Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Zum Entstehungskontext des Briefes 2
2.1 Zur Frage der biographischen Bezüge 2
2.2 Hofmannsthals Hinwendung zum Genre des Erfundenen Briefes 4
3. Der „Brief“ im Kontext der „Wiener Moderne“ und des Ästhetizismus -
Hofmannsthals Auseinandersetzung mit dem Ästhetizismus’ Stefan Georges 6
4. Die Klage über den Zerfall der Sprache 10
5. Hofmannsthals Werk im Kontext des allgemeinem sprachskeptizistischem Diskurs 12
6. Das Problem der sprachlichen Abstraktion 13
7. Wege aus der Sprachkrise 15
8. Schluss 17
1. Einleitung
Keine Arbeit zur Literatur der Jahrhundertwende, kein Buch, kein Aufsatz zu Hofmannsthal, die nicht den sogenannten Chandos-Brief erwähnen. Bald wird er zur Erklärung, ja als eine Geburtsurkunde der modernen Literatur, bald im Zusammenhang der Sprachkritik der Jahrhundertwende, bald zur Unterstützung interpretatorischer Thesen, bald als wunderliches autobiographisches Dokument eines Dichters herangezogen, der alles gesagt hatte, also zu verstummen versprach, aber während er das Versprechen niederschrieb, es schon vergessen hatte und weiterdichtete. 1
Hans-Albrecht Koch umreißt hier schlaglichtartig unterschiedliche Interpretationskontexte und verschiedene Deutungshintergründe, mit denen der fiktive „Brief“ Hofmannsthals in der Forschung verbunden wird.
Es soll in der vorliegenden Arbeit nicht darum gehen, jeden dieser Ansätze in ausführlicher Weise nachzuvollziehen und darzustellen. Dies wäre aufgrund der Fülle von Interpretationen im Rahmen dieser Arbeit nicht zu bewältigen. Stattdessen sollen hier wesentliche Interpretationsstränge aufgezeigt und einander gegenübergestellt werden. Hier soll es konkret darum gehen, die Deutung des Briefs als Indiz einer persönliche Schaffenskrise zu skizzieren, um in einem nächsten Schritt die Interpretation als Zeichen eines Umbruch und der Abkehr von Leitmotiven des Frühwerks darzustellen und die Analyse des Werkes im Kontext des Sprachskeptizismus vorzustellen, der die sprach- und literaturtheoretischen Diskurse der Zeit um 1900 prägte.
Hierbei werde ich in Kapitel 2 von der Frage nach dem unmittelbaren Entstehungskontext des „Briefes“ ausgehen, wobei ich die biographischen Bezüge offen legen und Hofmannsthals Hinwendung zum Genre des „Erfundenen Briefes“ aufzeigen möchte. Anschließend werde ich unter Kapitel 3 den „Brief“ in den Kontext der Wiener Moderne einzuordnen versuchen, um so die Frage zu thematisieren, inwiefern Hugo von Hofmannsthal als Exponent der sogenannten „Wiener Moderne“ hier Paradigmen der Epoche adaptiert oder sogar im Sinne einer programmatischen Auseinandersetzung mit epochenspezifischen Diskursen Position bezieht. Hier soll es insbesondere um den Einfluss des mit Hofmannsthal befreundeten Stefan George gehen. Unter Punkt 4 möchte ich dann genauer auf den Brief eingehen und die Klage über den ‚Zerfall der Sprache’ skizzieren, um anschließend in Kapitel 5 der Frage nachzugehen, ob und inwiefern der Brief im Kontext anderer sprachkritischer Werke der Jahrhundertwende zu interpretieren ist. Unter 6. soll es um das Problem der sprachlichen Abstraktion gehen, das Lord Chandos im Brief aufwirft, um ausgehend hiervon in Kapitel 7
1 Koch, Hans-Albrecht: Hugo von Hofmannsthal. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1989, S. 131.
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den Weg skizzieren zu können, der nach dem „Brief“ des Lords aus der Sprachkrise zu weisen scheint.
Der Schlussteil soll einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse vorbehalten sein.
2. Zum Entstehungskontext des Briefes
2.1 Zur Frage der biographischen Bezüge
Am 1. Februar 1874 wird Hugo Laurenz August von Hofmannsthal in Wien geboren. Bereits als mit siebzehn Jahren veröffentlicht er als erstes dramatisches Werk den lyrischen Einakter „Gestern“. Zwei Jahre später kommt das Stück „Der Tor und der Tod“ hinzu, darauf folgen die Erzählungen „Das Märchen der 672. Nacht“ und die „Reitergeschichte“. Im Alter von zwanzig Jahren kann Hofmannsthal bereits auf ein beeindruckendes und weithin gelobtes Jugendwerk zurückblicken. 2
In der folgenden Zeit vollziehen sich allerdings Veränderungen in Hofmannsthals literarischen Schaffen, die viele Literaturwissenschaftler als Abkehr von Paradigmen seines Frühwerks, als Umbruch und Neubestimmung auffassen: Hofmannsthal wendet sich immer stärker von der Lyrik ab, später wird er sich vollständig dem Theater und der Oper widmen, die „Elektra“ bearbeiten und die Komödie „Der Schwierige“ verfassen. In dieser Umbruchphase von der subjektiv-solipsistischen und radikal ästhetizistischen Dimension der Poesie zur stärker „öffentlichen“, „gesellschaftlichen“ Form der Literatur entwickelt sich Hofmannsthals Interesse für ein im deutschen Sprachraum seltenes Genre im Grenzbereich zwischen Fiktion, Kritik und historischer Realität, für das er selbst später den Titel „Erfundene Gespräche und Briefe“ benutzen wird. 3 Berühmtestes Beispiel aus dieser Textgruppe ist der „Brief“ des - fiktiven - Lords Chandos an Sir Francis Bacon. Die Umorientierung vom lyrischen Frühwerk hin zu einer anderen Form der Dramen- und Prosasprache vollzog sich vor dem Hintergrund wichtiger persönlicher Ereignisse in Hofmannsthals Leben. Zwischen 1897 und 1901 arbeitete Hofmannsthal an der 1899 abgeschlossenen Promotion und einer Habilitationsschrift in Romanischer Philologie, die er 1901 erfolgreich beendete, ohne jedoch sein Gesuch um die Lehrbefugnis aufrecht zu
2 Koch, Hans-Albrecht: Hugo von Hofmannsthal. München: DTB 2004, S. 47-67.
3 Vgl. Mayer, Mathias: Hugo von Hofmannsthal. Stuttgart: Metzler 1993, S.112.
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erhalten. 4 Ausgedehnte Reisen, die er während dieser Lebensphase unternahm, dienten ihm als Inspirationsquelle für sein literarisches Werk, in dem er sich zunehmend dem Drama zuwandte. Die z. T. negative Reaktion des Feuilletons auf einige seiner ersten Stücke schien ihm gegenüber der Anerkennung durch Gerhart Hauptmann, Richard Dehmel und vor allen Dingen Stefan George nicht entscheidend: Für Hofmannsthal ist zu diesem Zeitpunkt bereits die Entscheidung für ein Leben als Dichter und Schriftsteller gefallen. 5 Ein Jahr vor Veröffentlichung des „Briefs“ heiratete Hofmannsthal Gertrud Schlesinger, dessen Bruder zu den Jugendfreunden des Dichters zählte und wurde schon bald Vater. Die damit verbundene Übernahme der Verantwortung für eine Familie belastete ihn jedoch nicht, sondern intensivierte die Bindung, die ihm zu einer der wichtigsten seines Lebens geworden war. 6 Die in diesen Jahren erkennbaren Veränderungen im Leben Hofmannsthals dienen einigen Autoren als Hintergrund für eine autobiographische Deutung des „Chandos-Briefs“. Er wird als Ausdruck einer literarischen Schaffenskrise gesehen, deren Kern eine persönliche ‚Sprachkrise’ gebildet habe. Jaques Le Rider weist in dieser Frage auf eine Interpretation Werner Krafts hin, der erstaunliche Parallelen zwischen dem „Brief“ und dem Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und Stefan George aufzeigt. Die Parallelen in der Wortwahl deuten viele Autoren als Beleg für eine persönliche Sprachkrise, die dann später im Chandos-Brief wieder aufgegriffen werde:
Ich kann es nicht mehr versuchen, mein monatelanges Stillschweigen im einzelnen zu rechtfertigen [...]. Es waren [...] Wochen der unglaublichen inneren Erstarrung, in welchem ich, auf den Trümmern des Palatins sitzend, nicht einmal in Ihrem Buch die Kraft fand, mich über die brütende bange Verdrossenheit hinwegzuschwingen - in Ihrem Buch, von dem sonst ein vereinzelter Vers mich stundenlang beschäftigen und so mich erfreuen konnte, daß ich darüberich glaube es fest, so sonderbar es klingt - die Fähigkeit, selbst kurze Gedichte zu machen, verloren habe. 7
Zudem stützt sich die autobiographischen Interpretationen sehr stark auf einen Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und seinem langjährigen Freund Leopold von Adrian von September 1902 bis Januar 1903, in dem Hofmannsthal selbst den „Chandos-Brief“ als autobiographisches Bekenntnis hinstellt:
[...] ich schicke Dir diese Arbeit von mir, nicht weil ich ihr irgendwelche Bedeutung beilege, sondern aus zwei anderen Gründen: einmal weil sie bei ihrer Kleinheit, wirklich fertig ist, während all meine anderen Arbeiten, von denen ich Dir seit Jahren, bald klagend, bald hoffnungsvoll spreche, einigermaßen dem Gewebe der Penolope gleichen, an dem die Nächte immer wieder auftrennen, was die Tage gewebt haben; dann aber auch, weil gerade dieser Arbeit, die keine
4 Koch, 2004, S. 69, S. 73 u. S. 176. Wolfram Mauser gibt 1901 als das Jahr der Promotion an, ohne die Habilitation zu erwähnen. Siehe dazu Mauser, Wolfram: Hugo von Hofmannsthal. Konfliktbewältigung und Werkstruktur. Eine psychosoziologische Interpretation. München: Fink 1977, S. 123.
5 Ebenda, S. 123, vgl. auch Volke, Werner: Hugo von Hofmannsthal mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 14. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1994, S. 78 - 80.
6 Koch 2004, S. 77 u. S. 82.
7 Zitiert nach: Le Rider, Jacques: Hugo von Hofmannsthal. Historismus und Moderne in der Literatur der Jahrhundertwende. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1997, S. 112.
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dichterische ist, das Persönliche stark anhaftet und Du sie zum Teil wirst lesen können, wie einen von mir geschriebenen Brief, den Du auf dem Schreibtisch einer dritten Person gefunden hättest. 8 Le Rider weist allerdings auch darauf hin, dass bereits seit 1896 das lyrische Schaffen Hofmannsthals im Vergleich zu den Jahren zuvor eher unregelmäßig war: Ein Bruch in seinem Werk, eine persönliche Schaffenskrise sei also eher in dieser Zeit zu konstatieren und nicht erst in der Zeit des „Chandos-Briefs“. 9 Nach Le Rider ist in diesem Zusammenhang auch ein anderer, sehr signifikanter Umstand zu bedenken:
Wie erklärt es sich, wenn man im Brief das Geständnis einer von Hofmannsthal durchlebten Krise der Dichtersprache zu sehen hat, daß dieser Text in einer souverän beherrschten Sprache geschrieben ist? 10
Auch Mathias Mayer sieht den „Brief“ mit Blick auf seine sprachliche und ästhetische Gestaltung nicht als „Ausdruck einer Schaffenskrise” 11 , ebenso wie Mauser in ihm keine „private Beichte“ 12 erkennen kann. Um aufzuzeigen, dass Interpretationen, die den „Brief“ primär als Zeichen einer ‚persönlichen Krise’ Hofmannsthals einordnen, dessen Dimensionen einseitig verengen, möchte ich im Folgenden das Interesse Hofmannsthals an der Zeit des Lord Chandos und das Genre des „Erfundenen Briefes“ näher beleuchten, das Hofmannsthal wohlüberlegt entwickelte.
2.2 Hofmannsthals Hinwendung zum Genre des „Erfundenen Briefs“
Hofmannsthal schrieb den „Chandos-Brief“ im August 1902 nieder und veröffentlichte ihn noch im gleichen Jahr in der Berliner Zeitung „Tag“. 13 Die Tatsache, dass Hofmannsthal wohl von Beginn an eine solche Veröffentlichung plante, spricht gegen eine allein autobiographische Interpretation und für eine nähere Betrachtung des „poetischen Verfahrens“, dem, wie Heinz Hiebler erläutert, das Missverständnis einer autobiographischen Interpretation des „Briefs“ geschuldet ist. Hofmannsthal wählt demnach das Sujet des
8 Zitiert nach: Le Rider 1997, S. 104.
9 Ebd.
10 Ebd, S. 103.
11 Zwar haftet ihr nach einem Selbstzeugnis des Autors der Charakter einer „Confession“ [...] und des Persönlichen an [...], aber sie ist nicht [...] Ausdruck einer Schaffenskrise [...]: Mayer, Mathias: Hugo von Hofmannsthal. Stuttgart: Metzler 1993, S.116.
12 Hofmannsthal legt in seinem Brief keine private Beichte und keine Erkenntnisse von allgemeiner Gültigkeit vor, sondern durchdenkt die Problematik einer bestimmten Sprachverwendung an einem bestimmten Punkt seiner Entwicklung: Mauser, Wolfram: Hugo von Hofmannsthal. Konfliktbewältigung und Werkstruktur. Eine psychosoziologische Interpretation. München: Fink 1977, S. 119.
13 Vgl. Mauser 1977, S. 119.
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Arbeit zitieren:
M.A. Tobias Köbberling, 2005, Hugo von Hofmannsthals "Ein Brief": Persönliche Schaffenskrise, Abkehr vom Frühwerk oder allgemeiner Sprachskeptizistischer Diskurs?, München, GRIN Verlag GmbH
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