird er diesen seinem bestehenden Wertesystem hinzufügen und als Grundlage für sein zukünftiges Handeln in konkreten Situationen (z. B. Autokauf oder Wohnungssuche) verwenden.
Gesellschaften sind einem Wertewandel unterworfen, weil sich die Relevanz von Werten ändert. Dabei wird unterschieden: einerseits zwischen Werten mit Bezug auf die Gesellschaft und anderseits zwischen Werten, die auf das Individuum selbst bezogen sind. Werte mit Bezug auf die Gesellschaft sind u. a. Disziplin, Demokratie, Gleichbehandlung, Selbstbeherrschung, Pünktlichkeit, Anpassungsbereitschaft und Partizipation; zu den Werten, die auf das Individuum selbst bezogen sind, zählen u. a. Spannung, Abwechslung, Kreativität, Selbstverwirklichung, Eigenständigkeit und Ungebundenheit (vgl. Reinhardt 1999: 13).
Im Alltag tritt diese Unterscheidung als Mischtypus auf: Einerseits können die in einer Gesellschaft lebenden Bürger Werte wie Pünktlichkeit,
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Selbstbeherrschung und Anpassungsbereitschaft für sich selbst beanspruchen und auch ihre Einhaltung in der Interaktion mit anderen Bürgern fordern; andererseits wird eine Gesellschaft die Einhaltung von Werten wie Kreativität, Spontaneität und Partizipation von den in ihr lebenden Menschen verlangen, damit sie sich fort- und weiterentwickeln kann.
Dabei ist zu beachten, dass sich politische Sozialisation im „Spannungsfeld von Passivität (Prägung der Person durch äußere Umstände) und Aktivität (innere Anteilnahme, Aneignungsverhalten, Auseinandersetzung) unter Mobilisierung einer Vielzahl von Elementen der individuellen Biographie“ (Claußen 2000: 533) darstellt. Dieses Wechselspiel dient der Bildung zu einer politischen Persönlichkeit, die in der Lage ist, an den sie betreffenden Entscheidungen zu partizipieren; die Demokratiefähigkeit erworben hat; die sich in verschiedene Perspektiven hineinversetzen kann; die konfliktfähig ist; und die ihre Urteile rational begründen kann.
Dennoch darf nicht verschwiegen werden: Es gibt Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht für Politik interessieren und Demokratien pejorativ gegenüberstehen. Erreicht nun diese Politik- bzw. Parteiverdrossenheit ein zu starkes Ausmaß, wird das Tor zu antidemokratischen bzw. extremistischen Organisationen und Parteien geöffnet. Diese antidemokratischen Orientierungen finden sich in der Persönlichkeitsstruktur und ihrer Argumentation zu politischen Themen wieder. In dieser Arbeit untersuchen wir näher den autoritätsgebundenen Charakter bzw. die autoritäre Persönlichkeit. Dazu gehen wir zunächst auf die Studie „The Authoritarian Personality“ ein. Anschließend leiten wir daraus die Bedeutungen für Familie und Schule ab. Zum Abschluss zeigen wir notwendige Konsequenzen für die politische Sozialisation von Individuen auf.
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2 Studie: „The Authoritarian Personality“
2.1 Untersuchungsgegenstand
Im Vordergrund der Untersuchungen zur autoritären Persönlichkeit stand das potentiell faschistische Individuum, das aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur besonders empfänglich für antidemokratische Propaganda war (vgl. Adorno 1973: 1).
Adorno u. a. unterscheiden in diesem Zusammenhang zwei Konzeptionen: Ideologie (verstanden als System von Meinungen, Attitüden und Wertvorstellungen) und die ihr zu Grunde liegenden menschlichen Bedürfnisse. Diese Konzeptionen sind miteinander verknüpft, weil „gleiche ideologische Trends (…) in verschiedenen Individuen verschiedene Ursachen haben (können; d. A.), und gleiche persönliche Bedürfnisse (…) sich in unterschiedlichen ideologischen Trends ausdrücken (können; d. A.)“ (Adorno 1973: 2).
Dabei vertreten die Autoren der Studie die Ansicht, dass der Antisemitismus seinen Ursprung im Individuum und seiner allgemeinen Situation habe. Demnach ist der Antisemitismus Teil eines ideologischen Systems und keine isolierte Erscheinung; die Empfänglichkeit des Individuums für diese Ideologien wird von psychologischen Bedürfnissen (Trieben, Wünschen, emotionalen Impulsen) determiniert (vgl. Adorno 1973: 3ff.). Die Theorie zur Charakterstruktur basiert auf der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Danach ist evident, dass sich die Bedürfnisse zwischen den Menschen hinsichtlich ihrer Eigenart, ihrer Intensität, ihrer Art und Weise der Befriedigung und ihrer Objektbindung unterscheiden. Diese Bedürfnisse stehen wiederum in einer konfligierenden oder harmonischen Dynamik zu anderen Bedürfnissen: z. B. Bestrafungen vermeiden, Wohlwollen der Bezugsgruppe erhalten, Harmonie im eigenen Ich bewahren (vgl. Adorno 1973: 7). Der Charakter wird umso gründlicher geformt, je früher Umweltkräfte auf die Entwicklung eines Individuums einwirken. Dabei wird die Entfaltung des Charakters sehr stark beeinflusst von der Erziehung des Kindes und seiner häuslichen Umwelt. „Nicht
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nur folgt jede Familie hier den Gewohnheiten der eigenen sozialen, ethnischen oder religiösen Gruppe, auch ökonomische Faktoren beeinflussen das Verhalten der Eltern gegenüber ihrem Kind. Umfassende Veränderungen in sozialen Bedingungen und Einrichtungen wirken sich daher unmittelbar auf die innerhalb einer Gesellschaft entstehenden Arten von Charakterstrukturen aus“ (Adorno 1973: 7). Unter Charakterstruktur verstehen Adorno u. a. das Potential eines Individuums, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen; sie ist nicht das Verhalten selbst. Die Charakterstruktur besteht zwar aus verschiedenen Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen; das tatsächliche Verhalten ist jedoch immer von der jeweiligen Situation abhängig, in der es auftritt (vgl. Adorno 1973: 9).
Die hier vorgestellte Studie untersucht nicht die Produktion antidemokratischer Propaganda; sie konzentriert sich vielmehr auf ihre Konsumenten: den Menschen. Deshalb müssen neben der psychologischen Struktur des Individuums auch seine objektive Lage betrachtet werden. Es wird unterstellt, „dass (…) Menschen im allgemeinen dazu neigen, diejenigen politischen und sozialen Programme zu akzeptieren, die ihrer Meinung nach den eigenen wirtschaftlichen Interessen dienen“ (Adorno 1973: 10). Die Art dieser Interessen ist abhängig von der Position des Individuums in der Gesellschaft. Deshalb sollten anhand der Studie die sozioökonomischen Faktoren herausgearbeitet werden, die einerseits für die Empfänglichkeit antidemokratischer Propaganda und andererseits ihrer Widerstandsfähigkeit verantwortlich sind. Dabei konnten die Autoren zeigen, dass wirtschaftliche Motive nicht die beherrschende und entscheidende Rolle für Empfänglichkeit antidemokratischer Propaganda spielen. Auch andere Faktoren wie die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen in Beruf, Freizeit, im religiösen Leben etc. sind zu berücksichtigen (vgl. Adorno 1973: 10ff.).
Damit der Faschismus als politische Bewegung erfolgreich sein konnte, bedurfte er einer Massenbasis, in der er auf die angstvolle Unterwerfung und aktive Kooperation der Mehrheit des Volkes zählen konnte. Seinem Wesen nach begünstigte er nur Wenige auf Kosten der Mehrheit. Deshalb konnte er keine Verbesserung der Mehrheit hinsichtlich ihrer wirklichen Interessen
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offerieren; sondern musste primär an emotionale Bedürfnisse (d. h. primitive und irrationale Wünsche und Ängste) appellieren und nicht an das rationale Selbstinteresse (vgl. Adorno 1973: 13).
Aber warum ließen sich die Menschen so leicht von dieser Ideologie täuschen? Die Autoren konstatieren: „Weil es (…) ihrer Charakterstruktur entspricht; weil lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen. Je größer das in der Masse des Volkes bereits vorhandene antidemokratische Potential, um so leichteres Spiel hat faschistische Propaganda“ (Adorno 1973: 13) sich zu verbreiten.
Abschließend lässt sich sagen: Die psychologischen Bedingungen, unter denen ein autoritätsgebundener Charakter gebildet wird, wurden vor allem in den Sozialisationspraktiken der mittelständischen patriarchalischen Familie der zwanziger Jahre gesehen, in der die väterliche Autorität unabhängig von den anderen Familienmitgliedern existierte (vgl. Adorno 1973: XI).
2.2 Forschungshintergrund
Die Schriften zur Studie „The Authoritarian Personality“ entstanden in den 40er Jahren unter dem Eindruck des Faschismus; sie bilden einen Teil der umfangreichen Studien des Instituts für Sozialforschung zur Genese des Vorurteils und des Antisemitismus (vgl. Adorno 1973: IX). Dabei erfuhren die durchgeführten Untersuchungen eine finanzielle Unterstützung durch das American Jewish Committee (ebd.).
„The Authoritarian Personality“ wurde 1950 in den USA von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford veröffentlicht; eine erste deutsche, jedoch unvollständige Ausgabe, ist 1973 unter dem Titel „Studien zum autoritären Charakter“ im Suhrkamp-Verlag erschienen.
Die seit 1943 von Levinson und Sanford sowie von Frenkel-Brunswik betriebenen Forschungsarbeiten galten als Vorleistungen für die spätere Studie. Levinson und Sanford entwickelten ein Messinstrument für antisemitische
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Arbeit zitieren:
Sven Bonitz, Christina Labsch, Patrick Voigt, 2009, Die „autoritäre Persönlichkeit“ und ihre Implikationen für den individuellen Sozialisationsprozess, München, GRIN Verlag GmbH
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