des orbitofrontalen Kortex des Säuglings, werde das Auge der Mutter, insbesondere ihre Pupillen, zum Fokus der Aufmerksamkeit des Kindes. Studien von Hess (1975) belegen, dass sich die Augen einer Frau (und eines Mannes mit Kindern) als Reaktion auf das Bild eines Kindes weiten: Eine Reaktion, die mit positiven Emotionen der Freude und des Interesses einhergeht. Die Pupillen dienen somit als ein interpersonales nonverbales Kommunikationsmittel, und diese schnellen Kommunikationen ereignen sich auf unbewussten Ebenen. Von Emde (1991) wurde dargelegt, dass der Säugling biologisch dazu ausgestattet ist, sich in eine visuelle Erregung einzulassen, um sein Gehirn zu stimulieren. Psychobiologische Studien zeigen, dass durch den Blickkontakt mit der Mutter das Niveau an endogenen Opiaten im sich entwickelnden Gehirn des Kindes stark ansteigt. Der wechselseitige Blickkontakt zwischen Mutter und Kind verstärkt sich im zweiten und dritten Viertel des ersten Lebensjahres und da er sich innerhalb von Sekundenbruchteilen ereignet, ist er kaum wahrzunehmen (Stern 1977, zit. n. Schore 2007). Das affektive Spiegeln ist u.a. durch synchrone schnelle Bewegungen und schnelle Wechsel des affektiven Ausdrucks innerhalb der Dyade gekennzeichnet (Beebe und Lachmann 1988, zit. n. Schore 2007). Die Synchronisation zwischen Mutter und Kind scheint also eine biologische Determinante der kindlichen Entwicklung zu sein. Je mehr die Mutter in dem Prozess der Abstimmung auf den Säugling ihr Aktivitätsniveau während der Perioden des sozialen Miteinanders an das des Säuglings angleicht, je mehr sie ihm erlaubt, sich in Perioden der Zurücknahme zu erholen und je mehr sie auf die kindlichen Signale für die Wiederaufnahme des Interaktionsaustausches achtet, um so synchronisierter werden ihrer beider Interaktionen sein. Diese Spiegelsequenzen erzeugen innerhalb der Dyade weitaus mehr als nur offensichtliche mimische Veränderungen (Schore 2007): Sie repräsentieren die Übertragung des inneren Erlebens. Im synchronisierten Blickkontakt konstruieren sich wechselseitige Regulationssysteme, die beidseits Erregungen regulieren. Um in diese Kommunikation einzutreten, muss sich die Mutter psychobiologisch nicht so sehr auf das offene gezeigte Verhalten des Kindes, als vielmehr auf die Widerspiegelung seines inneren Zustandes einstimmen. Falls aber Bezugspersonen nicht sensitiv eingestimmt sind, kann es Momente von mangelnder Abstimmung und Brüche in der Bindungsbeziehung geben. Fortwährende negative Zustände sind für den Säugling schädlig, d.h. er kann sie nicht lange aushalten. Zwar besitzt er eine gewisse Fähigkeit, negative Affektzustände niedriger Intensität zu modulieren, jedoch werden diese Zustände bei andauern unerträglich. Elterlicher Teilhabe an der Zustandsregulierung ist wichtig, um es dem Kind zu ermöglichen, nach einem negativen Affektzustand von übererregter Verzweiflung oder starkem Spannungsabfall wieder einen positiven Affekt herzustellen. Das heißt, dass es von der Kompetenz der Fürsorgeperson abhängt, wie die eigenen, insbesondere die negativen Affekte überwacht und reguliert werden. Möglicherweise ist es diese entscheidende vor allem durch Blickkontakt geprägte aller früheste Kommunikation mit der Mutter oder Bezugsperson, die es uns ermöglicht, besonders intensiv mimisch oder gestisch in der Therapeut-Patient Dyade wahrzunehmen. Aufgrund seines nicht willkürlichen Charakters aber, können affektive Impulse in der Wahrnehmung vom Therapeuten zunächst nicht willentlich gefiltert werden. Man vergleiche hierzu die Mimik-Studien von Merten in der psychotherapeutischen Situation (Merten 2001). Spiegelneurone und Affektspiegelung
Nun möchte ich die so genannten Spiegelneurone erwähnen. Diese wurden zunächst an Affen entdeckt und man stellte fest, dass die Beobachtung einer Handlung, die durch einen anderen vollzogen wird, dieses im Beobachtenden, in diesem Fall dem Affen, ein eigenes neurobiologisches Programm aktivierte und zwar genau das Programm, dass die beobachtete Handlung bei ihm selbst zur Ausführung bringen könnte (Bauer 2005). Dies ermöglichen Nervenzellen, die im eigenen Körper ein bestimmtes Programm realisieren und immer aktiv
werden, wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum eine bestimmte Handlung in die Tat umsetzt. Dies kann soweit gehen, dass lediglich durch das beobachten Handlungs-imanente physiologische Reaktionen im Beobachter auftreten. Man geht davon aus, dass die Spiegelneurone in unterschiedlichen Hirnregionen Handlungsabläufe, die damit verbundenen Emotionen und Körperempfindungen spiegeln können. Hieran sind beteiligt die prämotorische Rinde im Frontallappen, die inferiore Parietalregion im Parietallappen, das STS, so genannte optische Interpretationssystem im Temporallappen und die Sehrinde im Okzipitallappen (Bauer 2005). Kehren wir zurück zur Affektregulation. In der frühen Phase symbiotischer Abhängigkeit übernimmt die Mutter in ihrer Funktion als Hilfs-Ich des Kindes diese Zustandsregulierung und Kontrolle, die nach und nach vom Säugling durch diese Interaktionen internalisiert wird. In der Weise hat die Mutterkindbeziehung wohl ihre Hauptfunktion in der homöostatischen Affektregulierung der frühen Umwelteinflüsse. Schließlich werden beim menschlichen Säugling erst allmählich mentale Repräsentationsstrukturen diese regulierende Funktion übernehmen. Gergely (2002) beschreibt sehr einleuchtend, wie diese Entwicklung funktioniert: Man stelle sich eine emphatische Mutter vor, die versucht, einen frustrierten, wütenden oder ängstlichen Säugling zu beruhigen. Wenn sie sensibel auf das Kind eingestimmt ist, wird sie neben sanftem physischem Kontakt auch mimisch und sprachlich kurz die negativen Gefühle spiegeln, die der Säugling ausdrückt. Es mag paradox erscheinen, dass diese Affektspiegelung tatsächlich zur Emotionsregulierung beitragen soll und nicht etwa den negativen Zustand des Säuglings verstärkt, denn normalerweise ist der Anblick einer ängstlichen oder zornigen Mutter für den Säugling sehr belastend. Bei der Affektspiegelung lassen sich aber drei Merkmale unterscheiden, die so glaubt Gergely, die Zuschreibung der negativen Emotion zur Mutter blockieren. Das eine ist die so genannte Markiertheit: Das empathische Affekt spiegeln ist erstens auffallend, nämlich „markiert“ im Unterschied zu dem entsprechenden realistischen emotionalen Ausdruck der Mutter. Markiertheit wird in der Regel durch die Übertreibung des realistischen Gefühlsausdrucks erreicht, etwa im markierten als-ob Ausdruckspiel. Dem Säugling wird signalisiert, „das ist nicht echt, die Mutter ist nicht wirklich böse oder ängstlich.“ Punkt 2 ist die Nichtsequenzialität. Markiertes Affekt spiegeln sei nicht sequenziell, das heißt die Folgen des Verhaltens, welches normalerweise mit einem realistischen negativen Gefühlsausdruck assoziiert ist („Mutter brüllt mich an, legt mich hin lässt mich allein, schlägt mich“) treten beim markierten Affekt spiegeln nicht ein. Durch die Markiertheit und nicht sequenziellem Affekt erkenne der Säugling zwar den Ausdruck, doch seine Zuschreibung zur Mutter werde gehemmt und von der Mutter abgekoppelt. Drittens die Kontingenzbezogenheit. Da das markierte Affekt spiegeln sehr starke Kontingenz (Übereinstimmung, Gleichschwingung) mit dem mimischen und lautlichen Gefühlsausdruck des Säuglings aufweist (zeitlich, im Raum und Intensität ähnlich) wird der Säugling dank seines Mechanismus zur Kontingenzentdeckung (-ihm gefällt zunächst alles was nahezu perfekt auf ihn abgestimmt ist und entdeckt die Kontrollierbarkeit eigener Aktionen) automatisch ein hohes Niveau kausaler Kontrolle über den gespiegelten Ausdruck erkennen. Man schließt daraus, dass der zunächst hilflose Säugling aufgrund der Wahrnehmung kausaler Kontrolle über den Affekt spiegelnden Ausdruck der Mutter ein Gefühl von Effektivität und Instrumentalität erlebt. Durch das kontinuierliche mütterliche Affekt spiegeln können langsam eigene mentale Repräsentationen aufgebaut werden. Später kann der Säugling, der durch Internalisierung der markierten mütterlichen Affektspiegelung die sekundären Repräsentationen primärer Gefühlszustände bereits etabliert hat, negative Zustände selbst regulieren, indem er affektive Impulse ohne Vermittlung der Mutter externalisiert. Dies lässt sich beim Einsatz des als-ob Spiels zur Affektregulierung beobachten.
Entwicklung der Theory of Mind
Neben der Affektregulierung ist aber auch der Mechanismus der so genannten Theory of Mind, welcher ohne die Spielgelneurone nicht denkbar ist, wichtig für die Fähigkeit des aktiven Zuhörens und therapeutischen Agierens. Unter einer Theory of Mind versteht man jene alltagspsychologischen Konzepte, die es uns erlauben, uns selbst und anderen mentale Zustände zuzuschreiben. Neuere Befunde der Säuglingsforschung deuten darauf hin, dass konkrete Handlungsziele bereits im ersten Lebensjahr encodiert werden, jedenfalls dann wenn das Baby Personen beobachtet, die nach Ziel-Objekten greifen (Sodian 2003). Etwa um die Mitte des ersten Lebensjahres unterscheiden Säuglinge auch bereits zwischen Personen und unbelebten Objekten nach dem Kriterium der selbst iniziierten Bewegung d.h. sie gehen davon aus, das Menschen im Gegensatz zu unbelebten Objekten sich selbst in Bewegung bringen können und über Entfernung hinweg auf Basis von Intentionen miteinander interagieren können. Insgesamt deuten Befunde daraufhin, dass sich ein subjektiv psychologisches Verständnis von Personen, denen Gefühle und Wünsche unabhängig von den eigenen aktuellen Gefühlen und Wünschen zugeschrieben werden, im zweiten Lebensjahr entwickelt. Evidenz findet sich auch in der spontanen Sprache, in der schon um den zweiten Geburtstag herum kontrastive Äußerungen über eigene versus fremde Wünsche und Vorlieben vorkommen. („Ich mag Rasierschaum nicht, Papa mag Rasierschaum“). Auch der Beginn des Symbol- oder Fiktionsspiels ab dem Alter von 18 Monaten wird häufig als ein Indiz für ein beginnendes mentalistisches Verständnis interpretiert, da im Fiktionsspiel fiktive, nur vorgestellte Objekte, Personen und Handlungen kreiert werden, die von der Realität unterschieden werden (Sodian 2003).
Wie kann man eigentlich die Theory of Mind bei Kindern untersuchen? Der Versuchsaufbau erfolgt mittels der sog. False-Belief Aufgaben: Man zeigt einem Kind (Probanden) eine Bildergeschichte auf der ein kleines Kind zu sehen ist, welches eine Tafel Schokolade an einem bestimmten Ort (blauer Schrank) versteckt. Nun wird dem Probanden erzählt, dass das Kind der Geschichte auf einen Spielplatz geht und in der Zwischenzeit die Mutter die Tafel Schokolade an einen anderen Ort (grüner Schrank) legt. Schließlich kommt das Kind vom Spielplatz zurück und man fragt den Probanden, wo das Kind die Tafel Schokolade suchen würde (in Anlehnung an Sodian 2003).
Kinder unter etwa 3,5 Jahren werden antworten, dass das Kind in der Bildergeschichte die Schokolade an dem zuletzt gelegten Ort suchen würde. Kinder zwischen 4-5 Jahren fangen an, sich hier schon Gedanken zu machen und beschreiben, dass das Kind an dem Ort suchen wird, wo es die Schokolade zuletzt hingelegt hat. Ältere Kinder ab etwa 8 Jahren werden die Situation dahingehend ausführen, dass ja das Kind gar nicht wissen kann, was die Mutter in der Zwischenzeit gemacht hat, dass es annehmen wird, dass die Schokolade sich noch am alten Platz befindet, es sei denn, die Mutter hätte dem Kind davon erzählt usw. Man geht davon aus, dass erstaunlicherweise 5-6 jährige Kinder bereits nahezu die komplette Basis der sogenannten Theory of Mind eines Erwachsenen beherrschen, diese im höheren Alter nur weiter (planerisch, antizipatorisch) ausgestaltet wird. Andersherum ist bekannt, dass Kinder, die in dieser Entwicklung Defizite zeigen, auch später große Probleme mit diesen Fähigkeiten haben (Sodian 2003). Schlußfolgerung
Schließlich möchte ich zur therapeutischen Situation zurückkehren. Anhand der Affektentwicklung, Spiegelneurone und Theory of Mind habe ich versucht zu zeigen, wie in
der kindlichen Entwicklung Fähigkeiten erlernt werden, die es später den Menschen ermöglichen, z.B. adäquate psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlungen in der Dyade durchzuführen. Dass dies nicht selbstverständlich ist und möglicherweise in der Entwicklung dieser Fähigkeiten oder krankheitsbedingt bei manchen Menschen Defizite auftreten, wollte ich mit dem Eingangsbeispiel andeuten ohne allerdings im Rahmen dieses Aufsatzes näher auf die nicht entwicklungs- bzw. krankheitsbedingten Einschränkungen einzugehen.
Gelingt es also, diese Affektregulierung so gut wie möglich zu beherrschen, ist davon auszugehen, dass der Therapeut im erforderlichen Maße die unwillkürlich empfangenen Impulse des Patienten sowohl mimisch, gestisch als auch auditiv in sich aufnimmt, aber davon nicht überschwemmt wird, weil er erfolgreich seine Gefühlszustände regulieren kann. Der Patient in der gleichen Rolle als Therapeut, wäre unter dieser Vorstellung ständig damit beschäftigt, mit viel Aufwand seine Gefühlszustände zu regulieren. Und selbst dieser mit hohem Aufwand betriebene Versuch würde immer nur eine mäßige Lösung bringen, da dieser Mensch durch die affektregulierende Arbeit in seiner Wahrnehmungsfähigkeit nach außen so erheblich eingeschränkt ist, dass er situationsangemessene Antworten und Bewertungs-Funktionen nicht liefern kann und damit auch die antizipatorischen Fähigkeiten reduziert sind. Man könnte sich vorstellen, dass die Wahrnehmungsfähigkeit gleichwie einer Fahrt im Tunnel eingeschränkt ist, wo der schlingernde Zug im Tunnel mit aller Macht im Gleis gehalten werden muss und links und rechts nur unscharfe dunkle Konturen erkannt werden.
Literatur:
Bauer, J. (2005): Warum ich fühle, was Du fühlst. Hoffmann und Campe, Hamburg; 5. Aufl. Beebe, B.; Lachmann, F.M. (1988): Mother-Infant Mutual Influence and Precursors of Psychic Structure. Progress in Self Psychology Vol. 3: 3-25
Gergely, G. (2002): Ein neuer Zugang zu Margaret Mahler: normaler Autismus, Symbiose, Spaltung und libidinöse Objektkonstanz aus der Perspektive der kognitiven Entwicklungstheorie. Psyche 56: 809-838
Emde, R.N. (1991): Die endliche und die unendliche Entwicklung. I, Angeborene und motivationale Faktoren aus der Frühen Kindheit. Psyche 45: 745-779 Hess, E.H. (1975): Prägung. Die frühkindliche Entwicklung von Verhaltensmustern bei Tier und Mensch. Kindler, München
Merten, J. (2001): Beziehungsregulation in Psychotherapien. Kohlhammer, Stutgart; 1. Aufl. Schore, A.N. (2007): Affektregulation und die Reorganisation des Selbst. Klett-Cotta, Suttgart; 1. Aufl.
Sodian, B. (2003): Die Entwicklungspsychologie des Denkens - das Beispiel der Theory of Mind. In: Entwicklungspsychiatrie. Herpertz-Dahlmann, B.; Resch, F.; Schulte-Markwort, M.; A. Warnke (Hrsg.), Schattauer, Stuttgart; 1. Aufl. Stern, D. (1977): Mutter Kind. Die erste Beziehung. Klett-Cotta, Stuttgart
Arbeit zitieren:
Dr. Volker Haude, 2009, Relevanz der Entwicklung von Affektregulation und Theory of Mind für den Therapeuten, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Theory of mind - Was Kinder über das Denken denken
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit, 22 Seiten
Zum Stellenwert der frühen Eltern-Kind-Interaktion in der kindlichen P...
Seminararbeit, 13 Seiten
Volker Haude hat den Text Relevanz der Entwicklung von Affektregulation und Theory of Mind für den Therapeuten veröffentlicht
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Mindblindness: An Essay on Autism and Theory of Mind
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