Literaturverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Exposition der Thematik und Erzählstruktur 2
3. Die drei „Gesten der Erzählung“ 5 3.1 Dialoge 5 3.2 Monologe 8 3.3 Erzählpassagen 9
4. Sprachliche Stileigenheiten 12
5. Zur Darstellung der zeitgeschichtlichen Situation 13
6. Zum Bild des Sozialismus in „Mutmassungen über Jakob“ 14 1.1 Die Figur Jakob Abs 15
1.2 Die Figur Dr. Jonas Blach 17 1.3 Die Figur Rohlfs 18
7. Schlussteil 20
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
„Ich habe das Buch so geschrieben, als würden die Leute es so langsam lesen, wie ich es geschrieben habe.“ 1 Diese zugespitzte Äußerung Uwe Johnsons über sein 1959 veröffentlichtes Werk „Mutmassungen über Jakob“ steht paradigmatisch für eine neue Erzählhaltung, die hohe Anforderungen an die zeitgenössische Rezeption stellte. Marcel Reich-Ranicki charakterisierte das Werk Johnsons als „Provokation und unglaubliche Zumutung“ 2 . Das Ziel seiner komplexen narrativen Konstruktionen konstatierte Johnson dabei wie folgt: „Mit dem Schreiben möchte ich die Wahrheit herausfinden. Mit meinen Personen und Geschichten versuche ich näher an das tatsächliche Leben heranzukommen.“ Eine Annäherung an das tatsächliche Leben; das ist im vorliegendem Fall eine Annäherung an das Leben in der DDR Ende der 1950er Jahre. Eine Darstellung, die sich an die Wahrheit annähert hat durch den besonderen Gegenstand der Erzählung besondere Gegebenheiten zu beachten. So stellt die politische Grenze zwischen Ost- und Westberlin gleichsam auch eine literarische Grenze da. Die Teilung bedeutete auch eine Teilung in Ost- und Westideologie und Ost- und Westsprache. Eine Darstellung des tatsächlichen Lebens im Sozialismus lief damit Gefahr in den Sog einer der beiden Gegensätzlichen Tendenzen der Wahrheitsfindung zu geraten. Diese Hausarbeit möchte sich mit der Erzählkonzeption des Romans „Mutmassungen über Jakob“ beschäftigen und untersuchen wie durch die spezifische Form der Darstellung verschiedene Bilder vom Sozialismus der DDR in den 1950er Jahren gezeichnet werden. Diese Arbeit gliedert sich daher wie folgt: Zunächst sollen nach dieser Einleitung unter 2. durch die Analyse des Eingangsabschnitts des Romans die Grundzüge der Thematik und Erzählstruktur dargelegt werden, um Vorraussetzungen für eine weiterführende Untersuchung zu schaffen. Unter 3. möchte ich anschließend die drei „Gesten der Erzählung“ 3 hinsichtlich ihres Stellenwerts für die gesamte Erzählkonstruktion untersuchen. Anschließende möchte ich in Kapitel vier analysieren wie sich die Erzählkonstruktion auf die mikrostrukturelle Ebene der Sprache auswirkt. Nach der historischen Einordnung des Stoffes der Erzählung in die für Entstehungszeitraum und Handlung relevante gesellschaftspolitische
1 Neusüß, Arnhelm: Über die Schwierigkeit beim Schreiben der Wahrheit. Gespräch mit Uwe Johnson. In: Fahlke, Eberhard (Hrsg.): „Ich überlege mir die Geschichte...“. Uwe Johnson im Gespräch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988, S. 185.
2 Reich-Ranicki, Marcel: Ein Eisenbahner aus der DDR. Zu Uwe Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“. In: Riedel, Nicolai (Hrsg.): Uwe Johnsons Frühwerk im Spiegel der deutschsprachigen Literaturkritik. Dokumente zur publizistischen Rezeption der Romane „Mutmaßungen über Jakob, „Das dritte Buch über Achim“ und „Ingrid Babendererde“. Bonn: Bouvier 1987, S. 60.
3 Klaus, Annekatrin: „Sie haben ein Gedächtnis wie ein Mann, Mrs. Cresspahl!“. Weibliche Hauptfiguren im Werk Uwe Johnsons. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1999 (Johnson-Studien, Band 3), S. 124.
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Situation unter 5. möchte ich dann im sechsten Kapitel die verschiedenen Bilder des Sozialismus, die auf Basis der Erzählkonstruktion transportiert werden, offen legen. Das abschließende siebte Kapitel soll einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse und einem Fazit bezüglich der Frage nach dem spezifischen Zusammenwirken von formaler Anlage und erzählerischem Stoff in „Mutmassungen über Jakob“ vorbehalten sein.
2. Die Exposition der Thematik und Erzählstruktur
Uwe Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“ setzt vollkommen unvermittelt ein: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“. Erschließt sich die inhaltliche Relevanz dieser Wendung dem Leser zunächst nicht, so verweist die Konjunktion „aber“ mit ihrer relativierenden Funktion zunächst auf einen üblicherweise vorhandenen Hauptsatz, dessen propositionaler Gehalt eine Leerstelle markiert. Zudem wird hier bereits ein zweifelnder, unsicherer, Einspruch erhebender Grundton eingeschlagen, der „die Geschichte nicht glauben wollte“ 4 . Was die Geschichte überhaupt ist, erfährt der Leser in den folgenden durch Gedankenstriche, nicht aber durch Anführungszeichen oder die Nennung des Sprechers gekennzeichneten Dialogpartie: Die Titelfigur Jakob ist beim Überqueren der Gleise von einer Lokomotive erfasst worden. Die „Mutmassungen über Jakob“ beginnen also mit dem Tod der Titelfigur als vorweggenommenen Ende, so dass die Frage nach den Ursachen des Todesfalls („Wie kam es dazu“?) in den Blickpunkt des Lesers rückt. Aufgrund dieser Handlungskonstruktion wird Johnsons Werk in der Sekundärliteratur als „analytische Erzählung“ eingeordnet, die folgendermaßen definiert werden kann:
Die analytische Erzählung bezieht sich in der Regel auf ein Geschehen, das im Vorfeld der im Roman erzählten Zeit liegt. Zum Movens des Erzählens wird die Rekonstruktion des Vorfalls, die Suche nach den Gründen des Sachverhalts, der die Figuren in der Erzählgegenwart umtreibt. 5 Uwe Neumann weist darüber hinaus darauf hin, dass sich die analytische Erzähltechnik nicht nur auf die Rekonstruktion des Todes der Titelperson Jakob Abs im Allgemeinen bezieht, sondern dass die nachträgliche Entschlüsselung von Leerstellen ständige Anforderung an den Leser ist:
Mit anderen Worten: anfängliche Leerstellen, etwa in Fragen in der lokalen und zeitlichen Situierung, der Chronologie, der Identität der Figuren oder der Beziehung der Figuren
4 Uwe Johnson; zitiert nach: Fahlke, Eberhard: Die „Wirklichkeit“ der Mutmassungen. Eine politische Lesart der „Mutmassungen über Jakob“ von Uwe Johnson. Frankfurt a. M.: Lang 1982 (Analysen und Dokumente; Band
4), S. 92.
5 Born, Arne: Wie Uwe Johnson erzählt. Artistik und Realismus des Frühwerks. Hannover: Revonnah Verlag 1997, S. 61
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untereinander, werden im späteren bzw. bei einer durchaus implizierten nochmaligen Lektüre aufgelöst. 6
So ist auch die Identität der beiden am Dialog beteiligten Sprecher für den Leser zunächst nicht deutlich. Dieser Dialog setzt sich nach einem kurzen erzählerischen Abschnitt, in dem die lokale Szenerie am Tag des Unfalls beleuchtet wird, fort. Der Dialog verdichtet atmosphärisch die zweifelnde, unsichere, kritische Grundstimmung. Wenn die Dialogpartner auch zu einer genaueren Rekonstruktion des Vorfalls noch nicht im Stande sind, wollen sie sich zumindest nicht mit der offiziellen „aus den Fingern gesogen[en]“ 7 Partei-Stellungnahme zufrieden geben:
Wenn sie auch gleich wieder Worte gefunden haben von tragischem Unglücksfall und Verdienste beim Aufbau des Sozialismus und ehrendes Andenken bewahren. 8 Der Dialog wird erneut unterbrochen durch eine kursive Textpassage, die als subjektive Äußerung einer Ich-Person gekennzeichnet ist, deren Identiät zunächst nicht deutlich ist, sich erst im späteren Verlauf des Werkes als Gesine Cresspahl, Tochter von Heinrich Cresspahl herausstellt. Den Anlass für den formalen Bruch gibt die Äußerung eines der Dialogpartner: „Cresspahl, wenn du den kennst. Der hat eine Tochter.“ Im anschließenden kurzen Monolog gibt Gesine Cresspahl dann ein atmosphärisches Bild von ihren Vater Heinrich Cresspahl. In der folgenden Erzählpassage wird das Cresspahl-Motiv fortgeführt. Der Erzähler trägt weitere sachliche Informationen zu Heinrich Cresspahl zusammen. Im anschließendem wiederum kursiv gedruckten Monolog gibt sich der Staatssicherheitsdienst-Mitarbeiter Rohlfs als erste Romanfigur eindeutig zu erkennen:
Ich wies mich aus als Herr Rohlfs, liess ein Zimmer ausräumen für mich und Hänschen, sie fragten mich nach den Akten von Cresspahl in der ersten halben Stunde. 9
Rohlfs gibt wiederum eine Beschreibung von Cresspahl ab, indem er unter anderem aus seiner Stasi-Akte zitiert und die erste Begegnung mit ihm schildert. Schon auf den ersten Seiten des Romans wird also deutlich, dass inhaltliche Gesichtspunkte die Montage der Textelemente bestimmen; im vorliegendem Fall wird durch drei verschiedene Erzählpositionen ein multiperspektivisches Bild von Heinrich Cresspahl vermittelt:
Den formalen Brüchen und harten Schnitten, die durch die Montage der Textelemente entstehen, kontrastieren inhaltliche Kontinuitäten zwischen den Erzählpositionen. Aufeinanderfolgende Textelemente sind häufig durch die Wiederholung eines Leitmotivs geprägt, ein Sachverhalt wird
6 Neumann, Uwe: Uwe Johnson und der Nouveau Roman. Komparatistische Untersuchungen zur Stellung von Uwe Johnsons Erzählwerk zur Theorie und Praxis des Nouveau Roman. Frankfurt a. M.: Lang 1992 (Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts; Band 10), S. 169.
7 Johnson, Uwe: Mutmassungen über Jakob. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974, S. 8 (im folgenden abgekürzt als „MüJ“).
8 Ebd.
9 MüJ, S. 11.
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dem Leser durch die Sichtweise verschiedener Figuren vermittelt, die Darstellung wird mehrdimensional. 10
So wird anschließend in ähnlicher Art und Weise das Verhältnis zwischen Gesine Cresspahl und Jakobs Mutter durch eine Erzählerpassage und einen Monolog Gesines beschrieben bevor wiederum Staatssicherheitsdienstler Rohlfs seine Begegnung mit Frau Abs in einem Monolog aus seiner Sicht schildert. Die - nach dem Titel des Buches zu schließen - Hauptfigur Jakob Abs ist bis zu diesem Punkt des Romans nur insoweit es der geschilderte Sachverhalt erforderte erwähnt worden. Dieser Eingangsabschnitt ist damit charakteristisch für die oben bereits erwähnte „analytische“ Erzählweise, gekennzeichnet durch „unvorbereitetes Einsetzen und nachträgliche Entschlüsselung“ 11 . Staatssicherheitsdienstler Rohlfs überprüft Personen aus der näheren Umgebung von Gesine Cresspahl um mit ihr in Kontakt zu treten, nämlich Heinrich Cresspahl und Frau Abs. Dass er hierbei keinen Erfolg hat, ist der Grund warum er sich entschließt „an die Elbe“ 12 zu fahren. Der Leser muss aus den wenigen über Jakob gegebenen Informationen schließen, dass Rohlfs nun versucht über ihn in Kontakt zu Gesine Cresspahl zu treten.
Folgendes soll aus der kurzen Analyse des Eingangsabschnitts festgehalten werden, um Grundlagen für eine weitere Untersuchung zu schaffen: Das zentrale Ereignis, der Tod Jakob Abs, liegt im Vorfeld der im Roman erzählten Zeit. In Bezug auf die Zeitstrukturen im Roman spricht Arne Born von einem „dreiteilige[n] Kompositionsmuster aus Gegenwartshandlung, Vorzeithandlung und Nachzeithandlung“ 13 . Die Vorzeithandlung erstreckt sich vom Ermittlungsbeginn Rohlfs am 7. Oktober bis zum Tod von Jakob Abs am 8. November 1956. Der Ereignisverlauf wird in den Erzählpassagen und inneren Monologen chronologisch-linear vermittelt. Die Gegenwartshandlung, die sich zeitlich vom 8. bis 10. Dezember vollzieht, wird dagegen von den Dialogen getragen, in denen die letzten Wochen vor Jakobs Tod von den Sprechern rekonstruiert werden. Als Nachzeit-Handlung bezeichnet Born „die acht Seiten des fünften Kapitels, die sich ebenfalls vom 8. bis 10. September erstrecken, da sie die jeweilige Gesprächssituation der Dialoge herleiten und illustrieren“ 14 . Der oben bereits analysierte Anfangssatz des Romans „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ 15 sowie der letzte Satz des vierten Kapitels „Und er ist immer über die
10 Born 1997, S. 73.
11 Popp, Hans Jürgen: Einführung in Uwe Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“. Stuttgart: Klett 1967, S. 7.
12 MüJ, S. 20.
13 Born 1997, S. 64.
14 Born 1997, S. 66.
15 MüJ, S. 7.
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Gleise gegangen.“ 16 finden bei Born keine besondere Erwähnung. Offenbar ordnet er diese als Teil der Erzählpassagen innerhalb der Gegenwartshandlung ein. Sinnvoller scheint es dagegen den Anfangssatz des Romans, den letzten Satz des vierten Kapitels, der auch durch einen Absatz von der vorhergehenden Erzählpassage getrennt ist, sowie das komplette fünfte Kapitel als übergeordnete Rahmenerzählung zu verstehen, wie dies Popp tut. 17
3. Die drei „Gesten der Erzählung“
Die oben bereits erwähnten drei „Gesten der Erzählung“ lassen sich typographisch sehr gut unterscheiden, da die Monologe im Unterschied zu den Erzählpassagen kursiv gedruckt sind und die Dialoge durch Spiegelstriche vor den Äußerungen der Sprechenden gekennzeichnet sind. Eine quantitative Auswertung der einzelnen Textelemente verrät dabei ein deutliches Übergewicht der Erzählpassagen, die 59,9 % des Romanumfangs ausmachen. Die Monologe oder Ich-Erzählungen nehmen 24,2 % des Umfangs in Anspruch - gegenüber nur 15,9 % Dialogpassagen. 18 Eine reine Quantifizierung wird allerdings der Erzählstrategie nicht gerecht, da die einzelnen Textelemente getrennt voneinander keine konsistente Handlung vermitteln, sondern diese erst durch die spezielle Montage hergestellt wird.
3.1 Dialoge
Trotz der Tatsache, dass die Dialogpartien des Romans nur etwa ein Sechstel des Romanumfangs ausmachen wird ihnen in der Sekundärliteratur eine wichtige Rolle bezüglich der Erzählstrategie zugeschrieben. Eberhard Fahlke spricht von einer „auf weitgehender Dialogisierung basierende[n] epische[n] Form des Romans“. 19 Bernd Neumann spricht sogar explizit von einer Hierarchie der drei Erzählerebenen an deren Spitze die Dialoge stünden, was sich letztlich auch dadurch zeige dass es „ihr mutmaßender und recherchierender Dialog“ sei, der dem Buch „seine erzählerische Signatur und seinen Titel verleiht“. 20 Als primären Beleg für die obige These gibt er an, dass die Dialoge sowohl den Erzählpassagen als auch
16 Ebd, S. 300.
17 Vgl. Popp 1967, S. 22.
18 Vgl. Born 1997, S. 77.
19 Fahlke 1982, S. 135.
20 Neumann, Bernd: Utopie und Mimesis: Zum Verhältnis von Ästhetik, Gesellschaftsphilosophie und Politik in den Romanen Uwe Johnsons. Kronberg: Athenäum1978, S. 39.
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Arbeit zitieren:
M.A. Tobias Köbberling, 2008, Erzählter Sozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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