Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Forschungsprogramm 2
2.1 Methodische Vorgehensweise 5
3. Selbstdarstellungsstrategien in „Wir alles spielen Theater“ 7
3.1 Das „Ensemble“ 8
3.2 „Orte“ der Darstellung 9
4. Grundelemente der Analyse von face-to face- Interaktion 10
4.1 „Territorien“ des Selbst 11
4.2 Gemeinsame Anwesenheit („Kopräsenz“) 12
4.3 Informationsbeschaffung 13
4.4 „Soziale Begegnung“, „Soziale Situation“ und „Sozialer Anlaß“ 13
4.5 Interaktionstypen 15
5. Die „Rahmen-Analyse“ 16
5.1 „Primäre“ Rahmen 16
5.2 „Modulationen“ und „Täuschungen“ 17
6. Schlussteil 20
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
No one would question the claim that Erving Goffman was one of the leading sociological writers of the post-war period. […] Probably no sociologist over this period has been as widely read both by those in neighboring social-science disciplines and by the lay public. Goffman`s writings have an intrinsically accesible style that has convinced not a few sceptics that sociology is a rahter more interesting subject than they may have thought it to be. But all this having been said, Goffman would not ordinarily be ranked among the major social theorists. His work seems quite different in scope and intent from that of authors such as Parsons or Merton in American sociology, let alone such figures as Foucault, Habermas or Bourdieu elsewhere. (Giddens 1988:
250)
Anthony Giddens umreißt hier schlaglichtartig die Rezeption des Goffmanschen Gesamtwerkes. Obwohl Erving Goffman zu den meistgelesenen soziologischen Autoren zählt, dessen Werk in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, wird er aus der Perspektive des soziologischen Wissenschaftsbetriebes auch heute noch häufig als Außenseiter wahrgenommen. (Vgl. Lenz 1991: 25) Vielfach wird Goffman als „Ironiker, als Geschichtenerzähler ohne theoretischen Anspruch und als Beobachter des kleinen, zwar interessanten, aber vergleichsweise unbedeuteten Mikrokosmos, der zu den großen Makro-Perspektiven seines Faches angeblich nie den Weg gefunden hatte“, (Hettlage/Lenz 1991:9) verkannt. Eine wesentliche Erklärung für diese Einschätzung liegt neben dem Widerstand seines Forschungsprogramms gegen die Vereinnahmungen bestimmter Theorietraditionen und der für den Wissenschaftsbetrieb untypischen allgemeinverständlich-unterhaltsamen Sprachverwendung, ganz wesentlich in der Kleinteiligkeit und Unverbundenheit des Goffmanschen Gesamtwerkes. So entstanden in 30 Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit elf - zumeist aus einzelnen Aufsätzen bestehende - Bücher, in denen nicht weniger als 44 Konzepte entworfen wurden. (Vgl. Hettlage 1999: 188) Diese Hausarbeit möchte den Versuch unternehmen, die in Goffmans verschiedenen Werken entwickelten Ansätze zur Erforschung von face-to-face- Interaktionen, zu untersuchen und zu systematisieren, so dass aus den wie oben beschriebenen kleinteiligen und unverbundenen Bausteinen ein Gesamtkonzept erkennbar wird.
Hierzu möchte ich zunächst unter 2. grundlegende Informationen zu Goffmans Forschungsprogramm und methodischer Vorgehensweise voranstellen, die Goffmans Zugang zur Analyse von Interaktionszusammenhängen verdeutlichen. In Kapitel 3 soll sich dann durch die Beschäftigung mit Goffmans Werk „Wir alle spielen Theater“ der Selbstdarstellung des Akteurs in der Gesellschaft genähert werden. Ziel ist die Verdeutlichung der den Interaktionsprozessen verschiedener Individuen impliziten Denk- und Handlungsmuster als wichtiger Bestandteil der Regelstrukturen von Interaktion. Kapitel Vier dient der Beschreibung des Analysesystems von face-to-face-Interaktionen und der strukturellen Verschrän-
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kung der einzelnen Analyseelemente, die Goffman in verschiedenen Werken entwirft. In Kapitel Fünf möchte ich mich mit der von Goffman entwickelten „Rahmen-Analyse“ beschäftigen, in der sich die Frage nach der interaktiven Ordnung kristallisiert und Goffman auf verschiedene in den vorherigen Kapiteln bereits erläuterte Ansätze mit dem Ziel der Formulierung eines großräumigeren Konzepts anschließt. Der Schlussteil soll einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse und einer Bewertung des Forschungsprogramms zur „Interaction Order“ vorbehalten sein
2. Forschungsprogramm
Wie in meiner Einleitung bereits thematisiert habe, wird an Goffmans Werk nicht selten die Häufung und Unverbundenheit der einzelnen Konzepte kritisiert und das Fehlen eines explizit ausformulierten Theorieansatzes bemängelt. (Vgl. Reiger 1992: 9) Im Rahmen dieser Vorwürfe möchte ich daher zunächst einen Blick auf Goffmans Haltung zum Fach Soziologie und speziell zur praktischen soziologischen Forschung werfen. Hierdurch soll Goffmans Forschungstätigkeit zur „Interaction Order“ besser nachvollziehbar werden. In der Tat hat Goffman wie Lenz feststellt „öfter für dieselben Phänomene unterschiedliche Konzepte gebraucht“ und auch „kaum Versuche unternommen die eigenen Konzepte systematisch aufeinander zu beziehen“ (Lenz 1991: 55). Auch Hubert Knoblauch stellt fest, dass „Goffmans Arbeitsweise vielmehr von der Verwendung vieler empirienaher Begriffe gekennzeichnet geprägt“ war, die er „in der Regel mit jedem neuen Werk veränderte“, da die „Begriffe, die er ins Zentrum seiner Analyse stellte, eigentlich nur als Hilfsmittel zur Kennzeichnung dessen, um was es ihm eigentlich ging“ (Knoblauch 2006: 159) betrachtete. Nach Einschätzung Goffmans befindet sich das Fach Soziologie auf einem niedrigen Ent-wicklungsstand, in dem es für große Theorieentwürfe noch zu früh sei. Zunächst sollte die Entwicklung einzelner soziologischer Konzepte im Vordergrund stehen, die dann in einem nächsten Schritt zu gegebener Zeit in einen größeren Theorierahmen eingeordnet werden könnten:
Wenn wir augenblicklich soziologische Begriffe sinnvoll verwenden wollen, so müssen wir jeden von ihnen von seiner ursprünglichen Bedeutung bis in die entferntesten Verästelungen verfolgen. Um es sprichwörtlich auszudrücken: es ist vielleicht besser, den Kindern verschiedene Mäntel anzuziehen, als sie unter einem einzigen geräumigen Zelt frieren zu lassen. (Goffman
1972: 11; zitiert nach Lenz 1991: 55)
Hitzler weist darauf hin, dass die soziologische Fachrezeption Goffmans Ansatz in verschiedenen Dekaden in unterschiedliche Theorietraditionen eingeordnet hat. So galt Goffman zunächst als Behaviorist, was als widerlegt gelten darf. In den 1980er Jahren wur-
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de Goffman dagegen entweder als Funktionalist, als Strukturalist oder sogar als Semiotiker gelesen. (Vgl. Hitzler 1992: 449; vgl. Knoblauch 2006: 165; vgl. Hettlage 1999: 189 f.) Auch wenn Goffman heute in einigen Einführungs- und Übersichtsbüchern nach wie vor als ein Vertreter der symbolisch-interaktionistischen Rollentheorie verstanden wird, so muss man - das haben die gescheiterten Vereinnahmungen verschiedener Theorietraditionen gezeigt - doch von einem „eigenständigen Ansatz“ sprechen, „der sich keiner theoretischen Perspektive einverleiben lässt“ (Hettlage/Lenz 1991: 16).
Nach diesen Darstellungen zu Goffmans Einstellungen zur soziologischen Theoriebildung und zur Fachrezeption der Goffmanschen Werke möchte ich nun näher mit der Frage beschäftigen, wo genau Goffmans Erkenntnisinteressen liegen und worin er seinen Untersu-chungsgegenstand sieht.
Erving Goffman konzentriert sich in seinen Analysen auf einen bestimmten, klar abgrenzbaren Bereich der sozialen Welt, nämlich Situationen, in denen sich Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnen. Goffman selbst verwendete für diesen Bereich den Begriff „direkte oder unmittelbare Interaktion“ oder „face-to-face-Interaktion“. In diesem Bereich sah Goffman durch die gegenseitige Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Handlungskoordination der Interaktionspartner Begegnungssituationen mit einer eigenständigen - von individuellen Merkmalen der Interaktionspartner unabhängigen - Formatierung: Ich setze voraus, daß der eigentliche Gegenstand der Interaktion nicht das Individuum und seine
Psychologie ist, sondern eher die syntaktischen Beziehungen zwischen den Handlungen ver-
schiedener gleichzeitig anwesender Personen. Es geht hier also nicht um Menschen und ihre Si-
tuationen, sondern eher um Situationen und ihre Menschen. (Goffman 1986: 8 f.) In der Erforschung der Eigenschaften und Regelwerke dieser Begegnungssituationen sah Goffman seinen Forschungsauftrag. So weist Reiger darauf hin, dass sich von den frühen Veröffentlichungen Goffmans an in den Vorworten und Einleitungen beinahe durchgängig die Forderung finden lässt, die Untersuchung der Interaktion von Angesicht zu Angesicht als eigenständigen Forschungsbereich innerhalb der Soziologie zu etablieren. So gab Goffman auch der traditionellen Präsidentschaftsadresse, die er nach seiner Wahl zum Präsidenten der Amerikanischen Gesellschaft für Soziologie am Ende des Präsidentschaftsjahres halten sollte, den Namen „Interaction Order“. Hier plädierte er noch einmal für die Einrichtung eines eigenständigen Forschungsgebiets zur Analyse von faceto-face-Interaktionen. (Reiger 1992: 20 ff.)
Auch wenn Goffman den Begriff „Interaction Order“ bis dato kaum verwendet hattevermuttlich hielt er es wie oben bereits geschildert aufgrund des jungen Entwicklungsstands der Soziologie für unangebracht wissenschaftliche Konzepte unter einem bestimmten „Eti-
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kett“ zu fixieren - hat sich der Begriff in der Sekundärliteratur für diesen Bereich durchgesetzt, weshalb ich ihn in dieser Arbeit auch verwenden möchte. Goffmans Betonung der Neuheit dieses Forschungsgebiets erscheint dabei zunächst nicht verständlich. Schließlich hatte die Beschäftigung mit dem Thema Interaktion - wie Reiger betont - in der amerikanischen Sozialwissenschaft bereits eine längere Tradition: Bereits 1890 hatte sich William James mit diesem Thema beschäftigt; ebenso können die Arbeiten von George Herbert Mead, einem der Hauptvertreter des Symbolischen Interaktionismus und der sogenannten Chicagoer Schule, zu diesem Forschungsbereich gerechnet werden. Diese Autoren weckten das Interesse für die Erforschung der Details von Interaktionsprozessen und hatten ein Anwachsen von Beobachtungs- und experimentellen Laborstudien, z.B. von Elliot Chaple, George Homans, Robert Bales in den 1930er und 1940er Jahren zur Folge. (Vgl. Reiger 1992: 28)
Auffällig ist jedoch, dass Goffman in seinen Werken nur selten auf diese empirischen Arbeiten einging. Der Grund für diese Nichtbeachtung wird allerdings bei einem genaueren Blick auf diese Studien deutlich. Denn Interaktionsbeispiele wurden hier durchgehend zur Erklärung der traditionellen makrosoziologischen Erscheinungen wie z. B. Macht, Autorität oder soziale Schichtung untersucht, von denen man vermutete sie müssten „in den Mustern von spezifischen Interaktionshandlungen zwischen Gesellschaftsmitgliedern [...] grundgelegt, bzw. verankert“ (Reiger 1992: 30) sein. Die Frage, welche Ordnungsprinzipien und Regeln für Interaktionsprozesse gelten, blieb dabei folglich ausgeklammert. Goffman wandte sich gegen diese soziologische Tradition, „die Interaktionen lediglich als Epiphänomene sozialer Organisationen, oder anderer makrosoziologischer Erscheinungsformen auffasst“(Lenz 1991: 32). Er war vielmehr am Aufbau einer neuen Sichtweise von Interaktion interessiert:
Immer, wenn das Bedürfnis nach einer konkreten Illustration dafür bestand, wie eine soziale Einrichtung, eine soziale Teilstruktur oder gar eine Gesellschaft zu begreifen sei, wurden Interaktionsbeispiele wie Vignetten verwendet, um etwas anschaulich zu demonstrieren und nebenher der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es „da draußen“ auch noch die agierenden Menschen gibt. Auf diese Weise wurden bisher die Interaktionspraktiken immer nur zur Erläuterung anderer Dinge verwendet, niemals aber selber als definitionsbedürftig oder -würdig betrachtet. Die angemessenste Behandlung derartiger Ereignisse bestünde jedoch darin, den ihnen eigentümlichen allgemeinen Charakter herauszuarbeiten. (Goffman 1982: 9) Dementsprechend geht Goffman in seinen Studien den Fragen nach, mithilfe welcher Techniken, Strategien und Praktiken Interaktion als geordnet erscheint, wie auftretende Bedrohungen, Spannungen und Verletzungen dieser Ordnung von Personen in face-to-face-Interaktionen bewältigt werden können. Da für Goffman die Fähigkeit sich an Interaktionen zu beteiligen die wichtigste Sozialisationsleistung generell darstellt, beschäftigt er sich zudem damit, welche angeeigneten Fähigkeiten und Kompetenzen das Individuum als sozialer
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Akteur besitzen muss, um an Interaktionen überhaupt, bzw. auch erfolgreich teilnehmen zu können. (Vgl. Reiger 1992: 14 f.)
2.1 Methodische Vorgehensweise
In Goffmans Werk finden sich äußerst wenige Aussagen zu seiner eigenen methodischen Vorgehensweise. Lenz legt dar, dass sich die Zurückhaltung in diesem Punkt, damit erklären lässt, dass Goffman überzeugt war, dass „wissenschaftlicher Fortschritt nicht durch eine Methodendebatte zu erzielen ist, sondern durch die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens“ (Lenz 1991: 48). So wendet er sich auch dezidiert gegen die Methodik der oben bereits erläuterten Studien zu Interaktion in den 1930er Jahre:
Mit solchen Methoden wurden weder neue Bereiche naturalistischer Forschung zugänglich gemacht, noch Konzepte entwickelt, durch die unsere Auffassung des sozialen Handelns neu strukturiert worden wäre, noch Bezugssysteme ausgearbeitet, in die eine ständig wachsende Anzahl von Fakten eingeordnet werden könnte. Von einem Anwachsen des Verstehens alltäglichen Verhaltens kann keine Rede sein - zugenommen hat höchstens die Distanz davon. (Goffman 1982: 18f.)
Als weiteren Kritikpunkt an der konventionellen Sozialforschung nennt Goffman, dass diese sich zu einseitig auf verfahrenstechnisch gesicherte, bzw. als gesichert geltende Datenquellen verlasse, alternatives Material aus der Alltagswelt aber vollkommen ignoriere. (Vgl. Hitzler 1992: 450) Den kritisierten Laborstudien stellt Goffman seine nicht-experimentelle, nicht-theoriebeladene „unsystematische naturalistische Beobachtung“ (Goffman 1982: 17) gegenüber. Goffman war überzeugt, dass man den Gegenstand „Interaktionsprozesse“ nur in seiner natürlichen Einbettung untersuchen könne. Aus diesem Grunde führte er auch fünf Feldstudien durch, nämlich drei Studien in verschiedenen Kliniken, eine Studie auf den Shetland-Inseln im Auftrag der Universität von Edinburgh und eine Studie in einem Casino in Nevada, in dem er verdeckt als Gruppier arbeitend Daten sammeln konnte. Insbesondere in seinem ersten Werk „Wir alle spielen Theater“ greift Goffman auf das während der Shet-land-Studie gesammelte Material häufig zurück. Allerdings finden sich auch hier kaum Angaben über die Vorgehensweise bei der Datensammlung- und Auswertung. Entsprechend seiner Forschungsstrategie immer mit möglichst vielen Vergleichsdaten zu arbeiten nutzt Goffman Materialien ganz unterschiedlicher Art: Feldnotizen, Theaterstücke, Filme, Malerei, Videoaufnahmen, Interviews, systematische Beobachtungen, aber auch unzählige einfache Gelegenheitsbeobachtungen. (Vgl. Hitzler 1992: 450) Ein Beispiel für die Einbindung solcher Gelegenheitsbeobachtungen stellt Eugen Kogons Bericht über das KZ Buchenwald dar, den Goffman in seinem 1961 veröffentlichten Werk „Asylums“ anführt dar. Goffman war davon überzeugt, dass auch „Alltaghandelnde scharf-
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Arbeit zitieren:
M.A. Tobias Köbberling, 2007, Goffmann - "Interaction Order", München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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