I.) OHNE FÜLLFEDER UND NACKT - BEETHOVEN EINMAL ANDERS
Im 19. Jahrhundert entstand im Deutschen Kaiserreich der Trend, Denkmäler an öffentlichen Plätzen zu errichten. Dies geschah entweder im Auftrag des Kaisers oder im bürgerlichen Auftrag von Städten und Vereinen. Man war bestrebt, das Kulturgut, welches man mit dem Deutschen Kaisserreich - durch ihre Geschichte - in Verbindung bringen konnte, nach aussen hin zu repräsentieren. Dieses tat man, indem man Denkmäler grosser Persönlichkeiten errichtete. Neben den Vertretern der Literatur, wie Goethe, Schiller oder Lessing, fand man auch Denkmäler von den wichtigsten Vertretern der Musik, wie Mozart, Bach und Beethoven wieder.
Zwei sehr bedeutende, öffentlich zugängliche, Beethoven-Denkmäler (siehe Abb. 1/2 - S.
3) finden wir in Bonn, errichtet 1845, und in Wien, errichtet 1880, wieder. Der Bildhauer Ernst Julius Hähnel 1 stattete sein in Bonn errichtetes Beethoven Denkmal mit Hinweisen aus, die für die Ehrung eines angesehenen Künstlers sprechen, der ein grosses Kulturgut hinterließ. Ludwig van Beethoven (*1770; †1827) ist auf diesem Denkmal in einer leichten Schrittstellung, körperbetont, rühmend aufgerichtet und mit einer Schreibfeder dargestellt, die als ein Symbol für seine musikalische und künstlerische Inspiration steht. Caspar Clemens von Zumbusch 2 errichtete seinen Beethoven (Wien) weit weggerückt, hoch oben vom Betrachter entfernt auf einer dreistufigen Basis. Diese Distanz zum Rezipienten unterstützt das Gefühl von Respekt und Erhabenheit, die man dem Komponisten durch Erinnerung und Andacht zollen soll. Neben dem Künstler finden wir Putten 3 , die die Sinfonien des Künstlers versinnbildlichen. Völlig entgegengesetzt zu dieser Tradition, ein Denkmal in seinem Bildprogramm so auszustatten, dass der Betrachter auf Anhieb dieses entschlüsseln kann, liefert uns der Bildhauer Max Klinger 4 mit seiner 1902 fertiggestellten polychromen Plastik 5 (siehe Abb.
3/4 - S. 5/6). Klinger bediente sich bei seinem Denkmal der Bild - und Formensprache des
1 *1811; † 1891; war ein deutscher Bildhauer und Professor an der Dresdener Kunstakademie.
2 *1830; † 1915; war ein deutscher Bildhauer. Er gilt als der wichtigste Monumentalplastiker der
Gründerzeit in Österreich.
3 Putten: nackte Kindergestalten in Skulptur, mit und ohne Flügel (Engel).
4 *1857; † 1920; war ein Bildhauer, Maler und Grafiker. Seine Arbeiten sind kunstgeschichtlich dem
Symbolismus und Jugendstil zu zuordnen.
5 Polychrome Plastik: mehrfarbig und aus mehreren Einzelteilen zusammengsetzt.
2
Symbolismus; der Betracher wird aufgefordert, das Denkmal, unter Berücksichtigung der Entschlüsselung seiner Einzelteile, in seinem Gesamtzusammenhang zu deuten.
Unter Berücksichtigung eines Kernsatzes, welcher in der Zeit des Symbolismus geprägt wurde: << Die wesentliche Eigenschaft der symbolistischen Kunst besteht darin, eine Idee niemals begrifflich zu fixieren oder direkt auszusprechen. >> (Zitat) 6 lässt sich die Besonderheit Klingers´ Beethoven verdeutlichen und die wesentlichen Unterschiede zu den Beethoven Denkmälern aufzeigen, welche im 19. Jahrhundert errichtet wurden. Bei Max Klingers´ Beethoven finden wir keine Beigaben, die für die Profession Beethovens sprechen, wie Papier (Notenpapier, Bücher), keine Schreibutensilien und keinen Taktstock, o.ä. Desweiteren ist am gesamten Denkmal kein eingemeisselter Schriftzug mit Jahresangaben zu erkennen, die auf die dargestellte Person hinweist. Ausserdem haben wir hier einen Beethoven, welcher nicht in einer aufrechten und ehrenvollen Körperhaltung dargestellt ist; vielmehr ist dieser wie verfremdet mit eingefallenem Oberkörper und unbekleidet verewigt worden.
Die Einzelheiten, die es an diesem Denkmal zu deuten gibt, sollen auf den folgenden Seiten im Detail aufgezeigt und im Gesamtzusammenhang erörtert werden. Dabei richtet sich das Hauptaugenmerk auf die musikikonographische Deutungsebene mit der Gewichtung auf Ludwig van Beethovens Biografie und einige seiner grössten Symphonien, die 3., 9. und die 10. - mit einem musikwissenschaftlichen Bezug.
6 aus: das „Symbolistische Manifest“ des französischen Dichters Jean Moréas, 1886.
4
II.) MARMOR UND ELFENBEIN - EINE BESCHREIBUNG DER PLASTIK
Dimensionen der Plastik:
Gesamthöhe: 310cm / Beethoven: 150cm / Masse des Throns: 155cm3
Das statuenähnliche Haupt des Beethoven sitzt auf einem ausladenden Bronzethron, welcher durch einen dunkelvioletten Marmorsockel erhöht worden ist. Zu Beethovens Füssen finden wir einen zurückgeschreckten 7 Adler wieder, der sich mit gespreizten Flügeln an einer vorspringenden Felsplatte festkrallt, die beachtlich aus dem Marmorsockel herausragt. Dieses verleiht dem Ganzen eine momentane Stabilität, so als seien Thron und Adler für einen Augenblick ins Gleichgewicht gebracht. Der Adler hat seinen Kopf zu Beethoven gerichtet und schaut ihn mit seinen aus Bernstein bestehenden Augen an. Beethoven selbst ist förmlich „nackt“ dargestellt. Er ist nicht mit einem zeitgenössischen Gewand bekleidet, sondern eher antikisierend dargestellt. Alles was ihn bekleidet, ist ein rotes drapiertes Tuch (Gewand), welches von der linken Sitzfläche über seine Beine zur Rechten reicht. Am unterem Saum des Tuches schauen die Füsse vorn hervor, welche Sandalen tragen, ohne Schnüre und Riemen, einfach so, als seien diese an die Fusssohlen geklebt.
7 Vgl. John, Barbara: Max Klinger, Beethoven, Monographie, S. 29 ff.
5
Abb.4) Beethoven - Denkmal (1902) Seitenansicht Standort: Museum der Bildenden Künste, Leipzig
Der ausdrucksstarke Charakterkopf Beethovens´, mit hoher Stirn und ernergischem Kinn, weist wenige dataillierte Gesichtszüge auf; das Gesicht ist überwiegend flächig ohne Konturen dargestellt. Die Augen tragen keine Pupillen und wirken somit umso geheimnisvoller und unzugänglicher für den Betrachter. Als Vorlage für diesen Charakterkopf hat Max Klinger die einzige zu Beethovens Lebzeiten enststandene Lebendmaske 8 von Franz Klein gedient, welche 1812 angefertigt worden ist (siehe Abb. 5 - S. 6).
8 dazu mehr, unter: http://www.beethoven-haus-bonn.de - Archiv/Masken.
6
Im Gegenzug zu der undetailierten Darstellung der Gesichtszüge sind Beethovens Ohren sehr detailreich dargestellt. Dieses ist wohlmöglich ein Anspielung auf das wichtigste Organ des Komponisten, der mit zunehmenden Alter ertaubte.
Beethoven ist durch den Aufbau der wichtigste Teil der Plastik: Die Gestalt thront über dem Rest, über dem Adler und den Betrachtern. Diese können aufgrund der übermenschlichen Grösse der Plastik - ca.310cm/Höhe - gar das Gefühl bekommen, von Beethoven von oben herab betrachtet zu werden. Im starken Kontrast zu dieser thronenden, übermenschlichen Darstellung Beethovens steht seine Körperhaltung. Der Komponist ist nicht heroisch, aufrecht und ehrenhaft, sondern mit eingefallener Brust und gekrümmtem Rücken dargestellt. Diese Wahrnehmung wird noch durch den nach vorn gestreckten Kopf und dem strengen Blick unterstüzt. Seine Beine sind nach vorn gerichtet übereinandergeschlagen, auf denen seine energisch geballten Fäuste ruhen; die rechte auf die der linken.
Zum Zeitpunkt der Entstehung der Plastik beschäftigte sich Max Klinger intensiv mit der Philosophie Arthur Schopenhauers 9 , dessen Werke zu seiner täglichen Lektüre gehörten 10 . Dazu äusserte sich Klinger im Jahre 1914: << Die 11 gehörten lange Zeit zu meinem täglichen literarischen Futter. Die üben durch Gedanken und Sprache noch heute einen starken Zauber auf mich aus. Wenn ich darin eine Stunde lese, kann ich weder Goeth´sche noch Nietsche´sche Prosa darauf vertragen. >> (Zitat) 12 . Schopenhauer erkannte im Willen den Kern der Welt. Er unterschied zwischen der Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben - ein Prinzip, das wesentlich zur Entschlüsselung vieler Arbeiten, sowie zu der hier vorliegenden Plasik von Max Klinger beiträgt. Unter diesem Focus versinnbildlichen Beethovens´ geballte Fäuste den Willensaspekt Schopenhauers. Der energische Blick und die geballten Fäuste sind demnach eine verkörperte, objektivierte, d.h. zur Vorstellung gewordener Wille und bereit zur Handlung.
9 *1788; † 1860; war ein deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer.
10 Vgl. John, Barbara: Max Klinger, Beethoven, Monographie, S. 43.
11 Mit „Die“ sind u.a. Werke Schopenhauers gemeint wie „Parerga und Paralipomena (1851)“,
„ Die Welt als Wille und Vorstellung (1819)“, u.a.
12 Zitat aus: Singer, Hans Wolfgang: Briefe an Max Klinger aus den Jahren 1874 bis 1919, Leipziger
Skulpturen, Leipzig, 1902, S. 86.
7
Diese Form der Deutung geht noch einen Schritt über die Interpretation einer klassischen „Denkerpose“ hinaus, bei denen Personen häufig dargestellt werden - in Form von Skulptur 13 oder in Bildsujets - die die Denkenden repräsentieren, welche aber noch nicht zur Handlung bereit sind, wie es hier bei Beethovens Körpersprache zum Ausdruck kommt.
Einen weiteren Hinweis für eine Interpretation bezüglich der Körpersprache des Komponisten liefert der Musikwissenschaftler Hermann Mendel. Er beschreibt in seinem Musikalischen Conversations - Lexikon bereits im 19. Jahrhundert in einem Kapitel über Beethoven (Biografie): << (...) Der letztere deutete auf Thatkraft und Willensstärke, während aus den Augen Gutmüthigkeit und Scheu oder auch geistige Abwesendheit sprach. Die straffe Führung des Körpers machte bei zunehmender Taubheit einer misstrauisch lauschenden Haltung Platz (...) >> (Zitat) 14 . Demnach hätten wir es in Klingers Darstellung mit einem durch Taubheit geistig, mental betrübten Beethoven zu tun, der mit zunehmendem Alter immer mehr in sich kehrt, da er akustisch von der Aussenwelt, durch zunehmende Taubheit, ausgegrenzt wird.
Welche Rolle der fast komplett unbekleidete Beethoven im Gesamtkontext dieser Plastik einnimmt, lässt sich unter anderem aufgrund eines Vergleichs von Götterdarstellungen aus der Antike herleiten.
Die Tradition der mehrfarbigen Plastik führt zurück in die klassische Antike, in der versucht wurde, Lebensnähe durch Bemalung zu schaffen 15 . Als sich durch die Eroberungen Alexanders des Grossen 16 Orient und Occident annäherten, wuchs das Gefallen für „sinnlich-prunkvolle Farbenwirkungen“ 17 , wie sie durch die Verwendung von bunten Steinen erlangt werden kann. Zunächst hatte das Einfluss auf Raumausschmückungen, übertrug sich dann jedoch auch auf Skulpturen und erste polylithe Arbeiten. An diese Phase, die letzte Phase der polychromen Plastik aus der
13 z.B. „Der Denker“, eine Skulptur von Auguste Rodin, 1882.
14 Zitat, aus: Mendel, Hermann (1834-1876), Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie
der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für Gebildete aller Stände (Band 1), S. 512.
15 Vgl. Bulle, Heinrich: Klingers Beethoven und die farbige Plastik der Griechen, München, 1903, S.34.
16 Alexander der Große (*356 v. Chr.; † 323 v. Chr.) war König von Makedonien und Hegemon des
Korinthischen Bundes.
17 Vgl. Bulle, Heinrich: Klingers Beethoven und die farbige Plastik der Griechen, München, 1903, S.34.
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André Chahil, 2009, Max Klinger - Beethoven Denkmal, München, GRIN Verlag GmbH
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